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Full text of "Grundriss der Kinderheilkunde : mit besonderer Berücksichtigung der Diätetik"

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School of Medicine 

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GRUNDRISS 



DER 



KINDERHEILKUNDE. 



GRUNDRISS 



DER 



KINDERHEILKUNDE 



MIT 



BESONDERER BERÜCKSICHTIGUNG DER DIÄTETIK 



VON 

DR. OTTO HAUSER, 

i^PEZIALARZT FÜR KINDERKRANKHEITEN IN BERLIN". 



ZWEITE, GÄNZLICH UMGEARBEITETE AUFLAGE. 



WIESBADEN. 

VERLAG VON J. F. BERGMANN. 
1901. 



AlJe Rechte vor behalten. 






Druck der Kiiiiigl. UniTersitilt.aclnKOiCrci von H. StUrtz in Wilrzburg. 



SEINEM HOCHVEREHRTEN CHEF UND LEHRER 

HERRN 

GEHEIMRATH PROFESSOR D^- HENOCH 

IN TREUER ANHÄNGLICHKEIT UND DANKBARKEIT 
GEWIDMET 

VOM VERFASSER 



Vorrede. 



Ein Grundriss der Kinderheilkunde kann selbstverständlich 
Neues und die Wissenschaft Förderndes nicht bringen; seine 
Existenzberechtigung ist gegeben durch die Art und Form, wie 
er das vorhandene Material ordnet und dem Leser darbietet. 
Ob meine Hoffnung, in dieser Hinsicht das Richtige getroffen 
zu haben, berechtigt ist, muss der Erfolg lehren. 

Ich bin von der Auffassung ausgegangen^ dass der Leser, 
wie Jeder, der sich mit Pädiatrie beschäftigen will, die Pathologie 
und Therapie des Erwachsenen bereits mehr oder weniger be- 
herrscht, dass er erfahren will, worin sich die Affektionen des 
Kindes von denen des Erwachsenen unterscheiden , was dem 
Kindesalter spezifisch eigen ist. Darum habe ich es mir an- 
gelegen sein lassen, nur das in das engere Gebiet der Kinder- 
heilkunde Gehörige zu bringen, alles zur Kenntniss Erforderhche 
möglichst knap-p , das praktisch Wichtige aber auch thunlichst 
vollständig zusammenzustellen. Alle chirurgischen, Augen- und 
Ohrenkrankheiten sind ganz fortgelassen, seltene Affektioneia nur 
eben erwähnt; pathologisch -anatomische Befunde sind ebenso 
wie die Physiologie nur insoweit verwerthet, als sie zum Ver- 
ständniss der Pathologie und Therapie unumgänglich erscheinen ; 
die Schilderung von Krankheitsbildern konnte nicht gut ver- 
mieden werden. Mit einer eingehenden Würdigung der Diätetik 
des Kindes, insbesondere des Säughngs, glaube ich, einem Be- 
dürfnisse zu entsprechen ; aus eben diesem Grunde hat die Therapie 
eine ausführlichere Behandlung erfahren. 

Was ich in über neunjähriger Assistententhätigkeit, als 
Schüler von Prof. Kohts, Prof. Senator, besonders aber von 
Prof. Henoch an eigenen Beobachtungen erfahren, glaubte ich, 
in bescheidenstem Maasse mitverwerthen zu dürfen. 

Berlin, im Januar 1894. 

Der Verfasser. 



Vorwort zur zweiten Auflage. 



Widrige Schicksale, die aus einem zweimaligen Verlags- 
wechsel entsprangen, haben die Neuauflage meines ,,Grundriss" 
sehr verzögert. 

Ich hoffe, dass das Buch in den Händen seines neuen Ver- 
legers von so altbewährtem Rute seinen Weg nunmehr ungestört 
machen wird. 

Bei der Bearbeitung der zweiten Auflage habe ich den CTrund- 
riss einer genauen Durchsicht und Vervollständigung unter- 
zogen. Sodann ging mein Bestreben dahin, das Buch nach der 
Richtung weiter auszubilden, in der es seine Eigenart und 
Existenzberechtigung sucht : es soll neben einer kurzgedrängteui 
aber, soweit in der Praxis erfordert, genügend vollständigen Dar- 
stellung der dem Kindesalter eigenen Krankheiten dem Studenten 
in klinischen Semestern und dem angehenden Praktiker das 
bieten, was er nach meiner Erfahrung besonders sucht und 
braucht, nämlich eine ausführlichere Darstellung der 
Diätetik und der Therapie; dass ein Bedürfniss m dieser 
Richtung empfunden wird, scheint aus dem Erfolg der ersten 
Auflage erwiesen, von welcher trotz der überreichen Auswahl 
pädiatrischer Werke binnen zwei Jahren zwei Drittel der Exem- 
plare verkauft waren. 

Berlin, im August 1901. 

Der Verfasser. 



Inhaltsverzeiehniss. 





Soife 


Physiologische Besonderheiten des Kindesaltei's 


. 1-21 


Cirku]ationsorgaiie . ....,, 


I 


Respirationsorgane . . . . 


2 


Digestionsorgane . . 


5 


Dentition . 


. . 8 


Stoffwechsel ... 


, . 14 


Urogenitalorgane ,, . , . . , . 


18 


Nervensystem ... . 


, - . 18 


Körpertemperatur . , . , 


, - 20 


Haut, Schlaf, Augen 


21 


Arzneimittel . , . 


. 21 


Die Diätetik des Kindesalteis . 


22-84 


Die natürliche Ernährung an der Mutterbrust 


. . 23 


Die Ammen-Ernährung 


.... 27 


Störungen, die beim Stillen eintreten 


30 


Die Entwöhnung und späteie Ernährung 


.34 


Die Pflege im ersten Leben.sjahre . . 


38 


Die künstliche Ernährung . . . . 


39 


Gewinnung der Kuhmilch . - , . 


.62 


Zubereitung der Kuhmilch . . , , 


57 


Kochen und Sterilisiren ... 


68 


Die künstlichen Milchpräparate ... 


76 


Andere Thiermilcharten . 


81 


Milchkonserven und Kinderiuelile . ,_....■ 


. , 81-84 


Die Kranklieiten des Neugeborenen 


. . 84-105 


Asphyxia neonatorum , . , 


^ , 84 


Kephalhämatom . . . 


.86 


Kephalhaematoma internum . . . . 


88 


Haematoma durae . ... 


88 


Paralysis facialis 


. 88 


Bntbindungslähmungen . 


88 


Caput obstipum ... . . 


89 


Mastitis . . . . 


. . 90 


Icterus neonatorum ... . . 


. . 91 


Pathologische Vorgänge am Nabel . . 


. . 92 


Andere Formen septischer Infektion . . 


. . 94 



XII 



Inhalts verzeiohniss. 



Eiysipelas . . .....,,. 

Trismus und Tetanus neonatorum ... 
Ophthalmia neonatorum . .... 

Morbus Winckelii ... 

Akute Fettdegeneration . . .... 

Omphalorrhagia . . ... . . 

Melaena . . ...... 

Pemphigus ... . . 

Sklerem .... . . . . 

Skierödem 

Die Krankheiten der Verdaxmngsorgane 

Die Krankheiten des Mundes 

Anchyloglosson . . . 

Milium .... 

Bednar'sche Aphthen 

Landkartenzunge 

Ulcus frenuli linguae 

Ranula 

Kntzündung der Glandulae subliiigiiales 

Salivation . . .... 

Stomatitis catarrhalis ... 

Stomatitis aphthosa , 

Stomatitis ulcerosa 

Septische, diplitheiischc Stomatitis 

Nonia 

Soor ... 

Die Kranlcheiten des Rachens . 

Angina 

Pharyngitis phlegmonosa 

Tonsillitis lacunaris . . . - , 

Abscessus retropharyni^ealis 

Pharyngitis chronica . 

Hypertrophia tonsillaris . . , 

Adenoide Vegetationen . 

Die Krankheiten des Oesophagus 

Die Krankheiten des Magens und Darms 

Dyspepsie . ... 

Gastritis catarrhalis acuta ... 

Gastritis acuta toxica und corrosiva 

Gastritis catarrhalis chronica . 

Gastrektasie ...... 

Ulcus pepticum . .... 

Enteritis catarrhalis acuta . . . 

Enteritis catarrhalis chronica 

Enteritis follicularis 



Seite 

. 96 

. . 96 

. . 98 

. 99 

100 

100 

. . 101 

. 102 

. 103 

. 104 

105-212 

105—109 

. . 105 

106 

106 

107 

108 

108 

109 

. 109 

110 

111 

112 

114 

114 

116 

119-1.32 

120 

123 

123 

125 

127 

128 

. . 129 

132—133 

133-199 

. . 136 

. . 153 

156 

157 

160 

163 

. 163 

167 

. 170 



Inhaltsverzeichniss. 



SIII 



Cholera nostras . . 

Magen-Darmatrophie 

Vomitus .... 

Obstipatio . . 

Tympanitis . . 

Kolik ... 

Invaginatio 

Prolapsus ani . . 

Fremdkörper . 

Entozoen 

Angeborene Vereugerung und Verschluss 
Die Krankheiten des Bauchfells . . . 

Peritonitis acuta .... . . 

Peritonitis chronica . . 

Perityphlitis und Appendizitis 

Tuberculosis abdominalis ... 
DieKrankheitender Leber 

Icterus catarrhalis ... . . 

Akute Leberatrophie 

Tumor hepatis . - . . 

Pettleber ... ... 

Hepatitis interstitialis . . 

Hepatitis interstitialis syphilitica 

Kongestive Leberanschoppung und Stauungslubcr 

Amyloidleber . . 

Leberabscesp, Lebertumoren, Echinococcus 

Krankheiten der Gallenblase und Gallenwege . 
DieKraukheitenderMilz 

Der akute Milztumor . . . 

Der chronische Milztumor . , - 



Die Krankheiten dei* Athmungsorgane. 

Die Krankheiten der Nase . . . 

Rhinitis acuta 

Rhinitis chronica . , 

Ozaena 

Erysipel der Nase . 

Rhinitis fibrinosa . . 

Fremdkörper in der Nase 

Nasenpolypen . . . 

Epistaxis .... 
Die Krankheiten des Kehlkopfs und der Luftröhre 

Laryngo-Tracheitis acuta catarrhalis .... 

Pseudocroup . . . 

Laryngo-Tracheitis catarrhalis chronica . , , 



Seite 

. . 173 

179 

. 181 

183 

189 

. 189 

191 

. 198 

195 

. . 195 

. . 198 

199—207 

199 

201 

203 

204 

207-211 

. . 207 

. 208 

208 

208 

209 

209 

210 

210 

210 

210 

211 

211 

211 

212-248 V 

212—219 

212 

215 

216 

217 

217 

217 

218 

218 

219—229 

. . 219 

221 

, . 224 



XVI 



Inhaltsverzeichniss. 



Hysterie .... 

Morbus Basedowii . 
Die Krankheiten der Haut 

Erythem 

Seborrhoea . . . 

Elczem . . 

Miliaria . . 

Impetigo . . - . . 

Elithyma . . 

Dermatitis bullosa, Pemphigus 

Herpes . . . 

Urticaria .... , . 

Liehen urticatus s. strophulns 

Prurigo . . ... 

Psoriasis . . ... 

Furunkulosis 

Akute allgemeine Infektionskrankheiten 

Morbilli 

Rubeola 

Scarlatina . . ... 

Varicella . . 

Typhus abdominalis 

Diphtherie 

Parotitis ... . . 

Pertussis ...... 

Influenza . . . 

Chronische Infektlöse Allgemeinkrankheiten 

Tuberkulose 

Lues congenita , , 

Konstitutionskrankheiten . . . 

Rachitis . . 

Skrophulose . . 

Anämie . . ... . . 

Chlorose . . . . . 

Perniciüse Anämie . 

Leukämie . . . . . 

Pseudoleukämie ... . . 

Anaemia infantum pseudoleucaemica 

Hämorrhagische Diathese . . 

Barlow'sche Krankheit . . . 

Rheumatismus ... 

Diabetes mellitus . .... 

Diabetes insipidus . 
Sachregister . . 



fcieite 

. 333 

. . 336 

337—346 

337 

339 

. 339 

. 341 

342 

. 842 

, 342 

. 343 

. 343 

. 344 

, 345 

, 345 

, 346 

346—398 

347 

, 3.53 

, 853 

362 

364 

, 366 

, 388 

390 

. 398 

398—409 

398 

408 

409—438 

. . 409 

. 419 

. 423 

. 428 

429 

431 

, 432 

432 

432 

435 

438 

438 

438 

439 



Physiologische Besonderheiten des Kindesalters. 

Circulationsorgane. 

Das Herz des Kindes ist verhältnissmässig gross; sein Gewicht 
beträgt beim Neugeborenen 0,654 "/o, nach anderen Angaben sogar 0,89'^/o 
des Gesammtkörpergewichts gegen 0,52 "/o beim Erwachsenen ; es wächst 
ziemlich jsroportional der Körperlänge, bleibt dagegen im Verhältniss zum 
allgemeijien Körperwachsthimi zurück; es beträgt letzteres das 19 fache, 
das Herzwachsthum nur das 12,5 fache. Die Herzspitze und der Spitzen- 
stoss finden sich in den ersten Lebensjahren meist etwas höher wie beim 
Erwachsenen, stets weiter nach aussen, in und ausserhalb der Mammillar- 
linie; bei engen Interkostalräumen (im ersten Lebensjahr) und sehr wohl- 
genährten Kindern kann der Spitzenstoss sich der Inspektion wie Pal- 
pation entziehen. Es kann von diagnostischem Werthe sein, nicht bloss 
die absolute, kleine, sondern durch tastende, sehr %'orsichtige Perkussion 
auch die grosse Herzdämpfung, die Herzresistenz, festzustellen. In allen 
diagnostisch schwierigen Fällen entscheidet nicht die physikalische Unter- 
suchung, die sehr trügen kann, über Lage und wirkliche Grösse des 
Herzens, sondern die gerade im Kindesalter sehr leicht und vollkommen 
auszuführende Besichtigung des Herzens und der dasselbe umgebenden 
Organe bei der Durchleuchtung und die Aufnahme der Röntgenphoto- 
graphie. 

Das Blut hat ein etwas niedrigeres si^ezifisches Gewicht; die Zahl 
der rothen und weissen Blutzellen ist in den ersten Lebenstagen grösser 
als beim Erwachsenen, ebenso die relative Menge der farblosen Zellen. 
In den folgenden Lebensjahren nehmen die rothen Blutzellen an Menge 
wieder etwas ab, um im erwachsenen Zustand sodann wieder zu steigen. 

Kinder vertragen Blutverluste erfahrungsgemäss viel schlechter wie 
Erwachsene ; so sterben namentlich Säuglinge schon nach verhältniss- 
mässig geringen Blutungen. 

Hauser, Gnmdriss der Kinderheilkunde. Zweite Auflage. 1 



2 Physiologische Besonderheiten des Kindesalters. 

Der Puls wird, je ängstlicher und sensitiver das Kind, um so 
mehr, von körperlichen und seelischen Erregungen beeinflusst, so dass 
seine Frequenz inkonstant ist und für die Beurtheiiung der Körper- 
temperatur und des Herzens selber, wie seiner Beeinflussung seitens des 
Vagus nur bei ruhigem Zustande des Kindes, am Sichersten im Schlafe 
verwerthet werden kann. Die Pulsfrequenz beträgt in den ersten Wochen 
150—120, gegen Ende des. ersten Jahres 120—100; sie nimmt dann 
langsam mit zunehmender Grösse ab und ist noch im 6. Lebensjahre 
etwa 90. 

Von grösster diagnostischer und ominöser prognostischer Bedeutung 
ist fast ausnahmslos eine Pulsverlangsammung ; sie kommt besonders bei 
Cerebralerkrankungen zur Beobachtung. 

"Was den Füllungszustand (voUer oder kleiner Puls) der Arterien, 
die Spannung (harter, schwer zu unterdrückender oder weicher Puls), die 
Cerelität (pulsus celer und p. tardus) anlangt, so gelten dieselben Ge- 
setze wie beim Erwachsenen. 

Dies trifft nicht durchweg für den Rhythmus des Pulses . zu. Zu- 
sammen mit Verlangsamung (bei Tumor cerebri , Meningitis und Ence- 
phalitis) oder mit sehr verminderter Spannung, Beschleunigung, Galopp- 
rhythmus (bei Herzparalyse) muss die Unregelmässigkeit als eine sehr 
bedeutsame Erscheinung grösste Aufmerksamkeit und Besorgniss erregen. 
Dagegen kann der normal frequente Puls bei ganz gesunden Kindern im 
Schlafe leicht unregelmässig gefunden werden; ebenso ist er in der Re- 
konvalescenz von schweren Krankheiten häufig unregelmässig, ungleich 
und aussetzend und dabei etwas langsamer als dem Alter entsprechend, 
letzteres jedoch nie in auffallendem Maasse. 

Respirationsorgane. 

An den Respirationsorganen fällt die relative Enge des Kehl- 
kopfes auf, welche es erklärt, dass es bei jugendlichen Kindern selbst 
in Folge einfacher entzündlicher Schwellung der Schleimhaut so leicht 
zur Stenosirung kommt. Die Lungen sind anfangs im Verhältniss zum 
Herzen, zum Körpergewicht und zur Körperlänge klein. 

Dem Kindesalter eigen ist die Thymus, welche sich meist, besonders 
aber bei abnormer Grösse durch eine leichte Dämpfung über dem Ma- 
nubrium sterni nachweisen lässt und bis zur Pubertät allmählich sich 
zurückbildet. 



Physiologische Besoiiderlieiten des Kindesalters. 3 

Die Athmung ist eine gemischte Abdominal- und Tlioraxathmung ; 
ihr Rhythmus ist beim Neugeborenen und in den ersten Wochen, manch- 
mal noch länger hin etwas unregelmässig, besonders im Schlaf. 

Das Neugeborene zeigt eine vom 1. — in. Tage erheblich zunehmende 
Tiefe der Athemzüge, wie sie dem steigenden Athembedürfniss, der zu- 
nehmenden Entfaltung der Lungen und Zugängigkeit der Bronchial- 
verzweigungen entspricht. 

Die Athmung erfolgt normal nur durch die Nase; Neugeborene 
und junge Säuglinge gerathcn bei Behinderung des Lufteintritts durch 
die Nase- direkt in Athemnoth. 

Die Zahl der Athemzüge ist wie die der Pulse, soll sie einen Be- 
urtheilungswerth haben, nur im Schlafe festzustellen; sie beträgt etwa 
30 — 36 beim Neugeborenen, in den ersten Jahren 25 — 30. Den Kindern, 
besonders jüngeren, eigenthümlich ist, dass sie bei der Lungenuntersuch- 
ung den Athem oft lange anzuhalten pflegen ; es kann dies als ein 
günstiges Zeichen in sofern angesehen werden, als dann eine ernstere 
Respirationsstörung ziemlich sicher auszuschliessen ist. 

Von diagnostischer Wichtigkeit ist es, dass das Verhältniss der Puls- 
zur Respirationsfrequenz das normale sei, und zwar etwa 3*'2 — 4:1 be- 
trage; eine Verschiebung desselben zu Gunsten der Zahl der Athemzüge 
deutet auf eine Erkrankung innerhalb der Lungen, so wie eine Verlang- 
samung der gleichzeitPg dyspnoischen Athmung für eine Stenose in den 
oberen Lüftwegen spricht. 

Von grösster Bedeutung für die Erkennung von Respirations- 
erkrankungen erscheint eine hörbare oder gar ächzende , stöhnende, 
gewissermassen stossweise erfolgende Athmung speziell Exspiration. 

Die objektiven Zeichen der Dyspnoe sind dieselben beim Kinde wie 
beim Erwachsenen (beschleunigte oder verlangsamte Athmung mit Zu- 
hilfenahme der auxilliären Athemmuskeln, dilatatorische Bewegungen 
der Nasenflügel) ; sehr augenfällig sind bei jugendlichen Kindern die 
respiratorischen Bewegungen des Thorax, die Einziehungen im Jugulum, 
Epigastrium, sowie das sogenannte respiratorische Flankenschlagen, welche 
ihre Entstehungsursache darin haben, dass der speziell beim rhachitischen 
Kinde abnorm weiche, aber auch bei normaler Knochenentwickel- 
ung bis gegen die Pubertät hin noch sehr elastische Thorax dem inspi- 
ratorischen Zuge der Athemmuskeln insbesondere des Zwerchfells nachgibt. 

Ein schmerzhaftes Verziehen des Mundes sowie Stöhnen bei der Ath- 
mung lassen auf pleuritische Schmerzen (Pleuritis, Pneumonie) schliessen. 

1* 



4 PhysiologiscliG Besonderheit-en des Kindesalters. 

Der Husten klingt trocken oder gelöst, je nach dem kein oder flüs- 
siges Sekret in Trachea, Larynx oder Bronchien vorhanden. Der Husten 
nimmt bei allen, auch den einfachen katarrhalischen Entzündungen am 
Kehlkopf leicht einen bellenden sog. croupösen Klang an (Schafhusten). 

Die Stinmie ist hell, klar oder dumpf, belegt, heiser, tonlos durch 
Ueberanstrengung nach lautem, anhaltendem Geschrei, bei Katarrh und 
dergleichen. 

Die indirekte laryngoskopische Untersuchung ist seihst bei etwas 
älteren Kindern sehr schwer ausführbar, dagegen gelingt meist die direkte, 
die sog. Autoskopie ausgezeichnet; nöthigenfalls ist diese in Narkose vor- 
zunehmen. 

Das Athemgeräusch ist in den ersten Lebenswochen schwach, wird 
allmählich mit der Mitte des ersten Jahres sehr scharf und laut, sog. 
pueril ; das Exspirium ist fast unhörbar. Rasselgeräusche etc. sind analog 
denen beim Erwachsenen. Der Perkussionssehall über dem ganzen Thorax 
ist anfangs etwas matt, später sehr laut, sonor. Ganz leise Fingerper- 
kussion ist unbedingt bei dem elastischen, gut leitenden Thorax geboten. 
Die Ergebnisse der Perkussion sind sehr vorsichtig zu bemessen, da es 
oft recht schwer hält, die Kinder ganz gerade zu setzen und zu legen ; 
die kleinste Asymetrie kann täuschende Differenzen ergeben ; bei hef- 
tigem Schreien bekommt man leicht über den abhängigen Theilen, speziell 
durch Hinaufdrängen der Leber rechts Dämpfungen sowie überall etwas 
matteren Schall wegen der Kompression des lufthaltigen Gewebes; ebenso 
beeinträchtigt durchweg das Geschrei feinere auskultatorische Ergebnisse. 

Die Lageveränderung der Thoraxorgane bei der Ath- 
mung ist durch Röntgenaufnahme folgendermassen festgestellt: Die 
Zwerchfellkuppen steigen in einer Ausdehnung von 10—12 Wirbel- 
körpern hinauf resp. hinab. Der keilförmige (Traube'sche) Raum 
zwischen Rippen und Zwerchfell wird bei der Inspiration breiter, bei 
der Exspiration schmaler, jedoch ist der Unterschied nur klein, da — 
wie schon die Beobachtung des Litten'schen Phänomens zeigt — der 
untere Lungenrand sich bei der Ausathmung im Schritt mit den benach- 
barten Partien der Lunge zurückzieht. 

Die Längsachse der Ventrikel des Herzens liegt bei gesenktem 
Zwerchfell nur wenig von der sagittalen Körperebene abgewendet, bei 
hochstehendem, schlaffem Zwerchfell (Exspiration) dagegen beträchtlich 
mehr. 

Der Aortenbogen senkt sich bei der Ausathmung um eine halbe 
Wirbelhöhe. 



Physiologische Besonderheiten des Kindesalters. 5 

Das Herz senkt sich bei der Inspiration weniger, wie das Zwerch- 
fell, so dass dabei die linke Kuppe des Zwerchfells frei sichtbar wird. 
Dieses ist dadurch ermöglicht, dass sich der linke untere Lungenlappen 
unter den linken und rechten Ventrikel schiebt. 

Digestionsorgane. 

Die Mundschleimhaut des Neugeborenen ist dunkelroth und 
etwas trocken ; sie wird erst binnen einiger Wochen heller roth und 
noch später erst, mit zunehmender Speichelsekretion, feucht. 

Der Säugling saugt nicht wie der Erwachsene, indem er durch 
Zui'ückziehen der Zunge einmal zwischen denr hinteren Theile des Zungen- 
rückens und dem weichen Gaumen, den sog. hinteren und oberen Raum, 
sodann zwischen der Unterfläche der Zunge und dem Boden der Mund- 
höhle und den Lippen einen zweiten luftleeren Raum (den sog. vorderen 
oder unteren Saugraum) bildet, sondern er stellt den nothwendigen luft- 
verdünnten Raum allein oder vorwiegend durch eine Abwärtsbewegung 
des Unterkiefers dar; er saugt also nicht oder kaum mit der Zunge 
(Genioglossus), sondern mit den Kaumuskeln, deren Kraft weniger leicht 
erlahmt, deren Uebung für später von Wichtigkeit ist, und deren Thätig- 
keit gleichzeitig die Sekretion der Speicheldrüsen befördert. 

Sehwache Kinder, Neugeborene unter H 4 Pfund sind meist nicht 
im Stande zu saugen, müssen daher gegebenen Falls mit dem Löffel 
ernährt werden. 

Ebenso verhindert die Verlegung des Lufteintritts durch die Nase 
ein geregeltes Saugen, indem Dj'spnoe eintritt ,z. B. bei Coryza), sowie 
jede Gaumen- und Kieferspalte, indem dabei die Erzeugung eines luft- 
leeren Raumes unmöglich gemacht ist. 

Die Zunge zeigt sich beim Säugling häufig dünn weisslich belegt 
(Milchzunge), was ebensowenig als pathologisch anzusehen ist, wie die 
sog. Landkartenzunge (s. d.). 

Die Speichelsekretion ist anfangs äusserst gering, nimmt zu Ende 
des zweiten Monatp zu, ist erst mit dem fünften Monat bedeutend ; dem- 
entsprechend findet man nur schwach alkalische oder saure (Milchsäure- 
gährung) Reaktion des Mundes ; entsprechend gilt dassellae für die 
Fermentwirkung des Speichels. So kann mit einer nennenswerthen 
Fähigkeit des Kindes, Stärke in Zucker umzuwandeln, frühestens um 
die 8. bis 12. Woche gerechnet werden. Diastatisches Ferment liefert 
in den ersten Lebensmonaten nur die Parotis; die Glandula submaxil- 
laris und das Pancreas enthält dieses Ferment um diese Zeit noch nicht. 



6 Physiologische Besonderheiten des Kindesalters. 

Andererseits ist sicher festgestellt, dnss trotz dieser Verhiiltuisse auch 
schon ganz jugendliche Säuglinge von 7 Wochen ab mehlige Abkoch- 
ungen ganz gut ausnützen. 

Der Magen steht etwas mehr vertical, zeigt eine schwache Fundus- 
entwickeluDg und relativ geringe Kapacität; es erklärt dies die Leichtig- 
keit und Häufigkeit, mit der Kinder erbrechen , z. B. beim Husten, 
Pressen. Salzsäure findet sich bereits bald nach der Geburt; freie Salz- 
säure ist im nüchternen Magen fast stets nachweisbar; ihre Sekretion 
steigt nach der Nahrungsaufnahme; sie wird in der Hauptsache von 
der Milch gebunden. Labferment sowie ein Eiweiss verdauendes Ferment 
werden nie vermisst. Der Magensaft des Säuglings enthält viel weniger 
Lab, wie der des Erwachsenen. Das Labferment fördert nicht, sondern 
verzögert sogar die Verdauung des Caseins ; so erklärt es sich vielleicht, 
warum der Säugling das Casein viel besser ausnutzt, wie der Erwachsene 
(den N zu 96 "/o gegen 84 — <J0 "/o). Das Lab ist eben mehr ein Stoff- 
wechsel-, als ein nothwendiges Verdauungsprodukt; findet es sich doch 
z. B. auch im Hoden sowie im Magen von Thieren , welche niemals 
Milch zu sich nehmen, bei Pflanzen und Bakterien. 

Der saure Magensaft entfaltet gegenüber den mit der Nahrung 
verschluckten Mikroorganismen eine entwickelungshemmende, antisep- 
tische Kraft, 

Der Darmkanal ist relativ lang, seine Muskulatur schwach, 
wogegen die Follikel sehr zahlreich und stark entwickelt erscheinen; 
Brunner'sche und Lieberkühn'sche Drüsen bilden sich erst heraus. 

Die Leber ist verhältnissmässig gross, speziell beim Neugeborenen; 
die Galle wenig gehaltreich, besonders arm an Gallensäuren. 

Das Abdomen erscheint gross, vorgewölbt und zwar in Folge einer 
gewissen Enge des Thorax einerseits, der Anfüllung der Därme mit 
Nahrung, ihrer Auftreibung durch Gase andererseits. 

Bei natürlicher Ernährung findet man in dem Magen gesimder 
Säuglinge der ersten Monate nach einer halben Stunde die Nahrung 
zum grössten Theil, nach ] — l'^/ä Stunden ganz geschwunden; bei älteren 
Kindern ist der Magen nach euva 2 Stunden leer. 

Ueber den Ablauf der Magen-D arm Verdauung des Säuglings be- 
sitzen wir trotz sehr zahlreicher Untersuchungen keine gesicherte Kenutniss. 
Die Gesammtacidität steigt eine halbe Stunde nach der Nahrungsaufnahme, 
erreicht ihren Höhepunkt nach etwa l^/a Stunden; freie Salzsäure ist 
meist erst am Ende der Verdauung, Labenzym stets, Pe])sin zumeist 
nachweisbar. Für die Assimilation der Nahrung scheint der Magen nur 



Physiologische Besonderheiten des Kindesalters. 7 

von untergeordneter Bedeutung zu sein; er stellt vielmehr nur ein Re- 
ceptaculum dar. Auch scheint wenigstens für die Frauenmilch Verdauung 
das Labenzym kein noth wendiges Postulat zu sein. 

Im Magen findet zweifellos eine wenn auch unbedeutende Pep- 
tonisirung der Milch statt, und zwar findet sich Pepton schon spätestens 
nach einer Stunde im Säuglingsmagen, so dass dasselbe nicht Produkt 
der Pepsinsalzsäureverdauung, sondern durch Labeinwirkung gebildet 
sein muss. In den Magen gelangt, coagulirt die Milch sofort durch 
Labwirkung, indem das nur durch die Alkalisalze der Milch in Lösung 
gehaltene Eiweiss gerinnt ; die Resorption von gelösten Nährstoffen und 
Fett seitens der Magenschleimhaut ist sehr gering. Das Eiweiss wird 
nach der Fällung und zwar zum kleinsten Theil und nach Ablauf etwa 
einer halben Stunde durch Milchsäure (aus dem Zucker der Milch), in 
der Hauptsache durch Salzsäure zusammen mit dem Pepsin entweder 
theilweise peptonisirt oder es wird gar nicht gefällt oder drittens, wenn 
gefällt, wieder durch den Magensaft gelöst; in weit vollkommenerem 
Masse trifft dies für das Eiweiss der Frauenmilch, als für das der Kuh- 
milch zu. Soweit noch nicht oder noch nicht genügend verarbeitet, wird 
das Eiweiss durch Pancreatin im Darme peptonisirt ; gleichzeitig beginnt 
schon im Duodenum die Wasserresorption, im Jejunum und Ileum die 
Aufsaugung. Die feinemulgirten Fette werden theilweise durch Pancreas- 
saft und Galle gespalten, die Fettsäuren verseift und wie das emulgirte 
Fett selbst aufgesaugt. Der Zucker wird in Galactose resp. in Dextrose 
und Laevulose umgewandelt resorbirt. Der Vorgang der Dünndarm- 
verdauung nimmt etwa 6 — 8 Stunden in Anspruch ; es tritt dabei ein 
wechselseitiges Zusammenwirken von Sekretion der Verdauungssäfte seitens 
der Darmepithelien , Darmdrüsen, Leber, Pancreas und Resorption der 
genügend verarbeiteten Nahrung in die Erscheinung. Im Magen und 
im Dünndarm findet eine geringe, im Dickdarm eine stärkere Schleim- 
produktion statt. Die Darmmuskulatur hat in der Hauptsache die Funktion, 
den Speisebrei weiter zu befördern. 

Alles in allem werden von der in den Dünndarm übergegangenen 
Milch Zucker und Eiweiss ziemlich vollständig, Fett und Asche bis auf 
kleine Reste resorbirt 

Im Dickdarm wird der Inhalt theils weiter resorbirt, theils eingedickt. 

Die Reaktion des Darminhaltes vom Magen abwärts ist sauer. 

Eine Eiweisszersetzung findet in dem Darm mit Muttermilch ge- 
nährter Säuglinge in so geringem Maasse statt, dass eine irgend stärkere 
Bildung von Eiweissfäulnissproducten (Geruch) als pathologisch anzu- 



8 Physiologische Besonderheiten des Kindesaiters. 

sehen ist; dagegen verfällt das Case'in der Kuhmilch, da schlechter ver- 
daut und zum Theil unverändert in de)i Darm übergehend, leichter einer 
alkalischen Zersetzung. 

Ein stärkeres Auftreten von Indican als Beweis stärkerer Indol- 
produktion ist als pathologisch anzusehen und findet sich speziell bei 
Dyspepsieen, Typhus, Pneumonie und ganz besonders bei Tuberkulose, 
auch in solchen Fällen, die ohne Verdauungsstörung einhergehen. 

Die Reaction des normalen Brustkindstuhles ist sauer, die des Kuh- 
milchstuhles meist alkalisch, auch neutral. Der normale Brustkindstuhl 
ist eigelb, durch Bilirubin gefärbt. 

Die Kothmenge ist bei Flaschenkindern auffallend viel grösser wie 
bei Brustkindern (ca. 20 — 30 gegen 3 — 4 g Trockenkoth). 

Genaueres über die Beschaffenheit des normalen und des dyspep- 
tischen Stuhlgangs s. in der Einleitung des Kapitels Dyspepsie. 

Der Koth des Säuglings besteht aus Nahrungsresten (Fett, Seifen, 
fettsauren und milchsauren Kalksalzen, wenig Eiweiss und Case'in), aus 
Gallenbestandtheilen und Darmsekreten ; es sind in ihm von Escherich 
ganz konstante Bakterien nachgewiesen, speziell das Bacterium lactis 
aerogenes und das Bact. coli commune; diese geben einen normalen 
Befund ab, während Hefezellen, mycelbildende Pilze bei Milchkost 
pathologisch, nur bei Fleisch- und gemischter Kost normal erscheinen. 
Das Bact. lactis aerogenes findet sich besonders in den oberen Darni- 
parthien; es spaltet den Milchzucker in Milchsäure, Kohlensäure und 
Wasserstoff und gibt dadurch dem Speisebrei eine saure Reaktion. Im 
Dickdarm tritt dann immer mehr das Bact. coli auf; sein Einfluss 
äussert sich dahin, dass es zwar ebenfalls etwas Milchzucker spaltet, 
besonders aber aus den Fetten Fettsäure abspaltet; im Allgemeinen un- 
schuldiger Lebensweise, kann das Bact. coli in das Blut, die Lymph- 
gefässe, das Peritoneum gelangt, Entzündung und Erkrankung erregen. 

Dentition. 

Wir finden während der Entwickelung des Kindes vom Säua:lings- 
bis zum Jünglingsalter zwei oder vielmehr drei Zahnungen. 

Die erste Dentition beginnt normaler Weise zwischen dem 6. 
bis 9. Monat; die sog. Milchzähne, 20 im Ganzen, kommen gruppen- 
weise zum Durchbruch, und zwar erscheinen als erste Gruppe in der 
Regel die beiden unteren mittleren Schneidezähne, 4 — 6 Wochen später 
die entsprechenden oberen, nach wenigen Wochen die beiden oberen 



Physiologische Besonderheiten des Kindesalters. 9 

äusseren, und im 11. und 12. Monat die entsprechenden unteren Sehneide- 
zähne. Hierauf pflegt die Zahnung zu Anfang des 2. Jahres eine 
längere, 2 — 3 monatliche Pause zu machen. Es folgen danach die vier 
vorderen Backzähne, wieder nach einer Pause von 2 — 4 Monaten, also 
im 18. — 20. Lebensmonat die Eckzähne, und endlich um das Ende des 
2. und im Anfang des ?). Jahres als letzte die hinteren Backzähne. 

Diese interessante Gesetzmässigkeit bildet die Regel. Damit ist 
jedoch nicht gesagt, dass geringe Abweichungen nun gleich als patho- 
logisch anzusehen wären. Eine gewisse Freiheit ist dahin zu konzediren, 
das.s nicht selten die oberen Inzisoren die Zahnung beginnen, auch die 
Zähne nicht gruppenweise, sondern mehr einzeln, einer nach dem anderen 
in ziemlich gleichen Zeitabständen folgen. Die Dentition kann wohl 
schon im 4., 5., ja im 2. und 3. Monat, oder auch erst im 9. — 11. 
ihren Anfang nehmen, ohne dass man eine krankhafte Ursache zu ent- 
decken vermöchte. 

Im Allgemeinen aber ist das angeführte Dentitionsgesetz von grosser 
Bedeutung; und speziell wichtig ist der Umstand, dass die Zahnung, 
einmal begonnen, in den normalen Intervallen fortschreite, d. h. dass 
die Pausen bei den Schneidezähnen 4 — 6 Wochen, bei den Back- und 
Eckzähnen 2 — 3 Monate nicht übersteigen. Ferner muss als Regel 
gelten, dass die Milchzähne im Allgemeinen die ihnen gesetzte Zeit aus- 
halten, nicht, jedenfalls nicht frühzeitig und viele gleichzeitig, bald nach 
ihrer Entwickelung und noch während der Dauer der Dentition wieder 
der Caries verfallen. 

Anomalien, wie angeborene Zahnbildung, überzählige, fehlende Zähne 
sind ohne Bedeutung. 

Wir können die Dentition nach zwei Richtungen hin noch näher 
betrachten, nämlich nach der Abhängigkeit derselben von der Körper- 
konstitution und von Krankheiten und umgekehrt nach ihrem Einfluss 
auf den Körper des gesunden Kindes und sein subjektives Empfinden. 
Da wäre zu bemerken, dass die Zahnung ganz im Allgemeinen Hand 
in Hand geht mit der gesammten übrigen körperlichen Entwickelung; 
jedoch finden wir in diesem Verhältniss auch manchmal merkwürdige 
Widersprüche, so dass sich eine feste Gesetzmässigkeit dieses Verhält- 
nisses nicht aufstellen lässt. Von Krankheiten zeigen vorübergehende 
akute Krankheiten keinen deutlichen Einfluss , fieberhafte einen viel- 
leicht etwas beschleunigenden. Die Veränderungen des Milchgebisses, 
wie sie der Einwirkung der Lues hereditaria zugeschrieben werden, er- 
scheinen nach meiner Erfahrung keinesfalls typisch, ebensowenig sind 



tO Physiologisclie Besonderheiten des Kindesalters. 

sie so häufig, dass sie Rückschlüsse von diagnostischem Werthe zuliessen. 
Dafür sind ebenso unzweifelhaft, als in ihrer Häufigkeit geradezu patho- 
gnomonisch die Störungen, welche die Zahnung durch die Rhachitis er- 
fährt, sowohl was den Eintritt und Verlauf der Dentition als solcher, 
als die Bildung und Degeneration der einzelnen Zähne anlangt (s. d.). 

lieber den Einfluss der Dentition umgekehrt auf den übrigen Körper, 
die gesammte Konstitution steht Folgendes fest: Der Durchbruch der 
Zähne setzt, wie leicht verständlich, lokal im Munde allerlei Veränder- 
ungen, die, obwohl es sich um einen physiologischen Prozess handelt, 
doch als krankhafte in die Erscheinung treten. Der aus der Tiefe nach 
oben dringende Zahn übt einen Druck auf die Gewebe aus, der seinen 
Höhepunkt bei der Perforation der am wenigsten nachgiebigen Schleim- 
haut erreicht und dabei, wie leicht erklärlich, Schmerzen erregt. So 
.sehen wir die Kinder schon bei Beginn der Zahnung, besonders aber 
kurz vor dem Durchbruch eines Zahnes nicht bloss viel, oft ununter- 
brochen mit den Fingerchen im Munde wühlen, die schmerzenden Par- 
thien des Zahnfleisches heftig reiben, leidenschaftlich auf jeden erreich- 
baren Gegenstand beissen, sondern ihr Wesen erscheint auch im Ganzen 
verändert. Die Kinder sind missmuthig, weinen leicht und viel, ver- 
rathen häufig alle Zeichen einer Verdriesslichkeit, für die eine andere 
Ursache nicht zu finden ist. Auch ganz plötzlich, scheinbar unmotivirt 
schreien sie mitten im heiteren Spiel, ruhigen Schlaf laut auf. Die 
Aeusserungen der Schmerzempfindung fallen sehr verschiedengradig aus; 
die Empfindlichkeit schwankt natürlich, je nachdem ein schmaler scharfer 
Schneidezahn oder ein breitkroniger Backzahn die Schleimhaut durch- 
bricht; auch das Naturell, die Empfindlichkeit des Individuums spielen 
sicherlich eine Rolle. 

Ebenso versteht es sich, dass der Durchbruch der Zähne einen 
Reiz auf die Schleimhaut ausübt, meist nur ganz örtlich die Zeichen 
einer Kongestion, Röthung, Schwellung, oft aber auch im ganzen Munde 
die Erscheinungen einer Gingivitis und Stomatitis hervorruft. Unzweifel- 
haft erscheint auch der Zusammenhang der Dentition mit der Stoma- 
titis aphthosa (s. d.), wenn auch eine direkte Abhängigkeit derselben von 
der Zahnung schwer nachw-eisbar ist. 

Reflektorisch erregt das Wachsthuni der Zähne durcli seineu Reiz 
auf die in dem Wurzelkanal verlaufende Endfaser des Trigeminusastes, 
noch mehr auf die Mundschleimhaut meist starke Salivation. Ebenso 
erklärt sich wohl der Anreiz zum Drücken und Reiben des Gaumens 
und der Alveolarfortsätze. 



Physiologische Besom.lerheiten des Kiiulesalters. 11 

Das sog. Zahngesehwür (s. d.) hat mit der Dentition als solcher 
nichts zu tliun. 

Eine seltenere Folge des Zahnwachsthums ist die Bildung einer 
mit blutig seröser Flüssigkeit gefüllten cystenartigen Blase zwischen dem 
andrängenden Zahn und der darüberliegenden Schleimhaut, wie ich sie 
allerdings nur iu einem einzigen Falle gesehen habe. 

Schon kritischer muss sich der Arzt im Allgemeinen den weiteren 
angeblichen Folgen und Symptomen der Dentition gegenüber verhalten. 
Es ist ja bekannt, wie das Volk der Dentition einen bedeutungsvollen, 
weitgehenden ätiologischen Einfluss zuschreibt, soweit, dass es beinahe 
alle während der Dentition, ja zu einer Zeit, wo sie noch gar nicht in 
Frage kommt , eintretenden krankhaften Erscheinungen dieser in die 
Schuhe schiebt, aus Aberglauben und Indolenz sich beruhigt, eine ent- 
schuldigende Erklärung gefunden zu haben, und darüber sogar ein Kmd 
zu Grunde gehen lässt, ohne auch nur den Arzt gefragt zu haben , ob 
nicht auch eine andere Ursache möglich wäre. Es gilt hier für den 
Arzt, mit ruhiger Kritik alles auszuscheiden, was die Dentition nach 
dem natürlichen Zusammenhang unmöglich verschulden kann , und auf 
der anderen Seite in der Skepsis nicht soweit zu gehen, einen Zusammen- 
hang einfach zu leugnen, der, wenn auch häufig beobachtet, nicht ebenso 
einfach zu erklären ist. Bedingung ist natürlich, dass, bevor ein solcher 
angenommen wird, eine sorgfältige und wiederholte Untersuchung jede 
andere Entstehungsursache der in Frage kommenden Störung aus- 
geschlossen hat , dass in der That deutliche lokale Erscheinungen der 
Dentition im Munde nachweisbar sind ; von Bedeutung ist die Wieder- 
kehr der Störung bei jedem neuen Zahndurchbruch und das rasche 
Schwinden nach dem vollendeten. Festzuhalten ist: wenn auch ein 
physiologischer Vorgang, so gut wie die Geburt, die Menstruation, so 
kann die Zahnung doch gleich diesen pathologische Erscheinungen 
machen. 

So kann wohl kein Zweifel bestehen, dass die Dentition ein an- 
haltendes, zu nennenswerther Höhe sich erhebendes Fieber zu erregen, 
wohl nicht im Stande ist; eine leichte und vorübergehende Fieberbe- 
wegung könnte sich eher auf Stomatitis und dergleichen als auf den 
Zahnungsprozess zurückführen lassen. 

Die nicht selten während der Zahnung beobachteten, durch eine 
reichliche seröse Beimengung, das Fehlen von Schleim und kolikartigen 
Schmerzen charakterisirten Durchfälle lassen sich nicht ohne weiteres 
aus dem Verschlucken von reichlichem Speichel und seröser Mund- 



12 Physiologische Besondeiheiten des Kindesalters. 

flüssigkeit erklären , eher noch auf reflektorische Reizung der Nervi 
splanchnici; auch leidet eine Anzahl von Kindern zu dieser Zeit gerade 
im Gegentheil an Obstipation. Viel seltener kommt Erbrechen vor. 
Das Auftreten solcher Erscheinungen von Seiten des Digestionsapparates 
ist ebenso sicher konstatirt, wie schwer, vielleicht auf reflektorischem 
Wege, zu deuten. 

kSeltener schon ist das Auftreten des sog. Zahnhustens in Gestalt 
von spastischem, trockenem Husten, für den sich in den Respirations- 
organen die Quelle nicht entdecken lässt, und der nach dem beendeten 
Durchbruch einer Zahngruppe schwindet. 

Auch von Seiten der Blase zeigen sich Begleitsymptome der Den- 
tition in Gestalt von Enuresis, entweder plötzlich eingetretener oder 
rasch überhand nehmender, sowie auch von Harndrang, periodisch ab- 
wechselnd mit Harnverhaltung. 

Von nervösen Störungen lässt sich ohne weiteres der Spasmus 
nutans auf die Dentition beziehen ; ebenso das nicht selten zu beob- 
achtende und sehr unangenehme, ja unheimliche nächtliche Zähne- 
knirschen. Das Auftreten schwerer Krampfformen, echter eklamptischer 
Anfälle dürfte nur in seltenen Fällen als eine Reflexwirkung seitens 
der Trigeminusreizung (durch Gegendruck auf die Pulpa und die 
Läsion des Alveolus und des Zahnfleisches beim Durchschneiden) zu 
betrachten sein. 

Eine Behandlung der Dentition kommt eigentlich nur selten in 
Frage, im Allgemeinen wird man sich exspektativ verhalten. Es ist 
selbstverständlich, dass zur Zeit derselben auf das Kind eine gewisse 
grössere Rücksicht und Sorgfalt verwandt wird. Der Launenhaftigkeit, 
Reizbarkeit des schmerzgeplagten , sich unbehaglich fühlenden Kindes 
ist Rechnimg zu tragen. Man wird dem Kinde in dieser wichtigen 
Entwickelungsphase eine besondere Pflege, die nöthige körperliche und 
geistige Ruhe, eine gute, leichtverdauliche und kräftigende Ernährung 
zu Theil werden lassen, aber ja nicht etwa die gewohnte Lebensweise 
und Diät nun plötzlich ändern; gegebenen Falles schiebe man die Ent- 
wöhnung hinaus. Eine lokale Nachhilfe dürfte kaum möglich sein. 
Die in England viel geübten Incisionen können höchstens sympto- 
matisch durch die Blutentziehung und Entspannung schmerzlindernd 
wirken. Nöthig wird eine Incision noch am ehesten zur Eröffnung der 
oben erwähnten cystenartigen Blasen. 

Was die einzelnen Symptome anlangt, so käme eine Behandlung 
der komplizirejulen Stomatitis, der event. Durclifälle etc. in Frage. Die 



Physiologische Besonderheiten des Kindesalters. 13 

Kongestion, die Schmerzen im Munde lindern kaltes Wasser, ev. Eis- 
stückchen. Die allgemeine nervöse Erregtheit der Kinder, wie einzelne 
iiervöse Erscheinungen werden durch 2 — 3 mal des Tages gegebene, pro- 
trahirte laue Bäder, event. leichte Narcotica (Brom, Codein, Chloral) 
bekämjjft. 

Gegen die erste Za,hnung tritt die sogenannte zweite und dritte 
an Wichtigkeit sehr zurück. Sie maclien weder besondere Erschein- 
ungen, noch erfordern sie eine so eingehende Beobachtung. 

Als zweite Dentition bezeichnet man den Durchbruch der 
ersten, bleibenden Mahlzähne; derselbe findet im Alter von 4^2 — 6'/2 
Jahren statt; er geht langsam, oft erst binnen einem Jahre vor sich, 
und die Pause zwischen zwei Zähnen kann 1 — 4 Monate betragen; die 
zweite Dentition beginnt meist an dem Oberkiefer; ihre Lokalsymptome 
sind leichte Gingivitis und Salivation , auch Zahnschmerzen. Man ist 
berechtigt, eine solche zweite Dentition aufzustellen, da zwischen ihr und 
der ersten wie der dritten meist eine deutliche Pause besteht. Nach 
ihrer Beendigung und einem gewissen Intervall beginnt um das siebente 
Lebensjahr die dritte Dentition, bei welcher ungefähr in derselben 
Reihenfolge, wie sie gekommen, die Milchzähne au.sfallen, und das 
definitive Gebiss mit seinen 32 Zähnen erscheint, und zwar im 7. Jahre 
die mittleren Schneidezähne, im 8. die äusseren (die unteren zuerst, dann 
die oberen), im 9. — 10. die vorderen Backzähne, im 10. — 11. die Eck- 
zähne, im 11. — 12. die hinteren Backzähne. Als letzte erscheinen im 
12. — 13. Jahre die zweiten Mahlzähne, zwischen dem 16. — 30. endlich 
die hinteren dritten Mahlzähne, die sogenannten Weisheitszähne. 

Ein Wort noch über die Pflege der Zähne im Kindesalter. 
Dieselbe wird leider auch von gebildeten, besorgten Eltern vielfach ver- 
nachlässigt, vielleicht weil man sich sagt, es lohne die an ein so ver- 
gängliches Gebilde verwendete Mühe nicht. Doch sehr mit Unrecht. 
Die bei Kindern in Folge von mangelhafter Mundpflege einerseits, des 
allzu beliebten Genusses süsser Speisen und Leckereien andererseits so 
häufigen Zahnerkrankungen üben auf die Verdauungsorgane eine oft 
sehr schädliche Wirkung, wie sie auch auf die Entwickelung des bleiben- 
den Gebisses von grossem Einfluss sind. Denn die zweiten Zähne werden 
oft im Keime schon von den kranken Milchzähnen infizirt und verfallen, 
kaum entstanden, ebenfalls der Caries. 

Man suche also durch Vermeidung aller, besonders klebriger und 
schwerlöslicher Süssigkeiten, wie durch eine regelmässige und sorgfältige 
Reinigung der Zähne und des Mundes speziell nach den Mahlzeiten und 



14 Pliysiologische Besonderheiten des Kindesalters. 

des Abends die verderbliche Milchsäuregährung in Speiseresten und be- 
sonders in Fissuren, Zwischenräumen, Zahnhöhlen zu verhindern; dazu 
eignet sich ein energisches Bürsten der Zähne, besonders auch der Mahl- 
flächen mit nicht zu weicher Bürste und einem centrifugirte Seife ent- 
haltenden Zahnpulver, sowie das Mundspülen mit leicht antiseptischen 
Mundwassern (Eau de Botöt, Ac. thyniic, benzoic, Tinct. Eucalypt. 
und dergl). Bei eingetretener Caries lasse man frühzeitig eine Plom- 
birung vornehmen, nur als äussersten Ausweg den betreffenden Milch- 
zahn extrahiren. 

Stoffwechsel. 

Ueber dieses wichtige Kapitel der kindlichen Physiologie, welches 
bis in die jüngste Zeit noch einer exakten Bearbeitung harrte, besitzen 
wir, wenn auch noch nicht genügend zahlreiche, so doch schon so ge- 
sicherte Kenntnisse, dass wir im Stande sind, einige Sätze aufzustellen, 
an die wir uns bei der Regelung der Diät zum Beispiel zu halten ver- 
mögen. 

Was den Gas Stoff Wechsel anlangt, so haben zwar die schönen 
Untersuchungen von Heubner-Rubner in einem Falle gezeigt, dass die 
Kohlensäureausscheidung beim Brustkinde genau der bei einem unter 
ähnlichen Verhältnissen stehenden Erwachsenen entspricht (13,5 g pro 
Quadratmeter Oberfläche). Nichtsdestoweniger werden wir doch zunächst 
an dem physiologisch gut begründeten Satze festhalten dürfen, dass das 
Kind pro Kilo Körpergewicht dieselbe, dass dagegen im Verhältniss zur 
Körperoberfläche das jugendliche Alter, die Zelle des Kindes eine viel 
lebhaftere Kohlensäureausscheidung wie der Erwachsene hat. Etwas 
geringere Werthe findet man bei Kindern mit stark entwickeltem Panni- 
culus adiposus; ebenso konstatirt man beim weiblichen Geschlecht bis 
zum 18. — 19. Jahre eine zunehmend geringere Kohlensäureausscheidung; 
beim männlichen Geschlecht nimmt dieselbe nach der Pubertät wieder 
ab. Sicher ist im umgekehrten Verhältniss zur Körperoberfläche die 
Intensität des respiratorischen Stoffwechsels beim Neugeborenen und 
Säugling im Allgemeinen grösser wie beim Erwachsenen ; es entspricht 
ein becleutender Sauerstoffverbrauch dem Ueberwiegen der Assimilations- 
prozesse gegenüber den Dissimilationsprozessen. 

Anders wie beim Brustkinde liegen die Verhältnisse für das künst- 
lich ernährte Kind. Bei ihm findet man unter sonst ganz gleichen Ver- 
hältnissen eine beträchtlich höhere Kohlensäureausscheidung, welche, auf 
eine geleistete Mehrarbeit bezogen, ihre Ursache nur in der Ernährungs- 



Physiologische Besonderheiten des Eindesalters. 15 

weise haben kann, und zwar muss diese Mehrarbeit, da Fett und Zucker 
nicht nennenswerth von den Verhältnissen d«r Frauenmilch abweichen, 
in der Verdauung des grossen Ueberschusses an Eiweiss erblickt werden. 
Entsprechend dem Satze Rubners, dass das Eiweiss bei sonst reichlicher 
Ernährung die Wärmebildung am Meisten fördert, ist für die vermehrte 
Kohlensäureausscheidung die Quelle in vermehrter Verdauungsarbeit und 
zwar der Drüsen zu suchen, d. h. in letzter Linie in überreicher Eiweiss- 
zufuhr. Diese Mehrarbeit des Flaschenkindes ist theils theoretisch be- 
rechnet, theils experimentell bewiesen. Andererseits ist die von dem 
Flaschenkinde beim Trinken geleistete Arbeit dafür zweifellos etwas 
geringer, wie die des Brustkindes, da jenem die Nahrung viel müheloser 
und rascher zuströmt, das Flaschenkind knapp halb so lange Zeit zu 
saugen pflegt, wie das Brustkind. 

Wenn das Flaschenkind mehr Wärme prochizirt wie das Brustkind, 
in Folge seiner geleisteten Mehrarbeit, so muss es physiologischer Weise 
auch mehr Wärme abgeben ; d. h. um seine Körperwärme zu reguliren, 
muss es — dieselbe Bekleidung, Lufttemperatur und Luftfeuchtigkeit 
vorausgesetzt — nothwendigerweise mehr schwitzen wie das Brustkind. 
Diese vielfach zu machende Beobachtung ist also auf vermehrte Arbeit 
zurückzuführen, d. h. sie kann nur zu einem Theil durch die vermehrte 
Wasserzufuhr erklärt werden, welche gewöhnlich unsere Flaschenkinder 
erhalten. Diese zweite Quelle der Mehrarbeit künstlich ernährter Kinder 
lässt sich zum Theil dadurch stopfen, dass man den Kindern nur die- 
jenige Wassermenge zuführt, d. h. das Nahrungsvolumen, welches ihrem 
Alter und Körpergewicht entspricht, d. i. die physiologischen Nahrungs- 
mengen. 

Wir muthen unseren künstlich ernährten Säuglingen dadurch eine 
beträchtliche Mehrarbeit zu, dass wir ein Uebermass von Eiweiss ein- 
führen, von dem das Kind nur den kleineren Theil ansetzt, den Ueber- 
schuss zersetzen und durch Urin und Schweiss wieder ausscheiden muss. 

Wenn diese reichliche Eiweissmenge auch für gewöhnlich unschäd- 
lich bleibt, nur im Falle der Caseinzersetzung verderblich zu werden 
vermag, die Mehrarbeit in der Regel auch anstandlos geleistet wird, so 
ist diese übergrosse Zufuhr doch unnöthig und, da das Flaschenkind 
mit viel geringeren Eiweissmengen ebenso gut wirthschaftet, wie das 
Brustkind, zu vermeiden. 

Wie bei allen Warmblütern steigt unter Kälteeinwirkung der Sauer- 
stoffbedarf und der Gaswechsel. Aus diesem Umstände erhellt, warum 
W^ärmeverluste speziell in der ersten Zeit nach der Gebm-t und besonders 



10 Physiologische Besonderheiten des Kindesalters. 

bei Kindern mit gestörter Respiration (Atelectasen) und darniederliegender 
Nahrungsassiniilation so verhängnissvoll zu werden pflegen. 

Andererseits wird man sich gegebenenfalls erinnern dürfen, dass 
Wärmeentzieliung, Kälteeinwirkung (frische Luft, Bewegung im Freien, 
Aufenthalt in Gebirge, an der See) ein energisches und häufig wohl zu 
verwerthendes Stimulans für den gesamniten Stoffwechsel, ein Appetit- 
anregungsmittel bester Art darstellt. 

Während der Erwachsene be.strebt ist, sich in S ticks tof f gleich- 
gewicht zu erhalten, sucht der Säugling, möglichst viel neuzubilden. 

Der Ei Weisskonsum des Kindes pro Kilo Körpergewicht ent- 
spricht im Allgemeinen nicht dem Alter, sondern dem Körpergewicht. 
Der Eiweissbedarf ist jedoch keine dem Alter und Gewicht einfach 
direkt entsprechende gesetzmässige Grösse, sondern: das gleichmässig 
wachsende, gut ernährte Kind braucht im Verhältniss weniger wie das 
hungernde (Heubner-Rubner). Jedenfalls reisst der wachsende Organis- 
mus speziell im Säuglingsalter mit grosser Begierde Eiweiss zum Anbau 
(Zellbildung) an sich; besonders begierig thut dies der ausgehungerte 
Organismus, das ungenügend ernährte Kind. Bei dem lebhaften Be- 
streben des wachsenden Organismus, N festzuhalten, genügt eine ver- 
hältnissmässig geringere Eiweisszufuhr — natürlich unter der Voraus- 
setzung, dass die Einfuhr an N-freien Stoffen nicht unter das Minimum 
herabsinkt. 

Die N-freien Nahrungsbestandtheile schützen das Eiweiss vor nutz- 
losem Zerfall. Sobald der Tagesbetrag an N-freier Nahrung unter ein 
Minimum herabsinkt, hört die Funktion des wachsenden Organismus, 
Eiweiss in Menge zurückzuhalten auf, auch wenn dieses in genügendem 
Masse zugeführt und gut resorbirt wird. 

Die gesammte für 24 Stunden erforderte Kalorienmenge ninunt mit 
zunehmendem Alter zu, wenn auch nicht in dem a priori wohl anzu- 
nehmendem Maasse. Die relative Kalorienzahl, d. h. die pro Kilo Körper- 
gewicht erforderliche, nimmt dagegen konstant ab, entsprechend dem Satze 
Rubner's, dass das Nahrungsbedürfniss auf dk Einheit des Gewichtes 
berechnet, proportional ist der relativen Grösse der Körperoberfläche. 

In der Pubertät findet man meist auffälligerweise ein Minus an 
Nahrungsaufnahme, das man .speziell bei Mädchen auf vermindertem 
Stoffwechsel beziehen könnte. 

Das Eiweiss wird vom Brustkinde ziemlich gut ausgenützt; bei 
vermehrter Darmperistaltik, Dyspepsie leidet auch seine Resorption be- 
trächtlich (Ib^jo und mehr). 



Physiologische Besonderheiten des Kindesalters. 17 

Das Flaschenkind setzt von seinen überreich eingeführten Eiweiss- 
mengen nur den kleinsten Theil an; es zersetzt den Rest und scheidet 
ihn mit Urin und Schweiss wieder aus. 

Chloraufnahme wie Chlorausgabe schwanken beim Säughng sehr; 
der Chloransatz scheint beim Brustkinde reichlich zu erfolgen. 

Das Pf lanzenei weis s (der Kindermehle) wird zwar — auch in 
Fällen schlechter Verdauung — reichlich aufgesaugt, aber einmal 
wird dieses Eiweiss durch Urin und Schweiss wieder ausgeschieden, 
sodann, zumal da bei Mehlsuppenernährung gewöhnlich ungenügende 
Mengen von Eiweisssparern eingeführt werden, verliert ein so ernährtes 
Kind nicht nur Körperfett, vielmehr auch häufig gleichzeitig Körper- 
eiweiss. 

Das Milchfett wird im Allgemeinen recht gut ausgenutzt (^um 
90 "/o — 95 "/o) sogar bei Bestehen leichterer intestinaler Dyspepsien ; bei 
ausgesprocheneren Darmstörungen leidet die Fettresorption beträchtlich 
(Ib^ln und mehr Verlust). 

Der Zucker wird meist ziemlich vollkommen resorbirt; jedenfalls 
vermag man reducirende Substanzen in grösserer Menge im Stuhlgang 
nicht nachzuweisen. 

Welcher der beiden Stoffe, Fett oder Zucker, als Eiweisssparer die 
Hauptrolle spielt, ist verschieden je nach den Umständen. Beim ge- 
sunden Kinde wird das Fett so gut vertragen und ausgenutzt, dass 
man es stets als das, die meiste Kalorienzahl in konzentrirtester Form 
zuführende Nahrungsmittel in physiologisch erlaubter Menge geben, nur 
ungern missen wird, mu so weniger, als sein Ersatz durch reichere Zu- 
fuhr grosser Zuckermengen seine Bedenken hat. Beim dyspeptischen 
Kinde ist dagegen die Fettresorption in der Regel rasch so gestört, so 
mangelhaft, dass wir in solchen Fällen gut thun, es durch einen Ueber- 
schuss an Kohlehydraten zu ersetzen (fettarme, aber kohlehydratreiche 
Eselsmilch, Malzsuppe, Zucker). 

Die Milch ist nicht nur ein Nahrungsmittel für den Säugling, 
sondern eine vollkommene Nahrung, denn sie vermag allein für sich 
den Bedarf des kindlichen Organismus im Säuglingsalter zu decken. 
Von Kindern und speciell Säuglingen wird sie ungleich besser ver- 
arbeitet, wie von Erwachsenen. 

Die Milch wird ausgenutzt: 
vom Brustkinde zu 97,57 0/0 des N 94 — 95 ''/o des Fettes. 

vom 1 — 2 jährigen Kinde zu 93 °/o des N 94,7 "/o des Fettes 
vom 4 — 1 1 jährigen Kinde zu 94 "lo des N 94,1^/0 des Fettes 

H a u s 6 r . Grundriss der Kinderheilkunde. Zweite Auflage. 2 



■{Q Physiologische Besonderheiten des Kindesalters. 

während der Erwachsene nur 88,8— 95 °/o des N, 92— 93 0/o des Fettes 
verwerthet. Es scheint, dass mit zunehmendem Alter eine langsame 
Abnahme in der Ausnützung sowohl des Stickstoffs wie des Fettes der 
Milch eintritt. 

Urogenitalorgane. 

Die Nieren sind relativ gross und zeigen beim Neugeborenen Harn- 
säureinfai'kt. Der Harn weist beim Neugeborenen sowie in den ersten 
Lebenstagen zuweilen eine geringe Eiweissausscheidung auf, die wohl 
am Richtigsten als eine Fortsetzung der Eiweisstranssudation der Em- 
bryonennieren und nicht auf den Harnsäureinfarkt bezogen wird. 

Die Harnmenge beträgt etwa 50— 60 g pro 100 g Milch, pro die, 
im 1.-2. Jahre ca. 500 ccm, im 6.-7. 500-700, im 10.— 12. über 
800 ccm, um mit der Pubertät auf 12 — 1400 ccm zu steigen. Das 
spezifische Gewicht ist niedrig, höchstens 1005 — 1010, meist 1003 — 1005, 
die Farbe hochgestellt, die Reaktion schwach sauer bis neutral ; die Stick- 
stoffauscheidung ist relativ schwach, da viel Stickstoff zum Ansatz ver- 
braucht wird. Die Trockensubstanz beträgt nur 0,453 — 0,738 "/o. 

Auffallend erscheint die Fähigkeit und Neigung selbst sehr jugend- 
licher Altersstufen zur Onanie. 

Nervensystem. 

Am Kopf des Kindes hört man bis Ende des 2. Jahres neben 
dem fortgeleiteten Athemgeräusch ein herzsystolisches Blasen ; dasselbe 
ist eine physiologische Erscheinung, findet sich aber besonders laut bei 
Anämie und Rhachitis. 

Die grosse Fontanelle schliesst sich normaler Weise zwischen dem 
16. — 20. Monat, ohne dass ein längeres Offenbleiben, allein für sieh 
bestehend, als pathologisch angesehen werden muss. Die Spannung der 
häutigen Decke der Fontanellen ist ein Gradmesser für die Höhe des 
intrakraniellen Druckes (vermehrt bei Hydrocephalus, Meningitis, Tumor) 
wie für einen Wasserverlust des Gehirns, der gesammten Gewebe, eine 
Abnahme der Füllung und des Drucks innerhalb des Gefässsystems 
(Einsinken der Fontanelle bei Cholera nostras, Diarrhöen, Collaps, 
Atrophie); ähnliches gilt für die Knochennähte, welche dicht an ein- 
ander liegen sollen, aber durch intrakraniellen Druck auseinander weichen 
können, so, wie andererseits die angrenzenden Knochenränder sich bei 
Collapszuständen einer unter den andern schieben können. 



Physiologische Besonderheiten des Kindesalteis. 19 

Asyniinetrien des Schädels finden sich angeboren sehr häufig und 
geben den Eltern Anlass zu besorgter Nachfrage ; sie beruhen zum Theil 
auf angeerbter Bildung, zum Theil auf Deformitäten , die durch Druck 
und Lagezwang im Uterus erzeugt sind. 

Der Schädelumfang überwiegt in den ersten beiden Lebensjahren 
den Gesichtsumfang beträchtlich. 

Das frühe Kindesalter zeigt eine auffallende Disposition zu mo- 
torischen Reizerscheinungen, allgemeinen und lokalisirten Konvulsionen, 
Krämpfen, die man zum Theil darauf zurückgeführt hat, dass den 
Kindern ähnlich wie jungen Thieren die Reflexhemmungscentren im 
Gehirn und Rückenmark fehlen. Die Neigung zu Reflexkrämpfen (Zu- 
sammenzucken bei Geräusch, Schreck, Glottiskrampf) erscheint in der 
ersten Lebensperiode am grössten. Die direkten und die gekreuzten 
Pyramidenbahnen sind anfangs noch wenig entwickelt; dies erklärt, 
warum die Bewegungen anfangs reine Reflexakte sind, dass dieselben 
erst mit zunehmender Ausbildung der Pyramiden bahnen von dem mo- 
torischen Centrum beherrscht, dass sie gewollte Bewegungen, dagegen 
die Reflexbewegungen unterdrückt werden. 

Die Nerven neugeborener Kinder enthalten nur vereinzelt doppel- 
konturirte Nervenfasern ; die Markscheiden sind meist zart und dünn, 
zeigen oft lange Unterbrechungen ; das Mark ist nicht gleichmässig ab- 
gelagert. Die peripherischen Nerven zeigen speziell bezüglich der Mark- 
scheiden eine fortwährende Ausbddung, so dass etwa mit dem 2. — 3. 
Jahre die Verhältnisse wie beim Erwachsenen erreicht sind. 

Weniger auffällig sind die Unterschiede in der Entwickelung des 
Muskelsystems; charakteristisch ist die rundliche (nicht polygonale) 
Form der Muskelfaser, der geringere Durchmesser, der Reichthum an 
Kernen, deren Anordnung in Häufchen. 

Die mangelhafte Entwickelung der Markscheiden ist wahrscheinlich 
eine der Ursachen der verminderten Erregbarkeit der Nerven 
des jungen Kindes; daneben die geringere Breite von Nerven und 
Muskelfasern 

Die elektrische Erregbarkeit der Nerven ist sicher in 
den ersten Tagen, nach meinen Untersuchungen noch weit länger hin 
vermindert. 

Die Widerstände für den elektrischen Strom sind im Allgemeinen 
bei jungen Säuglingen erheblich grösser wie später (Lanugohärchen etc.). 

Die Muskelzuckungen bei Nerveiu'eizung sind auffallend träge. 

2* 



20 Physiologische Besonderheiten des Kindesalters. 

Die Reflexe sind schon frühzeitig mit wenigen Ausnahmen normal 
entwickelt, speziell die Haut- und Schleimhaut-, weniger konstant die 
Sehnenreflexe. 



Gewisse Drüsen (Glandula thyreoidea, pinealis, Thymus) gehören 
speziell dem frühen Kindesalter an; sie hören nach der Geburt auf zu 
wachsen und atrophiren am Ende der Wachsthumsperiode, scheinen also 
beim Wachsthum und der gesamniten Entvvickelung eine wesentliche 
Rolle zu spielen (Myxödem etc.). 



Körpertemperatur: Die beim Kinde für die Diagnose fast 
noch wichtiger wie beim Erwachsenen erscheinende Temperatur- 
messung lasse man stets im Mastdarm vornehmen; es genügt bei 
tiefer Einführung ein Liegenlassen eines Thermometers mit nicht zu 
grosser Quecksilbermasse auf die Dauer von 1 — 2 Minuten. Einmal 
ist diese Messung unbedingt zuverlässiger wie die in der Achselhöhle, 
die auch bei verhältnissmässig ruhigen Kindern kaum für die Dauer 
von ^U Stunde festgeschlossen zu halten ist; sodann ist sie viel an- 
genehmer für die Kinder, die meist an Klystiere gewöhnt, die Einführ- 
ung des Thermometers in den Darm nicht sehr übel zu nehmen pflegen, 
während es nur schwer möglich ist, sie so lange Zeit, wie die Achsel- 
messung erfordert, mit festangedrücktem Arme ruhig zu verhalten ; ferner 
erspart man der Pflegerin einen bei häufiger nothwendig werdenden, etwa 
4 stündlichen Messungen beträchtlichen Zeitverlust; endlich schlage ich 
die Gefahr, das Thermometer in der allseitig von weichen und elastischen 
Geweben umgebenen Mastdarmampulle zu zerbrechen, für viel geringer 
an, als in der von den knöchernen Rippen und dem Oberarm um- 
gebenen Achselhöhle , in welcher in nicht so grosser Tiefe die grossen 
Blutgefässe und Nerven verlaufen. 

Der Unterschied zwischen Mastdarm- und Achselliöhlentemperatur 
beträgt 0,5 — 0,8 — 1,0 Grad. 

Nicht unerwähnt bleibe, dass jeder Analmessung besonders in 
Krankenanstalten , aber auch in der Privatpraxis eine sorgfältige 
Reinigung des Thermometers zu folgen hat (am besten mit in Lysol 
getauchter Watte), will man nicht anders Infektionen speziell das In- 
testinaltraktus verbreiten. 



Physiologisclie Besonderheiten des Kindesaltevs. 21 

Die Haut des Neugeborenen schuppt etwas und stösst die Lanugo- 
härchen ab ; die Talgdrüsen speziell der Kopfhaut neigen zur Hyper- 
sekretion. Miliaria-, Erythem- und Ekzembildung ist ungemein häufig. 

Das Schlaf bedürfniss ist im Säuglingsalter sehr gross, der 
Schlaf jedoch kein durchweg sehr fester, gleichmässiger ; für ältere 
Kinder ist der ausserordentlich feste, tiefe Schlaf charakteristisch und 
Zeichen von Gesundheit. Schlafneigung zu ungewohnter Zeit ist ein 
zuverlässiges Zeichen gestörter Gesundheit. 

Die Augen .sind auch beim gesunden Kinde im Schlafe von den 
oberen Lidern manchmal nur halb verdeckt. Diese Erscheinung pflegt 
ebenso wie das unheimlich anzuhörende nach tliche Zähnekn irschen 
unerfahrene Mütter, oder solche, welche dasselbe bei einem an Menin- 
gitis erkrankten Kinde zu beobachten hatten, sehr beunruhigt; ohne 
dieses Phänomen genügend erklären zu können, darf man es, wo es 
isolirt auftritt, als physiologisch bezeichnen. — Die Pupillen sind 
bekanntlich um so weiter, je jünger das Individuum; andererseits ist 
gerade für den Säugling, der die meiste Zeit schläft, die weite Pupille 
desshalb verwunderlich, weil im Schlafe die Pupillen sehr eng sind. 



Das Kind verträgt auf der einen Seite manche Arzneimittel 
ausnehmend gut, die man wie z. B. des Calomel, bei Erwachsenen nur 
mit Vorsicht anwenden darf; andererseits soll es sich gegenüber gewissen 
narkotischen Mitteln (Ausnahme : das Chloralhydrat und die Bromprä- 
parate, die Chloroformnarkose) und zwar im Besonderen dem Opium 
und seinen Derivaten sehr empfindlich zeigen, was allerdings mit meinen 
persönlichen Erfahrungen nicht übereinstimmt. Ein Schema der Arznei- 
mitteldosen für die verschiedenen Altersstufen lässt sich nicht aufstellen ; 
hier kann nur längere Erfahrung und Berücksichtigung des Körper- 
gewichts, des Alters neben der Konstitution und individuellen Eigen- 
heiten das richtige Maass anweisen, beziehungsweise herausfinden. 



22 Die Diätetik des Kindesalters. 



Die Diätetik des Kindesalters. 

Die Quintessenz der Diätetik des Kindesalters ist die Lehre von 
der richtigen Ernährung; von dieser hängen Leben und Gedeihen der 
Kinder in erster Linie ab. 

Da dem Haus- und Kinderarzt, wenn er die Geburt nicht selber 
leitete, doch bald nach Eintritt des Neugeborenen in diese Welt die 
Verantwortung für seine Entwickelung anvertraut zu werden pflegt, so 
ist es nöthig, wenn auch in Kürze, die Pflege der ersten Zeit 
nach der Geburt zu erwähnen. 

Naclidem das Neugeborene abgenabelt und gebadet ist, empfiehlt 
es sich, dasselbe genau auf das Vorhandensein angeborener Missbild- 
ungen oder Krankheiten hin zu untersuchen , schon um die besorgte 
junge Mutter mit der Versicherung beruhigen zu können, dass alles an 
ihrem Kinde normal befunden wurde, sodann um eventuell frühzeitig 
operative Eingriffe und dergl. , die nöthig sind , vornehmen zu können. 
Neben Polydactylie, Teleangiectasien und Angiomen achte man speziell 
auf Hasenscharten und Wolfsrachen , Atresia ani, H3'pospadie, Blasen- 
ectopie, sodann auf Hydroceplialus, wenn auch geringen Grades, Spina 
bifida, Vitium cordis congenitum, Lues congenita, sowie Geburtstraumen. 

Bei dem geringsten Verdachte, dass bei der Mutter eine gonor- 
rhoische Affektion bestehe, suche man einer Blennorrhoea neonatorum 
durch eine gründliche Desinfektion der mütterlichen Geburtswege vor 
und während des Geburtsaktes und, wenn es dafür zu spät, oder dieses 
verabsäumt, durch Instillation einiger Tropfen Solutio Argenti nitrici 2 "/o 
in den Koujunktivalsack des Kindes vorzubeugen. 

Ein wichtiger Punkt, auf den sich besonders die sorgfältige Be- 
obachtung richten muss, ist eine ausgiebige, ruhige Respiration des Neu- 
geborenen. Ihre Störungen und deren Behandlung finden in einem 
besonderen Kapjitel eingehende Besprechung. 

In der Versorgung des Nabels bez. der Nabelwunde überwache 
man die Pflegerin genau; nur allzu häufig geben Vernachlässigung 
dieser Wunde und Infektion derselben die Quelle zu schweren Stör- 
ungen ab. Man kontrollire den festen Verschluss des Uuterbindungs- 
bandes ; den Nabelschnurrost behandelt man am zweckmässigsten trocken 
und aseptisch vermittelst Watteeinwickelung oder milde antiseptiseh durch 
Puderungen mit Acidum boricum. Pulvis salicylicus cum talno, Dermatol, 
Airol, nur im gebotenen Falle mit Jodoform. 



Die Diätetik des Eindesalters. 23 

Für schonende Reinigung des Mundes und der Nase nach der 
Geburt ist gleichfalls Sorge zu tragen. 

Bekleidet wird das Kind mit Hemd und Jäckchen, weichen Windeln 
(nicht aus neuem Leinen), nöthigenfalls auch wollenen Strümpfchen. 

Das Lager bestehe am besten in einem grossen , hochgestellten 
Korbe oder einem hölzernen Bettchen mit dem üblichen Steckkissen 
und Federbetten; der Körper einschliesslich des Kopfes liege ganz 
horizontal. 

Wenn, um den Kontrast zwischen dem Aufenthalt im Mutterleibe 
und der Aussenwelt zu mildern, Fernhalten von Zug und Wind, warme 
Zimmertemperatur, Schutz vor grellem Licht gewiss am Platze sind, so 
hat man doch meist die Sucht der Angehörigen zu bekämpfen , das 
Kind unter Federkissen, dem Lacklederverschlag des W^agens, den 
dichten Vorhängen des Bettchens so zu verpacken, dass es seine eigene 
Exspiration sluft immer wieder einzuathmen bekommt und zu warm liegt. 

Fernerhin achte man auf eine genügende, event. durch Klystiere 
und Milchzucker oder Malzextrakt (Maltose) anzuregende Entleerung des 
Kindspechs , auf den Eintritt von Mastitis , Ikterus , Pemjihigus, Inter- 
trigo, Erythema. 

Es ist darauf zu halten , dass die Pflegerin beim Bade sich nicht 
auf ihr Gefühl, sondern auf ein gutes Thermometer zur Innehaltung der 
richtigen Badewassertemperatur (28" R.) verlasse. 

Mit der eigentlichen Ernährung des Säuglings warte man nicht 
zu lange, um eine unnöthige Gewichtseinbusse zu verhüten. Frühzeitig 
schon den beliebten Fenchel- oder Pfefferminzthee zu reichen, hat keinen 
grossen Zweck, wenn auch eine gewisse, die Peristaltik anregende Wirk- 
ung der zuckerhaltigen Getränke nicht immer zu unterschätzen ist. 

Die natürliche Ernährung an der Mutterbrust. 

Nach 12, spätestens 24 Stunden versuche man, den Säugling an 
die Mutterbrust zu legen, wenn auch nur einigermassen Aussicht vorhanden 
ist, dass sie ihm, und wäre es auch nur für die erste Zeit, die natür- 
liche Nahrung zufliessen lassen wird ; es liegt dies gleichermassen im 
Interesse des Kindes wie — wenigstens für die Wochenbettsperiode — 
in dem der Mutter. Voraussetzung ist natürlich, dass seitens der Mutter 
keine Kontraindikation in Gestalt von Geisteskrankheit, Epilepsie, Tuber- 
kulose, Herzfehler, chronischen Haut- und Nierenaffektionen , schwerer 
Anämie und Nervosität, jeder Art von Kachexie, Metrorrhagien und 



24 Die Diätetik des Kindesalters. 

Puerperalinfektion, akuten fieberhaften Krankheiten vorliegen. Bei Lues 
hereditaria lasse mau die Mutter, sofern sie nicht kachektisch ist, ruhig 
stillen. Zu kleine, versteckt liegende, leicht blutende und wundwerdende 
Brustwarzen, zu jugendliches Alter, eine ruhelose, aufregende Lebensweise 
der Mutter vereiteln hier und da auch bei reichlich vorhandener Milch 
das Stillen. Ebenso kommen wunderbare Fälle vor, wo ein Kind bei 
der reichlich fliessenden und anscheinend normalen Milch der eigenen 
Mutter nicht gedeihen will. 

Während in der Regel die Mutter- (resp. Ammen-) milchernährung 
dem Säugling ein gutes, regelmässiges Gedeihen nahezu verbürgt, lehrt 
die Praxis, dass auch bei ihr häufig genug Störungen vorkommen und 
die natürliche Ernährung aufzugeben zwingen können. 

Das Stillen verlangt im Anfang oft grosse Geduld und Umsicht ; 
die Mutter versuche, aber stets erst nach einer sorgfältigen Reinigung 
der Brustwarze, dem Kinde letztere, sie zwischen Zeige- und Mittelfinger 
umfassend, in den Mund zu schieben und durch gleichzeitige, das Co- 
lostrum aus den Milchgängen ausdrückende streichende Bewegungen dem 
Säugling die Milch zufliessen zu lassen. 

Von Wichtigkeit ist hierbei vor allem , dass dem Säuglinge durch 
einen Finger derselben Hand die Nase freigehalten wird , da er , wenn 
die anliegende Brust die Respiration erschwert oder gar verhindert, so- 
fort zu saugen aufhören muss. Auch trinken manche Kinder anfangs 
besser, wenn man ihnen zunächst die linke Brust giebt, in welcher Lage 
die relativ grosse Leber nicht so auf Magen und Abdomen lastet. 

Man lasse den Säugling im Allgemeinen so lange trinken , bis er 
satt, gewissermassen wie ein vollgesogener Blutegel von der Brust ab- 
fällt und in tiefen Schlaf versinkt; dazu braucht ein kräftiges, gut 
saugendes Kind im Allgemeinen 7 — 10 Minuten, schwächere 10 — 12 
Minuten. Als Ausnahme von der Regel ist der Fall zu betrachten, 
dass ein Kind nach der Mutter- oder Ammenbrust ungewöhnlich viel 
und anhaltend speit oder gar stromweise erbricht, auch wohl Unruhe, 
Koliken etc. verräth oder endlich richtig dyspeptisch wird. Dann ver- 
kürze man die Dauer des Saugens. Keinenfalls ist es gut, die Kinder, 
wie es manche Ammen lieben, über 15 — 20 Minuten hinaus Va Stunden 
lang und länger an der Brust liegen zu lassen. Von der Möglichkeit 
der Entstehung von Verdauungsstörung durch Ueberfütterung, von der 
unnützen Verwöhnung abgesehen, besteht die nahehegende Gefahr, dass 
die Stillende in der Naoht übermüdet einschläft und das Kind drückt 
oder selbst erstickt. 



Die Diätetik des Kindesalters. 25 

Nach dem Trinken ist das Kind gleicli wieder m sein Bettchen zu 
legen, keinenfalls zu wiegen oder unter schaukehiden Bewegungen auf 
den Armen umherzutragen, was weder dem Gehirn noch dem verdauen- 
den Magen gut sein kann, jedenfalls leicht Erbrechen erregt und die 
Kinder verwöhnt, unruhig macht, ja in ihrer Entwickelung beeinträch- 
tigen kann ; dagegen ist es als nützlich erprobt, den Säugling nach dem 
Stillen auf dem linken Arm für einige Minuten etwas hochzurichten, 
wohl auch auf den als Stütze untergehaltenen linken Arm mit der 
flachen rechten Hand einige Male leicht zu klopfen , um durch diese 
Erschütterung die gewöhnlich bald erfolgenden Ructus zu befördern und 
zu verhindern, dass mit ihnen zugleich mehr Milch als nöthig durch 
Speien regurgitirt. 

Für das Gedeihen der Kinder ist es von grosser Wichtigkeit, dass 
sie mindestens die ersten 5 — 6 Monate, besser bis zum lü. und 11. 
Monat möglichst andauernd liegen, nicht mit ihrer schwachen Rücken- 
und Nackenmuskulatur vorzeitig auf den Arm genommen und umher- 
getragen werden. Ausserdem macht die Pflege und Abwartung eines 
so gewöhnten Kindes unendlich viel weniger Mühe. 

Nahrung gei'eicht wird die ersten Tage und Nächte so oft, als das 
Kind seinen Hunger durch Geschrei, wohl auch Saugebewegung von 
Mund und Zunge, durch Lutschen an seinen Fingerchen meldet, doch 
nie öfter als 2 stündlich. Möglichst bald , jedenfalls nach Ablauf der 
ersten Woche gewöhne man den Säugling an Regelmässigkeit, eines 
der wichtigsten Momente bei der Ernährung ; man lasse 2 stündlich, 
vom 3. Monat 2 '/a stündlich, vom 6. Monat 3 stündlich stillen; einiger- 
massen kräftige Kinder lassen sich sehr wohl von Anfang an an drei- 
stündliche Mahlzeiten gewöhnen. 

"Wenn reichlich Milch vorhanden ist, legt man abwechselnd zur 
Schonung der Brustwarzen an die linke und rechte Brust an; bei 
mangelhafter Sekretion, wo eine Brust zur Stillung nicht ausreicht, ist 
das öftere Saugen ein Reiz für die Drüsen, der eine stärkere Sekretion 
anregen kann. 

Alles in Allem genügen anfangs 7 bis höchstens 8 , später 5 bis 
6 Mahlzeiten; je eher man das Kind (mit 4 — 6 Wochen) an eine grosse 
Nachtpause von 7 — 8, später 10 Stunden gewöhnt, um so besser für 
das Kind vmd nebenbei auch für die ruhebedürftige Mutter und die 
ganze Familie. 

Erscheint von vorneherein der Verdacht begründet, dass die Mutter 
auf die Dauer die für das Gedeihen des Kindes noth wendige Nahrung 



26 Die Diätetik des Kindesalters. 

nicht in ausreichender Menge oder guter Qualität beschaffen kann, so 
warte man nicht so lange, bis bei Mutter oder Kind eine Schädigung 
der Gesundheit bemerkt wird, sondern gebe rechtzeitig die Flasche zu. 
Jedenfalls hat eine unterstützende künstliche Ernährung sofort Platz zu 
greifen, wenn die stillende Mutter anämisch oder gar ödematös wird 
(hydrämisch), abmagert, den Appetit verliert, aufgeregt, schlaflos wird 
(cave psycbos. puerper.), über Eückenschmerzen klagt, oder wenn das 
Kind sehr unruhig wird, nicht mehr satt zu werden scheint, nicht genügend 
an Gewicht zunimmt. Erfahrungsgemäss gedeihen die meisten Kinder 
bei einer Kombinati on von natürlicher und künstlicher Ernähr- 
ung in der Regel sehr gut. Und es ist für Kind und Mutter jeden- 
falls viel vortheilhaf ter , dass die Mutterbrust neben der Flasche mög- 
lichst lange Zeit ausreicht, als dass das Kind eine kürzere Zeit nur 
Muttermilch erhält und dann plötzlich ganz abgesetzt werden muss. 
Endlich erleichtert man der Mutter dadurch, dass man sie nicht so 
völlig an das Haus fesselt, ihr kleine gesellschaftliche Vergnügungen 
u. dgl. ermöglicht, der Art das Stillgeschäft, dem Kinde die spätere 
Entwöhnung, dass ich fast stets auch bei kräftigen Müttern mit reicher 
Nahrung schon ziemlich frühzeitig eine oder einige Flaschen zugeben lasse. 

Gegen die übliche, dem Trinken vorausgehende und nachfolgende 
Reinigung des Mundes führt man mit Recht an, dass sie in ihrem 
Nutzen wahrscheinlich recht illusorisch ist, dass aber selbst bei der 
sorgsamsten und zartesten Ausführung zweifellos leicht oberflächliche 
Verletzungen der schützenden Epithelschicht der Mundschleimhaut er- 
zeugt und damit gewissen Infektionserregern (Soorpilz) Eingangspforten 
geschaffen werden; es kann dies sehr wohl Veranlassung zu schlecht 
heilenden Substanzverlusten und Geschwüren geben. Ich halte daher 
dieses Mundauswischen mindestens für überflüssig; nur nach der Nacht, 
nach einer langen Ruhe ist eine vorsichtige Mundreinigung vielleicht 
am Platz. 

Um so wichtiger und bedeutsamer ist eine regelmässige Reinigung 
und Desinfektion der Brustwarzen mit sterilem Wasser, einer 
Lösung von essigsaurer Thonerde oder mit Alkohol. Da in der Münd- 
ung der Milchgänge fast regelmässig Mikroorganismen sich vorfinden, 
empfiehlt es sich ferner, vor dem Stillen die in demselben stagnirenden 
Milcbreste durch zartes Streichen und Ausdrücken abzuspritzen. 

Der dunkelschwarzbraune oder schwarzgrüne Meconiumstulil der 
ersten 2 — 3 Tage weicht allmählich den Milchstühlen. Die Kennzeichen 
des normalen Muttermilchstuhles sind: gelbe, gold- auch safrangelbe 



Die Diätetik des Kindesalters. 27 

Farbe, spärliche weissliche Beimengungen, dickbreiige Konsistenz, fast 
ganz gleichmässige Beschaffenheit , also im Ganzen , wie man ihn zu- 
treffend verglichen hat. Aussehen und Konsistenz des Rühreis. Der 
Geruch ist fad, auch süsslich, etwas unangenehm, doch nie stinkend, wie 
Fleischstuhl. Der Stuhl erfolgt normalerweise 2 — 3 mal, selten nur 
1 mal oder öfter wie 3 mal in 2i Stunden. Beim Liegen an der Luft 
nehmen auch die normalen gelben Stühle durch Oxydation des Gallen- 
farbstoffs (?) oder Bakterieneinwirkung eine grüne Färbung an. 

Der Urin sei liellklar, fast wasserfarbig, hinterlasse in den Windeln 
sehr wenig Farbstoff, keine Niederschläge. 

Kurz vor jeder Nahrungsdarreichung soll das Kind jedesmal trocken 
gelegt, ad nates gewaschen und zur Verhütung von Intertrigo gepudert 
werden. 

Die Ammen-Ernährung. 

Wenn die eigene Mutter den Neugeborenen nicht zu stillen ver- 
mag, nicht stillen will, aus ärztlichen Gründen nicht nähren darf, oder 
wenn sie bald die Nahrung verliert, so ist es zweifellos das nächst- 
liegende Beste, die Mutter durch eine Amme zu ersetzen. 

Die Beschaffung einer passenden Amme ist oft mit grossen Schwierig- 
keiten verknüpft, ihre Auswahl, wenn eine solche überhaupt möglich, 
nicht immer leicht, stets verantwortungsvoll. Die Amme sei weder zu 
jung (unter 18 Jahr), noch zu alt. Das höchste spez. Gewicht der 
Milch wii'd bei Frauen im Alter von 20— 26 resp. 30 Jahren gefunden. 
Der Termin ihrer Entbindung stimme möglichst mit dem der Geburt des 
zu nährenden Kindes überein; lieber nehme man eine Amme von etwas 
späterer als von der ersten Laktationszeit. Nur ausnahmsweise wird es 
gelingen, einem Kinde als erste Nahrung nach der Geburt das ihm 
physiologischer Weise zukommende Colostrum durch eine frisch ent- 
bundene Amme zu verschaffen. Die Schädigung der Verdauung, welche 
manche Autoren aus dem Umstände herleiten, dass dem Säugling statt 
des Colostrums eine bereits fertig ausgebildete Milch gegeben wird, wie 
dies ja die Regel ist, habe ich nie zweifellos feststellen können. Eine 
eingehende Untersuchung stelle fest, ob nicht eine absolute Kontra- 
indikation zum Stillen besteht in Gestalt von Tuberkulose, Lues, Go- 
norrhoe, Scabies, fieberhaften Krankheiten, Epilepsie. Neben einer 
kräftigen Konstitution, gutem Knochenbau, entsprechender Muskulatur, 
normalem Panniculus adiposus ist die Hauptsache natürlich ein gut 
entwickelter, genügend grosser, sich schwer anfühlender Brustdrüsen- 



28 Die Diätetik des Kindesalters. 

körper, eine nicht tiefliegende, 1 — 2 em lange Warze mit fester, wider- 
standsfähiger Haut. Die Milch lasse sich in weitspritzenden Strahlen 
aus 6 und mehr Milchgängen durch massigen Druck entleeren, auch 
noch nachdem das Kind an derselben Brust satt geworden. Rhagaden 
der Warze oder gar entzündliche Processe an der Mamma dürfen nicht 
bestehen. Erstere brauchen nicht direkt schädlich auf das Kind zu 
wirken; denn ich habe einige Male gesehen, dass Kinder gut gediehen, 
welche beim Stillen besonders im Moment des Ansaugens so viel Blut 
neben der Milch bekamen, dass ihr Stuhlgang stark sanguinolent war; 
doch leidet unter den Blutverlusten und besonders unter den heftigen 
Schmerzen das psychische und physische Befinden der Stillenden so 
sehr, dass sie meist nicht lange auszuhalten pflegen ; auch giebt jede Rha- 
gade eine dauernde Möglichkeit mastitischer Infektion. Echte Mastitis 
verbietet das Stillen unbedingt, wenigstens auf der betreffenden Brust, 
da das Kind direkt Eiter mit Staphylokokken bekommen kann. 

Eine schlaffe Beschaffenheit der IMammae braucht nicht alizu- 
schrecken; relativ kleine, weiche, während des Stillens eigentlich niemals 
prall gefüllte Brüste bewähren sich oft vorzüglich. 

Ein zuverlässiges ürtheil darüber abzugeben, ob eine Amme Milch 
hat und sie behält, ist schlechterdings unmöglich. Abgesehen von direkt 
betrügerischen Manipulationen, denen man seitens der sich anbietenden 
Amme, noch mehr von Seiten der Ammen vermietherin ausgesetzt ist, 
spielen die Veränderung der Kost und Lebensweise, Gram und Sorge 
wegen des eigenen, verlassenen Kindes, Entkräftung durch schlechte 
Pflege und Ernährung vor und nach der Gebiu't nur zu oft eine wich- 
tige Rolle. 

Auf eine Untersuchung des von einer Ammenvernüetherin mit- 
gebrachten Kindes pflege ich mich in der Regel gar nicht einzulassen, 
da mir Niemand garantirt, dass dies auch wirklich das Kind der zu 
untersuchenden Amme ist. 

Man kann im Allgemeinen nur sagen: zur Zeit hat die Amme 
Milch ; ob sie im speziellen Falle genügend reichliche und vor allem 
auch bekömmliche Nahrung hat, darüber entscheidet nur der praktische 
Versuch und die Wägung des Kindes theils vor und nach dem Stillen 
(um die Menge der aufgenommenen Milch festzustellen), theils alle 8 
Tage, um die normale Gewichtszunahme zu kontroUiren. Daneben gibt 
das Benehmen des Kindes, ob es nach dem Trinken ruhig ist, einschläft, 
ob es reichlich in die Windeln nässt, ob es normale und genügende Stühle 
hat, hinreichenden Aufschluss. Die mikroskopische Untersuchung 



Die Diätetik des Kindesaltei's. 29 

der Ainmenmilch gibt leider keinen entscheidenden Aufschluss über 
ihre Bekömmliclikeit, darüber, ob sie gerade für den vorliegenden Fall 
geeignet sei. Zahl, Form und Grösse der Milchkügelchen beweisen bei 
einmaliger Untersuchung nicht viel; werthvoller schon ist eine genaue 
quantitative Analyse, welche Aufschluss giebt, ob die Milch den Durch- 
schnittszahlen entspricht; ausschlaggebend wird stets nur die praktische 
Erprobung bleiben. 

Bedeutungsvoller ist die bakteriologische Untersuchung der 
Milch, die jedenfalls in allen Fällen einer dyspeptischen Störung, bei an- 
haltenden Koliken des Kindes von diagnostischem und therapeutischem 
Werthe sein kann ; so fand ich als Ursache sonst unerklärlicher Koliken 
in Ammenmilch und Sedes Staphylokokken, speziell den nichts weniger 
wie harmlosen St. pyogenes aureus fast in Reinkultur, auch Strepto- 
kokken und Hefepilze; dagegen ist der St. pyogenes albus für ge- 
wöhnlich als unschädlich anzusehen. 

Man thut gut, die Angehörigen vorsichtshalber von vorneherein 
auf einen eventuellen Ammenwechsel vorzubereiten. 

Die meiste Garantie bietet noch eine Amme, deren Kind gesund 
und gediehen ist, oder die Ijereits ein Mal ein Kind aufgezogen hat 
und nun zum zweiten Male stillt. 

Wünschenswerthe Eigenschaften sind bei einer Amme noch eine 
saubere gesunde Verfassung des Mundes, speziell der Zähne. 

Hat man die Wahl, so bevorzuge man als Amme Dienstmädchen, 
Mädchen vom Lande vor solchen, die früher Fabrikarbeiterinnen, Näh- 
mädchen oder gar Kellnerinnen und dergl. waren. 

An die moralisclien Eigenschaften der Amme wird man natur- 
gemäss einen auch nur massig hohen Anspruch nicht stellen können. 
Man muss sich nicht selten mit dem Gedanken trösten, dass man in 
ihr schliesslich nur eine „melkende Kuh" suchen und finden darf, so 
fatale, ja oft geradezu kritische Zustände das Zusammenleben in der 
Familie mit einer zweifelhaften Person zur Folge haben kann. Hegt 
man berechtigte Zweifel über den Charakter imd die Moral der Amme, 
so kann nur eine Tag und Nacht durchgeführte Ueberwachung vor 
Unannehmlichkeiten und Gefahren für das Kind schützen. 

Neben einer scharfen Ueberwachung der Amme, was die Kindes- 
pflege, die eigene Beinlichkeit, regelmässige Stuhlentleerung und dergl. 
anlangt, ist die Hauptsache für eine glückliche Durchführung der Ammen- 
haltung die richtige Ernährung der Amme. Der gewöhnliche Fehler, 
der gemacht wird, ist der, dass man ihre ganze gewohnte Lebensweise 



30 Die Diätetik des Kindesalters. 

und Eriiährungsart umkehrt; man denkt ihr und damit dem Kinde den 
grössten Gefallen zu thun, wenn man sie pflegt und schont, nicht mehr 
arbeiten lässt, sie mit ungewohnten Fleischportionen, mit Bier und dergl. 
füttert und oft systematisch überfüttert; dass die beste Amme dabei oft 
in Tagen die Milch verliert, kann nicht verwundern. Ihre Diätetik sei 
also ihrer früheren Gewohnheit und Lebensführung entsprechend; sie 
soll körperlich arbeiten, indem sie nicht nur mit dem Säugling spazieren 
geht, sondern auch alles leistet, was zu seiner Pflege gehört, baden, 
trocken legen , auch Windeln waschen und das Zimmer aufräumen. 
Die Kost sei genügend Stickstoff- und nicht zu fettreich, bestehe nicht 
bloss aus reichlichen Flüssigkeitsmengen , die wohl eine massenhafte, 
oft aber auch dünne Milch geben, sondern aus nahrstoffhaltigen Suppen, 
besonders Milehsuppen mit Mehlarten, Gries, Reis, reiner Milch, Weiss- 
und Graubrot, daneben Kartoffeln, leichte Gemüse, Fleischbrühen, ein- 
mal täglich Fleisch und Ei; das beliebte Ammenbier sei sehr alkohol- 
arm und malzreich. Konzentrirte alkoholische Getränke sind streng zu 
vermeiden. Bei massigem Alkoholgenuss geht kein Alkohol in die 
Milch über, auch bei grösserer Alkoholzufuhr nur in ganz geringer 
Menge von höchstens 0,2 — 0,6 "/o, aber immerhin so viel, dass man 
unter Umständen von einer Alkoholwirkung auf den Säugling reden 
kann. Obwohl der Alkohol auf die Absonderung der Frauenmilch 
direkt keinen Einfluss zu üben scheint, kann er doch indirekt durch 
Steigerung des Blutdruckes die Milchmenge vermehren, so dass gegebenen- 
falls leichte alkoholische Getränke nicht nur erlaubt, sondern sogar in- 
dicirt erscheinen. Gegen Obstipation gehe man mit gekochtem Obst, 
Klystiren, nöthigenfalls Oleum ricini vor; Eheum, Senna etc. sind, da sie 
in die Milch übergehen und dem Kinde Kolik und Diarrhöe erregen 
können, verboten, alle salinischen Abführmittel desshalb, w-eil sie zu 
reichliche seröse Darmausscheidungen bewirken und damit die Milch- 
sekretion beeinträchtigen. Von Medikamenten gehen Eisen , Arsenik, 
Jodkali, Bromkali etc. nicht in die Milch über. Antipyrin geht sichel- 
in die Milch der Stillenden übei', wenn auch nur in ganz geringer, die 
Milch, ihre Absonderung, wie auch den Säugling nicht beeinflussenden 
Menge. 

Von S t (■■] r u n g e n , die beim Stillen eintreten können, 
wäre neben eigentlichen Dy.spepsien und Krankheiten des Kindes oder 
der Stillenden vor allem der Eintritt der Menstruation zu nennen. Die- 
selbe erfolgt bekanntlich bei ca. 50 "/o der stillenden Frauen und hat 



Die Diätetik des Kindesalters. 31 

nur selten einen pathologisch sich äussernden Einfluss auf das Säuge- 
geschäft. Genaue Untersuchungen haben ergeben, dass sich zwar 
während der Menstruation Schwankungen im Fett- und Caseingehalt 
nachweisen lassen, dieselben aber viel geringer sind, als die physio- 
logischen und gut ertragenen Schwankungen zu den verschiedenen 
Tageszeiten. Die Milch ist ebenso steril wie vor der Menstruation. 
Nur zu früher Eintritt der Menstruation und pathologisch starke Blut- 
ung können die Gewichtszunahme der Kinder ungünstig beeinflussen. 
Doch ist nicht zu leugnen, dass mit jeder Menstruation immer wieder 
Veränderungen des Befindens beim Kinde wahrgenommen werden können, 
die sich vom vorübergehenden Unbehagen bis zur echten Dyspepsie 
steigern und, wenn auch selten, das Aussetzen wenigstens während der 
ersten Tage oder für immer, beziehungsweise einen Ammen Wechsel un- 
umgänglich machen können. Der Eintritt neuer Schwangerschaft, hoch- 
fieberhafter infektiöser Krankheiten machen das sofortige Aussetzen des 
Stillens nothwendig, während leichte febrile Affektionen, leichtere Dys- 
pepsien Menge und Beschaffenheit der Milch nicht nennenswerth zu 
verändern pflegen. 

Viel häufiger, wie man theoretisch annehmen sollte, sind auch bei 
Brustkindern Störungen der Ernährung in Gestalt von Dyspepsien. 
Dieselben beruhen oft genug auf einer systematischen Verfütterung des 
Kindes, dem aus dem Bestreben, recht grosse Zunahme zu erzielen, oder 
aus thörichter Liebe, als Beruhigungsmittel für jedes Geschrei ganz un- 
regelmässig, viel zu häufig und viel zu lange, Tag und Nachts ohne 
Ruhepausen die Brust gegeben wird. Da darf man sich dann nicht 
wundern, wenn auch eine an sich vorzügliche, tadellose Muttermilch 
Störungen, Erbrechen, Koliken, mit der Zeit Dyspepsien erzeugt. Eine 
genaue Regelung der Zahl und Dauer der Mahlzeiten wird meist rasche 
Heilung bringen. 

Aber auch bei geordneter Ernährung können Dyspepsien sich ein- 
stellen, die in einem Theil der Fälle ihre Ur.sache in unzweckmässiger 
Ernährung der Stillenden, genossenen Reiz- und Arzneimitteln, nicht 
selten in unruhiger, abgehetzter Lebensweise, Sorge und Kummer, depri- 
mirenden oder aufregenden psychischen Beeinflussungen aller Art ihren 
Ursprung haben. 

Endlich stossen uns hie und da auch Fälle auf, in denen keinerlei 
nachweisbare Schädigungen vorliegen und dennoch der Säugling mit 
einem Male bei ein- und derselben Nahrung dyspeptisch wird, bei der 
er zuvor lange Zeit ein ungestörtes Gedeihen, gute Verdauung dargeboten 



32 Die Diätetik des Kindesalters. 

hatten. Die Aetiologie solcher merkwürdigen Ereignisse, Isei denen sich 
auch durch feinste physiologisch-chemische Untersuchungen keine Ab- 
normität der natürlichen Nahrung nachweisen lässt, ist uns bislang 
dunkel geblieben. 

Bei allen diesen Störungen muss zunächst eine Beseitigung der 
eruirbaren Ursachen versucht, und wenn dies nicht gelingt oder nicht 
von Erfolg ist, eine radikale Aenderung der Ernährung vorgenommen 
werden. 

Ein ferneres störendes Ereigniss besteht in einem mangelhaften 
Gedeihen des Säuglings, einem Stillstand des Körpergewichts oder gar 
einem Rückgange desselben, einem gewissen Grade von Dystrophie oder 
gar Atrophie, als deren Ursache dyspeptische Störungen nicht nach- 
weisbar sind, für welche die Mütter häufig gar keinen Grund zu er- 
kennen oder angeben können. Es handelt sich um solche Fälle, in 
denen entweder die Mutter- resp. Ammenmilch trotz gleichbleibender, 
angeblich ausreichender Ernährung, ungestörter Gesundheit, ruhiger, 
rationeller Lebensweise der Stillenden mit der Zeit minderwerthig, an 
Quantität vielleicht dieselbe, aber an Nährstoffgehalt unzureichend, dünn, 
wässerig geworden ist, ein Vorkommniss, welches sich nicht allzu selten 
ereignet. 

Woher diese Veränderung stammt, lässt sich nur in den selteneren 
Fällen zweifelsohne feststellen. Gewöhnlich ist sie Folge einer in ihren 
Anfängen sich durch deutliche anderweitige Symptome nicht kund- 
gebende Verschlechterung der gesammten Körperbeschaffenheit, des Er- 
nährungszustandes, der Blutbeschaffenheit der Stillenden, einer Anämie 
oder Hydrämie, die sich mit der Zeit durch blasseres Aussehen, Schwäche, 
ziehende Rückenschmerzen, fortschreitende Appetitlosigkeit, Erregtheit 
Nervosität kennzeichnet. Diese qualitative Veränderung der Frauenmilch 
lässt sich meist mikroskopisch beziehungsweise analytisch feststellen. 

Jedenfalls giebt dieser Zustand das Signal, sofort die Amme zu 
wechseln oder zur künstlichen Ernährung überzugehen, mindestens aber 
eine zunehmend grössere Zahl der Mahlzeiten des Säuglings durch die 
Flasche zu ersetzen. 

Abgesehen von der Erleichterung des Abgewöhnens, der grösseren 
Unabhängigkeit von einer vielleicht in ihrem Wesen unleidlichen Amme, 
der Möglichkeit, der stillenden Mutter mehr Bewegungsfreiheit zu ver- 
schaffen, ist das genannte Vorkommniss einer der Gründe, aus denen 
ich im Prinzip empfehle, auch bei anscheinend ausreichender und be- 



Die Diätetik des Kindesalters. 33 

könimlicLer natürlicher Nahrung frühzeitig dem Säugling Beikost in 
Gestalu guter Kuhmilch zu geben. 

Häufiger noch ereignet es sich, dass die anfänglich reichlieh und 
in bester Qualität fliessende Mutterbrust mit der Zeit spärlich wird bis 
zur Unzulänglichkeit. üeber diese Thatsache können Mutter und 
Amme anfangs völlig im Unklaren bleiben; auch versucht wohl die 
Amme, um ihre einträgliche Stellung nicht zu verlieren, ihre Herr- 
schaft über diese Veränderung zu täuschen. Man hört in solchen 
Fällen oft die Behauptung, dass genügende Nahrung da sein müsse, 
da ja die Milch noch von selbst ablaufe oder überlaufe ; überlaufen, 
da überreichlich vorhanden, thut sie nun wohl in solchen Fällen nie; 
aber in der Zwischenzeit ablaufen, thut sie in der That hier und da 
und kann dann natürlich dem Kinde nicht zu Gute kommen. Che- 
mische Untersuchungen können in diesen Fällen ebensowenig zur 
Diagnose verhelfen, wie das Betasten der manchmal noch prallen und 
festen Brüste, sondern lediglich die genaue und regelmässige Wägung 
des Kindes vor und nach jeder Mahlzeit, wobei sich zunächst heraus- 
stellen muss , ob das Kind überhaupt die nothwendige Milchmenge er- 
hält. Als Anhalt dazu dienen uns die empirisch gefundenen Zahlen 
über die von Brustkindern aufgenommenen Volumina, die fol- 
gende Tabelle ergiebt: 

Brustkinder trinken in : 

1.— 4. Woche 5.— 8. Woche 9. — 12. Woche 13.— 16. Woche 
pro die 250—5.60 g 700—900 g 900 g 9ß0— 970 g 

pro Mahlzeit 40— 100 g 120 — 140 g 140 g 150 g 

später 
ca. 1000 g resp. 160 g. 

Im Allgemeinen kommen Brustkinder mit auffallend geringen 
Nahrungsmengen aus, da sie die Muttermilch sehr gut ausnutzen. 

Flaschenkinder nehmen durchweg viel grössere Volumina auf. 

Natürlich konstatirt man auch hier beträchtliche individuelle Ver- 
schiedenheiten ; es giebt auch unter den Säuglingen gute Haushalter, die 
mit wenig vorzüglich auskommen, und Prasser, die verschwenden. 

Stellt man so im Verlaufe emiger Tage bis einer Woche fest, dass 
das Kind zu knapp Nahrung bekommt, also einfach hungert, oder aber 
trotz genügender Milchmenge nicht bei dieser Milch gedeihen will, so 
setzt man am besten ab resp. versucht es mit einer anderen Amme. 
Das Benehmen des Kindes allein beweist nicht immer, dass es syste- 
matisch unterernährt wird ; es giebt geduldige Kinder, die immer schwächer 

Hauser, Grundriss der Kinderheilkunde. Zweite Auflage. 3 



1. 


Monat ca 


2. 




3. 




4. 




5. 




6. 




7. 




8. 




9. 





34 Die Diätetik des Kindesalters. 

werdend, keinen Hunger durch Geschrei und Unruhe verrathen. Wich- 
tiger ist schon die Feststellung, dass das Kind weniger Windeln nass 
macht, obstipirt ist, resp. sehr geringe Fäcesmengen produzirt. 

Als Anhalt für das richtige Gedeihen eines Kindes kann man an 
der Erfahrung festhalten, dass gesunde Kinder 

300 — 700 g, pro Tag ca. 25— 35 g 
500-700 g, „ „ „ 20--35 g 
600—750 g, „ „ „ 20—28 g 
500— 600 g, „ „ „ 15— 20 g 
500-600 g, „ „ „ 15—20 g 
300— 450 g, „ „ „ 10— 15 g 
400—500 g, „ „ „ 18—22 g 
200-400 g, „ „ „ 10— 14 g 
100— 250 g, „ „ „ 9 — 12 g 
an Gewicht zunehmen, nach 5 Monaten ihr Geburtsgewicht ver- 
doppeln, nach einem Jahr verdreifachen, nach zwei Jahren vervierfachen 
sollen. 

Sehr selten sind merkwürdige, oft plötzliche Veränderungen des 
Geschmacks, der Farbe der Muttermilch z. B. Bitterwerden, die dem 
Kinde von einem Tage auf den anderen den Geschmack an der Brust- 
milch verderben und abzusetzen zwingen. 

Die Entwöhnung und spätere Ernährung. 

Die Ernährung des Säuglings gegen das Ende des 
ersten Lebensjahres gestaltet sich so, dass man mit dem achten 
Monat künstliche Nahrung beigibt in Gestalt von Eigelb und Bouillon; 
man thue dies aber nicht nur, wenn in dem Gewichts-Stillstand oder 
-Rückgang ein mangelhaftes Gedeihen sich offenbart, sondern auch aus 
dem Grunde, dass bei einem so gewöhnten Kinde der Uebergaug zu 
einer andern , manchmal ziemlich unvermittelt nöthig werdenden Er- 
nährungsweise erfahrungsgemäss viel leichter von Statten geht. Man 
kann bei Kindern, welche erst mit 12 Monaten oder noch später ab- 
gesetzt wurden, die denkbar grössten Schwierigkeiten erleben, jede Nahr- 
ung verweigern sehen. Aber auch aus physiologischen Gründen er- 
scheint es wohl begründet, um diese Zeit der Milchnahrung eine Zugabe 
beizulegen (cf. künstliche Ernährung). Um die für eine längere Nacht- 
pause nothwendige stärkere Sättigung und eine länger vorhaltende Magen- 
füllung zu erzielen, ersetzt man die Abendflasche zweckmässig durch 



Die Diätetik des Kindesalfcers. 35 

eine mit Kindermehl, Zwieback oder dergl. bereitete dickliche Milchsuppe. 
Bei Neigung zu Verstopfung kann man endlich auch in diesem frühen 
Alter schon leichte Fruchtsäfte (Kirsch-, Himbeer-, Apfelsinen-, Pflaunien- 
saft) geben. 

Die eigentliche Entwöhnung ist, wenn nicht Krankheit, neue 
Schwangerschaft der Mutter sie früher erfordern, gegen Ende des ersten 
Lebensjahres vorzunehmen. Von inneren Gründen zwingt nur schlechtes 
Gedeihen des Säuglings oder andauernde und sich wiederholende Dys- 
pepsie dazu; von äusseren Gründen ist der zu erwartende Eintritt heisser 
Jahreszeit zu nennen ; man soll während dieser erfahrungsgemäss nicht 
mit der künstlichen Ernährung beginnen, will man nicht Sommerdys- 
pepsien erleben. 

Viel länger als 12 Monate lässt man in der Regel nicht stillen, 
es sei denn, dass das Kind aus hgend welchen, nicht in der Beschaffen- 
heit der Muttermilch liegenden Gründen in der Entwickelung zurück- 
geblieben ist und bei der natürlichen Ernährung andauernd gut gedeiht. 
Wenn auch unzweifelhaft manche Kinder auch dann noch gut sich 
weiter entwickeln, so weist doch der Durchbruch der Zähne, die phy- 
siologische Entwickelung des Magen -Darmtraktus deutlich daraufhin, 
dass allmählich eine konsistentere Nahrung an die Reihe zu kommen 
hat, und die praktische Erfahrung bestätigen physiologisch -chemische 
Untersuchungen, wonach um diese Zeit die reine Milchnahrung die zum 
Aufbau des Körpers nöthigen Stoffe nicht mehr zu schaffen vermag; 
wir sehen bei ihr nicht selten Kinder, die bis zum Ende des ersten 
Lebensjahres gut gediehen waren, heninter kommen, anämisch und 
rachitisch werden. 

Am rationellsten erscheint natürlich eine langsame Entwöhnung, 
ein vorsichtiger und ganz allmählicher Uebergang zu der ungewohnten 
und im Allgemeinen schwereren Kost. Man reiche neben leichten Brüh-, 
Mehl- und Schleimsuppen, der abendlichen Milchsuppe zum zweiten Früh- 
stück ein pflaumweichgekochtes Ei, hie und da ein Biskuit, lasse mal 
an einem Zwieback, einem Cake knabbern, ein Chokoladenplätzchen 
essen, etwas Gries, Reisbrei, Kartoffelpüree versuchen ; daneben bleibe 
gute Kuhmilch die Hauptnahrung, die man Anfangs vielleicht noch 
etwas verdünnt, allmählich stärker, bald rein oder in Form von 
Milchsuppe, Milchkakao giebt. Man findet jedoch Kinder, welche jedem 
Entwöhnungsversuche von Anbeginn an und immer von Neuem solch 
heftigen und hartnäckigen Widerstand entgegensetzen, dass nichts Anderes 
übrig bleibt, als denselben durch Hungernlassen, rasche Entfernung der 

8* 



36 Die Diätetik des Kindesalters. 

Amme oder stillenden Mutter zu brechen und damit eine plötzliche Ent- 
wöhnung herbeizuführen. Eine ganz gewöhnliche Erscheinung ist dabei, 
dass Brustkinder die Milch nicht mit der Flasche, sondern nur aus der 
Schnabeltasse oder mit dem Löffel nehmen wollen. 

Es versteht sich, dass der Uebergang zu gemischter Kost vorsichtig 
und ganz allmählich geschehe ; man versucht als erstes, die Mittagsmilch 
durch leichte Kalbfieischbrühe zu ersetzen ; die Bmhe wird ohne jeden 
Extraktzusatz, anfangs auch ohne Suppenkräuter gekocht; die aromatisch 
riechenden und leicht etwas zu fetten Geflügelbrühen und die an 
Extraktivstoffen reichere Rindfleisch- und Hammelbrühe kommen erst 
später an die Reihe. Nach der Angewöhnung an die Mittagsbrühe 
versucht man es mit Ei zum zweiten Frühstück, erst nur ein halbes, 
dann das ganze Gelbei, endlich das Eiweiss mit dem Gelben zusammen- 
geschlagen, wie es das Kind lieber nimmt, mit Zucker oder Salz , roh 
oder gekocht. Bei nicht wenigen Kindern besteht eine Idiosynkrasie gegen 
selbst die frischesten Eier, indem sie dieselben sofort erbrechen ; auch 
der Versuch, das Ei in der Milch oder die Brühe eingeschlagen zu 
reichen, schlägt dann meist fehl, macht auch jene Getränke zu kon- 
zentrirt und schwer. Dann versuche man es mit Fleisch ; am leichtesten 
verdaulich ist gekochte und durch ein Sieb gedrückte Kalbsmilcher, 
Kalbshirn, ganz fein gewiegtes oder geriebenes Hühner-, Taubeufleisch 
oder auch feingeschabtes rohes Fleisch, dem man etwas Kochsalz und 
selbst ein wenig die Fleischfaser macerirenden Essig oder Citronensaft 
zufügen kann ; noch lieber wird von manchen Kindern geschabter roher 
Schinken genommen; derselbe muss natürlich sehr zart, ganz schwach 
gesalzen und geräuchert sein, wird aber erfahrungsgemäss selbst bei 
leichter Dyspepsie und der Neigung zu Gährungsprozessen gut vertragen 
und verdaut. Die beste Form für Amylum ist gutgebackenes , nicht 
zu frisches Weissbrod und Zwieback. Für Graubrod haben ältere Kinder 
eine entschieden grössere Vorliebe; dasselbe wird von ihnen meist auch 
gut verarbeitet. 

Was schliesslich die Einverleibungsform anlangt, so bleibt nur 
übrig auszuprobiren, welche dem Kinde im speziellen Falle am meisten 
zusagt: Flasche mit Saugpfropfen, Löffel, Tasse oder Schnabeltasse. 
Ich habe nichts dagegen einzuwenden, wenn selbst entwöhnte und ältere 
Kinder ihre Milch noch am liebsten aus der Flasche saugen ; ist sie 
doch jedenfalls eine physiologisch wohlbegründete und daneben die rein- 
lichste Form der Flüssigkeitsaufnahme. Einzelne Kinder, die bis dahin 
immer nur Milch aus der Flasche zu bekommen gewohnt waren, weigern 



Die Diätetik des Kindesalters. 37 

sich bei der Entwöhnung hartnäckig, nun auch Bouillon aus ihr zu 
nehmen ; ebenso nehmen gestillte Säuglinge Kuhmilch bisweilen nur 
aus der Tasse. Manche Kinder geniessen ohne jeden Anstand alle und 
jede bis dahin ungewohnte Nahrung und in jeder Form ; bei andern 
wieder kann man die grösste Mühe haben, sie zu einem Nahrungswechsel 
zu bewegen ; speziell beim Absetzen von der Brust vermag bei eigen- 
sinnigen Säuglingen manchmal nur vielstündiges Hungern sie zu be- 
wegen, eine künstliche Nahrung anzunehmen ; bald nehmen sie dann 
besser von der gewohnten Amme, der Mutter, die sie gestallt hat, bald 
nur von einer dritten Person; man muss sie hie und da förmlich über- 
listen, indem man in der Dunkelheit statt der Mutterbrust ihnen un- 
versehens die Saugflasche einschiebt. Geduld und Konsequenz, event. 
Strenge führen aber ausnahmslos zum Ziel. Für ältere Kinder ist es 
ein erprobter Anreiz zum Essen, dass man es ihnen vormacht, sie an 
den allgemeinen Tisch bringt, wo sie das Beispiel anderer anregt. 

Die noth wendigen Nahrungsmengen ergeben sich für gewöhnlich 
ganz von selbst aus dem natürlichen Nahrungsbedürfniss der Kinder, 
das zwar individuell verschieden ist, das aber, wenn es sich nicht gerade 
um Leckereien und Lieblingsgerichte handelt, im Allgemeinen bis zur 
vollen Sättigung befriedigt werden darf. Man halte jedoch daran fest, 
dass man einem Kinde prinzipiell nie zum Essen und Trinken zureden 
oder gar es zur Nahrungsaufnahme zwingen darf; wo dieser stärkste 
aller Naturtriebe versagt, wird man im allgemeinen durch Zwang auch 
nichts erreichen. Verfüttert werden alle Tage Kinder, verhungert ist 
unter normalen Verhältnissen wohl noch keines. Gegen Appetit- 
losigkeit wende man die physiologischen, appetitanregenden Mittel, 
die nöthigen Ruhepausen für den Magen, Bewegung und Aufenthalt 
im Freien , Körperarbeit und Wärmeentziehung , erst in zweiter Linie 
Medikamente, wie Amara, Haematogen, Anorexin u. dergl. an; bei 
sekundärer Anorexie behandele man natürlich das ätiologische Uebel 
(Anaemie, Rachitis etc.) 

Die Ernährung nach Ablauf des ersten Jahres gestaltet 
sich dann in der Weise, dass 5 Mahlzeiten gereicht werden; sie setzen 
sich etwa in folgender Form zusammen: früh reine, beste, natürlich gut 
gekochte, Avarme Milch, event. mit etwas Kakao und Weissbrod mit 
Butter; zum 2. Frühstück ein Ei, besser weichgekocht wie roh mit Salz 
oder etwas Zucker; dazu etwas Butterbrod und eine kleinere Portion 
Milch; Mittags Fleischbrühe mit Einlage von Gries, Reis, Graupen und 
dergl. ; darnach oder in der Suppe feingewiegtes , leichtverdauliches 



38 Die Diätetik des Kindesalters. 

Fleisch: Geflügel mit Ausnahme von Ente, Gans; Kalbfleisch gekocht 
oder gebraten; sehr zartes Rindfleisch; vom Schwein nur fettfreies Filet 
oder Rücken ; alles "Wild, besonders Hase, Rebhuhn, Fasan, Reh. Fisch 
ist nur sorgsamst ausgegrätet zu erlauben ; verboten sind natürlich Aal, 
Karpfen, marinirte und geräucherte, stark gesalzene und gewürzte Fische 
und von allen Fischen die fette Haut. Dazu giebt man etwas Kartoffelpüree 
mit Bratensaft, keine fetten Saucen; aucii wohl etwas Compot, besonders 
bei Neigung zur Obstipation ; sehr empfehlenswerth sind Reisspeisen als 
Apfel-, Pflaumen-, Milchreis u. dergl., da leicht verdaulich und gut 
ausgenutzt. Erlaubt und in den meisten Fällen erwünscht sind ganz 
zarte grüne Gemüse, speziell Spinat, Spargel, Artischocken, ganz junge 
Erbsen, Mohrrübchen und Kohlrabi, Blumenkohl, verboten alle anderen 
Kohlarten und grüne Bohnen. Leguminosen sind nur in kleinsten Por- 
tionen und nur in Mehl- und Suppenform zu reichen. Als Getränk 
gebe man Wasser, wohl auch mit Zusatz von frischen Obstsäften, oder 
ein schwach kohlensäurehaltiges Mineralwasser (Fachinger), Kindern, 
bei denen man eine besonders gute Ernährung anstrebt, kalte Milch, 
dagegen niemals, jedenfalls nicht vor dem 14. — 1 5. Lebensjahre irgend 
welche Alkoholika, und sollten sie auch unter dem harmlosen Titel eines 
Obstweines, von Malzbier und dergl. gehen. Nachmittags folgt nach 
einer etwas längeren Pause (3 — 4 Stunden) wieder bloss Milch oder 
Milchkakao, bei älteren Kindern leichtverdauliches reifes Obst (Birnen, 
Trauben, Aepfel, Pflaumen) mit etwas Brod. Die Abendmahlzeit falle 
nicht zu spät (nicht nach 7 Uhr) und sei massig; sie besteht am besten 
aus einer Milchsuppe mit Schleim, Mehl, Reis, Weissbrodschnitten, einem 
weichen Ei oder dergleichen. 



Die Pflege im ersten Lebensjahre. 

Gebadet wird im ersten Lebensjahr täglich, nach allgemeinem 
Brauch des Vormittags; bei nächtlicher Unruhe des Kindes, schlechtem 
Schlaf, ferner im Sommer bei Hitze und Staub badet man sicher zweck- 
mässiger Abends, ebenso bei Winterkälte, wo man befürchten muss, 
das Kind zu erkälten , indem man es kürzere Zeit nach dem Bade an 
die Luft bringt. 

Die Kleidung bleibt bis zum dritten Monat die oben angeführte. 
Eine Kopfbedeckung ist nur im Freien nöthig. 

Aus dem warmhaltenden , aber auch beengenden Steckbett nehme 
man die Kinder spätestens mit Ende des zweiten Monats heraus; es 



Die Diätetik des Kindesalters. 39 

ist ihnen um diese Zeit schon ein Bedürfniss, die kleinen Glieder zu 
regen und bewegen ; auch scheint die Defäkation und die Entleerung 
von Flatus etwas leichter bei beweglichen Beinen zu erfolgen. Die 
Säuglinge erhalten dann ein langes Kleidchen, dessen Beschmutzung 
eine über die Windel gezogene sogenannte Windelhose aus gummirtem 
Stoff, die nicht luftdicht abschliesst, verhindert; blosstrampeln werden 
sich in diesem Alter die Kinder noch nicht leicht. 

Säuglinge in den ersten Lebenswochen trägt man besser in ihrem 
Steckkissen auf dem Arm, um sie vor den Erschütterungen des Kinder- 
wagens noch zu bewahren. 

Wann das Neugeborene in's Freie gebracht werden kann, richtet 
sich natürlich nach der Jahreszeit; im Hochsommer geschieht es schon 
einige Tage nach der Geburt, im Herbste und Frühjahr oder gar im 
Winter nur mit grösster Vorsicht, jedenfalls auch bei Kindern von 
einigen Wochen nie bei einer Temperatur von unter 5" R. oder scharfen 
Nord- und Ostwinden. Man bedenke, dass, so wichtig der Genuss frischer 
Luft im Allgemeinen ist, ein einfacher Schnupfen für den Säugling eine 
tödtliche Krankheit werden kann. 

Kinder von einem halben Jahr und darüber vertragen bei Wind- 
stille und Sonnenschein wohl schon 1 — 4" Kälte. Es versteht sich, 
dass sie nur warm verpackt, event. mit einer Wärmflasche, jedenfalls 
nur im Wagen, nicht frei auf dem Arm und stets nach einer warmen 
und Wärmevorrath mitgebenden Mahlzeit hinausgebracht werden dürfen 
und auch nur so lange, als sie sich wohl zu befinden scheinen und 
nicht blass und kalt werden. 



Die künstliche Ernäiirung. 

Bei der leider überwiegenden Mehrzahl der Säuglinge besonders in 
den Städten vermag die eigene Mutter die natürliche Nahrung nicht zu 
liefern. Wie es kommt, dass so vielen Frauen unseres heutigen Geschlechts 
(von denen, die nicht stillen wollen, abgesehen) auch beim besten Willen, 
trotz wiederholter Versuche, ihre Kinder zu nähren, die Fähigkeit und 
besonders die Ausdauer zum Selbststillen verloren gegangen ist, das 
gehört nicht hierher. Die traurige Thatsache steht fest. Ebenso ver- 
steht es sich, dass die materiellen Verhältnisse es den wenigsten 
Eltern gestatten , ihrem Kinde in einer Amme einen Ersatz der 
Mutterbrust zu verschaffen, ganz abgeseheji davon, dass sich viele 



40 Die Diätetik des Kindesalters. 

Mütter und meist mit Recht vor den Unannehmlichkeiten ja Wider- 
wärtigkeiten des im Grunde auch entschieden unmoralischen Ammen- 
wesens fürchten. 

Hier hat die künstliche Ernährung einzuspringen und ihre ungemein 
wichtige, wenn auch leider nicht immer gut durchgeführte Rolle zu 
spielen. 

Denn, schicken wir die betrübende Wahrheit gleich an der Spitze 
des Kapitels voraus, die künstliche Ernährung ist trotz aller Bereicherung 
unseres physiologischen Wissens, trotz der unermüdlichen Arbeit aller 
Berufenen, trotz alljährlicher Verbesserungen noch ein mangelhafter 
Ersatz der natürlichen. Das lehrt mit erschreckend deutlichen Ziffern 
die Statistik über die Kindersterblichkeit, welche ihre Lehren allen Fort- 
schritten zum Hohn dahin zusammenfasst, dass in demselben Maasse, 
wie den Säuglingen die Mutter- resp. Ammenbrust versagt wird, und an 
deren Stelle eine künstliche Nahrung tritt, die Mortalität zunimmt. 
Zeigt sich dabei die Säuglingssterblichkeit ausserdem von klimatischen 
Verhältnissen ungünstig beeinflusst, so ist die als unheilvoll erkannte 
Sommerhitze doch den künstlieh ernährten Kindern ungleich verderben- 
bringender als den gestillten Kindern. 

Um sich diesen ausserordentlichen Unterschied in den Resultaten 
zwischen der Ernährung mit Frauenmilch und mit künstlicher Nahrung 
zu erklären, ist es nöthig, zunächst auf die gebräuchlichsten Ersatzmittel 
näher einzugehen, sie in Vergleich mit der natürlichen Nahrung zu stellen. 

Bei der Auswahl euies Ersatzes der Frauenmilch hat man am 
natürlichsten von dieser, als dem physiologischen Maassstab zur Abschätzung 
der Werthigkeit jenes auszugehen ; die künstliche Nahrung soll der 
natürlichen nach Möglickeit gleichkommen. 

Die weitaus und mit Recht verbreitetste Ersatznahrung ist die 
Thiermilch und unter den Thiermilcharten speziell wieder die 
Kuhmilch. 

Sie verdankt diese ihre Eigenschaft einmal dem Umstände, dass 
es mit geringer Mühe gelingt, aus ihr durch rationelle Verdünnung und 
Zusätze ein der Muttermilch in vieler Hinsicht nahekommendes Nähr- 
mittel herzustellen, sodann demjenigen, dass sie die überall relativ am 
leichtesten und in l)ester Qualität zu lieschaffende Thiermilch ist. Auch 
beweist die Thatsache, dass eine sehr grosse Zahl von Kindern bei der 
Ernährung mit passend behandelter Kuhmilch gedeiht, dass diese wohl 
einen Ersatz der Frauenmilch abzugeben verniaa;. 



Die Diätetik des Kindesalters. 41 

Bei näherer Prüfung ergeben sich freilich gewichtige theoretische 
Bedenken und Einwände gegen die beherrschende Rolle der Kuhmilch 
als Ersatzmittels der Mutterbrust und die praktische Erfahrung zeigt 
sie nur allzu begründet. Jeder Arzt weiss von den unendlich häufigen 
Schwierigkeiten, den oft ernsten Beeinträchtigungen des Gedeihens zu 
berichten, die man bei der Säuglings - Ernährung mit Kuhmilch erlebt. 
Die statistisch erwiesenen schlechten Resultate der künstlichen Ernährung 
fallen zumeist der Kuhmilchernährung zu. 

Ein Vergleich der chemischen und ph 3' Biologischen 
Eigenschaften auf der einen Seite der Frauenmilch, auf 
der anderen Seite der Thier- und zwar speziell zunächst 
der Kuhmilch führt am sichersten zur Erkenntniss der Ursachen 
dieser Inferiorität der Kuhmilch. 

Wenn wir von älteren Angaben absehen, denen man nachsagen 
muss, dass sie nicht auf den exakten und minutiösen Untersuchungs- 
methoden basiren, deren sich die moderne Chemie erfreut, so kann man 
als die wichtigsten Ergebnisse der neueren Milch-Forschung etwa folgende 
bezeichnen, allerdings mit der beschämenden Einschränkung, dass unser 
Wissen selbst über diese elementare Grundlage der Säuglingsernäbrung 
noch beute recht unvollkommen und keineswegs in allen Punkten ge- 
sichert erscheint: 

Die Frauenmilch ist von weisser Farbe, die — nebenbei gesagt — 
nicht daher rührt, dass in ihr das Fett in dem eiweisshaltigen Medium 
fein vertheilt ist, sondern vielmehr, weil die Milch eine kalkhaltige 
Kaseinlösung darstellt, in der die ungelöst bleibenden Kasein- oder 
Nucleinpartikel opaleszirend wirken. Die Frauenmilch schmeckt stark 
süss. Die Reaktion der frisch entleerten Frauenmilch ist eine deutlich 
alkalische. Die Muttermilch ist für den Säugling eine vollkommene 
Nahrung, denn sie enthält alle zum Aufbau des wachsenden Organismus 
nothwendigen Nährstoffe. 

Ihr Gehalt an den verschiedenen Nährkörpern ist 
früher entschieden nicht richtig angegeben worden. 

Speziell trifft dies für die Eiweisskörper zu. Während früher 
dieselben auf über S^/^ bemessen wurden, erwiesen die übereinstimmenden 
Untersuchungsbefunde aller neueren Autoren, dass derselbe, entsprechend 
einer der ersten, zuverlässigen Analysen, derjenigen von J. Munk, viel 
niedriger, nämlich auf etwa 1"/^ oder wenige Zehntel darüber zu schätzen 
ist. Es leuchtet ein, von welcher Bedeutung diese Erkenntniss nicht 



42 Die Diätetik des Kindesalters. 

allein für die theoretisch-physiologische Anschauung, sondern vor allem 
auch für die praktischen Ernährungsversuche werden musste. 

Die Milch der ersten Laktationsperioden, etwa der ersten 6 Monate, 
enthält zweifellos höhere Eiweissmengen wie die der späteren ; der Eiweiss- 
gehalt scheint von der Geburt an in einer gewissen Regelmässigkeit 
successive bis zum 5. bis 6. Monat abzunehmen. 

Von dem gesammten in der Frauenmilch gefundenen Stickstoff 
sind etwa 5 "/o nicht im Eiweiss enthalten, sondern auf Extraktiv- 
stoffe zu beziehen. Die noch heutzutage oft gehörte Behauptung, dass 
die Milch sich durch ihren Mangel an Extraktivstoffen von andern ani- 
malischen Nährstoffen unterscheide, trifft jedenfalls nicht zu. 

Umgekehrt wurde der Gehalt der Frauenmilch an Fett und 
Zucker früher viel zu niedrig angenommen. Ihr Zuckergehalt hebt 
sich im Verlaufe der Laktation langsam entsprechend der Eiweissab- 
nahme. 

Von anorganischen Salzen weist die Frauenmilch niu: einen 
geringen Prozentsatz auf. 

Auch über die chemische Zusammensetzung der Kuhmilch besitzen 
wir heute wesentlich zuverlässigere Kenntnisse. 

Die Kuhmilch schmeckt viel weniger süss wie die Frauenmilch. 
Ihre Reaktion ist meist eine amphotere. Auch sie enthält alle für 
die Ernährung des Säuglings nothwendigen Stoffe; nach der Anzahl 
der Kalorieen, die sie enthält, entspricht die Kuhmilch ziemlich genau 
der Frauenmilch, vermöchte also, wie es den Anschein hat, die natüi-- 
liche Nahrung wohl zu ersetzen. Dem ist aber nicht so; denn es zeigen 
sich bereits in dem Verhältuiss der einzelnen Nährkörper zu einander 
erhebliche Abweichungen der beiden Milcharten von einander. 

Der Gehalt der Kuhmilch an Eiweiss ist ganz beträchtlich grösser, 
ebenso derjenige an Extraktivstoffen. 

Umgekehrt enthält sie viel weniger Zucker wie die Frauenmilch. 
Dafür ist ihr Gehalt an anorganischen Salzen etwa doppelt so 
gross wie der der Frauenmilch. 

Stellen wii' zum Vergleich die Analysen der beiden Milcharten in 
zwei Tabellen unter einander, so erhellen deutlich die genannten quan- 
titativen Unterschiede der Frauen- und Kuhmilch in ihrem Gehalt an 
den verschiedenen Nährkörpern : 

Die neuesten und zuverlässigsten Analysen der Frau en milch 
ergaben folgende Zahlen : 



Die Diätetik des Kindesalters. 



43 





Eiweiss Fett 


Zucker 


Asche 


Extraktivstoffe 


nach J. Munk 


1,21 






5,0 


„ Hoffmaim 


1,03 4,07 


7,03 


0,21 




„ Johannessen 


1,0(— 2,8) 3,21 


4,67 






„ Lehmann-Hempel 


1,7 3,8 


6,0 


0,2 




„ Camerer-Söldner 


1,62 








„ Schlossniann 


1,3 








„ Brunner 


1,3-1,4 








„ Marchand 


1,7 








„ Forster 


1,05 resp. 1,28 








„ Finkelstein 


1,36 








„ Hirschfeld 


1,83 








Die besten Ana 


lysen der Kuh 


milch 


geben 


ihren Gehalt 


folgendermassen an : 












Eiweiss Fett 


Zucker 


Asche 


Extraktivstoffe 


nach Lehmann-Hempel 


3,3 3,5 


4,5 


0,7 




„ Jeserich 


2,8 3,56—4,12 3,2 






„ Meierei Bolle 


3,2 3,3 


4,8 


0,6 




„ Camerer-Söldner 


ca. 3,0 








,, Schlossmann 


3,19 






nur Spuren 


„ J. Munk 








9,0 



Wagt man es trotz der aus dem Vergleich dieser Tabellen sich 
klar ergebenden quantitativen Unterschiede die Frauenmilch einfach 
durch Kuhmilch zu ersetzen, d. h. einen Säugling von Anfang an mit 
reiner Kuhmilch zu ernähren, so findet man zwar vereinzelt Kinder, die dank 
ihrer guten Konstitution und besonders leistungsfähiger Verdauungs- 
organe diese so abweichende Nahrung bewältigen, verarbeiten und bei 
derselben gedeihen. In der Regel aber wird man recht bald die Er- 
fahrung machen, dass die unvermischte Kuhmilch nicht vertragen wird, 
zu Erbrechen und anderen dyspeptischen Magen-Darmstörungen führt, 
die eine dauernde Ernährung in dieser Form unmöglich machen. 

Es erweist sich eben die allbekannte Thatsache als richtig, dass 
reine Kuhmilch schwerer verdaulich ist, wie die Muttermilch. 

Mit Rücksicht auf diese Erfahrung, deren wissenschaftliche Be- 
gründung in der ferneren Besprechung dieses Kapitels ausgeführt werden 
soll, hat man seit Alters versucht, die Kuhmilch durch Verdünnung 
leichter verdaulich und der Frauenmilch in ihrer Zusammensetzung ähn- 
licher zu machen. Es könnte ein Leichtes erscheinen, diese Unterschiede 
beider Milchsorten auszugleichen, indem man durch Verdünnung der 



44 Die Diätetik des Kindesalters. 

Kuhmilch mit Wasser den zu hohen Eiweiss- und Aschengehalt der- 
selben auf den der Frauenmilch entsprechenden Prozentsatz herabsetzt 
und gleichzeitig durch Hinzufügen von Milchzucker den entstehenden 
ZuckerausfaU deckt, resp. auf die Höhe von 5,5 "/o bringt; ebenso lässt 
sich das bei der Verdünnung entstehende Minus an Fett durch Sahne- 
zusatz ergänzen. 

Trotzdem gelingt es nicht entfernt, mit der so behandelten und 
prozentualisch mit ihren Nährstoffen der Frauenmilch gleichgemachten 
Kuhmilch die gleichen Ernährungsresultate zu erzielen. Selbst wenn 
diese Kuhmilchmischung ganz ohne dyspeptische Störungen vertragen 
wird, sehen wir dennoch eine Anzahl von Säuglingen bei ihr nicht ge- 
deihen , im Gegentheil nur sehr mangelhaft und unregelmässig an Ge- 
wicht zunehmen oder gar atrophisch werden. 

Auch hierfür sind die Ursachen wohl bekannt; denn nach Richtig- 
stellung des quantitativen Verhältnisses der Nährstoffe bleiben noch die 
ebenso wesentlichen oder noch wichtigeren qualitativen Unterschiede 
beider Milcharten. Sie beziehen sich vor allem auf die Eiweiss- 
körper. 

Aus allen Analysen ergibt sich der beträchtliche Mindergehalt der 
Kuhmilch an Zucker, weniger an Fett, der Ueberschuss an Eiweiss 
(spez. an Kasein) gegenüber der Frauenmilch. Gleichzeitig ersieht man, 
dass die Frauenmilch während der Laktationszeit im Allgemeinen keine 
beträchtlichen Schwankungen in der Menge ihrer Nährkörper und in 
deren gegenseitigem Verhältniss erleidet ; dagegen, dass selbst gute Kuh- 
milchsorten je nach Fütterung und Viehrasse erhebliche Unterschiede 
aufweisen; speziell der Fettgehalt ist durch rationelle, reichere Nahr- 
ungszufuhr bei vorzüglichen, ausgesuchten Thieren ungemein steigerungs- 
fähig. Andererseits lehren sehr häufige und über Monate fortgesetzte 
Analysen, dass auch die Frauenmilch grössere Schwankungen des Fett- 
gehaltes (0,63 — ö,65*/o) zeigen kann; doch dürfte dies für gewöhnlich 
nur Ausnahmsfälle betreffen, da die Ernährung der Stillenden meist 
keine groben Unregelmässigkeiten aufweist. 

Auch dieser Faktor wäre also bei der Verwendung der Kuhmilch 
zur Säuglingsernährung ernstlich zu berücksichtigen. 

Schon die einfache Betrachtung der Gerinnungsverhältnisse, wie 
sie sich gelegentlich des Speien s und Erbrechens nach einer Mahlzeit jedem 
einigermassen aufmerksamen Beobachter darbieten, weist auf einem wesent- 
lichen qualitativen Unterschied der Frauen- und Kuhmilch hin. Das 
Eiweiss der Kuhmilch scheidet sich bei der Gerinnung innerhalb des 



Die Diätetik des Kintlesalters. 45 

Magens oder beim künstlichen Verdauungsversuche in direkt derben, 
zähen, ordentlich schwer zerreiblichen und grösseren Coagulis aus, während 
das der Frauenmilch in feinen, fast staubförmigen und zarten Gerinnseln 
auseinander stiebt. Die Kuheiweissgerinnsel lösen sich in der Verdau- 
ungsflüssigkeit viel langsamer und schwieriger auf, da sie offenbar von 
dem Magen-Darmsekret schlechter durchdrungen werden. Dieser Vor- 
gang bezieht sich speziell auf den Kasein genannten Eiweisskörper. 

Das Kasein der Frauenmilch, in schwachen Alkalien gelöst 
und wieder ausgefällt, bildet feine, weiche, lockere Flöckchen, das der 
Kuhmilch grobe, derbe Gerinnsel, die sich viel weniger leicht ver- 
drücken lassen. Das Kuhkasein löst sich auch nach sehr langer Zeit 
in einem Ueberschusse von Verdauungsflüssigkeil nicht vollständig auf, 
im Gegensatz zum Frauenkasein. Bei der peptischen Verdauung spaltet 
das Frauenkasein kein Kernnuklein ab, während sich in dem Kuhkasein 
dieses stets ausscheidet. 

Sodann zeigt das mit Säuren abgeschiedene Kasein der Frauen- 
und Kuhmilch ganz verschiedenen Fettgehalt; es ergab der Säure- 
niederschlag (nach J. Lehmann) bei: 

Kuhmilch 3,0 Kasein: 3,5 Fett (1 Gewichtstheil : 1,16), 
Frauenmilch 1,2 Kasein: 3,6 Fett (1 ,, : 3 ). 

Dieser Fettgehalt scheint eine wichtige Rolle zu spielen ; denn das 
Kasein der Kuhmilch scheidet sich genau wie das der Frauenmilch in 
feinen Gerinnseln ab, wenn man der Kuhmilch so viel Fett zusetzt, 
dass das Verhältniss vom Fett zum Kasein wie bei der Frauenmilch 
3 : 1 wird. 

Abgesehen vom Fettgehalt scheint der grössere Albumiiigehalt diese 
selbe, feinflockige Kaseinfällung resp. Milchgerinn ung zu bewirken (siehe 
weiter unten). 

Sodann zeigen sich auch bezüglich des Gehaltes des Kaseins 
an anorganischen Substanzen wesentliche Verschiedenheiten., 

In dem „genuinen", d. h. dem an die Milchsalze gebunden bleiben- 
den, nicht ausgefällten, sondern vermittelst Thonseparatoren abgeschie- 
denen Kasein fand J. Lehmann : 

genuines Kuhkasein: Schwefel 0,723 "/o, phosphorsauren Kalk 6,6 "/o, 
„ Frauenkasein: „ l,009°/o, „ „ 3,2 »/o. 

Also auch die Aschen- und Schwefelbestimmung beweist die Ver- 
schiedenheit der beiden Kaseinarten. 

.Ebenso wie Lehmann weist Salkowski dem Phosphorgehalt des 
Kaseins eine besondere Rolle zu: von den 45,0 °/o des PgOg (0,81 



46 Die Diätetik des Kindesalters. 

Phosphor), die Lehmann in der Kaseinasche der Kuhmilch fand, ist ein 
Theil des Phosphors als eine esterartige Verbindung im Kasein selbst 
enthalten. Die naheliegende Annahme, diesen Phosphorgehalt mit Wachs- 
tumsvorgängen des Knochensystems in Verbindung zu bringen, wird 
zwar hinfällig gegenüber der Thatsache, dass in den späteren, für die 
Knochenentwickelung mindestens ebenso wichtigen Zeiten des jugend- 
lichen Wachsthums das Kasein keinen nothwendigen Bestandtheil der 
Nalirung bildet. Besser begründet erscheint daher Salkowski die An- 
nahme, dass die Verdauungsprodukte des Kaseins fäiduisswidrig wirken ; 
thatsächlich ist die Darmfäulniss nach den Beobachtungen vieler Autoren 
bei ausschliesslicher Milchdiät verringert. Und zwar könnte die Para- 
nukleinsäure diejenige Form sein, in welcher der Phosphor des Kaseins 
in den löslichen Verdauungsprodukten enthalten , antiseptische Eigen- 
schaften entfaltet. Ganz klargestellt ist jedoch die Bedeutung des Phos- 
phorgehaltes des Kaseins noch nicht. 

Neuerdings fand Wittmaack die Pbosphorfleischsäure in der 
Frauenmilch, mehr als doppelt so reichlich vorhanden, wie in der Kuh- 
milch (0,124 "/o: 0,057 °/o) und Siegfried zeigte, dass in der Frauen- 
milch 41,5''/ü des gesammten Phosphor in Gestalt des Nukleinphosphors 
auftritt, d. h. organisch gebunden ist, in der Kuhmilch dagegen nur 
etwa 6 °li). Bei der wichtigen Rolle, welche das Nuklein bei der Bild- 
ung der Knochen, bei der Resorption und Assimilation des Phosphors 
wie des Kalkes spielt, erhellt die Bedeutung dieser Unterschiede. 

Auch der Theil des Phosphors, welches in der Form des Lecithin 
auftritt, findet sich in der Frauenmilch in ungleich höherem Maasse, 
we in der Kuhmilch (.85 °/o : 5 "/o). 



Dass diesen chemischen Befunden entsprechend, das Kuhkasein in 
der That schlechter ausgenutzt wird, als das Frauenkasein, wie die 
praktische Erfahrung lehrte, ist in neuester Zeit durch Stoffwechsel- 
untersuchungen erwiesen. 



Abgesehen von diesen Unterschieden des hauptsächlichen Eiweiss- 
körpers der Frauen- und Kuhmilch, des Kaseins, bieten beide Milch- 
arten aber noch beträchtliche Abweichungen in ihrem Gehalt an den 
anderen E i w e i s s k ö r p e r n. 



Die Diätetik des Kindesalters. 47 

Das Frauenmilcheiweiss besteht in einem viel grösseren Prozentsatz 
aus Albumin, wie das der Kuhmilch, in welcher das Kasein bei Weitem 
überwiegt; es enthält die: 

Frauenmilch nach Lehmann 1,2 "/o Kasein 0,5^/0 Albumin 

Kuhmilch nach Munk-Uffelmann 2,9 „ Kasein 0,5 „ Albumin 

„ „ Lehmann 3,0 ,, „ 0,3 „ „ 

Während man in der Kuhmilch den N zu etwa 85,7 °/'o in Gestalt 
von Kasein findet und etwa zu 10,3"/o als Albumin, entfallen (nach 
Schlossmann) in der Frauenmilch nur 63 — 6l,ö'^lo auf das Kasein i), 
38,5 — 37 "/o auf das Albumin, d. h. ein grosser Theil des in der Frauen- 
milch vorhandenen Eiweisses ist in gelöstem Zustande enthalten und zwar 
als Albumin, dessen Existenz ältere Untersucher und in neuerer Zeit 
nach Pfeiffer bekanntlich ganz leugneten, an der aber wohl nicht mehr 
zu zweifeln sein dürfte. 

Nun sind aber Kasein und Albumin grundverschiedene Körper: 
Kasein ist eine komplizirte Verbindung mit beträchtlichem Phosphor- 
gehalt; des Lactalbumin ist phosphorfrei und gleicht chemisch und 
physiologisch dem Serum-Albumin resp. Ovum-Albumin. Die von Schloss- 
mann gefundene Menge von Albumin deckt sich mit der von J. Leh- 
mann gewichtsanalytisch bestimmten, nämlich 0,5 °/o Albumin auf 1,2 "/o 
Kasein. Das Albumin stellt zweifellos viel geringere Ansprüche an die 
Verdauung; es wird einfach resorbirt, ohne erst gefällt, gelöst und pep- 
tonisirt werden zu müssen, was schon Voit's Untersuchung über die 
Resorptionsfähigkeit verschiedener Eiweissarten gezeigt hatte. Ent- 
sprechend der jjhj'siologisehen Leistungsfähigkeit, die beim Neugeborenen 
noch am Geringsten entwickelt ist, Eiweiss und Kasein kaum zu lösen 
vermag, ist auch bei der Kuh das Kolostrum kaseinann und sehr albu- 
minreich (Kolostrumalbum in), ein Verhältniss, das sich allerdings rasch 
umkehrt, da der Labmagen des Kalbes bald auch grössere Kaseinmengen 
zu verarbeiten vermag. Beim Kinde nimmt dagegen die Fähigkeit des 
Magens, Eiweiss zu lösen, nur überaus langsam zu, so dass der be- 
trächtliche Albumingehalt der Frauenmilch von hohem Werthe erscheint. 

Eine zweite Eigenart des .Albumins ist seine Beeinflussung der 
Kaseinausfällung; seine unzweifelhaft vorhandene Einwirkung in der 
Richtung, dass sich feinflockige, weiche Niederschläge bilden, scheint 



I) Kasein und (j)obulin, da sich in der Frauenmiich das Kasein nicht 
isoliren läs.st; bei der geringen Menge des Globulins erscheint dies aber ziem- 
lich bedeutungslos. 



48 Die Diätetik des Eindesalters. 

das Albumin mit dem höheren Fettgehalt des durch Säuren ausgeschie- 
denen Kaseins der Frauenmilch zu theilen. 

Einige Autoren wollen freilich die Bedeutung des Ueberwiegens von 
Albumin nicht anerkennen ; sie erscheint mir jedoch so wohlbegründet 
und auch teleologisch so einleuchtend, dass dieser Unterschied in der 
chemischen Konstitution allein schon die von der Frauenmilch ab- 
weichenden, häufig genug und unzweideutig zu beobachtenden Ernähr- 
ungsresultate und Verdauungsstörungen befriedigend zu erklären vermag. 

Die Angabe von Cammerer und Söldner, dass ausser dem Eiweiss 
noch andere, weniger N (ca. 6 "/n gegen 15,8"/« N im Eiweiss) ent- 
haltende Körper in nicht unbeträchtlicher Menge in der IVauenmilch, 
nur sehr spärlich in der Kuhmilch enthalten seien, Stoffe, in denen der 
N an Polysaccharide gebunden erscheint, ist noch von keiner Seite 
bestätigt. 

In Bezug auf diese Differenzen in dem Eiweissgehalt erscheint es 
sehr interessant, dass offenbar Beziehungen zwischen Milehzu- 
sam mense tzun g, speziell Eiweiss- und Salzgehalt und Wachs- 
thumsgeschwindigkei t bestehen, der Art, dass, je rascher eine Thier- 
species wächst, um so reicher ihre Milch an Eiweiss und Salzen ist; es 
ergibt sich dies deutlich aus der Tabelle : 

Eiweissgehalt der Milch es verdoppelt sich das Anfangsgewicht in 
Mensch 1,86 180 Tagen 

Rind 4,4 47 

Hund 8,H 8 

Katze 9,5 5 

Es erhellt ohne Weiteres der Schluss, dass schon aus dieser grossen 
Verschiedenheit der Wachsthumsgeschwindigkeiten die Unterschiede in der 
Milchzusammensetzung gut begründet sind. 



Aber auch bezüglich des Fettes bestehen Differenzen zwischen 
Frauen- und Kuhmilch, die nicht gering anzusehlagen sind. 

Die an sich viel kleineren, feineren Fettkügelchen der Frauenmilch 
schmelzen wegen ihres höheren Gehaltes an Olein bei niedrigerer Tem- 
peratur als die Milchkügelchen der Kuhmilchsahne. Die Fettkügelchen 
der Frauenmilch sind hüllenlos und wohl aus diesem Grande lässt sich 
das Fett der Frauenmilch sehr leicht mit Aether extrahiren , während 
dies bei der Kuhmilch ungleich schwieriger zu bewerkstelligen ist. 



Die Diätetik des Kindesalters. 49 

JJas in dem Fett der beiden Milcharten enthaltene Lecithin findet 
sich wahrscheinlich in erheblich grösserer Menge in der Frauenmilch, 
wie in der Kuhmilch. Dass das Lecithin (eine ätherartige Verbindung 
von Fettsäureradikalen substituirter Glycerinphosphorsäure und einer Base, 
dem Cholin) den Phosphor in einer leicht assimilirbaren und für die 
Knochenbildung sicher sehr bedeutungsvollen Form enthält, wurde bereits 
erwähnt. 

Was den Aschengehalt anlangt, so beträgt er in der Frauen- 
milch etwa 0,27 gegen 0,72 in der Kuhmilch; das Chlor findet sich in der 
Frauenmilch zu etwa 0,430 (Bunge), nach Pfeiffer zu 0,243 — 0,332, nach 
Michel zu 0,286 — 0,389; in der Kuhmilch ist es viel reichlicher (nach 
Bunge 1,19—1,709, nach Söldner 0,822— 0,98? !). Während der Chlor- 
gehalt der Frauenmilch von der stärkeren oder geringeren Kochsalz- 
zufuhr in der Nahrung der Mutter ziemlich unbeeinflusst bleibt, reagirt 
die Kuhmilch mit erheblichen Differenzen des Chlorgehalts auf die ver- 
.«chiedenen Arten der Fütterung. Auch dieses Moment ist bei der Ge- 
winnung und Bereitung der Kuhmilch gegebenen Falles zu berück- 
sichtigen . 



So sehen wir denn, dass nicht nur gröbere quantitative chemische 
Unterschiede zwischen der Frauen- und der Kuhmilch bestehen, sondern 
dass ihre einzelnen Nälirkörper auch so wesentlich qualitativ von ein- 
ander abweichende Eigenschaften haben , dass beide Milcharten trotz 
etwa gleichen Kaloriengehaltes, offenbar durchaus nicht als auch nur 
annähernd identisch angesehen werden können; man kann desshalb un- 
möglich ohne Weiteres die Kuhmilch für ein vollwerthiges Ersatzmittel 
der natürlichen Nahrung erklären. 

Zwar gelingt es unschwer, durch entsprechenden Wasserzusatz den 
viel zu hohen Eiweissgehalt der Kuhmilch dem der Frauenmilch gleich 
zu machen, den dadurch entstandenen Ausfall an Kohlehydrat zu er- 
setzen, das Defizit an Fett durch Zusatz von Sahne auszugleichen oder 
den geringeren Kalorien werth, der durch das Manko an Fett entsteht, 
durch ein noch grösseres Plus an Milchzucker quitt zu machen: aber 
alles dies schafft doch noch lange nicht die speziell den verschieden- 
artigen Eiweisskörpern, dem verschiedenartig gruppirten und abgegrenzten 
Fett immanenten Eigenschaften, welche die Frauenmilch zu Gunsten des 
Kindes aufweist. 

Dazu kommt dann aber noch, dass mit den bisher angeführten 

Hauser. Grundriss der Kinderheilkunde. Zweite Auflage. 4 



50 Die Diätetik des Kindesalters. 

Abweichungen die wesentlichen Differenzen zwischen Frauen- und Thier-, 
speziell Kuhmilch noch lange nicht erschöpft sind. 

Neben den chemischen und physiologischen Eigenschaften ist es 
das bakteriologische Verhalten, welches als zweiter und ebenso 
wichtiger Faktor bei der Beurtheilung der Thiermilch als eines Ersatzes 
der Frauenmilch massgebend ist. Es ergiebt sich da wiederum ein 
schwerwiegeaider Unterschied zu Ungunsten der Thiermilch. 

Während der Säugling an der Mutter- oder Ammenbrust, wenn 
nicht, was ungemein selten, die Brustdrüse selbst mikroparasitisch infizirt 
war, eine fast absolut keimfreie Nahrung empfängt, bezw. die wenigen 
von aussen in die Brustdrüse eingewanderten Keime (besonders Eiter- 
kokken) sich als unschädlich erweisen, im Darm zu Grunde gehen, während 
vor allem die Muttermilch auf dem kurzen Wege durch Brustwarze 
der Frau und Mund des Kindes kaum verunreinigt wurde, stellt die 
Thiermilch in unbehandeltem, rohem oder mangelhaft gekochtem Zu- 
stande ein mit Mikroorganismen der mannigfaltigsten Art oft geradezu 
durchsetztes Nahrungsmittel dar. 

Diese Mikroben sind in der Hauptsache Gährungserreger; 
dieselben gelangen unter einer grossen Reihe begünstigender Momente 
regelmässig in die Thiermilch hinein. Es ist nachgewiesen, dass bereits 
die Milchgänge des Kuheuters von aussen, aus dem Stallmist, aus dem 
Heu und Stroh eingewanderte Mikroorganismen in Massen enthalten, 
die natürlich bei den ersten Melkstrichen in die Milch hineingelangen. 
Sodann fallen während des Melkens, im Stall, in den Aufbewahrungs- 
räumen massenhafte Keime aus der Luft in die Milch. Endlich pflegen 
die Melker resp. Melkerinnen bekanntlich sich die Hände, der Kuh 
das Euter höchstens mangelhaft zu waschen, niemals annähernd zu 
sterilisiren ; die Untersuchungen des beim Centrifugiren abgeschiedenen 
MUchschlamms ergaben ausnahmslos grobe Verunreinigungen mit Koth- 
partikeln und dergl. Während die Mehrzahl der Untersucher betont, 
dass gerade bei der Grünfütterung die Gelegenheit zur Infektion der 
Milch mit Keimen am grössten ist, verwirft Soxhlet neuerdings die. 
allgemein eingeführte Trockenfütterung und zieht ihr den Weidegaug 
oder die Grünfütterung vor, weil er die Infektion mit Heustaub für die 
viel gefährlichere und schwerer zu paralysirende hält. Thatsächlich ist es 
unmöglich, bei der üblichen und durchführbaren Art der Milchgewinn- 
ung eine Infektion der Milch mit Gährungskeimen zu vermeiden. 

Ins Unendliche wächst die Infektion bei <ler Aufbcwahriuig der 
Milch, beim Transpfirt, dem vielen Unischütton in immer neue Ge- 



Die Diätetik des Kindesalters. 51 

fasse, dem Hautireii mit ihr geleneutlich des Zwischenhandels. So 
kann es geschehen, dass die im Handel käufliche Kuhmilch, bis sie 
in die Hände des Konsumenten g-elangt, im Sommer die enorme Zahl 
von 1 — 7 Millionen Keimen im Kuhikeentimeter aufzuweisen vermag. 

So erklärt es sieh, dass, da die Bildung einer gering;fügigen Menge 
von Milchsäure genügt, um beim Kochen die ganze Milch gerinnen zu 
lassen, die angeblich und häufig auch in der That erst vor Kurzem 
gemolkene Kuhmilch so oft noch vor dem Gebrauch sich benutzungs- 
unfähig erweist, dass auch bei der gewöhnlichen Art des Kocliens und 
Sterilisirens so unendlich häufig Gährungsprozesse und Intoxikationen 
im kindlichen Magen und Darm erregt werden. 

Neben Gährungserregern können aber auch p a t h o g e n e Keime 
und zwar einmal von Seiten der milchliefernden Kühe selber, sodann bei 
der Cirkulation der Milch aus den Händen der Produzenten durch die 
des Zwischenhandels bis zum Konsumenten in die Milch hineiugelangen. 
Ersteres vermag auch eine sorgfältige Auswahl und thierärztliche Ueber- 
wachung der Kühe nicht zu verhindern (cf. 6. 54 u. f.). 



So verzweifelt, wie es auf den ersten Blick erscheinen möchte, steht 
es nun erfreulicher Weise mit dem Ersatz der natürlichen Ernährung 
durch die künstliche, si^eziell die Kuhmilchernährung nicht. 

Allen den angeführten theoretischen Bedenken und Einwendungen 
zum Trotze sehen wir immerhin eine recht erhebliche Anzahl von Kindern, 
gottlob den weitaus grösseren Theil, selbst bei einer nicht ganz sorgfältigen 
und einwandfreien Kuhmilchnahrung lucht inu' gedeihen, sondern selbst 
gut und dauernd gedeihen. 

Die Natur hat der Mehrzahl der von Geburt, an genügend ent- 
wickelten mid von Hause aus gesunden Kindern die Fähigkeit gegeben, 
sich mit ihren Verdauungsorganen auch einer mehr weniger fremdartigen 
Kost anzupassen. 

Eine Minderzahl freilich bleibt, die nur bei einer besonderen, die 
physiologisch-chemischen Unterschieile nach Möglichkeit ausgleichenden 
Kuhmilchpräparierung gedeihen will, und nicht ganz verschwindend ist 
die Zahl derjenigen Säuglinge, welche jeden Ersatz der Frauenmilch 
ablehnen, auf die Dauer nur bei der natürlichen Nahrung gedeihen, 
ja am Leben bleiben können. 

Jedenfalls ist es die Pflicht tles Kinderarztes, auf Grund einmal 
der Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung, sodann auf Grund aus- 

4* 



52 Die Diätetik des Kindesalters. 

gedehnter praktischrr EiiahrungeJi diejenigen Fornuni zu erproben, in 
<lenen ilie Kulimilcli dem Durclischnittssäugling am Besten bekommt, 
diejenigen Sieherlieitsmassi-egeln zn ti-effen, die vor den sonst auf die 
Dauer ujiausbleiblicheii Scliiidigungen der künstlichen Ernähitmgen mit 
Tliiennilcli scliützen. 



Gewinnung der Kuhmilch. 

Dazu gehört vor allem, dass wir uns(;ren Pfleglingen eine Kuhmilch 
zu schaffen suchen, welche in ihrem Gehalt an den nothwendigen Nähr- 
stoffen allen Anforderungen entspricht, die wir an die beste, nährstoff- 
reichste Milch stellen. Dabei denken wir weniger a)i die Erzielung 
einer sehr eiweissreichen Milch, da ja der Eiweissgehalt schon mehr wie 
ausreichend ist, sondern an die Gewiniuuig einer nicht zu wasserreichen, 
und dafür jnöglichst fett- und zuckerhaltigen JMilch. 

Es gelingt dies unseren modernen, physiologisch geschulten Land- 
wirthen auch recht gut. 

Als selbstverstäjiillieh darf vorausgeschickt werden, dass die Milch 
nicht direkt kranken, zu jungen oder zu alten Milchthieren entstammt; 
die Kühe sollen sämmtlich gewissenhaft und in regelmässigen Perioden 
von einem Thierarzt untersucht mid kontrollirt Averden. Für ausser- 
ordentlich wichtig finde ich es, die Thiere unter Verhältnissen zu halten, 
die den natürlichen Lebensbedingungen doch in etwas mehr entsprechen, 
als es die gewöhnliche und allgemein geübte Stallwirthschaft gestattet. 
Es ist doch schliesslich nicht zu verwundern, dass unsere Rindvieh- 
bestände in so erschreckend hohem Maasse (50 — 80 "/g) von der Tuber- 
kulose befallen werden, wenn wir ihre Gesundheit dadurch gewissermassen 
systematisch untergraben, dass die Thiere kurz angekettet, kaum zu den 
allernothwendigsten Bewegungen fähig, ihr Leben innerlialb beschränkter, 
oft sogar dumpfer, lichtarmer, feuchter und kaum zu veiitilirender Käuine 
verbringen, bis auf den letzten Tropfen ausgemolkcn, von einer Gravi- 
dität zur andern nie zur Ruhe und Erholung konnnen. 

Di'r Forderung, den Milchkidien wenigstens einigi' Stunden im 
Tage eine freie Bewegung in frischer Luft zukommen zu lassen, ist 
freilich nur auf ilem Lande, auf gutverwalteten Wirthschaften mit 
Weideland zu g<>iiiigen. Der freie Weidegang gestattet den Thieren 
jedenfalls, wenigstens einen Thcil des Jahri's unter den natürlichen 
Daseinsbedingungen zu h'lien, nml lief<'rt ceteri^ jiaribus eine sehr em- 
jifehlenswerthe Milch. 



Die Diätetik des Kindesalters. 53 

SelbstverstäntUirh dürfen h;olche Thierc in ihrer Ernährung nicht 
nur auf den Weldej>ano- ansi'Bwiesen sein, müssen vielmehr daneben aus- 
reieheudes Kraftfutter erhalten. 

Nebenbei hat ein wenigstens theilweiser Weidegang den Vorzug, einer 
so hochgradigen Verunreinigung des Euters und des ganzen Thieres vor- 
zubeugen, wie sie bei andauernder Stallhaltung ja unvermeidlich ist 
und ihren üblen Einfluss auch auf tlie Milch ausübt. 

Von grösster Wichtigkeit ist eine zweckmässige Fütterung der Külie. 
Dieselbe braucht keineswegs ausschliessliche Trockenfütterung (Heu, Sti'oh 
und Getreidekörner) zu sein; gutes gemischtes Futter erzielt die beste 
Milch. Zu vermeiden sind Oelljuchenrückstände, Zuckerrübenschnitzel, 
Branntweinschlempe, Trabern in grösserer Menge. 

Pflege der Haut, Reinlichkeit und Ventilation im Stall sind von 
grosser Bedeutung; tägliche Be-\vegung, Tränken im Freien ist den 
Thieren sehr dienlich. 

Erkrajikung an Milzbrand, Maul- und Klauenseuche, Lungenseuclie 
verbieten gesetzlich die Verwerthung mindestens der migekochteu Milch. 

Das Euter wie die Hände der Melkenden sind vor dem Melken 
sorgfältig zu reinigen. Peinliche Sauberkeit der Melkeimer und Auf- 
bewahrungsgefässe sollte selbstverständlich sein. 

Die Säuglingsmilch soll nicht von einer einzigen und bestimmten 
Kuh stammen, sondern Misehmilch von ^delen Kühen sein, da durch 
solche Mischimg die oft ganz lieträchtlichen Differenzen ausgeglichen 
werden, welche die Milch nach Dauer der Laktation, Rasse und Alter 
der Kuh zeigt, sowie die nicht minder bedeutenden Tagesschwankungen 
des Gehalts der Milch an Trockenrückstand bei ein und derselben Kuh. 
Gleichzeitig wird durch diese Vermengung eine starke Verdünnung von 
eventuell in die Milch übergegangenen Krankheitsstoffen und damit 
deren Unschädlichmachung erreicht. 

Man bevorzugt als Milchkühe etwa 4 — 6jährige Thiere ; viel jüngere 
und sein' viel ältere liefern eine weniger gehaltvolle Milch. Die Kühe 
sollen einer guten, gesunden und ausdauernden Rasse enti^tanniicn. 

Sodann geht das Bestreben der modernen Milchwirthschaft dahin, 
eine Milch zu produziren, welche nicht nur von chemischen Sulistanzen 
frei ist, die einer gesunden und bekömndichen Milch im Grunde fi'emd, 
bei gewissen Fütterungsarten, Stalklesinfektionen, mit in (heselbe hinein- 
gelangen und dami schädlich auf den Säugling wirken köiniten, sondei'u 
auch und vor allem von organisirten Schädlichkeiten, welche aus dem 



54 Die Diätetik des Kindesalters. 

Blute, ilei- Milchdrüse selber des erkrankten Milehthicres abgeschieden, 
<lie Milcli und damit das Kind infiziren könnten. 

Da ist es in allererster Beihe die Infektion der Milch mit Tuberkel- 
bacillen, welche die grösste Bedeutung haben, da die Perlsucht des 
Rindviehs unter den organisirten Milchinfektionsen-egern zweifellos bei 
der Ausbreitung der menschlichen Tuberkulose eine ganz verhängniss- 
volle R(jlle spi(.'lt. Man geht wohl am sichersten, wenn man nicht nur 
jedes Thier vor seiner Einstellung als Milchkuh durch die Tuberkulin- 
injektion auf versteckte Tuberkulose untersucht, sondern auch die Thier- 
bestände, welche die Klindermilch liefern, von Zeit zu Zeit immer von 
Neuem auf Tuberkulinreaktion prüft. Die in einem hohen Prozentsatz 
der untersuchten Milch gefundenen Tuberkelbacillen stammen meist 
von einer Tuberkulose der Kühe selber her. Und zwar hat sich er- 
geben, dass nicht bloss bei einer direkten tuberkulösen Erkrankung 
des Euters die Tuberkulose durch die Milch überti-agen wird, sondern 
was die Gefahr viel grösser erseheinen lässt, auch wenn die Thiere 
in anderen inneren Organen tuberkulös krank wai'en, wo auch immer 
iler Sitz der Erkrankung war. Höchst verhängnissvoll ist dabei, dass 
<Lie Tuberkulose des Rindviehs ebenso weit verbreitet, als objektiv 
schwer nachweisbar ist; erst die Tuberkulininjektionen scheinen die Aus- 
sicht auf eine allmähliche Sanirung unseres Milchvieh stapeis durch 
frühzeitiges Ausscheiden erkrankter Thiere zu eröffnen. 

Sodann sind es die Erreger des Milzbrands, des Rotzes, der Lungen-, 
der Maul- und Klauenseuche, von denen die erstgenanten die Milch 
direkt lebensbedrohlich und genussunfähig machen, die letzteren Avenigstens 
durch starkes Kochen der Milch unschädlich gemacht werden müssen. 

In letzter Linie sind es gewisse Schädigungen, welche die Milch 
erfahren kann, währentl und naclidem sie das Euter der Kuh verlassen. 

Dahiji zählen <lie vielen Möglichkeiten einer sekundären Infek- 
tion der Milch durch die in der Streu, dem Mist, an Haut und Haaren, 
am Futter und Erdboden in unendlichen Mengen vorhandenen sapro- 
phytischen Pilze, sowie die durch den Händen des ]\Ielkenden, den 
Melkeimern, Seihtüchern, Kühlgefässen etc. anhaftenden verschieden- 
artigsten Mikroorganismen. 

Bekanntlich wandern bei dem Thier von dem durch den Mist, 
Futterre.ste, die unsaiiberen Hände des Mdkers beschnnitzten Euter aus 
allerhand Keime in die Milchgäiige liinein, wo sie in ilen Milchresten 
einen guten Nährboden und nebeidiei eijie ihrer Verni(dn'ung gimstige 
Temperatui' finden und sich in's Ungemessene ausbreiten, ujn dann bei 



Die Diätetik des Kindesalters. 55 

dem Melken mit in die Milch zu gelangen und diese im Ganzen zu iji- 
fiziren. 

Es ist desshalb mibedingt nothwendig, einmal für möglichste Eein- 
lichkeit im Stalle überhaupt, für regelmässige und pemliche Säuberung 
der Viehstände, für fleissige Erneuerung der sauberen Streu, für i'egel- 
mässiges Abspritzen und Scheuern des Stallbodens, für Abwaschen des 
Euters zu sorgen, sondern auch dem Melker eine gewisse Desinfektion, 
mindestens gründliche Reinigmig seiner Hände zur Pflicht zu machen, 
und die ersten Melkstriche und mit ihnen die Hauptmasse der in den 
Milchgängen sitzenden Mikroorganismen neben dem Eimer in die Streu 
zu spritzen. 

Sodann ist die Angewohnheit der Melker, sich mit dem Kopf fest 
gegen den Bauch des Milchthieres zu lehnen, wobei nicht nm- Haare, 
sondern auch Schweisstropfen, Epithelschuppen u. dergl. in den Melk- 
eimer fallen, unbedingt zu verbieten. 

Dass die Hände des Melkers frei von eiternden Wunden, Geschwüren, 
Ausschlägen sein sollten, versteht sich eigentlich von selbst. Nachdem 
ich erlebt habe, dass ein Angestellter einer allerersten Molkerei mit 
melu'eren tiefen, syphilitischen Ulcerationen an den Fingern, aus deren 
Tiefe man zahlreiche Kuhhaare herausholen konnte, Wochen lang seinen 
Melkdienst unbeanstandet versehen konnte, erscheint es nicht unnöthig, 
auch darauf nochmals das Augenmerk zu lenken. 

Von der grössten Wichtigkeit ist es sodann, die Milch auf ihrem 
weiteren Wege vom Produzenten zum Konsumenten vor Vennn'einigvmgen 
zu bewahren. 

Eine ganz gewöhnliche Quelle einer solchen ist, wenn man von 
unsauberen Melkgefässen absieht, das Seihtuch, das leider in allen kleineren 
Molkereien noch sehr gebräuchlich i.st. Es leuchtet ein, dass, nachdem 
der Milchschmutz einer grossen Anzahl von Litern Milch in demselben 
niedergeschlagen, dieser auch durch sorgfältiges und tägliches Waschen 
niemals wieder aus demselben entfernt werden kann, die sich rasch an- 
siedelnden Kidturen der verschiedenartigsten Bakterien, Coccen und 
Pilze jede neue Milchportion, welche das Seihtuch passirt, sofort ver- 
unreinigen müssen. 

Man lasse desshalb die aus kleineren Milchhaltungen stammende 
Milch niemals im Stalle durchseihen, sondern nehme die nothwendige 
Filtration zu Hause mit reinen Tüchern vor, die nach dem Gebrauche 
weggeworfen oder ausgekocht werden. 

Grosse Molkereien kühlen, nm der Weiterentwickelung iler bereits 



56 Die Diätetik des Kindesalters. 

in die Milch fi^elaiiuteii uiiverineidlicheii Mikrooroanismen vorzubeugen, 
die Milch sofort stark ab und reinigeii sie in sehr vollkommener Weise vom 
sog. Milchsehlamm und der Mehrzahl der Infektionsen-eger vermittelst 
C'entrifugirens oder auch durch Cellulose-, auch Sandkiesfiltration. 

Da jedoch sicher nachgewiesen ist, dass frischer Kuhkoth sich bis 
zu 50 "/o in der Milch löst und daher auf keine Ai-t mehr zu entfernen 
ist, so bleibt die Hauptsache die Prophylaxe, eine thunlichst reinliche 
Milchgewinnung, grösstmöglichste 8aul:)erkeit. 

Die so behandelte und kalt aufbewahrte Milch gelangte da]in thun- 
lichst rasch und möglichst — wenigstens zur warmen Jahreszeit — in 
Wagen otler Schiffen mit Kühlvorrichtung zum Versandt an die Kon- 
sumenten. 

Wiril nicht eine einfache rohe Milch verlangt, so wird die abgekühlte, 
centrifugirte Milch am besten gleich in der ^Molkerei auf die sorj;- 
sam gereinigten Transportflasehen vertheilt und in diesen mehrmals 
j)asteurisirt oder sterilisirt; beide Verfahren haben sich bewährt. Jeden- 
falls ist eine Sterilisirung dieser frischen, noch nicht von einer Hand 
in verschiedene andere übergegangenen Milch rmgleich leichter und 
rascher zu erzielen als später, wo sie erst dann Platz greift, wenn die 
Milch bereits in mehr weniger hohem Grade infizirt ist. Einmal gelingt 
es dann nur bei wiederholtem und längerem Sterüisiren völlige Keiiu- 
freiheit zu erzielen, und endlich wissen Avir selbst dann noch keine.swegs, 
ob nicht schon Stoffwechselprodukte der Infektionsträger, die so lange 
ungestört sich entwickeln konnten, in der Milch in einer ]Menge ent- 
halten sind, die dem Kinde schädlich werden müssen, da sie der Hitze 
widerstehen. Bei hoher Sommertemperatm-, und wenn mau ilie ]Milch 
nicht ans erster Hand und bald nach dem Melken erhält, endlich, wenn 
man keine Garantien für eine sehr saubere und sorgfältige, ich möchte 
sagen, aseptische Behandlung der Milch seitens des Produzenten hat, 
bezieht mau am Sichersten nur eine gleich nach dem Alelken sterilisirtc, 
resp. bei 65—70" pasteurisirte Milch. 

Keinesfalls wähle mau zur SäualiugsnalutniL;' eine iNlilch, welche 
nach dem Gewinneji lauge, womöglicli ohne Schutz und Eis, auf sonnigen 
Wegen, bei gewitterschwülem Wetter undiergefahreu, daini bei einem 
Zwischenhändler abgeladen, in andere, womöglich noch vom Taue vor- 
her nicht ganz geleerte Gefässe umgeschüttet. Stunden und Stunden 
steht und durch Abschöpfen stets von Neuem infizirt wird. 

Das Idealste bleibt es, eine sorgfältig, ganz sauber gewonn(>ne Milch 
uiniiittelbin' iiacli dem Melken friseli zu vi'rwemleii hezw. sicli mehrmals 



Die Diätetik des Kindesalters. 57 

des Tages frisch zu beschaffen. Diis wird für ^TÖssere Orte, und nun 
gar für Grossstiidte meist ein piuni desideriuin bleiben. 

Zubereitung der Kuhmilch. 

Da unverniischte Kuhmilch im Allgemeinen erst von Kindeni 
späterer Säugling-sperioden gut vertragen wird, hat man wohl stets die 
Kuhmilch so zu mischen und nnt Zusätzen zu versehen, dass sie 
möglichst in ihrem prozentualen Gehalt an den verschiedenen Nähr- 
stoffen der Zusammensetzung unseres natm-gemässen Werthmessers, der 
Frauenmilch nahe oder gleich kommt. 

Angesichts des so beträchtlich viel höheren Eiweissgehaltes der 
Kuhmilch gegenüber unserem Vorbilde, der Frauenmilch muss unter 
Zugrundelegung aller neuen und übereinstimmenden Analj'sen die Kuh- 
milch bis auf ca. l "/q Eiweiss mit Wasses verdünnt werden. 

Die neuesten und exakten StoffAvechselversuche spez. v. Heubner- 
Rubner haben zwar die alte Erfahrung und den gegenüber der Lehre 
Biedert's vom schädlichen Nahrungsrest von Heubner wiederholt be- 
haupteten Satz vollauf bestätigt, dass auch ein Ueberschuss an Eiweiss 
im Allgemeinen von dem Kinde gut verdaut, wenn auch nicht ver- 
werthet wird, dass ihm derselbe in der Regel auch keinen Schaden 
bringt. Aber einmal kann mit dem Eintritt dysi^eptischer oder entzünd- 
licher Störmig durch bakterielle Zersetzung dieses üben-eichen Nahrungs- 
Eiweisses und durch die Resorption chemischer Fäulnissprodukte doch 
wohl häufig genug eine ernstliche Gefährdung des Kindes entstehen, 
und sodaim steht jetzt zweifellos fest — eben durch jene Stoffwechsel- 
spez. Gasstoffwechseluntersuchungen, — dass wir dem Kinde mit der 
übergrossen Eiweisszufidu' ein Mehr an Verdauungsarbeit zumuthen, 
das zwar von den meisten Kindern anstandslos geleistet, aber trotzdem 
doch wohl besser vermieden wird, das mau aber wenigstens schwächlichen 
Kindern und solchen mit nicht vollauf leistungsfähigen Verdauungsorganen 
gerne ersparen wird. 

Wir verdünnen also zweckmässig die Milch massig stark. 

Zur Verdünnung benützen wir entweder abgekochtes Wasser oder aber 
— in iler Absicht, damit gleichzeitig weniger den Nährwerth der Mischung 
zu erhöhen, als die Gerinniuig des Kaseins günstiger zu gestalten — 
<lünne, schleimig -mehlige Dekokte (Hafer-, Gerstenmehl, bei Neigung 
zu Diarrhöe besonders Reismehl, oder auch eines der sj)äter zu nennenden 
Kindermehle); dieselben werden mit einem etwa 3 — 5 "/q Gehalt an 



58 Die Diätetik des Kindesalters. 

M(-hl ihu-ch 1/2 — 1 stüniliges Kochen bereitet und liaben sich seit Alters 
rtiicli schon in der frühen Riinulingsperiode gut bewährt. Die kleinen 
Mengen Aniylunis, die sie enthalten, werden meist ganz gut verdaut, haben 
sich mir jedenfalls noch niemals schädlich erwiesen; zweifellos findet in 
solchen schleimigen Vehikeln eine feinflockigere Gerinnung des Kaseins 
statt. Der Em])fehlung einer Lösung von Gummi arabicum oder Salep. 
möchte ich, da diese Stoffe so ziemlich unverdaulich sind und auch 
leichter säuern, nicht beipflichten. Auch ein Zusatz von dünner Kalb- 
fleischbrühe aji Stelle des Wassers hat sich gut bewähi-t. 

Von dej) früher üblichen, aus Furcht vor dem schwerverdaulichen 
Kulikasein gewählten starken Verdünnungen ist man in neuerer Zeit 
mehr und mehr abgekommen, weil man gesehen hat, dass einigermassen 
leistungsfähige Verdanungsorgane auch eines jugendlichen Säuglings mit 
diesem Ueberschuss an Eiweiss ohne Schaden sehr wohl fertig werden, 
und weil bei so reichlichem Wasserzusatz die anderen Nährkörper der 
Milch, speziell Fett und Zucker unverhältnissmässig stark verdünnt 
werden, dadurch ei)ie zu minderwerthige Nahrung resultirt, von der das 
Kind abnorm grosse Mengen aufnehmen müsste, um die ihm zukommende 
Kalorienzalil zu erhalten. Auch hat ein so reichliclier Wasserzusatz 
manche Schädigungen in seinem Gefolge; nicht Jiur werden die an und 
für sich noch erst in geringer Menge und schwächerer AusbikUnig ab- 
gesonderten Verdauungssäfte und ihre Fermente so stark verdünnt, dass ihre 
verdauende Kraft Noth leiden muss, sondern es werden auch Darm und 
Nieren mit Wasser überschwemmt, speziell die letzteren übermässig stark 
in Anspruch genonnnen ; so ernährte Kinder liegen ewig nass, leiden 
in Folge dessen an Intertrigo und Ekzemen, sind miruhiger und tran- 
spiriren viel. 

Gleichzeitig mit dem Eiweissgehalt verringern wir aber durch den 
Wasserzusatz auch den Gehalt der Milch an den anderen Nährköi-pern. 

Für die Salze der Knhmilcli hat diese Verdünnung keinerlei Be- 
dcuitung, da der Aschegehalt der Kuhmilch gegenüber der Frauenmilch 
ein so hoher ist, dass der Wasserzusatz höchstens günstigere Verhält- 
nisse schafft. 

Viel bedcnklich<'r erscheint die Herabminderung des Nährwerthes 
dci- mit Wasser gemischten Kuhmilch durch Verarmung an Fett und 
Kohlehydrat. 

Das entstandene Defizit an Zucker tVeilich ist unschwer wieder 
auszugleichen, indem wir einfach eine entsi)rechende Menge von Milch- 
zucker zufÜLien. 



Die Diätetik des Kindesalters. 59 

Eine Anreicherung des Milehj^einisches vermittelt Milchfettes ge- 
lingt hingege]! kanni, jedenfalls nicht in jihysiologisch befriedigender 
Weise. 

Ein einfacher Zusatz von .Sahne hat zur Folge, dass diese auf der 
spezifisch schwereren Milch obenauf schwimmt, sich jedenfalls auch bei 
fleisigem Unu-ühren nicht in vollkonunener Weise auf sämmtliche, aus 
der Milchniischung gebildete Einzelportionen vertheilen lässt; und 
keinesfalls bildet die dergestalt mit Hahne angereicherte Milch die feine 
Fettemulsion, als welche sich die Frauenmilch und auch die unverdünnte 
frische Kuhmilch darstellt, und wie sie für die Resorjjtion des Fettes 
offenbar die beste Form darstellt. 

Aehnliche nur noch gesteigerte Schwierigkeiten ergeben sich bei 
dem Zusatz künstlicher Fettgemenge (Lahmann's Konserve etc.). 

Allgesichts dieser Schwierigkeiten haben Heubner-Hoffmann 
eine M i 1 c h m i s c h u n g empfohlen, bei welcher die Kuhmilch mit dem 
gleichen Volumen Wasser verdünnt, und das Defizit an Fett und Zucker 
diu-ch einen starken, 12,5 "/o igen Zusatz von Milchzucker gedeckt wird, 
in welchem also das Kohlehycb-at auch das fehlende Fett zu ersetzen 
bestimmt ist. 

Rein physiologisch lässt sieh gegen einen Ersatz des Fettes durch 
Zucker, welcher die Milchniischung auf den erforderlichen Kaloriengehalt 
bringt, kaum etwas einwenden, wenn man von der Erfahrung ausgeht, dass 
ein Nähi'stoff den andern entsprechend seinem eigenen Kalorienwerth zu 
vertreten vermag. Aber einmal erscheint es für deii Säugling noch 
keineswegs ausgemacht, dass der Ersatz des Fettes durch eine gleieh- 
werthige Menge von Kohlehydrat physiologisch richtig ist. 

Und sodann hat ein so reicher Gehalt an Milchzucker doch auch 
seine anderen, theoretisch und praktisch begründeten Bedenken. Zweifel- 
los wirkt der hohe Zuckergehalt manchmal auf die Stnhlentleerung 
stärker anregend, als erwünscht; auch stellt bekanntlich der Milchzucker 
in stärkerer Konzentration eine Art von Dim-eticum dar. Endlich ist 
die Aufnahmefähigkeit des Säugluigs für Milchzucker wohl zwar unbe- 
grenzt, nicht aber die Fähigkeit des induviduellen Organismus, die ein- 
geführten Mengen auch vollkommen zu verbrennen. 

Bei schwachen oder geschwächten Verdaiuuigsorganeii hat die Be- 
wältigimg des bei der Heubner-Hoffmann'schen (wie bei der Soxhlet'- 
schen) Mischung bestehen bleibenden hohen Eiweissgehaltes seine ge- 
wichtigen Bedenken ; für den kräftigen, verdauungsgesunden Säugling 
entfallen sie für gewöhnlich, so dass man auf Grund mehrjähriger und 



60 Die Diätetik des Kindesalters. 

vicltaui^fii(lfälti,t;<-r Eii'ahriiii.i; ^\•(lhl saaen kann, (la>^ (Üb Heubiier-Hoff- 
inannVclie ililchiniselmii.i;' sich im Allgemeinen gut und dauernrl l)c- 
währt hat. 

Nenerdings hat Heuliner die Soxhlet'.^che Emijfelilung adoiitirt, 
wonach dem Liter Kulimileh Vg Liter Wasser oder Hchleini oder Kalb- 
flei.-ichbrühe zugesetzt wird. Er hat mit dieser Nahmng, welche also 
in einem Liter die Bestandtheile von ^'.^ Liter Kuhmilch enthält, sehr 
günstige Erfolge erzielt; ihr Gehalt heträgt aii Milchnährköiperu: 23,7 g 
Eiweiss, 24,6 g Fett, 32,5 g Zucker, 4,7 g Asche, d. h. zunächst 
erheblich weniger, wie in derselben Menge Frauenmilch enthalten sind; 
das Defizit beträgt für Fett 16,1 g, für Zucker 37,5; andrerseits bleibt 
ein üeberschuss an Eiweiss bestehen in Höhe von 13,4, un<l für Asche 
von 2,28 g. Während dieser Üeberschuss nichts zu bedeuten hat, muss 
jenes Defizit gedeckt werden. Soxhlet thut dieses, indem er den Zucker 
sowohl wie zum Theil auch das Fett durcli 12,3 "/„ der Wasser- resp. 
Mehlsuppen menge Milchzucker ersetzt. Auch diese Milchmischung hat 
sicli vielfacli gut bewähi-t. 

Andererseits kann man nicht verschweigen, dass einer Mmderzalü 
von Kindern diese Nalu-ung nicht bekonnnt, offenbar zu schwer ist, 
was sie dannt l)ekunden, dass sie mehr wie zulässig speien oder dys- 
peptisches Erlirechen, <lyspeptische Btühle bekonnnen, vielleicht in Folge 
des liohen Milehzuckergehaltes mehr an Koliken, Zeichen von Darm- 
reizung leiden. Dann pflegen solche Kinder naturgemäss auch nicht in 
normaler AVeise an Gewicht zuzunehmen. Ursache dürfte einmal der 
Mangel an Fett, sodann der immer noch vorhandene Üeberschuss an 
Eiweiss sein. 

Vergleichen \vir mit dieser Heubner-Hoffmann'schen und Soxlilet'- 
schen Mischung die ältere, noch heute von Henoch und vielen er- 
fidirenen Aerzten mit Erfolg geübte, viel stärkere JMilchverdünnung 
(Henoch giebt in den ersten 2 — 3 Monaten 1 ^[ilcli ; 3 Wasser, 
im zweiten Vierteljahr 1 : 2, im dritten halb und halb, dann 2 : 1 und 
erst vom lU Monat ab reine Milch), so ersieht man aus einem einfachen 
Rechenex(jnipel, dass ein Säugling hn dieser Nahrung gewöhnlieh viel 
zu weing Nährmaterial erhalteji wii'd, es sei denn, dass er abnorm grosse 
NahrungsHjengen aufnimmt, was gemeiniglich auch in der That der Fall 
zu s<>in pflegt. 

Je(locli k()inien wir eine solche Ernäln-ungsmethode als jjhysiologisch 
richtig nicht anerkennen; ihre NaclithiMle sind bereits oben ausgeführt. 

Aiiderei-seits ist es nicht zu leugnen, dass es eine üanze Anzahl 



Die Diätetik des Kindesalters. 61 

von Kindern siebt, ntuneiitlicli solche, die von Geburt etwas schwächlich, 
liinter dem Dm-chsclmitts-Körpergewicht zurückgeblieben sind, welclie bei 
diesen starken Milchverdünnungen befriedigend gedeilien ; es müssen 
dies Individuen sein, welche — ähnlich dem Brustkinde — mit der 
ihnen gebotenen Naliiamgsmenge ausserordentlich gut wirthschaften, mit 
verhältnissmässig wenig Material auskommen. 

Bei solchen Kindern, welche konzentrirte Milchgemische, speziell die 
Heubner-Hoffmaim'sche nicht vertragen, wird man es — wofern eine 
Ammenernährung ausgeschlossen ist, und ein Versuch mit einem künst- 
lichen Milchpräparat unmöglich oder erfolglos — immer besser mit 
einer stärkeren Milchverdünnung nach der alten Methode versuchen, und 
sich dami freilich für den Anfang meist mit einer geringeren Gewichts- 
zunalimc begnügen müssen, wobei aber dann das Kind wenigstens ge- 
sund bleibt. Mit dem Erreichen dos 4 — 5 Lebensmonats pflegt sich 
dann bei solchen Kindern die Verdauung soAveit gekräftigt zu haben, 
dass man dann rascher zu einer stärkeren Nahrung übergehen kami. 

Biedert hatte ursprünglich eine Verdünnung der Kuhmilch in der 
Art empfohlen, dass sich dieselbe prozentualisch dem Köi'pergewicht 
anpasst. Jedoch kann <las Verhältniss zwischen Zunahme des Volums der 
eingenommenen Nahrung und der Zunahme des Körpergewichts nicht 
als massgebend gelten, da das Körpergewicht allerlei Schwankungen 
ausgesetzt ist, keineswegs stets der Nahrungsaufnahme pai-allel geht; so 
verzehnfacht sich z. B. in den ersten sechs Monaten das Volumen der 
getrunkenen Frauenmilch .gegen die ersten Tage, während sich das 
Körpergewicht des Säuglings nur verdoppelt. 

Ein anderes, viel rationelleres Verfahren, die sogen, volumetrische 
Methode, stam mt von E s c h e r ich. 

Er legte seiner Verdünnungs-TabeUe die Eiweissmenge zu Grunde, 
lue ein Säugling in den verschiedenen Lebenswochen pro Tag und 
Einzelmahlzeit in der Frauenmilch aufnimmt; diese bekannte Menge, 
wie sie in einem entsprechend kleineren A^olumen der Kuhmilch ent- 
halten ist, giebt er in der Form, dass er zu dem Volum Kuhmilch nur 
so viel Wasser zusetzt, als nöthig ist, um das Volum der an Eiweiss 
gleichwei-thigen Menge Frauenmilch zu erreichen. Der Säugling bekommt 
bei Escherichs Methode bedeutend mehi- Eiweiss als bei der übliclien 
Verdünnung; den trotz des viel geriiigeren Wasserzusatzes entstehenden 
Ausfall an Zucker und Fett macht ein Zusatz von Milchzucker und 
einer künstlichen Fettmiseliung (der Lahmann'schen Konserve) wett; 
(letztere ist übrigens, da sie leicht i'ajizig wird, besser durch die allerdings 



62 Die Diätetik des Kinclesalters. 

theiirere Sahne zu ersetzen). Das Minus an Fett macht sich übrigens 
erst von etwa der neunten Woche ab geltend. 

Die A^M-ilüniumg-stabelle nach Escherich wäre folgende: 
Woche Kuhnulch Wasser 





'k- 




1.50 


+ 


250 




1. 




200 


+ 


200 




2. 




250 


+ 


250 




.8. 




300 


+ 


20( » 




4. 




350 


+ 


250 


b. 




(). 


400 


+ 


400 


7. 




<s. 


450 


+ 


450 


9. 




10. 


500 


+ 


900 


11. 




12. 


550 


+ 


1000 


1.3. 




14. 


600 


+ 


1000 


1.5. 




Iß. 


650 


+ 


1000 


17. 




18. 


700 


+ 


lOOO 


19. 




20. 


750 


+ 


1000 


21 


. — 


24. 


800 


+ 


1000 



Die Gesammtmenge wird bis zur 20. W^oche auf 7, von da ab auf 
sechs Mahlzeiten vertheilt. 

Die Escherich'sche Methode hat ihre uideugbaren Vorzüge, leidet 
aber abgesehen von den unvermeidlichen Nachtheilen des Schematismus 
an dem Unberücksichtigtbleiben der chemisch-physiologischen Differenz 
zwischen dein Eiweiss der Frauen- und der Kuhnnlch; sie ist jedoch 
zweifellos der prozentualischen Methode (Biederts) vorzuziehen, denn sie 
nähert das Gemisch den in der Frauenmilch gegebenen phvsiologisclien 
^'erhältnissen. 

Gut bewährt hat sicli auch die vereinfachte Methode U-f fei mann 's, 
welcher giebt: 

IMilcli ^Vasser 
1.— 12. Lebenstag 1 3 

13.— 30. „ 12 

30.^60. „ 1:1 

60.~180. „ 1 : 0,75 

180.— 280. „ 1 : 0,50 

280.— „ 1:0 

Um <l(']i grossen Misstand zu vci'ineiden, der l)ei ik'r Wasserver- 
dünnung der Milcli durch die Herabmiiiderung eines so werthvoUen 



Die Diätetik des Kindesalters. ' 63 

Niüirkörpers, wie es das Fett ist, entstellt, hat man noch verscliiedent^ 
andere Vorschläge gemacht und geprüft. 

Am Einfachsten erschien es, den Ausfall an Fett durch Zusatz 
von Milclifett, Sahne oder Butter quitt zu machen. Euimal ist es 
aber bei der Bereitmig der gesammten Tagesration, wie es gewöhnlich 
geschieht, nicht so ganz einfach, nmi die zugesetzte Fettmenge gleich- 
massig auf sämmtliche Portionsflaschen zu vertheilen. Vor allem aber 
kann sich eine solche Mischung nicht mit der Frauenmilch messen, 
weil ihr Fett zu einem grossen Theil darin nicht feinst vertheilt, in 
Gestalt einer' guten Emulsion sich befindet, sondern in der Hauptsache 
sofort aufrahmt, und auch nach gutem Durchschütteln doch luu- in 
Form grösserer Tropfen oder Butter-Klümpchen darin umherschwimmt. 

Ein Zusatz von pflanzlichen Fetten, wie ihn die Lahmann'- 
sche Konserve bietet, ist von noch geringerem Werthe, einmal wegen 
des Cjualitativen Unterschiedes der Fette, sodann weil es die genannten 
Nachtheile des künstlichen Fettzusatzes theilt, endlich weil diese Konserve 
rasch in den geöffneten Büchsen ranzig wird. 

Bei weitem besser erweist sich der Ausgleich des Fettmangels bei 
Wasserzusatz durch das Biedert'sche Eahmgemenge mid die 
Gärtner' sehe Fettmilch; auf beide soll bei Besprechung der Milch- 
präparate näher eingegangen werden. 

So sind wir in der Praxis nicht über den schliesslich ja auch 
physiologisch gut begründeten und durch die Erprobung bewährten Vor- 
schlag hinau.sgekommen, die bei der Milchverdünnung entstehende Herab- 
minderung des Kalorienwerthes durch eine reichliche Zuführung von 
Zucker auszugleichen . 

Als Zuckerart bevorzugt man allgemein die physiologisch nächst- 
liegende, den Milchzucker, der heutzutage überall in sehr reinem 
Zustande und verhältnissmässig billig zu erhalten ist. Eine Vorsicht.s- 
massregel bei seiner Vei-wendmig bleibe nicht unenvähnt. Der Milch- 
zucker hat die Eigenschaft migemein lebhaft allerhand starke Gerüche 
von Körpern anzunehmen, in deren Nähe er gelangt. So muss man 
sich hüten, seinen Milchzuckervorrath zusammen mit Kaffee, Käse, Ge- 
würz und dergl. im gleichen Schranke aufzubewahren. 

Der Milchzucker hat den Vorzug, dass er als solcher unmittelljar 
zur Resorption gelangt, nicht, wie andere Zuckerarten, Rohr- und 
Rübenzucker vom Organismus erst komplizirtere Umsetzungen verlangt. 
Jedoch ist bei der Eigenschaft des Rohrzuckers, in etwas konzentrirteren 
Lösungen gährungs- und zersetzungswidrig zu \\-irken uikI vermöge seines 



64 Die Diätetik des Kindesalters. 

hohen Kalorienwerthes ein konzuiitrii'tes, vorzügliches Nähr- uml Kraft- 
mittel darzustellen, auch seiner Vcrwert.liung unter Umständen nur das 
Wort zu reden, l)esonders in den Fällen, wo die zweifellos vorhandene, 
leicht abführende Nebenwirkung des Milchzuckers jiicht envünscht ist; 
daneben empfiehlt er sich durch seine grosse Billigkeit. 

Von anderen Zuckerarten käme sodann noch die Maltose in Frage 
Wenn der Gesichtspunkt, unter dem Keller unlängst ihre Verwerthung 
in Gestalt der modifizirten, vor Jahren viel gerühmten Liebig'schen 
Malzsuppe anriet, auch als um-ichtig erkannt ist, so kann ich doch 
aus ziemlich ausgedehnter Erprobung einen massigen Zusatz von Malz- 
exti'akt, liesonders bei Kindern, (He man etwas auf Fett mästen will, 
nur empfehlen. 

Den Salzgehalt der Kuhmilchniischung cpialitativ genau dem 
der Frauenmilch zu gestalten, ist ohne schwierige und umständliche 
Maassnahmen nicht möglich, was bei der grossen Bedeutimg der erforderten 
Nährsalze zweifellos zu bedauern ist. Wenn man sich i]i praxi über 
diesen heiklen Punkt bei der Kuhmilchbereitung meist einfach hinaus- 
setzt, so stützt man sich auf die Erfahrung, dass seine Vernachlässigung 
in der Regel keine erkennbaren, wenigstens keine sich deutlich auf- 
drängenden Schädigungen im Gefolge zu haben scheint. 

(_)b aber nicht doch bei der Genese der bei künstlich ernährten 
Kindern doch zweifellos so viel häufigeren Rachitis bei der Entstehmig des 
ilorbus Barlowii die Asche- Verhältnisse eine wesentliche Rolle spielen ? 

Ein Zusatz von Kochsalz kann jedenfalls bei der grossen Bedeutmig 
ilesjChlors für den Stoffwechsel nur als nützlich bezeichnet werden, ob- 
wohl der Chlorgehalt der Kuhmilch auch bei starker Verdünnung noch 
ausreichend erscheint. Jedoch liefert das reiclilich eingeführte Kochsalz 
einmal das für H-Cl-bereitung nothwendige Material, und sodann be- 
hauptet man, dass auch ein Zusatz von NaCd die Milch zu feinflockigerer 
Gerinnung zu bringen vermcige. 

Dem Mangel der Kuhmilch wie der Muttermilch an organischem 
Eisen, der sich im zweiten Halbjahr gvjtciid macht, kann nuui dadurch 
abhelfen, dass man dem Sä\igling in der A[ilcli resji. Fleischbrühe etwas 
Eigelb zuführt; es enveist sich dies thatsiichlicli oft recht nützlich. 

Es bleiben noch andere Unterschiede bestehen, so <)ass z. B. die 
Fraui'imiilch rehiliv arm an Kalk, Eisen und Phosphorsäure, dagegen 
reicher an Kali (83,8) und an Chlnr i-l. 

Was mm die Na h r n n g s m c n ge n iietriift, in denen wir unsern 
Kin<lc]-n ilicsi' KuliinilchniiM-hunL;i'n nelien sollen, so ülebt uns die Natur 



Die Diätetik des Kindesalters. 65 

an <len von dem Brustkinde aufgenoinmeneji Volumen einen nahe- 
liegenden Maasstab. Wir sind Dank der gewissenhaften inid mühe- 
vollen Beobachtnng einer Anzahl von Aerzten an ihren eigenen, von der 
Mutter gestillten Kindern nunmehr in der glücklichen Lage, über ge- 
nügend grosse und zuverlässige Durclischnittszahlen verfügen zu können. 
Bei ihi'em Btuditun wird es Manchem so gegangen sein, wie mir, 
dass er sich wundert, mit wie geringen Nahrungsmengen eiji natürlich 
ernährtes Kind auskommt. Die aus einer grösseren Anzahl zuverlässiger 
Beobachtungen gewonnenen Zahlen sind folgende: 

Die von einem Brustkintl im Durchschnitt aufgenommenen 
Nahrungsmengen: 
1.— 4. Lebens-Woche 250—550 g 
5.-8. „ , 700—900 g 

9.— 12. „ „ 900 g 

13.— 16. „ „ 960—970 g 

in de]i folgenden Monaten 1000 g 
Das Liter Frauenmilch enthält im Durchschnitt (sog. Dauermilch) 
Eiweiss 'Fett Milclizucker Asche 

10,3 40,7 70,3 2,10 = 700 Kalorien 

Die Erstlingsmilch enthält etwas andere Verhältnisse: 
20,8—32,0 29,3—39,9 50,7—65,4 2,7—3,3 

Das Liter Kuhmilch entliält im Durchschnitt: 
Eiweiss Fett Milclizucker Asche 

35,0 35,0 48,0 72,0 = 666,8 Kalorien 

Hieraus lässt sich leicht lierechnen, welche Nahrungsmengen resp. 
welche Anzahl von Kalorieen dem Kinde in den verschiedenen Alters- 
perioden zukommen, und welclie Zusätze zur Kuhmilch gemacht werden 
müssen. 

Natürlicli dürfen diese Zahlen nicht als ein absolut, in allen Fällen 
und ujiter allen Umständen gültiger Maasstab aufgefasst werden, wne 
man sich demi vor einem gewissen Schematismus bei jeder Form der 
Säuglingsernährmig streng zu hüten hat. 

Selbstverständlich spiielen Körpergewicht, Grösse, Temperament, in- 
dividuelle Eigenart, endlich nicht zum Wenigsten auch die Gewöhnung- 
schön in diesem frühen Lebensalter eine wesentliche Rolle bei der Be- 
messung der Nalirungsmengen. 

AVenn es auch im Allgemeinen richtig sein dürfte, dass Fresser 
niclit geboren, sondern erzogen werden, so schwankt tlocli ganz zweifel- 

H aus er, Grundriss der Kinderheilkunde. Zweite Auflage. 5 



66 Die Diätetik des Kindes alters. 

]os iiviiau wie heim heraii\vaeliscii<lcii nml beim prwaehspiicii Menschen 
(las Nahrunusbcdilrfniss iniiciliall» iiiaiicliiiial ^anz lieträelitlielier indi- 
vidueller Grenzen. 

Von vorneherein wird man liei einem dnrelisehnittsgemäss ge- 
nährten und entwiekelten Flaschenkinde jene oben fiepebenen Zahlen als 
die Norm ansehen und ihnen entsprechend die Mahlzeiten bemessen dürfen. 

Sieht man aher, <lass das betreffende Kind damit nicht auskommt, 
nach jeder Fla>ehe noch Inmurii;' thnt, auch inchf in <leni Maasse an 
Gewicht zuninnnt, wie das erwünscht scheint, so wird man — stets 
vorausgesetzt, dass es nicht zu viel sjieit oiler erliricht, da>s es normal 
verdaut — ohne Besinnen vorsichtig und allmählig die Nahrungsmenge 
etwas steigern dürfen unter steter Kontrolle, wie ilie neue Nahrimg 
vertragen winl. 

Genau nach demselben Grundsatz pflege ich zu verfahren, wenn 
auch die et>\as i'eichliehere Nahrungszufuhr, was die Menge anlangt, 
nicht zu genügen scheint, und <las Kind eine etwas konzentrirtere Kost 
mit höherem Kaloriengehalt zu beanspruchen und zu verarbeiten ver- 
mag; dann verstärke man in denselben, vorsichtigen Abme»ungen 
auch den Milch-, den Zucker- resp. Fettzusatz. 

Für alle solche oder ähidiche Fälle käme dann eventuell auch ein 
Zusatz voji einem Kühlenhydrat in Gestalt eines K i n d ermehles, 
von Reisschleim oder dergl. in Frage (s. dort). 

Keinesfalls ist es, wie schon ausgeführt, ricjitig, die Nahrungsmengen 
lediglich streng di'm Körpergewicht an2ia>sen zu wollen. Heubner richtet 
si(di bei seiner Methode ziemlich genau nach der für das Brustkind fest- 
gesti'llten Nalmnigsmenge. vermeidet aller dabei jedes Schema, der 
Art, dass das Körpergc\vii'ht , die allgemeine Körperentwickelung, die 
Gewichtszunahnu', das subjektive Nahrungsl)edürfniss einserseits, der 
Zustand uml die Leistungen der kindlichen Verdauungsorgane im kon- 
kreten Falle andei'erseits vollauf zu berücksichtigen sein werden. 

Der näclisl liegende Geilanke, sich bei Bemessung der Nahrungs- 
vobunina einfiicli nnd nur nach ih'm subjelKliv geäusserten Hungergefühl 
des Kimles zu richlen, kaini — so verfidncri^ch einfach nnd natur- 
geniäs^ ei- er>clieinl docli in manchen Fälhii zu iniangeiielimen Miss- 

ei-folgen lidireii, da nianclie Kinder eben olTenhin- den ])hvsiohigischen 
Maasstab für das ihnen Zid^ummendc noch nicht haben oder dnivh 
planlosi's Füttern verloren haben. 

.\ de znverläs-^igeii B<>obachler pflegen b'^lzn^lidlen, dass das N;du-ung.-- 
Iiedinfniss (h'r kinisilich t'i iuihrt<'n, der Flasclu'nkinder durchweg' höher 



Die Diätetik rles Kindesalters. 07 

itit, wie das der Briwtkiuder; so bcstiiiiiiitc J. Lange die Naliruiiüs- 
nieiijie auf über 1200, Clanierer gar auf etwa 1400 g. 

Die^ie Erfahrung wird man bei Abmessung der tiiglichi'ii Nahrung 
nieht unberiieksiehtigt lassen düi'fen. 



Bei den Ausfiilirungun iilicr die ratiunellste Zuliereitung 
der Kuhmilch für die Ernährung di's iSäuglings lassen wir uns — 
ähnlich wie bei der Wahl der Kuhniileh als Ersatzmittels der Mutter- 
oder Ammenbrust — weniger von theoretischen Erwägungen, als ^'()n 
praktisch erprobten und seit vielen Jahren im Grossen luid Ganzen be- 
währten Erfahrungen leiten. 

Denn einmal ist es nur eine versehwind('iid kleine Minderzahl von 
Kindern, deren Eltern ihre (il^onomische Lage Versuche mit den oft 
nur theoretisch besseren, ausnahmslos al)er mehr weniger theueren Arten 
besonders präparirter Kuhmilch gestattet. Die grosse Menge unserer 
Säuglinge gedeiht auch bei einer einfachen Zubereitungsmethndc uml 
wird in absehbarer Zeit auf eine einfach gemischte Kuhmilch angewiesen 
bleiben. 

Gerade aus diesem Grunde möcjite icli auch an dieser Stelle noch- 
mals betonen, von welch entscheidender Bedeutung es ist, dafür Sorge 
zu tragen, dass unser Grundmaterial, die Kidimilch, als universelle und 
unentbehrliche Kindernahrung nun aber auch alLn'orten in möglichst 
reiner und guter Beschaffenheit gegen massigen Preis dem A^olke zu- 
gänglich gemacht werde. Es ist dies ein Punkt, auf den unsere Wohlfahrts- 
vereine, besonders der bewährte Verein für häusliche Gesundheitspflege, die 
Leiterinnen von Kindervolksküchen , Kleiukinderbewahranstalten und 
Kinderkrippen, die Gemeinden in noch erhöhtem Maasse ihre Aufmerk- 
samkeit hinlenken könnten. 

Sodann steht es leider ausser allem Zweifel, dass die zahlreichen, 
auf Grund unserer neuesten ph3'siologisch-chemischen Erkenntniss kon- 
slruirten, in der Theorie allen Ansprüchen an ein Ersatzmittel der 
Muttermilch entsprechenden künstlichen Milchpräparate ihre ausschliess- 
liche oder vorwiegende Verwendung an einem sehr grossen Kinder- 
material noch nicht und jedenfalls noch nicht lange genug bewährt haben, 
um den Anspruch zu erheben, als vollwerthiger Ersatz der luitürlichen 
Nahrung für den allgemeinen Gebrauch empfohlen zu werden. 

Endlich scheint es eine immer deutlicher erwiesene Thatsache, 
dass bei der komplizirteren Bereitung, der ziemlich vollkommenen 

6* 



68 Die Diätetik rles Kindesalters. 

Sterilisirung dieser Milchpräparate die Kuhmilch die Eigenschaften eines 
frischen, natürlichen Nahrungsmittels verliert, den Charakter einer Kon- 
serve annimmt und damit liei langer Verwendung gewisse Schädigungen 
entfaltet, die man von der Konservenernähruiig bei Erwachsenen schon 
lange kennt (Skorbut). 

Unsere Empfehlung einer einfach behandelten Kuhmilch als Nidnung 
für die grosse Menge der Durchschnittskinder, bei denen nicht von vorn- 
herein die Ammenbrust nothwendig erscheint, stützt sich am Kräftigsten 
auf die erfreuhche Thatsache, dass die grosse Mehrzahl aller Kinder 
bei einer rationell gemischten und sauber behandelten, einfachen Kuh- 
milch, wie vieljährige und täglich von Neuem bestätigte Erfahrung lehrt, 
im Allgemeinen recht befriedigend gedeiht, meist hinter dem Durchschnitt 
der Brustkinder nicht sehr oder nur anfangs zurückbleibt, um jene 
dann Ende des ersten und im Laufe iles zweiten Lebensjahres wieiler 
einzuholen. 

Kochen und Sterilisiren. 

Haben wir vermittelst einer sauljer gewonnenen, allen An.sprüchen 
an (Qualität genügenden Kuhmilch nunmehr das richtige Gemisch in ent- 
sprechend abgemessener Menge hergerichtet, so beginnt der zweite Theil der 
Kuhmilchltereitung, welcher dieselbe auch in bakteriologischer Hinsicht 
der Frauenmilcli möglichst ähnlich machen soll. 

Um den der Kuhmilch, wie ihren Mischungen unvermeidlich an- 
haftenden Gehalt an den verschiedenartigsten, theils pathogenen, meisten- 
theils saprophytischen Venmreinigungen auf ein thimliehst unschädhches 
Maass herabzumindern, niuss die so bereitete Naln-ung zum Mindesten 
gekocht werden. 

Das Ideal wäre es ja, die Kuhmilcli genau ebenso unverändert zu 
lielassen, wie sie, ähnlicli der Frauenmilch, der Milchdrüse entquillt — 
Intei'essante Versuche, die man seinerzeit in Frankreich mit der Er- 
nährung syphilitischer Säuglinge inachte, die man direkt an dem Enter 
von Eselinnen saugen liess, könnten die Möglichkeit einer solchen Er- 
nährung ja nicht als so fernabliegend erscheinen lassen. In der Praxis 
ist ein solches Verfahren aber wohl nur ganz ausnalmisweise einmal 
durchzuführen. 

Ich liabe es zwar in nicht wenigen Fällen, speziell von Morbus 
Bai'lowii ver.suclit, die Kinder mit einer ganz frischen und miiglichst steril 
gewonnenen rollen Kulnnilch oder Ziet;emnilcli zu ernähren, und dabei 
auch erfreulicliei'weisc keine Verihiuungsstc'irung eintreten gesehen. Jedoch 



Die Diätetik des Kindesaltcrs. 69 

iiiik'hte ich ein solches Verfahren doch nur aiisnalimsweise unter be- 
sonders günstigen äusseren Verhältnissen versucht wissen; bei Sommer- 
hitze und in Städten dürfte es meist ganz ausgeschlossen sein. 

Versuche, die Kuhmilch vermittelst Sand- und Kiesfiltern zu reinigen, 
und so vielleicht den Genuss einer ungekochten Kuli milch zu ermög- 
lichen, zeigten, dass die Filtration den Keims'ehalt nur in einem viel zu 
geringen Maasse herabzusetzeji, Jiicht annähernd ein steriles Nährmittel 
zu erzeugen vermochte. 

Schon die einfache Thatsacbe, dass auch eine aufs Sorgfältigste 
gewonnene und zubereitete Milch bei auch nur eininermasseu lioher 
LuftteniptTatur, selbst liei Aufbewahrung auf Eis nicht während 
24 Stunden vor dem Sauerwerden zu bewahren ist, bc^^•eist die Notli- 
wendigkeit, dieses leichtverderblichste aller Nahrungsmittel zu kochen. 

Im Allgemeinen kann man wohl auch sagen, dass ein einfaches und 
auch ein gründliches Aufkochen die Milch weder in ihrem Aussehen noch 
in ihrer Zusammensetzung, Bekönimliclikeit und Verdaulichkeit nennens- 
werth verändert. An dem etwas veränderten Geschmack pflegen sich 
Kinder ja nicht zii stossen. 

Andererseits dürfen wir uns nicht verhehlen, dass wir schon mit 
dem einfachen K.ochprozess die Milch der Eigenschaft eines ganz un- 
veränderten, frischen natürlichen Nahrungsmittels entkleiden. So ganz 
ohne Belang scheint mir dieser Punkt denn doch jiicht zu sein, wenn 
man sich auch über Art und Umfang der daraus für das Kind et-\va 
erwachsenden Folgen noch lange nicht klar oder ganz einig ist. 

Zweifellos gedeiht aber die überwiegende Mehrzahl der künstlicli 
ernährten Kinder bei einer gut gekochten Milch nicht nachweisbar 
schlechter, wie die Brustkinder. 

Etwas anders steht es schon mit dem Sterilisiren der Milcli. 
Dar^selbe ist auf das theoretisch sehr richtig begründete Bestreben basirt, 
unsern Kindern eine Nahrung zuzuführen, die auch bezüglich der Keim- 
freiheit oder richtiger Keimarmuth den Vergleich mit der Muttermilch 
aushalten kann. 

Es ist ja auch nicht zu bezweifeln, dass es heut zu Tage, sei es durch 
Sterilisiren während 5 — 7 Stunden im AVasserbade, sei es durch über- 
hitzten strömenden Dampf, leicht und sicher gelingt, eine absolut keim- 
freie, sich Wochen und Monate lang haltende, allen klimatischen Ein- 
flüssen trotzende Milchkonserve herzustellen. 

Aber diese Milch ist dann keine frische Milch mehr, sondern eben 
eine Konserve. 



70 Die Diätetik des Kindesalters. 

Und dass ein solches steriles Milchpräparat die Ernährungsresultate 
nicht erzielt, die wir für unsere Kinder verlangen müssen, ist zweifellos. 
Ich habe, wie viele Andere, zahlreiche solche Kinder, darunter gerade 
auch viele Arztkinder, gesehen, die mit vollkommen steriler Milch er- 
nährt, z\Yar nie nachweisbar organisch krank, speziell nie verdauungs- 
krank gewesen, aber auch nicht annähernd so gediehen waren, wie ihrem 
Alter, der auf sie verwendeten Pflege und Mühe entsprach; sie waren 
an Körpergewicht zurückgeblieben, anämisch, schlaff und rhachitisch, 
z. Th. skorbutisch. 

Aehnliches gilt von der Milch, die nach den früheren Vorschriften 40 
bis 60 Minuten im Soxhlet-Apparat gekocht war. Obwohl in dieser Zeit 
bei der verhältnissmässig niederen Temperatur, auf ^\-elche die Milch iu 
den Flaschen gebracht wird, keine auch nur annähernd sterile Beschaffen- 
heit der Milch erzielt wird, hat doch offenbar schon diese Behandlung 
der Milch genügt, sie so zu verändern, dass sie die Bezeichnung eines 
Ersatzmittels der Frauenmilch nicht mehr verdient. 

Zweifellos haben nach, wie ich meine, allgemeiner Erfahrung seit 
der ausgedehnten Einfülu-ung des Soxhlet-Apparates in allen denjenigen 
Familien, die aus äusseren Gründen für denselben in Frage kommen, 
alle Verdauungskrankheiten beträchtlich nachgelassen, heftigere Magen- 
und Darmkatarrhe sind verschwindend selten geworden, die Sommer- 
cholerine kommt fast nicht mehr zur Beobachtung. 

Jedoch mehren sich auch von allen Seiten die Stimmen, welche 
betonen, dass Rhachitis und bes(.)nders skorbutartige Erkrankungen bei 
so ernährten Kindern viel häufiger zu beobachten sind. 

Worauf das zurückzuführen sei, steht noch dahin. 

Sicher werden durch den Sterilisirungsprozess gewisse Schutz- 
körper vernichtet, die vom Mutterthier auf das Kind übergehen, und 
vielleicht auch bei der Verwendung von Thiermilch für den jungen 
Menschen werthvoU sind. 

Ferner scheinen durch längere Flitzeinwirkung die organischen 
Phosphorverbindungen der Milch zerlegt zu werden. 

Damit hat aber die Einführung des Sterilisii'ungsverfahrens, speziell 
des so ungemein bequemen und jegliche Garantien für eine gleichmässige 
Ernährung bietenden Soxhlet- Verfahrens in Nichts von seinem Werth ver- 
loren. Es wird auch weiterhin seinen segensreichen Einfluss in der 
Richtung bethätigen, dass es unsere Säuglinge vor dem Schrecken aller 
Mütter, den ei'nsteren Verdauungskrankheiten bewahrt. 



Die Diätetik des Kindesalters. 71 

Und diesen guten Einfluss wird es auch in Zukunft entfalten 
können, ohne dass wir auderweitige , allgemeine Ernährungsstörungen 
des Kindes zu befürchten brauchen, die mit einer weit getriebenen 
Sterilisirung unvermeidlich scheinen. 

Wie Flügge gezeigt hat, vermag zwar auch eine Sterilisirung von einer 
Stunde nicht alle Keime und Sporen abzutödten, von denen die hart- 
näckigsten eines viel längeren Kochens bedürfen. Dagegen werden so 
ziemlich sämmtliche Mikroorganismen, die für die Entstehung von Ver- 
dauungskrankheiten in Frage kommen, und ebenso die zumeist zu 
fürchtenden pathogeuen Keime bereits durch ein 10 — l."!) Minuten 
dauerndes Kochen abgetödtet, mindestens zur weiteren Entwickelung 
unfähig gemacht. 

Man begnüge sich also in Zukunft, die Milch nur so kurze Zeit 
im Soxlilct-Apparat zu kochen. 

Ja in der kühlen und kalten Jahreszeit kann man sich, sofern 
nur die Milch nicht bereits weitgehend infizirt erscheint, ganz gut auf 
ein einfaches, aber gründliches Aufkochen in einem Topfe beschränken. 

Will man die Milch länger, also etwa 14 — 15 Minuten kochen 
und der Unannehmlichkeit enthoben sein, den Kochprozess fortwährend 
zu überwachen oder die Milch der Gefahr des Anbrennens auszusetzen, 
so benutzt man einen der nach dem Prinzip des Wasserbades konstruierten 
Milchkochtöpfe. Ein einfacher, billiger und vorzüglicher Milchkocher 
ohne Wasserbad besteht aus einem irdenen Gefäss, durch dessen durch- 
brochenen Deckel die übei'kochende Milch nach oben und am Rande 
wieder zum Topf zurückläuft. 

Es ist eine ganze Anzahl von Apparaten angegeben, in denen die 
Milch beliebig lange im Wasserbad gekocht und dann gleichzeitig auf- 
bewahrt wird, um nach Bedarf für die Mahlzeiten abgelassen zu werden. 
Sie habeji alle den Nachtheil, dass die bereits gekochte Milch, sei es 
nun durch das Herausschöpfen, sei es durch das Ablassen aus einem 
Hahn, einer sekundären Neuinfektion ausgesetzt ist. 

Diesen Vorrichtungen gegenüber hat der Soxhlet-Apparat und alle 
ihm nachgebildeten den grossen Vorzug, dass die Nahrung gleich nach 
Portionsflaschen abgetheilt und gleichmässig gemischt, nach dem Kochen 
von der Luft und jeder Berührung mit der Aussenwelt fest abgeschlossen 
erhalten bleibt, bis zu dem Augenblick, wo ihre Verwendung bei der 
jeweiligen Mahlzeit Platz greifen soll. Mit Recht hat sich dieser Apparat 
als der beste und zugleich einfachste, allgemein eingeführt. 



72 Die Diätetik des Kindesaltcrs. 

Mit dem Koclien und Sterilisireii der Milch ist ihre weitere Be- 
handlung aber noch nicht abgeschlossen. 

Die Mik'li soll, sei es nun, dass sie im Ganzen aufgekocht, sei es, 
dass sie in Portionsflaschen sterilisirt wurde, danach rasch abgekühlt 
und kalt, womöglich auf Eis aufbewahrt werden. 

Nichts ist verkehrter, als im Vertrauen auf ihre Keimfreiheit jede 
weitere Sorgfalt ausser Acht zu lassen. Bei langsamem Aljkühlen würde 
andernfalls die Mihdr lang genug bei einer Temperatur stehen, in welcher 
die unvernichtet gebliebenen, widerstandsfähigen SjDoren bald auswachsen 
und sich vermehren könnten. Und noch unsinniger ist es, die Milch 
angewärmt, in wollene Tücher gewickelt Stunden lang bei einer Temperatur 
aufzubewahren, bei welcher, wie in einem Brutofen, alle Keime zur rascqen 
Entwickelung gelangen müssen. Dem Kinde erwächst jedenfalls ein viel 
geringerer oder richtiger gar kein Schaden, wenn es einmal in der 
Nacht oder im Freien speziell im Sommer eine Flasche kalte Milch erhält. 

Recht bef|uem hat es die moderne Milchindustrie den Müttern 
mit der Einführung des Verkaufs trinkfertiger Ein zelportioneii 
gemacht. 



Derartige Milchmischungen , welche vermöge ihrer Bereitung aus 
bester, sauber gewonnener Kuhmilch, der Verdünnung mit Wasser, An- 
reicherung mit Milchzucker und Sahne in cjuantitativer Beziehung der 
Frauenmilch möglichst angepasst sind, und den Vorzug haben, dass sie 
sofort nach ihrer Bereitung in tadelloser Weise sterilisirt, unter der 
Garantie eines asepitischen , sicheren Verschlusses der Portionsflaschen 
direkt zum Konsum bereit sind , erhält man heut zu Tage in allen 
grösseren Städten. Sie ersparen den Müttern alle die kleinen Midien 
und Sorgen der Bereitung und haben vor den im Hause bereiteten 
Mischungen den unleugbaren Vortheil voraus, dass die Milch auf dem 
Wege vom Produzenten zum Konsumenten , mindestens auf dem vom 
Grosshändler zum Konsumenten nicht mehr den Gefahren einer In- 
fektion oder eines reichlicheren Auswachsens bereits eingedrungener Keime 
ausgesetzt ist. 

Ihre Kehrseite sind einmal der meist Jiiclit geringe Preis, sodann 
die Veränderungen, welche, wie es scheint, die Milch vermöge einer so 
vollkommenen Sterilisiing zu iincn Ungunsten zu erfahren scheint 
(s. Sterilisiren). 



Die Diätetik des Kindesalters. 73 

Dass, nachdem die Bedeutung der Reinlichkeit, der Asepsis als 
eines der allerwichtigsten Faktoren bei der Kinderernährung betont 
wurde, einer gewissen Mundpflege, der peinlichsten Sauberhaltung aller 
bei der Bereitung und Einverleibung der Kuhmilch verwendeten Ge- 
fässe, sowie der Saugpfropfen das grösste Gewicht beizulegen ist, ver- 
steht sich wohl von selbst. 

Von dem früher allp-emein geübten Auswaschen des Mundes 
mit leicht antiseptischen Wässern ist man zwar in neuerer Zeit etwas zurück- 
gekommen in der wohlberechtigten Besorgniss, bei unzarter oder gar 
roher und nachlässiger Ausführung dieser Reinigung mit Leinwand- 
läppchen oberflächliche Schleimhautverletzungen erzeugt zu sehen, welche 
die Grundlage für die Bildung aphthöser Geschwüre, die Ansiedelung 
des Soorpilzes geben könnten. 

Andererseits glaube ich, dass des Morgens ein vorsichtiges und 
sachgemässes Auswaschen des Mundes, in welchem bei dem Speien der 
Kinder, bei der langen Nachtruhe der Mundhöhle sich rasch und un- 
gestört unendliche Pilzkolonieen entwickeln können, mindestens ebenso 
gerechtfertigt ist, wie beim Erwachsenen das Zähneputzen und Mundspülen. 

Mit dem absoluten Verbot jeder Mnndreinigung scheint man hier 
ebenso wie mit dem Verbote, die Neugeboi-enen zu baden, denn doch 
etwas zu weit zu gehen. 

Die Oeffnung des Saugpfropfens besteht am Besten analog 
den Milchkanälen der Brustwarze aus mehreren, mindestens drei kleinen 
und glatten Oeffnungen, die man in der Weise anlegt, dass man durch 
die über einen Kork gespannte Kuppe mit einer glühenden Sticknadel 
langsam mehrmals in richtigen Zwischenräumen hindurchsticht. Die 
Oeffnungen sollen so klein sein, dass aus der umgestülpten Flasche die 
Milch nicht rieselnd oder gar im Strahl herausläuft, sondern nur tropfen- 
weise. Im ersteren Falle saugen die Kinder zu wenig, trinken zu hastig 
und verschlucken sich, da das Getränk ihnen zu massenhaft zuläuft; 
auch wird der Magen zu iilötzlich angefüllt, so dass es leichter zu Auf- 
stossen und Erbrechen kommt. 

Die Saugpfropfen werden zweckmässig in Salzwasser oder Borax- 
lüsung aufbewahrt und durch Umstülpen und Ausbürsten gereinigt; auch 
lasse man sie nicht alt werden, da dann der Gummi Risse bekommt, 
die schwer zu desinfiziren sind. 

Die Flaschen seien, wenn man iiicht den Soxhlet- Apparat an- 
wendet, die sog. Strichflaschen mit einer Eintheilung, welche das Ab- 
messen der Menge ermöglicht; dieselbe ist freilich selten genau. 



74 Die Diätetik des Kindesalters. 

Durchaus verwerflieh sind die sehr beliebten suf;'. Patentflaschen; 
diesellien haben einen aufgeschraubten Metallverschluss, durch den 
hindurch ein an ein metallenes Ansatzstück angekittetes oder an- 
zuschraubendes Glasrohr oder ein Gujnmischlauch nach unten bis zum 
Boden der Flasche hindurchgeht; auf ein zweites nach oben bogenförmig 
verlaufendes Ansatzstück setzt man den meist kleinen, mit einer Horn- 
platte versehenen Haugpfropfen. Es leuchtet ein , dass eine wirkliche 
Asepsis in einer solchen Flasche schlechterdings nicht zu erreichen ist. 
Das Innere des Schlauches kann nur sehr mangelhaft mit einer Draht- 
bürste gereinigt werden ; ebenso schlecht die Hchraubenwinduniien in dem 
Metall, die Kittstelleji an dem Uebergang vom (ilas zum Metall; zum 
Ueberfluss befindet sich noch in dem Metallverschluss ein \^entil, welches 
das Zurückströmen von Milch verhindern soll; endlich ist der Innen- 
fläche des engen Haugpfropfens gar Jiicht beizukommen. Man findet 
speziell bei Sommerhitze, dass jene schwer oder gar nicht gründlich zu 
reinigenden Stellen Unmassen von mikroskopischen Pilzen sich festsetzen 
lassen; oft beweist schon blaues Lakmuspapier daselbst eine Milchsäure- 
gährung. Ich habe die Ueberzeugung, dass diese Flaschen ganz allein 
allsommerlich Tausende von Brechdurchfällen und Gährungsdy.-^pepsien 
verursachen. Was wiegt dem gegenüber der Vortheil, dass die Mutter 
nicht während der kurzen Zeit des Trinkens bei ihrem Kinde zu stehen, 
die Flasche zu halten und allmählich hochzuheben braucht? 

An dieser Stelle sei auch ausdrücklich darauf hingewiesen, dass bei 
der künstlichen Ernährung der Kinder noch genauer und peinlicher die 
Regclmässigkeit in der Verabreichung der einzelnen Mahl- 
zeiten gewahrt werdeji muss, die wir bereits für das Brustkind betont 
hatten. Sie ist um so wichtiger, als dem übermässigen Trinken dieses Kindes 
für gewöhnlich wenigstens in dem nicht unerschöpflichen Yorrathe der 
Mutterbrust natürliche (^rrenzen gesetzt sind. Wenn schon trotz der 
grösseren Veixlaulichkeit, tnjtz des Jcürzeren Verweilens der Nahrung 
innerhalb des Magens die Gefahren dei' Ueberfütterung, zu häufiger und 
zu i'eichlicher Mahlzeiten beim Brustkinde durchaus nicht ganz zu unter- 
schätzen sind, so pflegt sich jede Unregelmässigkeit und l>esonders jede 
Uebeniähnnit;' ))eim Flaschenkinilc über kurz oder lang noch untileich 
ernster zu rächen; sei es nun, dass es Anfangs auch mir zu einfachem 
Erlii-echcn i\'i^ Uclicrschusses konnnt, sei es, dass selbst hinge Zeit das 
Uebermaa.ss gut bewältigt wird; auf die Dauer werden ausgesprochene 
dys])cptische Störungen >nid Beschwerden meist nicht ausbleiben. 

Die Vei'suchung, jede Llinaihe, jedes Geschrei des Kindes als von 



Die Diätetik des Kindesaltei-s. 75 

Hunger heiTÜhreiid zu deuten, denselben einen Beschwichtipmigsveivuch 
mit der Flasche folgen zu lassen, liegt zu nahe, und derselben erliegen 
nicht bloss ungebildete und unverständige Mütter und Pflegeriiuicii. 

Jedenfalls liraucht der Säuglingsniagen zur Verarlieitunt;- der schwerer 
verdauhchen künstlichen Nahrunn- längere Zeit wie für die natürliche, so 
dass Pausen von mindestens 2 iStunden unbedingt inne gehalten werden 
müssen. Ebenso darf man ja nicht zu grosse IS'ahrungsmengen und 
zwar weder zu viel einer richtig verdünnten Milch , noch eine zu kon- 
zentrirte Mischung verabreichen; zu letzterem neigen die Mütter besonders, 
wenn sie ihr Kin<l ncht bei der verordneten Verdünnung gedeihen sehen, 
indem sie nicht bedenken, dass daran meist nicht sowohl die mangelnde 
Quantität, als die Qualität, die schwerere Verdaulichkeit der Kuhmilch 
Schuld trägt; in beiden Fällen muss theils nicht verarbeitete Nahrung im 
Magen liegen bleiben, Erbrechen, Dyspepsia gastrica erzeugen, theils in 
mangelhaft vorbereitetem Zustand in den Darm gelangen und, da auch 
hier die verdauende Kraft nicht ausreicht, der Gährung und Zersetzung 
anheimfallen, eine D_yspepsia intestinalis zur Folge haben. 

Wichtig ist es, besonders bei der Kuhmilchernährunu, auf regel- 
mässige Defäkation zu achten, da die Kuhmilch mit zunehmender 
Konzentration meistens verstopft; man wirkt dem am Einfachsten durch 
regelmässige Kly stire mit warmer physiologischer Kochsalzlösung ent- 
gegen. Bei Zugabe von Sahne oder anderen Fetten (Lipanin, <_)1. olivar), 
von Malzextract, manchen Kindermehlen, von Bouillon un<l bes<.>nders 
bei dem Uebergang zur gemischten Kost pflegt diese oft sehr hartnäckige 
Obstipation allmählich von selbst zu schwinden. 

Für die Klystiere benutzt man je nach dem Alter des Kindes einen 
apfel- bis faustgrossen Gunnniballon mit langem Hörn- oder Hartgunnni- 
ansatz, über den man, um jede Verletzung zu vermeiden, ein schlauch- 
artiges A^erlängerungsstück ans weichem Gummi überzieht; die Spitze 
wird hoch hinaufgeführt, das Wasser unter langsamem, massigem Druck 
entleert, und der Ballon dann komprimirt zurückgezogen ; eventuell nmss 
man die Analöffnung für einige Minuten durch Zusammendrücken der 
benachbarten Nates verschlossen halten. 



Die einzig zuverlässige Kontrolle des Erfolges einer rationellen 
Diätetik, speziell einer richtigen und ausreichenden Ernährung geben regel- 
mässige, etwa wöchentliche Wägungen des Kindes al); dieselben sind 
wenigstens in der Säuglingsperiode unerlässlich, und ihre Resultate sollten 
in einer übersichtlichen Tabelle zusammengestellt werden. 



76 Die Diätetik des Kindesaltors. 

Die künstlichen Milclipräparate 

sind zum Thcil aus dem theoretischen Studium der jjhysinlogisch-chemi- 
scheii Zusaimneusetzuug der Frauen- und Thiermilch hervorgegangen, 
zum Theil aus dem Wunsche entstanden, aus letzterer, speziell aus der 
Kuhmilch eine Kindernahrung herzustellen, welche nicht nur quantitativ, 
in ihrem Nährgehalt der Frauenmilch entsjsricht, sondern ihr auch 
bezüglich der chemischen Konstitution und physiologischen Eigenschaften, 
wie z. B. der Gerinnung der Eiweisskörper, möglichst gleichkommt. So ist 
eine Anzahl von Milclipräparaten entstanden, denen allen eine gute 
Sterilisirung und eine rationelle Abmessung der hauptsächlich in Betracht 
konnnenden Nälu'stoffe, des Eiweisses, des Fettes, des Zuckers ge- 
meinsam ist. 

Das Bestreben ihrer Erfinder, die Kuhmilch der Frauenmilch ähn- 
licher zu gestalten, liethätigte sich nach zwei Riehtungen. 

Die Einen suchten nach einer einfachen Herabsetzung <les Ei- 
weisses, dessen bei Frauen- und Kuhmilch verschiedenartige Qualität sie 
unberücksichtigt Hessen, den ilurcli die Verdünnung so stark verminderten 
Fett- und Zuckergehalt der Kuhmilchmischung derartig anzureichern, 
dass er dem der Muttermilch genau entspricht. Sie gingen dabei von 
der Erfahrung aus, dass selbst verhältnissmässig grosse Fettmengen von 
den Säuglingen gut vertragen und ausgenutzt werden, und dass die 
Resorption des Fettes den kindlichen und selbst zarten Verdauungs- 
orgauen keine Mehrbelastung zumuthe. 

Die primitiven Versuche, dies durch Zusatz von Sahne und pflanz- 
liche Fette zu erreichen, wurden bereits erwähnt. 

Demselben Bestreben entsprang das Biedert 'sehe Rahmge- 
menge, dessen Zusammensetzung dem Privaten schwer möglich ist, 
dessen Herstellung auch vernnttelst einer neuerdings fabrikmässig er- 
zeugten Konserve (von Pizzala) nicht viel bequemer geworden ist, 
und welches sich wohl aus diesem Grunde nicht allgemein eingeführt 
hat. Auch bei ihm wird die quaiititativ<' Glei(^hstellung der Kubmilcli 
lieziiglich Fett und Zucker niclit uiuiz erreicht; auch sie hat die an- 
gefülnten Na,chtheile jeder sterilen Konserve. Trotzdem werden mit dem 
Biedert 'sehen Rahmgemenge recht befriedigende Nährresultate erzielt. 

Eine überraschend einfache und vertrefflielie Ixisung der Schwierig- 
keit, den Fettgelialt. <ler Kulniiileli zu ei'höhen , stellt die Gärtner- 
schc Fettmilch dar. Nach I'rof. Gärtnei''s Verfahren wird die 
Milch zunächst bis aid' (;in<'ii liliwcissgehalt von l,ö "/o (also woJü noch 



Die Diätetik des Kindesalters. 77 

etwas 7Ai reichlich Albuiiien) venlünnt und sodann in sinnreicher Weise 
centrifugirt. Die spezifiscli h'ichteren Fettkügelchen sainineln sich in 
der äusseren Randschicht der centrifniiirten Milclimischunii-, imd es ge- 
lingt nun , ganz nach Belieben jeden gewünschten Grad des prozeii- 
tualisehen Fettgehaltes zu erhalten. Die Zusammensetzung der jetzt an 
vielen Orten eingeführten Fettnulch, ist hn Durclischidtt : 

Eiwciss Fett Zucker Aselie 

1,67 3,2 6,0 0,35. 

Als ein Nachtheil niuss ilie nicht inmier ganz konstante Zusaiiinien- 
setzung und der Preis genannt werden. 

Die über Ernährungsversuche mit diesem Präparat veröffentlichten 
Berichte sind zum Theil sehr günstig und erniuthigend. Es fehlt aber 
auch nicht an gegen theiligen Aeusserungen. 

Mir persönlich hat sich die Fettmilch nicht gieichmässig gut be- 
währt. Eine Anzahl der Kinder gewann doch nicht die erwartete Ge- 
wichtszunahme; andere litten sichtlich an dyspeptischen Störungen und 
Koliken, die doch den Schluss zulassen, dass der reiche Fettgehalt nicht 
innner vertragen wird. 

Die mir von vornherein nicht ganz wahrscheinlich vorkommende 
Angabe, dass die Fettmilch sich gerade bei Darmdyspepsien und Darni- 
katarrhen bewährt habe, wo doch erfahrungsgemäss die Fettverdauung 
oft recht nothleidet, hat sich mir bei häufigen Versuchen als umsichtig 
erwiesen. 

Andererseits hat ihre Verabreichung so oft schon gute Ernährungs- 
resultate gezeitigt, dass sie zweifellos in Fällen, wo einfachere Milch- 
verdünnungen nicht zum Ziele führen, sehr wohl eines Versuches \verth 
erscheint. 

Aehnlich dem Biedert-Pizzala 'sehen Rahmgemenge ist eine 
von Söldner zusammengestellte und durch Loefflund fabrizirte 
Rahmkonserve, die neben der Verstärkung des Fettgehaltes auch eine 
solche des Kohlehydrats bewirkt vermittelst eines Zusatzes von Malton. 

Viel komplizirter gestalten sich die Vorgänge, vermöge deren man 
versucht hat, das Eiweiss der Kuhmilch derart umzugestalten oder aber 
der Mischung neue, der Kuhmilch fremdartige Eiweisskörjier zuzufügen, 
dass die Kuhnnlch sich auch bezüglich des Charakters des Eiweisses und 
des prozentualischen Gehaltes an den zwei hauptsächlich in Fi'age 
kommenden Eiweissarten der Frauenmilch nähert oder ihr gleich wird. 

Eine Veränderung des durch Verdünnung an Menge herabgesetzten 
Kaseins, eine bessere Gerinnung und leichtere Verdaulichkeit desselben 



7f~! Die Diätetik -des Eindeaalters. 

suchte man durch eine Art künstlicher Verdauung und peptischer Ab- 
änderunt;' des Kuhkaseins zu erreichen. Man setzte der Mischung ent- 
weder einfach frischen Pankreas (Pfeiffer) oder Pankreaspastillen 
(Timpe) zu, womit man wohl nicht allzuviel erreichen dürfte. 

Dahingegen bringt es Voltmer, in seiner sog. „Muttermilch" zu 
einer förmlichen Peptonisirung der mit Fett- und Zuckerzusatz versehenen 
Milch, Sein Präparat hat die Probe einer langjährigen Erfahnmg über- 
standen und wird \'ielfach gerühmt. Das Kasein der Kuhmilch ist in 
ihm vermittelst alkalischer, der Trypsinverdauung peptonisirt und stellt 
sich durch Sterilisiren und Kondensiren und reichlichen Fettzusatz in 
der Farbe verändert, als eine gelbliche Masse dar, aus der durch Ver- 
dünnung mit Wasser eine Art von Milch hergestellt wird. 

Loefflund hat ein ähnliches Präparat dadurch hergestellt, dass er 
die Milch der künstlichen Pepsinverdauung unterwarf ; dasselbe wird von 
Bieder t gerühmt. 

Das neueste und wohl beste Präparat dieser Art stellt die Back- 
hausmilch dar. Backhaus gewinnt aus Magermilch, der er nach- 
träglich Zucker und auch wieder Sahne zufügt, durch Trvpsin- und Lalj- 
verdauung eine Milch, in welcher 

Eiweiss Fett Zucker 

1,75 3,25 6,75 

und zwar von Eiweisskörpern mehr Alliumin als Kasein enthalten sind, 
Avas zweifellos als ein grosser Vorzug dieser Müch angesehen werden darf. 
Auch über die Backhausmilch schwanken die Urtheile noch hin und 
her. Ich für meine Person kann nur betonen, dass sie mir bei richtiger 
Anwendung und Kontrolle schon oft unseliätzbare Dienste geleistet 
und nur ausnahmsweise versagt hat. Jedoch kann ich sie nur für 
den vorübergehenden Gebrauch bei ^-erdauungsschwachen Kindern em- 
pfehlen, die bei der gewöhnlichen, rationell bereiteten Kuhnnlchernährung 
nicht gedeihen wollen oder chronisch dyspeptisch werden; denn ich 
sah bei Monate langem Gebrauch die Kinder von einem gewissen Zeil- 
puidit all, meist dem 5. — 7. Monat, nicht mehr genügend an Gewicht zu- 
nelnnen oder aber unter den Erscheinungen \-on Rhachitis, Morbus, 
Barlowii, Anämie erkranken. Dann waren sie freilich gewöhnlich über 
die kritische Zeit liiiiwegüebraelit und \ertrugen nachher auch eine ein- 
fach behandelte Milch gut, Für derartige Fülle möchte ich die Back- 
hausniilch nicht mehr gerne entbehren und sie allen ilen anderen künst- 
lichen Milchpräparaten vorziehen. 



Die Diätetik des Kindesalters. 79 

In einer 3. ßeilic von Milchprodukten suchte man den unpliysiolo- 
gisch hohen Kaseingehalt einfach durcli Ausscheidunii- des Plus an Kase'iii 
zu vei-rinuern und die der Frauenmilch eigenen anderen Eiweisskörper, 
speziell das AUnmiin durch künstlichen Zusatz zu ersetzen. 

Dahin zählt die Rieth'sche ^V lliumosenmi Ich ; dieselbe 
weist nicht allein eine der Frauenmilch (nach dem Durchschnitt einer 
grösseren Zahl von Analysen) genau gleiche ipiantitativc Zusainmen- 
setzimg in allen Nährkör|iern auf, ist nicht nur tadellos sterilisiit luid 
direkt so, wie sie ist, zum Konsum bereitgestellt, sondern sie hat auch 
die bisher von allen Bearbeitern dieses Gebietes vergebens angestrebte 
Eigenschaft, dass ihre Eiweisskörper genau denen der Muttermilch ent- 
sprechen und in genau derselben, für die Verdauung so wichtigen 
günstigen Weise gerinnen. 

Aehnlich verhält sich die Som a tosemilch mit einem Zusatz von 
Albumose. 

Recht weit von den einfachen, natürlichen ^'^erhältnissen entfernt 
sich die Rose'sche Milch, die den Ehrgeiz ihres Urhebers darin be- 
friedigt findet, dass sie der Thiermilch ganz enträth, sich fabrikations- 
mässig aus Wasser und den einzelnen Nährkörpern synthetisch zu- 
sammensetzt. 

Sollteich zum Schluss ein zusammenfassendes Urth eil über 
alle diese genannten und ähnliehe künstliche Milchpräparate abgeben, so 
leiden dieselben sämintlich an dem schon bei dem Kapitel Sterilisiren 
genannten Uebelstande, dass sie eben keine frische Milch mehr darstellen, 
s<indern eine Konserve mit allen deren Vorzügen (Keimfreiheit) ujid 
Nachtheilen. 

Im Allgemeinen verwende ich diese Präparate nie von vornherein zur 
Bäuglingsernährung, sondern versuche es stets zunächst mit einer ein- 
fachen Milchmischung unter Zucker-, ev. Malz-, Sahne- oder Kinder- 
mehlzusatz. 

Glückt es allerdings auch bei konsequenter und nach Bedarf viel- 
fältig modifizirter und ständig überwachter Anwendung dieser Nahrung 
nicht, das Kind vor leichteren Dyspepsien (bes. habituelles Erbrechen, 
Koliken und nicht gut verdaute Stühle) zu schützen, bez. befriedigende 
Gewichtszunahmen zu erzielen, und gestatten die äusseren Verhältnisse, 
die Abneigung der Mutter und derglei<'lien Momente nicht, sofort eine 
Amme zu jiehmen, .so versuche ich es erst noch einmal mit einem 
dieser Präparate, bevor ich darauf bestehe, dass zur natürlichen Er- 
nährung zurückgegriffen werde. Leider bleiben ja auch immer noch 



80 Die Diätetik des Kindesalters. 

genug Fälle, wo es bei der materiellen Lage der Eltern einfach un- 
niöglicli ist, eine Amme zu halten, oder wo eine solche eben nicht so 
rasch beschafft werden kann, wie es dem Interesse des Kindes ent- 
spricht, oder wo eine Amme plötzlich versagt, davon geht. In allen 
solchen Nothfällen ist es doch sehr angenehm, einen Behelf zu wissen, 
dem man einiges Vertrauen entgegenbringen darf. 

Und da nuiss ich gestehen, dass icli mich der durchaus ablehnen- 
den Haltung, welche ei'ste pädiatrische Autoritäten dieseji „Kunstprodukten" 
gegenüber einnehmen, ganz und gar nicht anzuschliessen vermag und 
zwar auf Grund ganz sorgfältiger und lange und zahlreich genug aus- 
geführter Versuche. Und ich vermöchte eine ganze Anzahl von Aerzten 
als Zeugen namhaft zu machen, deren eigene Kinder oder denen die 
anvertrauten Kinder auch bei der rationellsten und sorgsamsten Er- 
nährung mit einfach behandelter Kuhmilch nicht gedeihen wollten, 
dauernd dyspeptiseh, z. Th. hochgradig atrophisch wurden, und bei 
denen sich namentlich die Backhausmilch, aber auch die Rieth'sche 
Albumosemilch und Voltmers Muttermilch rasch und glänzend bewährten. 

Ich rathe freilich, um eA'entuellen Schädigungen vorzubeugen, diese 
Präparate nur so lange gebrauchen zu lassen, wie es unbedingt noth- 
wendig erscheint, und wenn die dyspeptischen Störungen abgeheilt sind, 
eine gute Gewichtszunahme eingetreten ist, und bei dem Alter von 4 bis 
5 Monaten damit gerechnet werden kann , dass nunmehr auch einfache 
Kuhmilch vertragen werde, es von Neuem mit dieser zu versuchen. 

Ich meine, wenn alle diese Präparate so ganz werthlos wären, 
hätten sie sich nicht so lange in der Gunst der Aerzte erhalten und 
eine verhältnissmässig grosse Verbreitung erringen können. 

Nichts wäre aber verkehrter, als die manchmal endlosen und grossen 
Schwierigkeiten der künstlichen Ernährung dank diesen Milchpräpai-ateu 
behoben anzusehen. Wenn man die Reklame - Broschüren einzelner 
Fabrikanten liesst, könnte man allerdings meinen, wir müssten um einen 
vollwerthigen Ersatz der Muttermilch nicht mehr verlegen sein können. 

Dem ist aber leider nicht so. Es verbleibt immer noch eine kleine 
Anzahl von Säuglingen, die bei keiner künstlichen Ernährungs- 
methode, bei keinem, noch so vorsichligen und geschickten Versuch 
gedeihen wollen und verurtheilt scheinen, ohne die Mutterbrust einfach 
zu Gi-unde zu gehen. Für diese Ausnahmefälle bleilit als einziges 
Jiettungsmittel nach wie vor eine gute Annne. 



Milchkonserven und Kinderraehle. 81 

Andere Thiermilcharten. 

Unter diesen kommt praktisch eigentlicli nur die Ziegenmilch 
in Frage; dieselbe hat zwar einen noch höheren Kaseingehalt und 
Aschengehalt wie die Kuhmilch, dagegen dieselbe Fettmenge wie die 
Frauenmilch, andererseits weniger Zucker wie diese ; der ihr gewöhnlicli 
anliaftende spezifische Geruch nach Kaprinsäure macht ihren Genuss 
älteren Kindern oft unangenehm. Ihr Hauptwerth beruht darauf, dass 
die Ziegen im Allgemeinen, wenn sie auch nicht ganz immun gegen 
Tuberkulose sind , doch ungleich weniger dazu neigen, wie unser Rind- 
vieh ; die Ziegenmilch hat sich mir durchweg recht gut bewährt. 

Die wie die Frauenmilch alkalisch reagirende und angeblich älm- 
liche Gerinnungsverhältnisse zeigende Stutenmilch kann zur Säuglings- 
ernährung im grösseren Massstabe nicht herangezogen werden. 

Dasselbe gilt von der Es eis milch; während man früher derselben 
nachrühmte, dass sie in ihrer physiologisch-chenhschen Zusammensetzung 
der Frauenmilch sehr nahe komme, haben die neuesten Untersuchungen 
solche Unterschiede erwiesen , dass sich dieselbe schon aus diesem 
Grunde nicht zur Säuglingsernährung eignet; so ist ihr Fettgelialt ein 
viel zu niedriger; es finden sich 

in der Frauenmilch 1 Fett : 0,34 N-haltige Stoffe 
in der Eselsmih-h 1 Fett : 4,2 „ „ 

ihr Eiweis besteht zu ^,'4 aus Kasein, nur zu ^,'4 aus Albumin. 

Die anzuerkennenden '\'^orzüge der Eselsmilch wären, dass ihr 
spezifisches Gewicht dem der Frauenmilch nahe kommt, ihre alkalische 
Reaktion, feinflockige Gerinnung; endlicli die Thatsache, dass der Esel 
immun gegen Tuberkulose, auch viel weniger zu den zahlreichen Krank- 
heiten neigt, an denen Rinder und Pferde leiden. 



Milclikoiiservon iiiid Kiiulermehle. 

Da frische gute Kuh- resp. Thiermilch nicht überall (z. B. auf 
Schiffen, bei Rindviehseuchen) zu beschaffen ist, rechtfertigt sich die 
Herstellung und Verwendung von Milchkonserven. Zu einem 
länger dauernden oder gar ausschliesslichen Gebrauche , als Ersatzmittel 
für frische Milch sind sie ebenso ungeeignet wie die Kindermehle. 

ILiuser, Griindriss der Kinderheilkunde. Zweite Auflage. (i 



82 Milchkonserven und Kindermehle. 

Vuii solchen ist das älteste Präparat die sog. kondensirte 
Schweizermilch. Ihre Haltbarkeit verdankte sie früher dem sehr 
hohen Zuckergehalt (38 — 4.5 "jo), und eben dieser Zuckergehalt machte 
sie trotz der Leichtverdaulichkeit der Zuckerlösungen zu einem Säug- 
lingsnäbrmittel ganz ungeeignet ; die praktische Erprobung hat dies denn 
auch zur Genüge bewiesen, und alle "N'^orschläge, ihre Verwendbarkeit 
zu verbessern , lassen im Sticli ; die Milchsäuregährung erregt bei 
längerem Genuss in der Regel Darmkatarrh. Heutzutage gelingt die 
Konservirung der eingedampften Milch (wenigstens mit Sicherheit für 
Monate) durch Sterilisiren ; in dieser Form ist die kondensirte Schweizer 
und Allgäuer Milch für Nothfälle ein zweckentsprechendes, wenn auch 
theures Präparat geworden. Hier und da kommt eine verdorbene Büoh.se 
vor, worauf zu achten wäre. 

Nach viel rationelleren Prinzipien ist die Loefflund'sche 
peptonisirte Kindermilch konstruirt. Sie vereinigt den Nutzen 
einer Peptouisirung mit einer absoluten Sterilität und stellt ein Gemisch 
kondensirter Kuhmilch vorzüglicher Herkunft mit dextrinirtem Weizen- 
mehl dar. Ihr Nachtheil ist der theure Preis. 

Eier und Fleischbrühe eignen sich nicht für die Ernährung 
in den ersten Säuglingsperioden ; für vorübergehenden Gebrauch hat 
sich das sog. Eiweisswasser bewährt. 

Die Liebig'sche Suppe ist auf einem falschen Prinzip auf- 
gebaut und enthält nur, wenn die Herstellung vollkommen glückte, 
kein Amylum mehr; sie ist sehr umständlich zu bereiten, hält sich nur 
24 Stunden und hat sich in der ursprünglichen Form nicht, auch in später 
verbesserter Form kaum besser bewährt; sie bildet den Uebergang zu den 
Kindermehlen; die Liebig'sche Suppe wird neuerdings auch als Konserve in 
Extraktform in den Handel gebracht (Liebe, Loefflund); in ihrer neuesten 
Gestalt (2/3 1 Wasser, 100 g Malzextrakt, 50 g Weizenmehl in ver- 
dünnter Milch) hat sie sich bei chronischen Dyspe])sien gut bewährt. 

Gegen alle Kindermehle und die aus ihnen bereiteten Suppen 
sprechen zunächst entscheidend die physiologischen Thatsaehen, dass die 
Verdauungsorgane, wenigstens des jungen Säuglings auf ihre Ver- 
werthung und Verarbeitung nicht eingerichtet sind. Mit der sacchari- 
fizirenden Thätigkeit des Mundspeichels und der Pankreas ist in den 
ersten Lebenswocheii kaum zu rechnen ; in den folgenden Monaten 
nimmt sie zwar zu, aber so allmählich, dass von einer ausreichenden 
Einwirkung auf das Amylum erst vom 2. Monat ab die Rede sein 
kann. Jedes unverdaut in Magen und Darm gelangende Mehl verfällt 



Milchkonserven und Eindermehle. 83 

aber bekanntlich ungemein leicht der sauren Gährung, die wir als Ur- 
sache und in Begleitung der Dyspepsie kennen und mit Recht fürchten 
lernen werden. 

Zwar ist es gelungen, solche Mehle, speziell das Hafermehl so zu 
präpariren, dass ein der Frauenmilch entsprechendes Verhältniss von 
Eiweiss, Kohlehydrat, Salzen und Fett hergestellt wurde; auch ist es 
nicht schwierig, einen Theil des schwerverdaulichen Amylums löslich 
und damit leicht verdaulich zu machen , sei es durch einen Mälzungs- 
prozess, sei es durch Dextrinirung im Backprozess, wobei das Amylum 
in Dextrin und Traubenzucker verwandelt wird; jedoch konstatirt man 
unter dem Mikroskop durch Zusatz von Jod fast bei allen diesen 
Präparaten, dass sie noch ein gut Theil ihrer Stärke in unveränderter 
Gestalt, in Form grösserer Schollen und Krümel enthalten. Vor allem 
aber bleibt stets der Missstand, dass alle aus diesen Mehlen bereiteten 
Suppen einmal verhältnissmässig zu viel Kohlehydrate enthalten und 
von diesen das bei dem Mangel an diastatischen Fermenten auszu- 
schliessende Amylum, und sodann, dass sie meist ■^in Defizit an Ei- 
weiss aufweisen, mindestens aber das Eiweiss in Form des Pflanzen- 
albumin, welches sich chemisch und physiologisch als schwerer ^verdau- 
lich von dem Thiereiweiss ungünstig unterscheidet, sowie dass sie endlich 
meist zu wenig Fett, und dieses nicht in Gestalt einer feinen Emulsion 
besitzen ; endlich erweist sich die Kindermehlernährung mindestens drei 
Mal so theuer, wie die Kuhmilchernährung. 

Doch hiesse es entschieden, den Kindermehlen Unrecht thun und weit 
über Ziel hinausschiessen, wollte man sie allesammt und unbedingt ver- 
werfen. Ganz abgesehen davon, dass sie für die letzte Säugliiigsperinde eine 
werthvoUe Bereicherung des Kostzettels sind, finden sie in erster Linie 
zweckmässig da Verwendung, wo man durch einen schleimigen Zusatz 
zur Kuhmilch diese etwas verdaulicher zu machen versucht; man kann 
sich damit beruhigen, dass die in den Magen gelangenden Amylum- 
mengen sehr gering sind und von etwas älteren Kindern erfahrungs- 
gemäss ohne Nachtheil vertragen und ausgenutzt werden. Selbst jüngere 
Kinder können häufig einige Zeit gut bei Kindermelilernährung gedeihen. 
Bei längerer und ausschliesslicher Darreichung freilich zeigen die Kinder 
auf die Dauer selten eine entsprechende Gewichtszunahme, da es nur 
schwer möglich ist, ihnen in einer löslichen Fomi von Suppen, die juu' 
etwa 5 "/o bis höchstens 10 ^'/o feste Bestandtheile aufnehmen, die nöthige 
Calorienzahl einzuführen; doch auch bei genügender und guter Gewichts- 
zunahme ist das Ernährungsresultat nie ein befriedigendes; die Kinder 

6* 



84 Die Krankheiten des Neugeborenen. 

werden fast ausnalimslos rhachitisch. Als ein echtes vollwerthiges 
Säuglingsnährmittel kann also kein Kiridermehl anerkannt werden. Zur 
vorübergehenden Ernährung, wenn Kuhmilch nicht ^'ertragen wird, oder 
zeitweise nicht am Platze ist, sowie als Zusatz zur Kuhmilcli können 
sie von entschiedenem Nutzen sein. 

Von solchen Kindermehlen stehen sehr viele zur Auswahl: Von 
den älteren Präparaten war es das Radema n n ' sehe, in welchem es 
zuerst gelang, zu eri'eichen, dass bei der künstlichen Verdauung mit 
Pancreas ein ausserordentlich geringer Rückstand an unverdautem Amylum 
hinterblieb, in dem die Stärke nahezu vollständig in Dextiin umgewandelt, 
die Cellulose fast ganz ausgeschieden ist; es ist ganz steril, von gleich- 
massiger Beschaffenheit, und sein Nährstoffverliältniss dem der Frauen- 
milch sehr nahestehend; aucli das Kufeckemehl ist sehr gut dextrinirt. 
Das älteste Fabrikat dieser Art, das Nestle'sche Mehl, wird in 
neuerer Zeit in verbesserter Form hergestellt und bewährt sich in dieser 
gut; die Theinhardt'sche Kindernahrung vei'wende ich mit Vor- 
liebe, zumal sie der gewöhnliehen Kuhmilch Verstopfung günstig ent- 
gegenwirkt; das M ell in 'sehe Präparat besteht in der Hauptsache 
aus Maltose und Traubenzucker, wird gerne genommen und befördert 
ebenfalls die Defäkation. Auch ein a'eringer Zusatz von Mondamin 
scheint mir die Milch entschieden leichter verdaulich zu machen. 

Den Kindermehlen ziemlich gleichwerthig , aber viel billiger sind 
die Kin derz wiebac ke; bei doppeltem Backen wird auch in ihnen 
die Stärke dextrinirt und leicht löslich ; sie haben bei und nach der 
Entwöhnung entschiedenen Werth; zu nennen wären: Potsdamer, Fried- 
richsdorfer, Opel'scher Zwieback, besonders aber der mit bester Milch 
bereitete Loefflund'sche Zwieback. 

Arrowroot, Maizena, Tapioca, Salep sind, da sie hauptsächlich 
Stärke, nur ganz wenig Eiweiss enthalten, ganz ungeeignet. 



Die Kraiiklieiteii des Neugeborenen. 

Von den Krankheiten des Neugeborenen gehören die Geburtsver- 
letzungen mit wenigen Ausnahmen zu dem Arbeitsfeld des Geburts- 
helfers beziehungsweise Chirurgen ; ebenso alle angeborenen Difformitäteii, 
die je nach ihrer Lokalisation in den betreffenden Kapiteln zum Theil 
wenigstens kurz erwähnt werden. Eine sehr wichtige Affektion, die 

Asphyxia neonatorum fällt dagegen zu einem guten Theil in das 
Gebiet der Pädiatrie. Von einer Erörterung der Entstehung der As- 



Die Krankheiten des Neugeborenen. 85 

phyxie, einer Besprecliung der beiden Formen derselben (als der A. 
li\ada und A. pallida) und der Behandlung, wie sie unmittelbar post 
partum nöthig wird, kann hier abgesehen werden, da sie ganz die Do- 
mäne des Geburtshelfers ist. Dagegen haben wir uns um so eingehender 
mit der nach der Geburt erworbenen Asphyxie sowie den Folgen einer 
intrauterin entstandenen Asphyxie zu befassen. 

Bei der nach der Geburt erworbenen Asphyxie war 
intrauterin und während der Geburt der Gasaustausch ungestört, das 
Kind kam mit gut ventilirtem Blute zur Welt, dagegen traten in der 
Lungenatlimung, die nun einsetzen sollte, Störungen ein. Ursache der 
Behinderung der Aufnahme von Sauerstoff, der Abgabe von Kohlen- 
säure seitens der Lungen kann einmal Unreife, Lebensschwäche sein, 
bei der das Lungengewebe im Zustande der fötalen Atelektase ver- 
harrt, oder es finden sich Missbildungen resp. Traumen und Krank- 
heiten (weisse syphilitische Hepatisation der Lunge, auch wohl Aspi- 
rationspneumonie als Folge ungeschickter, forcirter künstlicher Ernährung, 
doppelseitige Pleuraergüsse, Zwerchfelldeffskte, schwere Herzfehler, Ver- 
letzungen des Athemcentrums, Hirndruck) oder endlich, es stellen kom- 
primirende Strumen und dergl. dem Eindringen der Ijuft ein Hinderniss 
entgegen. 

Die Symptome sind mangelhafte, unregelmässige Respiration, 
Unfähigkeit, mit kräftiger Stimme zu schreien, oft starke inspiratorische 
Einziehungen, rothblaue Haut, kühle Extremitäten, dabei normale Herz- 
aktion, in schweren Fällen frequenter, sehr schwacher Herzschlag und 
Puls, subnormale Temp)eratur, Apathie; das Athemgeräusch ist abge- 
schwächt ; hie und da hört man etwas Knisterrasseln und findet den 
Perkussionsschall besonders über den Unterlappen gedämpft — tympani- 
,. tisch: Lungenatelektase. Vor Verwechslung mit intrauterin ent- 
standener Asphyxie schützt die Anamnese, eine genaue Beobachtung 
lies Geburtsverlaufes, das Fehlen von Rasselgeräuschen, frequenter, sehr 
schwacher Herzschlag. 

Die Prognose richtet sich nach der ursächlichen Affektion und 
ist meist schlecht; das relativ häufig komplizirende Sklerödeni macht sie 
ganz infaust. 

Die Therapie wird meist nur bei der Asphyxie der frühreifen 
Kinder erfolureich sein können; man versucht die Respiration durch 
Hautreize spez. kalte Uebergiessungen im heissen Bade, Lufteinblasungen 
(weniger wirksam in diesen Fällen sind die Schultze'scheu Schwingungen) 



86 Die Krankheiten des Neugeborenen. 

anzuregen und mit den bekannten diätetischen Maassregeln (Wärme, 
Ernährung) die Lebenserhaltung zu ermöglichen. 

Unter den Folgen einer Asphyxia intrauterina (durch vor- 
zeitige Lösung der Placenta, Nabelschnurkompression, Ijungen- und Herz- 
krankheiten, scliwere fieberhafte Prozesse, starke Blutverluste, Tod 
der Mutter, Hirndruck des Kindes) ist vor allem die Aspiration von 
Fruchtwasser nebst Lanugohaaren, Epidenniszellen, Meconium, Schleim 
oder Blut in die Athmungsorgane zu bedenken ; falls niclit schon intra 
partum das Kind daran z>i Grunde geht, drohen folgende Störungen: 
In seltenen Fällen kommt es nach glücklich iiberstaudener, vielleicht 
nur massiger Asphyxie zur Idiotie, woliei dahingestellt bleibe, wie weit 
Kopfdruek ev. eine Zangenextraktion mitwirken. Weitaus häufiger geben 
die eingedrungenen Fremdköi-per für die Einathmung ein Hinderniss ah 
und es bildet sich eine Lungen atelektase heraus, d. h. die Alve- 
olen bleiben im fötalen luftleei'en Zustande. Dieselbe kennzeichnet sich 
klinisch durch besclileunigte , oberflächliche Respiration, inspiratorische 
Thoraxeinziehungen ; physikalisch durch fehlendes resp. sehr schwaches 
Vesikulärathmen , hie und da Knisterrasseln, leichte Dämpfung; die 
iStinune ist meist matt, wimmernd, die Hautfarlie bleich, auch cyanotisch 
oder gleichzeitig etwas ikterisch; der Puls schwach; das Bauü'en ist meist 
unmöglich; Fieber ist bei reiner Atelektase niclrt vorhanden. 

Die Prognose der Lungen atelektase ist zweifelhaft; doch gelinp-t 
es durch Anregung der Respiration, besonders durch kalte Güsse auf 
Occiput und Brust im warmen Bade, Frottiren, ev. küustlii-he Athmunj;' 
(Sehultze'sche Schwingungen), Aufenthalt in reiner, gleichmässig tempe- 
rirter Luft, sorgfältige Ernährung, die meist mit dem Löffel erfolgen 
nmss, hingebende Pflege, ev. die Tarnier'sche Couveuse manches ge- 
fährdete Leben zu erhalten. Die Bekleidung und Bedeckung darf die 
Respiration in keiner Weise beliindern (nicht wickeln, keine Nabelbinde, 
keinerlei Voi'liänge!); aucii i^t für regelmässigen Lagewechsel Sorge zu 
tragen, das Kind öfters aufzurichten, zum Schreien i'inzuregeii, der Naseu- 
eingang frei zu halten. In anderen Fällen tritt unter dem Bilde reci- 
divirender Asphyxie, inunei- sidileeliter werdender Respiration, zunehmen- 
der Schwäche, endlicii Eklampr-ie der Tod ein. 

Zu i'iner Fremdköi-pcrpn<'um<inie in F(dge der Aspliyxir wird es 
nur kommen, wenn der aspirii'te Uterusinlialt infektiös war. 

Das KephalhämatOm siellt einen Blu(erguss dar, dei' intia parliun 
bei tler bestehenden Stase und Hyperämie des vorliegenden Schädels aus 
den leicht zerreisslichen, zarten Gefässen meist zwischen Schädelknochen 



Die Krankheiten des Neugeborenen. 87 

und Pericranium hinein erfolgt und das wenig fest anhaftende Pericra- 
nium vom Knochen abhebt; das Kephalhämatom findet sich entsprechend 
der Häufigkeit der ersten Schädellage meist einseitig über dem rechten 
Scheitelbein; er giebt das charakteristische Gefühl einer Cyste, hat cir- 
kumskripte, meist rundliche Gestalt, und es leuchtet ein, warum es an den 
Knochennähten ausnahmslos seine Grenze findet, da hier das Pericranium 
fest ansitzt. Eigenthümlich für das Kephalhämatom ist, dass sich nach 
kurzer Zeit durch reaktive Knochen Wucherung seitens des Perieraniums 
dem ganzen Rande entlang eine Art fester Wall entwickelt; derselbe 
schafft dem tastenden Finger den täuschenden Eindruck, als ob man 
von gesundem Knochen aus in eine Knochenlücke oder Höhle hinab- 
komme. Das Allgemeinbefinden ist wohl immer ungestört. 

Der Ausgang ist gewöhnlich der in Heilung durch Resorption, 
nur seltener durch direktes Anlegen des abgehobenen Periostes; aus 
noch unerklärter Ursache bleibt das Blut meist sehr lange flüssig und 
wird nur langsam resorbirt, .so dass gegenüber den meisten anderen 
Hämatomen die Heilung oft verhältnlssmässig langsam, binnen 3 — 1.5 
Wochen, eintritt. Hat sich nicht nur das umrandende, sondern auch 
das abgehobene Periost in seiner ganzen Ausdehnung durch Osteoblasten- 
und Knochenkörperwucherung an der Knochenbildung betheiligt, so legt 
sich diese wie Pergament knitternde Knochenschale an den Schädel 
an und bildet eine flache Hyperostose. 

Ausnahmsweise und zwar wohl nur bei mechanischer Reizung und 
besonders bei unangebrachten und nicht streng aseptisch ausgeführten 
chirurgischen Eingriffen vereitert unter Fieber, Allgemein- und Tjokal- 
erscheinungen ein Kephalhämatom ; es kommt zu einer Phlegmone selbst 
mit Nekrose des neugebildeten Knochens; Meningitis und eitrige Ostitis 
können die weitere Folge sein und führen dann wohl ausnahmslos 
zum Tode. 

Diagnose: Eine Verwechselung mit dem nach 1 — 2 Tagen 
schwindenden Oaput succedaneum ist nicht gut möglich ; eine Abscess- 
bildung kennzeichnet sich durch Fieber, lokale Entzündung und Schmerz- 
haftigkeit; ein Hirnbruch (Encephalocele, Meningocele) zeigt anderen 
Sitz (Hinterhauptbein, Glabella, seltener Scheitelbein), respiratorische Be- 
wegung, häufig auch Pulsation, vergrössert sieh beim Schreien und Pressen 
und lässt sich zum Theil rejioniren. Gefässtumoren fluktuiren jiicht und 
haben keinen Knorhenring. Sicherheit giebt eventuell eine streng asep- 
tisch auszuführende Probepunktion, die reines Blut liefert. 



8R Die Krankheiten des Neugeborenen. 

Die Prognose ist für das unkomplizirte Kephalhämatom durch- 
aus gut; Vereiterung kann durch Meningitis, Sinusthrombose und Pyämie 
zum Tode führen. 

Die Behandlung darf nur exspektativ sein; man schütze die 
Geschwulst durch Wattebedeckung und ^"orsicht vor mechanischen In- 
sulten und hüte sich selbst vor zarter Massage ; nur bei sehr lange aus- 
bleibender Resorption käme eine aseptische Punktion mit nachfolgender 
antiseptischer Spülung und Einspritzung von Jodoformemulsion in Frage. 
Ein chirurgischer Eingriff ist natürlich bei der Abscedirung, dann aber 
möglichst frühzeitig am Platze. 

Weniger harmlos ist das viel seltenere Kephalhaematoma internum, 
ein Blutguss zwischen Schädelknoclien und Dura; für ein solches 
spricht das Auftreten von Gehirnerscheinungen ; es findet sich manchmal 
zusannnen mit dem Kephalhaematoma externuni , und beide können 
durch die embryonalen Fissuren miteinander konununiziren ; in diesem 
Falle wäre eine Punktion zur Entlastung des Gehirns in Anbetracht der 
Gefährlichkeit des Zustandes wohl zu versuchen. 

Ein traumatisches Haematoma dlirae ist bei Neugeborenen nicht 
allzu selten und verursaclit schwere Gehirnerscheinungen-, ähnlich einer 
Commotio cerebri, einem Hydrocephalus ; seine sichere Erkennung dürfte 
gewöhnlich ziemlich schwer fallen ; seine Behandlung kann nur exspek- 
tativ sein (Rulie, Ableitung, Wasserumschläge) 

Die ziemlich oft zu beobachtende, gewölmlicli peripherische Para- 
lysis facialis entsteht durch Druck eines Zangenlöffels, seltener durch 
spontanen Druck an den Beckenknochen ; ihre Prognose ist bei geeigneter 
elektrischer Behandlung meist günstig. 

Die spontan entstellende, sog. rheumatisclie Fascialislähmung ist 
im Kindesalter selten, bietet keine charakteristischen Besonderheiten. 

Ernsterer Art sind die sog. Entbindungslälimuiigetl, von denen 
die D uchenn e - Erb'sche die wichtigste Form der partiellen 
Plexuslähmung darstellt; da sie stets den M. deltoides, bieeps, bra- 
chialis internus und supinatos longus, häufig auch den M. supinator 
brevis, seltener den M. infraspinatus und subscapularis betrifft, wird 
sie wohl auch kombinirte Schulterarmlähmung genannt. Die 
Lähmung geht von dem Erb'schen Supraclavicularpunkte aus, einer 
oberhalb der Clavicuhi und am äusseren Rande des Sternocleidomastoideus 
gelegenen Stelle, wo ziemlich oberflächlich das die genannten Muskeln 
versorgende Wurzel- resp. Plexusgebiet (.5. und (i. Cervikalwurzel und 
iiu-e Vereinigung im l'lcxusslainm) gelegen ist. Die Lälnnnng entsteht 



Die Krankheiten des Neugeborenen. 89 

wohl meist durch direkten Druck auf diese Stelle oder durch forcirte 
Abduktion der Schulter beim Rückwärtsdrängen des erliobenen Armes, 
wobei die C'lavicula den Plexus komprimirt. Ihre Symptome sind: Un- 
fähigkeit, den gestreckten Arm zu abduciren (Deltoides), im Ellbogen 
zu beugen (Biceps, Brach, int., Sup. long.). 

Atrophie der Muskeln, komplete oder partielle Entartungsreaktion 
zuweilen Schmerzen sind die weiteren Folgen. 

Da der Verlauf stets langwierig ist, Heilung nicht immer erfolgt, 
ist die Vorhersage zweifelhaft zu stellen ; unter elektrischer Behandlung 
kann die Lähmung jedoch selbst binnen Wochen zurückgehen , noch 
nach Monate langer Dauer sich bessern. 

Seltener tritt die 

untere Plexuslähmung (Klumpke'sche L.) auf, die von 
einer Affektion der 8. Cervikal und 1. Dorsalwurzel ausgeht, resp. dem 
von ihnen gebildeten Plexustheil, und bei welcher die kleinen Hand- 
muskeln und vom Vorderarm besonders die Flexoren betheilifft sind. 

o 

Totale Plexuslähmung ist selten; sie kommt eigentlich nur bei 
schweren Verletzungen (Bruch von Clavicula oder Akromion) vor. 

Als Geburtsverletzung ist wenigstens in einem Theil der Fälle das 

Caput obstipuin anzusehen. Dasselbe entsteht hierbei durch eine 
intra partum, besonders in Folge von manueller, forcirter Entwickelung 
eintretende Zerreissung des Muse, sternocleidomastoideus; es handelt sich 
also um ein Haematoma Muse, sternocleidomastoidei, und der Schiefhals 
ist als der Ausdruck einer Narben-Kontraktur zu betrachten. So 
erklärt sich das Caput obstipum, welches im Anschluss an schwere 
Geburten und zwar sjjeziell Steiss- und Fusslagen, seltener Zangen- 
geburten, nach Vornahme von Wiederbelebungsversuchen zur Beoljachtung 
konmit. Freilich noch lange nicht immer entwickelt sicli das Hämatom 
des Kopfnickers zu einem Caput obstipum, sondern nur dann, wenn der 
Riss den ganzen Muskelbauch und damit die Muskelscheide und die 
Nervenendigungen umfasste , die Schmerzen reflektorisch den Muskel 
verkürzt erhalten und Narbenschrumpfung eintritt. 

Die Mehrzahl aller Schiefhälse dürfte jedoch wohl als angeboren 
zu betrachten sein, hervorgegangen aus einer habituellen Schiefläge des 
Kopfes im Uterus mit konsekutiver nutritiver Schrumpfung auf der ver- 
liürzten Halsseite , (daher bei der überwiegenden ersten Kopflage die 
Häufigkeit des Cap. ol)st. dextr.) resp. bei Steisslage Dextroversion des 
Kopfes durch Druck der unteren Leberfläche der Mutter, welche die 
Streckung des Kopfes hintanhält: myogene Kontraktur des Muse. 



90 Die Krankheiten des Neugeborenen. 

sternocleidomastoideus, wie sie dem angeborenen Klumpfuss analog 
ist. Klinisch kommt die Torticollis traumatica und congenita durch das 
typische Bild des Schiefhalses zum Ausdruck; ein Hämatom resp. die 
Rissteile fühlt man als Anfangs weicheren, empfindlichen, später härteren 
Knoten im Gewebe des Sternocleidomastoideus; für traumatische Torti- 
collis spricht eine schwere Geburt, die vorausgegangen, für Tortic. congen. 
sprechen leichte Geburt ohne Kunsthülfe, Erblichkeit, gleich nach der 
Geburt bemerkte Asymmetrie, gleichzeitig vorhandene andere Difformitäten. 

Die Autopsie ergiebt im ersten Falle narbige Herde, im zweiten 
einfache Schrumpfung des Muskels in seiner Länge. 

Therapie: Wird das Hämatom resp. die Muskelkontraktur bald 
nach der Geburt bemerkt, so erreicht eine vorsichtige Massage und ein 
mehrmals täglich vorgenommenes Redressement des Schiefstandes in 4 bis 
6 Wochen fast st(>ts eine Heilung. Bei veralteter oder erst im späteren 
Alter deutlicher hervortretender Torticollis besteht die Behandlung am 
Besten in offener Durchschneidung iles verkürzten Muskels, der sich 
eine orthopädische (Glisson'sche Schwebe, Hyperexten.sion nach der 
entgegengesetzten Seite) und Massage-Kur anzuschliessen hat. 

Die Mastitis ist in gewissem Sinne eine physiologische Erscheinung; 
bei fast allen Neugeborenen stellt sich am 3. — -4. Tage eüie massige 
Schwellung der Mammae ein, die auf Druck Anfangs weniger, später 
mehr eines Sekr<4es entleeren, welches einer an Formelementen sehr 
armen Frauenmilcli, speziell dem Colostrum gleichkonuiit; diese Sekretion 
erlisi-ht allmählich binnen 3 — 4 Wochen. Ob dieselbe eine echte Lak- 
tation ist oder bloss aus einer fettigen Metamorphose der centralen 
Milchdrüsenzellen hervorgeht, sei dahingestellt. 

Durchaus verschieden davon ist die echte Mastitis; diese entwickelt 
sich nur dann , wenn in die durch mechanische Insulte (regelmässiges 
und brüskes Ausdrücken) gereizten , zu stärkerer Sekretion angeregten 
Brustdrüsen durch die Milchgänge oder kleine Verletzungen Infektions- 
<Treger eindringen. Die Entzündung verläuft von Rötluuig, Schwellung, 
Empfindlichkeit der Drüsen bis zui' Abscessbildung, greift wohl auch 
auf die Umgebung über (Perimastitis). 

Hydropathische res]>. antiseptische Umschläge werden in den wenigsten 
Fällen diese Entzündung zurückbilden; meist nuiss frühzeitig' eine regel- 
rechte cliiriu'gisclie Behandking Platz srcitVii. 

Auf jeden Fall verbiete man, um der walircn Enlzündung vorzu- 
beugen, jedes Ausdrücken der physiologisch-gescliwoUenen Brustdrüsen, 



Die Krankheiten des Neugeborenen. 91 

und empfehle schonende Eeinigung derselben und Schutz vor Druck 

durch aufgelegte Watte. 

Ganz analog der physiologischen Laktation der Neugeborenen beiderlei 
Geschlechter findet in seltenen Fällen bei weiblichen Neugeborenen bald nach 
der Geburt oder in den ersten Monaten eine menstruationsartige, blutig-schlei- 
mige Ausscheidung aus der Vagina statt (Menstruatio praecox), die 
lediglich der Ueberwachung und Abhaltung von Schädlichkeiten (am Besten 
auch Aussetzen der Bäder) bedarf. 

Icterus neonatorum. Mehr als die Hälfte (ca, 50 o/o bis 80 "lo) 
aller Neugeborenen zeigt in den ersten Tagen nach der Geburt alle 
äusseren Zeichen eines leichten Icterus. Bei der überwiegenden Mehr- 
zahl der Fälle ist derselbe eine idiopathische Affektion und zwar, 
wie das Fehlen aller anderweitigen Krankheitserscheinungen beweist, eine 
durchaus leichte; höchstens verlieren die Kinder etwas an Gewicht oder 
nehmen etwas schlechter zu, was, da mehr Harnstoff produzirt und aus- 
geschieden wird, auf einen Eiweissverlust zurückzuführen ist 

Die Zeiclien des Icterus neonatorum sind Gelbfärbung der Haut 
und Sklerae, bei grösserer Intensität auch der Konjunktiven und Schleim- 
häute; die Faeces sind nie entfärbt, der Urin lässt nur Liei feineren Unter- 
suchungsmethoden Gallenfarbstoff und Gallensäure erkennen ; der Beginn 
fällt meist auf den 2. Tag; die Dauer ist selten länger wie 3 — 8 Tage. 

Bei der Entstehung sind zweifellos die Leberfunktion ebenso wie 
Veränderungen im Blute wirksam ; im Blute des Neugeborenen und 
speziell bei angeborener Lebensschwäche, starken Gewichts- und Eiweiss- 
verlusten zerfallen massenhaft rothe Blutkörperchen ; sie geben ein über- 
reiches Material zur Bildung von Gallenfarbstoff ab und steigern viel- 
leicht die Gallensekretion. Warum die reichlichere und stark farbstoff- 
haltige Galle nun aber resorbirt wird, dafür fehlen uns noch unanfecht- 
bare Gründe; angenommen worden sind: Verstopfung der Gallengänge 
mit Schleim oder Epithel, angeborene Enge derselben, relative Insuffi- 
cienz der Masse plötzlich gebildeter Galle gegenüber ; Oedem des Binde- 
gewebes der Glisson'schen Kapsel mit Kompression der Gallengänge, 
Fermenthämie (Fibrinferment), die zu Stasen und Thrombosen im Pfort- 
adersystem und Kompression der Gallengänge führt. Thatsache ist nur 
die Resorption von Galle in's Blut, was durch den Nachweis von Gallen- 
säuren in der Pericardialf iüssigkeit , die ebenso wie Gallenfarbstoff nur 
in der Leber selbst gebildet werden, bewiesen wird. Die Gallenresorp- 
tion wird noch besonders dadurch begünstigt, dass bei beginnender 
Lungenathmung der Blutdruck in den Venae hepaticae und den Lymph- 
bahnen der Leber insgemein stark herabgesetzt ist, endlich dadurch, 
dass der Gallenfarbstoff nicht rasch durch die Nieren hinausgeschwemmt 



92 Die Krankheiten des Neugeborenen. 

wird. Schliesslich gelangt in den ersten Lelsenstagen durch den noch 
offenen Ductus venosus Arantii ein Tlieil des Pfortaderbluts, welches 
normaler Weise Darnigalle resorbirt hat, in die Vena Cava und damit 
in den Kreislauf, dem es diese Galle direkt zuführt. 

Der Icterus neonatorum koniplizirt sich also aus einem primär 
hämatogenen, in zweiter Linie aus einem hepatogen Icterus. 

Der Icterus neonatorum ist ]mr insofern als eine Krankheit anzu- 
sehen, als er durch Schädigung der Ernährung, Eiweissverluste die 
Lebenskraft, bei schwachen unreifen Kindern eventuell die Lebensfähig- 
keit beeinträchtigt. In solchen Fällen besteht eine verstärkte Indika- 
tion dazu, durch Ernährung, Pflege und Wärmezufuhr die Kräfte zu 
heben resp. zu erhalten. 

Symptomatisch tritt der Icterus bei angeborenem Defekt der 
Gallenblase, bei Defekt oder vollls;ommener Obliteration der Gallengänge, 
bei infektiöser oder septischer Erkrankung, Lues hepatis, Hepatitis 
parenchymatosa, akuter Fettentartung, seltener wie bei älteren Kindern 
im Anschluss an einen Gastroduodenalkatarrh auf; die Gelbsucht ist 
in diesen Fällen stets hochgradig, der Urin stark gallenhaltig, der Stuhl 
gallenfrei, der Gesammteindruck der eines schweren Leidens. 

Eine reiche Q,uelle für Störungen der Gesundheit des Neuge- 
borenen gellen 

Pathologische Vorgänge am Nabel ab. 

Die leichteste Form derselben stellt eine verzögerte Heilung 
der Nabelwunde dar. Je nach der Stärke der Nabelschnur einerseits, 
den Körperkräften, dem Ernährungszustände des Neugeborenen anderer- 
seits, sowie je nach der Art der Behandlung der Nabelwunde ist die 
bei der Demarkirung und Abstossung des Nabelschnurrestes unvermeid- 
lich eintretende, reaktive Entzündung von wechselnder Intensität, der 
Heilungsverlauf ein verschiedener; innerhalb der Breite des Normalen 
finden wir bald weniger, bald mehr (Blennorrhoe) Sekretion und sog. 
Excoriation des Nabels als Folge mangelhafter Epithelbildung und 
Ueberhäutung. Bei lang hingezogener Heilung entwickelt sich nicht 
selten ein breitbasiges oder gestieltes Granulom, der sog. Fungus umbi- 
licalis, manchmal ziemlich versteckt sitzend, der, so harmlos er an sich 
ist, wegen Blutung und wegen der Schmerzhaftigkcit des umgebenden 
Nabels bei Berührung und, da er die definitive Vernarbung hintanhält, 
eine Behandlung crfonlcrl. Ist die Granulomg<'schwulst klein, so 
schrumpft sie unter austrocknenden Dermatol-, .Virol-, Tannin-, Alaun- 
puderuiigeii und überliäiilet sich; isl sie von grösserem Umfange, so be- 



Die Krankheiten des Neugeborenen. 93 

seitigt man sie am besten durch Aetzung mit dem Lapis oder Ab- 
brennen mit dem Paquelin, 

Nicht zu verwechseln mit dem Granulom sind die ihm ähnlichen, 
aber seltenen Ente roteratome, die am besten das G-lüheisen zerstört, 
sowie während des Fötallebens abgeschnürte Darmdivertikel, die zur 
Bildung von Nabeldarmfi stein führen können, und, wenn unter 
■ antiseptischen Verbänden keine Spontanheilung eintritt, eine spätere 
chirurgische Radikall)ehandlung erfordern; ähnlich verhält sich ein offen- 
gebliebener Rest des Urachus. 

Eine ernstere Störung in der Abheilung der Nabelwunde entsteht 
durch eine Infektion derselben ; dieselbe verursacht eine echte Entzünd- 
ung, eine Omphalitis. Bei ihrem geringsten Grade bleibt es bei 
massiger Entzündung des Nabels und seiner Umgebung, Röthung, 
Schwellung, eitriger Sekretion, verzögerter Abstossung des Nabelschnur- 
restes, Gangrän desselben; fällt der Strangrest ab, so zeigt sich eine 
vergrösserte, nekrotisch belegte, Eiter und gangränöses Material liefernde 
AVunde oder vielmehr ein Ulcus umbilicale; dasselbe erfordert so- 
fortige und energische antiseptische Behandlung, häufige Reinigung mit 
milden Desinfizientien, am besten Umschläge mit essigsaurer Thonerde 
(kein Sublimat und besonders keine Karbolsäure), späterhin einen Trocken- 
oder SalbeJi verband mit Jodoform und Dermatol aä oder Airol; Aetz- 
ungen und mechanisches Aufrühren des Geschwürsgrundes sind zu ver- 
meiden. 

Noch ernster wird die Affektion, wenn die Entzündung in die Um- 
gebung hineingreift, eine entzündliche Gewebsinfiltration und eitrige Ein- 
schmelzung, eine Phlegmone in den Bauchdecken angeregt. Hierbei 
zeigt sich das Allgemeinbefinden durch Fieber, Anorexie, Schmerzen, 
Gewichtsabnahme erheblich gestört. Die Krankheit kann sich trotz 
chirurgischer Behandlung wochenlang hinziehen, und der Tod ungeachtet 
aller Bemühungen, die Ernährung zu bessern, einer Erschöpfung vorzu- 
beugen, in vielen Fällen durch Entkräftung, Peritonitis, Sepsis eintreten. 

Die Prognose richtet sich ganz nach dem Kräftezustand des Kindes, 
der Dauer und Ausdehnung des Prozesses und nicht zuletzt nach dem 
eingeschlagenen therapeutischen Verfahren ; sie ist im Allgemeinen stets 
zweifelhaft. 

Fast immer tödlich werden alle nocli weitergehenden, schweren 
septischen Prozesse am Nabel; dahin gehört die Diphtherie 
sowie die fortschreitende Gangrän (feuchter Brand), die idiopathisch, 
resp. aus einer Omphalitis hervorgegangen sein, auch sich an eine Cholera 



94 Die Krankheiten des Nengeliorenen. 

uostras ansehliessen kann, meist aber wohl Theilerscheinung der allge- 
meinen Sepsis oder Pyämie ist. Eine Behanillung mit Umschlägen von 
essigsaurer Thonerde, Formalin, später Jtjdoform verband und ein robo- 
rirendes Allgemeinverfahren ist wenigstens zu versuchen. 

Eine andere Form der schweren Infektion stellt die Arteriitis, 
seltener Phlebitis umbilicalis dar, bei der die Infektionserreger, 
meist Streptokokken, das perivaskuläre Bindegewebe entlang kriechen, auf 
den Adventitia und das Gefäss selbst übergreifen und in ihm Thrombose 
hervorrufen, die durch eitrigen Zerfall das Material für septische pneu- 
monische, splenitische, hepatitische und nephritische Herdi' (Infarkte), 
Peritonitis, Pleuro-Pneumonie, Endocarditis, Otitis media, Meningitis, 
Cystitis, Gelenkvereiterung etc. liefert. Die Erkrankung befällt vi:>r- 
wiegend häufig die viel dickwandigeren beiden Nabel- Arterien. 

Zu einem ausgesprochenen Krankheitsbild kommt es bei der septi- 
schen Arteriitis und Phlebitis selten ; meist erfolgt der Tod ziemlicli plötz- 
lich, nacli geringen örtlichen, kurzen und schweren Allgemeinsymptomen ; 
seltener macht die Infektion eine längere Zeit hindurch Allgemeinerschein- 
ungen (Fieber, CoUajss, rapide Abmagerung und Entkräftung) oder gar 
Herdsymptome, die sicli auf Pneumonie, Peritonitis etc. beziehen lassen, 
und nur in Ausnahmefällen wird der Ursprung der Erkrankung durch 
einen deutlichen septischen Befund am Nabel erwiesen. Bei Phlebitis 
wird besonders häufig Peritonitis und als Folge von Hepatitis parenehy- 
matosa ein intensiver Icterus gefunden. Erst die Sektion pflegt solche 
meist räthselhafte Todesfälle aufzuklären. Der Schwerpunkt der Behand- 
lung muss in der Pro23hylaxe liegen; es nuiss durch pcinliclie Saidier- 
keit und Trockenverband die Fäidniss und Infektion des Nabelstrang- 
restes verliütet werden. 

Gegenüber der ihirch die Nabelwunde (oder andere Wunden) ehi- 

dringenden Infektioji treten alle anderen Formen von septischer 

Infektion des Neugeborenen an Häufigkeit, wenn auch nicht an Be- 
deutung weit zurück; als solche wären zu nennen: die früher häufiger 
beobachtete und zweifellos m(igliche placentare Infektion, die sehr seltene 
Infektion durch Aspiration infizirten Fi'uchtwassers ; am zweifelhaftesten 
dürfte die Infektion (hu'ch die Milch der Mutter sein, da einmal sep- 
tisclie Mütter ihre Knidej' ohne jeden Schaden stillten, sodann selbst aus 
der Milcli gesunder Frauen Staphylokokken in den Säugling eingeführt, 
ganz unschädliclr bleiben können. 

Ausser der Nabelwunde kann natürlich auch jede andere, selbst 



Die Krankheiten des Neugeborenen. 95 

ganz oberflächliche und kleine Verletzung der äusseren Haut oder der 
Schleimhäute die Eingangspforte für einen Infektionserreger abgeben. 

Das Bild solcher septischer Allgemeininfektion i.st äusserst wechselnd; 
neben Allgemeinerscheinungen wie Fieber, rascher und schwerer Ab- 
magerung, verfallenem Aussehen, D_yspnoe, Herzschwäche, treten bald 
diese, bald jene Lokalsymptome in den Vordergrund oder beherrschen 
das Krankheitsbild. Bald handelt es sich mehr oder vorwiegend um 
primäre oder sekundäre Hautprozesse (Zellgewebsphlegmone, Abscesse, 
Dermatomyositis), bald um eitrige Mastitis, Parotitis, Otitis, Meningitis, 
Gelenkeiterungen, Pleuropneumonie, Endokarditis, eitrige Perikarditis; in 
anderen Fällen um pseudodiphtherische Entzündung von Schleimhäuten. 
Hierher gehört auch die schwere Form von Pemphigus und Dermatitis 
exfoliativa, gewisse Arten von schwerem, fieberhaftem Icterus, vielleicht 
auch die Buhl'sche und Winkel'sche Krankheit.. Dabei wird es nicht 
immer leicht sein, den primären Infektionsherd ausfindig zu machen. 

Jedenfalls hat man die wichtige Thatsache zu würdigen, dass dem 
Kindes- und ganz speziell dem Säuglingsalter eine verhängnissvolle Dis- 
position zu septischen Infektionen aller Art eigen ist. Unter ihren Erregern 
sind die allerorts vorhandenen Streptokokken am häufigsten; sie finden 
eine Eingangspforte an den verschiedensten Stellen der äusseren Be- 
deckungen, sobald diese durch irgend welche entzündliche Prozesse oder 
durch mechanische Läsionen ihrer Eigenschaft als einer natürlichen 
Schutzdecke beraubt sind ; so sehen wir derartige Infektionen entstehen 
im Anschluss an Vulva-vaginitis, intertriginöse Exkoriationen, Ulcera- 
tionen am Darme und an den Nates. In anderen Fällen werden speziell 
bei rhachitischen, an profusen Scliweissen laborirenden Kindern Sudamina- 
hläschen infizirt: es entwickeln sich mit Vorliebe am Hinterkopf und 
Hals, dann aber auch am ganzen übrigen Körper pustulöse, furunkulöse 
Entzündungen, Abscesse, Phlegmonen. Auch von scbleohtversorgten 
Irapfpusteln aus kann eine solche Streptokokkeneinwanderung erfolgen. 
Unter rlen Schleimhäuten giebt besonders gerne die der Nase die Ein- 
trittsstelle ab, sodann auch das Mittelohr. Auch von der unverletzten 
Schleimhaut des Magen-Darmtraktus aus sollen infizirende Mikroorga- 
nismen eindringen können (gastro-intestinale Sepsis). 

Die Prognose aller dieser Infektionen ist schlecht, die Therapie 
machtlos. Man wird natürlich ehiiiirgische Eingriffe vornehmen, wo 
irgend sie indizirt und ausführljar sind, im Uebrigen das Fieber mit hydro- 
pathischen Packungen, schweisstreibendeu Pi'ozeduren bekämpfen, die 
Kräfte speziell mit Alkohol zu erhalten suchen. 



96 Die Krankheiten des Neugeborenen. 

Das Erysipelas befällt mit X'orliehc bereits die Neugeborenen und 
findet seine Eingan.aspforte i'elativ liänfiu' in dei' Nabelwunde. Es kom- 
jjlizirt sich <'ntweder mit einer septischen Infektion o<ler zeijit sieh als 
eine selbständige, auch endemisch in Gebär- und Findelhäusern auf- 
tretende Erkrankung. Der Verlauf ist dej- bekannte und führt nur 
meist jioch schneller als bei älteren Kindern und Erwachsenen zum Tode. 
Die Prognose ist schlecht, da die Allgemein- und Lokalbeliandlung wenig 
vermögen. Subkutane Huldimat- und Karbolinjektioiien sind im Säug- 
lingsalter kontraindizirt, wie auch noch im späteren Kindesalter bedenk- 
lich; man versuche es mit Jodoformkollodiumpinselun.t;en, Sublimatum- 
schlägen nach vorheriger Seifenspirituswaschung, mit AlkoholverbändeJi, 
und gebe grosse Dosen Alkohol, niemals Antifebrilia. 

Trismus und Tetanus neonatorum zählen zu den Wundinfektions- 
krankheiten und sind nicht allzu seltene, sehr ernste Affektionen. Auch 
hier ist meist die Nabelwunde die Eintrittspforte für die Infektion durch 
die weitverbreiteten Tetanusbacillen, seltener eine andere (z. B. Circum- 
cisions-) Wunde. Die letzte Ursache für die charakteristischen Kranipf- 
erscheinungen ist ein Stoffwechselprodukt der Bakterien, das Tetanin. Ob 
es neben dem bacillären Tetanus noch einen centralen (durch Schädel- 
druck und Rückenmarkserschütterung) oder reflektorischen (heisse Bädei;) 
giebt, lässt sich bei der Eigenthüralichkeit der Muskulatur des Neu- 
geborenen, auf relativ geringe Reizung in tetanische Kontraktion zu ge- 
rathen, nicht so absolut von der Hand weisen. 

Krankheitsbild: Die Krankheit beginnt fast stets erst in der 
2. Lebenswoche, seltener gleich nach der Geburt, nur ausnahmsweise erst 
nach der zweiten Woche ; nachdem Unruhe, plötzliches Loslassen der Warze 
resp. des Pfropfens unter Schmerzäusserung, plötzliches Aufschreien aus dem 
Schlaf bereits die Umgebung aufmerksam gemacht, bricht ziemlich akut 
ein Krampf der Kaumuskulatur aus, der sich durch die Unmöglichkeit, 
den Mund zu öffnen, harte Kontraktur der Kaumuskeln und eine ge- 
wisse Starre des Gesichts, zusanniiengepresste, manchmal rüsselförmige 
Lippen kennzeichnet. Mit diesem Trismus beginnt fast ausnahmslos 
der Tetanus neonatorum. In der Mehrzalil der Fälle schliessen sich 
bald tetanische Kontrakturen der Nacken und Rückenmuskulatur (Opis- 
thotonus), der Bauchmuskeln, weniger intensive tonische Krämpfe der 
Extremitäten an; bei ausgebildeter Krankheit kann man das starre Kind 
wie ein Brett aufheben; in der Rückenlage ruht der Körper nur mehr 
auf Hinterhaupt und Fersen; die Hände sind meist geballt, die Ell- 
bogen gebeugt. 



Die Krankheiten des Neugeborenen. 97 

Trismus und Tetanus treten anfänglich nur anfallsweise auf, zuweilen 
reflektorisch auf eine Erschütterung des Körpers hin; unter immer 
kürzeren kranipffreien Intervallen bestehen der Trismus, schliesslich der 
Tetanus dauernd. Immer bedrohlicher wird der Krampf, indem Schlund- 
muskelkontraktionen das Schlucken, tonische Zusammenziehungen der 
Kehlkopf- und Respirationsmuskeln die Athmung stören, so dass speziell 
bei jedem KrampfanfaU Cyanose eintritt. Der Puls wird frequenter, 
schwächer; die Temperatur erhebt sich zu hohen und höchsten Graden, 
seltener ist sie niedriger oder geht unter die Norm hinab; im Urin findet 
man hie und da Eiweiss. So gestaltet sich der Krankheitsverlauf meist 
rasch sehr ungünstig. Manchmal schon nach 1 — 2, gewöhnlich nach 5 — 6 
Tagen tritt unter Abmagerung, Entkräftung, Asphyxie der Tod fast 
ausnahmslos ein; ein sich über diesen Termin hinausziehender Verlauf 
lässt auf eine mildere Infektion schliessen und gewährt Aussicht auf 
Genesung. 

Die Therapie hat ihren Schwerpunkt in die Prophylaxe zu ver- 
legen ; eine peinlich aseptische Nabelversorgung, eine sorgsame allgemeine 
Wohnungs- und Kleidungshygiene, die antiseptische Behandlung aller 
etwaigen Wunden kann allein, wie die Statistik der Gebäranstalten lehrt, 
den Tetanus verhüten. Daneben sind zu heisse Bäder und andere 
starke Hautreize zu vermeiden. Bei ausgebrochener Krankheit gilt es, 
den Infektionsort, die Nabelwunde zu desinfiziren mid antiseptisch zu 
behandeln, sodann durch die ev. künstliche Ernährung (Schlundsonde, 
Nährklj'stire) die Kräfte zu erhalten und die Heftigkeit und Schmerz- 
haftigkeit der Krämpfe durch laue Bäder, Chloral, auch Chloroform und 
Sulfonal zu lindern; ferner wurden subkutane Injektionen von Extr. 
Calabaricum (0,006 rasch steigend bis 0,06 pro die) und Atropin em- 
pfohlen ; Coniin. hydrobrom. wäre nur mit äusserster Vorsicht in einer 
Dose von 0,03 — 0,05 zweistündlich innerlich zu versuchen, vielleicht 
auch Curare und Tinkt. Moschi 0,03 pro dosi. Subkutane Karbol- 
injektionen dürften kaum im Stande sein, die in die Blut- und Lymph- 
bahnen eingedrungenen Bacillen zu tödten; gegen das bereits gebildete 
und im Centralnervensystem gebundene Toxin sind sie unwirksam und 
dabei nicht unbedenklich. Weitere Immunisirungsversuche mit Antitoxin 
sind unbedingt gerechtfertigt, wenn auch fast alle bisherigen Heilversuche 
wenig ermuthigend ausfielen, offenbar aus dem Grunde, dass mit Aus- 
bruch der Krankheit das Toxin bereits in unlösbar feste Verbindung 
mit den Nervenzellen getreten ist und von dem Antitoxin nicht mehr 
erreicht wird. 

Haus er. Grundriss der Kinderheilkunde. Zweite Auflage. 7 



98 Die Krankheiten des Neugeborenen. 

Die Ophtalmia neonatorum tritt als eine eitrige Entzündung des 
Bindehautsackes der Augen auf, die aus einer Infektion der Konjunktiven 
des Kindes während des Passirens der Scheide, seltener post partum durch 
die Berührung mit Wochenbettsausfluss hervorgeht. Der Infektionsträger 
ist meist gonorrhoisches Sekret des mütterlichen Geburtskanals, selten ein 
anderes infektiöses Agens; in der Mehrzahl der Fälle lassen sich die 
Neisser'schen Gonokokken in dem Augensekret der Kinder wie in dem 
Scheidensekret der Mutter unzweifelhaft nachweisen. 

Die Erkrankung beginnt durchschnittlich am 3. — 5. Tage an einem 
Auge, auch wohl zugleich an beiden; erfolgt die Infektion erst nach- 
träglich durch Digitalübertragung von gonorrhoischem Lochialsekret oder 
das Augensekret eines andern erkrankten Kindes, so fällt der Beginn 
entsprechend später. Das erste Symptom ist starke Schwellung der 
Lider und Ausfluss eines gelblichen wässrigen Sekrets, das von der 
heftig entzündeten Conjunctiva abgesondert wird ; diese Erscheinungen 
nehmen rasch zu, die Sekretion wird eitrig, die Schleimhaut faltig mit 
hypertrophirten Papillen. Das Allgemeinbefinden ist meist nur unbe- 
deutend alterirt, doch geringes Fieber und Unruhe stets vorhanden. Der 
weitere Verlauf führt bei leichten Fällen unter energischer Behandlung 
in 4 — 6 Wochen zur Heilung, indem die Entzündung ganz allmählich 
abklingt. Schwere Fälle zeichnen sich durch Komplikationen; die 
wichtigste derselben ist das Uebergreifen der Erkrankung auf die Kornea; 
beim leichtesten Grade kommt es zu einer oberflächlichen und rück- 
bildungsfähigen Trübung, meist aber entstehen tiefer gehende Infiltra- 
tionen, Hornhautgeschwüre mit Ausgang ii\ Leukom, Perforation, Leu- 
koma adhaerens, Staphylom oder gar Panophthalmitis; bei kachektischen 
Neugeborenen sieht man nicht selten Keratomalacie. Jedesmal ist damit 
die Funktion des erkrankten Auges sehr gefährdet; bis zu 40 "/o aller 
Blinden verdanken ihre Erblindung dieser Ophthalmoblennorrhoea neo- 
natorum. 

Eine seltene Komplikation ist die gonorrhoische Gelenkent- 
zündung. 

Die Prognose ist dem zu Folge bedenklich. 

Nur bei frühzeitiger und rationeller Behandln ng gelingt es, eine 
restitutio in integrum zu erzielen. Die Therapie besteht in fleissiger 
(1 — 3 stdl.) Reinigung, Durchspülung des Bindehautsackes mit ganz 
schwachen Sublimat- (1 : 10000) oder Chlorwasserlösungen (5 "/o) und der 
dauernden Applikation von Eiskompressen. Die Abtödtung der Gonokokken 
trachte man in den ersten Tagen durch einmaliges Einträufeln einer 2 "/o Sol. 



Die Krankheiten des Neugeborenen. 99 

Argent. nitr. oder Protargol zu erreichen; sind die heftigsten Ent- 
zündungserscheinungen geschwunden, hat sicli eine eitrige Sekretion ein- 
gestellt, so pinsele man die ganze Konjunktivalschleimhaut der Lider mit 
anfangs 2 "/o , später stärkern Lösungen von Argent. nitr. aus oder be- 
streiche sie sanft mit dem Lapis mitigatus, worauf man, besonders wenn 
die Kornea bereits betheiligt, eine ebenso genaue Neutralisation mit Solutio 
Natrii chlorati folgen lässt. Die Aetzung wird alle 24 Stunden, später 
seltener vorgenommen, jedoch immer erst, nachdem der Aetzschorf der 
vorhergegangenen sich abgestossen hat; jeder Aetzung haben wieder 
fleissiges Kühlen mit schwachen an ti septischen Lösungen (Sol. Argent. 
nitr. 1 : 1000) und regelmässige Ausspülungen des Konjunktivalsackes 
zu folgen. 

Eine Kornealaffektion erfordert A tropin oder Eserin. 
Das etwa gesund gebliebene Auge ist durch ein Druckverband ver- 
suchsweise vor der Betheiligung zu schützen. 

Noch wichtiger ist die Prophylaxe. Das vorzüglich bewährte 
Crede'sche Verfahren, die Instillation von 1 Tropf. 2 "/o Arg. nitr. So- 
lution gleicli nach der Geburt hat die früher in Gebäranstalten endemi- 
sche Oplithalmoblennorrhoe fast vernichtet; dasselbe ist bei jedem ver- 
dächtigen Fluor vaginalis indizirt und wirkt noch zuverlässiger, als jede 
Scheidendesinfektion intra partum. 

Morbus Winckeli (Cyanosis afebrilis icterica perniciosa cum haenio- 
globinm-ia) ist eine erst in ca. 30 Fällen beobachtete Krankheit, die 
unter Unruhe und allgemeiner tiefblauer Cyanose, sowie gleichzeitigem 
rasch zunehmendem Ikterus beginnend, binnen wenigen Stunden bis 
längstens einigen Tagen durch CoUaps, Somnolenz, endlich Krämpfe 
fast ausnahmslos zum Tode fükrt. Fieber ist dabei nie oder höchstens 
im ersten Anfang beobachtet; dagegen gehört ein durch Blutfarbstoff 
blass bräunlich gefärbter Urin, schw'arzbraunes Blut von nahezu Syrup- 
konsistenz zum Wesen der Affektion. 

Die Winckel'sche Krankheit tritt endemisch und sjDoradisch auf 
Ihre Ursachen sind noch ganz unklar. Eine gewisse Aehnlichkeit in 
vielen Erscheinungen (Cyanose, Ikterus, fieberloser Verlauf, Collaps, 
fettige Degeneration und Ecchymosen) hat dieselbe mit der akuten Fett- 
entartung. Für septisch -bakteriellen Ursprung Hesse sich manches an- 
führen; man hätte ein den massenhaften Zerfall von Blutkörperchen 
bewirkendes Gift anzunehmen ; auch sind schon verschiedentlich Strepto- 
kokken und Bacillen aus dem Blute gezüchtet worden. 

Anatomisch ist eine Ansannnhmg von Hämoglobin in der Corti- 

7* 



100 Die Krankheiten des Neugeborenen. 

calis spez. den geraijen Harnkanälcheii charakteristiseli ; ferner fanden 
sich maüt^enhafte Hämorrhaoien auf fast allen Organen, Schwellung 
der Darmfollikel spez. Peyer'scher Plaques, Fettdegeneration von Leber, 
zuweilen Herz. 

Die Progn o.se ist fast absolut infaust, für eine rationelle Therapie 
fehlen alle Anhaltspunkte. 

Die akute Fettdegeneration (Buhl'sche Krankheit) ist eine in ihi-em 
Wesen noch luiaufgeklärte, heute fast verschwundene Krankheit, deren 
Aetiologie auch durch die bei neugeborenen Säugethieren vielfach be- 
obachteten anatomiscli gleichen Fälle nicht sieher festgestellt wurde; 
möglich, dass beiden analogen Ki-ankheiten Sepsis zu Grunde liegt.; das 
Fehlen einer nachweisbaren Lokalveränderung an den Eintrittspforten 
der Sepsiserreger spricht dagegen nicht; man hat auch das Eindringen 
von Gallenbestandtheilen in das Bhit als ilire Ursache beschiddigt. 

Die meist asphyktisch geboren(_'n Kinder erkranken mit theils 
blutigen Diarrhöen, zuweilen Blutbrechen, Nabelblutung, Blutungen in 
Conjunctiva, Haut, Mund- und Nasenschleimhaut (Melaena), bläulich- 
ikterischer Hautfarbe, hie und da diphtheritischer Entzündung der Schleim- 
häute und Oedemen; unter rasch entwickeltem Collajis tritt der Tod 
ein. Es finden sich nicht immer oder gleichzeitig alle die genannten 
Symptome. 

Entscheidend fin- die Diagnose, die zwischen Erstickung, Phos- 
phor- oder Arsen Vergiftung und Sepsis schwanken kann, ist der Nach- 
weis einmal von Ecchymosen an fast allen inneren Organen, besonders 
den Meningen, Dura, Pleura, Pericard, Peritoneum, Tli3'mus, vor allem 
aber die fettige Entartung des Alveolarepithels, des Herzmuskels, der 
Leberzellen, der Epitlielien der gewundenen Harnkanälchen. 

Die Prognose ist schlecht. Die Behandlung sucht sympto- 
matisch die Asphyxie zu beheben, eventuelle Blutungen zu stillen mid 
die Kräfte zu erhalten. 

Omphalorrhagie. Wir bezeichnen damit zwar jede Bluhmg aus 
dem Nabel, bezielien den Namen aber nicht sowohl auf die Blutung 
aus den schlecht unterbundenen Nabelgefässen (wie sie speziell bei früh- 
reifen oder Kindern mit ausgedehnten Atelektasen vorkonunen kann, hei 
denen die Lungen sich schleclit entfalten, die Muskularis der Nabelgefässe 
sich mangelhaft kontrahirt), auch niclit auf die nach Abfall des Nabelstranges 
bei schlecliter Wundheilung, mechanisclier Verletzung des Nabelstumpfs 
oder direkt aus den hinter dem Nabel noch längere Zeit offenbleibenden 
Nabelarterien erfolgenden Blutungen. Im eigentlichen Sinn belegen wir mit 



Die Krankheiten des Neugeborenen. 101 

der Bezeicliiiimg Omphalorrhagie die idiopathischen Blutungen 
aus der Nabelwunde. Dieselben sind ziemlich selten und wohl stets 
das Symptom schwerer Allgemeinerkrankung; von solchen ist ausnahms- 
weise Hämophilie im Sj)iel; zweifellos sind Lues congenita, Sepsis 
und akute Fettentartung als die grundlegenden Affektionen nachge- 
wiesen. Dass die Syphilis eine haemorrhagische Diathese schaffen kann, 
ist aus dem Bilde der Syphilis haemorrhagiea bekannt. Kapilläre, aber 
auch stärkere Blutungen sind bei Sepsis häufig; wahrscheinlich spielen 
Bakterien direkt eine Extravasation erzeugende Rolle ; von der Fettent- 
artung haben wir dasselbe gesehen. 

Das Symptom ist reichliche, parencTiymatöse, seltener im Strahl 
erfolgende Blutung aus dem Grunde der Nabelwunde, einem sichtbaren 
Gefässe nicht entstammend. Nicht selten sind Ikterus, Intestinalstör- 
ungen, Cyanose bei den oft ganz kräftigen Neugeborenen vorausgegangen. 
Stets wird sofort der Allgemeinzustand in der ernstesten Weise ergriffen : 
fortschreitende Anämie und Ikterus mit Cyanose, Blutungen aus Magen, 
Darm, Ecchymosen der Haut und Schleimhäute, Oedeme, Eklampsie 
führen um so rascher zum Tode, als die Stillung der Blutung meist 
als unmöglich sich erweist. Zu versuchen ist sie durch starke, andauernde 
KomjJression vermittelst Eisenchlorid getränkter oder Penghawar-Watte, 
durch Unterbindung des ganzen Nabels mit Achtertouren, die um die 
Enden zweier senkrecht auf einander durch die Nabelwunde gestochenen 
Hasenschartennadeln geführt werden, endlich durch Ausgiessen der Nabel- 
wunde mit Gips; die Verschorfung des Nabels mit dem Glühbrenner 
nützt meist nichts. 

Die Melaena ist ebenso wie die sog. Omphalorrhagia idiopathica 
nur ein Symptom, bestehend in Entleerung von schwarzen Blutmassen 
aus dem Magendarmkanal. Die Blutung kann ihre Ursache, wie 
wir schon sahen, in schweren Allgemein- resp. Infektionskrankheiten 
haben (Syphilis haemorrhag., Sepsis, Fettentartung, hämorrhagische Dia- 
these) oder in Erosioneji, Defekten oder perforirenden Geschwüren, wie 
sie im Oesophagus und in der Magen- oder Darmwand gefunden werden. 
Letztere sind möglicherweise enibolischon Ursprungs (aus Nabelvene oder 
Ductus Botalli); wahrscheinlicher ist es, dass die Magendarmulcera durch 
eine Blutung, Extravasatbildung (bei der Hyperämie der Intestina während 
der Geburt, bei Asphyxie, durch direktes Trauma bei Entwickelung des 
Rumpfes) mit nachfolgender Verdauung seitens des Magensaftes ent- 
stehen ; auch Hirnläsionen, die während des Geburtsaktes entstanden, 
sollen vasomotorische Störungen und Hämorrhagien der Schleimhäute 



102 Die Krankheiten des Neugeborenen. 

zur Folge haben können. Positives wissen wir über die Aetiologie 
solcher Geschwüre nicht ; es besteht nur die Thatsache ihres Vor- 
konnnens. Es verbleiben noch Fälle, in denen weder eijie Allgemeiu- 
erkrankung, noch örtliche Ulccra als Ursache der Blutung nachweisbar 
sind; natürlicli hat man auf Grund des Nachweises von Streptokokken, 
B. lactis, Pyocyaneus und anderen, nicht klassifizirten Mikroorganismen 
einen infektiösen Ursprung auch für die Melaena behauptet. 

Symptome: Die Kinder erscheinen oft einige Stunden oder 1 — 3 
Tage ganz gesund; plötzlich erfolgt eine Blutung, die sich durch Erbrechen 
oder Stuhlentleerung schwarzer Massen oder beides zugleich verräth; die 
Darmentleerungen sind nicht mit Meconium zu verwechseln. Der oft 
bedeutende Blutverlust ruft rasch alle Zeichen schwerer Anämie (Blässe, 
Kälte, Somnolenz, eingefallene Fontanelle, Konvulsionen) hervor. Andere 
Unterleibserscheinungen fehlen meist. 

Die Prognose ist sehr ernst, wenn auch nicht ganz infaust ; die 
Blutung kann nach 24 — 48 Stunden stehen, ein kräftiges Kind sich 
rasch wieder erholen ; Heilung eines Magenulcus ist nachgewiesen, ebenso 
wie die einer ätiologischen Syphilis und damit auch der Melaena. 

Anlass zur Verwechselung kann das Verschlucken von Blut geben, 
welches von dem Kinde aus einer Rhagade der Mammilla gesaugt wird ; 
hier fehlen alle Symptome des Blutverlustes. Ebenso ist eine Quelle der 
Blutung in Mund, Rachen, Nase auszuschliessen (Melaena spuria). 

Die ätiologische Diagnose wird selten intra vitam zu .stellen 
sein. Dies rechtfertigt die Besprechung der Melaena als eines eigen- 
artigen Krankheitsbihles. 

Therapie: Zur Stillung der Blutung sind Eisblase auf Magen 
und Leib unter gleichzeitiger Wärmezufuhr am übrigen Körper, Eis- 
milch zu versuchen, innerlich Liquor ferri sesquichlorati stündlich 1 Tropfen 
in Haferschleim, Bismuthum subnitricum in grosser Dose; der Anämie 
trete man durch Tieflagern des Kopfes, Exeitantien etc. entgegen ; Bäder 
sind ganz auszusetzen ; gegebenen Falls käme eine antiluetische Kur in 
Frage. Li der Rekonvalescenz werden sich Eisenpräparate meist nütz- 
lich erweisen, speziell der lungere Gebrauch von Liquor ferri sesqui- 
chlorati, Haematogen. 

Pemphigus (contagiosus, iiliopathicus) besteht klinisch in dem Auf- 
treten von Stecknadelkopf- bis tauben-, ja hühnereigTOSsen, mit gelb- 
lichem Sertun gefüllt(Mi Blasen. Dieselben entwickeln sich vorwiegend 
am Bauch, auch am Rumpfe überhaupt, weniger an Kopf und Extre- 
mitäten, hier und da auch an Muml- und ( iaumenschleiudiaut, ganz 



Die Krankheiten des Neugeborenen. 103 

ausnahmsweise nur an Fusssohle und Hohlhand. Prodromale Zeichen 
fehlen, und auch während des Bestehens der Affektion ist das Allgemein- 
befinden meist nur wenig gestört; Fieber tritt nur bei grosser Ausdehn- 
ung der Blasen auf. Der weitere Verlauf ist in der Regel der, dass 
die Blasen platzen oder eintrocknen; im ersten Fall bleibt eine Zeit 
lang noch eine exkoriirte, nässende Stelle bestehen, die sich in der Regel 
bald überhäutet, im anderen ein Schorf. Die Krankheit beginnt am 
4. — 9. Tage, mitunter auch schon früher, und dauert, da die Eruption 
rasch erfolgt, höchstens 14 — 20 Tage. Die an sich gute Prognose 
kann dadurch getrübt werden, dass durch massenhafte Blasenbildung, 
der keine Ueberhäutung folgt (Pemphigus foliaceus) zu grosse Theile 
dei Körperoberfläche von der Epidermis entblösst werden, oder dass die 
Blasen zu Geschwüren ausarten, sich mit Furunculosis, Nabelerkrank- 
ungen, Ophthalmoblennorrhoe, Darmkatarrh, Pleuritis kompliziren. 

Der P. neonatorum ist zweifellos infektiöser Natur (epidemisches und 
endemisches Auftreten, Kontagiosität, bakteriologischer Befund); heisse 
Bäder, Hautverletzungen begünstigen das Eindringen des Kontagiums. 

Die Krankheit ist von dem P. syphiliticus (Vola und Planta, an- 
geboren oder in den ersten Lebenstagen, andere Symptome von Lues, 
Blasen kleiner, schlaffer) und cachecticus scharf zu sondern. 

Der Behandlung muss Isoliruug des erkrankten Säuglings voran- 
gehen, auch ist jeder Verschleppung des sehr haltbaren Kontagiums durch 
Desinfektionsmassregeln vorzubeugen. Die gebildeten Blasen sind vor 
starkem Druck, Quetschmig zu bewahi'en, die entstandenen Exkoriationen 
müssen durch antiseptische Puder oder Borsalbe zum Abtrocknen und 
Ueberhäuten gebracht werden. Tägliche laue Bäder wohl auch unter 
Zusatz von milderen Desinfizientien (Kai. permang.) sind am Platz; 
gegen sehr ausgedehnte Blasenbildmig und Exkoriation sind Eichen- 
rindenbäder (cort. quercus 500,00 auf 4 1.) 2 — 3 mal täglich mid nach- 
folgende Watteeinpackuug empfohlen. Eiternde , geschwürige und 
fui'unkulöse Stellen sind antiseptisch zu verbinden (Au'ol, Dermatol). 

Man vernachlässige auch nicht eine gute, roborirende Ernährung, 
luiterstütze sie nöthigenfalls dm'cli Darreichmig von Wein. 

Treten gehäufte Fälle von Pemjshigus neonatorum in der Praxis 
einer Hebamme auf, was wiederholt beobachtet wurde, so ist dieser für 
längere Zeit jede geburtshülfUche Thätigkeit zu matersagen. 

Das Sklerem tritt in zwei verschiedenen Formen auf : idiopathisch 
als Skierödem (ödematöses Sklerem, allgemeines akutes Oedem); sym- 
ptomatisch als Sclerema adiposum (endurcissement athrepsique). 



104 Die Krankheiten des Neugeborenen. 

Das Skierödem besteht in einer allgemeinen Infiltration des ganzen 
subkutanen und interstitiellen Zellgewebes mit einem serösen Erguss, 
der keinerlei entzündliche Eigenschaften bietet, reines Transudat ist; in 
der Folge gewinnt der Kindeskörper ein gedunsenes, weisslich glänzendes 
Aussehen, erhalten alle Glieder und Theile eine anfänglich teigige Be- 
schaffenheit, bald beträchtliche Härte, Starrheit, Schwerbevveglichkeit. 
Die Körpertemperatur sinkt (bis 30 " und darunter), der Leib fühlt sich 
kalt an, besonders die Extremitäten. Die an sich meist lebensschwachen, 
schlecht athmenden Neugeborenen werden immer kraftloser, kühler, 
soporös; die Nahrangsaufnahme wird verweigert, Defäkation und Urin- 
sekretion stocken. Puls und Respiration lassen immer mehr nach; so 
erlischt nach einigen Tagen, höchstens 1 — 2 Wochen alknählieh das 
Leben. Die Krankheit beginnt meist am 2.-4. Tage und zwar an den 
Waden, um sich von hier nach oben weiterzuverbreiten, nur die Brust 
in der Regel freizulassen ; auch mehr isolirtes Oedem der Hand- und 
Fussteller kann den Anfang bilden. Neben dem Oedem treten hier 
und da Ecchymosen auf. 

Dass das Skierödem fast nur bei unreifen und lebensschwachen 
Neugeborenen auftritt, weist der Schwäche der Herzaktion (vieUeieht 
auch Myocarditis'), schlechtem Ernährungszustand eine mindestens dis- 
ponirende Rolle zu. Die eigentliche Ursache ist noch ganz imbekannt; 
auch hier hat man eine Blutinfektion beschuldigt. 

Das Skierödem darf nicht mit den stets partiellen Oedemen cachekti- 
scher und nephritischer Kinder verwechselt werden. 

Die Prognose ist scWecht. 

Bei der Behandlung kommt es vor allem auf reichliche Wärme- 
zufuhr- (durch eine Wärm wanne, sehr warme Bäder) und Emährmig an ; 
neben warmer Milch, möglichst Muttermilch, giebt man Wein, beides 
mit dem Löffel, da die Starre des Gesichts meist das Saugen schwierig, 
wenn nicht unmöglich macht. Eine konsequente centripetale allgemeine 
Massage sucht die Aufsaugung des Serums anzuregen, die Cirkulation 
und Respiration zu l)efördern; etwaige kausale Diarrhöen wäi-en zu be- 
seitigen; bei mangelhafter Respiration sind künstliche Athmuug, Ueber- 
giessungen im heissen Bade zu versuclien. 

Ganz verschieden davon ist das Scierema adiposum ; es ist ledig- 
lich Folgezustand von erschöpfenden Krankheiten, spez. Gholcra nostras, 
Pneumonie, Athrepsie und findet sich nicht ausscliliesslich bei Neu- 
geborenen, sondern noch häufiger bei etwas älteren Kindern. Wie beim 
Skierödem beginnt die Verhärtung an den unteren Extremitäten oder 



Die Krankheiten dei' Verdauungsorgane. 105 

auch an den Wangen und befällt allmählich den übrigen Körper, der 
unter sinkender Temperatur starr, hart und kalt wird. Aussehen und 
Gefühl unterscheiden dieses Sklerem aber wenigstens im Beginn deut- 
lich vom Skierödem : die Haut ist glanzlos, trocken, sie lässt sich mangels 
eines sie abhebenden Oedems nicht eindrücken; ^^elmehr haftet sie fest 
auf den unterliegenden Theilen; der Körper fühlt sich wie gefroren an. 

Anatomisch fehlt jede Flüssigkeit im Unterhautzellgewebe ; dieses 
wie das Fettgewebe ist absolut trocken. Ursache hiervon ist, dass 
nicht niu- durch grossen Wasserverlust die Gewebe ausgetrocknet sind, 
sondern das meist noch ziemlich reichlich vorhandene Fettgewebe mit 
seinen relativ grossen Fettzellen erstarrt, weil es durch seinen höheren 
Gehalt an festen Fettsäuren (Palmitin- und Stearinsäure), seinen Mangel 
an flüssiger Oelsäure mit abnehmender Körpertemperatur gewissermassen 
gerinnt. 

Prognose luid Behandlung sind dieselben wie beim Skierödem. 



Die Krankheiten der Verdaumigsorgane. 

Die Krankheiten des Mundes. 

Einleitung: Im Munde des Kindes finden sich häufig Verän- 
derungen, die, wenn auch nicht immer als pathologisch, zum Theil sogar 
beinahe als physiologisch anzusehen, doch die Aufmerksamkeit des mit 
der Kinderuntersuchung nicht Geübten erregen, jedenfalls genau gekannt 
und gewürdigt werden müssen. 

Das AnchylogloSSOn ist eine angeborene Anomalie, der zwar keine 
klinische Bedeutung beizumessen ist, die aber eine praktische hat inso- 
fern, als Mütter aus dem Volke, häufig von Hebammen ängstlich ge- 
macht, ihretwegen den Arzt aufsuchen und der Missbildung eine grosse 
Wichtigkeit beimessen, da sie die Kinder am Saugen, ja später am 
Sprechen behindern soll. Auch ist mir in der That schon von hoch- 
gebildeten EiTvachsenen versichert worden, dass ein Anchyloglosson sie 
in vorgeschrittenerem Alter dermassen im Sprechen störte, dass sie dessen 
Durchschneidung nachträglich noch an sich vornehmen liessen und ihre 
Kinder prophylaktisch derselben Operation miterwarfen. Das Anchylo- 
glosson, von Laien als „angewachsenes Zungenbändchen" bezeichnet, 
besteht theils in einer übermässigen Entwicklung des Frenulum linguae, 
welches von dem Boden iler Mundhöhle bis zum Zahnfleisch, in der 



106 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

Mittellinie der Zunge manchmal bis zur Spitze reicht; in anderen Fällen 
ist das normal sitzende FrenuUuii kurz und straff oder auch ordentlich 
fleischig statt häutig; beide Male kann ea in der That die Beweglich- 
keit der Zunge einschränken ; besonders beim Herausstrecken kann eine 
Behinderung der Zungenbe\vegung und als Ausch-uck des durch das 
Zungenbändchen ausgeübten Zuges eine Einkerbung der Zunge an ihrer 
Spitze bemerkt werden. 

Da die Beseitigung dieser kleinen Abnormität absolut ungefährlich 
und ebenso einfach ist, und man meist den Müttern einen grossen Ge- 
fallen mit der Operation erweist, „löst" man das Zungenbändchen, in- 
dem man dasselbe, am Besten in deii Spalt eines Myrthenblattes ein- 
gelegt, durch Empordrängen der Zungenspitze spannt, und, während das 
Myrthenblatt die Arteriae raninae vor Verletzung schützt, mit einem 
Schlage der Cooper'schen Scheere durchtrennt. 

Milium. In und neben der Eaphe des harten Gaumens finden 
sich bei Neugeborenen und Säuglingen besonders in den ersten 4 bis 
6 Lebenswochen , doch auch bis zum 8. Monat hirsekorn- bis steck- 
nadelkopfgrosse, selten grössere Knötchen von weisser oder gelblicher 
Farbe, welche aus der Schleimhaut mehr oder weniger prominiren. Es 
sind kongenitale, epithelgefüllte Schleimhautlücken, die bei der Ver- 
einigung der beiden Gaumenhälften zurückbleiben; sie verschwinden 
meist spm-los; seltener bilden sie sich zu kleinen Uleerationeu aus, in- 
dem ihre Deckhaut platzt, ihr Inhalt verschwärt. Nur in diesem Falle 
machen sie krankhafte Erscheinungen, hindern die Kinder am Saugen 
und werden so Gegenstand einer Behandlung, der durch Touchiren und 
antiseptische Pinselung des Mundes mit Boraxwasser, mit einer Lösung von 
Kalium permanganicuni, Zincum sulfmlcum, gewöhnlich rasch ihre Heil- 
ung gelingt. 

Bednar'sciie Aphthen n<'init man rundliche, auch ovale, im Anfang 
und bei leichteji Graden ganz flache Uleerationeu, mit graugelblicheni 
Grunde, meist rothem Rande; dieselben f Luden sich fast stets genau 
symmetrisch zu beiden Seiten des harten Gaumens nahe dem Alveolar- 
rande und verdanken ihre Entstehung dem Akte des Saugens, bei 
welchem durch den Zug des Ligamentum pterygomandibulare die Schleim- 
haut an jenen Stellen, über dem Hamulus pterygoideus erst anämisch 
gemacht, mangelhaft ernährt und wohl auch gleichzeitig durch die Brust- 
warze resp. den Saugpfropfen gedrückt und gerieben, ilu-es Epithels ver- 
lustig geht, eine leichte Erosion erfährt, späterhin wohl auch einer myko- 
tischen NekroseverfälU, sie sind also echte Dekubitalgeschwüre und finden 



Die Krankheiten der Verdauungsoi'gane. 107 

sich sehr häufig auch bei gaiiz gesunden Kindern, ausschliesslich bei Säug- 
lingen, besonders ganz jungen; sie arten nur bei atrophischen und kachekti- 
schen Kindern zu tieferen, manchmal bis auf den Knochen dringenden 
Ulcerationen aus. Dass diese Becbiar'schen Aphthen nicht lediglich 
wie manche Autoren behaupten, Folge einer mechanischen Verletzung 
bei dem üblichen Mundreinigen sein können, beweist schon ihr typischer, 
regelmässiger Sitz. 

Viel seltener finden sich Ulcerationen von genau demselben Aus- 
sehen rechts und links dicht neben der Raphe, deren Entstehung zum 
Theil wohl auf Exulceration eines Miliums, zum Theil auf denselben 
Vorgang wie bei den tiefer an den Seitentheilen des Gaumens sitzenden 
zm-ückzufiiliren ist. 

Ebenso selten finden sich mehrfache solche aphthöse Geschwüre 
und solche von einem Umfange, dass beinahe der ganze harte Gaumen 
exulcerirt erscheint. 

Die Beduar'sehen Aphthen machen meist keine oder nur ganz ge- 
ringfügige Symptome, indem sie die Kinder beim Saugen schmerzhaft 
stören können, und sind nur dann einer Behandlung zu unterwerfen, 
ebenso in den Fällen, wo sie sich rasch vergrössern und vertiefen. 
Toucbiren mit schwacher Argentum nitricum-Lösung ivirkt rasch schmerz- 
lindernd und führt die Ueberhäutung herbei. Ferner empfiehlt man, 
wenn ihi-e Genese auch sicher nicht, wie Manche wollen, nm- auf 
mechanische Läsionen seitens der Pflegerin zurückzuführen ist, eine 
recht schonende und vorsichtige Reinigung der Mundhölile; am Besten 
wird diese, da ziemlich zwecklos, ganz unterlassen. 

Landkartenzunge. Ein eigenthümliches Aussehen zeigt bei vielen, 
spez. jüngeren Kindern in ganz gesundem Zustande die Zunge; sie hat 
nicht ilire vom Erwachsenen und von älteren Kindern bekannte gleich- 
massige, glatte Oberfläche, gleichmässig rothe oder Rosafarbe, sondern 
man erblickt unregelmässige, gewundene, bogen-, kreis-, fleckenförmige, 
wohl auch strichförmige, weisslichgraue Figuren auf der Zungenober- 
fläche, die dadurch entstehen, dass einzelne Theile sich mit einem nor- 
malen oder eher verdickten, durch stärkere Wucherung oder Ansamm- 
lung der oberen Epithelschichten entstandenen Epithelüberzug bedeckt 
zeigen, während scharf angrenzende andere Partien durch etwas vertieftes 
Niveau, lebhaft rothe hyperämische Farbe, mit stark heraustretenden 
Papillen auf eine Abstossung von Epithel und oberfläcliliche Reizung 
der entblössten Schleimhaut hinweisen. Es handelt sicli also um eine 
ungleichmässige, örtlich beschränkte, stellenweise zu starke Epithel- 



108 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

ablösung, daneben Epithel Wucherung, die keinerlei pathologische Be- 
deutung speziell nichts mit Lues zu thun hat. 

Das Ulcus frenuli linguae. Bei einer ganz normal, ohne sonstige 
Störungen vor sich gehenden Dentition kann man in seltejien Fällen 
an dem Winkel, den die Zunge mit dem Frenulum lingxiae macht, 
oder an dem Untergrund der Zungenspitze, oder auch am Frenulum 
linguae selber ein meist kleines Geschwür finden, dessen Entstehung 
sich wohl nur durch eine Verletzung des Gewebes durch die oft 
messerscharfe Schneide der beiden unteren medianen Incisoren erklären 
lässt, nicht sowohl beim Saugen, da dasselbe dann viel häufiger 
gefunden werden müsste, als durch eine bei zahnenden Kindern oft 
beobachtete Unruhe der Zunge. Dieses Dentition sge schwur ver- 
ursacht meist keine oder nm' ganz geringfügige Beschwerden und ist 
eventuell durch Mundpflege, Argentum-Touchirung zu heilen. — Wenn 
auch nicht unter physiologischen Verhältnissen, so doch auf ganz der- 
selben Basis entwickelt sich beim Husten und spez. bei der Pertussis 
älterer Kinder das sogen. Keuchhustengeschwür: dasselbe befällt 
vorzugsweise das Frenulum, sitzt seltener seitlich desselben oder gar an 
der Oberfläche der Zungenspitze; in einzelnen Fällen habe ich hei 
schwerem Keuchhusten, bei elenden Kindern ausgedehnte Geschmirs- 
bildung nicht bloss unter der Spitze, somlern auch an den Seiten und 
der ganzen Unterfläche der Zunge beobachtet. Solche Geschwürsbildung 
ist die Folge des Reibens und Scheuerns, welches diese Theile hei 
starken Hustenparoxysmen durch das immer wiederholte Hervorschnellen 
der Zunge an der Schneide iler unteren, selten auch der oberen Incisoren 
erfahren. Wenngleich das Ulcus sublinguale, wie gesagt, auch bei ge- 
W(')hnlichen Katarrhen vorkommen kann, ist ihm doch für den Keuch- 
husten ein gewisser diagnostischer Werth nicht abzusprechen, da es sich 
in etwa der Hälfte der Fälle findet. Eine Behau dlung erfordert es 
nur ausnahmsweise ; es heilt mit dem Abklingen der Hustenanfälle von 
selbst; dass es die Nahrungsaufnahme manchmal erschwert, scheint mir 
erwiesen; man kann dann immerhin seine Verheilung dm-ch Touchifen 
anstreben, die Saug- und Essbehinderung durch Kokainpinselung im 
Nothfalle lindern. 



Von Anomalien der Sekretionsorgane des Mundes findet man die 

Ranula. Seitlich vom Frenulum linguae sieht man zuweilen hei 

jungen Kindern je (ine cystische Geschwulst, welche durcli die gespannte 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 109 

und Yerdüiinte Sclileimhaut ihren flüssigen Inhalt durchschimmern lässt. 
Diese Cysten entstehen meist durch Verlegung des ausf ühi'enden Ductus 
Bartholinianus, resp. der mehrfachen Ductus Rivini, stellen also ßeten- 
tionserweiterungen der Glandula subungualis oder auch eines Lappens 
oder nur des Ausführungsganges selbst dar. Viel seltener gehen sie 
aus einer cystischen Dilatation von Schleimdrüsen, lymphangiektatischen 
Bildungen hervor. Ihre Beseitigung ist nur nöthig, wenn sie durch 
ihre Grösse stören, und geschieht auf chirurgischem Wege, am sichersten 
diu-ch Exstirpation des Ranulasackes. 

Nicht zu verwechseln damit sind die viel selteneren, genau dieselbe 
Stelle eimiehmenden angeborenen Dermoide, die, an ihrer derberen 
Wandung erkennbar, auf dieselbe Weise zu entfernen sind. 

Die Entzündung der Glandulae sublinguales in Gestalt einer ent- 
zündlichen Geschwulst mit Fieberbewegung und Allgemeinerscheinungen, 
Vereiterung des Drüsengewebes tritt selten und zwar als em Symptom 
der Puerperalinfektion auf; einfache Entzündung der Gl. sublinguales 
und auch submaxillares kommt hier und da analog der Parotitis epi- 
demisch, allein für sich oder zusammen mit dieser vor. Nur die erste 
Form verlangt eine Behandlmig, die lediglich chirurgisch sein kann. 

Die Entzündung des Bodens der Mundhöhle in Gestalt 
einer Phlegmone ist nur sehr selten beobachtet. 

Salivatlon. Eine scheinbare Salivation tritt dami ein, wenn wegen 
Dysphagie in Folge von Eetropharyngealabscess u. dergl. in normaler Menge 
secernirter Speichel nicht verschluckt wird. — Vermehrte Speichelsekretion 
ist bei Kindern eine häufige Erscheinung und die Folge einmal des 
physiologischen Reizes der Zaluiimg, wobei sie dem Zahndurchbruch oft 
lange vorausgeht, sodann aller entzündlichen Vorgänge innerhalb der 
Mund- und Rachenhölile, imd zwar tritt sie am stärksten in die Er- 
scheiaimg bei der Stomatitis aphthosa, idcerosa, bei Anginen, der Diph- 
therie; sodann stellt sie sich, aber seltener, bei Magen- mid Darmaffek- 
tionen ein, und bekamitlich ist sie ein spezifisches Symptom der Intoxi- 
kation mit Hydrargyrum, Jod, Pilokarpin ; dabei ist beachtenswerth, dass 
trotz der sonst entschieden vorhandenen Disposition gerade des Kindes- 
alters zum Ptyalismus das Hg selbst in relativ grossen Dosen und 
längere Zeit gegeben, mit seltenen Ausnahmen ohne diesen üblen Ein- 
fluss bleibt. 

Als ein pathognomonisches Symptom finden wir den Ptyalismus 
bei der Idiotie, der progressiven Bulbärparalyse, Tumoren und Abscessen 
des Pons (Henocli) und Bulbus. Als selbständiges Uebel oluie ätio- 



110 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

logische Erklärung, gewisserniassen als Neurose, zeigt die ßalivation sich 
selten, indem sie zur Zeit des j^hysiologisehen Zahnspeicheins im 3. bis 
4. Monat begann, dann aber mit geringen Intermissionen und Schwank- 
ungen Jahre lang andauert, speziell bei aufrechter Stellung, bei Tage; 
diese Form wird oft von FeiTum und Arsen günstig beeinflusst, ohne 
dass man die Anämie als Ursache zu beschuldigen vermöchte. 

Die Salivation macht, von dem höchst geringfügigen Säfteverlust 
(mit 99,5 "/o HgO, nur ca. 0,5 "/o festen Bestandtheilen) abgesehen, nur 
insofern Störimgen, als der ununterbrochen fliessende Speichel Kinn 
und Hals dauernd benetzt, erythematöse Entzündungen, Intertrigo imd 
Ekzem erzeugt. Eine Beseitigung erfordert nur die pathologische Sah- 
vation durch Behan<llung der ätiologischen Mund- und Rachenaffektionen, 
bei denen das Kai. chlor, als spezifisches Heilmittel auf den Ptyahsmus 
einwirkt. — Bei den andern Formen von Salivation wäre im Nothfall 
zum Atropln zu greifen. 

Stomatitis catarrhalis ist eine sehr häufige Erkrankung des Kindes- 
alters; sie tritt entweder sekundär als sogen, exanthematisclie Stoma- 
titis bei akuten Exanthemen auf, oft als erste Lokalisation des Aus- 
schlags, so speziell bei Scarlatina, Masern, doch aucli bei Erysipel, 
Urticaria, auch als Begleiterin von fieberhaften Kjankheiten (Typhus, 
Pneumonie), als Vorläuferin oder Begleiterin aller Mmidki-ankheiten, 
der Zahnung, häufig auch von Intestinalaffektionen ; oder aber sie ist 
eine mehr selbstständige Erscheinung und zwar als Folge eines ther- 
mischen oder chemischen Reizes diu'ch eingeführte Nahrung, desgleichen 
bei mangelhafter Mundpiflege durch die Gäliruiig und Fäulniss zersetzter 
Speisereste, Zahnkaries. 

In ihrer einfachsten Form stellt sie sich als eine erythematöse 
Röthung der Muiidschleimhaut, des Zahnfleisches dar, die entweder 
trocken oder häufiger durch Salivation benetzt erscheinen. Bei höhereu 
Graden ist die Sclileimhaut aufgelockert, sammetartig, stellenweise von 
einem durch gewucherte, in Abstossuug begriffene Epithelien gebildeten, 
Weissgrauen Belage bedeckt; die gescliwellten, schleimgefüllten Folliculi 
mucipari ragen, besonders an der Innenfläche der Lippen, als perlgraue 
oder grauröthliche Bläschen hervor; das Zahnfleisch ist gewulstet, empfind- 
lich ; die Zunge ist im Ganzen geschwollen, derart, dass an ihren Seiteu- 
flächen Zahneindrücke sich abzeiclui(>n können, und meist ebenfalls von 
dem sich ahstosscnden Epithel wie mit einem graugelben Belag bedeckt, 
aus dem die geschwellten Papillen roth hervortreten ; die Salivation wd 
profus; es macht sicli für den eingefülnfen Finger, wie besonders für 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 111 

die stiUende Mutter an der Brustwarze Hitze der Mundhölile bemerkbar. 
Die Submaxillargegend mit ihren Drüsen kann ödematös anschwellen; 
es treten leichte Fieberbewegungen auf. 

Die einzige bedenkliche Folge ist die, dass die Kinder bei erheb- 
licher Entzündung durch den Sehmerz beim Saugen gestört, bei längerer 
Dauer dmch zu geringe Nahrungsaufnahme, auch Schlaflosigkeit und 
die Unruhe herunterkommen. 

Differentialdiagnostisch wichtig erscheint, zu entscheiden, 
ob dem Zustande eine Dyspepsie zu Gnmde liegt, oder ob es sieh um 
eine idiopathische imd alleinige Stomatitis handelt. 

Die Affektion ist der Behandlung sehr zugänglich; dieselbe 
besteht in einer sorgsamen Mundpflege, schonenden Pinselungen, bei 
älteren Kindern Spülungen mit kalten Lösungen von Natrium bibo- 
racicum und Kalium chloricum ; in schlimmeren Fällen giebt man das 
Kai. chlor, innerlich, welches geradezu spezifisch zu wirken pflegt, oder 
man touchirt mit Sol. Argent. nitr. ; die Prognose ist gut zu stellen. 
Gerne entgegengenommen werden bei lebhafter Entzündung eisgekühlte 
Getränke, kleine Eisstückchen; die Nahrung hat Anfangs nur aus 
Milch und Suppen zu besiehen, 

Stomatitis aphthosa s. fibrinosa (Henoch), eine praktisch besonders 
wichtige und charakteristische Erkrankung, kennzeichnet sieh patho- 
logisch-anatomisch durch die Bildung eines melu weniger zahlreiche 
Leukocyten imd in Coagulationsnekrose begriffene Epithelzellen ent- 
haltenden fibrinösen Exsudates in dem Epithel, welches dabei abstirbt vmd 
abgestossen wird. Diese pseudo-diphtheritischen Exsudate treten herd- 
weise, disseminirt in der Mundschleimhaut auf, welche sich gegen die- 
selben mit einem schmalen Entzündungshofe abgrenzt. Ob und in wie 
weit bei Entstehung dieser Herde Bakterien Ursache sind, bleibt noch 
dahingestellt ; nachgewiesen sind in einigen Fällen speziell der Staphylo- 
coccus pyogen, citreus und St. p. flavus. 

Die klinischen Erscheinungen bestehen in der Eruption 
flacher, graugeblicher oder grauweisser, Stecknadelkopf- bis über linsen- 
grosser, rundlicher, auch unregelmässig gestalteter Flecke, die von einem 
schmalen rothen Saume umgeben, besonders an den Rändern, der Spitze 
und dem Rücken der Zunge, auch der Wangen- und Lippenschleimhaut, 
seltener auch auf dem Gaumen und selbst den Mandeln ziemlich plötz- 
lich auf schiessen. Vorher schon, seltener erst gleichzeitig finden sich 
alle Symptome einer heftigen Stomatitis: Salivation, Schwellung, Röthimg 
der Schleimhaut, Gingivitis, Foetor ex ore ; konstant schwellen die Sub- 



112 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

maxillardrüsen an. In Folge dessen ist das Trinken, besonders aber 
das Saugen schmerzliaft, die Aufnahme besonders warmer und fester 
Nahrung erschwert. Das Allgemeinbefinden leidet noch durch das 
Hinzukommen leicliten Fiebers. 

Die Erkrankung tritt am häufigsten während der Dentition, speziell 
der ersten auf, also zwischen dem 6. und .30. Monat, und zwar be- 
gleitet sie besonders gerne den Durchbruch eines Zahnes oder einer 
Zahngruppe. 

Ueber ihre Aetiologie wissen wir nichts Bestimmtes; dass sie 
ansteckend Sei, ist sehr wahrscheinlich, denn man beobachtet nich tselten 
direkte üebertragung und familiäre Verbreitung. 

Ihre Behandlung ist sehr dankbar; die Aphthen weichen dem 
Kai. chlor., das eine geradezu spezifische Wirkiuig entfaltet und, zumal 
die wenigsten Kinder in diesem Alter schon den Mund zu spülen gelernt 
haben, das Gm-geln, wenn überhaupt möglich, ziemliche Schmerzen ver- 
m-sacht, am Zweckmässigsten innerlich gegeben wird. Sehr bald schon hört 
die Eruption neuer Aphthen auf, die vorhandenen verkleinern sich von der 
Peripherie her und heilen binnen 6 — 8, längstens 10 Tagen, ohne eine 
Narbe zu hinterlassen. Nur in hartnäckigen Fällen ist man genöthigt, 
zu Finselungen mit Sol. Zmc. svdf., Kai. permang., Argent. nitr., 2 — 3 mal 
täglich, zu greifen. Wohlthätig empfinden es die kleinen Patienten, 
wenn ihnen während dieser Zeit ihre Nahrung nur flüssig luid lau oder 
kalt gereicht wnd ; auch schmerz- und entzündungslindernde Eisstückchen 
werden von älteren dankbar acceptirt. 

Ausnahmsweise kommt es auch bei Kindern dm-ch den Genuss roher 
oder mangelhaft gekochter Kuhmilch ziu- Üebertragung der Maul- 
(und Klauen-) Seuche; dieselbe geht unter Bildung ulcerirender, 
tief greifender Aphthen (Stomatitis ulcerosa) mit starken, schmerzhaften 
DrüsenschweUungen, profuser SoUvation, hohem Fieber und schwerem 
Ergriffensein des AUgemeinbefmdens einher. Ihre Prognose ist bei 
jungen und geschwächten Kindern stets zweifelhaft, ihre Behandlmig 
die der ulcerösen Stomacace. 

Eine ghichfalls seltenere und schwere Mundaffektion stellt die 

Stomatitis ulcerosa oder Stomacace dar. Dieselbe lokalisiit sich 
vorwiegend am Zahnfleisch, welches aufschwillt, sich röthet, an seinem 
freien Rande sich von deai Zähnen ablöst und eitrig zu einem grau- 
gelben nekrotischen Brei zerfällt; bei Druck, ja der leisesten Berühnuig 
und scheinbar spontan blutet die Muiidschkindiaut, im Besonderen das 
Zahnfleisch und entleert aus tlen sieschwürin' unterm inirten Theilen 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 113 

putrides Sekret. Mit als erstes Syiujjtom neben tler Blutung stellen 
sich ein penetranter fötider Geruch aus dem Munde, starke Salivation, 
auch »Schwellung der Sulimasillargegend em. Geht aus diesem ersten 
Stadium der Prozess weiter, so wird rasch das ganze Zahnfleisch in 
eine stinkende geschwürige Masse umgewandelt, zerstört, so dass die 
Zähne, von Eiter umspült, gelockert werden, selbst ausfallen; ja 
sekundär greift der geschwürig - nekrotische Prozess durch Kontakt auf 
die anliegende Schleimhaut der Wangen, Lippen, Zunge über, es ent- 
wickelt sich ein unerträglicher Fötor, ödematöse, weiche Schwellung von 
Wangen, Zunge, Lippen, Lymphdrüsen; selbst partielle Nekrosen des 
Kiefers können die fernere Folge sein. 

Das Leiden tritt nm- da auf, wo Zähne vorhanden sind, also nicht 
bei Säuglmgen der ersten Monate, und überspringt die Zahnlücken; es 
ist manchmal nur einseitig. 

Das Kindesalter zeigt eine entschiedene Neigung zur Stomacace 
und spez. das Alter vom 4. — 10. Jahre. Prädisponirend wirken dys- 
krasische Konstitution, Barlow'sche Krankheit, Rachitis, Skrophulose, 
Tuberkulose, chronische Diarrhöe, alle schweren Kinderkrankheiten, 
speziell Verdauungs- und Infektionskrankheiten; neben schlechter, feuchter 
Luft in ungesunder Wohnung, mangelnder Mundpflege spielen Mikroben 
sicher ätiologisch eine Rolle. 

Denken niuss man natürlich auch an den Einfluss lies Queck- 
silbers, auch von Blei und Phosphor. 

Das Allgemeinbefinden leidet meist beträchtlich durch die Behin- 
derung der Nahrungsaufnahme, Schmerz, Fieber, Eiterung. 

Die Prognose ist ernster zu stellen, da der Verlauf oft ein 
protrahirter ist, der Prozess tiefer greifen kann. 

Doch vermag eine energische Pro phy laxe und Therapie viel, 
besonders eine lokale Desinfektion mit antiseptischen und adstringirenden 
Mundspülungen oder Pinsekmgen mit Sol. Kai. permangan., Kai. chlor., 
Liqu. Alumin. acet. Auch hier wirkt das Kai. chlor, imierlich spez. in 
frischen Fällen günstig, ev. in einem ChLnadekokt. Man reiche flüssige, 
breiige, blande, aber kräftige Kost, lau oder kalt; symptomatisch Eis, 

auch Wein. 

Nur in Nothfällen wird man sich zu dem Radikalmittel der Ex- 
traktion der Zähne entschliessen. 



Ueber exanthematische, diphtheritische, syphilitische 
Stomatitis siehe die betreffenden Kapitel. 

Haus er, Grundriss der Kinderheilkunde. Zweite Auflage. 8 



114 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

Eine ziemlich seltene Erkrankung stellt die septische oder 
(] i p h t h e r i t i s c h e Stomatitis dar, welche namentlich im frühesten 
Lebensalter, seltener bei älteren Kindern als primäre und idiopathische 
Affektion beobachtet wü-d und auf eine septische Infektion der meist 
atrophischen oder in ihrer Ernährung und Widerstandskraft henmter- 
gekommenen Kindern mit Staphylo- und Streptokokken zurückzuführen 
ist. Bei dieser schweren Erkrankung zeigt sich die Schleimhaut be- 
sonders der Lippen, des Gaumens, aber auch der Zunge eitrig infiltrirt, 
mit nekrotischen Geschwüren tind diphtheritischen Belägen oft in grosser 
Ausdehnung bedeckt. Die Prognose ist schon in Anbetracht des 
gewöhnlich stark beeinträchtigten Allgemeinbefindens, der Allgemein- 
infektion und drohenden Herzschwäche durchaus ungünstig zu stellen; 
die Behandlmig ist die der Stomacace. 

Auch eine Stomatitis gonorrhoica ist beschrieben worden 
als Folge einer intra oder post partum entstandenen Infektion. 

Noma. Die schwerste Affektion, von der im Kindesalter die Mund- 
schleimhaut befallen wird, glücklicherweise eine sehr seltene, ist das 
Noma, der Mundbrand, Wasserki-ebs. Derselbe zählt zu den phleg- 
monös-gangränösen Prozessen und ist pathogenetisch noch miaufgeklärt, 
wenn auch nach moderner Auffassung Bakterien resp. Kokken als 
Ursache beschuldigt, daneben neuropathische Einflüsse angenommen 
werden. Erfahrmigsgemäss steht fest, dass die Krankheit ausschliess- 
lich bei derjenigen Verfassung auftritt, die mit dem Ausdruck der 
Caehexia pauperum km-z und treffend gekennzeichnet wu-d, mid nament- 
lich wenn schwere Krankheiten, besonders Infektionski-ankheiten, als 
Typhus oder Gangrän an anderen Stellen des Körpers (Haut, Vulva) 
vorausgegangen sind. Das Noma befällt vorzugsweise ältere Kinder 
im Alter von 3 — 8 Jahren mid beginnt meist mit rmscheinbaren An- 
fängen in Gestalt einer blassen, ödematösen Schwellung der einen 
Wange, einer Lippenhälfte, sowie eines gelbgrauen oder graugrünen 
Fleckes auf der Schleimhaut der Wange, auch des Zalmfleisehes, welcher 
sich rapid vergrössert und sich sehr bald durch den neki-otischen, 
jauchigen Zerfall des Gewebes als eine ächte Gangrän dokumentirt. 
Die Anfangs nur reaktiv entzündete, ödematös infiltrirte Umgebmig 
wird rasch in den fortschreitenden brandigen Prozess mit hineinbezogen; 
auch an anderen, entfernteren Stellen können gangränöse Ulcera auf- 
treten, und unaufhaltsam wird, was sich an Geweben, Haut, Fleisch, 
selbst Fascien und Knochen dem „Krebse" in der Nachbarschaft bietet, 
zerstört. Aeusserlich tritt- <ler Prozess <lurch eine beträchtliche, nicht 



r- Die Krankheiten der Verdanungsorgane. 115 

entzündlich geröthete, sondern farblose Schwellung der Wange, später 
der ganzen betroffenen Gesichts-, ja Halshälfte, in die Erschemung, 
über welcher die Haut weiss, glänzend gespannt ist, und <lie dem be- 
tastenden Finger erst cirkumskripte, dann diffuse Härteii bietet; die 
submaxillaren Lymphdrüsen sind geschwollen; dem nm- schwer für 
einen Einblick zu öffnenden Mmide entströmt meist ein deutlich bran- 
diger Geruch; ein fötiil riechender Speichel, gemischt mit Schleim, Eiter, 
nekrotischen Gewebstheilen fliesst über die geschwollene Lippe. Der 
Anblick der befallenen Schleimhaut ist bald ein fm-chtbarer: dieselbe 
bildet nur mehr ein grosses, jauchiges Geschwür, bedeckt mit stinkenden, 
bröckligen, fetzigen Deti-itusmassen ; die Zähne sind gelockert., fallen 
aus, der Klnochen wird blossgelegt, selbst die Zunge ergriffen. Bald 
perforirt das Geschwür nach aussen, und weiter, immer weiter, nach 
dem Auge, über Unterlippe und Kinn den Hals hinab greift die Gan- 
grän ; Schmerzen scheinen damit gar nicht oder nur in geringem Maasse 
verbunden zu sein, mindestens bei dem rasch eintretenden allgemein 
septischen Zustande nicht sehr empfunden zu werden. 

Das Allgemeinbefmden , das wmiderbarer, unerklärlicher Weise 
selbst bis dahin und trotz des meist bestehenden hohen Fiebers in 
vielen Fällen sich nicht wesenthch verschlimmert hatte, leidet nmi sicht- 
lich : es stellen sich profuse septische Diarrhöen, Broncliitis und Broncho- 
pneumonie ein ; die Nahrmigsaufnahme hört auf, das genossene Getränk 
fliesst durch die Perforationsöffnung Avieder aus, alle Zeichen der Herz- 
schwäche, des Kollapses treten ein, und wenn nicht die Verschleppung 
eines Gerinnsels aus einer thrombosiiten Halsvene dem furchtbaren 
Leiden ein jähes, gnädiges Ende bereitet, erfolgt der Tod allmählich, 
2 — 3 Wochen nach Beginn des Noma an Komplikationen, Entkräftung 
uiid septischem Fieber. 

Die Therapie, soll sie überhaupt einen Erfolg haben, muss euae 
sehr energische, rechtzeitige, chirurgische sein. Man halte sich nicht 
mit antiseptischen Bepinselungen imd Spülmigen auf, sondern zerstöre 
sofort die gangränöse Gewebsparthie gründlich mit dem Paquelin und 
suche mit Jodoform die Asepsis zu erhalten. 

Gleichzeitig trachtet man mit allen Mitteln der Diätetik und Pflege, 
künstliche Ernähiamg die Kräfte des Kindes zu heben und zu eihalten ; 
das beste Medikament ist der Alkohol in grossen Dosen und in jeder 
Form. 

Die Prognose bleibt auch dann noch sehr schlecht; die meisteji 
Patienten erliegen dem Noma rettungslos ; gehngt es Anfangs, der Zer- 



116 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

Störung Halt zu gebieten, so tritt doch meist ein Recidiv auf, oder der 
Tod erfolgt in der Rekonvalescenz an Embolie, Pneumonie, Herzlähui- 
tmg. Und in den seltenen, glücklichen Fällen der Heilmig erfordern 
die Defekte, die durch Narbenzug entstandenen Verwachsungen eine 
lange, mühselige, oft aussichtslose Nachbehandlung. 

Soor, vom Volke meist Schwämmchen genannt, ist eine echte Pilz- 
affektion imd besteht ihrem Wesen nach in der Entwicklung von rasen- 
artigen Vegetationen des Oidium albicans, richtiger Monilia Candida. 

Mikroskopisch stellt sich der Sooipilz in reichverzweigten gegliederten 
Fäden, sogen. Mycelien, mid den Sporen oder Gonidien dar, kleinen 
ovalen, scharf konturirten und stark lichtbrechenden Gebilden, aus denen 
später neue Mycelfäden hervorsprossen. 

Der Pilz, in der animalischen Welt nur beim Menschen gefunden, 
scheint in der todten organischen Natur sehr verbreitet. Die Keime 
desselben gelangen wohl ans der Luft oder von einem Gegenstande 
(Nahrungsmittel, Saugpfropfen) auf che Schleimhaut, gewöhnlich des 
Mundes. Dort fasst der Pilz Boden, entwickelt sieh meist sehr schnell, 
und zwar wächst er theils oberflächlich zwischen den Epithelien, zmii 
Theil dringen seine Fäden aber auch in die Tiefe, in das submuköse Gewehe, 
ja in die Blut- und Lymphgefässe desselben, selbst in darunter gelegene 
Muskelschichten. Maki-oskopisch bildet er auf der Mundsehleimhaut 
rein weisse, miregelmässige Beläge, je nach dem Grade der Entwickelmig 
entweder nur Fleckchen und Punkte oder gxössere, schliesslich weite 
Schleimhautstrecken bedeckende, membranartige, dann mehr schmutzig- 
grau oder gelblich werdende Auflagerungen, Plaqvies, die nur wenig die 
Schleimhaut üben-agen, wenn klein, aufliegendeji Milchresten täuschend 
ähnlich sehen, sich aber durch Wischen mit dem Spatel nicht leicht entfernen 
lassen; versucht man ihre Entfernung mit Gewalt, so zeigt die Blutmig 
und das Ausseheji der wunden Schleimhaut, dass der Pilzrasen nicht 
oberflächlicli aufsass, sondern gewissermassen mit ihr verwachsen war. 
Befallen wird von dem Sooipilz mit Vorliebe und weitaus am häufigsten 
die Mundschleimhaut und zwar hier meder speziell die Schleimhaut der 
Lippen, Wangen, Zunge, des Velum palatinum ; in hochgradigen Fällen 
wandern die Pilzvegetationen den Pliarynx, den Oesophagus hinimter, 
viel seltener in den Magen, ja selbst in den Darm; auch auf der Epi- 
glottis, am Eingang des Larynx, der Vaginalschleimhaut hat man 
ihn gefunden. Es sind fast ausschliesslich die mit Pflasterepithel 
bedeckten Schleimhäute, welche den Näln-boden des Soorpilzes ab- 
geben; ausnahmsweise kann der Soorpilz auch durch den Blut- 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 117 

und Lyniphstrom in entferntere Organe (Nieren, Gehirn) verschleppt 
werden. 

Fragt man, -wann und unter welchen prädisponirenden Momenten 
sich der Soorpilz ansiedelt, so ist zu betonen, dass ihm eine ganz ge- 
sunde Schleimhaut wohl rmüberwindlichen Widerstand entgegensetzt, 
Dagegen scheint er bei der physiologischen Abschilferung des Mund- 
epithels des Neugeborenen leicht Fus? zu fassen, und ebenso öffnet ihm 
jede Reizung, Verletzung und entzüncUiche Affektion der Mundschleim- 
haut die Euigangspforten. 

Dafür spricht die Thatsache, dass der Soor vorwiegend eine Er- 
krankiuig des Neugeborenen und Säuglings ist; in diesem frühesten 
Lebensalter begünstigt die Ernährungsweise mit zuckerhaltigen, leicht 
zersetzlichen Stoffen, spez. Milch, deren im Munde zurückgebliebenen 
Reste dem Pilz gleich bei seinem Eindringen die nöthige Nahrung 
bieten, sodann die relative Ruhe der Mundhöhle, besonders während des 
vielen Schlafes, die dem Pilz eine ungestörte Entwickelung gestattet, 
vor allem aber Unreinlichkeit, mangelhafte Pflege ausserordentlich seine 
Ansiedelung. Sodann steigern alle Mund- und Digestionserki-ankungen, 
auch schwere Affektionen anderer Art, Schwächezustände überhaupt die 
Disposition zu der Erkrankung, ganz analog der Beobachtung, die wir 
auch an stark heruntergekommenen, schwerki'anken Erwachsenen machen. 

Die klinischen Erscheinungen des Soors sind lediglich die 
lokalen, die charakteristische Beschaffenheit der befallenen Schleimhaut- 
parthien. Die übrige Mundschleimhaut zeigt in der Regel die mehr 
weniger ausgesprochenen Symptome der Stomatitis catarrhalis. Subjektive 
Erscheinungen fehlen Anfangs und bei leichten Graden ganz; später 
zeigt sich das Kind im Saugen, und wenn der Pharynx, oder gar der Oeso- 
phagus befallen, auch im Schlucken behindert und kann so unter den- 
selben Folgezuständen leiden, wie wir sie bei der Stomatitis kennen ge- 
lernt haben. 

Entschieden unrichtig dürfte die Annahme sein, dass die bei 
schwererem Soor so häufig gefundenen Digestionserkrankungen oder gar 
auch Intertrigo Folgezustände, Symptome des Soors seien. Wenn auch 
die Möglichkeit einer katarrhalischen Reizung der Magen- und Darm- 
schleimhaut durch säurebildende Thätigkeit des Soorpilzes, resp. durch 
Gährungsvorgänge zugegeben werden muss, so trifft dies doch sicher 
nur für die extremsten Fälle zu ; für gewöhnlich dürfte das Verhält- 
niss dass umgekehrte, die Dyspepsie das primäre und prädisponirende 
Uebel sein. 



lig Die Krankheiten der Verclauungsorgane. 

Die Diagnose, wenn durch Inspektion allein nicht sicher zu 
stellen, ergiebt sich mit Bestimmtheit aus der mikroskopischen Unter- 
suchung eines abgekratzten Soorpartikels; man findet, besonders schön 
nach Aufhellung mit Kalilauge, neben Epithelien, Nahrungs-, speziell 
Milchresten, als Fettkugebi und dergl., sowie neben Kokken und Spalt- 
pilzen die charakteristischen Mj^celfäden und Gonidien. 

Die Prognose ist nur bei gleichzeitigen ernsten Erkrankungen der 
Verdauungsorgane, Atrophie, grosser Schwäche zweifelhaft, bei sonst ge- 
sunden und kräftigen Kindern durchaus günstig; doch veimag der Soor 
hie und da aucli einmal sekundären Mischinfektionen die Eintrittsbahn 
eröffnen, so dass es in seinem Verlaufe zu schweren entzündlichen Ver- 
änderungen der Mundschleimhaut, selbst septischen Zuständen kommen 
kann. 

Die Prophylaxe besteht einmal in peinlicher Reinlichkeit be- 
züglich der Flaschen, Pfropfen und auch Brustwarzen, in gewissenhafter, 
aber sehr zarter und schonender Mundpflege, sodann in der Vermeidung 
aller stark zuckerhaltigen Nährsubstanzen, spez. zuckergefüllter Saug- 
pfropfen und dergleichen. 

Therapie: Gegen ausgesprochenen Soor ist in unkomplizirten und 
frischen Fällen ein energisches Einschreiten von meist raschem Erfolg; 
man bestreiche vor jeder Mahlzeit, also mindestens 3-stündlich, die Soor- 
plaques unter Anwendung einiger Gewalt vermittelst eines in 25 — öO'^/o 
Glycerin-Boraxlösung oder Sol. Kai. permang. 1 "/o, Sol. konzentr. Kai. 
chlor, getauchten Pinsels oder Watteträgers sorgfältig und regelmässig; 
eine geringfügige Blutung ist dabei oft nicht zu vermeiden und bei dem 
über die Verbreitung des Pilzes in die Tiefe Gesagten leicht verständlich. In 
schhmmen Fällen empfiehlt es sich, eine Bepinselung der Mundhöhlen- 
schleimhaut mit S^/o Sol. Argent nitr. oder 1 "/oo Sublimatlösung darauf 
folgen zu lassen. 

In hartnäckigen Fällen und bei endennschem Auftreten des Soors 
hat sich auch mir die von Escherich empfohlene prophylaktische und 
therapeutische Anwendung eines Schnullers bewährt, den man sich in 
der Art bereitet, dass man eine kleine Menge mit Saccharin gesüsster 
Borsäure in einem Wattebäuschchen mit steriler Gaze umwickelt; jedoch 
schien mir die Borsäure bei längerer Anwendung hie und da Erbrechen 
und Diarrhöe erregen zu köiuien. 

Gegen Soor des Oesophagus und Magens empfiehlt Baginsky 
wari]i das Resorcin (0,5 — 1,0 : 100,0 2-stündlicli ein Kdl). 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 119 

Die Berücksichtigung des Allgemeinzustandes der Kinder, even- 
tueller DigestioHSstörungen darf nicht vergessen werden. 



Die Krankheiten des Rachens. 

Die Schleimhaut des Rachens, die Gaumenbögen, Uvula, Mandeln 
nehmen an- einigen Mund- und Infektionskrankheiten sekundär Theil, 
indem der Prozess per continuitatem nach hinten wandert; so finden 
wir in vielen Fällen daselbst Aphthen, Soorf lecke, Exantheme, Ulce- 
rationen. 

Eine ganz hervorragende Bedeutung beanspruchen die Rachenorgane 
aus dem Grunde, dass die Schleimhaut dieser Gegend mit ihren massen- 
haften, theils isolirten, theils zu grösseren Gruppen, Drüsenorganen kon- 
glomerirten Drüsen (W al d e y e r 'scher Ring, Tonsillen) erwiesener Maassen 
sehr häufig die Emgangspforte für Infektionen der verschiedensten und 
verschiedenwerthigsteu Art abgibt; so für pyogene Mikroorganismen, 
die, wenn von abgeschwächter Virulenz, multiple akute Gelen kentzünd- 
imgeia nach Art rheumatischer Arthritis verursachen, wenn voll virulent, 
auch ohne stärkere Lokalsymptome mit sich zu bringen, schwere meta- 
statische Eiterungen, Phlegmonen, Osteomyelitis zur Folge haben können. 

Aber auch für den TuberkelbaciUus ist nachgewiesen, dass er sich 
das zahlreiche lymphatische Gewebe des Rachens mit Vorliebe als Ein- 
gangspforte wählt und entweder hier an Ort und Stelle, besonders in 
der Rachenmandel primäre Ansiedelungsheerde hervorruft oder '^ber auf 
dem Wege der Lymphbahnen in das tiefere Gewebe verschleppt wird, 
zu skrophulösen und tuberkulösen Drüsen-, Lungen-, AUgemeininfektionen 
Anlass giebt. 

Endlich ist es auch für eine ganze Anzahl von Erregern akuter 
allgemeiner Infektionskrankheiten (Influenza, Skarlatina, Typhus) wahr- 
scheinlich gemacht, für andere (Diphtherie) sieher gestellt, dass sie 
primär vom Rachen ihren Eingang nehmen. 

Als Theilerscheinung einer Allgemeinerkrankung treffen \vir im 
Rachen typische Veränderungen bei den akuten Exanthemen, speziell 
Scarlatina, Morbilli, Pocken, auch Varizellen und Influenza; bei der 
Diphtherie lokalisirt sich an den Rachenorganen meist zuerst und oft 
ausschliesslich der charakteristische Krankheitsprozess. In ähnlicher 
Weise verursacht häufig die Lues, die Tuberkulose wohl charakterisirte, 
ja pathognomonische Lokalveränderungen im Rachen. 



120 Die Krankheiten der Verdauiingsorgane. 

Unter den selbstständigen Erkrankungen des Rachens steht an 
Häufigkeit obenan die 

Angina, anatomisch sich als Pharyngitis und Tonsillitis acuta 

catarrhalis darstellend. 

Dieselbe kommt schon in ganz jugemllichem Alter vor, häuft 
sieh allerdings mit den zunehmenden Jahren, speziell jenseits des 4. 
bis 6. Jahres. 

Die Aetiologie der Angina ist dieselbe wie beim Erwachsenen; 
während früher Erkältung, wenn andere Ursachen nicht zu eruiren, bei 
derselben eine grosse Rolle spielte, spricht ]iach moderner Auffassung 
das manchmal epidemische Auftreten , die Ansteckung eines Kindes 
durch ein anderes deutlich für den infektiösen Charakter, der meisten, 
auch einfacher Anginen ; der Befund von Staphylo- und Streptokokken, 
auch Pneumokokken ist zwar, ebenso wie der von Influenza- und Diph- 
theriebacillen bei dem fast regelmässigen resp. häufigen A^orkommen 
dieser Mikroorganismen in der Mundhöhle für ihre ätiologische Bedeut- 
ung nicht streng beweisend; jedoch hat man sich die Rolle, welche 
diese Infektionserreger dabei spielen , in durchaus plausibler Weise so 
zu deuten, dass sie mit abgeschwächter, durch die Schutzkraft des 
Speichels verminderter Virulenz lange Zeit als relativ harmlose Schmarotzer 
leben, bis sie durch die Gegenwart von Eäulnisserregern eine Zunahme 
ihrer Virulenz erfahren oder aber in Folge einer Reizung, Verletzung 
der Schleimhaut, einer Herabsetzung der natürhchen Widerstandskraft 
der Schleimhaut wie des ganzen Individuums dann plötzlich befähigt 
werden, in das gelockerte EjDithel eindringen, zur Entzündung des Ge- 
Nvebes, zum Eindringen in Lymph-Blutbahnen befähigt werden, wenn 
über diesen Infektionsvorgang zur Zeit auch noch keine beweisenden 
Untersuchungen vorliegen. 

Der anatomische Zustand ist der einer meist ziemlich ober- 
flächlichen, aber intensiven Entzündung. 

Der Beginn der Angina ist meist ein plötzlicher, mit gewöhnlich 
jiohem Fieber, manchmal sehr stürmischen Sympiomen, wie sie sonst 
nur bei schweren Infektionen auftreten, Schüttelfrost, Ohnmacht, Er- 
brechen, selbst Konvulsionen. Gleichzeitig meldet sich der Schmerz im 
Halse, besonders beim Schlucken, der sieh bei jungen Kindern durch 
Verziehen des Gesichtes verräth, von älteren spontan angegeben wird. 
Bei der Inspektion finden sich das Gaumensegel, die hintere Rachen- 
wand, die Tonsillen intensiv geröthet, etwas geschwollen; bald iutumes- 
ciren auch die benaclibarten submaxillaren Lymphdrüsen und zeigen 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 121 

sich druckempfindlich. Dazu treten die übrigen Sj'mptome einer 
fieberhaften Affektion, gastrische Verstimmung, belegte Zunge, Foetor 
ex ore, allgemeine Mattigkeit; aus dem Fieber wie aus der Schluck- 
behinderung erklärt sich leicht die Anorexie. Doch bald, meist 
schon binnen 24 Stunden klingen die heftigen Erscheinungen ab, das 
Fieber fällt rasch, die Schluckbeschwerden lassen nach, die Lokalver- 
änderungen schwinden, und die Gesundheit kehrt oft binnen weniger, 
spätestens 8 — 10 Tage voll zurück. 

Prognostisch erwähnenswerth wäre nur, dass einmal von Angina 
befallene Kinder leicht von Recidiven heimgesucht werden, und dass 
solche sich häufig wiederholende Entzündungen zweifellos die Basis für 
Pharyngitis chronica, Tonsillarhypertrophie und dergleichen abgeben. Auch 
ist dringend zu rathen, bei jedem Falle von Angina daraufhin zu unter- 
suchen, ob die Rachen äff ektion nicht vielleicht das erste Symptom einer 
Scarlatina oder Diphtherie ist; es dürfte sich jedenfalls empfehlen, die 
Erkrankung nicht von vornherein als eine unbedingt leichte und gut- 
artige hinzustellen, sondern die Prognose erst am nächsten Tage definitiv 
zu stellen. 

Endlich kann sich trotz Abheilens des Entzündungsprozesses im 
Halse derselbe in den submaxillaren und occipitalen Lymphdrüsen 
weiter fortspinnen und selbst zu nachträglicher Vereiterung auswachsen. 

Die Behandlung ist dieselbe wie beim Erwachsenen. Von 
Gurgelungen, Inhalationen mit Antisepticis, Adstringentien kann man 
Abstand nehmen, denn es ist nicht gut zu verstehen, wie diese Mittel 
auf den parenchymatösen Entzündungsprozess wirken sollen ; ich glaube 
vielmelir, dass man die entzündeten Theile eher dadurch reizt; jedenfalls 
steigert man durch Gurgeln entschieden die Empfindlichkeit. Aus 
demselben Grunde halte ich die innere Anwendung des Kai. chlor, für 
überflüssig, wenn auch nicht nachtheilig. Direkt auf die Rückbildung 
der Entzündung und gleichzeitig vorzüglich schmerzlindernd wirken 
kleine Eisstückchen , die ältere und verständige Kinder den Rachen 
hinabgleiten und an den entzündeten Theilen zergehen lassen ; das Eis- 
wasser werde thunlichst wieder ausgespuckt. Ebenso wirken die be- 
sonders bei stärkerer Lymphadenitis indizirten Eisumschläge, event. die 
Eiscravatte um den Hals; bei leichteren Graden empfiehlt sich mehr 
der häufig gewechselte Priesnitzsche Umschlag. Für gewöhnlich leistete 
mir ein dem Alter und Kräftezustand des Kindes entsprechendes, mehr 
weniger energisches diaphoretisches Verfahren (Halb- oder Vollpackung, 
heisses Bad mit folgender Einwickelung in Wolldecken nebst heisser 



122 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

Citronenlimonade, Fliederthee) die besten Dienste. Daneben wäre die 
Diät dem Fieber und dem Zustande der Verdauungsorgane angemessen 
zu regeln, für Defäkation zu sorgen. 

Ob dem Chinin wirklich ein spezifischer, nicht bloss fieberherab- 
setzender Einfluss zukommt, wie von manchen Seiten behauptet wird, 
bleibe dahingestellt; es scheint mir seine Verordnung, da es leicht Er- 
brechen erregt, Ohrensausen und Magenindigestion zur Folge hat, auch' 
von Kinder nur sehr widerwillig genommen w'ird, zu der Schwere der 
Affektion in keinem rechten Verhältniss zu stehen. 

Die Nahrung muss mit Rücksicht auf das Fieber wie die Schluck- 
behinderung Anfangs nur eine flüssig-breiige, ganz blande, laue oder 
kalte sein. Am Platz sind durststillende Getränke, Fruchteis, eveut. 
eine Säuremixtur. 

Während diese gewöhnlichste Form der Halsentzündung selbst 
Laien ein ganz geläufiger Begriff ist, scheint die derselben entsprechende 
und nicht viel weniger häufige Entzündung der Rachenmandel, die 
Angina retronasalis sogar vielen Aerzten unbekannt zu sein. Dieselbe 
tritt entweder isolirt, indiopathisch auf oder aber in Gemeinschaft, 
gleichzeitig oder im Ansehluss an eine Angina tonsillaris. Diese 
Form der Angina kennzeichnet sich klinisch gleichfalls durch Fieber, 
Störung des Allgemeinbefindens ; ihr auffälligstes Symptom ist eine aus- 
gesprochene Nasen Obstruktion und die entzündliche Schwellung und Schmerz- 
haftigkeit der occipitalen Drüsen, öfters wohl auch Nasenbluten; im 
weiteren Verlaufe sieht man das entzündliche Sekret der Rachenmandel 
weniger in die Nase, als der hinteren Rachenwand entlang nach unten 
fliessen und letztere häufig als ein schleimig-eitriges Exsudat, einen Be- 
lag vortäuschend, bedecken. Auch Ohrschmerzen (durch Fortleitung des 
Schmerzes von der Tubenmündung oder durch sekundäre Tubenentzündung) 
ist eine häufige Klage; das Gehörsvermögen ist meist etwas beeinträchtigt! 
das Mittelohr wird leicht in Mitleidenschaft ffezogen. 

Bei dieser Entzündung.sform ist die Prognose zwar von vorn- 
herein günstig; sie pflegt sich in einen tüchtigen Schnupfen zu „lösen", 
wohl auch für einige Zeit einen Trachealkatarrh zu hinterlassen, indem 
der Prozess absteigt. Bedenklich bleibt nur, dass häufigere Entzünd- 
ungen dieser Gegen<l eine Wucherung des lymphatischen Ringes zur 
Folge haben können , zur Entwickelung von adenoiden Vegetationen 
führen; auch sind eitrige Otitis mit allen ihren Folgen und Degene- 
rationen der liinteren Nasenmuscheln ziemlich häufis. 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 123 

Bei der Behandlung der Angina retronasalis vermögen Gurgel- 
ungen nichts zu nutzen ; viel besser erreicht man den Sitz der Affektion 
durch Einblasung von antiseptischen Pulvern (Bor-Menthol, Airol). Alle 
Nasenspülungen sind wegen der Gefahr für das Ohr zu unterlassen. Die 
Störung des Allgemeinbefindens wird am Besten durch einige Tage Bett- 
ruhe und ein diaphoretisches Verfahren beeinflusst. 

Viel seltener und schwererer Art ist die 

Pharyngitis phlegmonosa, deren Ursache zweifellos in der Ein- 
wanderung der eiterbildenden Staphylokokken oder von Streptokokken, 
vielleicht hier und da auch von Erysiiselkokken zu finden ist; ihre 
Erscheinungen sind analog dem Bilde einer phlegmonösen Entzündung 
der äusseren Haut und des Unterhautzellgewebes, kombinirt mit Lymph- 
adenitis submaxillaris, Abscessbildung, gefährlichen Oedemen an Epiglottis 
und arj^epiglottischen Falten ; die Behandlung ist vorwiegend chirurgisch, 
wobei eine frühzeitige Anwendung von Roborantien und Excitantien 
nicht zu vergessen ist. 

Von grösserer, ja der grössten praktischen Bedeutung erscheint 
wiederum die akute Entzündung der Mandeln in Gestalt der 

Tonsillitis lacunaris, fälschlich follicularis genannt; dieselbe beginnt 
häufig mit den Erscheinungen einer gewöhnlichen Angina, um sich bald 
vorwiegend an den Mandeln zu konzentriren ; bald sind diese von vorn- 
herein und fast ausschliesslich erkrankt. 

Das wohl charakterisirte Bild der Tonsillitis lacunaris besteht in 
einer mehr weniger beti-ächtlichen Schwellung, entzündlichen Röthung 
lind Vergrösserung des ganzen Gewebes der Mandeln, aus deren der 
Uvula und dem Rachen zugewendeten Flächen Anfangs stets deutlich 
von einander getrennte, stecknadelkopfgrosse, später grössere, graugelbe 
oder weissgelbe, seltener rein eitrige, grünlich-weisse Pfropfe hervorragen. 
Es handelt sich anatomisch um die Ansammlung eines entzündlichen, 
aus Epithelien , Fibrin und Eiterkörperchen , sowie Bakterien und 
Kokkenhaufen zusammengesetzten Sekretes in den Lacunen der Ton- 
sillen , das aus diesen hervorquillt , um sich dann abzustossen und so 
das Ende des Entzündungsprozesses herbeizuführen. So verstellt es 
sich, dass diese Pfropfe meist nicht fest mit dem Gewebe verbunden, 
vielmehr leicht abzustreifen sind. Sind sie von etwas längerem Be- 
stände, sitzen sie etwas fester, und finden aus der Mandel heraus immer 
neue Schübe statt, so kann es wohl dazu kommen, dass diese Exsudat- 
masseu konfluiren, ja die Mandeloberfläche ganz oder strichweise wie 
mit einer Membran bedecken, die dann ein dem diphtheritischen Belage 



124 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

ähnliches Bild abgeben kann: diphtheroide Tonsillitis. Ihre fastimmer 
mehr gelbe, nicht grauweisse oder rein weisse Farbe unterscheidet sie 
von Diphtheriemembranen, ebenso wie ihre losere Anlieftung. Nichts- 
destoweniger kommen Fälle vor, wo auch der erfahrene Arzt im Zweifel 
bleibt und gut thut, auch den Eltern gegenüber mit seinem definitiven 
Urtheil bis zum nächsten Tage zu warten. Wo es die Verhältnisse 
irgend gestatten, haben wir desshalb heutzutage die Pflicht, in allen 
zweifelhaften, verdäclitigen Fällen, die Diagnose sicher zu stellen, und wir 
besitzen in der bakteriologischen Untersuchung ein absolut zuverlässiges 
Mittel, binnen 24 Stunden zu der Entscheidung zu gelangen : Diphtherie 
oder mehr weniger gutartige Tonsillitis. Das Nähere siehe in dem Kapitel 
Diphtherie. 

Ursache dieser eitrigen Lacuneninfektion sind wohl die bekannten 
Eitererreger, Staphylo- und Streptokokken, auch Pneumokokken. 

In manchen Fällen zeigen sicli neben den Tonsillen auch die folli- 
kulären Drüsen der hinteren Rachenwand, die inselartig gewucherte, 
chronisch entzündete Schleimhaut des Pharynx mit einem solch eitrig- 
fibrinösen Exsudat fleckweise oder strichartig belegt, ohne dass diese 
Erscheinung für Diphtherie zu sprechen braucht. 

Gleichzeitig mit dem Einsetzen des entzündlichen Prozesses im 
Pharynx zeigen sich auch die submaxillaren, weniger konstant die post- 
aurikularen und occipitalen Lymphdrüsen geschwollen, entzündlich in- 
filtrirt, spontan und besonders auf Druck empfimllich. Die klinischen 
Symptome bezüglich des Fiebers, des Allgemeinbefindens u. s. w. sind 
die der einfachen Angina, nur meist in verstärktem Massstabe. Speziell 
die Initialsymptome können sehr heftig einsetzen, ganz nach dem Bilde 
einer schweren, allgemeinen Infektionskrankheit; so beobachtet man 
bei jüngeren Kindern nicht selten einen eklamptischen Anfall, heftiges 
Erbrechen, Sopor und Fieber über 40 ° C, die das Krankheitsbild An- 
fangs zu einem schweren gestalten, bei älteren Kindern einen Schüttel- 
frost oder wiederholtes Frösteln. 

Die Prognose richtet sich einmal nach dem Alter und Kräftezu- 
stand des Kindes, sodann nach der Schwere und Dauer der Lifektion; 
endlich ist sie davon abhängig, ob sich der Lokalaffektion sekundäre 
Organinfektionen (Drüsen, Lungen, Nieren) anschliessen ; bei einfacher 
Tonsillitis follicularis ist sie im Allgemeinen entschieden gut zu stellen; 
freilich kann eine Streptokokkeninfektion der Mandeln unter Umständen 
auch zu einer ernsteren Erkrankung ausarten. Abgesehen von Ver- 
eiterungen der Halslymphdrüsen, die unter Umständen ein schweres 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 125 

Leiden mit sich bringen können (Cynanche Ludowici), sind Infektionen 
des Mittelohrs mit eitriger Sekretion nicht selten; auch Pneumonien und 
schwerere Darmaffektionen werden öfters beobachtet; stets hat man auf 
Nephritis zu achten, die sich, wie an jede andere Infektionskrankheit, 
auch an solche Anginen anschliessen kann. Aber auch schwerere All- 
gemeininfektionen mit potyartikuläreu Entzündungen, Endocarditis, all- 
gemeiner Sepsis können die Tonsillitis lacunaris kompliziren und zu einer 
tödtlichen Krankheit machen. 

Was die Behandlung anlangt, so sind hier die Gurgel wässer 
am Platz, von den milderen die Lösungen von Kai. chlor., Kai. per- 
niangan; wenn es nöthig erscheint das energischere und relativ ungefähr- 
liche Hydrarg. cyanat. Am wirksamsten schien mir gegen die Eiter- 
erreger die Karbolsäure, die ich in der Form verwende, dass ich 2 Ess- 
löffeln Malven- oder Salbeithee 1 Essl. 3 °/o Karbol wasser zusetzen und 
diese Menge anfangs stündlich, später seltener vergurgeln lasse; auf 
eine etwaige Intoxikation weist rechtzeitig die Färbung des Urins hin. 
Auch empfiehlt es sich hier und zwar besonders bei kleinen Kindern, 
die nicht zu gurgeln verstehen, das Kai. chlor, innerlich anzuwenden; 
noch lieber gebe ich da die sehr wirksame und dabei ungiftige Aqua cblori 
in 25 — 50*/oiger Lösung, stündlich thee- bis kinderlöffelweise; trotz 
schlechten Geschmacks und scharfen Geruchs wird sie meist gut ge- 
nommen, stets gut vertragen. Die Diät wird dieselbe sein, wie bei der 
Angina; man giebt mit Vortheil vielleicht von vornherein etwas Wein 
oder Kognac in stark verdünnter Form. Entzündungswidrig und schmerz- 
stillend bewährt sich auch hier das Eis äusserlich und innerlich. 

Wie in die tieferen Gewebe des Pharj'nx, so können auch in das 
Gewebe der Mandeln eitererregende Prozesse eindringen und so zur 
Tonsillitis phlegmonosa, dem Tonsillarabscess führen; meist be- 
fällt die Erkrankung nur die eine Seite. Die Behandlung ist eine 
chirurgische; nachdem Kataplasmen den Eiterungsprozess befördert, in- 
cidirt man den gebildeten Abscess breit und sorgt durch stumpfe Er- 
öffnung aller Eecessus vermittelst Kornzange für Entleerung; antisep- 
tische Gargarismen unterstützen die Ausheilung. Roborantien sind hier 
mehr wie sonst am Platz. 

AbSCeSSUS retropharyngealis. Von ganz anderem Wesen und 
Charakter wie der Mandelabscess ist der in jeder Beziehung interessante 
Retropharyngealabscess. Derselbe kommt ziemlich selten vor und be- 
trifft vorwiegend Kinder im ersten und zweiten, viel seltener im dritten 
Jahre und später. Bei dem eigentlichen idiopathischen Retropharyngeal- 



126 Die Krankheiten der Vertlauungsorgane. 

abscess handelt es sich um eine seltener ganz akute, meist subakut, ja 
ganz schleichend einsetzende und langsam fortschreitende Vereiterung 
des retropharyngealen Bindegewebes und der vor der Wirbelsäule ge- 
legenen Drüsen, deren Ursachen uns bis jetzt noch unklar sind. Nach 
unserer modernen Anschauung müssen wir eine Einwandenmg eiter- 
bildender Kokken und Bakterien aus dem Pharynx, aus Gaumen, Nase, 
Nasenrachenraum, Kehlkopf, kurz den Theilen annehmen, welche ihre 
Lymphe in das retropharyngeale Gewebe senden. 

Ein deutlicher Zusammenhang mit konstitutionellem Leiden (etwa 
der Skrophulose) besteht nicht; die Affektion befällt meist ganz gesunde, 
höchstens etwas dystrophische Kinder. Nur selten dürfte die meist chro- 
nische Lymphadenitis retropharyngealis, wie sie durch Digitaluntersuchung 
ziemlich- häufig bei skrophulösen und mit Ohraffektionen, chi'onischer 
Rhinitis etc. behafteten Kindern zu konstatiren ist, zu dem Bilde des 
Retropharyngealabscesses sich auswachsen. 

Wir trennen von dem idiopathischen Retropharyngeal- 
abscess scharf die sekundäre Abscessbilduug, wie sie sich aus 
cariösen Prozessen der Halswirbel, Senkung von Halsabscessen und zwar 
im Gegensatz zu der sog. idiopathischen spez. bei älteren Kindern ent- 
wickelt. Ebensowenig zählen hierzu die Vereiterungen, die im Gefolge 
von Scharlach, Variola, Erysipel, Traumen, auch von Morbillen vor- 
kommen. 

Das klinische Bild des Retropharyngealabscesses ist ein so 
prägnantes und typisches, dass, wer es einmal gesehen, es nicht mehr 
vergisst. Und doch wird das Leiden von dem Neuling kaum je sofort 
richtig angesprochen. Im Vordergrunde stehen die lokalen Symptome. 
Die Kinder reagiren zwar auf die ersten Anfänge des Leidens mit Un- 
ruhe, Weinerlichkeit, schlechtem Trinken, bei dem der sehr aufmerksame 
Beobachter durch ein schmerzhaftes Verziehen des Gesichts auf eine 
Sehluckbehinderung hingewiesen werden kann. Die ersten sicheren An- 
zeichen treten aber erst später auf; sehr bedeutsam ist unter diesen das 
schnarchende, röcheLide Geräusch, wie es besonders im Schlaf auftritt 
und leicht mit Schnupfen oder Trachealkatharrh verwechselt wird. Bald 
wird auch die flüssige Nahrung regurgitirt; die Stimme bekonunt einen 
gestopften Charakter, ähnlich der bei adenoiden Vegetationen, starker 
Mandelhypertrophie; dieselbe bleibt dabei dauernd rein, wird nur selten 
heiser; die Respiration wird gestört, verlangsamt, ungleich, stockend; es 
kommt zu Dyspnoe, die, wenn man von dem bellenden Husten, dem 
Stridor, absieht, an Croup erinnert. Zuweilen werden eine eigenthüralich 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 127 

steife oder nach der Seite geneigte Kopfhaltung, auch diffuse Schwell- 
ungen, Lymphdrüsenpackete an den Seiten des Halses, Turgescenz der 
Venae jugulares externae beobachtet. Durch gestörten Schlaf, Athem- 
noth, mangelhafte Ernährung kommt das Kind rasch herunter ; von 
Allgemeinerscheinungen treten Fieber, Cyanose, auch leichte Somnolenz 
in Folge der Asphyxie in die Erscheinung. 

Und doch sichert alles dies nicht im Entferntesten die Diagn ose. 
Auch einer sorgsamen und wiederholten Inspektion des Mundes, der Nase 
und des Rachens entgeht meist der Sitz des Leidens, den nur eine ge- 
naue und bei dem Zustand des Kranken rasch auszuführende Digital- 
exploration des Rachens ausfindig macht. Tastet man mit dem Zeige- 
finger die hintere Rachenwand in ihrer Mitte wie an den Seitentheilen 
ab, so fühlt man eine mehr weniger grosse, rundliche oder ovale und 
meist deutlich fluctuirende Geschwulst, den Abscess. Derselbe sitzt ent- 
weder in der Mitte vor der Wirbelsäule oder, der anatomischen Lage 
der Lymphdrüsen im kindlichen Alter entsprechend, öfter an den seit- 
lichen Theilen der hinteren Rachenwand, bald ziemlich hoch oben, bald 
sehr tief in der Höhe der Epiglottis oder tiefer. 

Mit der Diagnose ist die Therapie gegeben, die möglichst sofort 
einzugreifen hat und in einer ausgiebigen Spaltung der vorderen Abscess- 
wand vermittelst eines Tenotomes besteht; bei einigermassen grösseren 
Abscessen , wo man mit Recht die Gefahr einer Eiteraspiration, eüier 
Aspirationspneumonie fürchten muss, incidirt man den Abscess besser 
von aussen unter stumpfer Präparation, und drainiert ihn nach seiner 
Entleerung von innen nach aussen. Der Erfolg ist meist sofort ein 
eclatanter ; Athemnoth, Röcheln sind geschwunden , die Nahrungsauf- 
nahme ist unbehindert, die dankbare Mutter sieht ilir Kind in einem 
Augenblicke von schweren Leiden, dem scheinbar sicheren Tode gerettet. 

Die Prognose ist bei sofortiger Behandlung des rechtzeitig er- 
kannten Leidens meist eine gute; nur selten wird bei gründlicher Er- 
öffnung ein nochmaliges Einschneiden nöthig sein ; der strömende Eiter 
wird bei vornübergeneigtem Kopfe meist ohne nachtheilige Folge ent- 
leert; die Blutung ist keine nennenswerthe. 

Anders liegen die Dinge bei den sekundären Retropharj'ngealab- 
scessen, deren Prognose und Therapie sich nach dem Grundleideu richtet. 

Pharyngitis chronica. Der chronische Rachenkatarrh entwickelt 
sich im Kindesalter entweder aus akuten resp. aus nicht ausgeheilten, 
reeidivirenden entzündlichen Prozessen heraus, oder aber er entsteht 
von vornherein chronisch auf der Grundlage einer ererbten Disposition 



128 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

oder konstitutionellen Erkrankung, speziell Skropliulose, Tuberkulose, 
Anämie, Syphilis ; er ist eine regelmässige Folge- und Begleiterscheinung 
der adenoiden Vegetationen, auf welche desshalb stets zu fahnden ist; 
ebenso gesellt sich gerne zu Tonsillarhypertrophieen. 

Symptome und Verlauf entsprechen durchaus denen bei Er- 
wachsenen; das Leiden findet sich in seiner hj'perplastischen wie 
atrophischen Form erstaunlich oft bei Kindern. Die räuspernden, 
hustenden, auch wohl dicke, eingetrocknete Sekretkhunpen expektoriren- 
den Patienten werden dem Arzte nicht selten mit der Besorgniss zuge- 
führt, dass es sich bei ihnen um ein Lungenleiden, um Phthise handele. 

Die Prognose ist im Allgemeinen schlecht, insofern als das 
Leiden ähnlich wie bei Erwachsenen auch einer lange fortgesetzten und 
energischen Behandlung hartnäckig Widerstand leistet. Bei der Pharj'n- 
gitis sicca lindern alkalische Gurgelwässer, Pinselungen mit Tct. Jodi 
und Glycerin ää die Trockenheit und das Brennen; Granrdationen 
sind im Nothfall mit dem Lapis, noch besser mit dem Thermokauter 
zu vernichten oder auch mit dem scharfen Löffel zu entfernen. Ade- 
noide Wucherungen und hypertrophierte Tonsillen müssen rationeller 
Weise vor allem entfernt werden. 

Unterstützend wirken ev. antiskrophulüse etc. Allgemeinverordnungen. 

Hypertrophia tonsillaris. Die chronische Hyperplasie der Maudehi 
ist die Folge recidivierender oder vom Anfang an chronischer Entzündung ; 
auch ist sie in manchen Familien scheint's erblich und findet sich be- 
sonders häufig bei zarten anämischen und skrophulüs(Mi Kindern. Sie 
kann schon in früher Jugend auftreten, entwickelt sich meist ganz all- 
mählich, bis sie rein mechanisch durch ihre Grösse Erscheinungen macht. 
Die hypertrophirten Mandeln beeinträchtigen in etwas das Schlucken, 
wenigstens grösserer Bissen, behindern die Nasenathmung, so dass die 
Patienten mit offenem Munde athmen und des Nachts schnarchen ; ja 
es kann im tiefen Schlaf zu dyspnoetischen Anfällen kommen, und 
mancher Pavor nocturnns mag auf diese Störung zurückzuführen sein; 
auch accjuiriren die Kinder leichter Respirationsstörungen, von denen bei 
den adenoiden Vegetationen genauer die Rede ist; die Stimme wird 
näselnd, die Aussprache des 1 und r undeutlich ; in Folge des Druckes 
auf die Tube wird das Gehör nicht selten schlechter. Durch kouipll- 
zirende, in Folge von Sekretstauung unterhaltene oder hervorgerufene 
Pharyngitis entstehen habitueller Husten, chronischer Schnupfen, Stau- 
ungen in der Nase und Epistaxis, chronische Lymphdrüsenschwellungen 
am Halse. Alle diese Erscheinungen treten noch prägnanter auf, wenn 



Die Krankheiten der Verdaimiigsorgane. 129 

sich, wie das meist der Fall zu sein pflegt, adenoide Vegetationen mit 
der Mandelhypertrophie vergesellschaften. 

Unter diesen Umständen besinne man sich nicht, durch die ebenso 
leicht als rasch und verhältnissmässig schmerzlos auszuführende Amputation 
des in das Rachenlumen vorstehenden, dasselbe erfüllenden Theils der Ton- 
sillen allen Klagen und Beschwerden ein Ende zu machen. Nur aus- 
nahmsweise wird die viel eingreifendere und schwierigere Exstirpation der 
ganzen Mandeln nöthig sein, indem man dieselben mittelst eines Doppel- 
hackens aus ihrer Nische stark hervorzieht und an ihrer Basis mit 
einem geknöpften Messer oder der gebogenen Scheere abschneidet. 
Einen sicheren Schutz vor wiederkehrenden Anginen oder vor Diphtherie, 
den sich manche Eltern von dieser Operation versprechen, gewährt die- 
selbe nicht; man sieht auch kleine zurückgebliebene Reste der Tonsillen 
danach von Neuem erkranken. 

Adenoide Vegetationen. Dieselben Ursachen, welche im Rachen 
zur chronischen Pharyngitis und Tonsillarhypertrophie führen, lassen es 
im Nasenrachenraum zu einer Hyperplasie des lymphatischen Gewebes 
klimmen, welches von Waldeyer seiner Gestalt wegen als lymphatischer 
Ring, gewöhnlich als Rachentonsille bezeichnet wird. Dasselbe wuchert 
in Folge wiederholter entzündlicher Prozesse, die von der Nase nach 
hinten, oder vom Rachen nach oben wandern, oder aber wiederholter 
primärer Entzündungen der Rachenmandel selber dermaassen, dass es 
allmählich ziu' Bildung förmlicher Drüsengeschwiüstmassen , der soge- 
nannten adenoiden Vegetationen kommt. So darf es nicht Wunder 
nehmen, wenn wir die Affektion einmal in rauhen, nasskalten Klimaten, 
sodann im Kindesalter, das ja zu Katarrhen in den oberen Luftwegen, 
Anginen u. dergl. sehr neigt, und speziell wieder bei Skrophulösen 
finden, deren Disposition zu Schwellungen lymphatischer Gewebe be- 
bekannt ist. Das Leiden ist ganz besonders für den Kinderarzt unge- 
mein wichtig. Nicht bloss betreffen ^/a aller Fälle überhaupt Kinder, 
sondern die Affektion beeinträchtigt auch im hohem Maasse die Ge- 
sundheit, ja die körperliche und unter Umständen auch die geistige 
Entwickelung und setzt eine grosse Reihe von beträchtlichen Störungen. 

In einigermaassen ausgeprägten Fällen ist das Krankheitsbild 
typisch. Da die Wucherungen den Lufteintritt durch die Nase er- 
schweren, sehen wir die Kinder meist mit geöffnetem Munde stehen; 
aus der obstruirten Nase entleert sich mehr oder weniger reichlich das 
schleimig-eitrige Sekret, das z. Th. dem adenoiden Gewebe, z. Th. der 
komplizirenden (primären oder meist sekundären) Rhinitis chron. ent- 

Hauser. Grundriss der Kinderlieilkunde. Zweite Auflage. 9 



130 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

stammt; dasselbe Sekret findet sich auf der hinteren Rachenwand mid 
giebt Veranlassung zu Kratzen und Hustenreiz im Halse. Am häufigsten 
finden wir die Nase ganz trocken (Stockschnupfen) und den Rachen im Zu- 
stande der chronischen, hypertrophierenden Pharyngitis. Die Sprache klingt 
gestopft, nasal. Die Respiration ist behindert, im Schlafe schnarchend, 
unregelmässig, nicht selten mühsam. Bei langem Bestände bekommt 
der Oberkiefer wohl durch forcierte Aspiration eine spitzbogenartige 
Wölbung, der Unterkiefer eine mehr eckige Form ; die Naseneingänge 
sind gewöhnlich eng, die Nase selbst an ihrem Ansatz etwas gedunsen. 
Der Eindruck der Kinder ist oft ein etwas blöder, apathischer. 

Analysiren wir eingehender die Folgen der Affektion, so zeigt sich 
dieselbe schon durch die einfache Behinderung der Nasenathmung als 
eine recht schwerwiegende Gesundheitsstörung. Dadurcli da^^s die Kinder 
fast nur mit dem offenen Munde athmen , trocknet der Pharynx , die 
Mundsehleimhaut aus. Da die Luft auf dem Wege durch die Nase 
nicht von Staub und Keimen gereinigt, angefeuchtet, angewärmt in die 
oberen Luftwege gelangt, konnnt es zu häufigen Katarrhen in Larynx, 
Trachea, Bronchien und Lungen. Die Athembehinderung kann speziell 
in Rückenlage und bei komplizierendem akutem Schnupfen so gross sein, 
dass förmliche Dyspnoe mit Anfällen von Pavor nocturnus, asthmatischen 
Zuständen auftritt. So habe ich es erlebt, dass die Mutter eines Kindes, 
das ich wegen diphtherischen Croups zum ersten ]\Ial, einige Wochen 
später wegen einer wohl durch geringe Trachealstenose bedingten Be- 
hinderung der Expektoration bei Keuchhusten zum zweiten Male traeheo- 
tomiert hatte, eine 3. Tracheotomie verlangte, weil sie wegen nächthcher 
Athemnoth die Erstickung befürchtete. Bei jüngeren Kindern mit 
nachgiebigem, besonders rachitischem Thorax entwickeln sich durch den 
vermehrten Zug der Inspirationsmuskeln nicht selten Hühnerbrust und 
andere Brustkorbverbiegungen. Zu wichtigen Störungen im Gehörorgan 
führt schon der rein mechanische Verschluss der Tubenöffnungen seitens 
der adenoiden Massen und deren Sekrete: Resorption der Luft in Tube 
und Mittelohr und Einwärtsdrängen des Trommelfells durch den über- 
wiegenden äusseren Luftdruck und damit Schwerhörigkeit, Ohrensausen, 
Schwindel. Ernster gestalten sich die Folgen, \venn bei der Sekret- 
stauung im Nasenrachenraum Entzündungserreger ihren Weg in Tube 
und Mittelohr nehmen, und es dort zu Tuben-, Mittelohrkatarrh, 
Eiterung, Perforation des Tronnnelfells , Entzündung und Caries der 
Kjiochen kommt. In noch viel höherem Maasse wie bei der Tonsillar- 
hypertrophie wird der Schlaf durch das Schnarchen und die Entstehung 



Die Krankheiten der Verdauungsorgaue. 131 

von Athemnothaiifällen , von Pavor nocturnus, schweren Träumen ge- 
stört; auch Enuresis nocturna soll die Folge sein können. Nicht 
selten leiden die Patienten, wohl in Folge von Sekretstauune- in Nase 
und Stirnhöhle, chronischer Congestion an dumpfem Kopfschmerz, Ein- 
genommensein des Kopfes; dieser Zustand, sowie die Schwerhörigkeit 
verleiht den Kindern nicht bloss häufig das Aussehen von Imbecilleii, 
wozu das Offenstehen des Mundes, die Schwellung und Sekretion der 
Nase, die unbeholfene, undeutliche Sprache noch sehr beitragen, sondern 
es scheint in der That erwiesen, dass die adenoiden Vegetationen auch 
den Geisteszustand der Befallenen ungünstig beeinflussen können. 

Alles dieses ist Grund genug, dass der Kinderarzt dieser Affektion 
die grösste Aufmerksamkeit schenkt. 

Ihre Diagnose ist leicht; die klinische ist gegeben und wird 
durch die lokale Untersuchung ebenso leicht ergänzt. Zwar ist die 
Okularinspektion auf dem Wege der Rhinoskopia posterior bei Kindern 
selbst für den Geübten recht schwierig. Doch giebt die Digitalesploration 
des Nasenrachenraumes sofort den Befund: man stellt sich seitlich rechts 
und etwas nach hinten von dem sitzenden Kinde, umfasst mit dem linken 
Unterarm den Kopf des Kindes und presst denselben fest an die Brust; 
während der linke Zeigefinger, um das Kind am Beissen zu verhindern, 
am linken Mundwinkel des Kindes eingeht und dessen Lippen zwischen 
die Zahnreihen einstülpt, führt man den rechten, ev. armirten Zeige- 
finger rasch um weichen Gaumen und Uvula herum nach den Choanen- 
öffnungen hinauf; so gelangt die zart tastende Fingerspitze auf 
weiche, glatte, schlüpfrige Massen, die in der Hauptsache vom Dache, 
zum kleineren Theil von den Seitenwänden des Nasenrachenraumes aus- 
gehen und diesen mehr weniger erfüllend, die hintere Rachenwand hinab- 
hängen. 

Damit ist sofort die Therapie angewiesen. Man halte sich nicht 
mit Aetzungen u. dergl. auf, sondern entferne in halber Chloroform- 
narkose oder in Bromaethylnarkose mit kuretteähnlichen Instrumenten 
nach bekannten Vorschriften die ganzen Massen, möglichst mit einem 
energischen Schnitt; nöthigenfalls lasse man eine Behandlung der 
komplizirenden chronischen Nasen- und Rachenaffektion , ev. der 
Gehörsstörung folgen. Es ist dies einer der dankbarsten therapeutischen 
Eingriffe, durch den wir ein Heer von bedrohlichen oder sehr lästigen 
Erscheinungen rasch und dauernd beseitigen. 

Abgesehen von solchen chronisch entzündlichen und hyperplastischeu 
Prozessen beobachtet man in selteneren Fällen eine primäre Tu berku- 

9* 



132 Die Krankheiten der Verdaimngsorgane. 

lose der Rachenmandel und zwar weniger in der Form des tuber- 
kulösen Geschwüres als von tulierkulösem Tumor. Diese Lokalisation 
der Tuberkulose ist für die Propagierung der bacillären Infektion zu- 
nächst auf dem Wege der Lymphbahnen (Hals-, Mediastinaldrüsen, 
Ductus thoracicus, von da aus in die Lungen, den ganzen Körper) wie 
auch direkter Aspiration von der grössten Bedeutung. Die Behandlung 
hat auch hier in einer radikalen, glatten Beseitigung des erkrankten 
Organes zu bestehen. 

Die Struma tritt hier und da angeboren und in familiär so ge- 
häufter Zahl auf, dass man eine direkte Vererbung und zwar auch 
eines erworbenen Kropfes anzunehmen laerechtigt ist, als Ausdruck einer 
kongenitalen Bildungsanomalie. 

Viel gewöhnlicher ist das Entstehen einer weichen, hyperplastischen 
Kropfgeschwulst im späteren Alter. Besonders häufig findet man sie 
gegen die Pubertät hin bei jungen Mädchen ; hier scheint sie häufig in 
einem engeren Zusammenhange mit der Chlorose zu stehen, sowie mit 
den geschlechtlichen Entwickelungsvorgängen. 

Ihre Behandlung besteht in letztgenannten Fällen in einem der 
Chlorose entsprechenden diätetischen Regime und der Darreichung von 
Eisen. In anderen Fällen versucht man es mit der äusseren und 
inneren Anwendung von Jodpräparaten , mit der vorsichtigen und gut 
kontrollirten Verabreichung von Hchilddrüsentabletten ; in hartnäckigen 
Fällen mache man Injektionen von Jodoformemulsion. 

Die Kraükheiten des Oesophagus. 

Angeborene Anomalien der Speiseröhre, Defekt und Atresie, 
Obliteration haben kaum mehr als pathologisch-anatomisches Interesse, 
wenn auch heutzutage vielleicht ein operativer Versuch bei ihnen ge- 
wagt werden dürfte. Dasselbe gilt von der kongenitalen Verengerung 
und Divertikelbildung. 

Kaum grössere praktische Bedeutung haben die entzündlichen 
Prozesse, die sich im Anschluss an Mund- und Rachenentzündungen 
entwickeln können; so wissen wir, dass die Diplitherie sich per continui- 
tatem bis in den Magen erstrecken kann, ebenso bis zur Cardia hinab 
iler Soor. Ungleich wichtiger ist .schon die korrosive Oesophagitis, da 
bei mangelnder Aufsicht Kinder nicht selten ätzende, kaustische Stoffe, 
alkalische Laugen, Säuren, sehr heisse Getränke und dergl. schlucken. 
Der nächste Effekt, wenn nicht baldiger Tod eintritt, ist, abgesehen von 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 133 

den heftigen Schmerzen, der Nahrungsverweigerung, Würgen, die lokale 
Entzündung, m der Folge die Bildung eines Geschwüres, das heilen 
kann und dann meist eine Narbenstriktur hinterlässt. Die Behandlung 
hat im Anfang in einer event. Neutralisation der Lauge oder Säure zu 
bestehen, in der Linderung der Schmerzen, Einleitung einer Ernährung 
per rectum. Später geht man zur Einführung einer reizlosen flüssigen 
Nahrung per os über und sucht der Oesophagusstriktur durch Sondirung 
vorzubeugen resp. die gebildete Striktur durch Mackenzie'sche Sonden 
oder Senator'sche Laminariasonden zu erweitern. Gelingt dies nicht, 
so bleibt nur die Gastrotomie zur Erhaltung des Lebens übrig. 

Die Krankheiten des Magens und des Darms. 

Die Erkrankungen des Magens und Darms spielen im Kindes- 
imd speziell im Säuglingsalter eine ganz besonders wichtige Rolle; ja 
sie beherrschen geradezu durch die ausserordentliche Häufigkeit ihres 
Vorkommens die ganze Pathologie der ersten Lebensperioden ; sie sind 
es in erster Linie, welche die hohe Mortalität der Säuglingsperiode ver- 
ursachen; akut auftretend, liefern sie meist sehr bedrohliehe, jedenfalls 
stets beunruhigende Erscheinungen; die mehr chronischen Formen be- 
einträchtigen auf das Schwerste den Allgemeinzustand, die Ernährung 
und weitere Körperentwickelung. 

Um die verschiedenen Formell der Verdauungsstörungen des Kindes 
richtig und rechtzeitig zu erkennen, bedarf es der genauen Kenntniss 

des Aussehens und der Beschaffenheit einmal des normalen, sodann 
des dyspeptischen Stuhlganges speziell des Säuglings. 

Der Brustkindstuhl ist von mittlerer Konsistenz, eigelb, mit 
etwas Weiss gemischt, so dass man sein Aussehen am Besten mit dem 
des Rühreies vergleicht, oft mehr dünnbreiig, seltener derber. 

Der Kuhmilchstuhl ist durchweg derber, fester, dickbreiig bis 
festbreiig, etwas trocken und nicht von so eigelber Farbe, meist heller 
weissgelb; geformter Stuhl weist wie beim Brustkinde auf Verstopfung. 

Bei schlechter Ausnutzung des Milchfettes, die bei Dyspepsieen 
die Regel zu sein pflegt, kann der Stuhlgang eine fettige Beschaffen- 
heit, eine fettglänzende Oberfläche annehmen. 

Werden neben der Milch sehleimige Dekokte gegeben, so verändert 
sieh deren Aussehen entsprechend, auch die Farbe des Stuliles, wird 
dunkler, bräunlich, bei Kakaozusatz deutlich braun. 



134 Die Krankheiten der VerdauiJngsorgane. 

Der normale Stuhlgang von Brustkindern reagirt und riecht 
intensiv sauer, der des künstlieh, mit Kuhmilch ernährten Kindes zeigt 
schwach saure oder amphotere, in vielen Fällen sogar alkalische Reaktion 
und leichter etwas üblen Geruch. Nur in der ersten Zeit nach der Ge- 
luu-t und bei sehr fett- und kohlehydratreicher Nahrang haben auch 
Kuhmilchkinder in Folge eines reichlicheren Milchsäure- und Fettsäure- 
gehaltes gewöhnlich ebenfalls saure Reaktion. Unter allen anderen 
Verhältnissen kann man aus der sauren Reaktion von Kuh- 
milchstühlen fast stets auf mangelhafte Fett- und Milchzucker- 
resorption, meist in Folge zu reichlicher Zufuhr dieser beiden Stoffe 
oder andersartiger Kohlehydrate schliessen. 

Diarrhöeische Stühle sind dünnbreiig bis dünnflüssig, selbst 
wässerig ; schleimige, blutige, eitrige Beimengungen beweisen eine ernstere 
Dai-merkrankung. 

Dyspeptische Stühle zeigen ganz gewöhnlich statt der gelben 
oder Weissgelben eine grünliche oder selbst intensiv grüne Farbe. Die- 
selbe rührt von einer Oxydation des Bilirubin zu Biliverdin her und 
soll immer durch alkalische Reaktion an irgend einer Stelle des Darmes 
entstehen. 

Wenn ein normaler und normal gefärbter Stuhlgang längere Zeit 
der freien Luft ausgesetzt wird, so kann auch hier durch Oxydation 
eine Grünfärbung eintreten. Man muss also darauf achten lassen, ob 
die Grünfärbung bereits gleich nach der Stuhlentleerung zu kon- 
statiren war. 

Ferner zeigen dyspeptische Stühle keine gleichmässige Beschaffen- 
heit, sondern es wechseln nach Farbe und Konsistenz getrennt, derbere 
Theile mit weicheren, dünneren (gehackte oder stückige Stühle). Ganz 
gewöhnlich findet man in solchen Entleerungen weissliche Bröckel und 
Stücke von festerer Beschaffenheit; daneben sieht man gallertige oder 
gallig gefärbte, bräimliche Darmschleimfäden und -fetzen, die von den 
Müttern öfters für Parasiten gehalten werden. 

Es giebt eine leichtere Art von Dy spepsi e, bei welcher die 
Kuhmilchstühle sauer reagiren (Fettdiarrhöen), schlechte Verai'beitung von 
Fett und Kohlehydrat beweisen, und eine schwerere Form, bei 
welcher zwar die Reaktion normal alkalisch ist, bei der aber die alka- 
lische Zersetzung des Eiweiss (Kasein) über die Norm hinausgeht, und 
die sich vor allem durch stärkeren Fäulnissgeruch kennzeichnet. 

Ein schleimiger Katarrh kennzeichnet sich durch die reich- 
lichere Beimengung von Schleim, der theils dem Stuhlgang aufgelagert, 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 135 

ihn z. B. bei Dickdarmreizung in grösseren Massen bedecken kann^ 
theils' denselben, wenn er dünnflüssig, reichlich, in Streifen durchsetzt. 

Schleimig-eitrige, rein eitrige und blutig-eitrige Bei- 
mengung oder die Entleerung solcher Massen ohne fäkulente Theile, 
sowie intensiver Gestank deuten auf eine schwere Alteration der Darm- 
schleimhaut, ihrer Drüsen, auf geschwürige Processe. 

Fettdiarrhöe. Ein reichliches Auftreten von Fett in Gestalt 
von Tröpfchen und Kugeln, die als breites, zusammenhängendes Netz- 
werk oder in grösseren, glänzenden, lachenartigen Ansammlungen auf- 
treten, soll mehr für ungenügenden Zutritt und unzureichende Ein- 
wukung der fettspaltenden Säfte (Pankreas, Galle), der Befund von 
Fettsäure und fettsauren Salzen in Form von zahlreichen, in Nadeln, 
Krystallen von Grashalmform und von manchmal perlmutterglänzendem 
Aussehen soll mehr durch eine ungenügende Fettresorption bedingt sein. 

Ein grösserer Fettgehalt lässt sich nach Durchschütteln mit salz- 
saurem Aether unter dem Mikroskop, am Sichersten dui'ch Extraktion 
des Trockenkoths nach Soxhlet erweisen. 

Die mikroparasitäre Flora des Stuhlgangs ist nach bakterio- 
logischen Regeln zu untersuchen. 

Die regelmässige Untersuchung der Stuhlgänge ist bei allen 
Digestionsstörung'sn und bei der Ueberwachung der Resultate einer ver- 
ordneten Ernährung ebenso wichtig, meist noch wesentlicher, wie die 
physikalische Untersuchung des Kindes selber. 

Man lasse sich die Stühle in die feuchten Windeln eingeschlagen, 
möglichst in der Kälte und an der freien Luft aufbewahren, auf welche 
Art sie sich genügend lange konserviren. 

Man prüft die Reaktion des Stuhlgangs mit Lakmuspapier, event. 
nach vorheriger Befeuchtung des Kothes. 

Einer chemischen Untersuchung kann man die oben genannten 
weissen Bröckel unterwerfen; versetzt man in einem Reagenzglase die- 
selben mit etwas Wasser und einigen Tropfen Millon'schem Reagens, 
so erweisen sie sich durch Rothfärbung beim Erhitzen als Eiweiss, 
wenigstens in ihrer Hauptmasse; in diesem Falle behalten sie ihre 
Klumpenform. Enthielten sie gleichzeitig reichlicher Salze und Seifen, 
so lösen sie sich meist auf, wobei sich auf der Flüssigkeit Fett- 
tröpfchen ansammeln können. Die sog. Kaseinflocken stellen also 
nicht unverdautes Eiweiss, sondern nur mangelhaft verdaute Milch- 
theile dar. 



136 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

Mikroskopisch erweisen sich diese Bröckel als mit Fettkügelchen 
durchsetzte Milchgerinnsel, feinkörnige Kaseinmassen. 

Fettreste eharakterisiren sich unter dem Mikroskop in der bekannten 
Form ; Seifen erscheinen als eckige Schollen und spalten sich ):)ei Zu- 
satz von salzsaurem Aether. Fettsäuren und fettsaure Salze zeigen die 
charakteristische Nadelgestalt; von krystallisirten Gebilden findet man 
das Tripelphosphat, hie und da Cholestearintafeln. 

Der Schleim zeigt sich in hyalinen, mit Schleimkörperchen durch- 
setzten Streifen. 

Zellen sind an ihrer Form leicht zu erkennen, Nahrungsreste oft 
recht schwer zu deuten (am Leichtesten Fleischfasern und fächeriges 
Pflanzenparenchym). 

Unverdaute Stärke zeigt nach Verreiben einer Kothprobe mit Lugr)l- 
scher Lösung Schwarz- oder Schwarzblaufärbung; mikroskopisch findet 
man wohlgeformte oder zerbrochene Stärkekörnchen mit oder ohne 
bläidiche oder violettrothe Farbe; durch Kochen mit verdünnter Salz- 
säure wird unverdautes Mehl invertirt und lässt sich quantitativ als 
Zucker nachweisen. 

Dyspepsie. Bevor wir auf die durch pathologiscli-anatomische Ver- 
änderungen scharf charakterisirten Affektionen des Magendarmtraktus 
eingehen, empfiehlt es sich, zuerst den Begriff der Dyspepsie abzuhandebi. 
Emmal können wir nicht umhin, wenn auch nicht im Gegensatz zu 
den auf pathologisch -anatomischer Grundlage aufgebauten Krankheits- 
formen, so doch getrennt von ihnen, unter dem Namen der Dyspepsie 
und zwar der primären Dyspepsie eine Reihe mehr oder weniger rein 
finiktioneller Störungen zusammenzufassen mid dieser primären Dyspepsie 
wenigstens im Säuglingsalter eine gewisse selljstständige Stellung zu- 
zuerkennen. Sodann lohnt sich aus Zweckmässigkeitsgründen eine 
vorausgeschickte Schilderung der Dyspepsie, weil das khnische Bild 
bei fast allen Digestions- und einer Reihe von anderen Erkrankungen 
wiederkehrt, wo dann ein einfacher Hin\veis auf diese Schilderung 
Wiederholungen vermeiden lässt. 

Die Dyspepsie der Kinder beruht in solchem Maasse auf den dem 
Kindes- und speziell Säuglingsalter eigenthümbchen anatomischen und 
physiologisclien Verhältnissen der Digestionsorgane, dass zu dem Ver- 
ständniss ilu'er Entstehung und iln-es Wesens eine genaue Kenutniss 
jener unumgänglich ist. 

Die Dyspepsie ist eigentlich ein klinischer Begriff; Dyspepsie heisst 
wörtlich schlechte Vei'dauung. Der Name soll einen Zustand in den 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 137 

VerdauLuigsorganen bezeichnen, in dem die Verarbeitung und damit 
die Assimilation der Nahrung schlecht, ungenügend und unter krank- 
haften Erscheinungen von Statten geht. Dieser Zustand kann nach 
dem Grade, in dem er auftritt, wie nach den Symptomen, mit denen 
er einhergeht, ausserordentlich verschiedenartig sein. 

Den Möglichkeiten ihrer Entstehung nacli kann die Dyspepsie 
eine mehr weniger primäre oder eine rein sekundäre sein. 

Mit dem Namen sekundäre Dyspepsie umfassen wir alle die 
mannigfaltigen Erscheinungen, durch welche sich die schlechte und ge- 
störte Verdauung kundgiebt, wenn ihr als Ursache pathologische Ver- 
änderungen der verdauenden Organe, Gewebe und Zellen zu Grunde 
liegen. Sodann bezeichnet man die Störungen seitens des Digestions- 
apparates, die als Folge und in Begleitung von Allgemeinerkrankungen, 
von Infektionskrankheiten, Blutkrankheiten auftreten, wie sie sich bei 
Affektionen verschiedener Organe und Organsysteme entwickeln, als 
sekundäre Dyspepsie. Ihrer Aetiologie nach unterscheidet sich diese 
sekundäre Dyspepsie, wie wir sie aus der Klinik der Erwachsenen bei 
Phthise, Herzfehlern, Nierenentzündung, Chlorose und Anämie, bös- 
artigen Geschwülsten, Hysterie und Neurasthenie kennen, nicht von 
der des Kindesalters. Die Symptome, mit denen die sekundäre Dys- 
pepsie in die Erscheinung tritt, erklären und schildern sich aus ihrer 
Genese. Sind die verdauenden Gewebselemente erkrankt, werden sie 
schlecht ernährt, so vermögen sie nicht oder wenigstens nicht in genügen- 
dem Maasse die spezifischen zur Verarbeitung der Nahrung nöthigen 
Sekrete abzusondern, vermögen diese auch nicht in der richtigen Weise 
zur Aufsaugung zu bringen. Die Symptome sind im Allgemeinen die- 
jenigen, die wir bei der Schilderung der chronischen Form der primären 
Dyspepsie finden werden, seltener die der akuten Dyspepsie. 

Bei der primären Dyspepsie, der Dyspepsie im eigentlichen 
Sinne, schliessen wir alle die genannten Ursachen aus; wir erblicken 
ihr Wesen in einer primären Störung des Verdauungschemismus. Nicht 
nur müssen Veränderungen in allen lebenswichtigen Organen fehlen, 
sondern es dürfen auch wesentliche Störungen in der anatomischen 
Struktm' der Verdauungsorgane nicht vorausgegangen sein, wenn das reine 
Bild der primären Dyspepsie als einer funktionellen Erkrankung auf- 
gestellt werden soll. Es ist zwar sicher, dass mit der Veränderung der 
normalen ehemischen Vorgänge auch anatomische Gewebsalterationen 
Hand in Hand gehen, mindestens ihr folgen; jedoch sind diese ana- 
tomischen Veränderungen keine einheitlichen, typischen ; im allerersten 



138 Die Krankheiten der Vertlauungsorgane. 

Anfang-e fehlen sie sicher gänzlich ; finden sie sich in spätem Stadien 
der Dyspepsie, so sind sie eben rolgezustan<l dieser. So kommt es, 
dass wir die primäre Dyspepsie wie die Dyspepsie überhaupt nicht auf 
eine anatomisch - pathologische Grundlage stellen können, sie als eine 
funktionelle Stönmg definiren müssen, deren Wesen in einem ver- 
änderten Ablauf der physiologisch-chemischen Verdauungsprozesse besteht. 

Bei der primären Dyspepsie ist unter den Ursachen an erster 
Stelle und vor allem ein Missverhältniss zwischen den den Verdauungs- 
organen zugemutheten Leistungen und ihrer Leistungsfähigkeit zu nennen. 
Ein solches Missverhältniss finden wir zwar auch bei Erwachsenen, und 
als seine Folge eine echte primäre Dyspepsie. Unendlich viel häufiger 
aber begegnen wir im Kindesalter und im Besonderen wieder in dem 
Säuglingsalter. Einmal liegen in dieser Altersperiode die anatomischen 
und physiologischen Verhältnisse noch so, dass Magen und Darm die 
nothwendigen Verdauungssäfte nur in quantitativ und qualitativ be- 
schränktem Maasse erzeugen, dass auch die motorische Leistungsfähig- 
des Magens und wohl auch des Darms noch nicht so ausgebildet ist, 
dass diese verhältnissmässig muskelschwachen Organe grosse Massen, 
mit denen sie rasch oder andauernd überfüllt werden, ausgiebig und 
prompt weiterzubef ordern vermögen; so kommt es, dass sie jede Arbeit, 
die über das physiologische Maass hinausgeht, verweigern ; so muss eine 
Stagnation von noch ungenügend verdauter Nahrung in Magen und 
Darm und damit eine abnorme Gährung und Zersetzvmg, selbst Fäulniss • 
die weitere Folge sein. Die Unvernunft der Stillenden bei der natür- 
lichen, bei der künsthchen Ernährung die mangelhafte Sachkenntniss 
und die Unmöglichkeit, eine wirklich geeignete Nahrung zu beschaffen, 
dazu die Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit der Mütter und Pflegerinnen 
stellen dem Magen und Darm der Kinder nur zu oft Zumuthungen, auf 
die er mit Krankheit reagiren muss. Eine ziemlich häufige Gelegenheit 
zur Entwickelung der Dyspepsie giebt die Periode der Entwöhnung eines 
Säuglings ab, indem der Uebergang zu der ungewohnten und zudem 
schwerer verdaulichen Nahrung nicht langsam und vorsichtig genug vor- 
genommen wird. 

So erklärt es sich, dass die primäre Dyspepsie die Verdauungs- 
krankheit xar e^oxfjv des Säuglingsalters ist. 

Man unterscheidet eine akute sowie eine sub akute und chro- 
Form der (primären) Dyspepsie. 

Beschäftigen wir uns zunächst mit der akuten (primären) Dys- 
pepsie, HO leuchtet ein, dass bei einem mit gesunden Verdauungsorganen 



Die Krankheiten tler Verdauungsorgane. 139 

ausgestatteten, mit der ihm von der Natur zugewiesejien Nahrung, der Mutter- 
briist rationell ernährten Säuglinge eine solche Dyspepsie nicht leicht ent- 
stehen kann. Doch giebt es nicht nur seltene Ausnahmefälle, in denen 
aus uns derzeit unerklärten Gründen die Milch der eigenen Mutter, 
einer bestimmten Amme dem einen Kinde nicht zusagt, während ein 
anderes bei derselben Milch vorzüglich gedeihen kann, sondern wir sehen 
sogar unerwartet häufig bei der natürlichen Ernährung durch die Mutter 
oder eine Amme akute und subakute Verdauungsstörungen auftreten. 
In der Regel lassen sich als Ursache Verfehlungen gegen die rationellen 
Regeln der Ernährung auffinden, indem die Brust viel zu häufig, ganz 
unregelmässig gereicht, oder aber das Kind bei der einzelnen Mahlzeit viel zu 
lange an der Brust liegen gelassen wird. Trifft dieses nicht zu, so gelangt 
man in der Regel durch wiederholte chemische, mikroskopische und be- 
sonders durch bakteriologische Untersuchungen der Frauenmilch zu einer 
Aufklärung über die Natur der vorliegenden Dyspepsie ; es handelt sich 
dabei seltener um grobe Abweichungen von der Norm der chemischen 
Zusammensetzung der Nahrung, als um bakteriologische Verunreinigungen. 
Besonders häufig in den Fällen, wo Rhagaden, Ulcera an den Brust- 
warzen besteben, aber auch bei ganz intakten Mamnn'llen vermag man 
in den Milchausführungsgängen, wie in den Dejektionen des Kindes 
Streptokokken und pyogene Staphylokokken nachzuweisen, welche Er- 
brechen , heftige Koliken, Dian'höen und damit Ernährungsstörimgen 
hervorrufen. Seltener mögen auch toxische Stoffe aus dem Darmkanal 
der Stillenden in die Milch übergehen. 

In anderen Fällen handelt es sich darum, dass ein zu früh ge- 
borenes, ein schwächlich entwickeltes Kind auch mit normalen und in 
den nöthigen Zwischenräumen gereichten Mengen einer sonst gTiten 
Muttermilch nicht fertig zu werden vermag, indem deren Zusammen- 
setzung seinem Alter, der vmgenügenden sekretorischen und motorischen 
Leistung seiner Verdauungsorgane nicht entspricht. Bei solchen Kindern 
muss man es dann mit kleineren Mengen und einer Verdünnng der 
Muttermilch versuchen. 

Die viel häufigere Veranlassung zur Dyspepsie giebt der Umstand, 
dass dem Säugling von der an und für sich geeigneten Nahrung Mengen 
zugeführt werden, die von Magen und Darm nicht bewältigt werden. 
Das alltäglich zu beobachtende ,, Speien" der Säuglinge beweist, dass 
dieses Übermaass für gewöhnlich ohne schädliche Folgen eüifach mecha- 
nisch wieder abgestossen wird. Doch es kann sich das Speien zum Er- 
brechen steigern, dem Beginn pathologischer Erscheinungen. Das Er- 



140 Die Krankheiten der Yerdauungsorgane. 

brochene besteht aus Milchcoagulis und einer wässerig-scbleimigeii Flüssig- 
keit von grauweisser Farbe, saurem Geruch und saurer Reaktion (Magensaft). 
Die weiteren Folgezustände ergeben sich daraus, dass bei dieser Überfütter- 
ung der muskelschwache, wenig fassende Magen erweitert wird ; die ver- 
dauende und antiseptische Kraft von Salzsäure und Pepsin reichen bei 
der übergrossen Nahrungsmenge nicht aus, Gährungen und Zersetzungen 
der Nahrung zu verhindern; in den Darm übergegangen, verfällt sie 
diesen regelwidrigen chemischen Zersetzungen um so mehr, als noch die 
Einwirkung der normalen Kothbakterien hinzukonunt. Der übergrosse, 
gährende Magen- und Darminhalt kann nicht nur durch Reizung der 
sensiblen Magennerveu Erbrechen, sondern durch reflektorische Fern- 
wirkung, noch wahrschemlicher durch Resoqjtion gebildeter toxisch 
wirkender Substanzen selbst allgemeine Konvulsionen auslösen. Beim 
Uebergang dieses ungenügend bearbeiteten, bereits in Gähi-ung über- 
gegangenen Speisebreies in den Darm sind die weiteren Folgen Reizung 
der Darmnerven wie der Darmschleimhaut, Steigerung der Peristaltik, 
Entleerung dysjseptischer Stühle, sodann Koliken, Dian-höe, Gasent- 
wickelung. Erbrechen und Ructus, lieziehungs weise Flatulescenz, ein 
intensiv sam-er oder ranziger Geruch der Faeces deutet auf die Bild- 
ung flüchtiger Fettsäuren, ein Fäulnissgeruch, dem Säuglingsstuhl sonst 
fremd, auf Eiweisszersetzung. Bei dieser Beschaffenheit der Faeces 
wird die Haut in der Umgebung des Anus entzündlich gereizt. Bald 
stellt sich gestörter Schlaf und daneben Anorexie em, welche das Bild 
einer leichteren Dyspepsie vervollständigen, die wir je nach dem Ueber- 
wiegen der Magen- oder Darmerseheinungen wieder in eine D. gastrica 
oder D. intestinalis scheiden können ; eine scharfe Trennung besteht 
freilich in den seltensten Fällen ; es liegt in der Genese der Dyspepsie 
begrändet, dass fast stets der gajize Verdauungstraktus sich betheiligt zeigt. 

Frühzeitg pflegt auch die Rückwirkung auf den Gesammtorgani.'*- 
mus augenfällig zu werden : Das Körpergewicht bleibt mindestens stehen, 
meist ninmit es ziemlich rasch ab, da die Nahrung nicht in normaler 
Weise ausgeiuitzt, gewöhnlich auch nicht in ausreichender Menge auf- 
genommen wird; Eiweiss- und Fettresorption leiden stark. Wohl m 
Folge einer toxischen Einwirkung geliildeter und resorbirter Gifte steigt 
die Körpertemperatur unter Beschleunigung von Puls und Respiration; 
die Kinder werden unruhig, bald erregt, bald somnolent, verdriesslicli- 
schlaflos. 

Um vieles schwerer fallen die Störungen aus, wenn nicht bloss 
eine zwar qualitativ gute, nur durch ihre Uebermenge nicht zu verar- 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 141 

beitende natürliche Nahrung, sondern eine durch ihre mechanischen, 
chemischen und physiologischen Eip'enschaften den kindlichen Ver- 
dauungsorganen nicht entsprechende, ja sie direkt schädigende, künst- 
liche Nahrung eingeführt, wird. Nur selten wird durch ein sofortiges 
Erbrechen vind A'ollkommene Entleerung des Magens der drohenden 
schweren Dyspepsie die Spitze abgebrochen. Meist ist schon sofort eine 
weitergehende Störung eingeleitet und wird durch zurückgebliebene Nahr- 
ungsreste fortgeführt. Die Vorgänge, die sich nun im Magen abspielen, 
sind zunächst rein chemische. Bei der geringen Salzsäure- uud Pepsin- 
sekretion findet eine Peptonisirung der Eiweisskörper nicht, wenigstens 
nicht in genügendem Maasse statt; dieselben bleiben unverarbeitet und 
sind dadurch einer alkalischen Zersetzung sehr zugänglich. Da die anti- 
septische und antifermentative Kraft der spärlichen Salzsäure zu schwach 
ist oder vollkommen fehlt, entfalten an und für sich niclit pathogene 
Mikroorganismen, die stets in grösserer oder geringerer Zahl mit der 
Luft, der Nahrung, aus dem IMunde und Rachen eingeführt werden, 
eine verderbliche Thätigkeit; sie zersetzen die Kohlehydrate der Nahrung: 
die schon normaler Weise erzeugte Milchsäure wird excessiv reichlich 
entwickelt ; es kommt durch die Einwirkung von Hefepilzen neben der 
Milchsäurezersetzung des Zuckers zu einer Alkoholgährung, und weiter 
wird aus dem Alkohol Essigsäure, aus der Milchsäure Butter-, Kohlen- 
säure, Wasserstoff. Der Mageninhalt wird intensiv sauer, nicht, wie 
normal, durch reichlichen Salzsäure-, massigen Milchsäuregehalt, sondern 
fast ausschliesslich dm-ch organische Säuren. Theils durch die Ein- 
wirkung dieser Säuren, theils durch Bakterieneinfluss werden die Fette 
rascher und mehr wie normal in Glycerin und Fettsäuren gespalten 
(Palmitin-, Olein-, Stearinsäure). Alle diese Zersetzungsprodukte reizen 
ilie sensiblen Magennerven, es kommt regelmässig zu heftigem Erbrechen, 
wobei die Natur der Gährungen sich durch den intensiv sauren, bezw. 
ranzigen, bei Eiweisszerfall auch direkt fauligen Geruch des Erbrochenen 
verräth. Die entwickelten gasförmigen Produkte, Wasserstoff (auch in 
seltenen Fällen Schwefelwasserstoff) und Kohlensäure veriu-saehen Ructus, 
deren übler Geruch denselben Ursprung hat, wie der des Erbrochenen. 
In dem übermässig gefüllten, durch Nahrungsrückstände, Gährungs- 
jsrodukte erweiterten Magen bleiben diese in Zersetzung begriffenen 
Massen liegen (bis zu 7 Stunden und länger), da die motorische Kraft 
lies Organes versagt ; doch auch die sekretorische , soweit überhaupt 
noch vorhanden, hört auf, eine Resorption kann nicht mehr in nor- 
maler Weise statthaben oder aber sie hat schwere Störungen zur Folge, 



142 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

weil eben das resorbirte Material ein pathologischeiä geworden ist (siehe 
Darm). 

Wie wir es vom Erwaclisenen kennen, so müssen wir auch für das 
Kind subjektive Symptome als Folge dieser chemischen krankhaften 
Vorgänge annehmen, also Magendruck, Magenschmerz, Sodbrennen, die 
sich freilich nur durch allgemeine Schmerzäusserung verrathen. 

So weit gediehen, kann der 'chemische Prozess kaum je mehr zum 
raschen Stillstand gebracht werden. Die gährenden Massen sind in den 
Darm übergetreten und führen zu immer weitergehenden Störungen. 
Die für den Darm normalen Gährungä- und nur ganz geringen Fäul- 
nissvorgänge arten durch die üeberschwennnung mit Mikroorganismen 
imd Zersetzungsprodukten aus. Diese Mikroorganismen infiziren den 
ganzen Darm; sie verdrängen die normalen Pilzformen, welche daselbst 
vegetiren und eine wahrscheinlich nützlich, nothwendige Thätigkeit bei 
der Verdauung hpielen; mindestens beeinträclitigen sie deren Wirksam- 
keit oder sie verändern sogar dieselben in ungünstiger Weise, verleihen 
ihnen toxische Eigenschaften, wie wir dies ^'on mancher Synbiose wissen. 
Die Reizwirkung der organischen Säuren führt zu sehr gesteigerter Peri- 
staltik, zur Diarrhöe, wobei neben den unverdauten, rasch den Dann 
passirenden Nahrungsbestandtheilen, übelriechenden Gasen und Säuren 
sehr bald die Sekrete der gereizten Darmschleimhaut entleert werden. 
Theils die direkte chemische Irritation, theils die übermässige Ausdehn- 
ung durch Gase (Tj'mpanitis) erregt heftige Koliken. 

Doch noch weit schlimmere Zustände als die bisher geschilderte 
Zersetziuig der Kohlehydrate und Fette erzeugt diejenige der Eiweisskörper. 
Wofern nicht bereits ausserhalb des Körpers in der Milch, die bekannt- 
lich einen vorzüglichen Nährboden für zahlreiche ^Mikroorganismen dar- 
stellt, durch saprophytische oder patbogene Keime Umsetzmigen der 
Nährstoffe speziell des Eiweisses stattgefunden, bei denen es zur Bild- 
ung ausgesprochener Giftstoffe kommen kann, finden nunmehr solche 
Umsetzungen innerhalb des Darmes statt; dieselben liefern nur selten 
bloss das relativ harmlose Leucin, Tyrosin, Indican ; ungleich verderb- 
licher erweisen sich neben Schwefelwas.'^erstoff diejenigen Produkte der 
Eiweissfäulniss, die unter dem Namen Ptomai'ne und Toxalbumine als 
gefälirliche Gifte erkannt worden sind ; sie werden zum geringeren Theile 
schon im Magen, hauptsächlich im Darm erzeugt, und ihre Resorption 
macht die schwersten Vergiftungsersclieinungen : Fieber, Kopfschmerz, Be- 
nommenheit bis zum Sopor, oder auch Delirien, allgemeine Abgeschlagen- 
heit, Herzlähmung oder Krämpfe. In diesen schweren Fällen eröffnet 



Die Krankheiten der Verdauungsoi-gane. 143 

meist massenhaftes Erbrechen die Scene; von Ructus und Würgen unter- 
brochen, pflegt dasselbe sich oft zu wiederholen. Das Erbrochene be- 
steht Anfangs in grossen Mengen einer meist nur wenii>- verdauten Nalir- 
ung ; "war dieselbe bereits längere Zeit Gährungsprozessen unterworfen, 
so zeigt sie jene oben beschriebene saure , widerlicli ranzig oder faulig 
riechende Beschaffenheit. Hat sich der Magen seines Inhaltes entledigt, 
so erfolgt oft noch mühseliges Würgen von Schleim und Galle; auch 
jede frisch eingeführte Flüssigkeit oder Nahrung wird meist sofort wieder 
erbrochen. Dem Munde des Patienten entströmt ein charakteristischer 
saurer oder fötider Geruch. Der Appetit liegt vollkommen darnieder; 
an seiner Stelle meldet sich meist ein brennender Durst. Die Lippen 
werden spröde und rissig, die Zunge trocken und belegt. Sehr bald 
oder gleichzeitig beginnen auch die Darmerscheinungen; eine diarrhöische 
Entleermig folgt der andern ; erst noch leidlich normale, verdaute Nahr- 
ung aufweisende, nur dünnere Stühle, sehr bald graugrüne Faeces, die aus 
unverdauter Nahrung, Käseklümpchen, Fett bestehen, in saurer oder auch 
alkahscher Gährung begriffen, mit Schaumblasen untermischt, sauer-, übel- 
riechend, öfters faulig stinkend sind. Der Leib wird durch die Tympanie 
der Darmschlingen aufgetrieben, empfindlich auf Berührung, wobei in 
sehr schweren Fällen auch an eine Mitbetheiligung des Peritoneums, 
eine Peritonitis serosa, fibrinosa, selbst purulenta zu denken ist. Die 
Reizung der sensiblen Darnmerven führt zu heftigen Koliken, bei 
denen die Kinder unter schmerzhaftem Geschrei sich winden. Die 
Diarrhöen und das Erbrechen können bald zu dem vollkommenen Bilde 
der Cholera nostras führen. In anderen Fällen gesellt sich zu diesen 
Erscheinungen ein eklamptischer Anfall; derselbe kann gleichzeitig mit 
Fieber die Eeihe der Symptome beginnen; folgen sich die Konvulsionen 
Schlag auf Schlag, so bringen sie für sich allein den Patienten in 
grosse Gefahr. — Bei der klinischen Untersuchung finden wir den Magen 
und Darm meist tympanitisch aufgetrieben, bei Einführung des Magen- 
schlauchs entweichen oft reichliche Gasmengen; daneben findet sich im 
Magen öfters viel zäher Schleim ; mikroskopisch lassen sich neben Epi- 
thel- und Lymphzellen Pilzfäden, Hefezellen, Bakterien und Kokken 
aller Art, chemisch Buttersäure, nicht selten ein abnorm hoher HCl-Ge- 
halt, stets Lab, meist auch Pepsin und Pepsinogen nachweisen. 

So durchlaufen die Erscheinungen der akuten Dyspepsie die ganze 
lange Stufenreihe von den leichtesten, rasch zu behebenden Magen- 
oder Darmstörungen bis zu dem schweren Bilde einer Cholera infantum 
oder bald tödtlichen Vergiftung, Herzlähmung. 



144 Die Krankheiten der Verdaimngsorgane. 

Dass es bei solchen primären Dyspepsien statt um eine bakterielle 
Infektion des Magen- oder Darmkanals und in der Folge um eine 
Intoxikation des Organismus durch mikroparasitäre Stoff Wechselprodukte 
sich um eine einfache Säureintoxikation handle, wie eine neuere Lehre 
will, ist ganz unwahrscheinlich. 

Die geschilderte Form der Dyspepsie tritt mit Vorliebe bei künst- 
lich ernährten Kindern auf. Es erklärt sich dies einmal aus der ab- 
weichenden physiologisch - chemischen Beschaffenheit der künstlichen 
Nahrungsgemisehe, welche zweifellos an die Verdauungsorgane grössere 
Anforderungen stellen und die Gefahr einer Unterfütterung desshalb 
viel grösser und häufiger erscheinen lassen. In der Hauptsache wird 
es darauf hinauskommen , dass eine gröbere Verunreinigung , eine In- 
fektion der Thiermilch ungleich häufiger, meist kaum zu vermeiden und 
auch dm'ch Kochen und Sterilisiren nie mehr ganz unschädlich zu 
machen ist. 

Die Prognose der akuten Dyspepsie bewegt sich nach den ge- 
gegebenen Schilderungen in den weitesten Grenzen und muss bemessen 
werden nicht bloss nach der Schwere und iler Dauer der Erscheinungen, 
dem Alter, Kräftezustand des Kindes, sondern leider auch nach ganz 
äusserlichen Gesichtspunkten; sie richtet sich in der Praxis in erster 
Linie danach, ob dem erkrankten Kinde sofort und ausgiebig dia beste 
Pflege und richtige Nahrung verschafft werden kann; sodann spielt 
eine hohe Lufttemperatur, das Klima eine gewisse Rolle. 

Doch nicht bloss in der Heftigkeit, der Intensität der Erschein- 
ungen, sondern auch nach der Zeitdauer derselben kann die primäre 
Dyspepsie ganz verschieden auftreten. Die Dyspepsie kann ganz akut 
einsetzen, rasch zum günstigen oder letalen Ausgang ablaufen, oder 
aller sie geht aus heftigen, plötzlich eingetretenen Symptomen allmählig 
in weniger energische über, die aber Wochen und Monate lang bestehen 
bleiben, oder endlich sie tritt subakut mit solchen milderen, Anfangs 
vielleicht ganz harmlos aussehenden Erscheinungen auf, dieselben bleiben 
aber mit Schwankungen in pejus und melius bestehen und schleppen 
sieh langsam' lange Zeit dahin, um durch die Dauer der Störungen am 
Ende nicht weniger bedrohliche Folgezustände entstehen zu lassen, wie 
sie die heftigste akute Dyspepsie hervorruft. 

Die subakute ujid chronische (primäre) Dyspepsie tritt häufig 
sehr bald nach der Geburt und dann fast ausscliliesslich bei künsthch 
ernälirten Säuglingen auf. Ihre Genese liegt nielit sowohl in groben Fehlern 
der Diätetik, die zudem meist eine ziemlich akute Störung verursachen. 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 145 

Ihre eigentliche Basis hat die clironische Dj^sjsepsie in dem physiologisch- 
chemischen Unterschied zwischen der natürlichen und der künstlichen 
Nahrung, in der Thatsache, dass eine Anzahl von Neugeborenen ausser 
Stande ist, ihr Verdauungs vermögen der künstlichen Ernährung anzujjassen. 
Wir sehen leider nicht allzu selten, dass auch bei einer vorzüglich geleiteten 
und überwachten , sogenannten rationellen künstlichen Ernährung die 
Kinder zunehmend deutlicher dj^speptische Erscheinungen bieten und nicht 
gedeihen wollen. Während vielleicht im ersten Anfang die stark ver- 
dünnte Milch scheinbar ziemlich gut vertragen «iirde, zeigt sich, sobald 
man durch das zunehmende Alter und die mangelhafte Körpergewichts- 
zunahme gezwungen, die Mischung verstärkt, dass zeitweise, meist ganz 
unregelmässig stärkeres Speien, Erbrechen von gekäster, aucli wohl 
noch gar nicht geronnener Milch eintritt: der Stuhl anfangs und bei der 
Kuhmilch eigentlich normaler Weise meist etwas obstipirt und weisslich, 
bekommt ein ungleichmässiges, sogenannt stückiges und gehacktes An- 
sehen, indem ihm zmschen den verdauten gelblichen Theilen weisse un- 
verdaute Kaseintheile beigemengt sind; er hat eine gemischt grünlich- 
weissliche Färbung, seine Konsistenz wird dünner, seine Entleerung 
erfolgt nicht mehr schmerzlos, sondern unter Koliken; eine reichlichere 
Ausstossung von Gasen lässt auf Gährungen im Darm schliessen; 
Fieber fehlt meistens. Während diese Symptome an Häufigkeit des 
Auftretens wechseln, keine bedrohliche Intensität erreichen, ja vorüber- 
gehende Besserung zeigen können, beweist das Allgemeinbefinden des 
Kindes, das-s es krank ist; es schreit viel, hat auch Nachts keinen 
stundenlangen, ruhigen Schlaf, es windet und krümmt sich oft unter 
Koliken, es leidet unter einon hartnäckigen Intertrigo ad nates, bei 
vielem Speien und Brechen auch an Intertrigo colli ; im Munde finden sich 
hie und da Aphthen, öfter siedelt sich Soor an; das Kmd scheint wohl 
auch nie satt zu sein; nach 1 — 1^/2 Stmiden verlangt es unter Geschrei 
nach der Flasche, da von jeder Mahlzeit durch Regurgitiren viel ver- 
loren gegangen ist; andere Patienten liegen wieder apathisch da, zeigen 
gar keinen rechten Hunger, eher bei Darreichung von Thee und dergl. Durst. 
Die Haut wird welk, in Falten abhebbar, da das Unterhautfettgewebe 
schwindet, resp. nicht genügend angebildet wird; die Muskulatur wird 
schlaff, mangelliaft; die Kinder wachsen oft in die Länge, dabei gar 
nicht in die Breite und Dicke; die Fontanelle ist flach oder einge- 
sunken; die Augen liegen tief. Die Wage lehrt eine mangelhafte Zu- 
nahme oder direkte Gewichtsabnahme. Dabei brauchen, wie bereits 
betont, keinerlei heftige Symptome zu bestehen ; im Gegentheil ist es für 

Ha US er, Grundriss der Kinderheilkunde. Zweite Auflage. 10 



146 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

die chronische Dyspepsie charakteristisch, dass alle objektiven und sub- 
jektiven Symptome viel milder erscheinen, wie bei der akuten Form der 
Dyspepsie. Hartnäckiges Erbrechen, stärkere Diarrhöe können voll- 
kommen fehlen ; die Nahrungsaufnahme kann genügend sein, und doch 
erzielt man selbst bei beträchtlicher Verstärkung der Isahrungszufuhr 
in Mischungsverhältniss und Menge keinen Ansatz. Allmählich bildet 
sich so durch chronische Dyspepsie unter ungünstigen Umständen enie 
typische Pädatrophie heraus. 

Zweifellos spielen in der überwiegenden Mehrzahl dieser Fälle 
ebenso wie bei der akuten Dyspepsie Verunreinigungen der Milch, bak- 
terielle Infektionen und Intoxikationen die entscheidende aetiologische 
Rolle. Jedoch bleiben nach meiner persönlichen Ansieht noch eine ganze 
Reihe von Fällen, in denen nicht dieser Faktor-, sondern die künstliche, 
schwerer verdauliche Nahrung als solche die Schuld trägt, wo sie nicht durch 
ihr Uebermaass oder ihr bakteriologisches Verhalten schädlich zu wirken 
brauchte, sondern wegen ihrer chemisch-physiologischen Beschaffenheit den 
kindlichen Verdauungsorganen unüberwindliche Schwierigkeiten darbietet, 
imd dieser Widerspruch die chronische Dyspepsie des Säuglings erzeugen 
muss. 

Aeltere Kinder zeigen die ckronische Dyspepsie in erster Linie 
durch Störung des Appetits an; sie weisen entweder jede Nahrung ab, 
oder aber sie zeigen sich launisch im Essen, verlangen ungewohnte 
salzige, pikante Dinge; ihre Zunge ist mehr weniger belegt; es besteht 
meist Foetor ex ore, Aufstossen ; bald tritt dazu ein imregelmässiges 
Erbrechen, häufig geäussertes Uebelsein besonders nüchtern des jMorgens 
und nach jeder Mahlzeit; die Kinder verlieren ihre Munterkeit, die 
Spiellaune, schlafen viel und zu ungewohnten Zeiten, klagen über ein- 
genommenen, schmerzenden Kopf; die Messung ergiebt öfters unregel- 
mässiges, meist geringes, vorübergehend auch einmd hohes Fieber; der 
Stuhlgang ist verstopft, bei stärkerer Betheiligung des Darmes diarrhöisch; 
die Magengegend, der tympanitisch aufgetriebene Leib sind spontan 
(kardialgisch und kolikartig) oder auf Druck empfindlich. Allmählich 
magern die Kinder ab. 

Therapie der Dyspepsie: Die Prophylaxe besteht in der 
Durchführung einer nach physiologischen Grundsätzen und auf Grund 
der Regeln, wie sie sich aus der praktischen Erfahrung ergeben haben, 
anzuordnenden Ernährung, wobei es ebenso auf die Vermeidung zu 
reichlicher Nahrungszufuhr, zu häufiger Mahlzeiten wie — speziell 
bei den künstlich ernährten Kindern — auf die Verabreichung einer 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 147 

rationell gemischten und nicht infizierten Nalirung lierauskommt. Die 
hierbei zu beobachtenden Massnahmen finden sich in dem Kapitel „Diä- 
tetik" ausführlicli begründet. 

Bei der akuten Dj'spepsie wird es vor allem darauf ankommen, 
so rasch als möglich den gestörten Verdauungschemismus wieder zu 
einem normalen zu gestalten. 

Bei Brustkindern wird man, wo Ueberfütterung vorliegt, für 
ein nicht zu häufiges und zu langes Stillen sorgen müssen. Scheint 
eine sehr gehaltreiche, spez. fette Milch einer kräftigen, älteren Amme 
dem Kinde die Dyspepsie zu verursachen, was auch chemisch zu er- 
weisen wäre, so kann man mit Vortheil auch die Muttermilch verdünnen, 
indem man dem Kinde vor der Brust etwas Zuckerwasser oder ein 
schleimig-mehliges Dekokt reicht. Zu einem Ammenwechsel wird man 
sich erst dann entschliessen , wenn trotz regelmässiger, nicht zu 
voluminöser Mahlzeiten die Dyspepsie nicht weichen will, und natür- 
lich in allen denjenigen Fällen, in denen die bakteriologische Unter- 
suchung das Vorhandensein von pathogen wirkenden Mikroorganismen 
in der Milch .nachweist. 

Bei akut einsetzenden Dyspepsien künstlich ernährter Kinder 
wird man von Anbeginn aktiver vorgehen dürfen. 

Die erste zu erfüllende Forderung besteht in der Entfernung des 
abnormen Mageninhaltes; scheint die Heilkraft der Natur durch aus- 
giebiges Erbrechen derselben noch nicht genügt zu haben, so erzielt 
man den angestrebten Zweck am raschesten und mildesten durch eine 
Magenausspülung; dieselbe ist entweder und zwar besonders bei jüngeren 
Kindern und Säuglingen eine direkte vermittelst Heberschlauch oder 
eine indirekte, indem man ältere, verständigere Kinder die Spülflüssig- 
keit in möglichst reichlicher Menge trinken lässt, so lange bis ausgiebiges 
Erbrechen eintritt. Jedenfalls wirkt die Magenaussjoülung auf die an 
und für sich schon empfindliche Magenschleimhaut nicht entfernt so 
irritirend, wie selbst die mildesten Brechmittel. 

Als Spülflüssigkeit benutze man eine physiologische Kochsalz- oder 
Emsersalz-, AViesbadener Kochbrunnsalz -Lösung oder schwache anti- 
septische Lösungen, speziell Borsäure oder ganz schwache Thymol-, sehr 
zweckmässig auch eine ganz schwache (^/2 "lo) HCl-Lösung. Der Er- 
folg ist bei der akuten Dyspepsie im Allgemeinen sehr günstig; nament- 
lich das Erbrechen hört meist sofort auf, und der Appetit hebt sieh; 
die akute Dyspepsie ist so recht eigentlich die Domäne der Magen- 

10* 



148 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

ausspülung, iiebeu der freilich die übrigen hygienischen und diätetischen 
Massnahmen nicht an Bedeutung verlieren. 

Da meist mit Grand anzunehmen ist, dass bereits zersetzter Magen- 
mhalt in den Darm übergetreten ist und auch dort eine Dyspepsie ein- 
zuleiten droht oder beginnt, so schliesst man der Magenauspülung zweck- 
mässiger Weise bald grössere, jedenfalls abführende Dosen von Kalomel 
an, natürlich nur dann, wenn der Brechreiz gering ist oder aufgehört 
hat ; sein Erfolg dürfte in erster Linie seiner laxirenden, weniger seiner 
desinfizirenden Kraft zuzuschreiben sein. Noch lieber gebe ich das viel 
rascher und dabei sehr mild wirkende Ricinusöl, das von den allermeisten 
Kindern, spez. von allen Säuglingen ohne Schwierigkeiten eingenonnnen 
und stets gut vertragen wird ; am Besten reicht man wiederholte kleine 
Dosen, um Erbrechen zu vermeiden und eine weniger explosive Wirkung 
zu erzielen; einem Säugling gebe man es theelöf feiweise stündlich, älteren 
Kindern kinderlöffelwelse, 1 — 3 mal, auch öfter, bis voller Erfolg ein- 
getreten ist. Werden diese Mittel wiederholt erbrochen, so wird man 
seine Zuflucht zu reichlichen, hohen Darmeingiessungen mit einfachem 
Wasser, bei heftigen Koliken mit dünnem Kaniillenthee nehmen. 

In vielen Fällen, besonders allen leichteren, kann man der künst- 
lichen Entleerung von Magen und Darm völlig entrathen und kommt 
allein mit der Regelung der Ernährung aus. 

Die zweite Indikation wäre unbedingte Ruhe und Schonung für 
das erkrankte Organ in Gestalt einer angemessenen, mindestens 
bis 12 stündigen, wenn es geht, noch längeren Hungei-pause. Den be- 
sorgten Eltern, die es meist kaum begreifen wollen, dass man dem 
kranken, durch Erbrechen, Diarrhöe, Schmerzen, Fieber, mangelhafte 
Nahrungsaufnahme geschwächten Kinde keine Nahrung zuführen will, 
stelle man vor, dass die Verdauungsorgane in dem erkrankten Zustande 
nicht in der Verfassung sind, Nährmaterial zu verarbeiten und auf- 
zusaugen, und dass dieses sofort der herrschenden Gährung und Zer- 
setzung verfällt, und damit die Krankheit von Neuem angefacht und 
verschlimmert werden muss. 

Hungern, doch nicht dürsten lasse man die dj-speptisch erkrankten 
Kinder. Es besteht nicht bloss eine symptomatische Indikation, den 
meist brennenden Durst zu lindern, sondern auch die, den AVasserver- 
lust des Körpers zu decken, der durch Erbrechen, Diarrhöe, Fieber er- 
zeugt ist, sowie die aller Wahrscheinlichkeit nach bereits gebildeten 
und resorbirten Toxine aus den Körper auszuspülen. Das Getränk darf 
natürlich nur ganz reizlos, steril sein und höchstens minimale Mengen 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 149 

Nährstoff enthalten, soll Jagegen zweckmässig etwas analeptlsch wirken. 
Am meisten bewährt sich wohl ein ganz dünner Aufguss aus schwarzem 
chinesischen Thee, wohl auch von Fenchel oder Pfefferminz; doch er- 
regen die ätherischen Oele dieser Drogen leichter Ekel und Erbrechen; 
besteht eine Veranlassung, energischer anregend, stärkend und Kräfte 
sparend vorzugehen, so setzt man entsprechend kleine JMengen guten 
Cognacs zu ; nicht so zu empfehlen sind der Leichtzersetzlichkeit wegen 
zuckerhaltige Getränke, also auch Ungarwein; aus demselben Grunde 
setzen wir das Eiweisswasser erst an zweite Stelle. 

In Fällen raschen und bedrohlichen Kräfteverfalls mag man dem 
Wasser wolil auch etwas Somatose oder Plasmon zusetzen ; noch rascher 
und besser dürfte aber stets Zusatz von Rohrzucker und Alkohol wirken. 

Das Getränk wird anfangs in ganz kleinen Portionen und ab- 
gekühlt gereicht, je nach der Stärke des Brechreizes von lauwarm bis 
zu eiskalt; erst wenn solche kleinste Gaben, thee- bis esslöffel weise, in 
kürzeren Zwischenpausen, ^ji — ^/a stündlich gereicht, gut vertragen, nicht 
erbrochen werden, geht man vorsichtig zu grösseren Mengen wärmeren 
und warmen Getränkes über, das entsprechend seltener gegeben wird. 

Nach 12 — 21 Stunden versucht man bei günstigem Verlaufe sodann 
wieder zur eigentlichen Nahrung überzugehen; man vermeidet unbedingt 
zunächst noch die Milch, als einen überaus leicht der Gährung ver- 
fallenden Körper, und giebt an ihrer Statt dünne schleimige Dekokte 
mit möglichst wenig i-esp. leichter verdaulich gemachtem Amylum, also 
Reis-, Hafer-, Graupenschleim, Rademann'sche, Theinhardt'sche Kinder- 
mehlsuppe; auch die alte Liebig'sche Suppe hat man in solchen Fällen und 
besonders bei subakuten Dyspepsien wieder mit Vortheil herangezogen 
und ihr als leicht verdauliches Kohlehydrat Maltose oder Malzextrakt 
zugefügt; in dieser Form hat sie für alle Fälle, wo man die Milch 
längere Zeit auszusetzen gezwungen ist, vor den einfachen schleimigen 
Dekokten den Vorzug eines höheren Nährgehaltes voraus. Diese Nähr- 
mittel sind überall leicht und in steriler Form zu beschaffen; sie stellen 
im Gegensatz zur jNIilch einen für die Entwickelung von Mikroorganis- 
men ungünstigen Nährboden tlar, verändern dadurch in kurzer Zeit die 
Existenzbedingungen und damit das ganze Bild der Darmflora, und vor 
Allem entsprechen sie auch bei ihrem geringen Nährgehalt der Indikation 
der Schonung, einer Ruhekur für die affizirten Magendarmzellen, spez. 
Epithelien. Als nächstes kommen leichte Fleischbrühen an die Reihe mit 
solchen schleimigen Zusätzen, Gries, Reis, wohl auch Haferkakao, natür- 
lich in Wasser gekocht, Zwiebaeksuppe ; daneben weiter durststillende 



150 Die Krankheiten der Verdauuugsorgane. 

Getränke. Der günstige Erfolg dieser Ernährung pflegt sich gewöhnlich 
rasch zai zeigen : das Erbrechen hat aufgehört, die Stühle verlieren ihren 
dyspeptischen Charakter, ihren Geruch; sie erfolgen seltener, werden 
konsistenter; die grüne Farbe weicht einer weiss-gelben (Reis), grau-weiss- 
lichen, bräunlichen (Hafer, Kindermehle). Erst wenn die genannte 
Nahrung gut vertragen wird, die Dyspepsie in Heilung begriffen sich 
zeigt, geht man wieder zur Milch über; man lieginne mit einer Milch- 
mahlzeit im Tage, dabei mit starker Verdünnung und steige allmählich 
von 1/4 Milch, das Uebrige Schleim zu 'k, ^'2 etc. von Tag zu Tag 
bis zu der früher gegebenen Mischung und Flaschenzahl. 

Bei älteren Kindern geht man von Schleimsuppen langsam und 
vorsichtig zu dickeren Breien (Reis-, Gries-, Haferflocken, Zwieback), 
zu geröstetem Weissbrot, Kartoffelpüree, endlieh feingewiegtem, gekochtem, 
magerem, weissem Fleisch über, bis allmählich die früher gewohnte Kost 
wieder Platz greifen kann. 

A^on Arzneimitteln giebt man, wenn man nicht lieber, wie ich es thue, 
ganz auf solche verzichtet, nach Ablauf des ersten Stadiums am Besten 
kleine Dosen Salzsäure, wohl auch in Verbindung mit Pepsin, bei stärkerem 
Brechreiz, intensiverer Gährung mit Kreosot zusammen; Andere empfehlen 
sehr das Resorcin, Von stärkeren Antisepticis muss man schon in An- 
betracht deren Gefährlichkeit Abstand nehmen. Alle Versuche, durch 
die Einverleibung solcher Mittel, wie Kalomel, Naphthalin eine Des- 
infizirung des Magendarmkanals zu erzielen, sind als ganz aussichtslos 
abzulehnen. Die einzig rationelle Desinfektion ist und bleibt ein Ab- 
fühi'mittel sowie die totale Veränderung des Nährbodens für die In- 
fektionserreger. 

Gegen eine länger andauernde Diarrhöe erweisen sich Bismuth. 
subnitr. oder salicyl. als wirksam, wohl auch Bittermittel, speziell Tct. 
Catechu, Colombo, Ratanha, oder das Tannin, nicht in der schwer ver- 
daidichen chemisch reinen Form als Aeid. tannic, sondern in Gestalt 
von kleinen Mengen guten Rothweins, den man dem Getränk oder 
den schleimigen Suppen zufügt, von Eichelkaffee, Eichelkakao oder 
von den verbesserten neuen Tanninpräparaten Tannigen, Tainialliin und 
besonders Tannocol über. Zu warnen ist auf das Entschiedenste vor 
Opiaten, selbst bei heftigem Tenesmus, starken Koliken, gegen die Ricinusöl 
und hohe Darmirrigationen unendlich viel rationeller ankämpfen. 

Die Diätetik der akuten Dyspepsie besteht im Uebrigen selbstver- 
ständlich in Bettruhe, mindestens im Anfang, jcilenfalls bei bestehen- 
dem Fieber, in einem gut gelüfteten, staubfreien, kühlen (12 — 13 "E-) 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 151 

Zimmer, aus dem alle Dejektionen, durch Erbrechen und Stuhl be- 
schmutzte Wäsche sofort entfernt werden müssen , in der nöthigen Haut- 
pflege mid Reinigung. Gegen Fieber wende man keine inneren Anti- 
febrilia, sondern hydropathische Einpackungen, laue Bäder an; in jedem 
Fall empfiehlt es sieh, dauernd einen Priessnitzumschlag auf das Abdomen 
zu legen; speziell bei Tj'mpanitis und Koliken; mu' bei grosser Schwäche 
mache man die Umschläge warm resp. heiss ; bei kühlen Extremitäten ver- 
ordne man Wärmflaschen. Somnolenz, heftigen Kopfschmerz, cerebrale Er- 
scheinungen bekämpft man mittels der Eiswasserblase oder Eiskomjjressen. 
Drohendem Kollapse wirke man durch Wärme, heisse Kamillen-, Senf- 
bäder, Einspritzungen von Camph., Aeth., dm'ch Cognac, im Nothfall 
eisgekühlten, ganz herben, zuckertreien Champagner (englische Marke) 
entgegen ; bei rapider Eindickung des Blutes dm-ch grosse Wasserverluste 
wirken subcutane Infusionen von physiologischer Kochsalzlösung oft 
zauberhaft, wenn auch meist nicht für lange. 

Bei der chronischen Dyspepsie soll dem Kinde so rasch wie 
möglich die ihm physiologisch zukommende Nahrmig verschafft werden, 
dem Säugling also die Mutter- resjj. Ammenbrust, dem älteren Kinde 
eine rationell bestimmte, streng durchgeführte Ernährung; das erste 
bleibt fi'eilich unendlich oft ein pium desiderium ; an der Schwierigkeit 
oder Unmöglichkeit der Beschaffung einer natürlichen Milch scheitern 
so manches Mal die gewissenhaftesten und eifrigsten therajieutischen 
Bestrebungen. Doch ebenso häufig gelingt es durch Abstellung der 
groben Versündigungen an den Gesetzen der Physiologie der Verdau- 
ung, welche die chronische Dyspepsie der Säuglinge erzeugen und unter- 
halten, die Dyspepsie und daraus hervorgegangene atrophische Zustände 
zu beseitigen, indem man eine künstliche Ernähi'ung mit der besten 
zu beschaffenden, genügend sterilisü-ten und in richtigem Verhältniss 
gemischten Kuhmilch einrichtet. Hier gelten die bei der Diätetik aus- 
geführten Grundsätze. Besonders verderblich wirkt beim Säugling die 
Darreichimg einer misauber gewonnenen mid schlecht gereinigten, von 
unzweckmässig gefütterten Kühen stammende Milch ; viel geringer ist 
zu bemessen die Schädlichkeit einer verfrühten oder überreichlichen 
Zufuhr von Amylaceen; sodann spielt eine Hauptrolle bei jungeii wie 
älteren Kindern die Ueberfütterung, die Unregelmässigkeit der Mahl- 
zeiten, später der Genuss von Zucker und Konfitüren, von Alkohol, 
schwer verdaulichen fetten Mehlspeisen, Gemüsen, rohem Obst, geräucher- 
ten Fischen u. dergl. 

Was nun die Ernährungsweise bei der chronischen Dyspepsie an- 



152 Die Kä-ankheiten der Verdauungsorgane. 

langt, so kommen für Jen Säugling, der eine gewöhnliche, rationell zu- 
bereitete imd sterile Kuh- oder Ziegenmilchmisehung nicht zu ver- 
tragen scheint, eine Reihe von Milchpräparaten in Betracht, in denen 
man die Kuhmilch leichter verdaulich zu machen bestrebt war, wie 
die Voltmer'sche, Backhaus-, Gärtner'sche Milch. Das Entscheidende 
bleibt jedoch stets, den in ihrer Leistungsfähigkeit geschwächten Ver- 
dauungsorganen möglichst wenig zuzumuthen, und dies erreicht man 
nur diu-ch eine Ruhe-, resp. Schonungsdiät, indem man selbst für längere 
Zeit eine Art von Unterernährung einführt, nicht nur die Nahrangs- 
volumina beträchtlich herabsetzt, sondern auch eine minderwerthige 
Kost mit nicht ausreichender Kalorienzahl reicht; sodann eine Form der 
Nahrung, welche weniger zu bakterieller Zersetzimg neigt, wie die Milch. 
Als solclie kommen die bekannten schleimig-mehligen Dekokte und Kinder- 
mehlsuppen in Betracht. Man muss sich bewusst sein, dass zwar bei einer 
solchen Kost die Kinder zunächst noch nicht ziunehmen können, besten 
Falls im Gewicht stehen bleiben; man kann es aber meist ruhig darauf 
ankommen lassen, wenn sich nur dabei die Magen-Darmepithelien, die 
Verdauungsdrüsen erholen und langsam genesen. Die Hauptsache bleibt 
doch, dass die Verdaumigsstörung erst einmal ausheilt, der ki'ankhafte 
Prozess zum Abschluss kommt; in zweiter Linie steht erst die bes.sere 
Ernährung, die Erholung luid Gewichtszunahme des Patienten. Sind 
erst alle dyspeptischen Symptome einige Zeit völlig geschwunden, dann 
gehe man langsam in der Art, wie es bei der Therapie der akuten 
Dyspepsie geschildert, zu einer besseren Ernährung durch Milchzusatz über. 

Weniger Gewicht als auf die Regelung der Diät wird man auch 
hier auf eine direkte medikamentöse Beeinflussung der Verdauungsorgane 
legen dürfen; immerhin mögen einzebie Mittel dieselben günstig be- 
einflussen können. 

Die Verdauung unterstützend wirken auch bei der clironischen Dys- 
pepsie die Salzsäure, auch kombinirt mit Pepsin, längere Zeit durchgeführte 
Magen- und Darmausspülungen (so günstig wie bei akuter Dyspepsie 
wirken sie freilich nicht), leichte Mineralwassertrinkkuren etc., auf die 
später noch näher eingegangen werden soll. 

Von der Verabreichung der angeblich den Appetit und die Sekretion, 
die motorische Funktion anregenden Stoffe habe ich positive Erfolge 
noch nicht feststellen können, sei es nun, dass man Amara, wie Rha- 
barber, China, nux vomica, oder Mittel, wie das vielgerühmte Orexin 
versuche. Ganz nützli<di hat sich mir dagegen bei älteren Kindern das 
Nutrol in Form eines durststillenden Getränkes zu den Mahlzeiten 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 153 

erwiesen, welclies neben ernährenden Stoffen (Maltose, Dextrose, Dextrin) 
auch Pepsinum dialysatuin, Salzsäure und Bromelin, ein der Ananas 
entstammendes Verdauungsferment, enthält. 



Dass die Veränderungen des Magenchemismus sehr leicht Ver- 
änderungen der anatomischen Elemente zu Folge haben können, ja in 
den meisten Fällen haben müssen, wurde schon erwähnt. Nur bei der 
einfachsten, rasch vorübergehenden Dyspepsie wird es zu phathologisch- 
anatomischen Gewebsveränderungen nicht kommen. Bei einigermassen 
stärkeren und länger andauernden Alterationen des Chemismus vermag 
zwar oft nicht das blosse Auge, stets aber das Mikroskop dieselben 
deutlich nachzuweisen ; sie bestehen kurz gesagt in einer Kongestion, 
einer Entzündung mit Produktion von Sclileim und serösem Sekret, d. h. 
Katarrh. 

Wir reden deshalb von der Dyspepsie als einer funktionellen 
Krankheit, weil alle pathologisch-anatomischen Prozesse, die im Ajischluss 
an dieselbe vorkommen, stets sekundär sind, und vor allem, weil sie 
keine einheitlichen und typischen sind und keineswegs nothwendig zum 
Wesen der Dyspepsie gehören. 

Im Gegensatz dazu weisen die folgenden Krankheitsgruppen typische 
pathologisch-anatomische Grundlagen auf. 

Gastritis (Gastro-Enteritis) catarrlialis acuta. Der akute Magen- 

(darm)katarrh tritt primär oder sekundär auf und ist namentlich bei 
etwas älteren Kindern eine sehr häufige Erkrankung. 

Ursachen des primären Magen(darm)katarrhs sind quantitative 
und qualitative Nahrungsschädlichkeiten, von der einfachen Ueberlad- 
ung des Magens bis zur Einführung verdorbener, stark reizender, giftiger 
oder unverdaulicher Nahrung ; in vielen Fällen werden auch hier primäre 
Infektionen eine Rolle spielen, sei es nun, dass die normalen Dann- 
bakterien unter besonderen Umständen, bei Stagnation von ungenügend 
vorbereiteter Nahrung, Störung des Verdauungschemismus zu übermässiger 
Entwickelung und zur Entfaltung toxischer Eigenschaften gelangen, sei es 
dass mehr oder weniger spezifische Mikroorganismen den Magendarm- 
kanal infiziren, über deren Natur wir noch nichts Sicheres wissen, die 
sicher nicht einheitlichen Chaiakters sind. Häufig geht aus einer pri- 
mären Dyspepsie ein leichter Magenkatarrh, eine sog. Gastrose hervor. 

Sekundär tritt der akute Magen(darm)katarrh auf bei allen fieber- 
haften spez. Infektionskrankheiten. 



154 Die Krankheiten der Verdaunugsorgane. 

Anatomisch ist eine bedeutend verstärkte 8chleimsekretion 
nachgewiesen; die Kapillaren der Magenschleimhaut sind abnorm gefüllt, 
■die Subniukosa hie und da serös geschwollen, die Lymphgefässe erweitert; 
die Salzsilureproduktion scheint verlangsamt und vermindert zu sein; 
sicher leidet die motorii^che Funktion des Magens, so dass die Speisen 
länger, wie normal, in demselben verweilen. 

Die Symptome sind im Allgemeinen dieselben wie bei der akuten 
Dyspepsie, nur heftiger und andauernder. Wir finden also: Auftreibung, 
spontane und Druckempfindlichkeit des Epigastriums, Schlucken, Gähnen, 
Ruotus, Uebelkeit, Erbrechen, Anfangs von Nahrung in mehr weniger 
verdauter Form, in Zersetzung und Gährung begriffener, sauer und 
übel riechender Massen, später ^•on Schleim, Galle; daneben Kopfschmerz 
und Fieber besonders im Anfang; beides durch Resoq^tion fieberer- 
regender Stoffe erzeugt, sistirt oft bald nach .spontan eingetretener oder 
künstlicher Entleerung des Magens. Das Erbrechen erfolgt erst plötz- 
lich, Strom- oder sturzweise, dann quälend, würgend. 

Bald entströmt dem jMunde des Erkrankten ein sog. gastrischer 
Foetor, es bildet sich ein Zungenbelag, mehr weniger heftige Stomatitis 
catarrhalis siniplex, auch aphthosa mit Sjaeichelfluss etc. 

Der Appetit fehlt vollkommen, macht Widerwillen gegen jede 
Nahrung, besonders Fleischnahrung Platz ; an seine Stelle tritt ein leb- 
haft gesteigertes Durstgefühl. 

Gewöhnlich stellt sich eine rasche und starke Abnahme des Körper- 
gewichts und eine gewisse Anämie, ein fahles, leidendes Aussehen ein. 

Nicht selten bildet sich am 2. bis 4. Tage ein typischer Heiiies 
labialis aus, oder es tritt eine Urticaria auf. 

Der Stuhl ist bei reinem Magenkatarrh meist etwas obstipirt; 
wird, wie so häufig, der Darm in Mitleidenschaft gezogen, so finden 
sich auch von dieser Seite die Zeichen ^'on Dyspepsie und Katarrh ein. 

Der Urin wird meist spärlich gelassen , zeigt sich kouzentrirt, 
]i( ichgestellt von Farbe, und lässt reichlich saure harnsaure Salze aus- 
fallen. 

Das Fieber ist meist anfänglicli hocli oder steigt rasch, um nach 
<lem Eintritt von Erbrechen oder Diarrliöe ebenso rasch abzufallen; 
seltener hält es sich einige 'J\ige auf mittlerer Höhe oder zeigt die 
Kurve der sog. Febris gastrica. Von einem echten Typhoid wird sich 
im Allgemeinen die Febr. gastr. durch ihren akuten Beginn, bei längerer 
Dauer (ku'ch das Au.-bleiben von Roseola, Milztumor etc. initerscheiden. 



Die Krankheiten der Verdaimugsorganc. 155 

Der Puls ist ebenso wie die Respiration der Höhe des Fiebers 
entsprechend beschleunigt, häufig aucli unregelmässig ; als eine sehr seltene 
Erscheinung beobachtet man wohl auch eine reflektorische Pulsverlang- 
samung, welche anfangs diagnostische Bedenken bezüglich einer 
Meningitis basilaris aufkommen lassen kann. Als Reflexsymptom fasst 
man auch die hie und da zu bemerkende Pupillenerweiterung und eine 
als Asthma dj'spepticum bezeichnete Dyspnoe auf; beide Er- 
scheinungen werden vielleicht richtiger auf toxische Einflüsse bezogen. 

Mit Beginn der Affektion unter hohem Fieber treten nicht selten, 
namentlich bei jüngeren Kindern cerebrale und nervöse Symptome ein, 
die ausserordentlich beunruhigend für die Umgebung wirken, bei dem 
Arzt diagnostische Bedenken und Besorgnisse erregen können. Diese 
Erscheinungen sind entweder depressiver Natur : Benommenheit, Scliwindel, 
Somnolenz bis zum Sopor, oder Erregungszustände : starker Kopfschmerz, 
Aufgeregtheit, Delirien, selbst heftige Konvulsionen. Ihre Ursachen 
sind wohl in beiden Fällen Toxine, welche Hyperaemie der Meningen 
oder der Gehirnrinde erzeugen. Als sehr seltene Symjjtome wurden 
Apihasie, tetanische Krämpfe beobachtet. 

Diese nervösen Erscheinungen können zu Anfang des akuten 
JMagenkatarrhs so sehr in den Vordergrund treten, dass die ursächliche 
Affektion verkannt wird; differential- diagnostisch können sich grosse 
Schwierigkeiten ergeben, besonders wenn eine eklatante Veranlassung 
zur Gastrose nicht gleich zu eruiren ist. 

Die Prognose dürfte im Allgemeinen bei einigermassen gutem 
Kräftezustand nicht schlecht zu stellen sein. Nur bei sehr schwäch- 
lichen, sehr jugendlichen Kindern, bei heftigen initialen Cerebralsym- 
ptomen, hohem Fieber und Uebergreifen auf den Darm trübt sich 
dieselbe. 

Die Therapie ist im Ganzen die der akuten Dyspepsie : mög- 
lichst rasche Entleerung des Magens wie auch des Darmes durch eine 
Magen ausspülung, resp. ein Laxans (am besten Calomel oder Ol. 
Ricin.); danach für 12 — 24 Stunden absolute Enthaltung von Nahrung, 
dafür vorsichtige Darreichung geeigneten Getränkes, Acid. muriat., 
allmähliche Ueberleitung zu einer zweckmässigen Diät; den Appetit 
kann man durch Bittermittel (Tlnct. amara, Tinct. Chinae composita, 
Rhei vinosa, ev. kombinirt) vor dem Essen gereicht, anzuregen suchen ; 
der Verdauungsschwäche trägt man neben vorsichtiger Ernährung durch 
längeren Gebrauch von Acid. muriat. allein oder zusammen mit Pepsin 
(rein oder als extrakt. pepsin.) nach den Mahlzeiten Rechnung. Die 



15Ö Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

Reihenfolge der Nahrungsstoffe wäre für Säuglinge etwa die von 
leichten Kalbtleischbrühen, schleimigen Suppen zu verdünnter, allmählich 
konzentrirterer Milch, für ältere Kinder folgende: Schleimsuppen und 
leichte Brühen aus fettfreiem, weissem Fleisch, Wasserkakao, Milch; 
altbackenes Weissbrot, Kinderzwieback, Gries, Reis u. dergl. ; Sardellen, 
Kaviar und geschabter roher Schinken, zartes Rauchfleisch, gekochte 
Kalbsmilcher, gekochtes weisses Fleisch, auch Fisch, ganz fett- 
frei; schwarzes Fleisch; Butter, Ei, Kartoffelpüree; leichte Gemüse, 
Kompot, Obst. 

Gastritis acuta toxica und COrrOSiva entsteht durch das leider 
nicht allzu seltene irrthümliche Verschlucken von kaustischen Alkalien 
Mineralsäuren, Pflanzengiften, seltener von zu heissen Flüssigkeiten, Alkohol 
in konzentrirter Form, Karbol, Sublimat, Phosphor, Kali chloricum, welche 
die Magenschleimhaut und natüi'lich meist vorher auf dem Wege dahin 
schon Mund- und Oesophagusschleimhaut reizen, verätzen, verschorfen ; sie 
erregen heftiges Erbrechen, häufig blutiger Massen, unerträgliche 
Schmerzen, starken Durst, Fieber und nachfolgend alle Erscheinungen 
einer schweren akuten Gastritis, neben denen noch die der Intoxikation 
durch Resorption der verschluckten Gifte (Haematurie, Albuminurie, 
Icterus) einhergehen können; in schweren Fällen tritt Kollaps (Cyanose, 
Benommenheit, Asphyxie etc.) ein. 

Der Arzt wird eine thunlichst rasche Unschädlichmachung des 
giftigen Körpers anstreben ; nur wenn es sich nicht um ätzende Stoffe 
handelt, bei denen wegen Perforationsgefahr die Anwendung des !Magen- 
schlauches unbedingt verboten ist, geschieht dies am Raschesten durch 
eine Magenauspülung; anderenfalls sind geeignete Antidota (bei Säuren 
Alkahen, Magnesia in Milch, bei kaustischen Alkalien leichte Säuren, 
verdünnter Essig, Citronensäure) zu reichen ; sodann thut absolute Kühe 
des schwer affizirten Organes durch längere vollkommene Abstinenz 
noth, während eine Ernährung vom Slastdarm aus den Kranken über 
die kritischen Tage hinauszubringen strebt. Die heftigen Entzündungs- 
erscheinungen und die Blutung suche man durch Eispillen, Eisblasen 
und Narcotica etc. zu lindern. 

Die Prognose ist meist sehr ernst. Ueberstehen die Kinder die 
ersten Tage, so bedrohen noch die Gastritis ev. mit folgender Atrophie 
oder die besonders an der kleinen Kurvatur bis zum Pylorus und an 
d^esem sich bildenden Geschwüre durch Blutung, Perforation, späterhin 
Narbenstenosen und Magenektasie das Leben für die Zukunft aufs 
Ernstlichste. 



Die Krankheiten der Verclaunngsorgane. 157 

Die C4astritis diphtlierica kommt nur bei Diphtherie vor als 
Sekundärinfektion und findet dort Erwähnung. 

Gastritis (Gastro-Enteritis) catarrhalis chronica. Der chronische 

Magen(dann)katarrh ist im Kindesalter nicht eben häufig; er findet sich 
noch am ehesten bei älteren und heranwachsenden Kindern. Er entwickelt 
sich entweder aus eurer akuten Magendysjiepsie, einem akuten Magenkatarrh, 
indem der Prozess chronisch wird, oder mehr allmählich in Folge sich immer 
wiederholender Diätfehler, von denen keiner für sich allein hinreichte, 
eine plötzliche und heftigere Schädigung hervorzurufen. Die Zahl der 
möglichen schädlichen Faktoreai, welche, sich summierend, zum chronischen 
Katarrh führen, ist gross; stets sind es überwiegend Ernährungs- 
fehler, zu reichliche, mechanisch oder chemisch, auch thermisch reizende 
Kost, eine dem Verdauungsvermögen nicht angepasste oder eine direkt 
verdorbene, schlechte, infizirende Nahrung. Daneben müssen Unregel- 
mässigkeit der Mahlzeiten, ungenügende Vorbereitung der Speisen durch 
schlechtes Zerkleinern, mangelhaftes Kauen, gro.sse Eile bei dem Essen, 
schlechte Zubereitung, ferner mangelnde allgemeine Hygiene als 
ätiologische Faktoren angeführt werden. Endlich entsteht sekundär der 
chronische Magenkatarrh sehr häufig auf der Basis der Anaemie, Tuber- 
kulose , chronischer Herz- und Lungenkrankheiten ; er kann sich 
schliesslich auch aus einem chronischen Darmkatarrh heraus bilden, 
indem der Prozess nach oben schreitet. 

Seine Symptome sind einmal die der chronischen Dyspepsie, 
d. h. Appetitlosigkeit oder unregelmässiger, launischer Appetit, selten 
hie und da Heisshunger; im Gegensatz dazu macht sich meist 
vermehrter Durst bemei'klich. Die Zunge ist mehr weniger belegt, 
die Mundsclileimhaut katarrhalisch affizirt; es besteht öfters eine 
erhöhte Disposition zu aphthösen Ulcerationen ; auch Foetor ex ore ist 
gewöhnlich ; ebenso fällt häufigeres, manchmal übelriechendes Aufstossen 
auf. Als heftigere Erscheinungen gelten Erbrechen und Magenschmerz, 
während Uebelkeiten und unbestimmbare, unangenehme Sensationen in 
dem manchmal tympanitisch vorgetriebenen Mesogastrium sehr regel- 
mässig geklagt werden. Das Erbrochene hat oft alle Kennzeichen 
eines gährenden Mageninhaltes; als Merkmale des echten Katarrhs 
sind demselben meist deutliche Schleimfäden und -fetzen beigemengt; 
im nüchternen Zustande kann wohl auch reiner oder gallig gefärbter 
Schleim mit etwas Magensaft erbrochen werden. Stets bleibt die Nahr- 
ung abnorm lange im Magen liegen, der Verdauungsprozess läuft lang- 
samer ab, er ist durch Milchsäure- und Fettsäurebildung gestört. Der 



158 Die Krankheiten der Verdaiuuigsorgane. 

Stuhl ist obstipirt, seltener zwischeiidrein diarrhöisch ; der Urin wird 
spärlicher gelassen, ist an Farbe hochgestellt, lässt Urate oder Erd- 
phosphate und kohlensaure Erden ausfallan. 

Das Allgemeinbefinden nimmt deutlichen Antheil; die Stimmung- 
ist gedrückt, launisch, missmuthig, das Aussehen bleicher; der Ernähr- 
ungszustand leidet beträchtlich, das Fettpolster nimmt ab, die Musku- 
latur wird schlaffer; der Schlaf kann unruhig sein (Pavor nocturnus), 
oder es besteht ungewöhnliches Schlafbedürfniss. 

Zwischendrein stellen sich mebi' akute Exacerbationen ein, Fieber, 
reichlicheres, häufigeres Erbrechen, Diarrhöe, Kolik. 

So kann sich die Krankheit mit Schwankungen zum Besseren mid 
Schlechteren Wochen und Monate lang hinziehen. 

Gellt sie in Heilung über, so kehrt der regelmässige Appetit 
wieder, die Zunge reinigt sich, die Defäkation erfolgt normal, der Urin 
wird heller, reichlicher, der Ernährungszustand hebt sich, die Stimnuuig, 
der Schlaf bessern sich. 

Doch bleibt entschieden noch für lange Zeit die Neigung zu Eück- 
fällen, eine gewisse Empfindlichkeit des Magens, bestehen. 

D i f f e r e n t i a 1 d i a g n o s t i s c h kommt die Unterscheidiuig von 
Meningitis tuberculosa, Typhus in Frage; ebenso ist festzustellen, ob 
der chronische Magenkatarrh ein deuteropathisches Leiden (als Folge 
von Tuberkulose, Pleuritis, Chlorose u. dgl.) oder primär idiopathisch ist. 

Die Prognose ist nicht schlecht, sofern eine längere Dauer der 
katarrhalischen Entzündung nicht tiefere Läsionen der Magenschleim- 
haut hervorgerufen hat, sich nicht in Folge der schlechten Eesorptiou 
Ernährungsstörungen als schwere Anaemie, Rhacbitis entwickelt haben. 

Therapie: Ein sorgsam ernährtes Kind wird, wenn es die ge- 
reichte Nahrung überhaupt verträgt, nicht leicht einen chronischen 
Magenkatarrh acc|uiriren. Akute Dyspepsien und Katarrhe sind natürlich 
stets sorgfältig zur Ausheilung zu bringen. In jedem Falle hat man 
genau anamnestisch alle möglichen Entstehungsursachen zu eruiren, die 
Abstellung aller Schädlichkeiten zu veranlassen und eine selii' vorsichtige 
Diät für lange Zeit durchzuführen ; welcher Art letztere sein muss, hat 
der Arzt in jedem einzelnen Falle besonders zu bestimmen, ganz dem 
Alter, der Konstitution des Kindes, dem Grade der Affektion entsprechend. 
Stets sind seltenere, etwa 3 — 4 stündliche, kleinere Mahlzeiten am Platz; 
auf gute Zubei-citung, genügendes Zerkleinern der Speisen, auf guten 
Zustand von Mund und Zähnen, regeli'echtos Kauen, langsames Essen 
ist das grössto Gewidit zu legen ; auch reichlichere Flüssigkeitsmengen 



Die Ej-ankheiten der Verdauungsorgane. 159' 

vermeide man; man lasse zu den Mahlzeiten ältere Kinder nur wenig,, 
dafür lieber eine Stunde nach dem Essen trinken. 

Sehr dienlich köiuien milde Trinkkuren sein ; je nach dem Maasse 
der Schonungsbedürftigkeit steige man vom Emser oder Wiesbadener 
bis zum Homburger (Elisabethquelle), Kissinger oder Karlsbader Wasser, 
in kleinen Dosen 2 — 3 Mal täglich, eine Stunde vor der Mahlzeit. 

Als die Verdauung, speziell die Peptonisirung imterstützende,. 
Gährungsvorgängen entgegenwirkende Medikamente emj)fiehlt sich be- 
sonders die Salzsäure in grossen Dosen (Acid. muriat. pur. 1 — 5 Tropfen) 
zusammen mit Pepsin, letzteres vielleicht in der Form von Pepsinsaft, 
oder -essenz , und zwar ein- bis mehrere Male nach jeder Mahlzeit in. 
1/4 stündlichen Intervallen. Ebenso kann ich entschieden das Nutrol in 
Wasser als diätetisches Getränk, sowie die sog. Laktopeptine empfehlen, 
ein englisches Präparat, das mir mehrfach sehr gute Dienste geleistet 
hat. Ueber Pajsayotin habe ich keine genügende Erfahrung. 

Als Appetit anregend gelten die bitteren Tinct. Chinae compos,, 
Tinct. amara, Rhei vinosa, Extract. fluid. Condm-ango für sich allein, 
kombinirt unter sich oder zusammen mit der abführenden Tinct. Rhei. 
aquosa oder mit kleinen Mengen der Tinct. nucis vomic, 15 — 20 Tropfen 
bis zu einem Theelöffel vor dem Essen, ev. mit einer kleinen Alkohol- 
dose in Gestalt von Wein. 

Einer Verstopfung wirke man durch Salzwasser-, Oelklystiere, . 
Körperbewegung, Gymnastik, Bauchmassage, höchstens mit Rhabarber- 
präparaten (Infus) oder einem Mineralwasser entgegen. 

Magenausspülungen haben im Allgemeinen nicht den vom Er- 
wachsenen her bekannten günstigen Erfolg; doch können sie, wenn die 
anderen Massnahmen nicht genügen, zweckmässig versucht werden; 
ich nehme sie am Liebsten am Abend vor, um einen von Nahrung, 
Schleim, Gährungserregern freien Magen zu erzielen, dem dann die Ruhe- 
pause der Nacht besser zu Statten kommt. Als Spülwasser benutzt man 
am besten physiologische Kochsalzlösung oder eine 0,6 "/o Salzsäure- 
lösung, nur ausnahmsweise Antiseptica. Des Morgens entleert, man die 
in dem nüchternen Magen etwa angesammelten katarrhalischen Produkte, 
Schleim etc. dm-ch einen Becher eines heiss gemachten alkalisch-mu- 
riatischen oder salinischen Mineralwassers. 

Gleichzeitig kann es geboten erscheinen, durch milde Kaltwasser- 
prozeduren, Soolbäder, Land- und Gebirgs- (weniger zweckmässig See-).. 
Aufenthalt auf den Allgemeinzustanif zu wirken. 



160 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

Stets sind an chronischem Magenkatarrh erkrankt gewesene Kijider 
in ihrer Ernährnng und Lebensweise noch viele Monate laug sornsam 
zu überwachen, da Rückfälle häufig sind. 

Gastrektasie. Von der akuten Magenerweiterunp- abgesehen, wie 
sie bei Ueberladung des Magens, bei rasch sich entwickelnder Gährungs- 
tympanie vorkommt und bald durch reaktives Erbrechen ihre Natur- 
heiluug findet, sind chronische Magenerweiterungen im Kindes- und 
selbst Säuglingsalter nicht so selten, wie man früher glaubte. Sie haben 
in den wenigsten Fällen ihre Ursache in einer angeborenen Stenose des 
Pylorus oder tuberkulösen, stenosirenden Ulcerationen daselbst; sie ent- 
wickeln sich vielmehr meist aus einer, man möchte sagen, methodischen 
üeberfüllung des Magens , speziell mit ungeeigneter, lange im Magen 
verweilender, zu Gährung und Gasentwickelung neigender Nahrung- 
Häufig mag es sich dabei um eine mehr weniger andauernde Kontraktur, 
einen Spasmus des Pylorus handeln , dessen Muskulatur durch häufige 
mechanische oder chemische Reizung in einen hyperplastischen, hyper- 
trophischen Zustand gelangen kann. 

Man fasst es kaum, wie nicht bloss in den unteren, sondern 
ebenso in den sogenannten höheren , gebildeten Ständen Pflegerinnen 
und Mütter die Kapazität des kindlichen Magens so überschätzen, die 
einfachsten Regebi der Diätetik vernachlässigen können, dass sie olme 
Innehaltung der absolut nöthigen Pausen dem nach ihrer Meinung 
immer liungerigen Kinde fortwährend neue und immer voluminösere 
Nahrung reichen, wenn Erbrechen eintritt, gleich wieder Ersatz anbieten, 
jede Laune des Kindes, jedes Geschrei mit der Flasche, mit Leckereien 
beschwichtigen, das willkürliche Verlangen des Kindes nach Olist, Brot, 
nach Speisen, die es die Erwachsenen verzehren sieht, ohne Ueberlegung 
befriedigen. Wenn schon eine an und für sich angemessene und leicht 
verdauliche Nahrung durch ihre Quantität schädigen kann, so gilt dies 
besonders und noch viel mehr von schwer zu verarbeitenden, für das 
Alter und die Digestionsorgane des Kindes gar nicht passenden 
Dingen; unter diesen spielen im Säuglingsalter alle Amylaceen, 
alle überwiegend stärkelialtigen Mehlspeisen (Brotspeisen), im späteren 
Kindesalter rohes Obst, Kaitoffeln, Hülsenfrüchte, mehr weniger alle 
Konfitüren, fettes Fleisch (Gans, Schwein), fette und geräucherte 
Fische, fette Saucen, von Gemüsen alle Kohlarten die Hauptrolle. 
Daneben ist die Hast, mit welcher viele Säuglinge und auch ältere , 
Kinder trinken, resp. essen, als ätiologischer Faktor nicht zu unter- 
schätzen. Bei künstlich ernährten Säuglingen scheint mir die Rasch- 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 161 

heit und Leichtigkeit, mit der ihnen aus der oft viel zu grossen 
Oeffnung des Saugpfropfens die Nahrung massenhaft zuströmt, wobei 
sie häufig reichlich Luft mit verschlucken, im Gegensatz zu der 
Mutter brüst, aus der sie in der Regel nur durch stetiges, mühsames 
Saugen Nahrung in begrenzter Menge erhalten, ein fördernder Umstand 
zu sein. Bei älteren Kindern beschuldigt man mit Recht die Eile, mit 
der sie, nicht genügend überwacht, ihre Mahlzeiten verzehren, um schnell 
wieder an ihr Spiel zu kommen, besonders aber die Art und Weise, 
wie Schidkinder, zu spät aufgestanden, ihr Frühstück womöglich unter- 
wegs und laufend hmunter schlingen, ohne die Speisen auch nur an- 
nähernd genügend zu kauen; ebenso die Naschhaftigkeit, die sie mit 
Vorliebe schwer verdauliche und ihnen verbotene Saclien gierig, viel- 
leicht in der Angst, ertappt zu werden, verzehren lässt; sie verlangen 
und erhalten hinter dem Rücken der Eltern häufig von Dienstboten, 
Nachbarkindern luige wohnte, derbe Kost ; endlich kennen manche Kinder 
das physiologische Gefühl der Sättigung gar nicht oder wollen ihm be- 
sonders bei wohlschmeckenden Speisen nicht nachgeben. 

Bei der schwachen Entwickelung und dem geringen Tonus der 
Magenmuskulatur des Kindes und besonders des Säuglings wird der 
Magen leicht über das p)hysiologische Maass ausgedehnt, anfangs nur 
vorübergehend ; doch bald erlahmt gegenüber den sich immer von Neuem 
wiederholenden Zumuthungen die Muskelkraft für die Dauer; ein unter- 
stützendes Moment geben dann im weiteren Verlauf die bei der Ueber- 
fütterung und irrationellen Ernährung sich nothwendiger Weise heraus- 
bildenden Dyspepsieen und Gähi'ungskatarrhe ab , bei denen Gase die 
Hauptrolle als Erweiterer spielen, und die tiefer greifende katarrhalische 
Entzündung die Muskulatur direkt schwächt. 

Die Erweiterung des Magens ist meist eine ziemlich gleichmässige ; 
die grosse Kurvatur reicht unter den Nabel. Bei hochgradiger Ektasie 
kann man manchmal den angefüllten Magen in allen seinen Konturen 
durch die dünnen Bauchdecken sich abzeichnen sehen; in anderen, 
seltenen Fällen bemerkt man peristaltische und antiperistaltische Be- 
wegungen; Plätschergeräusche sind von zweifelhaftem diagnostischen 
Werth; am sichersten sind die Ergebnisse der Perkussion, die man 
unter Lagewechsel am nahmngsgefüUten und besonders an dem künstlich 
aufgeblähten Magen vornimmt. Dabei entscheidet blosser Tiefstand der 
grossen Kurvatur nicht, weil Vertikalstellung, also Stehenbleiben auf 
einer fötalen Entwickelungsstufe, oder totale Abwärtsdrängung vorliegen 
kann. Hie und da gelingt es, vermittelst Heberschlauch-Eingiessung 

Hauser, Grundriss der Kinderheilkunde. Zweite Auflage. 11 



162 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

festzustellen, dass der Magen abnorm grosse Mengen fasst, ohne dass es 
zuni Erbrechen kommt. Die klinischen Erscheinungen sind die der 
Dyspepsia chronica resp. des chronischen Magenkatarrhs und zwar 
weniger Anorexie als Heisshunger abwechselnd mit Appetitlosigkeit, 
viel Aufstossen, auch übelriechender Gase, Erbrechen, verzögerter Ab- 
lauf der Magen Verdauung, Verstopfung, seltener Diarrhöe, dabei Dys- 
trophie oder Abmagerung. 

Bietet die Diagnostik der Gastrektasie schon beim Erwachsenen 
oft Schwierigkeiten, so gilt dies noch viel mehr für das Kind. 

Die Prognose ist im Ganzen nicht schlecht; im Gegensatz zu 
der Magenerweiterung' der Erwachsenen hat eine energische und kon- 
sequente Behandlung oft schöne Erfolge. 

Vor allem ist sofort eine rationelle Diät einzuführen ; man ver- 
abfolge die Nahrung in häufigen und kleinen Portionen ; Amylaceen 
und Fette sind möglichst zu beschränken, alle groben, schwer verdau- 
lichen und daher länger im Magen verweilenden und in Gährung ver- 
fallenden Dinge, als Schwarzbrot, Kartoffeln in Stücken, Kolrlarten, grobe 
grüne Gemüse, Erbsen, Bohnen, Linsen, rohes Obst, ferner dessen Kerne 
und Schalen schliesse man ganz aus ; ebenso sind alle grossen Elüssigkeits- 
mengen zu untersagen, die den Magen stark füllen und den Magensaft ver- 
dünnen. Man bevorzuge Milch in kleineren Dosen, eiweissreiche Bouillon, 
Eier, Fisch und Fleisch, besojiders Wild, sehr zartes Rauchfleisch, 
rohes Fleisch, geräucherten Schinken u. dergl., geröstetes Brot. Daneben 
thun lange Zeit und regelmässig gemachte morgendliche oder auch abend- 
liche Magenausspülungen mit antifermentativen Lösungen (Thymol, 
Salieyl), sowie innerlich Acid. muriat., Kreosot, Argent. nitr., Bismuth. 
subnitr., wohl auch Faradisation und Massage, kalte Douche, kalte Um- 
schläge auf das Epigastrium sehr gute Dienste; besonders hat sich das 
Strychnin bewählt; auch Condm-ango, Eadis Calami, Cort. Chin. er- 
weisen sich durch Anregung der Magen Sekretion nützlich. 

Die Erscheinuncen des Katarrhs und der Ernahruns-sstörunc; schwin- 
den allmählich mit der Rückbildung der Ektasie. 

GastromalaCie dürfte nur in extrem seltenen Tällen intra vitam er- 
worben sein (und führt dann natürlich sofort durch Perforation zum Tode); 
gewöhuhch ist sie^ eine postmortale, gelegentlich auch wohl agonale Erschein- 
ung, kann also klinisches Interesse kaum beanspruchen. 

An und für sich genau derselbe anatomische Prozess führt in 
lokaler Beschränkung zur Entstehung des auch im Kindesalter zu be- 
obachtenden 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 163 

Ulcus pepticum. Das runde Ma.üengescliwür entsteht wie bei Er- 
wachsenen in Folge einer Selbstverdauung durch den Magensaft, der, 
sobald die die Schleimhaut vor seiner Einwirkung schützende Blutcirku- 
lation (Alkalescenz und normaler Ernährungszustand der anatomischen 
Elemente) an einer Stelle gestört ist, einen oberflächlichen Substanz- 
verlust verursacht. Der geringste Grad dieser Selbstverdauung findet 
sich in Gestalt der hämorrhagischen Erosion bei einer Blutung in die 
Schleimhaut hinein, wie sie traumatisch und auch bei einer heftigen 
Gasü-itis auftreten kann, und heilt meist rasch, ohne Folgen zu hinter- 
lassen, aus ; eine ernstere Alteration führt zu einem cirkumskripten nek- 
rotischen Prozess in Form des Ulcus rotundum. 

Dasselbe ist im Kindesalter ungemein selten, am häufigsten noch 
um die Zeit der Pubertät, besonders bei Mädchen; seine Entstehmig 
ist zurückzuführen einmal auf eine örtlich beschränkte Cirkulations- 
und damit Ernährungsstörung der Magenschleimhaut, die dadurch der 
verdauenden Einwirkung des Magensaftes nicht den physiologischen 
Widerstand entgegensetzt, sodann auf ein Missverhältniss zwischen Blut- 
beschaffenheit und Energie des Magensaftes (höhere Acidität), wie sie 
sich besonders bei Anämie und Chlorose und bei Erkrankung des 
Cirkulationsapparates findet. So erklärt es sich, dass das Magengeschwür 
noch am ehesten bei blutarmen Mädchen gefunden wird. 

Symptomatologie, Prognose und Therapie sind genau den bei Er- 
wachsenen entsprechend. 

(Gastro-) Enteritis catarrhaiis acuta. Von einem akuten (Magen-) 
Darmkatarrh sprechen wir, sobald sich die pathologisch -anatomischen 
Merkmale der Schleimhautentzündung annehmen und erkennen lassen, 
d. h. vermehrte Schleimbildung bis zu allgemeiner Verschleimmrg 
der Darmdrüsen, dem Schleimfluss , Hyperämie resp. Stauung in 
den Gefässen und Drüsen, Blutaustritte in den Darmdrüsen, kleinzellige 
Infiltration um die Gefässe und in den Drüsen, Schwellung von Mucosa 
und Subnmcosa, bei den höchsten Graden follikuläre Verschwänmg. 
Dieser Prozess ist noch häufiger, wie der im Magen; in den weitaus 
meisten Fällen geht er mehr weniger ausgesprochen Hand in Hand 
mit diesem. 

Wir unterscheiden wiederum einen primären und einen sekundären 
Katarrh. Der erstere ist überwiegend häufig. 

Der primäre Darmkatarrh beginnt im Darme selbst, indem Nahr- 
ungsstoffe in uneigneter, mechanisch oder chemisch reizender Form oder 
in einer die Verdauungskraft übersteigenden Menge zwar den Magen 

11* 



164 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

iiooli passirt'ii, oluie eine grössere Schädigung hervorzurufen, in den 
Daimkannl gelangt, jedoch dessen Schleimhaut, die verdauenden und 
resorbirenden Zellen und Drüsen entzünden. 

Am häufigsten gielit eine Störung des Darnichemismus, die Ent- 
stehung von pathologischen Gährungen und Zersetzungen, also eine 
primäre Dyspepsie, den ersten Anstoss zu sekundären anatomischen Ge- 
websveränderungen. 

Neben alinormen chemischen Vorgängen gewinnen in diesen Fällen 
wohl häufig, wenigstens sekundär Mikroorganismen einen entzündungs- 
en-egenden und -unterhaltenden Einfluss. 

In einer gesonderten Gruppe von Erkankungen spielen diese Infek- 
tionen die Holle des primären Gährungs- und Krankheiterregers. 

In beiden Fällen vermehren die Produkte des Pilzstoffwechsels die 
Entzündung, komphziren den Verlauf des einfachen Katarrhs. 

In einer Zahl von anderen Fällen greift ein bereits im Magen Ln- 
augurirter katarrhalischer Prozess per continuitatem auf die Darmschleini- 
haut über, facht eine Dyspepsia gastrica, ein Catarrhus gastricus eine 
Dyspepsia intestinalis mit folgender Entzündung an. 

Viel seltener wandert ein dyspeptischer Katarrh von den unter- 
sten Theilen des Darm, dem Rektum das Kolon und den Dünndarm 
hinauf. 

Entsprechend treten die Symptome des Darmkatarrhs rein für 
sich allein oder im Anschluss an und neben denen des Magenkatai-rhs auf. 
Es sind die bei der Dyspepsia intestinalis geschilderten. Die Entzündung 
der Schleimhaut kennzeichnet sich durch vermehrte oder beschleunigte 
Peristaltik, die unter schmerzhaften Koliken erfolgen kann ; imterstützend 
wirkt dabei die tympanitische Auftreibung des Darms durch Gährungs- 
gase; die Folge ist die Entleerung anfänglich von mangelhaft verdauten, 
in Zersetzung begriffenen Nahrungsbestandtheilen , daneben und im 
späteren Verlauf auch ausschliesslich von Produkten des Schleimhaut- 
katarrhs in Gestalt von schleimiger, seröser Flüssigkeit; hat die Entr 
Zündung länger bestanden, greift sie mehr in die Tiefe, oder ist sie von 
vornherein sehr heftig, geht sie mit starker Hyperämie einher, so finden 
sich wohl auch Beimengungen von Blut. 

Folgezustände sind einmal tympanitische Auftreibung des Abdomen, 
die oft hohe Grade erreicht, sodann spontane Schmerzhaftigkeit, die an- 
fallsweise unter dem Bilde der Enteralgie auftritt, wohl auch Druok- 
empfindlichkeit der unter der Bauchdecke gelegenen Darmpartien. 



Die Krankheiten der Verdauiingsorgane. 165 

Die Resorption speziell der Eiweissfäulnissprodukte erregt Fieber, 
Gehirn Symptome. 

Das Allgemeinbefinden leidet auffallend früh und meist stark; 
der Puls ist beschleunigt, die Athniung oberfläclilich, rasch und oft 
durch Stöhnen unterbrochen; das Fieber und die Wasserverluste erregen 
Durst; letztere kündigen sich bei Säuglingen durch Einsinken der Fonta- 
nelle an. Der Harn wird spärlich gelassen bis zur Anurie, ist hoch- 
gestellt, zeigt ausnahmsweise Eiweissgehalt. 

Es können sich papulös-ekzematöse und urticariaartige Hautausschläge, 
auch Herpes einstellen. 

Die Fäces resp. die serös-schleimigen Darmabgänge sind bei Milch- 
ernährung meist grünlich, sauer und faulig riechend, bei gemischter 
Kost missf arben bräunlich , stinkend ; sie weisen neben unverdauten 
Nahrungsresten, besonders nicht resorbirtera Fett, massenhaft Bakterien, 
Kokken, Darmepithelien, Lymph- und Blutzellen, Schleimklumpen und 
-Fäden auf. 

Je nachdem besonders stark oder ausschliesslich der obere oder 
der unterste Theil des Darms befallen ist, wechseln in etwas die Sym- 
ptome; bei Dünndarmkatarrh findet man mehr Koliken, reichlichere, serös- 
wässerige, aber seltenere Stühle, bei Katarrh im unteren Darmabschnitt 
mehr Tenesmus, Entleerung spärlicher, sehleimhaltiger Massen unter 
fortwährendem Drängen. In Folge der dauernden Durchfeuehtung und 
chemischen Reizung der Haut in der Umgebung des Anus, der von 
den Dejektionen beschmutzten Theile bildet sich rasch Intertrigo und 
Erythema heraus. 

Prognose: Unter diesen Erscheinungen, je nachdem sie akuter 
und heftiger auftreten, ein schwächliches, jugendliches Individuum be- 
fallen oder milder, in ihrem Verlauf protrahirter und bei einem älteren, 
widerstandsfähigen Kinde sich einfinden, kann der akute (Magen-) Darm- 
katarrh in schweren Fällen rasch zum Tode führen, andernfalls nach kurzer 
Dauer in Heilung übergehen, oder endlich sich länger hinschleppen, in die 
chronische Form übergehen. Audi die Jahreszeit spielt eine bemerkens- 
werthe Rolle, da gerade in heissen Sommermonaten der akute (Magen-) 
Darmkatarrh als sog. Sommerdiarrhöe ebenso häufig wie gefürchtet ist. 
Nicht zuletzt haben Therapie und hygienische Einrichtungen einen wesent- 
lichen Einfluss. 

In jedem Falle ist die Erkrankung ernst zu nehmen, um so mehr, 
als sie sich auch, wenn freiUch selten, mit akuter Peritonitis (durch 



166 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

örtliches Uebergreifen), mit Bronchitis und Bronchopneumonie kompli- 
ziren kann. 

Die Therapie ist die bei der Dyspepsia intestinalis geschilderte: 
Vor allem Entfernung der krankmachenden und die Krankheit unter- 
haltenden Ingesta, am zweekmiissigsten dm-ch Kalomel oder Oleum 
Ricini; sodann Nahrungsenthaltung, selbst bei einem Brustkinde, für 
mindestens 6 — 12 Stunden, Zuführung leicht roborirender Getränke, 
welche schon vom Magen aus aufgesaugt werden ; Ersatz der verlorenen 
Flüssigkeit durch Thee, bei drohendem Kollaps mit Cognaczusatz, ganz 
allmählicher Uobergaug zu einer den Darm nicht reizenden , nicht leicht 
zersetzlichen , leicht verdaulichen Diät, also schleimige Suppen, Hafer- 
kakao, Eichelkakao in Wasser gekocht, dicke Breie aus Gries, Eeis, 
Hafergrütze, leichte Bouillon, später erst vorsichtig verdünnte Müch. 

Gegen den Katarrh der Sclileimhaut als solchen richtet sich, wenn 
die Diarrhöe, die schleimig- serösen Absonderungen nicht aufhören, in 
medikamentöser Hinsicht vor allem das ganz unschädliche Bismuthum 
subnitricum, auch B. salicylicum in genügend grossen Dosen, Bittennittel 
als Cort. Ratanhae; das Tannin giebt man am besten in der natürlichen 
Form des mit Wasser oder auch mit Thee, Schleim verdünnten Eothweins, 
Heidelbeerwein, als Eichelkakao und dergL, oder in Medikamentform als 
Tannigen, Tannocol; man rühmt diesen Präparaten nach, dass sie erst in 
alkalischem Menstruum , an den erkrankten Stellen ihr Tannin freigeben, 
nicht nur eine energische ailstringirende und sekretionsbeschränkende 
Wirkung auf die Darmschleimhaut, besonders auf die in den unteren 
Darmtheilen sitzenden Lieberkühn'schen Drüsen ausüben, sondern viel- 
leicht auch desinf izirend , auf die Entwickelung der Mikroorganismen 
hemmend wirken und mit Alkaloiden und Toxalbuminen unlösliche und 
daher ungiftige Verbindungen eingehen. 

Während man bei allen dyspeptischen und akuten katarrhalischen 
Zuständen gewöhnlich ohne alle Medikamente auskommen wird, schienen 
mir die genannten Mittel bei allen sich länger liinziehenden und 
chronisch zu werden drohenden Affektionen entschieden von Nutzen. 

Nur wenn diese Mittel alle versagen, greife man zum Opium, event. 
kombinirt mit Adstringentien und C'austicis als Plumbum aeeticum. 

Symptomatisch beliämpfe man das Fieber mit hyckopathischen Ein- 
packungen, lauen Bädern, Cerebralsymptome mit Eisblase oder kalten 
Umschlägen, Kollaps mit Alkohol, Aethcr nnd Kampher subcutan. Die 
oft sehr heftigen Koliken weichen, wenn lieisse Kamillenbähungen, 
Priessnitz'sche Umschläge nichts fruchten, oft zauberhaft rasch Eis- 



Die Krankheiten der Verdauungaorgane. 167 

kompressen ; nur im äussersten Nothfall greife man aucli hierbei zu 
Morphium und Opium. 

Lokalisirt sich der Prozess vorwiegend im Dickdarm, in Rektum und 
Colon descendens bis transversum, so gelingt es, mit hohen Darmeingiess- 
ungeu entleerend und reinigend und damit örtlich antikatarrhalisclii ein- 
zuwirken; man benutzt Lösungen von NaCl (0,6 "/o), Wiesbadener Koch- 
brunnen, Tannocol. Die früher geübten Stärkeklystiere sind als ganz 
widersinnig zu unterlassen. 

Komplikationen seitens der Eespirationsorgane wären entsprechend 
zu berücksichtigen. 

(Gastro-) Enteritis catarrhaiis chronica. Der chronische (Magen-) 
Darmkatarrh ist naturgemäss stets sekundär und entwickelt sich theils 
auf der Basis von Herz-, Leber-, Lungen- und Nierenkrankheiten, theils 
aus einer chronischen Dyspepsia (gastro-) intestinalis oder im Anschluss 
an einen nicht ausheilenden akuten (Magen-) Darmkatarrh, an recidivirende 
akute Darmentzündungen. Derselbe ist eine besonders im Säuglings- und 
frühesten Kindesalter wichtige, wenn auch nicht gerade sehr häufige 
Krankheit. 

Er findet sich in der Regel bei schon durch die primäre Erkrank- 
ung geschwächten, heruntergekommenen Kindern. Wie subakute und 
chronische Magen- und Darmaffektionen die Grundlage zu schwerwiegen- 
den Ernährungsstörungen, zu konstitutionellen Krankheiten als Rachitis 
und Anämie legen, so scheinen diese wiederum, ebenso wie die Skrophu- 
lose zu chronischem (Magen-) Darmkatarrh zu disponiren. 

Seine Erscheinungen treten anfangs milde, oft unscheinbar, 
allmählich stärker auf. 

Der Leib ist meist tympanitisch aufgetrieben, da die Darmmuskulatur, 
durch den katarrhalischen Prozess und die Gasausdehnung geschwächt, 
nachgegeben hat, seltener weich, so zu sagen pappig anzufühlen; die 
Druckempfindlichkeit ist massig oder fehlt. Zeitweise ist die Palpation 
durch eine beim Eintritt von Koliken reflektorisch erfolgende Spannung 
der Bauchmuskulatur erschwert. An Nates, Rücken, Hinterfläche der 
Oberschenkel, Waden und Fersen besteht häufig Litertrigo ; am Anus 
lassen sich nicht selten Fissuren nachweisen; auch Prolapsus ani kann 
in Folge des Tenesmus sich entwickeln. 

Der Ernährungszustand ist fast durchgängig schwer beeinträchtigt, 
die Muskulatur schlaff, spärlich, das Fettpolster geschwunden, die Haut 
trocken, spröde, schuppend. Das Aussehen ist bleich, oft wachsfarben, 
gealtert, selbst greisenhaft durch Faltenbildung im Gesicht und am 



168 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

Kopfe; beim Säugling und noch in der ersten Hälfte des zweiten 
Lebensjahres erscheint die Fontanelle eingesunken; der Puls ist klein, 
dünn, die Pulswelle schwach; die Herztöne sind rein, aber matt, 
selten dumpf; die Lippen sind trocken, im Munde finden sich die 
Zeichen der Stomatitis catarrhalis: Alles in Allem also das Bild der 
Atrophie, zu der es bei chronischem (Magen-) Darmkatarrh nur zu häufig 
kommt (s. dort). 

In leichteren, noch nicht sehr lange bestehenden Fällen sind alle 
diese Beobachtungen in abgeschwächtem Maasse zu machen. 

Der Appetit liegt meist darnieder, der Durst hingegen ist ge- 
steigert. 

Das wichtigste diagnostische Symptom sind die Stuhlentleerungen; 
sie erfolgen an Zahl viel zu oft, 4 — 6 — 12 mal und öfter in 24 Stunden; 
sie sind dünner wie normal, seltener abwechselnd diarrhöisch und kon- 
sistenter; bei Milchdiät ist ihre Farbe gelblich-weiss mit grünlichen 
Beimengungen, auch ganz grün, ihre Konsistenz wässerig -breüg; 
mikroskopisch und chemisch weisen sie reichlich unverarbeitetes Fett, 
Fettsäuren und Cholestearin auf; es kann dies soweit gehen, dass 
Biedert von einer besonderen Form der Fettdiarrhöe reden durfte; 
das Kasein findet sich gleichfalls schlecht verdaut in grossen Gerinnseln 
und Flocken. 

An anderen pathologischen Beimengen treten auf: Schleim, der 
sich den Entleerungen oft in auffallender Menge beimengt, Blut-, Darm- 
epithelien, Mikroorganismen. 

Der Geruch der Sedes ist sauer und übel. 

Bei älteren Kindern erscheinen im Stuhl unverdaute und halb- 
verdaute Nahrungsreste, Amylum, Fleisehfasern. Die Produkte der 
Darmfäidniss verleihen den Entleerungen oft einen aashaft stinkenden 
Geruch. 

Die Entleerungen erfolgen oft unter Koliken. 

Die Urinsekretion ist sparsamer. 

Der Verlauf ist langwierig ; Zeiten scheinbarer oder unwesentlicher 
Besserung wechseln mit Verschlechterungen; akute Exacerbationen 
können sich einschieben, die Krankheit kann so Wochen und Monate, 
ja Jahre dauern. 

Die Komplikationen sind dieselben wie bei dem akuten Magendarm- 
katarrh; Lujig(-nkatarrh und -entzündung sind die gefährlichsten. Als 
ein besonderer, fast stets letaler Folgezustand ist das sogenannte 
Hydrocephaloid zu nennen, wie es akut bei der Cholera nostras auftritt 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 169 

und dort seine Schilderung findet; hier entsteht es langsamer, aber 
auf derselben Grundlage, der hochgradigen Anaeniie und Wasserverarm- 
ung, wohl auch der chronischen Intoxikation des Organismus. 

Es leuchtet ein, dass die Prognose zweifelhaft, mei^t ernst 
gestellt werden muss. Nicht bloss gelingt es schwer, den chronischen 
entzündlichen Prozess zu heilen, sondern die allgemeine Ernährungs- 
störmig ist oft schon soweit gediehen, dass die Hülfe zu spät kommt, 
die Kinder die bis zur Beendigung des Prozesses nöthige Zeit nicht 
mehr aushalten ; und vor Allem ist durch die pathologisch-anatomischen 
Veränderungen häufig so viel resorbirendes und digerirendes Gewebe zu 
Grunde gegangen, das nicht mehr ersetzt werden kann, sind die Darmfollikel 
und -Drüsen so schwer erkrankt, dass die Patienten trotz aller Mühe- 
waltung an sekundärer (Magen-)Darmatrophie zu Grunde gehen müssen ; 
nicht viel weniger bedenklich ist der Ausgang in Enteritis follicularis, 

Die Behandlung ist ausserordentlich mühselig und — sagen 
wir es gleich — undankbar. 

Der Hauptwerth ist auf die Diät zu legen. Es soll eine Nahrung 
gereicht werden, die mechanisch und chemisch reizlos, leicht verdaulich, 
dabei nahrhaft ist, nicht leicht der Zersetzung anheimfällt. 

Einem künstlich ernährten Säuglinge kann meist nur die Ammen- 
brust das Leben erhalten ; anderenfalls ist nach allen Pegeln der 
Diätetik eine zusagende Ernährung mit Thiermilch, nur im Nothfall 
mit Surrogaten zu versuchen. 

Bei älteren Kindern suche man ebenfalls möglichst eine Ernähr- 
ung mit bester, steriler Milch durchzuführen ; leider wird gerade sie 
imendlich oft, wenigstens in reinem Zustande nicht vertragen ; dann 
versuche man es mit Milch, die erst stärker, allmählich schwächer mit 
schleimigen Suppen, Mondamin, Kakao, Thee, Wasser, Emser Wasser, 
Bouillon verdünnt ist. Von Albumosen-, Backhausmilch habe ich gute 
Erfolge gesehen. 

Dann kommen in erster Linie leichte, besonders leimhaltige (Kalb)- 
fleischbrühen in Betracht, wohl auch mit Zusatz von Fleischsaft (Carno, 
Puro, Torril), weniger zweckmässig mit den leicht abfülu-end wirkenden 
Peptonen spez. Denayer's: als Einlage nehme man Schleim, Reis, 
Gries, Graupen, Grünkernextrakt, Leguminosen (Hartenstein). 

Recht gute Resultate habe ich aucli in manchen Fällen mit einer 
Trockenkost: Gries-, Reisbrei, Semmel, Kakes, Zwieback, Kartoffelpüree, 
Pm'ee von weissem Fleisch, erzielt. 



170 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

Fleisch ist am verdaulichsten in rohem oder leicht geräuchertem 
Zustande (roher Scliinken, sehr zartes Rindfleisch) oder gekocht; jeden- 
falls vermeide mau, wenn man zu gebratenem Fleisch übergeht, alle 
Saucen ; man bevorzuge unter diesen Fleischsorten das Geflügel, Wild, 
auch Fisch. — Fettig vermeide man (ausgenommen in der Milch). 

Von Am}daceen gebe man Rademann's, Theinhardt's Kindermehl 
als das leichtverdaulichste, auch Kufecke-Mehl, die verbesserte Liebig- 
sche Suppe, Leguminosenbreie ; Brot nur in der Form von gut ge- 
backenem und (damit weniger leicht zersetzlich) geröstetem Weissbrot 
und den englischen Albert Biskuits (Kakes) ohne Zucker. 

Recht gut bewährt hat sich ferner der Kasseler Haferkakao; viel 
weniger gerne genommen wird meist der Dr. Michaelis'sche Eichelkakao 
von Gebr. StoUwerck, der aber auch schon von Säugbngen gut ver- 
tragen wird, und direkt medizinell wirkt durch seinen Gehalt an natür- 
licher Gerbsäure; bei älteren Kindern versuche man auch Kompot aus 
getrockneten Heidelbeeren. 

Als Getränke dienen besonders ganz dünner schwarzer Thee, 
schwach Kohlensäure haltiges Wasser (Fachinger, Biliner); Apollinaris 
und dergl. lasse man erst ausmoussiren ; ferner stark verdünnter Roth- 
wein, Heidelbeerweiii, abgekochtes Wasser mit etwas Nutrol, nöthigen- 
falls Cognae, Wisky; endlich auch Brotwasser (Aufguss von scharf ge- 
röstetem Weissbrot) imd Reiswasser. 

Meist muss man tastend, probirend, sich mehr auf praktisch er- 
fahrene Resultate als theoretische Erwägungen stützend, eine passende 
Diät zu finden suchen. 

Von ^Medikamenten versuche man es zunächst mit dem Wismutli in 
grossen Dosen; versagt es, wie leider in solchen schweren Fällen häufig, so 
kombinire man es mit den früher genannten Tanninpräparaten, die freilich 
gewöhnlich lange Zeit hindurch und in grossen Dosen gegeben werden müssen. 

Bei ganz schlimmen, rühr artigen Fällen versuche man ein beider 
tropischen D3'senterie gerühmtes Mittel : C'orticis radicis Granatorum, 
cort. Simarubae aa 10,0, Colotur c. A-'ino albo 750,0 per hör, XXIY 
D.S. stündlich 1/2—1 Theel. in Wasser. 

Enteritis follicularis. Die follikuläre Darmentzündung ist eine 
durch ihre klijiisclien Erscheinungen wie ilire anatomischen Veränder- 
ungen scharf charakterisirte Krankheitsf orni . 

Die A e t i o 1 o g i e theilt sie vielleicht häufig mit dem akuten 
Magen- und Darmkatarrh. Jedoch ist sowohl bei sporadischen, wie 
namentlich bei gehäuften, epi- resp. endemisch auftretenden Fällen ein 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 171 

infektiöser, vielleicht sogar spezifischer parasitärer Tjrsjjrung sehr wahr- 
scheinlich. So sind Enteritisformen als Streptokokkenenteritis, als Coli- 
Colitis, auch Enteritis als Folge einer Infektion mit Staph^dokokkus 
pyogenes aureus und albus, von Bacillus pyocyaneus beschriel)en wor- 
den, auch ein ganz spezifischer, sonst wenig bekannter, vielleicht durch 
Mäuse übertragener Kokkus (Finkelstein). Alle diese Mikroorganismen 
gelangen wohl gewöhnlich mit der Nahrmig, den Saugpfropfen, von 
infizierten Fingern des Kindes oder der Wärterin, ausnahmsweise (spez. 
in Säugiings.spitälern) wohl auch per anum durch Thermometer, aus 
dem Badewasser in den Darm. Die Krankheit tritt mit Vorliebe in 
den heissen Sommermonaten und bei künstlich und falsch ernälu'ten 
Kindern auf. 

Die Krankheit befällt öfter etwas ältere Kinder vom 2. Jahre 
ab und kann ebensogut als idiopathisches wie als sekundäres Leiden 
auftreten. 

Der anatomische Befund ist bekanntlich Entzündung, Schwell- 
ung, Hyperämie und zellige Infiltration, später Erosion und Geschwürs- 
bildung der Folliculargebilde , der Solitärfollikel wie der Peyer'schen 
Plaques; daneben findet sich Entzündung der gesannnten Schleimhaut und 
der Submucosa, wohl auch der Musoularis ; die Mesenterialdrüsen sind 
meist beträchtlich geschwollen. Der Sitz der Affektion ist speziell der 
unterste Theil des Dünndarms und das Kolon. 

Das klinische Bild ist das einer allerdings milderen Dysenterie. 

Das hervorstechende S y m p t o m ist ein andauernder Tenesmus, 
welcher an Masse geringe, aber sehr zahlreiche Stuhlentleerungen fördert ; 
diese haben anfangs noch fäkulente Beschaffenheit, werden aljer rasch 
rein schleimig -eitrig und bald mit Blut in Streifen und Punkten 
gemischt; ihr Geruch ist anfangs fad, nicht fäkulent, später häufig 
faulig, stinkend; bei längerer Dauer mischen sich den Epithelien, 
Schleim- und rothen Blutzellen immer mehr Eiterzellen bei, wobei die Stühle 
ein rein eitriges, gelb-grünes Aussehen mit und ohne stinkenden Geruch 
annehmen. Bei solch akutem Verlaufe ist die Krankheit stets von meist 
hohem Fieber begleitet. Fiebertrockene, rissige Lippen, bleiches Aussehen, 
rapide Abmagerung, durch die Kolik hervorgerufenes heftiges Geschrei oder 
klägliches Winsebi und sich Winden, weicher oder auch aufgetriebener Leib, 
trockene, belegte Zunge, brennender Durst, Appetitlosigkeit, sparsamer 
Urin vervollständigen das Krankheitsbild. Unter diesen Erscheinungen 
kann es sehr rasch zum tödtlichen Ausgang kommen, den akuter 
Magenkatarrh, Soor, komplizierende Broncliitis und Bronchopneumonie, 



172 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

Nephritis öfters beschleunigt, und der unter dem Bilde des Hydrocepha- 
loids erfolgen kann. Bei günstigem Verlauf fällt die Temperatur all- 
mählich zur Norm ab, und machen die typischen Entleerungen allmäh- 
lich mehr fäkulenten, selteneren, auch nicht mehr bluthaltigen und dicker 
werdenden Stühlen Platz, während das Allgemeinbefinden sich ebenfalls 
rasch bessert. 

Bei mehr subakutem Beginn und Verlauf, wie er beobachtet wird, 
wenn sich die Enteritis follicularis aus einer einfachen Dyspepsie, einem 
Darmkatarrh entwickelt, treten ganz allmählich die charakteristischen 
schleimig-blutigen Stühle, der schmerzhafte Tenesmus, die schwere Alte- 
ration des Gesammtzustandes ein. Diese Fälle enden oft ungünstig 
durch unaufhaltsam zunehmende Entkräftung, Abmagerung und Anämie, 
kachektische Oedeme; bei widerstandsfähigen Kindern und entsprechen- 
der Behandlung können auch sie in volle Genesung übergehen. 

In beiden Formen der Erkrankung ist die Prognose sehr vor- 
sichtig, ja zweifelhaft zu stellen ; ausgedehnte Darmulcerationen können 
noch nach langer Zeit zu dem unabwendbaren Tode führen. 

Bei der Behandlung kann man es im Anfang wohl versuchen, 
den Sitz der Affektion selbst zu erreichen und durch hohe Darmein- 
giessungen mit stark verdünnten Lösungen von essigsaurer Thonerde, 
Thymol, Tannin den Darminhalt zu entleeren, die Entzündungserreger 
abzutödten und auszuspülen. Die besten Erfolge habe ich von einer 
konsequenten abführenden Behandlung mit Eicinusöl gesehen; ich gebe 
anfangs und bis zum Schwinden der typischen Entleerungen stündlich, 
dann 2 — 3 stündlich, endlich immer seltener theelöffelweise das unver- 
dünnte OeL Diese Behandlung ist jedenfalls für Patienten, Umgebung 
und Arzt angenehmer und hat vor dem Kalomel den Vorzug, den Darm 
weniger zu reizen. Andere haben nach den Erfahrungen bei der echten- 
Ruhr die Ipecacuantha in grossen Dosen (0,.5 — 1,0! 1 — 2mal) gerühmt. 

Was die Diät anlangt, so wird es sich einmal um die weitgehendste 
Rücksichtnahme auf den Entzündungs-, resp. Ulcerationsprozess im 
Darme, sodann um eine mö.^lichste Erhaltung und Belebung der Kräfte 
des Individuums handeln. Die Diät soll thunlichst so gestaltet sein, 
dass der brennende Durst gestillt, der Wasserverarmung, Entkräftung 
vorgebeugt wird, dass die Nalrrung bereits vom Magen und den oberen 
Theilen des Darmes resorbirt wird, ohne in die unteren affizirten Par- 
tien unverdaute und unverdauliche Reste gelangen zu lassen. Am 
Platze sind also Wasser, auch mit Zusatz von Rothwein, Heidelbeer- 
wein, Cognac, vor allem dünner, schwarzer, gesüsster Thee, in zweiter 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 173 

Linie Eiweisswasser, Bouillon, Beaftea, Somatose in Wein; mit dem 
Beginn einer eigentlichen Ernährung sei man sehr vorsichtig ; man fange 
mit dünnen, gesüssten, schleimig-mehligen Suppen an, gehe allmählich 
zu dickeren Suppen, zu Breien, Kakes, Zwieback über. Mit Milch 
beginne man nur ganz allmählich. Konsistentere Speisen wie Fleisch, 
Brot und dergl. kommen noch viel später an die Reihe. So lange 
Fieber und starker Durst bestehen, reiche man die Flüssigkeiten eis- 
gekühlt. 

Die Koliken bekämpft man mit hydropathischen Umschlägen, die 
gleichzeitig die Fiebertemperatiu- herabsetzen ; Bäder dürfen nur mit 
grösster Vorsicht versucht werden. 

Gegen den Tenesmus, die kolossal gesteigerte Darmperistaltik, an- 
haltende Diarrhören gehe man erst im zweiten, rein katarrhalischen 
Stadium mit Bismuth, nur im äussersten Nothfalle mit Opium vor; auch 
Liquor Aluminii acetici intern (30,0: Aqu. d. 50,0 Syrup. 20,0 zwei- 
stündlich 1 Theelöffel) und per Klysma, sowie Chininum tannicum 0,1 
zweistündlich und die bekannten Adstringentien werden empfohlen. Li 
der Regel bin ich auch hier, vom Rieinusöl abgesehen, ganz ohne 
Medikamente ausgekommen. 

Schwächezustaud und Komplikationen sind nach bekannten Regeln 
zu behandeln. 

Cholera nOStraS. Die in ihren Erscheinungen schrecklichste, nach 
ihrer Prognose ernsteste Erkrankung der Digestionsorgane ist der akute 
Brechdurchfall. 

Wenn wir schon bei der akuten Magendarmdyspepsie, besonders 
aber bei dem akuten Magen- und Darmkatarrh gesehen haben, dass ein 
kausales Verhältniss zwischen hoher Sommertemperatur und dem ge- 
häuften, beinahe epidemischen Auftreten dieser Erkrankungen Ijesteht, 
speziell bei künstlich ernährten Säuglingen, so trifft dieses genau in 
demselben Maasse, vielleicht noch mehr für die Cholera nostras infantum 
zu, die im Winter fast niemals zur Beobachtung kommt. Nach moderner 
Anschauung müssen wir als Krankheitserreger Mikroorganismen an- 
nehmen, und wir erklären uns den sich cyklisch jeden Sommer von 
Neuem herausstellenden Zusammenhang zwischen Cholera nostras und 
der höheren Lufttemperatur in der Weise, dass jede künstliche Nahrung 
und besonders die Milch, die an sich einen hervorragend guten Nähr- 
boden abgiebt, im Sommer von den viel zahlreicheren Keimen besonders 
leicht inficirt wü-d, und vor allem, dass diese Keime in der Sommerhitze 
besonders günstige Wachsthumsverhältnisse finden. 



174 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

An dieser Auffassung kann der Umstand nichts ändern, dass es 
trotz der vielen fleissigen und mühseligen haktc-riologischen Untersuch- 
ungen noch nicht geglückt ist, echt pathogene, spezifische Bakterien oder 
Kokken als Krankheitserreger zu erweisen. Grundwasserverhältnisse, die 
Hitze an sich, kommen gegen das genannte ätiologische Moment kaum 
in Betracht. Ebensowenig kann die Schwerverdaulichkeit der Nahrung 
als solcher als Ursache beschuldigt werden , da dieselbe Nahrung eben 
nur im Sommer solche Störungen im Gefolge hat. Gerade bei der 
Cholera nostras kann man sich dem Eindruck nicht verschliessen, dass 
es sich bei ihr um eine akute Infektionskrankheit und in der Folge um 
eine allgemeine Intoxikation des Organismus handelt, die genau so wie 
ihre noch berüchtigtere Namensschwester das Individuum befällt. 

Wenn auch Brustkinder nicht ganz verschont bleiben , so fallen 
dem akuten Brechdurchfall doch vorwiegend künstlich, besonders un- 
zweckmässig ernährte Säuglinge zum Opfer; die Entwöhnung zur 
Sommerszeit hat in dieser Hinsicht einen üblen Ruf. 

Eingeführt wird der krankheitserregende Mikroorganismus zweifellos 
meist nur mit der Nahrung. Zur EntwickeUmg und Wirkung kommt 
derselbe im Magen und Darm, von wo seine Stoffwechselprodukte, viel- 
leicht auch weitere Spaltungsprodukte des Eiweiss zur Resorption ge- 
langen und eine toxische Wirkung entfalten. 

Der anatomische Befund spricht durchaus für eine toxische 
Einwirkung auf die Verdauungszellen; man findet eine so schwere, aber 
nur mikroskopisch nachweisbare Alteration der Epithelien vom Magen 
bis zum Coccum, wie sie sich bei den bisher genannten Magendarra- 
affektionen in dieser Art und Ausdehnung nie zeigt, eine reichliche 
Sekretion von Schleim (Verschleimung der Zellen speziell im Magen), 
eine stark entzündliche Sekretion im Dünndarm. 

Die Symptome des Brechdurchfalls sind denen der asiatischen 
Cholera sehr, oft zum Erschrecken ähnlich. Seltener entwickeln sie 
sich aus einem primären Magen-Darmkatarrh heraus; häufiger setzen sie 
ganz unvermittelt mit aller Heftigkeit ein: es sind häufiges, anfangs 
explosives Erbrechen, erst von Speisemassen, bald nur von mühsam 
ausgewürgtem Schleim, Magensaft, endlich selbst von bluthaltigen, bräun- 
liehen oder schwärzhchen Massen. Fast gleichzeitig eintretende Diarrhöe, 
die erst noch stinlcende Fäkalreste, bald nur noch wässeric-schleimises, 
reichliche Epithelien enthaltendes Darmsekret liefert und mit mehr 
weniger starken Koliken einhergeht. 

Diese rasch imd nach zwei Richtuncfen erfol"-enden Flüssigkeits- 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 175 

Verluste haben sehr frühzeitig, oft schon nach Stunden eine bedenkliche 
Wasserverarmung der Gewebe, einen rapiden Verfall zur Folge. Als 
Zeichen derselben konstatirt man neben bleichem Aussehen eine oft 
unglaublich rasche Abmagerung, wenn man die Körperabnahme so be- 
zeichnen darf; das Gesicht wird deutlich kleiner; die Augen im Ver- 
hältniss dazu eigenthümlich gross, liegen tief, sind glänz- und ausdrucks- 
los; bei dem schnellen Schwund des Unterhautgewebes treten die venösen 
Geflechte vinterhalb der Bulbi als tiefdunkele Schatten auf. Die Fon- 
tanelle fällt schon sehr frühzeitig ein ; bei weiterem Fortschreiten treten 
alle Kopfnilhte deutlich heraus, indem die Knochenränder sich über ein- 
ander schieben. Die Spannung des Pulses lässt sehr rasch nach, die 
Arterie wird eng, fadenförmig, während die Pulsfrequenz zunimmt. Die 
Muskulatur fühlt sich schlaffer, bald welk an; der Leib ist weich, 
flach, seltener aufgetrieben, die Zunge trocken, belegt. 

Die Nahrungsresorption seitens der schwer affizirten Magen- und 
Darmzellen ist ganz aufgehoben. 

Die Kinder fiebern meist massig, öfters aber auch hoch, sie sind 
sehr unruhig, schlaflos, stöhnen, wimmern, deliriren häufig. 

Frühzeitig kennzeichnet sich die bei der Eindickung des Blutes, 
der immer schwieriger werdenden Cirkulation eintretende Abkühlung der 
vom Herzen entferntesten Theile durch ein Kühlerwerden der Hände, 
Füsse, der Nasenspitze, dann der ganzen Extremitäten, eine deutlich 
cyanotische oder marmorirte Hautfarbe ; ja gegen das Lebensende hat selbst 
der in den Mund eingeführte Finger ein Kältegefühl, welches ein signum 
pessimi ominis ist (stadium algidum). Im Gegensatz dazu fühlen 
sich Leib und Kunipf gewöhnlich warm oder heiss an. 

Schliesslich schwindet der Arterienpuls unter den Fingern, die 
Herztöne sincf dumpf und schwach, die Hautfalten bleiben stehen, die 
schwächer, heiser werdende Stimme versagt ganz, selbst das schmerz- 
liche Wimmern ist einem klanglosen, dumpfen Stölmen gewichen. 

Die Athmung wird bei der zunehmenden Verarmung des Blutes 
an Sauerstoffträgern der Herzschwäche dyspnoisch, mühsam, aussetzend. 
Die Urinsekretion versagt bald vollständig. 

Das Sensorium ist anfangs noch klar; mit zunehmender arterieller 
Hirnanämie bezw. venöser Hyperämie wird es unmebelt; die Kinder 
liegen, an Körper und Geist gebrochen, mit halbentflohenem Leben 
da; kaum dass noch ein reflektorischer Lidschlag erfolgt; der Bulbus 
ist meist vom oberen Augenlid zur Hälfte bedeckt; die Cornea 



176 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

ist mit Schleim überzogen und kann bei lebendigem Leib austrocknen, 
verschwären. 

Erbrechen und Diarrhöen lassen im selben Massstabe nach; der 
quälende Durst kommt nicht mehr zum Ausilruck, ebensowenig mehr 
Koliken und jedes subjektive Anzeichen des tiefen Leidens. 

Dieses letzte, schwere, fast stets tödtliche Krankheitsbild rechtfertigt 
ohne nähere Begründung den Namen des Stadium asphycticum. 
Treten die Gehirnerscheinungen, depressive, d. h. Somnolenz oder Sopor, 
weite Pupillen, träge Reaktion derselben, oberflächliche, unregelmässige 
Respiration, zuweilen Cheyne-Stockes'sches Phänomen, schwacher unregel- 
mässiger Puls, oder excitative Symptome, als Unruhe, Erregtheit, Delirien, 
ausgesprochen in den Vordergrmid, so spricht man wohl von Hydro- 
cephaloid. Dasselbe ist der Ausdruck theils arterieller Anämie, 
theils venöser Hyperämie und sicher auch toxischer Einwirkungen, ent- 
zündlicher Veränderungen der Meningen und des Gehirns, auch von 
Oedem der Meningen. 

Sind die Dinge erst soweit gediehen, so pflegt selten mehr der Aus- 
gang in Genesung zu erfolgen. Tritt der Tod nicht gleich während des 
Stadium asphycticum ein, so kommt es zu einer Art von Reaktion in 
Gestalt des Choleratyphoids; es hebt sich zwar wieder der Puls, 
die Cyanose und Abkühlung des Körpers schwindet, aber dafür stellt 
sich hohes Fieber ein mit seinen Begleitsymptomen als fuliginösen Lippen, 
trockener Zunge; das Bewusstsein schwindet vollständig, hier und da 
imterbrechen eklamptische Anfälle die soporöse Apathie ; in dem sehr 
spärlichen Urin tritt Eiweis auf; Erlirechen, -^vohl auch Oedenie ver- 
vollständigen das Bild. 

Doch auch eine günstige Reaktion kann dem Stadium algidum, seltener 
dem Stadium asjjhj'cticujn und dem Hydrocephaloid folgen und zur Genesimg 
überleiten. Nachdem Erbrechen, Diarrhöe nachgelasen oder aufgehört, 
hebt sich allmählich wieder der Puls, die Kollapstemperatur steigt, vorhan- 
denes Fieber fällt, die Cyanose schwindet, es meldet sich wieder Durst, 
die Gesichtsfarbe wird kongestionirt, bei Aufnahme von Getränken und 
Nahrung wird die Pulswelle voller, die Urinsekretion stellt sich wieder 
ein, alle Funktionen melden sieh allmählich wieder, und der gefährliche 
Zustand endet in voller restitutio ad integrum. Die Reaktion kann 
freilich von Schwankungen]! zur ^^erschlechterung unterbrochen, die 
Heilung nat^li kurzem Anlauf zur Besserung durch ein Choleratyphoid 
oder erneuten schweren Kollaps und Hydrocephaloid verhindert werden. 

Viel seltener ist der Ausgang in das sog. Sk lerem, einen Zu- 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 177 

stand, der sich unter Erstarrun«- des Fettes im Unterhautzellgewebe 
klinisch durch Steifheit, Kühle der Glieder, derbe Beschaffenheit der 
Haut, daneben alle Zeichen der Herzschwäche kennzeichnet und pro- 
gnostisch sehr übel zu deuten ist (s. Öklerem). 

Von Komplikationen und Nachkrankheiten kommen follikuläre 
Enteritis, selten Peritonitis, häufiger Bronchitis und Bronchopneumonie, 
am häufigsten Albuminurie und echte Nephritis in Betracht. 

Die Prognose ist erklärlicherweise recht zweifelhaft, jedenfalls 
ernst zu stellen. Die enorme Säuglingssterblichkeit ist zu einem guten 
Theil auf den Brechdurchfall zurückzuführen. Schwächliche, rachitische, 
dyspeptische Kinder unterliegen der furchtbaren Krankheit wohl stets, 
selbst kräftige Kinder widerstehen ihr oft kaum Stunden; erst das zu- 
nehmende Lebensalter verbessert die Prognose. Ziemlich häufig behalten 
die Genesenen noch lange Zeit eine Verdauungsschwäche zurück, die 
leicht verhängnissvoll wird, häufig zu Rachitis, Tuberkulose überleitet. 

Wichtiger noch als die Therapie ist die Prophylaxe. Den 
einzig wirksamen Schutz gegen diese mörderische Krankheit gewähren 
eine rationelle, streng aseptische Milchgewinnung, eine richtige Ernähr- 
ung, günstige Lebensbedingungen im Allgemeinen. 

Im Speziellen vermeide man thunlichst, einen Säugling in den 
heissen Sommermonaten zu entwöhnen. Ferner achte man auf das 
Genaueste auf jede, auch die leichteste Sommerdyspepsie; man lege 
das grösste Gewicht auf frische, reine und kühle Luft, ausgiebige Ven- 
tilation der Wohnräume, peinliche Sauberkeit in Allem, besonders aber 
den Ess- und Trinkgeräthen, auf Hautpflege durch regelmässige Bäder 
und kühle Waschungen und vor Allem auf Beschaffung einer guten 
Nahrung. 

Die Behandlung selbst ist nur bei rechtzeitigem Eingreifen 
aussichtsvoll. Stets beginne man dieselbe mit einer gründlichen Ent- 
leerung und Ausspülung des Magens vermittelst steriler physiologischer 
Kochsalzlösung ; auch hohe Darmeingiessungen mögen versucht werden. 
Sodann strebt man zunächst durch Kalomel oder Ol. Kicini eine Ent- 
fernung der infizirten und infizirenden Massen an, wofern nicht heftiger 
Brechreiz eine Kontraindikation abgiebt. Ferner wird man stets für 
längere Zeit jede Einfuhr von Nahrung vermeiden, die von den er- 
krankten Verdauungsorganen doch nicht verarbeitet, sofort wiederum der 
Zersetzung und Infektion anheimfallen muss. Man reicht, um die 
Wasserverluste zu ersetzen, den Verfall hintan zuhalten, gleichzeitig den 
brennenden Durst, die Fieberhitze zu lindem, Erbrechen zu verhüten. 

Hauser. Grundriss der Kinderheilkunde. Zweite Auflage. 12 



178 -Die Krankheiten der Verdauimg,sorgane. 

ganz kleine Portionen eiskalten Thees, bei KoUapserscheiniuigen unter 
Zusatz von minimalen Cognacdosen, anfangs löffelweise, aber so oft das 
Kind sich willig zeigt, zu trinken. Werden diese vertragen, d. h. be- 
halten, so geht man zu einfach kaltem, allmählich zu erwärmtem Ge- 
tränk, das dann in steigender Menge zu versuchen ist, später zu Ei- 
weisswasser (1 Eiweiss zu Schaum geschlagen in 1 1 1 "/o Kochsalzlösung 
eingerührt) oder besser nur Reiswasser (1 1 kochendes Wasser auf eine 
Hand voll gerösteten Reis, einige Minuten ziehen lassen), dann Hafer- 
schleim, Kalbfleischbrühe über ; abgekochtes Wasser mit etwas Somatose 
schien mir öfters gute Dienste zu thun, wo es rathsam war, die Er- 
nähi'ung nicht zu lange ganz auszusetzen. 

Wird alles Getränk, auch eisgekühlt und in kleinster Menge, er- 
brochen, so nimmt man mit wenigstens momentanem Erfolg seine Zu- 
flucht zu subcutanen Infusionen von physiologischer Kochsalzlösung oder 
auch steriler Traubenzuckerlösung in Mengen von 100 — 1.50 ccm, selbst^ 
verständlich unter streng aseptischen Kautelen. Die besten Injektions- 
stellen sind die seitlichen Brust- und Bauchgegenden; diese Infusionen 
sind nöthigenfalls alle paar Stunden zu wiederholen. Weniger pflegt man 
im Allgememen durch die rektale Ernährung zu erreichen. 

Eigentliche Nahrung darf erst nach Ablauf aller Magendarmerschein- 
ungen gegeben werden. Auch sehr geschwächte Kinder vertragen er- 
fahrungsgemäss eine 2 — Stägige Karenz ganz gut, wenn man nur für 
reichliche Flüssigkeitszufuhr Sorge getragen hat. Erst wenn Erbrechen 
und Diarrhöe ein oder zwei Tage ganz aufgehört haben, leichte Brüh- 
und Schleimsuppen gut vertragen wurden imd mit einigem Ajjpetit auf- 
genommen werden, gebe man Breie, Kakao und unter ganz allmählicher 
Steigerung der Dose gut sterihsu-te Milch in einem schleimigen Vehikel. 
Am günstigsten für einen Säugling ist es freilich, ihm womöghch eine 
gute Amme zu verschaffen; aber auch die natürliche Nahrung darf daim 
Anfangs nur verdümit und in kleinen Mengen, mit grösseren Pausen 
gereicht werden. 

Zur Unterstützung der Verdauung, Desinfizirung, Verminderung 
des Brechreizes verordne man, wenn man ohne Arzneimittel nicht aus- 
zukommen glaubt, grosse Dosen von HCl. Opiate vermeide man bei 
der Neigung zum Kollaps prinzipiell. Stärkere Antiseptica haben sich 
nicht bewährt. Dagegen sind Bismuth, die Bitterniittel etc. von Nutzen 
gegen andauernde Diarrhöe. 

Fortgesetzte Magenausspülungen haben gerade beim Brechdinchfall 
oft im Stich gelassen; bessere Erfolge haben hohe Darmirria'ationen. 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 179 

Das Vorgehen sei von vorneherein und dauernd gegen die drohende 
Herzschwäche gerichtet; vor allem ist da der Alkohol in reinster, frei- 
lich stark verdünnter Form am Platz, also Cognac, Wisky in Thee, 
in Salzsäm-ewasser, leicht kohlensämehaltigen Wässern ; weniger geeignet 
sind die süssen schweren Weinen. 

Oertlich sollen noch hydropathische Umschläge auf den Darmprozess 
wirken; sie setzen jedenfalls Hyperämie und Fieber herab und lindern 
die Koliken ; man achte freilich darauf, nicht durch zu energische und 
lange fortgesetzte Wärmeentziehung den Kollaps zu befördern. 

Treten die Symptome des Stadium algidum ein, so sucht man 
neben energischer Herzanregung dm-ch Frottiren, Reiben und Kneten 
der kühlen Glieder im heissem oder Senfbade die Cnkulation in Gang- 
zu bringen ; hier sind Wärmflaschen an den Füssen, unter den Knieen, 
heisse Kompressen auf den Leib und dergl. am Platz; das einzuf lössende 
Getränk sei dann warm oder heiss und excidirend ; von subcutanen 
Kampherinjektionen mache man rechtzeitigen Gebrauch. 

Machen trotz alledem die Erscheinungen der Herzschwäche, der 
Wasserverarmung Fortschritte, so wirken neben den subcutanen oder 
intraperitonealen wohl auch intravenöse Infusionen physiologischer Koch- 
salzlösung wenigstens für den Augenblick oder für einige Zeit oft 
wunderbar; leider freilich ist ihr Effekt meist nur vorübergehend. 

Der Austrocknimg der Cornea beugen Instillationen von Sol. Aqu. 
chlor. 1 : 5 oder Acid. boric. 2 "/o vor. 

Li der Eeaktionsperiode halte man die Kinder ebenfalls etwas 
wärmer; man überlasse sie wenigstens für Stunden dem häufig sich 
einstellenden, prognostisch günstigen Schlaf, reiche aber von Zeit zu 
Zeit Getränke und überwache sorgsam den Puls, um nöthigenfalls so- 
fort wieder Excitantien, eine Infusion und dergl. anzuwenden. Eine 
den ganzen Körper bis zum Kopf umfassende warme hydropathische 
Einpackung kann die Reaktion in gegebenen Fällen sein- miterstützen ; 
ein forcirtes diaphoretisches Verfahren ist zu widerrathen, dagegen ein 
massiges Schwitzen zu befördern. 

Das Typhoid sucht man mit hydropathischen Umschlägen, lauen 
Bädern, Roborantien, Chinadekokt mit Salzsäure, Alkohol, ev. kalten 
LTmschlägen auf den Kopf zu bekämpfen. 

In der Rekonvalescenz und noch lange nachher sei man mit der 
Ernährung äusserst vorsichtig. 

Die Magen -Darmatrophie (Atlirepsie) ist das Endprodukt ge- 
häufter und andauernder Dyspepsien oder seltener meist langwährender, 

12* 



180 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

eingreifender, d.li. destrulitiver katarrhalischer und follikulärer Magendarm- 
entzündungen ; nach Heubner ist die mit diesem Namen belegte Kachexie 
mehr die Folge einer chronischen Intoxikation durch im Darm gebildete 
und resorbirte giftige Produkte; sie stellt also stets einen sekundären 
Zustand dar, der sich weniger anatomisch durch Atrophie der drüsigen 
Elemente, der Zellen des Darms, wie der Schleimhaut im Ganzen oder 
der Muscvdaris, als durch eine extreme Abmagerung und Austroeknuug 
des ganzen Körpers, Schwund von Fett und Muskulatm, eine hoch- 
gradige Anämie, eine Verkümmerung der Darmepithelien, Verarmung 
der Darmwand und der Darmdrüsen an Leukocyten kennzeichnet; der 
Prozess kommt klinisch zum Ausdrack hauptsächlich diureh das Bild 
der Atroi^hia infantum neben den Erscheinungen der Dyspepsie bez. der 
ursächlichen Digestionserkrankimg. Diese Atrophie betrifft nur Kinder 
des ersten Jahres und speziell wieder der ersten Eebensmonate. 

Wir finden mehr weniger entwckelte, stets fortschreitende Ab- 
magerung und Anämie, die Anzeichen hochgradiger Schwäche; Oedeme 
werden dabei, wie leicht erklärlich, stets vermisst. Wir konstatiren gewöhn- 
lich eine gelbliche, selbst gelbgraue Farbe der welken Haut, welche 
überall Falten bildet oder sich lappenartig von der Unterlage ab- 
heben lässt; die Fontanelle ist tief eingesunken, die Schädelknochen 
sind an ihren Rändern über einander geschoben; alles dies verleiht bei 
tief eingesunkenen, blauuniränderten, glanzlosen, wenig bewegten Augen 
den Kindern ein direkt greisenhaftes Aussehen. Die Muskulatiu- ist 
dünn, fast geschwunden, das Fettgewebe fehlt gänzlich; alle Knochen- 
vorsprünge treten zu Tage; alle Bewegungen sind kraftlos, träge, späi- 
lich, die Körpertemperatur ist niedrig, selbst subnormal. 

Gleichzeitig weisen eine Eeilie von Symptomen auf den Ursprung 
dieses traurigen Zustandes hin ; es besteht meist gleichzeitig Zungenbelag, 
Trockenheit der Lippen, häufig Soor, Erbrechen, Aufstossen, Auftreihung 
des Leibes, Tympanie, Flatulescenz, Erbrechen, Diarrhöen, Intertrigo. 
Stühle wie Erbrochenes weisen auf sehr mangelhafte Verarbeitung, 
sowie GähiTuig und Fäulniss der Nahrung hin; die chemische Unter- 
suchung ergiebt Herabsetzung, selbst Fehlen aller verdauenden Sekrete, 
Bildung perverser fermentativer imd chemischer Prozesse, Schleim- 
sekretion. 

Die Diagnose hat als Ursache dieses atrophischen Zustandes 
eine primäre und in iln-en Ausläufern noch andauernde Magendarm- 
erkrankimg nachzuweisen, die andern Entstehungsmöglichkeiten der 
Atrophie (unzureichende Ernährung, Tuberkulose) auszuschliessen. 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 181 

Die Prognose ist bei dem oft progTessiveii Charakter der ur- 
sächlichen Erkrankung, den irreparablen Zuständen der verdauenden 
Organe wohl stets absolut schlecht zu stellen. Nur im ersten Anfange, 
wenn noch grössere Theile der Magendarmschleimhaut erhalten geblieben 
■lind, welche zur Verdauung genügen, ist eine Heilung denkbar. Meist 
fahrt eine komplizirende akute Digestionsstörung, eine Respirations- oder 
Infektionskrankheit rasch zum Tode. 

Die Behandlung hat sich in erster Linie natürlich gegen die 
Entstehimgsursachen, Ernährungsfehler, Magendarmaffektionen, kurzum 
gegen die primäre Erkrankung zu richten, deren Symptome, z. B. 
schwächende Diarrhöen zu bekämpfen, sodann den Verfall möglichst 
hiutanzuhalten durch eine roborirende und dabei die geringsten Ansprüche 
an die Verdauungsorgane stellende Nahrung; so kann eine nach allen 
Regeln durchgeführte und sorgfältig überwachte künstliche Ernährung, 
kombinirt mit der Zufuhr von Alkohol, Thee, Fleischsaft und dergl. 
neben der thunlich raschesten Beseitigung der dyspeptischen Störungen 
noch manchmal Erfolge erzielen ; oft ist die sofortige Einleitung der 
natürlichen Ernährung durch eine Amme das einzige Mittel, das fliehende 
Leben zu erhalten. 

VomitUS. Das Erbrechen ist im Kindesalter eine überaus häufige 
und oft bedeutungsvolle Erscheinung, die stets eine sorgfältige Wiu-dig- 
ung und, obwohl keine Krankheit für sich, eine gesonderte Besprechung 
erheischt. 

Gleich nach der Geburt, in den ersten Lebenstagen begegnet man , 
diesem Symptom. Hier ist dasselbe meist nur vorübergehend und hat 
keinen besonderen Belang. Man erklärt sich das Zustandekommen aus 
dem intra partum erfolgten Verschlucken von Eisack-Flüssigkeit, von 
Vaginalsekret, sowie aus der Empfmdlichkeit der jungfräulichen Magen- 
schleimhaut, [welche auf den ungewohnten Reiz der Nahrung reagirt, 
sodann aus den anatomischen Verhältnissen des Säuglingsmagens (siehe 
unter „Speien"); seltener dürfte das Erbrechen als ein cerebrales an- 
zusehen sein, hervorgerufen dm'ch den Druck, durch Cirkulationsstör- 
ungen, Verletzungen, die beim Passiren besonders des knöchernen Ge 
burtsweges innerhalb des Schädels entstanden. 

Als geradezu physiologisch hat man das so miendüch häufig bei 
Säuglingen beobachtete Erbrechen anzusehen, das man aus eben diesem 
Grunde wohl besser mit einem besonderen Namen, als „Speien" kenn- 
zeichjiet. Dass demselben nicht eine Dyspepsie zu Grunde liegt, das 
entscheidet sofort die Beobachtung, dass wir es bei den bestgedeihenden 



182 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

Brustkindern, bei Säuglingen finden, die sonst durcli niclits an eine 
Dyspepsia gastrica gemahnen. Seine Entstehung verdankt es wesentlich 
dem physiologisclien Zustand des Säuglingsmagens, seiner geringen 
Fundusentwiekelung, seiner vertikalen Lage, seinem beschränkten Fass- 
ungsvermögen. Dazu kommt, dass der Säugling sehr leicht einmal mehr 
an Nahrung aufnimmt, als ihm eigentlich zukommt. 

Wenn die Laien mit ihrem Wortspiel „Speikinder — Gedeih- 
kinder" im Allgemeinen wohl Recht haben, so beruhige man sich dabei 
jedoch nicht in allen Fällen. Man berücksichtige, dass dem Speien 
sicher häufig ein Uebermaass an Nahrungszufuhr zu Grunde liegt, das 
selbst nicht beim Brustkinde, viel weniger beim künstlich genährten 
Säugling stets ohne üblen Folgen bleibt ; manches dyspeptische Erbrechen 
entwickelt sich direkt aus einem physiologischen Speien heraus; man 
halte darauf, dass die Kinder nicht über die erlaubte Zeit an der Brust 
liegen, resp. dass die Mütter und Pflegerinnen nicht das erfahrungs- 
gemäss festgestellte Nahrungsvolumen übersehreiten, besonders auch, dass 
die Nahrung nicht zu häufig gereicht werde. Est ist unglaublich, was 
Unverstand, mangelhafte Kenntniss, öfters noch Indolenz und das Be- 
streben , das schreiende Kind mit der Brust oder der Flasche zu be- 
ruhigen, eine bessere Gewichtszunahme zu erzielen, in dieser Richtung 
sündigen. 

Dass die erbrochene, resp. gespieene Milch nur, wenn sie schon 
einige Zeit im Magen venveilt hatte, geronnen, „gekäst" erscheint, dass 
eine unveränderte Beschaffenheit gleich nach dem Trinken also nichts 
Krankhaftes bedeutet, muss man oft den Müttern zur Beruhisiurs er- 
klären. Auf der anderen Seite beschwichtigen sich viele Mütter selbst 
bei dyspeptischem Erbrechen noch lange Zeit damit, dass die Milch ja 
gekäst sei. 

Einen ranzigen oder gar üblen Geruch (siehe mikroskopischen und 
chemischen Befund unter „Dyspepsie") darf das Produkt des physio- 
logischen Erbrechens natürlich nicht haben; ebensowenig darf es ein 
gewisses Maass überschreiten, worüber die vorgelegten Tücher oder Liitz- 
chen ein ürtheil zulassen. 

Unangenehm ist, dass auch das „Speien" nicht selten einen sehr 
hartnäckigen Intertrigo colli verursacht. 

Sobald das Erbrechen das erlaubte Maass zu übersteigen scheint, 
den Eindruck des pathologischen zu machen beginnt, sucht man das- 
selbe einzuschränken durch eine genaue Ueberwachung und Regelung 
der Ernährung nadi physiologischen Grundsätzen, auch eine Aenderung 



Die Krankheiten der Verdauungsorgaue. 183 

der Ernährungsweise: seltenere und kleinere Mahlzeiten, kühlere, selbst 
kalte Milch; man kann sich sogar zur Entwöhnung veranlasst sehen. 

Eine gewisse Neigung zum Erbrechen scheint bei ganz vereinzelten 
Kindern auch nach der Säuglingsperiode noch weiter zu bestehen. Als 
rein physiologisch dürfte dasselbe höchst selten durchpassiren, vielmehr 
öfter in Ernäherungsfehlern seine Erklärung haben. 

Häufiger ist das Erbrechen eben entwöhnter Kinder, für deren 
Mägen die neue Nahrung einen ungewohnten Reiz abgiebt. 

Ausgesprochen pathologisches Erbrechen finden wir, von Magen- 
erkrankungen ganz abgesehen, als Initialsymptom bei vielen fieberhaften 
Infektionskrankheiten, spez. Scharlach, Angina, seltener Pneumonie; 
ebenso bei allen heftigen Reizen (Giften), welche die Magenschleimhaut 
treffen oder im Blute cirkuliren (Urämie). Reflektorisch tritt es auf 
bei manchen Darm-, vielen Bauchfell-, Leberaffektionen, bei den heftigen 
Hustenkränipfen der Pertussis; doch auch bei einfachen akuten Tracheal- 
und Bronchialkatarrhen stellt es sich nicht selten am Ende des Husten- 
anfalles ein. 

Ein sehr wichtiges Symptom ist das Erbrechen bei vielen Cerebral- 
erkrankungen, speziell Meningitis basilaris und Tumor. 

Doch auch rein funktionelle Hirnaffektionen, wie die Hemikranie, 
der nervöse sog. Schulkopfschmerz verbinden sich häufig mit Erbrechen, 
so dass stets eine genaue Untersuchung festzustellen hat, welcher Art das 
kephalische Erbrechen ist. 

Als Vomitus nervosus bezeichnet Henoch ein bei älteren Kindern, 
besonders Schulkindern und zwar meist morgens früh nüchtern oder 
bald nach dem Frühstück, wohl auch nach Gemüthsaffektionen ein- 
ti-etendes Erbrechen, welches nicht sowohl auf eine Magenalteration, als 
auf eine zarte anämische und „nervöse" Verfassung zm-ückgeführt werden 
muss und einer tonisirenden Allgemeinbehandlung-, besonders Entfernung 
aus der Schule und Landaufenthalt weicht. 

Auch ein echtes hysterisches Erbrechen wird nicht selten be- 
obachtet. 

Obstipatio. Die chronische Verstopfung ist ein weniger bei ge. 
stillten, dagegen ungemein häufig bei künstlich , spez. mit Kuhmilch 
ernährten Säuglingen zu beobachtendes Leiden, das sich aus der ersten 
Lebensperiode häufig auch in das spätere Kindesalter forterstreckt. 

Die Ursachen der Obstipation sucht man zum Theil in der ana- 
tomischen Anlage des kindlichen Darms, indem das S. Romanum eine 
besonders tief in das Becken hineinsteigende Schlinge bildet, indem ferner 



184 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

das Darmlumen relativ eng, die Darmmuskulatur verhältjiis^^niäf-pig- schwach 
ist. Auch eine vererbte Anlage sj^elt wohl hie und da eine Rolle. Sodann 
müssen wir die Ernährungsweise, die körperliche Erziehung, sowie Er- 
krankungen der Konstitution wie des Verdauungsapparates zur Erklär- 
ung heranziehen. Im Säughngs- und ersten Kindesalter ist es zweifellos 
die ausschliessliche oder vormegende Kuhmilchuahrung mit ihrem hohem 
Kaseingehalt, die mehr weniger hochgradige Verstopfung erzeugt; die- 
selbe ist als beinahe unvermeidliche Zugabe zu den andern Missständen 
der künstlichen Ernährung anzusehen und den Müttern so bekannt, 
dass diese, um ihi' entgegen zu treten, sehr gerne eine unerlaubt starke 
Verdünnung der Kuhmilch anwenden. In späteren Jahren hat ein über- 
reichlicher Genuss von Mehlspeisen, Kartoffeln, Leguminosen, derbem 
Brot, von rohem Obst sammt seinen Hüllen und Kernen, deren me- 
chanische Bewältigung dem muskelschwaehen Darm Mühe macht, häufig 
Obstipation im Gefolge. Daneben ist im ersten und ferneren Kindes- 
alter recht häufig auch ein Mangel an üeberwachung der regelmässigen 
Defäkation seitens der Eltern oder Pfleger Ursache, dass die Kinder 
sich nicht die Müsse zu dieser noth wendigen Verrichtung lassen, ge- 
schweige eine bestimmte Zeit dazu innehalten und endlich bei ein- 
getretener Verhaltung aus Angst vor den Schmerzen nicht mehr pressen, 
aus thörichter Scham ihr Uebel wohl auch verheimlichen. Endlieh trägt 
Mangel an ausgiebiger und vielseitiger Körperbewegung, Unregelmässig- 
keit der Lebensweise, in der Einnahme der Mahlzeiten viel zur Ent- 
wickelung von Obstipation bei. 

Von Allgemeinaffektionen begünstigen erfahrungsgemäss allgemeine 
Körpersehwäche, Blutarmuth, Rachitis, Entkräftung durch ( )nanie eine 
Schwäche der Darmmuskulatur. 

Dass langwierige Darmkatarrhe, übermässige Dehnung des Darm- 
lumens dm-ch Gährungsgase, Geschwürsprozesse mit Hinterlassung von 
Narben, chronische Perityphlitis durch Degeneration der Darmmuskulatur, 
durch Stenosenbildung Obstipation erzeugen, ist einleuchtend. 

Auf Nerveneinfluss beruht die Verstopfung bei Meningitis, bei 
Hydrocephalus chronicus etc. 

Die Erscheinungen der Obstipation sind: unregelmässige, ver- 
zögerte Entleerung sehr harter, fester, ti-ockener, duukelgefärbter, knolliger 
Fäces, die wie Steinchen in das Nachtgeschirr fallen, oft nur manuell 
zu entleeren sind, bis zum Fehlen jeder Defäkation ; in Verbindung 
damit vergrösserter Umfang des Leibes, tympanitische Ausdehnung der 
Darmschhngen, Flatulescenz, anfallsweise Koliken, häufiges Pressen ; in 



Die Krankheiten der Verdaimngsorgane. 185 

schlimmeren Fällen Empfindlichkeit einzelner Darm- und Abdominal- 
partien, in Folge von Resorption faulender Massen Fieber, Kopfschmerz, 
Anorexie, selbst Erbrechen, Konvulsionen; auch kann es in Folge von 
mechanischer und chemischer Reizung des Darms bei der Stagnation zu 
interkurrenten Entleerungen von dünnen Massen, Schleim, selbst Blut, 
gemischt mit knolligen, dicken Fäkalien kommen. 

Das häufige, durch Koliken angeregte Drängen und Pressen hat 
sehr leicht Nabel- und Leistenhernien , Prolapsus ani zur Folge ; beim 
Passiren der übergrossen, oft steinharten Fäcesbrocken entstehen Ver- 
letzungen der Mastdarmschleimhaut und besonders sehr schmerzhafte, 
mit Blutung verbundene Fissuren des. Analrandes, die ihrerseits wieder 
wegen der Angst vor den heftigen Schmerzen die Stuhlverhaltung be- 
günstigen. Dass selbst die Entwickelung äusserer Hämorrhoiden bei 
Kindern schon möglich ist, lehren nicht allzu seltene Beobachtungen 

Bei der Stellung der Diagnose verabsäume man nicht, auf eine 
Perityphlitis als Ursache der Obstipation zu achten, Hernien, Volvulus 
und dergl. auszuschliessen. 

Die Prognose ist nicht unbedingt günstig zu stellen, weil das 
Leiden der Therapie oft hartnäckigen Widerstand entgegensetzt, sehr 
häufig recidivirt. 

Eine akute Obstipation wird einer tüchtigen Dose Ricinusöl mit nach- 
folgender Regelung der Diät meist rasch weichen ; nur ausnahmsweise wird 
man gezwungen sein, dem Ricinusöl einen Tropfen Ol. Crotonis zuzusetzen; 
ich ziehe es vor, um eine zu gewaltsame, plötzliche Ausstossung der Scybala 
zu vermeiden, ilas Ricinusöl in wiederholten kleinen Dosen oder in Form 
einer Emulsion zu geben ; auch wird es zweckmässig sein, die verhärteten 
Kothballen, welche sich im Rectum ansammeln, durch ein Oelklystier 
zu erweichen und ihre Oberfläche, wie die des Darmes glatter zu machen. 
Unendlich viel schwieriger ist eine chronisch gewordene Verstopfung zu 
heilen. Man wird vor allem die möglichen Ursachen derselben heraus- 
zubringen suchen und ätiologisch behandeln. Ein richtiges diätetisches 
Regime soll die notorischen Schädlichkeiten in der Nahrung ausschliessen, 
dafür Dinge zulassen, die anregend auf die Peristaltik wirken. 

Dazu gehört bei älteren Kindern eine gemischte, nicht vorwiegend 
animalische Kost, neben Fleisch aller Art, Eiern, wenig Leguminosen, keine 
Kohlarten, keine harten Gemüse, Fruchtschalen und dergl., weniger Milch, 
dafür event. Buttermilch, saure Milch, eintägiger Kefir, reichlich und mehr- 
mals täglich Kompot, leichte Gemüse, Salat, zartes frisches Obst, besonders 
Kirschen, Apfelsinen, Aepfel, Fruchtsäfte, Fruchtlimonaden, auch geschälte 



186 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

Birnen, Trauben ohne die Kerne und besonders Pflaumen. Als direkt darm- 
anregend gelten : geschmorte Pflaumen, getrocknete und dann gekochte oder 
mit einigen Sennablätter zusammen geschmorte sog. Spitalzwetschgen, Dörr- 
obst überhaupt, Prunellen, ferner ein Mus von getrockneten Pflaumen 
und Feigen zu gleichen Theilen, rheinisches Apfelkraut, H(jnig, Honig- 
kuchen, allerlei Fruchtgelees; alle diese Dinge wirken am Energischsten, 
wenn sie gleich nüchtern vor dem Frühstück genossen werden ; um ihre 
Wirkung zu verstärken, kann man noch kaltes Wasser dazu trinken 
lassen. 

Sodann ist auf genügende Flüssigkeitszufuhr (Wasser), speziell bei 
den Hauptmahlzeiten, reichliche Zufulir leicht verdaulicher Fette (Butter, 
Gänse-, Schweineschmalz, Schinkenfett, Olivenöl und besonders Sahne), 
Bewegung, besonders Bergsteigen, Turnen, Schwimmen zu lialten. Alle 
Gewürze und fetten Bratensaueen sind streng zu verbieten. 

Bei Säuglingen bestehe man darauf, dass die Verdünnung der Jlilch 
nicht unter die erlaubte Grenze hinabgehe und versuche, durch einen 
Zusatz von Sahne, Lipanin, Ol. Olivarum, sowie von Milchzucker, Malz- 
extrakt, Maltose, event. Salz einen leichteren Stuhl zu erzielen. Gut 
bewährt hat sich mir stets eine Beigabe von Mellin's Kindernahrung und 
Theinhardt's löslicher Kindernahrung, diebeide deutlich stuhlgangbefördernd 
wirken. Auch bei Säuglingen braucht man sich vor kleinen Dosen von 
Fruchtsäften, Saft von geschmortem Obst wenigstens in den späteren 
Monaten nicht zu scheuen. 

Von grösster Wichtigkeit ist, dass bei Kindern jeden Alters die 
Defäkation genau überwacht und nöthigenfalls durch sj-mptomatische 
Massnahmen geregelt werde ; man halte darauf, dass ein Säugling doch 
mindestens ein-, besser zweimal täglich, ältere Kinder einmal täglich und 
möglichst nicht bloss zm- selben Stunde, sondern fast zur selben Minute 
ihre Sedes absetzen ; verständige Kinder sind zum Pressen aufzufonlern, 
über die Wichtigkeit dieser Funktion zu belehren. 

Gegebenen Falles hat eine Kräftigung, Anregung des ganzen Körpers, 
der Muskulatur im Ganzen durch bessere Ernähi-ung, klimatische Kuren, 
Salz- und Seebäder, kalte Abreibungen und dergl. zu erfolgen. 

Die Atonie der Darm-, auch Bauchnuiskulatur zu beseitigen und 
damit der Hauptindikation zu genügen, versucht man am Zweckmässigsten, 
wie bei Erwachsenen durch kombinirte Massage-, Kaltwasser- und elek- 
trische Behandlung, in der Weise, da.ss man für tien Anfang noch die 
gewohnten und nöthigen Laxantien und Lavements weiter gieht, dann 
aber täglich in der bekannten Weise massirt, die kalte Douche und 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 187 

hydropathische Umschläge, auch starke faradisohe Ströme auf das Ab- 
domen "Wochen lang anwendet. Sehr wirksam ist oft ein kaltes Sitzbad 
nach einer mehrstündigen feuchtwarmen Einpackung; des Unterleibs. 
Alle diese Manipulationen lassen sich gut freilich nur bei älteren, ver 
ständigeren Kindern vornehmen, die nicht durch Pressen, Lachen oder 
Schreien alle Bemühungen vereiteln. Unterstützend wirkt eine allgemeine 
Gymnastik, sowie eine solche, welche Kräftigung der Bauchmuskeln 
anstrebt. 

In der Regel kann man, wie gesagt, von einer direkten Anregung 
der Darmperistaltik nicht oder wenigstens nicht schon gleich im Anfang 
Abstand nehmen. 

Am unschuldigsten sind da wohl Darmeingiessungen, bei Säuglingen 
Einspritzungen, erstere vermittelst eines Irrigators, letztere mit einem 
entsprechend grossen Gummiballon. Als Ansatz diene stets eine Horn- 
oder Hartgummispitze , die man , um Verletzungen vorzubeugen , mit 
einem sich zuspitzenden, schlauchähnlichen, weichen Gummiüberzug versieht. 
Man führt dieses Endstück möglichst hoch (über den Sphincter externus) 
hinauf und lasse langsam ein dem Alter entsprechendes Quantum (100 
bis 500 gr) badewarmer physiologischer Kochsalzlösung einlaufen. Um 
das Flüssigkeitsciuantum möglichst lange (bis ^li Stunde) im Darm zu be- 
lassen, um neben der Anregung der Peristaltik erweichend auf die Fäces 
zu wirken, verbiete man älteren Kindern das Pressen, Ijei jüngeren 
halte man durch Druck auf die benachbarten Glutäentheile die Anal- 
öffnung einige Zeit geschlossen. Hat ein solches Klystier nicht den 
gewünschten Erfolg, so wiederhole man es nach 1/4 — '/s Stunde, doch 
diesmal mit kaltem Wasser, das die Peristaltik energischer anreizt; im 
Nothfall kann man wohl noch zu einem Gemisch von Seifenwasser und 
Ol. Lini greifen. 

Die Wasserklystiere erweisen sich, sachgemäss ausgeführt, in den 
meisten Fällen als wirksam, besonders bei Säuglingen, und zwar auch 
bei Monate und Jahre langem Gebrauch. 

Versagen sie, so versuche man eine stärkere Anregung vermittelst 
Einspritzung einer stark verdünnten Glycerinlösung oder von 10 — 30 
Tropfen reinen Glycerins ; ähnlich wirken Seifenzäpfchen; doch sind 
diese Mittel schon weniger indifferent, sicher nicht bei langer An- 
wendung. 

Recht gut bewährt haben sich mir systematische Oelklystiere ; man 
verwendet zu denselben am Besten das säurefreie und billige Sesamöl 
für äusseren Gebrauch, in einer Menge von 50 — 100 gr vermittelst 



188 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

eigens konstruirter Spritzen hoch hinauf injizirt; das Oel soll, um richtig 
zu wirken, möglichst lange innebehalten werden; man wird es meist 
des Morgens einspritzen lassen, da es vielen Kindern im Schlafe un- 
bemerkt abfliesst. Diese Oelklystiere wirken erst nach längerer Zeit, 
vermögen aber bei konsequenter Anwendung, anfangs täglich, dann 
einen um den andern Tag, endlich mit immer grösseren Pausen gegeben, 
selbst verzweifelt hai-tnäckige Obstipationen ganz zu heilen. Daneben 
vernachlässige man selbstverständlich nicht eine angemessene Diät. 

Von inneren Mitteln vermeide man im Kindesalter alle salinischen, 
da sie stärkere wässerige Entleerungen und damit eine gewisse Schwäch- 
ung im Gefolge haben, dagegen kann in höheren Alter.sstufen selbst 
eine vorsichtige Mineralwassertrinkkur guten Erfolg haben. Jedenfalls 
verbieten sich alle Drastica. Von vorzüglicher "VVii'kung ist fast stets 
das Ol. Ricini; dasselbe wird schon von zarten Säuglingen in ver- 
hältnissmässig grossen Dosen sehr gut vertragen und verdient meist vor 
allen anderen Mitteln den Vorzug; Säuglingen ist es sehr leichi ganz 
rein beizubringen, älteren Kindern in heisse Milch, Kaffee, Weissbier- 
schaum gerührt, oder mit so viel Streuzucker gemengt, dass eine Art 
Paste entsteht; die Dose ist 1 — 2 Theelöffel im Säuglingsalter, 1 — 2 
Killderlöffel in den folgenden Jahren. 

Von anderen pflanzlichen Aperientien verdienen für das Säug- 
lingsalter besonders der Syrup. Rhamni catharticae (Spinae cervinae) 
Empfehlung, der theelöffelweise gegeben und sehr gern genommen wird. 
Für ältere Kinder bedarf er, um zu wirken, meist eines Zusatzes von 
Tct. Rhei aquosa oder gleichen Theilen Tct. Cascarae Sagradae; auch 
wäre wohl letztere allein für sich oder als Sagradawein oder als Fluid- 
extrakt troj^fenweise zu versuchen. 

Ein nicht unangenehmes Präparat und häufig v<:in guter Wirkung 
ist die Tamarinde in Gestalt der Essenz (Dallmann) und Chokoladen- 
Konfiture (Kanoldt). 

Ferner empfehlen sich zur Auswahl oder Abwechselung Thee von 
Faulbaumrinde, Spec. laxantes St. Germain, Fol. Sennae resina liberatae 
(macht weniger Kneifen) als Thee oder mit Pflaumenmus gekocht, be- 
sonders aber die Rhabarberpräparate, und zwar Tct. Rhei aquosa (vin. 
führt nicht ab, resp. erst in viel zu grosser Dose), Rad. Rhei geschabt 
mit Wasser oder im Infus, und das altbewälu'te Pulvis pectoralis Km'eUae. 

Alle diese Mittel liabcii den Naehtheil, dass sie auf die Dauer 
versagen, dass man sie in iniiiici' stärkerer Dose geben, mindestens mit 
ihnen weeliseln niuss. 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 189 

Rationeller bleiben immer die Massage, Hydrotherapie und eine 
entsprechende Diätetik, ev. systematische Oelklystiere. 

Zu denken wäre schliesslich bei jeder hartnäckigen Obstruktion 

auch an angeborene Darmstenosen, Darmtumoren. 

Eines besonderen Hinweises bedarf es bei dieser Gelegenheit auf die 
zuerst von Hirschsprung genau beschriebenen, sehr seltenen Fälle von ange- 
borener unheilbarer Obsti-uktion in Folge von pathologischer Erweiterung 
des Colon descendens und schwerer ulceröser Erkrankung der Schleim- 
haut desselben. Das sehr auffalhge Bild dieser angeborenen Dilatation und 
Hypertrophie des Dickdarms verräth sich zumeist durch eine sehr hartnäckige, 
selbst starken Abführmitteln und Klysmen nur schwer und vorübergehend 
weichende Verstopfung, welche geradezu die Symptome eines Darmverschlusses 
im untersten Darmabschnitt vortäuschen kann; starke tjTnpanitische Auf- 
treibung des Dick- und Dünndarms, antiperistaltische Bewegungen, Koliken, 
Erbrechen, allmählich Abmagerung, Verfall, endlich Tod. Dazu gesellen sich 
interkurrente Diarrhöen in Folge einer mit der Zeit sich entwickelnden 
ulcerösen Schleimhautentzündung. Heilung kann nur die rechtzeitige Erkenn- 
ung und ein operativer Eingriff, die Esstirpation des erkrankten Darmtheils 
bringen. 

Tympanitis ist stets Krankheitssymptom und findet sich als solches 
in typischer Weise bei Rachitis, bei den meisten Dyspepsieen und 
Enterokatarrhen, bei Darmocclusion, Obstipation, Peritonealtuberkulose; 
bei allen Magendarmerkrankungen erschien mir der Eintritt eines hoch- 
gradigen Meteorismus stets als ein Signiun mali minis. Interessaiit ist, 
dass die den Frauenärzten längst bekannten sog. Phantomtumoren (Gas- 
auftreibung durch Luftschlucken) der Hysterischen auch bei Kindern 
beobachtet wurden. 

Kolik. Die Kolik oder besser die Enteralgie ist gleichfalls luu- 
Symptom, bedarf aber bei ihrer Bedeutung, ihrem häufigen Vorkonnnen 
und der von ihr geforderten eigenen Therapie eine besondere Be- 
sprechung. 

Ihr Wesen sind plötzlich auftretende, wehenartig an- und ab- 
schwellende, meist heftige Schmerzen, die von einer lebhaften Reizung 
der sympathischen Darmnerven herrühren und wohl mit krampfhaften 
Kontraktionen des Darms einhergehen. 

Diese Reizung des Darms kann ausgehen von jedem abnormen, 
mechanisch oder chemisch irritirenden Darminhalt (Meconium, Scybala 
bei Obstipation, sehr massige, unzweckmässige, schlecht gekaute, hastig 
verschlungene Speisen , gährender Darminhalt bei Dyspepsie , Fremd- 
körper, als Fruchtkerne, Knöpfe, Münzen, Spulwürmer, starke Gas- 
ansammlung, die zu der besonderen Abart der Colica flatulenta Ver- 
anlassung giebt), sodann von jeder Entzündung der Darmschleiinhaut, 
Uleerationen daselbst (Perityphlitis, Enteritis); ferner ist sie oft die 
erste Erscheinung bei Volvulus, Invagination; endlich wird sie verm'sacht 



190 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

durch Gifte, wie Blei, Arsenik; von au.«pen wirken Erkältungen des 
Unterleibs. Zu vergessen ist nicht, dass (von der Mutter verabreichte) 
ungeeignete Abführmittel als Thees, Semia und dergl. heftige Koliken 
erzeugen können, auch indirekt durch die Milch der Stillenden. 

Die Erscheinungen der Kolik sind fast stets heftig und sehr 
bemn-uhigend. Die Kinder fangen plötzlich, aus voller Euhe heraus 
oder mitten während oder nach dem Trinken oder Essen, scheinbar 
unmotivirt heftig zu schreien und jammern an ; dass kei}ie Ungezogen- 
heit zu Grunde liegt, lässt sich aus ihrem ganzen Gebahren, den ängst- 
lich verzerrten Gesichtszügen, dem Angstschweiss, der ihnen nicht selten 
ausbricht, entnehmen ; kein Beruhigungsversuch schlägt an, Patient und 
Angehörige wollen schon manchmal verzweifeln, da allmäUich oder 
plötzlich hört das Schreien imd Wimmern scheinbar ebenso unmotivirt 
auf, um über kurz oder lang die Wiederholung der Scene zu eröffnen. 
Vor heftigen Schmerzen werden nicht nur die Beine krampfhaft an 
den Leib angezogen und wieder ausgestossen, die Arme bewegt, sondern 
das ganze Körperchen krünunt und windet sich oft, das Kind geräth ganz 
ausser sich. Die Gesichtsfarbe ist abwechselnd bleich und roth. Ein 
kleiner gespannter Puls, kalte Extremitäten, selbst Konvulsionen kenn- 
zeichnen ein wenigstens augenblicklich schweres Leiden. So kommt es, 
dass ein heftiger Kolikanfall die Eltern ungemein ängstigt und dem 
Laien eine bedrohliche Situation vorspiegelt. 

Dass es sich um vom Darm ausgehende Schmerzen handelt, darauf 
weisen die meist vorhandene tympanitische Auftreibung des Abdomens, 
der Spannungszustand der Bauchmuskeln, die Erscheinung, dass nach 
Abgang einiger Flatus oder verhaltener obstipirender Massen oder diar- 
rhöischen Darminhalts die Kolik oft plötzlich aufhört, wenigstens für 
eine kurze Zeit. Aeltere Kinder bezeichnen direkt den Leib, spez. die 
Nabelgegend als den Sitz ihrer Schmerzen. Druck auf das Abdomen 
wird bald wohlthuend, bald schmerzhaft empfunden. 

Die Diagnose hat Perityphlitis, Peritonitis, Ileus, Colica bihosa, 
Nephrolithiasis auszuschliessen und die genauere Entstehungsursache 
zu erforschen; meist konnnt man per exclusicineni auf eine Dyspepsie 
oder Obstipation als die häufigsten Ursachen. 

Die Prognose ist nicht ungetrübt, da niclit alh^n ein eklanip- 
tischer Anfall, sondei-n das Uebermass der Schmerzen direkt gefährhch, 
ja tödtlich werden kann. 

Die Therapie richtet sich im erstt'n Augenblick gegen die 
Schmerzen als solclie; am wirksamsten wäre eine Morphiuminjektion, die 



Die Xrankheiten der Verdauungsorgane. 191 

natürlich nur bei älteren Kindern, aber auch bei diesen noch mit 
grosser Vorsicht zu handhaben ist; lange nicht so prompt wirken die 
lokalen Massnahmen, die sich gegen den Krampf richten, und auf die 
wir im Allgemeinen zunächst angewiesen sind : warme und heisse Wasser-, 
Kamillenthee-, Breiumschläge, Thermophorkissen, eine mit aufgebrühten 
Kamillen, Heusamen gefüllte Serviette, Rumlappen, Sinapismen ; ver- 
sagen sie, so versuche man die von Baginsky dringeiid empfohlenen 
Eiskompressen; auch Massage, Streichungen, Reibungen erweisen sich 
öfters durch Austreiben von Gasen und Darminhalt dienlich. Gleich- 
zeitig trete man dem Uebel mit inneren Mitteln entgegen, von denen 
Belladonna und Tct. Moschi und als wirksamstes Chloralhydrat eben- 
falls nur symptomatisch wirken würden ; Opium ist bei einfacher Kolik 
fast stets kontraindizirt. In dubio empfiehlt sich stets eine Laxans 
wenn die Aetiologie ein solches nicht ausdrücklich ausschliesst (Volvulus, 
Invaginatio, Perityphlitis), also besonders Ol. Ricini und Kalomel, 
Klystiere, die bei der hohen Einführung eines Darmrohres durch 
Gasentleerung oft momentane Erleichterung schaffen. 

Sodann wird eine Diät zu verordnen sein, die dem Darm zunächst 
Ruhe lässt, also nur aus etwas aromatischem Thee und Aehnlichem 
besteht, sowie dem Grundleiden, der Dyspepsie oder dergi., angemessen 
erscheint. 

Eventuell kämen Anthelmintica in Frage. 

Bei der Erkältungskolik sind besonders kalte Püsse und das kalte 
Baden als Ursache zu berücksichtigen. 

Invaginatio (IntUSSUSCeptio) ist eine ernste und leider nicht so 
seltene Erkrankung, die besonders das erste Lebensalter und in diesem 
wieder die ersten Monate befällt; vom 2. — 5. Jahre nimmt sie rasch 
an Häufigkeit ab. 

Der mechanische Vorgang ist der, dass sich ein engerer Theil des 
Darms in einen weiteren hinein-, oder ein weiterer über einen engeren 
hinüberstülpt ; beides kommt vor, besonders das letztere an der Ileo- 
coecalklajDpe. Am häufigsten schiebt sich der unterste Theil des Ileum 
oder dieses sammt dem Coecum und einem Stücke des Colon ascendens 
zugleich in den Dickdarm. Begünstigend sollten nach früheren An- 
schauungen Darmkrankheiten, besonders Diarrhöen 'svirken ; thatsächlich 
tritt die Invagination oft ganz plötzlich bei vordem vollkommen ge- 
sunden Kindern auf. 

Die Invagination leitet sich klinisch meist durch einen heftigen 
Kolikanfall ein ; rasch folgen starkes Drängen und Auspressen von 



192 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

blutigen oder blutig-schlelmi<j;'en Massen, anfangs noch mit Fäkalien 
gemischt; diese Blut- und Schleimmassen entstammen der Schleimhaut 
des invaginirten Darmstückes, welches in Folge der in der Eingangs- 
pforte erfahrenen Einschnürung alle Merkmale der Stase, Schwellung 
und Exsudation zeigt. Bald werden dementsprechend die Entleerungen 
reichlicher, mehr weniger rein blutig; alle Zeichen des Darm verschlusses 
und des durch die Abschnürung plötzlich hervorgerufenen Shocks treten 
ein : allgemeine grosse Uin'uhe, Erbrechen, rascher Verfall, Schmerzhaftig- 
keit des Abdomens spontan und auf Berührung, zunehmende Tympanie. 
Der Sitz der Invagination lässt sich in geeigneten frischen Fällen bei 
noch weichem, nicht zu sehr aufgetriebenem Abdomen, bei vorsichtiger 
Betastung als ein wurstförmiger Tumor herausfinden; seltener erreicht 
wohl auch der hoch ins Rectum hinaufgeführte Finger die Kuppe des 
inYaginirten Darms als rundliche Resistenz. Ein zweifacher weiterer Ver- 
lauf ist möglich : entweder die Invagination löst sich spontan beziehungs- 
weise auf glückliche therapeutische Eingriffe hin, und damit schwinden 
rasch alle die bedrohlichen Symptome: der Tumi:ir, das Erbrechen, die 
blutigen Stühle; es tritt Ruhe, Schlaf, Entleerung von Flatus und Fäces 
imd ganz allmählich Genesung ein ; aber dann droht noch leicht ein 
Recidiv; oder aber die blutigen Stühle, das Erbrechen häufen sich, 
das schreckliche Bild des Ileus wird immer deutlicher, und der Tod 
erfolgt in zunehmendem Kollaps, seltener in einem eklamptischen An- 
fall oder durch Perforationsperitonitis. 

In anderen Fällen ist Eintritt und Verlauf der Invagination ein 
langsamerer und milderer; die Entleerungen sind mehr schleimig-hlutig, 
zwischendrein f äkulent ; es sind das die selteneren Ausnahmen, in denen 
der Darmverschluss ein unvollständiger ist, die Shockerscheinungen aus- 
bleiben. 

Die Diagnose ist bei dem typischen Krankheitsbilde (Fehlen 
von Fäces, dafür Blut inid Schleim, Zeichen von akutem Ileus) meist 
nicht zweifelhaft, die Prognose unter allen Umständen sehr ernst. 

Die Heilung kann spontan erfolgen, indem die Serosa des in- 
vaginirten Dai'ratheils mit der des ihn umgebenden verklebt, Druek- 
gangrän des ersteren Stückes eintritt, das unter stinkenden Diarrhöen 
abgeht, wodurch die freie Kommunikation wieder hergestellt wird. In 
der Kegel wird man diese wuiiderl)are Naturheilung nicht aliwarten, 
sondern aktiv eingreifen, indem man das invaninirte Darnistück zurück- 
zubringen trachtet; dies erstrebt man rein mechanisch durch Einführung 
langer, mit Sciiwamm gede(dvt('r Sonden, durcli sehr reichliche Ein- 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 193 

giessuBgen von kaltem oder Eiswasser oder Einblasungen von Luft 
oder Kohlensäure ; einen Erfolg kann man freilich nur erwarten, wenn 
die Invagination nicht allzu hoch oben im Darme sitzt, und durch sehr 
sorgsame Handhabung, ganz allmähliche Drucksteigerung eine Be- 
schädigung, Zerreissung des Darmes vermieden wird ; Voraussetzung ist 
ferner, dass die Invagination noch nicht so lange besteht, dass bereits 
eine Verklebung der Serosae erfolgte. Gute Erfolge sind von einer 
geschickten Massagebehandlung gerühmt und zweifellos zu erzielen. 

Gelingt die Lösung der Invagination nicht, so hat man jedenfalls 
den ganzen Darm durch vorsichtig bemessene und gut überwachte 
Opiumverabreichung still zu stellen, hiermit einer weiteren peristaltischen 
Invagination vorzubeugen, eine Naturheilung durch Verklebung der 
beiden Darmtheile zu begünstigen. 

Das sicherste Resultat könnte man von einer frühzeitig, bei gut 
erhaltenen Kräften, fehlenden Entzündungserscheinungen vorgenommenen 
Laparotomie und Reposition des Darms erwarten, für tlie freilich die 
genaue Kenntniss des Sitzes der Invagination mindestens sehr wünschens- 
werth ist; leider wird bei dem Alter und Kräftezustand der Kinder 
dieser schwere Eingriff nur ausnahmsweise überstanden. 

Eisstücke, eisgekühlte Getränke und Narkotica wären lediglich 
symptomatisch gegen das Erbrechen, die Schmerzen zu versuchen ; 
ebenso versteht sich vollkommene Abstinenz von anfänglich aller, später 
von jeder konsistenten Nahrung ; von einem mehr als symptomatischen 
Erfolge der Kussmaul'schen Magenausspülungen habe ich mich nicht 
überzeugen können. 

Prolapsus ani. Das Herausdrängen des untersten Darmabschnittes 
bietet den Anblick des umgestülpten Darms mit einer durch aktive 
Hyperämie und passive Stauung gerötheten und geschwellten, leicht 
blutenden Schleimhaut; der Prolaps ist wurstförmig und zeigt mehr 
weniger ausgesprochene Querfaltung; dem undeutlich sichtbaren Darm- 
lumen entquillt spärliche fäkale und blutig-schleimige Flüssigkeit; war 
die Schleimhaut länger der Luft ausgesetzt, so sondert sie ein reich- 
licheres serös-schleimiges und meist auch blutig gefärbtes Sekret ab. 

Vorbedingung des Mastdarm Vorfalls ist stets ein Schwächezustand 
der Sphinkteren und zwar speziell des Sphincter extemus (I u. II) und 
der umgebenden Dammmuskulatur ; dieser Schwäche- oder Erlahmungs- 
zustand wird durch fortwährendes Pressen und Drängen mit starker 
Erweiterung der meist für einen oder mehrere Finger leicht durch- 
gängigen Analöffnung hervorgerufen, von einer Erschlaffung des au 

Haus er, Grundrisa der Kinderheilkunde. Zweite Auflage. 13 



194 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

sich weiteren und schlafferen untersten Darmabsehnitts und allgemeiner 
Körperschwäche unterstützt. Veranlassung zu dem häufigen und hef- 
tigen Drängen sind ebenso gut Enterokatarrhe, wie Obstipation und 
Oxyiu-en, sodann Blasenstein, Phimose mit Dysurie, selten auch einmal 
Pertussis. Der Vorfall an sich giebt erneuten Anlass zum Drängen. 

Die Diagnose ist ä vue gegeben, die Prognose durch die oft 
grosse Hartnäckigkeit des Uebels getrübt, doch im Allgemeinen günstig. 

Die Therapie hat den Vorfall, wenn er nicht nach vollendeter 
Defäkation eventuell in Knieellbogenlage oder, wemi man das Kind 
an den gespreizten Beinen emporhebt, spontan zurückgeht, zu reponiren 
und dann vor allem die Ursachen des starken Drängens zu beseitigen, 
Katarrh, Obstipation etc. zu behandeln (s. o. ; stets denke man, beson- 
ders bei älteren Knaben, auch an Blasenstein) ; sodann gilt es, die Sphink- 
teren wieder zu kräftigen, die Erschlaffung der Darmmuskularis zu be- 
heben. In tüeser Richtung empfehlen sich Injektionen von Strychniii 
(0,0005 — 0,005 und mehr, steigend), oder Ergotin in die Umgebung 
des Anus, täglich einmal, später seltener; aucli Kauterisation der pro- 
labirten Schleimhaut mit dem Höllensteinstift, strichförmige Verätzung 
mit dem Paquelin können die Heilung unterstützen. 

In hartnäckigen Fällen versuche man den vermittelst eingeölter 
Leinwandläppchen in Knieellbogenlage, nöthigenfalls in Narkose repo- 
nirten Prolaps für längere Zeit durch einen Verband zurückzuhalten, 
dessen Bindenzügel von einem Leibgurt ausgehend, kreuzweise neben 
dem Scrotum resp. den grossen Labien vorbeigeführt, den Damm und 
die Analöffnung komprimiren ; bei gleichzeitiger Verabreichung von 
Opium und angemessener Diät kann ein solcher Verband Tage lang 
liegen und braucht erst, wenn Defäkation droht oder nothwendiger 
Weise durch Lavements erzielt werden soll, gewechselt zu werden. Die 
Einführung von zurückhaltenden Tampons und dergleichen halte ich 
für verfehlt. — Im äussersten Nothfalle kann man zu grösseren 
chirurgischen Eingriffen, Excision oder Exstirpation, gezwinigen werden. 

Um Rückfällen vorzubeugen, ist es sodann wichtig, das starke 
Pressen der Kinder auch dadurch zu verringern, dass man sie nicht 
auf dem Boden hockend, sondern liegend oder auf einem Stuhl sitzend 
ihre Fäces in das Nachtgeschirr entleeren lässt, weil dabei die Beine 
herabhäjigen, nicht aufgestemmt werden können. 

Mastdarmpolypen. Von malignen Tumoren abzusehen, haben die 
sog. Polypen, erbsen- bis kirschgrosse Tumoren von weicher oder 
fleischiger Konsistenz, die sich anatomisch meist als adenoide Wucher- 



Die Krankheiten der Vertlauungsorgaiie. 195 

nngeii der Schleimhaut erweisen, eine besondere Bedeutung. Sie sitzen 
gewöhnlich gestielt, meist über dem Musculus sphincter externus, selten 
höher, bisweilen multipel; sie werden in der Regel erst nach dem 
2. Lebensjahr gefunden und verrathen sich durch Störungen der Defä- 
kation, Diarrhöe abwechselnd mit Obstipation, Tenesmus, und vor allem 
durch Blut- und Sehleimabgang aus dem Anus ; ernstere Symptome, 
beispielsweise Eklampsie, sind sehr selten. Dagegen geben die Mast- 
darmpolypen wohl die häufigste Ursache aller Darmblutungen im Kin- 
desalter ab. Zuweilen werden sie bei starkem Drängen sichtbar, in 
anderen Fällen entdeckt sie der palpirende Finger; hier und da gehen 
sie wohl auch spontan ab, indem der dünn ausgezogene Stiel abreisst. 

Die Therapie besteht in Ligatur oder Abtrennen während des 
Herausdrängens resp. bei Narkose im Speculum. 

Fremdkörper, speziell verschluckte Nadeln, Münzen, Perlen, Knöpfe, 
Fruchtsteine, geben im Verhältniss zu der Häufigkeit ihres Vorkommens 
selten Anlass zu ernsten Störungen, Darmocclusion, Perityphlitis, Per- 
foration, Peritonitis, gehen vielmehr meist anstandslos wieder ab. 

Man beschleunige diesen Abgang nicht durch die Peristaltik er- 
regende Laxantien, sondern versuche es eher, den Fremdkörper durch 
sofortiges reichliches Füttern mit Kartoffel-, Zwieback-, Semmelbrei zu 
umhüllen und schonend durch den Darm zu geleiten. 

EntOZOen. Während auf der einen Seite zuzugeben ist, dass den 
Eingeweidewürmern früher selbst von den Aerzten eine übertriebene 
Bedeutmig als Erreger aller möglichen Krankheiten und Erscheiu- 
migen beigelegt wm'de, dass Laien vielfach noch heute ihi'en Einfluss 
zu überschätzen sehr geneigt smd, worin sie von allerlei Wunder- und 
Wurmdoktoren leider bestärkt werden, so ist doch andererseits zu be- 
tonen, dass die Entozoen zwar häufig, ja sicher in der Mehrzahl der 
Fälle ziemlich harmlose Mitesser sind, hier und da jedoch den Allge- 
memzustand direkt oder reflektorisch auf das Unangenehmste in Mit- 
leidenschaft ziehen können. 

Einer der häufigsten und unschuldigsten Entozoen ist der A s c a r i s 
lumbricoides , der Spulwurm, dessen Naturgeschichte, wie die der 
anderen, als bekannt vorausgesetzt werden darf. Seine in ungeheurer 
Zahl produzirten Eier gelangen wohl mit dem Wasser, mit Obst uikI 
Gemüsen oder direkt vom Bodeu aus in den Miuid und Magen und 
entwickeln sich im Dünndarm. Die Existenz des Wurms verräth sich 
gewöhnlich erst durch den Abgang ex ano, selten durch Auswürgen 
aus dem Magen. Die Gesundheit beeinträchtigen können die Askariden 

IS* 



196 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

wohl für gewöhnlich nur, wenn sie in einer übergrossen Anzahl vor- 
handen, die Intestinalschleiinhaut vielfältig verletzen, reizen, Kolik, 
Dyspepsie, Uebelkeit und Erbrechen, ausnahmsweise auch einmal Krämpfe 
ehoreatischer oder eklamptischer Art erregen. Mattigkeit, Abmagerung, 
Unruhe und bleiches Aussehen, Nasenjucken, weite Pupillen gelten ge- 
wöhnlich als Folgen des Vorhandenseins und des Reizes zahlreicher 
Askariden. Bedenklichere Zufälle können bei der Wandenmg von 
Askariden entstehen, so, wenn dieselben in den Gallengang, in den 
Larynx, durch Darmulcera in den Peritonealsack eindringen ; selbst Ileus, 
hervorgerufen durch einen grossen Ballen von Askariden, ist beschrieben 
worden. 

Ihre B e s e i t i g u n g gelingt leicht , da sie fast spezifisch auf 
Santonin reagiren, das am Besten in Ol. Ricini gegeben, wenn in der 
angenehmeren Form von Pastillen, Chokoladenplätzchen verabreicht, 
zweckmässig von einem Laxans gefolgt wird, um einer Intoxikation 
vorzubeugen und die abgetödteten Würmer zu entleeren. 

Während der Spulwurm fast in dem ganzen Darm und speziell 
dem Dünndarm gefunden wird, hält sich Oxyuris vermicularis, 
der Maden wurm, mit Vorliebe im untersten Darmabschnitte auf; sein 
Vorkommen ist meist ein massenhaftes. Die von ihm gemachten Erschein- 
ungen sind lokale, als Jucken, Kribbeln im After, Tenesmus, die speziell 
des Abends nach dem Schlafengehen auftreten, zu welcher Zeit man die 
Würmer manchmal aus dem Darm herausgeki'ochen, im Bett vorfindet; 
ausnahmsweise vermögen sie selbst heftige Schmerzanfälle hervorzu- 
rufen ; durch Ueberwanderung in die Nachbarschaft können sie in 
der Vagina Fluor, in den In guinalf alten Ekzem erzeugen. Dass sie 
die Kinder beum'uhigen und aufregen, den Schlaf stören, vielleicht 
Pavor nocturnus hervorrufen, ist zuzugeben. 

Santonin wirkt auf die Oxyuren schleclit; ihre Inangriffnahme 
muss mehr eine örtliche sein mittelst wiederholter hoher und grosser 
Eingiessungen von Essigwasser (30 "/o), Knoblauchabkochung, Klystiere 
von Menthol 0,6, Ol. olivar. 30,0; nur mit grösster Vorsicht verwende man 
Sublimatlösungen. Durch Laxantien sorge man zwischendrein dafür, 
dass die höher sitzenden Würmer nach unten abgeführt werden. Inner- 
lich wirksam ist besonders Naphthalinum purissimum; auch Supposi- 
torien von Quassia amara (0,06—0,08) sind empfohlen. 

Gegen Pruritus aiu und Uebei'krieclien der Würmer ans dem Anus 
heraus wird Ungt. cinereum empfohlen; die Kinik'r sind am Kratzen ad 
anum zu vcrhiiideiii, weil dem Finger anhaftende Eier auf die Weise 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 197 

in den Mund gelangen nnd so den Darm von Neuem infiziren können ; 
aus demselben Grunde lasse man die Fingernägel kurz schneiden und 
regelmässig, besonders vor dem Schlafengehen und des Morgens mit Seife, 
Bürste und Karbolwasser reinigen. 

Bedeutungsvoller sind schon die Bandwürmer, von denen am 
liäufigsten die Taenia medioc anellata (aus der Finne des Rindes), 
seltener T. solium (Finne des Schweines), noch seltener Botrio- 
cephalus latus (Finne in Fischen) oder T. cucumerina und 
T. nana vorkommt. 

Meist machen die Tänien keinerlei S y m p t o m e ; erst der Abgang 
von Proglottiden verräth den Gast; doch lässt es sich verstehen, dass 
grosse oder mehrfache Bandwürmer, und besonders Botriocephalus latus 
Anämie, Ernährungsstörungen verursachen können; ebenso werden 
Gastralgie, Enteralgie, Heisshunger, Uebelkeit, Erbrechen, Schwindel 
ihnen wohl mit Recht zugeschrieben. Selten sind auch hier schwerere 
Reflexwirkungen als Singultus, Parästhesien, Chorea, Eklampsie mit 
Sicherheit auf die Tänie zu beziehen. 

Proph 3' faktisch sei man mit dem Verabreichen von rohem 
Fleisch vorsichtig, lasse jedenfalls nur thierärztlich untersuchtes und 
finnenfrei befundenes Fleisch geniessen und empfehle den Müttern, 
dasselbe eigenhändig zu schaben und alle verdächtigen Theile (die 
Anschnittf lache) auszumerzen . 

Der Bandwurmkur geht zweckmässig eine Vorbereitungskur 
voraus, die einmal den Darm entleert, so das Mittel möglichst unver- 
dünnt und direkt zur Einwirkung bringt, sodann den Bandwurm bereits 
beunruhigt, zum Abfallen geneigter macht. Man giebt den Abend vor- 
her ein tüchtiges Abführmittel, älteren Kindern etwas Häringssalat, 
jüngeren nur mehr Milchthee oder -kaffee. Die eigentliche Kur beginnt 
den folgenden Morgen ; man belasse die Patienten im Bett und gebe 
das Mittel nach und zusammen mit wenig kaltem Kaffee oder Thee, um 
Erbrechen zu vermeiden. Als wirksam empfiehlt sich vor allem ein 
gutes frisches Extrakt. Filicis raaris aethereum 4 — 8 gr, das sich zu- 
.sammen mit Mel depuratum 20 gr in .3 Portionen halbstündlich ganz 
gut nimmt. 

Noch kräftiger wirkt ein Macerationsdekokt von frischer Granat- 
wurzelrinde (10 — 20 gr) zusammen mit Extr. Fil. mar., das wegen des 
schlechten Geschmacks ev. vermittelst Schlundsonde einzuführen ist. 
Ein gutes Mittel ist auch Kousso in Pulver-, bei älteren Kindern in 
Tablettenform (10 — 20 gr). Die Samen der Curcubita maxima (nicht 



198 Die Krankheiten der Verdaiuingsorgane. 

unseres Kürbisses, sondern des südländischen) sind von zweifelhafterem 
Erfolg, noch fraglicher die Kamala und das sehr theure Pelleterinum 
tannicum. 

Ist das Mittel genommen, iiicht in zu grossem Bruchtheil erbrochen, 
und zögert die Ausstossung des Parasiten, so strebt man nach einigen 
Stunden durch Kaltwasserklystiere, ein Laxans die Entfernung der 
betäubten oder abgestorbenen Tänie an; dabei erinnere man sich, dass 
ölige Mittel (Kicinus, auch Milch) eine Vergiftung mit Filix mas zur 
Folge haben können, sicher sie begünstigen. Eine sorgfältige Unter- 
suchung der gesammten, genau gesammelten, mit Wasser aufge- 
schwemmten und durch ein Stück Gaze gegossenen Entleermigen muss 
den Bandwurmkopf nachweisen, soll sicherer Erfolg gewährleistet 
werden können. 

Erst zum Nachmittag oder Abend gebe man dann dem Kinde 
etwas schleimige Suppe ; auch halte man noch einige Tage vorsichtige Diät. 

Wiederholt werden soll die Kur, wenn nöthig, erst einige Wochen 
später, wenn der Bandwurm nachgewachsen, wieder Glieder abstösst, 
und das Kind sich von der immerhin angreifenden und unangenehmen 
Prozedur erholt hat. Sehr jugendliches Alter und Sehwächezustände 
verbieten überhaupt jede Kur. 

Angeborene Verengerung und Verschluss des Darms. Kongenital 

kommen bei Neugeborenen Verengerungen , selbst vollständiger Ver- 
schluss und Defekte im Darmkanal vor, deren Entstehung auf intrau- 
terine entzündliche Prozesse sowie Bildungshemmiingen zvu'ückgeführt 
wird. Beobachtet sind neben echten Missbildungen angeborene Enge 
eines Darmabschnitts bis zu vollkommener Obturation, faltenförmige 
Strikturen sowie vollständige oder unvollständige Abschnürung des 
Darmrohrs durch peritoneale Bindegewebsstränge. 

Totaler Mangel und ausgedehnte Defekte des Dannrohrs kommen 
nur laei hochgradiger Missbildung vor. Häufiger schon smd kleuiere 
Defekte und Verengerungen ; recht selten findet man die Bildung einer 
Scheidewand innerhalb des Dai-mlumens; am häufigsten ist die Atresia 
ani und die AUaiitoiskloake. 

Die Atresieon und Defekte des Dünndarms werden vorzugsweise 
ober- und unterhalb des Tuberculum Vatei'i im Duodenum gefunden, 
seltener dicht vor dem Coeeum. 

Anatomisch wie klinisch sind die Fälle von Atresie und 
Defekt oder Verengerung im Darmkanal dadurcli gekennzeichnet, dass 
sich, oberhalb der Striktur eine Erweiterung des Darms ausbildet oder 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 199 

schon ausgebildet hat, die sich durch tympanitisehe Auftreibung der 
Darmschlingen mit lautem Darmschall, durch eine oft zu beobachtende 
lebhafte Peristaltik und auch Antiperistaltik verräth; unterhalb koUabirt 
der Darm mehr weniger. Je nach dem Grade der Verengerung kommt 
es zum Abgang von schafkothähnliehen Stühlen, Obstijjation bis zum 
vollständigen Fehlen von Fäces und entsprechend allen Erscheinungen 
von der Anorexie, dem Aufstossen, Erbrechen bis zu den typischen Sym- 
ptomen der Peritonitis und des Ileus, wie sie bei vollständigem Darm- 
verschluss binnen wenigen Tagen zum Tode führen, während bei 
leichteren Graden der Verengerung das Leben, wenn auch unter vielen 
Störungen und Beeinträchtigungen der Entwickelung, eine Zeit lang 
fortgeführt werden kann. 

Am Dickdarm finden sich die häufigsten kongenitalen Verenger- 
ungen und Obliterationen vor und zwar in Gestalt der Allantoiskloake 
und der Atresia ani, also angeborener Entwickelungshemmungen und 
Missbildungen. Ihre Bedeutmig ist eine rein chirurgische, so dass hier 
nicht näher auf dieselben eingegangen zu werden braucht; ebenso wenig 
auf die gleichfalls relativ häufige Bildung eines MeckeFschen Darm- 
divertikels, eines Restes des Ductus omphalomesentericus, der unterhalb 
des Nabels nach aussen münden und Fäces entleeren kann; auch sind 
gerade bei Individuen jüngeren Alters Incarcerationen beschrieben, 
welche durch Stränge veranlasst wurden, die von einem Meckel'schen 
Divertikel ausgingen und den persistirenden Dottergefässen entsprachen. 

Die Krankheiten des Bauchfells. 

Peritonitis acuta. Die Peritonitis acuta ist in den seltensten 
Fälleji eine primäre Erkrankung. Bei Neugeborenen entwickelt sie sich 
häufig aus einer septischen Nabelentzündung heraus, oder sie ist Theil- 
erscheinung der sog. puerperalen Infektion; viel seltener sind die 
Beobachtungen, in denen angeborene Darmocclusio]i , Perforation eines 
Fremdkörpers, Koprostase eine mehr weniger akute Peritonitis zur 
Folge hatten. 

Im späteren Kindesalter geht die akute Peritonitis weitaus am 
häufigsten aus einer Perityphlitis hervor; sodann kann sie den letalen 
Endprozess einer Invagination darstellen; ziemlich zahlreich sind akute 
Peritonitiden in dem Gefolge von tuberkulöser Erkrankung der Mesen- 
terialdrüsen {Verkäsung und Vereiterung) und des Darms; auch akute 
Infektionskrankheiten, bes. Erysipel und Skarlatina, auch skarlatinöse 



200 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

Nephritis erregen hie und da Entzündungen des Bauchfells. Kecht 
selten ist im iUlgemeinen das Uebergreifen eines akuten entzündlichen 
Prozesses vom Darm auf das Peritoneum (bei schwerer Enteritis), am 
seltensten die akute Perforationsperitonitis bei typhösen Darmgaschwüren 
oder gar Magenulcus, Dysenterie, oder in Folge Berstens eines Echino- 
coccus der Leber, von perforirendem Kothstein, Durchbruch eines para- 
nephritischen Abscesses. 

Endlich können auch durch Ueberwandern von Pneumoniekokken 
durch das Zwerchfell hindurch, von Gonokokken aus der Vagina in 
Uterus, Tuben und Peritonealsack, von Bacterium coli aus dem Darm, 
endlich durch heftige, die Bauchwand treffende Traumen akute Bauch- 
fellentzündungen erzeugt werden. 

So zahlreich also die Entstehungsmöglichkeiten, so schwierig die 
Feststellimg der Aetiologie im einzelnen Falle, so leicht ist die Er- 
kennung der Krankheit als solcher: das Krankheitsbild ist meist 
dasselbe typische wie beim Erwachsenen; das ganze Aussehen, besonders 
der Gesichtsausdruck lassen sofort ein schweres Leiden errathen ; den 
Beginn machen in der Regel Erbrechen und heftige Schmerzen; der 
Leib wird rasch aufgetrieben, meist hart gespannt, er ist immer druck- 
empfindlich; die Zunge ist trocken, belegt, die Lippen fieberhaft; an 
Stelle des Appetits tritt stets brennender Durst; quälende Euctus, 
nicht immer Erbrechen zeigen sich dauernd; der Stuhl ist öfters ob- 
stipirt als diarrhöisch; die Respiration ist beschleunigt, oberflächlich, 
stöhnend; der Puls klein, meist sehr frequent und hart. Die Urin- 
sekretion wird spärlich, die Entleerung der Blase erfolgt öfters nicht 
mehr spontan; das Fieber ist besonders im Anfang hoch, kann aber 
auch vollkommen fehlen. Rasch stellen sich Kollapserscheinungen ein: 
kühle Extremitäten, Facies Hippocratica, Pulsus debilis. 

Ein entzündliches Exsudat ist nicht immer nachweisbar, da meteo- 
ristische, obenauf schwimmende Darmschlingen es verdecken. Verkleb- 
ungen es in der Tiefe abkapseln können ; kaum je ist es als ein frei 
bewegliches nachweisbar; in der Regel lassen sich höchstens cirkum- 
skripte Dämpfungen herausperkutiren ; peritoneale Reibegeräusche sind 
sehr selten. 

Nur in der Minderzahl der Fälle wird unter Nachlassen aller 
Erscheuiungungen , besonders der Sehmerzen, des Erbrechens, des 
Meteorismus die Entzündung allmählich abklingen ; ebenso selten findet 
eine Spontanheilung in Folge Perforation des Exsudates durch den 
Nabel, als den nachgiebigsten Theil der Bnuchwand, oder in den Darm, 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 201 

die Blase statt; die Prognose ist meist sehr ernst zu stellen. Eine 
antiphlogistische Behandlung mit Eis, ev. Blutentziehung nützt wenig 
und vermehrt die Gefahr des Kollapses ; Oi^ium intern stellt den Darm 
ruhig und ist bei den heftigen Schmerzen schon aus diesem Grunde 
nicht zu entbehren ; die Diät kann nur flüssig und kalt sein (Thee, 
Eismilch, Cognacwasser , Beaftea); der Kollaps ist mit bekannten 
Mitteln, also vor allem xllkohol, zu bekämpfen. 

Die einzig aussichtsvolle Therapie besteht in einem chirurgischen 
Eingriff, der Lajjarotomie und dem Aufsuchen, der Entfernung resp. 
Drainage des primären Entzündungsherdes oder des ganzen Peritoneal- 
sackes. Nur schade, dass einmal Kinder einen solchen Eingriff schwer 
überstehen, sodann aber der genaue örtliche Nachweis der lu'sächlichen 
Ausgangsstelle in den wenigsten Fällen gelingt. 

Peritonitis Clironica. Die chronische Peritonitis ist eine ziemlich 
häufige und in vielen Fällen diagnostisch interessante Krankheit des 
Kindesalters. 

Während man früher ihre Entstehung fast ausnahmslos der Tuber- 
kulose zuschrieb, müssen wir heute zwar zugeben, dass die tuberkulöse 
Form weitaus die häufigste, aber nicht die einzige Form der chronischen 
Bauchfellentzündung ist. 

Bei der erschreckenden Häufigkeit der Tuberkulose im Kindesalter 
kaAn es nicht weiter Wunder nehmen, dass sich der Tuberkel-Bacillus 
öfters vorwiegend oder ausschliesslich in dem Verdammgsapparat an- 
siedelt, besonders in Anbetracht dessen, dass bei dem Genuss roher 
oder mangelhaft gekochter Milch oft genug Bacillen aus perlsüchtigen 
Kühen aufgenommen werden. 

Die tuberkulöse Erki'ankung des Bauchfells, Peritonitis tuber- 
culosa, kann eine isolirte sein, öfter ist sie aber kondjinirt mit tuber- 
kulösen Affektionen des Darms, der Mesenterialdrüsen, des Urogenital- 
apparates, so dass es thunlicher erscheint, die chronische tuberkulöse 
Peritonitis unter der Tuberkulose der Unterleibsorgane abzuhandeln. 

Viel seltener als die Peritonitis tuberculosa ist die Peritonitis 
chronica simplex. Dieselbe verläuft unter dem Bilde einer ganz 
allmählich sich entwickelnden, langsam zunehmenden, mit geringfügigen, 
zeitweisen Schmerzen und dyspeptischen Störungen einhergehenden 
Volumszunahme des Abdomens, deren Ursache neben Tympanie die 
Ansammlung eines grünlichen, zienüich klaren Fluidums ist. Als ent- 
zündliches Produkt erweist sich dasselbe durch seinen Gehalt an reich- 
lichem Albumen, an Lymphzellen, Fibrinflocken; daneben finden sich 



9(}2 Die Krankheiten der Verdauuugsorgane. 

fibrinöse Auflagerungen auf dem Peritoneum, welche wohl auch ein 
deutliches Reibegeräusch abgeben, peritoiiitische Schwartenbildung zwi. 
sehen den Gyri, Schrumpfungen des Mesenteriums, die wie Tumoren sich 
anfühlen können, manchmal förmliche Granulombildungen, die makro- 
skopisch als tuberkulöse Granulationen imponiren können. — Dabei 
besteht meist Appetitlosigkeit, Dyspepsie; der Stuhl ist öfter obstipirt, 
seltener diarrhöisch und zeigt wohl auch durch reichlichen Fettgehalt 
thonf arbiges Aussehen; Erbrechen ist selten, Anämie häufig vorhanden. 

Klinisch lässt sich ein grösseres Exsudat meist leicht durch Perkussion, 
eventuell Punktion, lassen sich die Schwarten, Strangbildungen und 
dergleichen durch Palpation nachweisen ; die Schwierigkeit der Diagnose 
beginnt mit der Frage, ob Ex- oder Transsudat, die meist nur durch 
Untersuchung der Flüssigkeit, nach einer Entleerung derselben durch 
Palpitation der Leber,' jN'Iilz in Narkose entschieden wird. 

Hat man Ascites durch Leberaffektionen ausgeschlossen, so bleiben 
die Ursachen der chronischen Entziüidung noch häufig genug ver- 
schleiert. Hier und da eruirt die Anamnese ein Trauma, das den 
Unterleib getroffen, und das wir sclion als Ursache der akuten Peri- 
tonitis kennen lernten. In einzelnen Fällen, besonders bei älteren 
Mädchen, müssen wir die chronische Peritonitis in die Rubrik jener 
Bauchfellentzündungen verweisen, welche bei Mädchen und jungen 
Frauen öfters beobachtet und auf Entwickelungsvorgänge in den inneren 
Genitalien zurückgeführt werden. Bei den meisten Kindern ist eine 
Ursache mit Bestimmtheit überhaupt nicht herauszufinden ; als solche 
hat man noch akute Infektionskrajikheiten, speziell Masern herangezogen, 
wofür mir zwei Fälle bekannt wurden. 

Die schwierige, ätiologisch und damit prognostisch entscheidende 
Diagnose ist meist nur per exclusionem zu stellen. Vor allem gilt 
es, einen tuberkulösen Ursprung auszuschliessen. Ausschlaggebend ist 
hier das meist wenig, oft gar nicht gestörte Allgemeinbefinden, der 
Ernährungszustand, der Verlauf. Sodann können die oft centimeter- 
dicken peritonealen Sehwarten, die schwieligen Verdickungen einzebier 
Darmwandtheile Tumoren (Sarkom) vortäuschen; auch hier entscheidet 
für ein malignes ätiologisches Moment bald die Zeit. 

Bei einfacher chronischer Peritonitis ist der Verlauf meist günstig, 
ilie Therapie von Erfolg begleitet. 

Man lasse solclie Kinder wenigstens vorwiegend Bettruhe halten; 
die Ernähriuig sei eine ganz leicht verdauliche, reizlose, dabei robo- 
rirende (Milch, Eier, Brühe, Wein, leichtes Fleiscli). Oertlich suchen 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 203 

hydropalhische Umschläge, SooluniRchläge, Einreibungen von Ungt. 
c'inereum oder Jodoformsalbe, Jodpinselungen die Resorption anzuregen. 
Bei Verstopfung gebe man Klystiere oder milde pflanzliche Laxantien, 
gegen Diarrhöe Bismuth, Opiate besonders bei Schmerzen. 

Die allgemeine Ernährung, die Blutbeschaffenheit suchen Eisen- 
präparate, Malz, wenn vertragen, Leberthran und Lipanin, wohl auch 
Soolbäder und Luftkuren zu heben. Nimmt die Exsudatbildune be- 
denkliche Ausdehnung an, so muss eine Punktion Erleichterung schaffen; 
dieselbe ist nöthigenfalls mehrmals zu wiederholen. 

Bei dieser Behandlung tritt in vielen Fällen volle, dauernde Heil- 
ung ein. Bleibt nach den geschilderten mehrwöchentlichen Versuchen 
der Erfolg aus, so ist unbedingt die Laparotomie zu versuchen, die, 
relativ gefahrlos, öfters ein glänzendes Resultat zu verzeichnen hatte. 

Perityphlitis und Appendicitis bieten im Kindesalter keinerlei Be- 
sonderheiten weder nach Aetiologie, noch nach Krankheitsverlauf und 
Behandlung ; sie kommt nicht häufiger zur Beobachtung wie bei Er- 
wachsenen, obwohl die relativ grössere Weite und Länge des Processus 
vermiformis dem Eindringen von Fremdkörpern leichter Gelegenheit 
bietet. 

Ihre Erscheinungen entwickeln sich, wie bekannt. Dabei 
sprechen allmählicher Beginn mit Obstipation, massige Schmerzhaftig- 
keit, geringer Meteorismus, leichtes Fieber, deutlich abgegrenzter Tumor 
mehr für Typhlitis stercoralis, plötzliches Erkranken, heftige entzünd- 
liche Schmerzen, starke Leibesauftreibung, schwere Betheiligung des 
Allgemeinbefinden.«, hohes Fieber, Schüttelfröste, diffusere Resistenz 
eher für Appendicitis und Perforation eines Wurmfortsatzgeschwürs. 
Doch kommen alle möglichen Uebergänge vor, und am Ende sind für 
Entwickelung und Prognose des Prozesses die Widerstandsfähigkeit 
des Organismus und die Viralenz der die Darmwand und das Peritoneum 
infizirenden Mikroorganismen entscheidend. 

Als Abweichungen von dem typischen Verlauf sind Diarrhöen 
beobachtet. 

Die Prognose ist stets dubiös, nur bei einfacher Sterkoral-Ent- 
zündung günstig; die Gefahr liegt in der akut einsetzenden Ausbreit- 
ung der Entzündung auf das gesammte Peritoneum, in zweiter Linie 
in der Entwickelung au.sgedehnter, nach dem Becken hinab oder auch 
hinter die Niere, zwischen Leber und Zwerchfell hinauf, in die Pleura- 
höhle dringender Abscesse. Recidive sind häufig und legen eine 
operative Behandlung nalie. 



204 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

Die Therapie sei die altbewährte Opiumbehandluiig, die auch 
bei Eandern die besten Eesultate giebt, sowie absolute Bettrulie neben 
der strengsten Regelung- der Diät; es genügen im Anfang durststillende, 
eisgekühlte Getränke wie Thee, Cognacwasser, Champagner, süsse Limo- 
naden, Wein; später Bouillon, nöthigenfalls unter Zusatz von Fleiseh- 
saft (Furo, Carno, Torril), von Somatose, Tropon oder dergleichen Prä- 
paraten ; nur im Nothfalle versuche man unter grosser Vorsicht (um nicht 
vorzeitig die Darmperistaltik anzuregen) Nährklystiere, die freilich nicht 
immer behalten und selten lange vertragen werden; erst ganz allmäh- 
lich und vorsichtig gehe man, nachdem die Zunge sich gereinigt, 
Appetit sich eingestellt hat, und spontane Defäkation erfolgt ist, zu 
konsistenterer Nahrung über: erst Kalbsmilcher und Kalbshirn gesotten 
und durch ein Haarsieb gedrückt in Bouillon, dann gebacken, Caviar, 
Austern, wenn genommen, geriebenes Geflügelfleisch, Schabefleisch, 
geschabter roher Schinken, Kakes, Zwieback, eingeweichtes Weissbrot, 
Eeis, Gries und dergl. — Lokal wendet man zu Anfang Eisblase, 
resp. Eiskompressen, später hydropathische bezw. Breiumscliläge an ; 
sind alle Entzündungserscheinungen abgeklungen , mag man durch 
kleine Oelklystiere (50 — 150 g Ol. olivannn oder Sesamöl, angewärmt 
einzuspritzen) die Stuhlentleerung anzuregen suchen; diese Oelklystiere 
bewähren sich noch während der ganzen Rekonvalescenz. 

Nur bei reiner Sterkoralstauung dürften hohe Mastdarmeingiess- 
ungen mit Wasser, Oleum Lini unil Seifenlösung ää geeignet sein, die 
Heilung herbeizuführen. 

Sobald ein eitriges ExsuiUit anzunehmen, eventuell durch Probe- 
punktion nachweisbar ist, überantwoi-te man den Fall dem Chirurgen, 
der bei rechtzeitigem Eingriff durch Drainage, Entfernung des Pro- 
cessus vermiformis sannut etwa ei]igekeiltem Fremdkörper oder Per- 
forationsulcus hier glänzende Erfolge erzielen kann. Die operative 
Behandlung ist stets auch bei Perforationsperityplilitis indizirt, aber 
nur unter der Voraussetzung, dass der Chirurge liinnen der ersten 
Stunden nach eingetretenem Durchbruch zur Stelle, und das Kind noch 
nicht koUabirt ist; nach meiner persönlichen Erfahrung sind ihre 
Chancen im Kindesalter nicht besser, wie die der exspektativeii, diäte- 
tischen Opiumbehandlung. 

Tuberculosis abdominalis. Duss bei der Verbreitung der Tuber- 
kulose unter dem Rindvieh, besonders durch den Genuss der beliebten 
sogen, kuhwarmen, rohen oder mangelhaft gekochten Milch, oft genug 
Bacillen tuberkulöser Kühe iln-en Weg in die kindlichen Verdauung.s- 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 205 

Organe finden, erklärt zu einem Theil die Ent;<tehung der Intestinal- 
Tuberkulose; die Küsse tuberkulöser Mütter und Pflegerinnen, die 
nicht auszurottende Unsitte, das Getränk der Säuglinge mit dem Munde 
zu prüfen, sowie das Verschlucken von bacillenhaltigem Sputum geben 
die anderen möglichen Quellen der Infektion ab. Begünstigend wirken 
die grosse Disposition des Kindesalters zur Tuberkulose überhaupt, 
sowie die häufigen Dyspepsien desselben. Pertussis, Influenza und 
Morbilli, Heredität schaffen einen günstigen Boden für die einge- 
drungenen Bacillen. 

Die Tuberkulose des Unterleibes ist keiiae häufigere Erkrankung; 
sie ist selten isolirt und primär, meist mit Tuberkulose anderer Organe 
vergesellschaftet. Die ursächlichen resp. k<jmplizirenden Erkrankungen 
sind Herde in den Bronchialdrüsen, Lungen, Knochen, Genitalien. 

Die E r s e h e i n u n g s f o r m e n der Unterleibstuberkulose sind ein- 
mal und zwar seltener die chronische t u b e r k u 1 ö s e P e r i t o n i t i s , 
deren klinische und physikalische Symptome im grossen Ganzen denen 
der einfachen chronischen Peritonitis gleichen : Volumszunahme des 
Unterleibes, Tympanie und Exsudat, ektatische Venae epigastricae, 
Anorexie, hier und da Schmerzen; unstillbare Diarrhöen rühren dabei 
von einer das Bild komplizirenden Darmtuberkulose her; bei im All- 
gemeinen länger, bis über ein Jahr sich hinziehendem Verlauf erweist 
sich der deletäre Charakter des Leidens freilich meist früh genug durch 
die schwere Mitbetheiligung des ganzen Körpers, die zunehmende, un- 
aufhaltsame Abmagerung, Schwäche, Anämie, unregelmässiges Fieber. 
Selten tritt die tuberkulöse Infektion des Peritoneums unter dem Bilde 
der akuten, rapid verlaufenden Peritonitis oder einer typhoiden Er- 
krankung auf. Der Tod erfolgt unt^r zunehmender Herzschwäche 
oder in Folge einer zufälligen oder tuberkulösen Komplikation. 

Die zweite Form der Unterleibstuberkulose, die eigentliche Darm- 
tuberkulose, ist anatomisch gegeben durch den chronischen Katarrh 
und die Bildung echter Tuberkel und tuberkulöser Follikulärulcerationen 
meist im Dünndarm, speziell im untersten Theil, doch auch im Dick- 
darm bis in den Mastdarm hinab, sodann durch Infiltration und Ver- 
käsung der Mesenterialdrüsen, Tuberkulose der abdominalen Lymph- 
gefässe; durch ihre überwiegende Häufigkeit sind die tuberkulösen 
Darmulcera die wichtigsten im Kindesalter vorkommenden. 

Die klinischen Lokalsymptome der Darmtuberkulose sind anfäng- 
lich dunkel und treten, wie bei der Lungentuberkulose gegenüber der 
allgemeinen Ernähruncsstöruns: in den Hintergrund. Die Kinder leiden 



206 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

an zunehnieudem Appetitmang-el, meist zeigen .sie dabei erhöhten Durst; 
die Zunge ist oft trocken, etwas belegt, der Leib öfters tympanitiseli 
gespannt, bald druck-, bald spontanempfindlich ; zeitweise treten Kohken 
auf, der Stuhl ist abwechselnd verzögert, selbst hartnäckig verstopft, 
und diarrhoisch; die Diarrhöen sind meist unstillbar, resp. recidivirend. 
Die diarrhoischen Stühle weisen tlurch Geruch und Aussehen auf Katarrh 
und Zersetzungen im Darm hin und enthalten öfters Schleim, selbst Eiter 
und Blut; bei kcanplizirender Peritonitis lässt sich manchmal ein Exsudat 
nachweisen; die Lj'mphdrüsen, speziell in den Inguinalfalten, schwellen 
an ; sehr selten sind vergrösserte Peritonealdrüsen fühlbar ; es treten 
unregelmässige Fieberbewegungen und Schweisse auf, die bald hektischen 
Charakter annehmen. Gestützt wird die Diagnose durch das Auffinden 
anderweitiger tuberkulöser Krankheitsherde; meist hat sieh auch Fett- 
leber ent\(ickelt. 

Allmählich kommt es zu dem typischen Bilde der schweren 
Atrophie; unter zunehmender Erschöpfung durch Anorexie, Diarrhöen, 
Schmerzen, Meteorismus, Fieber, Nachtschweisse, Oedeme, erhegen lang- 
sam, oft erst nach vielen Monaten die Kinder, wenn nicht eine Menin- 
gitis tuberculosa, eine Perforationsperitonitis ein rasches Ende bereiten. 
Seltene Vorkommnisse sind der Durchbruch eines Perforationsabscesses 
nach aussen, so dass Darm- und Abscessöffnung kommuniziren, oder 
Entleerung eines peritonealen Exsudates in einen arrodirten Darnitheil. 

In einem Fall sah ich die Unterleibstuberkulose ganz akut unter 
den klinischen Erscheinungen einer Perityphlitis einsetzen; in einem 
andern täuschte eine adhäsive Verwachsung des Mesenteriolums mid des 
Wurmfortsatzes mit verkästen peritonealen Lymphdrüsen das Bild eines 
Ileus vor. 

Die Diagnose, die bei Beobachtung des Verlaufes nicht lange 
zweifelhaft, bleiben kann, wird durch den Nachweis von Tuberkelbaeillen 
im Stuhl oder im Sputum und im Munde gesichert. 

Die Prognose ist fast absolut .schlecht ; wenn von Heilimgen wenig- 
.stens der tuberkulösen Peritonitis durch Laparotomie berichtet wird, so 
handelt es sich sicher hier und (hi um eine Vcrwi'rhselung mit der 
granulösen Form der Peritonitis chronica siiiiplex; in anderen FäUen ist die 
Heilung nur eine scheinbare, vorübergehende; in meluvren Fällen, die ich 
gesehen, schloss sich an eine wegen tnbcrkulösei- Peritonitis anscheinend 
mit gutem Erfolg genuichtc Laparotomie ziemlich rasch eine allgemeiue 
Tuberkulose oiU-r eine Meningitis tuhereulo.sa an; doch werden auch 
von komj)cteiiten Autoren so sicliere Heilungen beluuiptet, dass An- 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 207 

gesichts der traurigen Prognose ein operativer Versuch stets gerecht- 
fertigt erscheinen wird. 

Die Behandlung sucht das Leben (hu'ch vorsichtige roborirende 
Ernährung möglichst lange zu erhalten, die Schmerzen durch hydro- 
pathische und warme Umschläge, Morphium und Opium zu lindern, 
die schwächenden Diarrhöen zu massigen ; bleibt jede Besserung aus, 
so mag man die Laparotomie mit Ablassung des Exsudats, ev. Jodo- 
formeinstävibuno' versuchen. 



Die so häufig gefundeneji Tuberkel in Milz, Leber, Nieren, 
inneren Genitalien, Netz haben keine klinische Bedeutung und er- 
übrigen daher eine Besprechung. 

Die Krankheiten der Leber. 

Icterus catarrhalis. Weitaus die häufigste Leberaffektion ist der 
Icterus catarrhalis; er hat genau dieselbe Aetiologie wie beim Er- 
wachsenen; meist geht ihm ein akuter, heftigerer oder ein subakuter, 
kaum bemerkter Magen- (Darm) katarrh voraus ; es handelt sich wohl 
weniger um eine katarrhalische Schwellung der Schleimhaut des Duode- 
nums und aufsteigend des Ductus choleclochus, die eine Obturation des 
letzteren verursacht, als um eine Infektion der Leber, eine den Gallen- 
wegen folgende Hepatitis; es hat den Anschein, als ob derartig infek- 
tiöser Icterus catarrhalis öfters epidemisch, besonders in den Sisätherbst- 
monaten auftreten könne. Die Erscheinungen sind die der Gallen- 
stauung und -resorption (ikterische Hautfärbung, Gallenfarbstoff im 
LTrin, thonfarbene Stühle) neben denen der ursächlichen oder kompli- 
zirenden Digestionserkrankung; meist besteht ziendiche Abgeschlagen- 
heit und Mattigkeit; häufig lässt sich ein kleiner Lebertumor nachweisen; 
die beim Erwachsenen bemerkte Pulsverlangsamung wird höchstens bei 
heranwachsenden Kindern und im Schlafe konstatirt; ähnlieh der Pruritus; 
die Dauer der Affektion beträgt einige Tage bis zu zwei Wochen. 

Die Prognose ist meist durchaus günstig; jedoch kommen auch 
bösartige Fälle mit unaufhaltsam deletärem Verlauf, raschem Kräfte- 
verfall, Somnolenz, Herzschwäche, Blutungen vor, die wohl infektiös- 
septischen Ursprungs und keiner Behandlung zugängig sind. 

Die Therapie besteht in Rücksicht auf den Magen- (Darm) katarrh 
in strenger, vorwiegend flüssiger, fettfreier Diät, einer Anregung des 
Stuhls durch milde pflanzliche Laxantien (Rheum), bei längerer Dauer 



2Ü8 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

Sal Caroliniense; daneben Acidum muriaticum. Auf die Leber sucht 
man auch durch hydropathische Umt^chläge zu wirken; eine Ver- 
flüssigung der Galle, Drucksteigerung innerhalb der Gallenwege wollen 
sogenannte Kruirsche Eingiessungen, das reichliche Trinken von Wasser, 
eventuell mit Zusatz von Natrium salicylicum, Massage und Faradi- 
sation der Lebergegend und Gallenblase anstreben. Nachdem experi- 
mentell die Wirkung des Olivenöls als des vorzüglichsten physiologischen 
Choleagogons festgestellt war, habe ich mit Rücksicht darauf, dass 
Kinder Gele, Fette, spez. Lipanin ausgezeichnet vertragen, mich nicht 
gescheut, bei einem der rein diätetischen Behandlung trotzenden, sich 
länger hinziehenden Verlaufe trotz der Dyspepsie und des Gallen- 
mangels im Darm grosse Dosen von Lipanin zu verabreichen, mid habe 
damit fast ausnahmslos Heilung erzielt, ohne die Rückbildung des 
Magen- (Darm) katarrhs zu verzögern, freilich auch ohne damit diese 
Behandlung als eine erfolgreichere empfehlen zu wollen. 

Die akute Leberatrophie ist eine sehr seltene Krankheit ; sie kenn- 
zeichnet sich durch Icterus, dem bald schwere cerebrale Erscheinimgen, 
Somnolenz, Delirien, Krämpfe, Koma, hohes, manchmal excessives 
Fieber, Schmerzen und langsame Volumsabnahme der Leber, Tod im 
Kollaps folgen. 

Jede Behandlung war bisher erfolglos. 

Tumor hepatis kann die verschiedensten Ursachen haben; im 
Säuglingsalter ist die Leber laekanjitlich durch fettige Hypertrophie 
relativ gross (spez. der linke Lappen), um erst nach Ablauf der ersten 
vier Jahre etwa den vom Erwachsenen bekannten Konturen zu ent- 
sprechen. Daneben imponirt die Leber noch deshalb als vergrössert, 
weil sie von den Rippen weniger vollkommen bedeckt wird. 

Pathologisch findet sich die Infiltration der Leberzellen mit Fett- 
tröpfchen, die Fettleber bei Rachitis, Tuberculosis, allen chronischen 
Dyspepsieen und Enterokatarrhen, vielleicht auch bei Ueberfütterung. 
Stets vermag man schon frühzeitig die Fettleber bei allen Kindern 
festzustellen, welche nach nicht auszurottender Unsitte gewohnheitsmässig 
Alkohol, Ungarwein, Bier oder dergl. zu erhalten pflegten ; ebenso ist sie 
ein ziemlich regelmässiger Befund bei und nacli akuten Infektions- 
kranklieiten, besonders DiphÜierie, Tuberkulose. Die Gestalt dieses Leber- 
tumors entspricht genau der noruuden, aber vergrösserten Leberform; 
die Leber ist von glatter Oberfläche, massig scharfem Rand, palpabel vuid 
perkutorisch den Rippenrand überragend. Besondere, ihr eigene Sym- 
ptome macht die Fettleber nicht; ihre Prognose richtet sich nach dem 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 209 

Entwickelungsgang des ätiologischen Leidens, gegen welches sich auch 
die Therapie zu wenden hat. 

Ein weit schwereres Leiden verrathen alle Arten von Lebertumoren, 
die auf 

Hepatitis interstitialis beruhen. Als Ursache einer solchen kennen 
wir wie bei Erwachsenen den Abusus Alcoholis, dem leider selbst das frülie 
Kindesalter nicht ganz fremd ist. Daneben werden akute Infektions- 
krankheiten, spez. Masern, öfter Scharlach und Malaria, Miliartuber- 
kulose und Abdominaltuberkulose als Ursachen der Leberentzündung 
und Schrumpfung genannt. Angeborene Enge und Verschluss der 
Gallenausführungsgänge können denselben Prozess anregen ; doch exi- 
stiren zweifellos auch noch andere, uns unbekannte Krankheitsursachen. 

Die Symptome sind wie die anatomischen Verhältnisse genau 
denen des Erwachsenen entsprechend; es kommt freilich ante mortem 
meist nur zur Hyperplasie, nicht mehr zur Schrumpfung ; Icterus ist 
gewöhnlich vorhanden; der Lebertumor fühlt sich hart, die Oberfläche 
nur ausnahmsweise etwas uneben, der Rand schärfer an ; es stellen sich 
Ascites, Milztumor ein, endlich Diarrhöen, Hämorrhagieen , besonders 
Darmblutungen, Cholämie, Coma, Tod. 

Trotzdem ist die Diagnose, spez. die ätiologische, nicht immer 
leicht; besonders kommen Verwechselungen mit Peritonitis chronica vor, 
gegen die nur eine Punktion und Untersuchung in Narkose schützt; 
die Prognose ist schlecht, da jede Therapie aussichtslos; nur die alko- 
holische Lebercirrhose schien mir einem energischem Regim mit Alkohol- 
entziehung, Diät, Karlsbader Trinkkur, hydropathischen Umschlägen 
meist rasch zu weichen; bei der Schwierigkeit, einfache Fettleber aus- 
zuschliessen, wenigstens im Anfangsstadium, wo es sich auch um Kom- 
plikation mit Icterus catarrhalis handeln kann, wollen solche Erfolge 
aber nichts Entscheidendes beweisen. 

Häufiger ist die 

Hepatitis interstitialis syphilitica; sie ist die Haupterscheinungs- 
form der Lues hepatis und ganz analag der des Erwachsenen; Stau- 
ungsmilz fehlt ; der meist vorhandene harte Milztumor ist der für Lues 
cliarakteristische. Die Bindegewebsentwickelung geht mehr in grossen 
Zügen diu-ch die Leber hindurch und zeigt sich in Form einer Zellinfil- 
tration und massigen Verdickung des interacinösen Gewebes bis zur aus- 
gesprochenen Induration; sie hat auf die Dauer lappige Narbenemzieh- 
ungen der Oberfläche zur Folge. Seltener sind grossknotige Gummata 
der Leber oder die sog. allgemeine miliare Lebersyphilose ; neben diesen 

Hau sei-, Grundriss der Kinderheilkunde. Zweite Auflage. 14 



210 Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 

findet sieh dann jiieht Reiten Amyloidentartung, stets eine Perihepatitis. 
— Das Krankheitsbihl ist wenig charakteristisch; Icterus kann dabei 
vorkommen; sonst kennzeichnet sieh die Erkrankung Jiur allmählich und 
undeutlich durch Auftreibung des Leibes, harten, auch gelappten Leber- 
tumor mit unebener Oberfläche, hartem Milztumor; Ascite.s ist selten. 
Gestützt wird die Diagnose durch die oft vorliandenen anderweitigen 
Symptome der Lues. 

Die Prognose ist mehr wie zweifelhaft, da wie bei der diffusen 
Hepatitis das neugebildete Bindegewebe keiner Rückbildung fähig, zur 
Narbe zusammenschi'umpft und dabei viele Leberzellen zerstört; die 
spezifische Behandlung ist meist wirkungslos ; nur bei den häufiger 
partiellen Leberluesformen älterer Kinder ist eine Heilung nut folgen- 
freier Narbenbildung möglich. 

Kongestive Leberanschoppung und Stauungsleber haben ihre Ur- 
sachen in Traumen, in einer Intoxikation (z. B. erstes Stadium der 
Phosphorvergiftung), in Infektionskrankheiten, besonders Scarlatina, 
Typhus exanthematicus, in Herz- und Respirationskrankheiten (Asphyxie 
des Neugeborenen), Druck auf die Lebervenen ; sie kommen sehr selten 
zur Diagnose und bieten nichts für das Kindesalter Charakteristisches. 

Ziemlich oft kommt die 

Amyloidleber zur Beobachtung, sie hat die bekannte Aetiologie, 
also chronische Eiterung spez. tuberkulöse Knochen- und Gelenkeiter- 
ungen, Tuberkulose, Syphilis, ausnahmsweise wohl niu' Rachitis imd 
beginnt mit einer Amyloidentartung der Wandungen der kleinsten 
Arterien. 

-Ein harter, oft enorm grosser Lebertumor mit glatter Oberfläche, 
dickem Leberrand lässt sich nur dann als Amyloidleber aussprechen, 
wenn die Anamnese,- der Status Anhaltspunkte für die Entstehung von 
Amyloid geben, und sich auch in anderen Organen, Nieren, Milz, Darm, 
Zeichen von Amyloiddegeneratiou finden. 

Die Prognose ist schlecht; die Therapie kann nru- die ursächlichen 
Momente zu beseitigen, neben Soolbädern, event. Jodpräparaten die 
besten h3'gienischen Verhältnisse anzustreben versuchen. 

Leberabscesse und die sehr seltenen nuilignen Lebertumoren, 
eben.so Echinococcus der Leber bieten im Kindesalser keine Eigen- 
heiten. 

Von den Krankheiten der Gallenblase und Gallenwege sind eigent- 
lich nur angeborener Mangel oder Verschluss dui-ch luetische Binde- 
gewebswuchemng in der Porta liepatis bekannt; sie führen unter dem 



Die Krankheiten der Verdauungsorgane. 211 

Bilde eines unheilbaren Icterus und vollkommenen Fehlens von Galle 
im Darm meist rasch durch Cholämie zum Tode. — Selir selten ist 
Tuberkulose dieser Organe; ebenso selten sind Gallensteine; Icterus 
hervorgerufen durch das Eindringen von Spulwürmern in die Gallen- 
gänge ist zwar mehrfach beschrieben, doch in vivo wohl kaum präzis 
zu diagnostiziren ; dasselbe gilt für die Kompression der Gallengänge 
durch einen Tumor (z. B. des Panki'easkopfes). 

Die Krankheiten der Milz. 

Neben der Bildung von Nebenmilzen werden angeljorene Lage- 
veränderungen (bei Situs transversus) beobachtet ; erworljen kommt Wander- 
milz wohl nur bei Milztumor (Malaria) vor. 

Stauungsmilz, Milzinfarkt, Milzabscess (bei Trauma, Embolie, Sepsis) 
bieten im Klndesalter keine Besonderheiten. 

Wichtiger sind die akuten und chronischen Milztumoren, die Ijei 
Kindern recht häufig beobachtet werden. 

Eine massige Vergrösserung der Milz lässt sich mit Sicherheit nur 
dm-ch Palpation und p)alpatorische Perkussion nachweisen; andererseits 
ist jede Vergrösserung der Milz im Kindesalter dieser Untersuchungs- 
methode besonders gut zugänglich. 

Der akute Nlilztumor, der vorwiegend auf einer Hyperämie der 
Milz beruht und sich weich anfühlt, tritt anah.ig der Pathologie des 
Erwachsenen bei fast allen akuten Infektionskrankheiten, besonders 
bei Malaria, Typhus abdominalis, Rekurrenz, Scarlatiiia und Pyämie, 
nicht so regelmässig bei Morbilli, Diphtherie, Erysipelas, Pueumonia 
crouposa, akuter Miliartuberkulose und Influenza, sowie schwerem Gelenk- 
rheumatismus auf. 

Dieser Milztumor bietet bekanntlich kaum jemals Anlass zu einer 
besonderen Behandlung, höch.stens wären splenitische Schnaerzen mit 
Eisblase zu lindern. Fast noch häufiger ist der 

Chronische Milztumor; derselbe entsteht durch eine Hyperplasie 
der Pulpa mit oder ohne eine solche der FoUikulärgebilde, giebt eine 
härtere Konsistenz und ist bei hohen Graden selbst sichtbar. Wie die 
Milz akut auf im Blute kreisende Infektionsmaterien reagirt, so verräth 
sie unter allmählich entstehender, chronisch verlaufender Schwellung bei 
vielen chronischen Allgemeinerki-ankungen ihre Beziehungen zum Stoff- 
wechsel und spez. noch ihre Beziehungen zu dem Blute als solchem 

14* 



212 Die Krankheiten der Athmungsorgane. 

insofern, als dabei meist mehr weniger charakteristisclie Blutbefunde 
zur Beobachtimo- kommen (Anämie). 

In dieser Beziehung ist auf die Kapitel Rachitis, Lues hereditaria, 
Malaria und chronische Diarrhöen hinzuweisen. Uebergangsformen vom 
akuten zum chronischen Milztumor lileiben oft noch lange nach Typhus 
abdominalis, Rekurrenz und Malaria bestehen. 

Rein symptoinatisch ist ebenfalls die Amyloiddegeneration der 
Milz, die fast stets mit Amyloid in andereji Organen (Leber, Nieren, 
Darm) vergesellschaftet, die bekannte Aetiologie hat und eine ent- 
sprechende ursächliche Behandlung erfordert. 

Die Therapie und damit die Prognose des chi-onischen Milztumors 
ist am günstigsten bei Malaria, hängt im Uebrigen einmal von dem 
ursächlichen Leiden, sodann von der Ausdehnung und dem Charakter 
(ob progressiv) des Milztumors ab. — Chinin wirkt nicht bloss bei 
den mit Malaria zusammenhängenden Fällen bei konsequenter Ver- 
abreichung günstig; gegebenen Falls versuche man Oleum Eucalypti, 
Arsenik, Jodkali, Jodeisen, lokale kalte Douchen, Priessnitz'sche Um- 
schläge; zweifelhafter erscheint der Versuch mit Faradisation ; zur 
Exstirpation wird man sich nur im äussersten Nothfalle entschliessen. 

Eine selbstständige Bedeutung hat der Milztumor wahrscheinlich 
bei der Leukämie; s. d. und s. Lymphombildung bei Pseudoleukämie. 

Tuberkulose der Milz, wie sie so häufig bei Miliartuberkulose, 
Abdominal tuberkulöse etc. vorkommt, entzieht sich wohl stets der klini- 
.schen Diagnose; eher lässt sich hie und da auf gummöse Erkran- 
kung (Syphilome) schliessen. Maligne Tumoren wurden schon kon- 
genital beobachtet, sind im Allgemeinen sehr selten und wohl niemals 
primär; ziemlich selten ist auch der Echinococcus der Milz. 



Die Kranklieiten der Athmungsorgane. 

Die Krankheiten der Nase. 

Rhinitis acuta. Der Schimpfen ist im Kindesalter eine mindesten? 
ebenso häufige Krankheit wie beim Erwachsenen. Während er hier 
aber nur in den seltensten Fällen einer ärztlichen Behandlung würdig- 
gehalten wird, imponirt er im Kindesalter um so mehr als eine ernstere 
Affektion, je jünger das betroffene Individuum ist. 



Die Krankheiten der Athniungsorgane. 213 

Seine Aetiologie ist dieselbe wie beim Erwachsenen; besonders 
disponirt sind schwächliclie und skropliulöse Kinder; der sonst mit 
Reelit so viel angefochtenen Erkältung kann man ihre Bedeutung hier 
wohl kaum absprechen, da sich die Erkrankungen in den Uebergangs- 
jahreszeiten auffallend häufen, im Sommer und bei klarem Winterfrost 
seltener sind; auf der anderen Seite entspricht es unserer modernen 
Anschauung mehr, und dürfte es dem Hergang gerechter werden, an- 
ziuiehmen, dass zweifellos viele Formen der Rhinitis durch Bakterien 
luid Kokken entstehen, von denen so manche in den Nasensekreten 
nachgewiesen sind. 

Die Sj^mptome des akuten Schnupfens bestehen in einer meist 
nur im ersten Beginne nachweisbaren und geringfügigen Temperatur- 
steigerung (Schnupf eniieber) mit Kopfschmerz, in einer Entzündung 
der Naseuschleindiaut, die sich subjektiv durch Brennen, Prickeln, 
Juckreiz, objektiv durch Röthung, Schwellung, Athembehinderung, ferner 
durch reflektorisches Niessen und sehr bald durch die Absonderung 
eines erst serösen, bald schleimigen oder schleimig -eitrigen Sekretes 
kennzeichnet. Dabei erfolgt die Athmung entweder nur durch den 
geöffneten Mund, oder die Luft dringt doch nur unter rasselnden, 
schnarchenden Geräuschen mühsam und mangelhaft durch die obturirten 
Nasenhöhlen. Die Entzündung kann auf dem Wege durch die Thränen- 
nasenkanäle auf die Konjunktiven übergreifen und Lichtscheu, Thränen 
etc. erzeugen, ebenso nach hinten in den Nasenrachenraum, auf die 
Rachenmandel, in die Tuba Eustachi! und Paukenhöhle wandern und 
die Mitbetheiligung dieser Organe durch Ohrenstechen, Ohrensausen, 
Schwerhörigkeit oder gar Exsudatbildung ankündigen. Auf die Be- 
theiligung der Stirnhöhlen-, seltener Keilbeinhöhlen- und Oberkieferhöhlen^r 
Schleimhaut lassen Stirnkopfschmerzen, Trigeminusneuralgie resp. ent- 
sprechende Lokalempfuidungen schliessen. Nach 6 — 10 Tagen pflegt 
allmählich die Sekretion zu versiegen, die Schleimhaut zur Norm zurück- 
zukehren, womit der Prozess beendet ist. 

Die Behandlung sucht im Anfang durch Bettruhe, jedenfalls 
Stubenaufenthalt, leichte Diät, durststillende Getränke dem Allgemein- 
befinden Rechnung zu tragen, ein Weiterschreiten der Entzündungsvor- 
gänge auf die Respirationsschleimhaut durch Abhaltung neuer Schädlich- 
keiten zu verhindern; ein Versuch der Koupirung des Prozesses durch 
Diaphorese ist nicht selten erfolgreich; sogenannte Abortivmittel, wie das 
Hagen'sche sind bei Kindern nicht am Platze. Lokal kann man 
wenigstens bei älteren Patienten die Schwellung und Hyperämie der 



214 Die Krankheiten der Athmungsorgane. 

Sfhleinihiuit durch Pinseln mit l--2''/o Glyccriii-Kokaiiilös-ung, Auf- 
^:ehiiupfen von Natr. biborac, Ac. bor. ää, mit Kokain, mur. 2 — 5°/o, 
noch besser Menthol 0,1, Ac. boric, 10,0 zur Insuf flation , massigen. 
Später erfüllt man die Indikation, das verstopfende Sekret zu ver- 
flüssigen und zu entfernen, durch laue oder warme Nasenbäder oder 
Hochziehe]! von alkalischeji Salzlösungen (Natr. chlor., Emser Salz, 
Borax) unter Zusatz einiger Tropfen Glycerin ; der Nasendouche darf 
man sich bei Kindern nicht bedienen, da leicht diu-ch den zu starken 
Druck Kopfschmerz erzeugt, wohl auch Sekret in die Tuben getrieben 
werden kann; hier sind höchstens die Spray- Apparate am Platze, besser 
einfache Eingiessiingen mit dem Theelöffel. Zur Lockerung und Er- 
weichung fester Sekretborken und -Krusten dienen Einpinselungen mit 
indifferenten Salben, besonders am Abend. Eine Beschränkung über- 
reichlichen Sekretes bezwecken austrocknende Pulver von Ac. boric, 
Bismiith. subnitr., Dermatol mit Sacch. lact. ää, Natr. sozojodolicimi, 
Airol; stärker wirken die Adstringentien und Caiistica, bei deren An- 
wentlung sich aber Vorsicht empfiehlt: Alumin. aceticotartaric, Alunien, 
Argen t. nitr. von 0,1 — 1,0 ','o mit Am_ylum. 

Einer besonderen Würdigung bedarf noch der Schnupfen der 
Neugeborenen und Säuglinge; für sie stellt derselbe nicht allzu 
selten eine direkt bedrohliche Erkrankung dar, die sich oft un- 
mittelbar nach der Geburt einstellt, und von der es zweifelhaft bleibt, 
ob sie mehr auf Erkältung bei Wiederbelebungsversuchen wegen Asphj-sie 
oder auf Aspiration von Vaginalsekret zurückzuführen sei. Ist bei 
Behinderung des Lufteintritts durch die Nase und dadurch aufge- 
zwungener Mundathmung die Austrocknung der Mund- und Rachen- 
schleimhaut bei Erwachsenen und älteren Kindern peinlich, so wu'kt 
die Nasenobstruktion beim Säugling dadurch quälend und gefährdend, 
dass derselbe bei dem Versuch zu Saugen aus Luftmangel die Warze 
jeden Augenblik fahren lassen muss, um wieder durch den IMund Luft 
zu schöpfen. Bei jedem neuen Versuch zu saugen dieselbe beunruhigende 
Erscheinung. So quält sich der Säugling ab, um ermüdet, aber hungrig 
einzuschlafen. Aber auch im Schlaf findet er nicht die nothwendige 
Ruhe; gewohnt, nur durch die Nase zu athnien, aspirirt er bei der 
Mundathmung die Zunge luuli hinten und oben an den Gaumen und 
geräth in Atheniiiolli, ja es kann dureli Asphyxie ein plötzlicher Tod 
eintreten. In <ler Regel erwacht das Kind ilurch die Respirations- 
stockung, und diese fortwidiren<len Störungen im Schlafe beschleunigen 
ilen durch die niaiiLidhaflc Nahrniiii>aufnalinie eingeleiteten Kräfte- 



Die Krankheiten der Athmungsorgane. 215 

verfall. Bei sehr akut einsetzendem Schnupfen kann es zu Anfällen 
von plötzlicher Orthopnoe und Erstickungstod kommen; man findet in 
diesen sehr seltenen Fällen bei der Sektion in den Lungen als einzigen 
Befund hochgradige Hyjjerämie. 

Aus diesen Gründen erfordert die akute Rhinitis der Säuglinge 
eine vorsichtige Prognose und besondere Behandlung. Der Behindei-ung 
<ler Respiration muss man sehr energisch durch Freihalten der Nasen- 
gänge entgegenwirken; es empfiehlt sich, durch Kitzebi mit der Feder- 
pose, einem Pinsel u. dergl. das Kind zum Niessen zu reizen, wobei 
das Sekret herausgeschleudert wird, für eine recht gleichmässig temperirte, 
feucht- warme Athmosphäre zu sorgen, die Ansaugung der Zunge im 
Schlafe durch Hochlagern des Oberkörpers hintanzuhalten, bezw. den 
Schlaf sorgfältig zu überwachen; Kokainpinselimgen vermeidet man in 
diesem zarten Alter besser. 

Ist das Saugen derartig behindert, dass Inanition zu besorgen 
steht, so ist das Kjnd mit dem Löffel zu ernähren; es sind Beobacht- 
ungen veröffentlicht, wo man zu der Ernährung vermittelst Schlund- 
sonde schi-eiten musste, weil die Kinder bei der Trockenheit der Mund- 
und Rachenschleimhaut wegen Schluckbeschwerden die Nahrung ver- 
weigerten und mit dem Löffel nicht genug bekamen. 

Die Rhinitis chronica entsteht primär entweder in Folge sich oft 
wiederholender akuter Entzündungen, sich häufender Schädlichkeiten, 
oder als Symptom konstitutioneller Krankheiten, wie der Skrophulose 
und Syphilis (cf. dort), akuter Exantheme, wie der Masern; sekundär 
entwickelt sie sich bei Fremdkörpern, Polypen in Nase und Nasen- 
rachenraum, adenoiden Vegetationen. 

Ihre Erscheinungen sind in erster Linie die Absonderung von 
Sekret, welches von serös-schleimiger bis zu schleimiger, schleimig-eitriger 
und selbst rein eitriger Beschaffenheit wechseln, auch etwas blutig ge- 
färbt sein kann, entweder leichtbeweglich abfliesst oder zu grünen und 
braunen Brocken eintrocknet; in jedem Falle ist die Nase mehr weniger 
verstopft , in der Folge die Athmung behindert , im Schlafe 
schnarchend, die S23rache nasal. Die Schleimhaut zeigt sich ganz oder 
stellenweise chronisch entzündet, verdickt, mit Granulationen, polypösen 
Exkreszenzen bedeckt, theils atrophirt, oder von seichten und tieferen 
Geschwüren arrodirt, die zu Blutungen Anlass geben können. Die Nasen- 
eingänge erscheinen häufig ekzematös gereizt, zeigen wohl auch Rha- 
üaden und Ulcerationen, die leicht die Eingangspforte für Erysijielas 
abgeben. Die ganze Nase ist oft gedunsen, unförmig gescliwollen, das 



216 Die Krankheiten der Atlimungsorgane. 

Geruohsvermögen stark beeiuträchtiu-t. Durch die Behinderuno- der 
Nasenathmung ist der Schlaf gestört; in Folge der Mundathmuug 
kommt es leichter zur Erkrankung des Rachens, der Tonsillen, des 
Larynx und der Bronchien; der Schlaf leidet, und alles dies zusammen 
beeinträchtigt das Allgemeinbefinden. 

Die Prognose ist bei der Hartnäckigkeit der Affektion keuie 
unbedingte günstige. Am zugänglichsten der Behandlung ist die 
sekundäre Rhinitis chronica, wenn ihre Ursachen sich beseitigen lassen; 
entstand sie auf konstitutioneller Basis, so muss entsprechend eine Be- 
handlung der Skrophulose, Lues etc., neben der nicht zu versäumenden 
örtlichen Behandlung Platz greifen; adenoide Vegetationen, TonsiUar- 
hj'pertrophien sind operativ zu beseitigen; stets fahnde man auf Fremd- 
körper, welche sich die Kinder mit einer merkwürdigen Vorliebe in 
die Nase stecken, und deren Vorliajidensein sie entweder vergessen oder 
verheimlichen. 

Lokal lässt sich versuchen, einmal durch reichliche, schleimlösende, 
auch leicht desinfizirende Na.sendouche]i vermittelst Spray oder ein- 
facher Eingiessungen das Sekret zu lösen, zu entfernen, die Nasenhöhlen 
zu i-einigen (Sol. Kai. permang., Ac. boric, Alkalien), sodaiui die Schleim- 
haut durch leichte antiseptische Mittel, wie Lösung von essigsam'er 
Thonerde, durch Adstringentien , Aetzmittel so weit als möglich zur 
Norm zurückzuf iUiren : als soche Mittel empfehlen sich in erster Linie 
das Ung. Hydrarg. praecipit. alb., auf Wattetampons hoch in die Nase 
hinaufgeführt und für 6 — 12 Stunden liegen gelassen, sodaim Schnupf- 
l^ulver mit Dermatol, Airol, mit Argen t. nitr. in verschiedener Stärke 
(0,1 — l^/o), in Lösung zum Pinseln, sodann Tannin, in schlimmen 
Fällen Chlorzink, Chromsäure. 

Gegen die Neigung zu rezidivirendem Schnupfen ist durch eine 
vorsichtige Abhärtung vermittelst Kaltwasserprozeduren, Seebädern etc. 
anzukämpfeji. 

In Bezug auf Pathologie und Therapie der Ozaena halte man 
sich an das aus der Pathologie der Erwachsenen Bekannte; die Er- 
fahrung hat gelehrt, dass ihre Anfange häufig in die Jugend resp. 
Pubertät zurückreichen, überstandene Ski'ophulose, Anämie und Chlorose 
eine kojistitutionelle Grundlage abzugeben scheinen. 

Die Rhinitis, wie sie als Initial- oilcr Begleiterscheinung bei 
Morbilli, Diphtherie, Pei'tussis, Typhus exanthematicus, bei 
Ski'ophulose und Lues auftritt, findet ilire AVürdigung in den betreffen- 



Die Krankheiten der Atlimungsorgane. 217 

den Abschnitten. Denken muss nian auch im Kindesalter an die 
Möglichkeit eines Jod- und Bromschnupfens. 

Ein Erysipel der Nase, das anfangs unter dem Bilde einer 
ganz akuten, sehr heftigen Rhinitis auftreten könnte, verräth sich sehr 
bald durch Fieber, Schüttelfröste, Drüsenschwellung und das Ueber- 
greifen auf benachbarte Hautflächen. 

Eine seltene Form der Rhinitis und dabei eine im Allgemeinen 
trotz ihrer Aetiologie leichte Erkrankung ist die Rhinitis fibrinosa 
S. pseudo-membranacea, bei der es durch Absonderung eines mit 
Rundzellen durchsetzten, stark fibrinhaltigen Exsudates zur Auflagerung 
dicker, kroupöser, weissgrauer Membranen auf einer intensiv entzün- 
deten Schleimhaut kommt; befallen sind gewöhnlich beide Nasenhöhlen; 
das Allgemeinbefinden ist wenig gestört, die Temperatur normal. 

Die Affektion lässt sich in den weitaus meisten Fällen auf Infektion 
mit Löffler'schen Diphtheriebacillen, wenn auch abgeschwächter Virulenz, 
seltener eine solche mit Pneumokokken zurückführen. 

Die Behandlung besteht in Desinfektion und Lösimg der Mem- 
branen durch Einträufelung von Sol. Eesorcin (1 — 2''/o) und Sol. 
Hydrarg. bichl. ('/2''/oo). 

Isolirung des erkrankten Kindes ist unbedingt geboten; anderer- 
seits wird man solche Patienten nicht auf eine Diphtheriebaracke unter 
Kranke mit vollvirulenten Bacillen legen. 

Recht häufig geben im Kindesalter Fremdkörper Anlass zur 
Behandlung, die spielender Weise in die Nasenlöcher gebracht und 
häufig durch verkehrte Entfernungsversuche seitens der Angehörigen 
tief hineingedrängt sind. Die Anamnese weiss in der Regel über ihre 
Herkunft und Natur zu berichten. Haben die Kinder ihr Delikt aus 
Angst verschwiegen, den Vorgang wohl auch vergessen, so führt sie 
sehr bald die entstehende Rhinitis zum Arzte, den nur eine genaue 
Untersuchung davor schützt, den Fall als eine skrophulöse oder der- 
gleichen Erkrankung zu behandeln und natürlich so lange erfolglos, 
bis der Fremdkörper entdeckt wird. Die Litteratur weiss manches 
Interessante über solche Irrthümer in der Diagnose zu berichten. Bei 
langem Verweilen kann es zu schwerer Ulceration, Erysipel, ja Oaries 
kommen; besonders üble Folgen pflegen Dinge zu haben, die in der 
Feuchtigkeit der Nase aufquellen, wie getrocknete Bohnen, Erbsen und 
dergleichen. Ihi'e Entfernung ist stets zuerst vermittelst konsequenter 
kräftiger Ausspritzungen zu versuchen, die weitaus das schonendste und in 
der Regel auch wirksamste Verfahren bilden. Nur im Nothfalle greife man 



218 Die Krankheiten der Atlimungsorgane. 

— und dann am Besten in Narkose — zu Instrumenten wie dem 
Davierschen Löffel, zur Kornzange. Als äusserster Nothbehelf bleibt 
die Spaltunn; der betreffenden Nasenhöhle. 

Nasenpolypen kommen schon im juge;idlichen Alter vor, am 
häufigsten auf der Basis der Skrophulose. Sie machen anfangs nur die 
Symptome der chronischen Coryza und zwar, was charakteristisch ist, 
oft nur halbseitig, verlegen bei weiterem Wachsthum die Nasengänge 
ganz und lassen sich meist rhinoskopisch entdecken. Ihre baldige 
Entfernung durch die kalte oder glühende Drahtschlinge ist geboten. 

Epistaxis. Das Nasenbluten ist stets ein Symptom, beanspnicht 
aber bei der Häufigkeit und Wichtigkeit seines Vorkommeiis eine be- 
sondere Besprechung. 

Von Traumen, welche die Nase treffen, abgesehen, kann Nasen- 
bluten lokale und allgemeine Ursachen haben. Zu der traumatischen 
Epistaxis muss man die Blutungen rechnen, die bei Kindern so oft 
durch ilie schlechte Angewohnheit, mit den Fingern in der Nase zu 
boliren, durch übermässig heftiges Schnäuzen und Niessen entstehen. 
Lokale Veranlassung geben alle entzündlichen, insbesondere geschwü- 
rigen Prozesse. 

Mehr weniger örtlich wirken auch Kongestionen zum Kopf, wie 
sie durch lange Insolation, Aufenthalt in überheizten Eäumen, sitzende 
Stellung mit Behinderung von Athmung und Ivi'eislauf, geistige LTeber- 
anstrengung erzeugt werden ; so darf es nicht Wunder nehmen, wenn 
Nasenbluten eine der häufigsten Schulkrankheiten ist. 

Von allgemeinen LTrsachen kennen wir aus der Pathologie der 
Erwachsenen das Nasenbluten, wie es bei Herzfehlern, Lungenaffek- 
tionen, Nephritis chronica, hämorrhagischer Diathese, bei Chlorose und 
Anämie vorkommt. Mehr dem Kindesalter eigenthümlich ist, da.«s 
liohes Fieber, speziell bei akuten Infektionskrankheiten und besonders 
wieder bei Masern (zugleich in Folge der Coryza morbillosa), Epistaxis 
zur Folge hat, dass die starken Stauungen bei Pertussis nicht selten 
Blutungen aus der Nase mit sich bringen. 

Bei der Behandlung ist vor allem jede lokale Quelle der Blut- 
ung aufzusuchen und zu verstopfen; hypertrophische Schleimhautpartieen 
sind zu ätzen oder zu brennen, Ulcerationen zu heilen; sodann hat 
man der Aetiologie des jeweiligen Falles Rechnung zu tragen. 

Der Blutung selbst sucht man momentan Herr zu werden, indem man 
einen trockenen Wattetampon (möglichst nicht Liquor ferri sesquichlorati- 
Watte) von d(n- Länge und Dirke des kleinen Finiiers des betreffen- 



Die Krankheiten der Athmungsorgane. 219 

den Kindes rücksichtlos hoch hinauf in das blutende Nasenloch schiebt 
und durch Druck von aussen an die blutende Stelle einige Minuten 
anpresst; die Entfernung liat erst nach längerer Zeit, 12— 20 Stunden, 
und sehr vorsichtig zu geschehen. Unterstützt wird die Blutstillung 
dadurch, dass man durch tiefe Inspirationen durch die Nase die venöse 
Stauung und die Hyperämie zu massigen sucht. Mit dem meist nutz- 
losen Hochziehen von Eis- und Essigwasser halte man sich nicht auf; 
die Anwendung von reinem Licpor ferri sesquichlorati ist sehr bedenk- 
lich, seine stark verdünnten Lösungen sind unwirksam. 

Genügt die vordere Tamponade nicht, wovon man sich durch eine 
Besichtigung des Rachens zu überzeugen hat, so bleibt nichts übrig, 
als sie durch die Tamponade von hinten vermittelst des Bellocque'schen 
Röhrchens zu ergänzen. 

Die Krankheiten des Kehlkopfs und der Luftröhre 

gestatten eine einheitliehe Abhandlung, da die anatomische Grenze 
beider Abschnitte des Respirationstractus von allen entzündlichen Affek- 
tionen wenigstens nicht innegehalten zu werden pflegt, und auch die 
Aetiologie und Therapie den Erkrankungen beider in der Regel ge- 
meinsajn ist. 

Obwohl der laryngoskopische Einblick in den Kehlkopf und 
oberen Theil der Trachea auch bei mehr wie durchschnittlicher Uebung 
und Geschicklichkeit des Arztes im Kindesalter bis gegen das sechste 
Jahr fast unmöglich, von da ab noch sehr ersehwert ist, hat die 
Diagnostik doch nur wenig Mühe, da die klinischen Symptome so 
typisch und zweifellos sind, dass sie die physikalische Untersuchvnig 
der Organe, die unmögliche makro- und mikroskopische Untersuchung 
lies Auswurfs kaum vermissen lassen. 

Auch gelingt seit Entdeckung und Vervollkommnung der sogen. 
Autoskopie, die iiöthigenfalls in Narkose vorzunehmen isj, bei Kindern 
die direkte Besichtigung der tieferen Rachentheile, wie des Kehlkopfes 
und des oberen Theiles der Trachea in so vollkommener und verhält- 
nissmässig einfacher Weise, dass die Diagnose kaum mehr auf Schwierig- 
keiten stösst. 

Laryngo-Tracheitis acuta catarrhalis entsteht wie die Rhinitis 

primär in Folge von Erkältung, seltener in Folge von Schleimhaut- 
reizung durch Rauch, chemisch irritirende Dämpfe; die häufigste Ursache 
dürften auch hier primäre oder von der Nase, dem Munde eingewanderte 



220 • Die Krankheiten der Athniungsorgane. 

Infektionen der Schleimhaut sein. Als sekundiire Affektion findet sie 
sich bei vielen von der Nase, dem Rachen hinabstei.ffenden entzünd- 
liehen Prozessen, sodann als Begleiterscheinung mancher Infektions- 
krankheiten, speziell der Masern, auch der Influenza, des Typhus, der 
Pocken, der Phthise. Wie die einen Individuen für den Schnupfen, so 
haben andere für den akuten Kehlkopf- und Luftröhrenkatarrh eine 
entschiedene Prädisposition; besonders veranlagt scheinen rachitische, 
skrophulöse, anämische, sodann verweichlichte Kinder ; rascher Wechsel 
der Aussentemperatur, scharfe nördliche und östliche Winde, nasskaltes 
und veränderliches Ivlima- überhaupt geben besonders im Herbst und 
Frühjahr Erkältungs- resp. Lifektionsgelegenheiten ab. Besonders zu 
erwähnen ist noch, dass Kinder, welche gewohnheitsmässig bei Unweg- 
samkeit der Nasengänge (Rhinitis, adenoide Vegetationen) mit offenem 
Munde athmen, die Luft nicht so vorgewärmt, gereinigt und angefeuchtet 
empfangen, sehr leicht akute Katarrhe der oberen Luftwege bekommen. 
Eine Erscheinung des akuten Kehlkojjf- und Luftröhrenkatarrhs 
ist in Folge der Hyperämie und Schwellung der Schleimhaut zunächst 
und während der Krankheit andauernd, der Husten; derselbe ist an- 
fangs und wiederum gegen Ende trocken; er nimmt bei allen Kindern 
in Folge der relativen Enge des kindlicben Kehlkopfs überbaupt, so- 
wie bei einzelnen Kindern zu Folge einer individuellen Disposition 
erfahrungsgemäss leicht einen rauhen, tiefen oder bellenden, selbst 
kroupösen Charakter an. IMit zunehmender Sekretion wird der Husten 
lockerer, heller. Die Stimme gewinnt je nach dem Grade, in dem die 
Stinunbänder von dem katarrhalischen Prozess befallen sind, einen be- 
legten, rauhen, heiseren Klang bis zu vollkonnnener Aphonie. Schmerzen 
können fast ganz fehlen, des Oefteren aber wird über ziemlich lebhaftes 
Gefühl des Wundseins, über Stechen im Halse (Kehlkopf), besonders 
beim Schlucken, über Brennen, die Empfindung von „Wund- oder 
Rohsein" unter dem Sternum geklagt. Im zweiten Stadium stellt sich 
eine rein schleimige, massige Sekretion ein, deren Produkt man freilich 
höchstens bei älteren Kindern zu Gesicht bekommt. Auskultatorisch 
kann man nur etwas Giemen und Pfeifen, bei lockerem Sekret feuchtes, 
grossblasiges Rasseln und Schnurren hören, öfters schon auf Entfern- 
ung ; durch Druck auf Larynx und Trachea pflegt Schmerz und Husten 
prompt ausgelöst zu werden. In leichten Fällen fehlen Allgemein- 
erscheinungen; es besteht kein Fieber; binnen wenigen, höchstens 
8 — 10 Tagen schwindet die Heiserkeit, die Sekretion gleichfalls und 
(huuit der Hustenreiz, früher schon der Schmerz. 



Die Krankheiten der Athmungsorgane. 221 

Die Behau illung bestehe in Schonung des erkrankten Organs, die 
man dadurch erzielt, dass man aUes Sprechen, jedenfalls alles Schreien nach 
Möglichkeit verhütet ; aus demselben Grunde, sowie um den etwa vorhan- 
denen Schmerz zu lindern, versuche man durch milde Narcotica, besonders 
Codein (Knoll), den lebhaften Hustenreiz thunlichst herabzumildern, 
da der Husten bei fehlender Sekretion nur den Nachtheil haben kann, 
durch Erregung einer aktiven Kongestion und venösen Stauung den 
Zustand zu verschlimmern. Aehnlich, d. h. reizlindernd und zugleich 
ableitend wirkt ein hydropathischer Halsumschlag, der 3 — 4 stündlieh 
zu wechseln wäre, eine Umhüllung des Halses mit ölgetränkter Watte, 
die Bedeckung mit einer Speckschnitte, am Besten die örtliche An- 
wendung von Wärme in Gestalt von Heisswasser- (Schwamm), Brei- 
umschlägen; Inhalationen dürften im Allgemeinen nicht viel nützen; 
dagegen ist es von grossem Werth, für eine möglichst reine, regelmässig 
erneuerte, gleichmässig temperierte und mit Wasser (Dampf spray oder 
aufgehängte feuchte Tücher) geschwängerte Luft Sorge zu tragen; 
Expektorantien werden nur ausnahmsweise geboten erscheinen; dagegen 
wirkt die häufige Darreichung warmer Getränke wie Milch, Milch mit 
Emser Wasser oder Honig, Zuckerkand, Malzextrakt, Althaesaft, in 
heissem Wasser gelöst, heisse Limonade, Warmbier subjektiv selir wohl- 
thuend und auf die Sekretion befördernd. Ich pflege die Behandlung 
meist mit einem ziemlich energischen diaphoretischen Verfahren (cf. , 
Croup) einzuleiten, welches öfters direkt coupierend wirkt. 

Schwerere Fälle unterscheiden sich sowohl durch die Litensität, 
als diu-ch die Dauer der Ki-ankheitserscheinungen. Unter diesen ist 
die wichtigste und für die Eltern weitaus beu)n-uhigendste der Eintritt 
der Zeichen einer Larynx- (nur ausnahmsweise auch einer Tracheal-) 
Stenose; eine solche kommt namentlich bei jüngeren Kindern ziem- 
lich leicht zu Stande, da das Lumen des kindlichen Kehlkopfes beson- 
ders eng, seine Schleimhaut sehr zur Schwellung geneigt ist. Wa.s die 
Verlegung der Stimmritze herbeiführt, ist theils eine Wulstung der 
Schleimhaut und des submukösen Gewebes, theils die Auflagerung von 
Sekret, seltener von fibrinösem Exsudat, ausnahmsweise ein rasch ein- 
getretenes entzündliches Oedem. 

In den Fällen, wo die Erscheinungen der Athembehinderung zwar 
einen anscheinend bedenklichen Grad annehmen, dagegen meist ebenso 
rasch, wie sie gekommen, sieh zurückbilden, spricht man, um die Sache 
kurz zu bezeichnen, von 

Pseudocroup. Unter Croup im klinischen Sinne versteht man 



222 Die Krankheiten der Äthmungsorgane. 

jede durcli :ikut(' entzündliche Schleimhauterkrankung herbeigeführte 
Stenose im Larynx, unter Crouphusten den der Larynxstenose eigen- 
thümlichen Husten, unter Croupathmung die für Stenose der oberen 
Luftwege charakteristische Athniung. Im Gegensatz zu dem dm'ch 
Bildung von Membranen ausgezeichneten echten Croup nennt man den 
Zustand, bei welchem in Folge einfacher katarrhalischer Schwellung 
der Schleimhaut und des submukösen Gewebes, also in Folge von 
Laryngitis catarrhalis, Dyspnoe und Crouphusten erzeugt werden, falschen 
oder Pseudocroup, besser katarrhalischen Croup (Virchow), auch wohl 
Suffocatio stridula, Laryngitis stridula. Es empfiehlt sich, die 
klinische Bezeichnung Croup beizubehalten, wobei man es zunächst dahin- 
gestellt sein lässt, welche anatomische Veränderung zu Grunde liegt, 
ob es sich um einen katarrhalischen, einen fibrinösen oder einen diph- 
theritischen Croup handelt. 

Der katarrhalische oder Pseudocroup tritt ge^röhnlich folgender- 
maassen in die Erscheinung: nachdem die an mehr weniger ausge- 
prägtem Schnupfen, den Symptomen eines einfachen Kehlkopfkatarrhs 
erki'ankten Kinder, welche am Tage keinerlei beunruhigende Erschein- 
ungen geboten, höchstens einige Male etwas verdächtig „croupös" ge- 
hustet hatten, die ersten Stunden der Nacht leidlich ruhig, viel- 
leicht etwas stertorös athmend geschlafen hatten, fahren sie j)lötzlich, 
meist nocli vor Mitternacht, mit allen Zeichen der Dyspnoe in die 
Höhe; sie zeigen ein ängstliches Wesen, oft die Merkmale echter Er- 
stickungsangst; sie fassen nach dem Halse, reissen an den die Brust 
und den Hals bedeckenden Kleidungsstücken ; In- und Exspiration 
sind deutlich verlängert, die Inspiration erfolgt mühsam, unter weithin 
hörbarem, i'auhem Stridor; in schweren Fällen findet sich Cyanose; 
die Athmung erfolgt unter Zuhilfenahme von auxiliärer Muskulatui-; 
sie ist von bellendem, croupösem Husten unterbrochen; der Husten- 
reiz tritt verschieden stark auf; die Stinnue ist heiser; Fieber ist meist 
vorhanden, aber niedrig; schmerzhafte Empfindungen im Halse sind 
seltene, mühsam vorgebrachte Klagen. Noch bevor ein von den aufs 
Höchste beunruhigten Eltern geholter Arzt erscheint, pflegt der Croup- 
anfaU unter raschem Nachlassen aller Symptome nach einer Dauer von 
wenigen Minuten bis aUerhöclistens einer Stimde von selbst aufzuhören; das 
Kind beruhigt sich und schläft meist wieder ein ; seltener wiederholt sich 
in derselbe]! Nacht der Ajifall ein- oder mehrmals. Tags darauf verbleiben 
die Symptome einer massigen Laryngo-Tracheitis catarrhalis, die binnen 
5 bis 10 Tagen ausheilt, falls niclit ein absteii-x'ntler Katarrh ernstere 



Die Krankheiten der Athmungsorgane. 223 

Folgezustände hinterlässt; ganz ungewöhnlich ist es, dass sich beim 
einfachen katarrhalischen Croup mehrere Tage oder vielmehr Nächte 
hinter einander Croupanfälle einstellen. Hie und da schliesst sich 
der Pseudocroup nicht an einen primären Kehlkopfkatarrh, sondern an 
eine Angina, an eine akute Rhinitis an, ganz ausnahmsweise kann er 
avifsteigend aus einer Bronchitis catarrhalis hervorgehen. 

Der Verlauf, das Fehlen von Membranen, einer Raehenaffektion, 
der Löffler'schen Bacillen in Mund und Rachen unterscheiden den falschen 
vom echten resp. diphtheritischen Croup. 

Die Prognose dieser Croupform ist durcliweg günstig, falls 
nicht der katarrhalische Prozess auf die Bronchien fortschreitet. 

Die Behandlung ist gewöhnlich dankbar: im Anfall selbst 
sucht man durch Inhalation heisser Dämpfe, durch Auflegen von in 
heisses Wasser getauchten Schwämmen oder Kompressen auf die vor- 
dere Hals- und Brustfläche, durch Einflössen recht heisser Flüssig- 
keiten imd besonders alkalisclier Salzlösungen (Emser), die etwa bei 
der Mundrespiration ausgetrocknete Schleimhaut zu befeuchten, beson- 
ders aber die Schwellung der Mucosa und Submucosa durcli Anreg- 
ung der Sekretion zu massigen, fest sitzendes Sekret zu lösen; die 
Dyspnoe nimmt bei aufrechter Haltung rascher ab ; ebenso erfolgt dabei 
das Abhusten gelockerten Sekretes leichter. Stets mnss man durch 
vernünftiges Zm-eden das hochgradig aufgeregte Kind zu beruhigen, 
durch Zuführen recht reiner, feuchtwarmer Luft ihm Erleichterung zu 
verschaffen suchen. Zu einem Brechmittel wird man kaum je ge- 
zwungen sein ; viel eher wird man bei länger andauernder Stenose 
einmal zur Litubation greifen kömien. Sobald es der aufgeregte Zu- 
stand des Kindes erlaubt, setze man eine energische schweisstreibende 
Prozedur in Scene; entweder bringt man das Kind für 10 — 15 Minuten 
in ein Bad, dessen Temperatur man rasch von 30° R. auf 33 — 34° R. 
steigert, wonach man es in ein gewärmtes Badelaken hüllt und fest in 
ein dichtes wollenes Tuch einwickelt, oder man packt das ganze Kind 
in eine heisse, bei Fieber in eine kalte Priessnitz'sche Vollpackung ein ; in 
beiden Fällen muss der ganze Körper bis auf Augen, Nase und Mund 
bedeckt sein ; darüber kommen noch Federbetten, zu beiden Seiten 
Wärmflaschen , wohl auch ein Spiritusbrenner unter das Bett ; durch 
dieses Verfahren sucht man unter gleichzeitiger Einflösung von schweiss- 
treibenden Getränken, heisser Citronenlimonade, heissem Fliederthee 
einen reichlichen Schweissausbruch zu erzielen und für 1 — 2 Stunden 
zu erhalten. Jedoch nuiss das Kind dabei sorgsam überwacht und 



224 Die Krankheiten der Athmungsorgane. 

beobachtet werden, da man unter Umständen bedrohliche Wärmestau- 
mifjen erleben kann. Nach dem Schwitzen wird der Patient trocken 
absjerieben und erhält frische, gewärmte Wäsche. Mit diesem Ver- 
faliren wird man in der Regel eine rasche Lösung- des Katarrhs er- 
zielen, seinem Absteigen in den Bronchialbaum vorbeugen. Zeigt sich 
bei einem Kinde eine individuelle Neigung zu Recidiven, so wird 
diesen eine vorsichtige Abhärtung besonders bei verweichlichten Kindern 
vorbeugen. 

Bei jeder Erki-ankung an akuter katarrhalischer Laryngo-Tracheitis 
bereite man die Angehörigen auf den möglichen Eintritt eines Croup- 
anfalles schonend vor, jedenfalls sobald man dem Husten einen heiseren, 
rauhen Charakter anmerkt, und gebe ihnen Verhaltungsmassregeh. 
Einen Naehtbesuch wird man sich freilich kaum damit ersparen, da 
der Ausbruch eines Croupanfalls auch auf verständige Eltern zu alar- 
mirend wirkt. 

Laryngo-TracheTtis catarrhalis chronica ist selten; sie geht aus 

einem verschleppten akuten Katarrh hervor oder entsteht im Anschluss 
an chronische Rachenkatarrhe, Bronchialkatarrhe, bei chronischen Cirku- 
lationsstörungen (Herz, Nieren); Ulcerationen kommen dabei vor; Schleim- 
hautwulstungen sind sehr selten. 

Chronische Heiserl<eit, Aphonie kann die Folge von mechanischer 
Behinderung der Stimmbandbewegung (Schleinihautwulstiuigen, Ge- 
schwülste, besonders Papillome) oder von Parese der Stimmbänder 
(akute und chronische Entzündung derselben , Muskelinsufficienz, 
Hysterie) sein. 

Syphilitische Larynxaffektionen sind unter Lues erwähnt. 

Fremdkörper sind meist nur operativ (Tracheotomie) zu ent- 
fernen. 

Laryngitis und TracheTtis fibrinosa (fibrinöser Croup). Der 

fibrinöse oder echte Croup, die häutige Bräune, ist charakterisirt dm'ch 
die Bildung von Pseudomembranen, die meistens primär im Kehlkopf 
bezw. dem Nasenrachenraum gebildet, sich fleckweise oder diffus auf 
Epiglottis, wahre und falsche Stimmbänder, die ganze Schleimhaut des 
Kehlkopfes, resp. in die Schleimhaut hineinlagern und sich die Trachea 
hinab bis in die Bronchien zweiter und dritter Ordnung erstrecken, 
können, auf denen sie wie ein liomogener Ueberzug aufsitzen. Die 
Membranen haften theils jiur locker, so da.ss sie ohne Blutvmg ab- 
gezogen oder als röln-enförmigc^ Abgüsse ausgehustet wei'den kömien, 
wobei die Schleiinluiut fast intakt erhalten bleibt, theils dringt die 



Die Krankheiten der Athmungsorgane. 225 

fibrinöse Exsudation auch in die tieferen Schichten der Schleimhaut, 
das Epithel, die Submucosa, die dann nekrotisch exulceriren kann. 

Während es schwer hält, in allen Fällen anatomisch scharf zu 
unterscheiden, ob der Prozess ein rein croupöser oder ein echt diph- 
theritischer ist, während wir anatomisch oft, bei ein und demselben In- 
dividuum beide Prozesse neben einander konstatiren, müssen wir klinisch 
scharf zwei Formen des echten Croup auseinanderhalten: ifen ein- 
fachen fibrinösen Croup und den diphtheritischen Croup. 

Beim einfachen fibrinösen Croup vermisst man den spezifischen 
Löffler'schen Bacillus; dieser Croup tritt idiopathisch, primär oder sekundär 
im Aiischluss an Masern, selten Typhus auf; er ist im Allgemeinen eine 
seltene Affektion und nicht kontagiös, wenngleich er endemisch auf- 
treten kanji. Zuzugeben ist, dass zwar experimentell ein fibrinöser 
Croup nicht infektiösen Ursprungs erzeugt werden karui, dass nach 
dem Verlust des Epithels die entzündete Schleimhaut ein fibrinöses 
Exsudat, eine Membran ablagern kann ; doch muss es auf der andern 
Seite auffallen, dass in den daraufhin genau untersuchten neueren 
Fällen von sog. fibrinösem Croup, bei dem sich nirgends sonst ein 
diphtheritischer Herd nachweisen Hess, fast regelmässig die Löffler'schen 
Bacillen gefunden wurden; nach den Erfahrungen, die wir mit der 
Rhinitis pseudomembranacea gemacht, wird die Existenz einer nicht- 
diphtheritischen Laryngitis pseudomembranacea immer zweifelhafter. 

Der echte fibrinöse, nicht diphtherische Croup befällt vorwiegend 
das Alter von 1 — 7 Jahren und ist in der kalten Jahreszeit häufiger, 
wie im Sommer. 

Die Symptome des fibrinösen Croups sind im Beginn der Affektion 
denen des einfachen katarrhalischen Croups durchaus gleich; hier wie 
dort entweder ohne jedes Prodromalstadium urplötzlich einsetzend, oder 
aber nach den unscheinbaren Erscheinungen eines Katarrhs der oberen 
Luftwege, bei jedoch meist etwas bedeutenderer Temperatursteigerung, 
unter allgemeinem Unwohlsein ein Croupanfall mit allen Zeichen der 
Larynxstenose, mit Crouphusten und -Athmung; jedoch entwickeln sich 
in der Eegel die Erscheinungen der Larynxstenose langsamer, dafür 
aber gehen sie in der Folge nicht wieder zurück. Hierin fusst zu- 
nächst die Differentialdiagnose gegenüber der katarrhalischen Stenose; 
statt rasch wieder zu schwinden, bleibt die Athembehinderung bestehen, 
ja sie verschlimmert sich mit höchstens vorübergehenden Remissionen 
fortwährend, von Stunde zu Stunde, unaufhaltsam und unheimlich ; nur in 
einem Falle ist es mir vorgekommen, dass ein zartes, noch nicht 4 jähriges 

Haus er, Grundriss der Kinderheilkunde. Zweite Auflage. 15 



226 Die Krankheiten der Attmungsorgane. 

Kind acht Tage aushielt, bis die absolute Indikation zur Traeheotomie 
eintrat; in der Regel stellt sich nach Stunden, längstens 3 — 4 Tagen ein 
Zustand von lebensbedrohender Dyspnoe ein : zunehmende Cyanose, tiefe 
inspiratorische Einziehungen im Jugulum und Epigastrium, Aktion aller 
Hilfsathemnuiskeln, Erweiterung der Naseneingänge, wobei das Kind 
durch die mühsamen, aber erfolglosen Anstrengungen, Luft zu bekommen, 
durch die Todesangst aufs Aeusserste ermattet, durch Kohlensäiu-e-Li- 
toxikation schliesslicli benommen, betäubt wird; zeitweise erreicht die 
Athemnoth in erneuten, akuten Croupexacerbationen ihren Höhepunkt, 
und wenn der Tod nicht dabei plötzlich erfolgt, so erlöst er von dem 
qualvollen Leiden durch allmähliche Erschöpfung bez. Erlahmmig des 
Respirationscentrums, im Kollaps oder in einem eklamptischen Anfall. 
Vorübergehend vermag eine Besserung zu erfolgen, ganz ausnahms- 
weise kann selbst eine Heilung eintreten, wenn die besonders die Eima 
glottidis verengenden Membranen gelöst und expektorirt werden. Ge- 
lang es vordem nicht bereits der laryngoskopischen Untersuchung, der 
Autoskopie, die Natur der Larynxstenose, die fibrinösen Auflagerungen, 
mit Sicherheit zu erkennen, auf welche der Verlauf bereits mit grösster 
Wahrscheinlichkeit hinwies, so können nunmehr diese fetzigen oder 
röhrenförmigen, ausgehusteten Membranen keinen Zweifel mehr an Wesen, 
Sitz und Ausdehnung des Leidens aufkommen lassen. 

Das Fieber hat keinen regelmässigen Typus, übersteigt mit morgend- 
lichen Remissionen 40 " nur selten. 

Dass der Allgemeinzustand aufs Ernsteste in Mitleidenschaft ge- 
zogen wird, leuchtet ein; die Ernährung versagt bald ganz, die Diurese 
stockt, die venöse Stase in den Nieren kann Albuminurie erzeugen; 
das Herz kann den Schädigungen zwar lange Stand halten, doch führt 
die Cirkulationsbehindening zu gefährlichen Stauungen in den Häuten 
und Höhlen des Gehirns, welche Oedem und seröse Transsudation, 
Sopor, Konvulsionen, Tod zur Folge haben. Desgleichen kommt es 
in den Lungen zu atelektatischen und pneumonischen Herden, auch 
wohl zu akutem Emphysem. 

Die auskultatorische Untersuchung ergiebt bei dem starken Stenosen- 
geräusch, Stridor und Stertor, nichts Typisches; pneumonische Herde 
geben nur bei grösserer Ausdehnung Däm[)fung, lassen sich nur aus 
der Respirationsbeschleunigung und dem höheren Fieber vermuthen. 

Selbst nach scheinbaren Besserungen pflegt der Prozess zu reci- 
diviren oder aber wi^iter den Bronchialbaum hinahzusteirren. Bronchial- 



Die Krankheiten der Athmungsorgane. 227 

Croup zu erzeugen, Pneumonie hervorzurufen, welche jeden therapeuti- 
schen Eingriff illusorisch zu machen vermögen. 

So ergiebt es sieh, dass die Prognose des fibrinösen Croups stets 
sehr ernst gestellt werden muss; sie ist um so letaler, je jünger und 
schwächer das Kind, je später die Hilfe, speziell die Operation kommt. 

Die Behandlung darf höchstens bei sehr kräftigen Kindern eine 
energische antiphlogistische sein; besonders mit örtlichen Blutentzieh- 
ungen sei man sehr vorsichtig; von Merkurialien (Inunktion) und Eis, 
Vesikantien verspreche man sich nicht allzu viel; und auch mit der 
Anwendung eines Brechmittels sei man vorsichtig; es versagt oft und 
wirkt stets schwächend, höchstens ist es von vorübergehendem Erfolg, 
keinesfalls darf es wiederholt angewendet werden. Wenn die Lösung 
der gebildeten Membranen durch fleissige Inhalationen von Salzwasser- 
dämpfen, antiseptischen Lösungen (Lysoform, Hydrargyrum cyanatum) 
nicht gelingt, versuche man auch keine internen Mittel als Pilo- 
kai-pin, Apomorphin, sondern nehme frühzeitig, bevor das Kind durch 
stunden- und tagelange Orthopnoe erschöpft, durch Kohlensäure-Intoxi- 
kation betäubt ist, bevor sich Lungenatelektasen und Pneumonie aus- 
gebildet haben, die Tracheotomie , beziehungsweise im Kranken- 
hause bei dauernder ärztlicher Ueberwachung die Intulation vor; sie 
beseitigt mit einem Schlage die hauptsächlichste Ursache aller Stör- 
ungen und verbessert die Prognose erheblich ; nicht nur erholt sich bei 
freier Eesjiiration das Kind rasch, gewinnt wieder Lust und die Mög- 
lichkeit, Nahrung aufzmiehmen, nicht nur schwinden sofort die schweren 
Cirkulationsstörungen in Lungen, Nieren und Gehirn, sondern es gelingt 
auch von der tracheotomischen Wunde aus her, den Lokalprozess zu be- 
einflussen. Man trachtet durch antiseptische Inhalation, durch Einträufebi 
von Papayotinlösung die Membranen zu erweichen, sie mit Pinzetten 
mechanisch zu entfernen ; letzteres gelingt nicht bloss in dem oberen, 
sondern auch im untersten Theil der Trachea; mit geeigneten Instru- 
menten vermag man selbst aus den Bronchien erster und zweiter Ord- 
nujig die lebensbedrohenden Membranen herauszuholen und dadurch 
noch hier und da ein Leben zu retten. 

Auch wenn weder im Rachen, noch in der Nase, der Wunde 
irgend welche Veränderungen zu entdecken sind, welche den Verdacht 
auf diphtherischen Ursprung des Croups erwecken, die bakteriologische 
Untersuchung den Nachweis der Löffler'schen Bacillen nicht zu er- 
bringen vermag, wird man doch in Anbetracht der oben angeführten 
ätiologischen Möglichkeit oder selbst AVahrscheinlichkeit, sowie der Un- 

15* 



228 Die Eranklieiten der Athmungsorgane. 

a'efährlichkeit des Diphtherieantitoxins, der mangelhaften Wirksamkeit 
der bisher geschilderten Therapie, richtig handeln, wenn man noch vor 
Eintritt der suffocatorischen Symptome einen Heilversuch mit Diphtherie- 
heilserum macht ; er kann von geradezu wunderbarem Erfolg sein, eine 
rasche Abstossung und Expektoration der Membranen selbst in Fällen 
anbahnen, welche bereits eine absolute Indikation zur Tracheotomie 
boten. 

Die Nachbehandlung der tracheotomirten Kinder be- 
steht in möglichst nahrhafter und leicht verdaulicher Diät, Erhaltung 
der Kräfte, besonders durch Wein, Beinhalten der Wunde, regelmässigem 
Wechseln der Kanülen, Eeinigung derselben, Entfernung des Sekrets, 
ev. Anregung der Espektoration durch Einführung von desinfizirten 
Federposen durch die Kanüle in die Trachea, dauernde Inha- 
lationen (Kalkwasser, Glycerinlösung) ; laue Bäder, hydropathische Eiii- 
packungen ordnet man nach besonderer Indikation an. 

Der Anwendung der Intubation stehen die Nachtheile im Wege, 
dass in der Privatpraxis nicht dauernd Tag und Nacht ein mit ihr 
völlig vertrauter Arzt zur Stelle zu sein pflegt, der die hohe Gefahr 
einer Lösung der Tube sofort zu beseitigen vermag, sodann der ebenso 
wichtige, dass Kinder mit der Tube im Halse gewöhnlich die Nahrung 
verweigern; man begiebt sich ferner dabei des A^ortheils, den Prozess 
an Ort und Stelle zu beinflussen, auch ist die Expektoration etwa ge- 
löster Membranen durch die enge Tube hindurch ungleich schwieriger, 
als durch die tracheotomische Wunde, ja fast unmöglich; man setzt die 
Kinder bei dem nothwendigen Instrumentenwechsel einer erneuten Er- 
stickungsgefahr, jedenfalls einer wiederholten Todesang,st aus; endhch 
liegt die Möglichkeit vor, dass man bei der Einführung eine Membran 
aus dem Larynx löst, in die Trachea hinabstösst und damit Asph}'xie 
erzeugt. Dagegen verdient die Lrtubation bei der Krankenhausbehand- 
lung im Allsemeinen als der weitaus geringere Eingriff den Vorzug. 

Der diphtheritische Croup findet seine Besprechung bei dem Kapitel 
Diphtherie. 

Eine besondere Unterart des Trachealkatarrhs findet sich 
ziemlich häufig bei Säuglingen, zwar auch gut entwickelten, sorgsam 
gepflegten und überwachten, doch vorwiegend häufig bei rachitischen, 
ati'ophischen oder imter schlechten hj'gienischen Verhältnissen lebenden 
Kindern, die nicht gehörig vor Erkältung geschützt werden; hie und 
da lässt sich dieser Katari-h auf die Zeit gleich nach der Geburt zu- 



Die Krankheiten der Athmungsorgane. 229 

rückführen; der von den Müttern aus dem Volke sehr treffend als 
„Vollsein auf der Brust" bezeichnete Katarrh, der sich gewöhnlich ohne 
jede Störung des Allgemeinbefindens durch einen lauten, besonders im 
Schlaf liörbaren, meist auch über Sternum und Interskapularraum fühlbaren 
Stertor, ein schon auf Entfernimg vernehmliches Rasseln, Schnarchein 
verräth, ist stets von grosser Hartnäckigkeit. Dass sich auf ihn ein 
frischer und fortschreitender Katarrh, eine Bronchitis aufbaut, ist selten, 
aber möglich. Allen therapeutischen und besonders allen medizinellen 
Angriffen pflegt er zu trotzen ; am meisten Erfolg erzielt ein langer 
Land- oder Waldaufenthalt, ein Soolbad, ein schöner Sommer ; nützlich 
erweisen sich noch am meisten Vesikantien, die man abwechselnd auf 
das Brustbein oder zwischen die Schulterblätter applizirt (am Besten 
collod. cantharidatum). 

Um einen verhängnissvoUen diagnostischen Irrthum zu vermeiden, 
vergesse man in solchen Fällen nie, auf einen sich langsam entwickeln- 
den Retropharyngealabscess zu fahnden; auch adenoide Vegetationen 
vermögen ähnliche Erscheiniuigen zu machen. 

Laryngitis phlegmonosa et erysipelatosa ist selten, fast stets sekundär, 

indem entzündliche Prozesse vom Pharj'nx oder der Umgebung des 
Larynx auf diesen übergreifen; die Erscheinungen sind schwer: neben 
den Zeichen ganz akuter Larynxstenose hohes Fieber, starkes all- 
gemeines Ergriffensein, septikämische Erscheinungen; lokal: lebhafteste 
Entzündung, hochgradige Schwellung, Lifiltration der Umgebung, des 
ganzen Halses, besonders der submaxillaren Drüsen. Die Behandlung 
kann energische Antiphlogose versuchen; meist aber wird man rasch 
zur Operation schreiten müssen. 

Glottisödem kann eiitzündlich, also Theilerscheinung der Laryngitis 
phlegmonosa sein, so bei starken Anginen, besonders bei fihlegmonöser 
und abscedirender Tonsillitis, bei Vereiterung submaxillarer und postauri- 
kularer Lymphdrüsen, bei Abscessen im Rachen, Verbrühungen, Ver- 
ätzungen sich einfinden; andererseits kann es bei Nephritis, selbst ganz 
akut auftreten. Der Eintritt suffokatorischer Erscheinungen erfordert 
sofortige Tracheotomie. 

Die Krankheiten der Bronchien und der Lunge 

sind nächst den Verdauungskrankheiten die häufigsten Affektionen 
spez. der jüngeren und jüngsten Altersstufen. 

Bronchitis und Bronchopneumonia acuta haben so nahe Beziehungen 



230 Die Krankheiten der Athmungsorgane. 

zu einander, dass sie sehr wohl gemeinschaftlich abgehandelt werden 
können; nicht nur ist ihnen Aetiologie, Prognose und Therapie gemeui- 
sam, sondern beide Prozesse gehen auch ungemein leicht und häufig in 
einander über, insofern, als die Entzündung in der Lunge sich in der 
Regel aus einer Entzündung der Bronchialschleinihaut, aus dem Zu- 
schwellen des Lumens der kleuisten Brojichien mit folgender Atelektasen- 
bildung herausbildet, als beide häufig nur verschiedene Grade des- 
selben Prozesses darstellen, endlich sich fast stets mit einander koni- 
pliziren; auch ihre klinischen Symptome sind einander sehr- ähnhch 
oder gleich, und selbst bei der physikalischen Untersuchung fällt es 
meist schwer, eine scharfe Grenze zwischen beiden Affektionen zu ziehen. 
Was ihre Entstehung anlangt, so spielt Erkältung zweifellos 
eine bedeutende, wenn auch nicht klar zu präzisirende Rolle. Wir 
sehen die Bronchitis- und Bronchopneumoniefälle besonders in der kalten 
Winterszeit und beinahe noch mehr in den Uebergangsjahreszeiten mit 
ihren jähen Temperatur wechseln, scharfen, besonders östlichen und nörd- 
lichen Winden sich häufen. Da[)ei kann es anfänglich erst zu einer 
katarrhalischen Entzündung in den oberen Luftwegen (Rhinitis, Angma, 
Laryngo-Tracheitis) kommen, welche daiui sekundär Bronchien mid 
Lungen in Mitleidenschaft zieht. Die Tendenz jeder Entzündimg der 
Schleimhäute iimerhalb des Respirationstraktus, nach der Tiefe, in die 
kleinsten Bronchien und in die Lungenalveolen hmeinzudringeu, ist im 
frühen Ejndesalter ganz ausgesprochen vorhanden und bhgt eine grosse 
Gefahr in sich. Li anderen Fällen bleiben Nase, Trachea und Kehl- 
kopf frei, und der Prozess setzt sich von vorneherein in der Tiefe des 
Brustkorbes fest. Von entschiedener Bedeutung sind eine Reihe von 
Faktoren, denen wir eine disponirende Rolle zuerkennen. So wissen 
wir, dass es besonders rachitische, skrophulöse, anämische, hereditär- 
luetische und atrophische Kinder sind, Kinder mit Thoraxverkrümmungen, 
mit schwach entwickelter Respirationsmuskulatur, die zu Bronchitis und 
Bronchopneumonie neigen, sodann dass besonders auch ungünstige Wohn- 
ungs- und Lebensverhältnisse, feuchte, schlecht ventilirte, niedrige Wohn- 
räume (Kellerwohnungeji), Mangel an frei cirkulirender, regelmässig 
erneuter, reiner Luft (Hinterwohnungen, Industrieräume) das wiederholte 
Zustandekommen solcher Erkrankungen sehr begünstigen; nicht weniger 
bedeutungsvoll scheinen Rauch- uiid Staubinhalation. Dass verweichhchte 
oder umgekehrt in unvernünftiger Weise jedei- Witterung und Erkältungs- 
gelegenheit ausgesetzte Kinder leicht erkranken, ist einleuchtend. Die 
modernen und bei zarten Kiudci-n, jedenfalls in der ersten Lebens- 



Die Krankheiten der Athraungsorgane. 231 

periode wenig angebrachten Abliärtungsbestrebungen, die oft geradezu 
unsinnigen Zmnuthungen, welche für sog. Naturheilmethode, Kneipp'sche 
Kur und dergleichen schwärmende Eltern kritiklos und fanatisch ihren 
Kindern manchmal auferlegen, liefern leider oft genug zweifellose Belege 
für diese Auffassung. Andererseits dürften aber bei vielen der sog. 
Erkältungs-Bronchitiden und -Bronchopneumonieen uns nocli unbekannte, 
jedenfalls nicht genauer festgestellte Infektionserreger die Erkrankung 
anfachen. Zweifellos ist auf solche infizirende Keime die grosse Zahl 
von Bronchial- und Lungenentzündungen zurückzuführen, die so häufig 
im Gefolge der Influenza, der Morbilli, Pertussis, Tuberkulose, des 
Typhus, seltener der Diphtherie und der Skarlatina auftreten (s. die ent- 
sprechenden Kapitel). 

Die Erscheinungen der Bronchitis und Bronchopneumonie 
treten entweder primär und für sich allein auf, oder sie geben aus 
denen eines Katarrhs der oberen Luftwege hervor. Eines der ersten 
und ständigsten Krankheitszeichen ist der Husten; derselbe wird nur aus- 
nahmsweise ganz vermisst; er ist ]e nach der Menge des produzirten 
Entzündungssekretes locker oder trocken, je nach dem Grade der Hype- 
rämie sehr heftig (Reizluisten), häufig, selbst ununterbrochen anhaltend, 
oder seltener; im Allgemeinen weist die rasche Entwickelung eines 
trockenen Reizhustens auf einen frischen Prozess in der Trachea und 
in den Bronchien, einen neuen entzündlichen Nachschub in den Lungen 
hin; bei Sekretüberladung wird der Husten voll, sogar röchelnd. Dass 
er unangenehme, ja schmerzhafte Empfindungen erregt, sei es an Ort 
und Stelle in der Schleimhaut, sei es mehr durch die oft krampfhaften 
Kontraktionen des Zwerchfells und der anderen Athemmuskeln, durch 
die Erschütterungen des Körpers, zeigen die Kinder chirch Schreien oder 
Verziehen des Gesichtes an ; öfters freilich sind die geäusserten Schmerzen 
auch auf pleuritische Reizung zu beziehen. Als ein übles Zeichen ist 
es anzusehen, wenn ein Kind bei reichlich v(3rhandeneni Sekret weniger, 
endlich kaum mehr hustet; es weist dies auf ein Nachlassen der allge- 
meinen Ki'äfte, besonders aber ein Erlahmen der Reflexcentren der 
exspiratorischen Muskeln hin, eine Ercheinung, die von verhängniss- 
vollster Bedeutung ist. Dass Kinder bis gegen das 7. Jahr hin und 
noch länger, bis zur Pubertät, beim Husten nicht auswerfen, ist bekannt; 
die alleinige Ausnahme bilden Pertussis und die meisten Fälle von 
Lungengangrän resp. fötider Bronchitis und Bronchiektasen. 

Das nächste Symptom pflegt frühzeitig eine objektive und subjek- 
tive Störung der Athmung zu sein. Die Zahl der Athemzüge nimmt 



232 Die Krankheiten der Athniungsorgane. 

ganz entsprechend der Ausbreitung des Prozesses, der Einengung der 
•Respirationsfläche, ferner im Verhältuiss zu der Höhe des Fiebers zu; 
sie erreicht ihre höchsten Grade bei einer rapid sich über den ganzen 
Bronchialbaum ausbreitenden Schleimhauthyperämie, bei dem Eindringen 
der Entzündung in alle kleinsten Bronchien (Bronchitis capillaris), 
sowie bei sehr zahlreichen, die ganze Lunge durchsetzenden broncho- 
pneumonischen Infiltrationen. Fast regelmässig bildet sich eine Ver- 
schiebung des normalen Verhältnisses von 3 '/2 — 4 Pulsen auf einen 
Athemzug heraus; die Zahl der Athemzüge ist unproportionirt (zu 
Fieber und Pulsfrequenz) hoch ; die Athemzüge werden daneben auch 
oberflächlicher, gleichzeitig hörbar; bei schmerzhafter oder sehr müh- 
samer Athmung sind sie von einem geradezu pathognomonischen, exspi- 
ratorischen Stöhnen oder Aechzen begleitet. Als weiteres Zeichen der 
objektiven Dyspnoe sehen wir die Nasenflügel bei jeder Inspiration 
sieh erweitern; Skaleni und Sternokleidomastoidei treten inspiratorisch in 
Aktion; die lebhafteren Bewegungen des Zwerchfells, der Interkostal- 
muskeln kennzeichnen sich speziell bei sehr weichem oder rachitischem 
Thorax diu'ch sog. respiratorisches Flankenschlagen, durch Einziehmigen 
im Epigastrium und Jugulum. Sodann verräth das kranke Kind seine 
Athemnoth durch Unruhe, häufiges Aufrichten, mühsames, abgesetztes 
S]3rechen und Trinken, besonders an der Brust; es kann nicht kräftig, 
nicht anhaltend schreien, wuxl dabei vielmehr durch Hustenreiz, Schmerz 
und Zunahme der Athemnoth gestört und unterbrochen ; ebenso ist der 
Schlaf sehr unruhig. 

Bei der Untersuchung stellen wir fast immer eine Temperatur- 
erhöhung fest; dieselbe kann unbedeutend sein, so bei leichten Graden 
der Bronchitis mit geringer Entzündung, besonders bei sog. Erkältungs- 
katarrhen, ebenso in dem Abheilungsstadium von Bronchitis und Broncho- 
pneumonie; bei isolirter Bronchialaffektion hält sich das Fieber meist 
auf mittlerer Höhe; Temperaturen von 39,5 " und darüber weisen im All- 
gemeinen auf eine entzündliche Betheiligung der Lungen hin. Das Fieber ist 
remittirend, seltener intermittirend, hält keinen bestinunten Typus inne 
und ist entsprechend dem Verlauf der Krankheit oft überaus schwankend; 
jeder Temperaturabfall weist im Allgemeinen auf ein Nachlassen des 
entzündlichen Prozesses hin, während jede neue Exacerbation, besonders 
jede frische pneumonische Anschoppung von lebhafter Fiebersteigerung 
angekündigt und begleitet zu sein pflegt. 

Die Pulsfrequenz geht im Ganzen Hand in Hand mit den Tera- 
peraturverhältnissen, bez. entspricht sie der Herzkraft. 



Die Krankheiten der Athmungsorgane. 233 

Mit Beginn der Erkrankung und der Schwere des Prozesses im 
Allgemeinen folgend, setzt eine zunehmende Steigerung der Leukocyten- 
zahl und der Blutdichte ein, um mit nahender Solution und in deren 
Gefolge wieder abzufallen ; dies erklärt wohl zum Theil die rasch in die 
Erscheinung tretende Anämie des ki'anken Kindes. 

Die Verdauung ist ebenfalls der Schwere des Grundleidens, beson- 
ders . dem Fieber entsprechend betheiligt; doch braucht die Dyspepsie 
keinen hohen Grad zu erreichen. Das Durstgefühl ist in der Regel 
lebhaft gesteigert, der Stuhl gewöhnlich etwas ob.stipirt, doch Diarrhöe 
auch nicht selten. Der Harn weist alle Symptome des Fieberharns auf. 
Die Hautsekretion ist im Gegensatz zu vielen anderen Fiebern, im 
Speziellen zu dem Fieber der Pneumonia fibrinosa nicht vermindert; 
die Haut fühlt sich vielmehr wechselnd fiebertrocken und feucht an ; 
besonders jede Eemision des Entzündungsprozesses und des Fiebers 
pflegt mit allgemeinem Schweissausbruch vergesellschaftet zu sein ; auch im 
Rekonvalescenzstadium sind Schweisse, vorzüglich im Schlafe, die Regel. 

Die physikalischen Symptome sind ziemlich denen beim 
Erwachsenen gleich. Oefters vernimmt man, insbesondere bei reicli- 
lichem flüssigen, resp. spärlichem zähem Sekret schon auf eine gewisse 
Entfernung gröberes , sogar fühlbares Rasseln , beziehungsweise feines 
Giemen und Pfeifen; mit dem Hörrohr gewahrt man bei Bronchitis je nach 
dem Sitze des Sekretes in den grösseren oder kleineren Bronchien gross-, 
mittel- oder kleinblasiges Rasseln; das Athemgeräuseh hört sich oft sehr 
rauh oder scharf an; bei bronchopneumonischen Herden verräth sich 
die Infiltration seltener durch auf umschriebene Stellen beschränktes 
Bronchialathmen, als durch konsonirendes , klingendes, feinblasiges, oft 
Knisterrasseln. Als sehr mchtiges, manchmal erstes Symptom hört 
man über infiltrirten Stellen häufig Bronchojshonie, die besonders bei 
sckreienden und dadurch schwer zu untersuchenden Kindern von grossem 
diagnostischem Werthe ist; perkussorisch findet sich oft. wenig; nur 
ganz oberflächlieb gelegene oder grössere Lungenentzündungsherde 
werden bei sehr leiser, palpirender Perkussion Dämpfung oder ge- 
dämpft-tympanitischen Schall geben; durch Zusammenfliessen einzelner 
kleiner Herde können aber auch die Zeichen einer grösseren Hepati- 
sation eintreten; die Prüfung des Stimmfremitus fällt meist aus. Dass 
sich die physikalischen Erscheinungen nicht über einem grösseren Bezirk, 
sondern der Natur des Leidens entsprechend disseminirt, bald hier, bald 
dort, nicht immer vorwiegend über den abhängigen hinteren Lungen- 
partien finden, ist bekannt. 



234 Die Krankheiten der Athmungsorgane. 

Die Kranklieit endet fast niemals kritisch (im Gegensatz zur 
Pneumonia fibriuosa). 

Der gewöhnliclie Verlauf einer Bronchitis catarrhalis ist der, dass 
nach rasch entstandenem, aber massigem Fieber, lebhaftem Hustenreiz, 
entsprechender Schmerzäusseruiig, Dyspnoe und den begleitenden All- 
gemeinsymptomen die Entzündung der Bronchialschleimhaut zum fieber- 
losen Katarrh abklingt; bei der Bronchopneumonie beschränkt sich unter 
anfänglich höherem Temperaturanstieg der Entzündungsprozess in den 
Lungen auf einen oder mehrere kleinere Herde, die gleichzeitig oder succes- 
sive erscheinen und in leichten Fällen bald wieder m Lösung übergehen, 
höchstens 8 — 14 Tage noch mit geringeren Erscheinungen, ohne Fieber 
und D_vspnöe bestehen bleiben. In schwereren Fällen entwickelt sich 
aus und neben einer Bronchitis sehr bald eine Bronchopneumonie mit 
vielfachen Herden, die rasch an Zahl und Ausdehnung zunehmen, 
dm-ch ständig wachsende Athenmoth, durch hohes, intermittirendes 
Fieber, Anorexie die Kräfte verzehren, durch Verschmelzung ausge- 
dehnte Infiltrationen in schliesslich dem grössten Theil der Lungen 
verursachen und das Kind unter den Erscheinungen einer langsamen, 
unaufhaltsamen Erstickung (Cheyue-Stokes'sches Phänomen, Cyanose, 
Oedeme, Sopor) und Herzschwäche tödten; ausnahmsweise können sich 
schon sehr frühzeitig durch starke Sclileimhautwulstung, Verlegung des 
Lumens der Ideinen Brochien sehr ausgedehnte Atelektasen entwickeln, 
kann derTod<lurch Kohlensäure-Intoxikation, toxische Herzlähmung bereits 
im Anfang des Leidens erfolgen. In anderen Fällen geht die akute Bronchitis 
in chronischen Katarrh über, oder es bleiben die Anschoppungsherde 
einer lobulären Lungenentzündung länger, oft Wochen und Monate lang 
unverändert bestehen, um endlich langsam wieder lufthaltig und respi- 
rationsfähig zu werden. Eine andere Möglichkeit ist die, dass sich 
unter wenn auch massigem Fieber immer neue Herde bilden, die alten 
nicht oder mangelhaft in Lösung übergehen; so führt auch eine sub- 
akute Entzündung schliesslich durch ihre lange Dauer, durch Aufzehren 
der Kräfte, ungenügende Ernährung zum Exitus letalis. Noch ein 
letzter Ausgang kommt vor: in den nicht gelösten, exsudatgefüllten 
I^ungenherden siedeln sich andere Entzündungserreger, z. B. echte 
Pneumokokken oder Eiterkokken an, welche zu Lungenabscess, Empyem 
führen, oder aber Tuberkelbacillen, die eine käsige Nekrobiose hervor- 
rufen, um so leichter, wenn es sich um ein sehr geschwächtes, von 
Hause aus disponirtes, skrophulöses, einer Infektion ausgesetztes Kind 
handelt; diese Gefahr droht besonders dann, wenn es nicht möglich 



Die Krankheiten der Athmungsorgane. 235 

ist, den hygienischen Anforderungen für die Kekonvalescenz von 
Pneumonie zu genügen. Ausnahmsweise ist der Ausgang der in eine 
chronische Pneumonie mit insterstitieller Wucherung und nachfolgender 
Schrumpfung, Bronchiektasenbildung. Am seltensten kommt es zur Ent- 
stehung von dauerndem Emphysem, während Randemphysem, vorüber- 
gehende Lungenblähung etwas gewöhnliches ist. Kleine Lungenabscesse 
finden sich bei Sektionen häufiger; Bronchiektasenbildung ist ziemlich 
ungewöhnlich. Ganz plötzlicher, synkopaler Tod durch Plerzverfettung 
und akute Herzlähmung wird bei allen diesen Krankheitsformen hie 
und da beobachtet. 

Aus der Schilderung der Symptome und des Verlaufs ergiebt sich, 
dass die Prognose niemals unbedingt günstig gestellt werden darf; sie 
richtet sich einmal nach der individuellen Disposition, der Konstitution, 
dem Alter und Kjäftezustand des erkrankten Kindes, sodann nach der 
Ursache der Bronchitis und Bronchopneumonie im speziellen Falle (Er- 
kältung, Masern, Keuchhusten, Influenza), auch sekr nach dem Charakter 
der jeweiligen Epidemie, in deren Gefolge der infektiöse Limgenprozess 
entsteht,endlich nicht zum wenigsten nach den getroffenen Massnahmen 
des behandelnden Arztes, nach den Hilfen, w'elche die materielle Lage der 
Eltern (Wohnung, Klima, Ernährung), ihre Sorgsamkeit und ihr Ver- 
ständniss dem Patienten zu verschaffen im Stande sind. Bronchitis 
und Bronchopneumonie bei resp. nach Influenza, Masern und Keuch- 
husten haben einen besonders schlechten Ruf ; recidivirende Lungen- 
katarrhe und Pneumonieen rachitischer, tuberkulös belasteter Kinder sind 
sehr vorsichtig nach dem Grundleiden zu beurtheilen. 

Die Behandlung ist stets mühevoll und erfordert viele Umsicht 
und Erfahrung. Auf den Entzündungsprozess in Bronchien und Lungen 
vermögen wir wohl kaum direkt einzuwirken ; wir können nur die er- 
krankten Organe unter die günstigsten Bedingungen zu bringen suchen. 
Dieser Forderung genügt in erster Linie eine möglichst reine, staub- 
freie, gleichmässig temperirte, nicht zu trockene Luft; wir verbringen 
die Kinder thunlichst in einen grossen, hellen, sonnigen Raum, der 
ordentlich erwärmt und ventilirt werden kann; die Lüftung ist nur bei 
höherer Aussentemperatur eine direkte durch das Fenster, sonst eine 
indirekte durch ein Nebenzimmer; alle Teppiche, unnützen Vorhänge 
sind als Staubfänger verpönt; der Fussboden ist (wenji gestrichen oder 
parquettirt, also wenig wasseraufsaugend) täglich 1 — 2 mal feucht auf- 
zuziehen; Staubfegen ist unbedingt zu verbieten. Für genügenden 
Wassergehalt der Luft sorgt man besonders bei Heizung imd künst- 



236 Die Krankheiten der Athmungsorgane. 

lieber Beleuchtung durch auf den Ofen gestellte Wassersclialen, durch 
aufgehängte nasse Lakeu, dnreh Sprayapparate. Die Zimmertemperalur 
wü-d auf 14" bis höchstens 15" R. erhalten. Um die Luft nicht 
unnütz zu verunreinigen, dürfen ausser der Pflegerin keine Personen 
sich im Zimmer längere Zeit aufhalten oder gar dort sclilafen. Um 
eine Steigerung der Dyspnoe zu vermeiden, soll das Kind nicht zum 
Sprechen angeregt, muss es am Weinen, Schreien verhindert werden. 
Durch ausgiebige Ventilation aller Lungentheile, besonders auch der 
bei Bettruhe vorwiegend gedrückten hinteren unteren Partien, ist den 
so sehr gefährlichen und die pneumonische Infiltration vorbereitenden 
Atelektasen vorzubeugen; man lasse deshalb die Patienten nie andauernd 
liegen, wenigstens nicht in ständiger Rückenlage; man nehme sie viel- 
mehr des Oefteren und regelmässig auf, trage sie gut verpackt im 
Zimmer umher, mindestens wechsele man mit der Lage im Bette; auch 
richte man sie zum Trinken und Essen, zum Expektoriren oder Ab- 
husten auf, schon um Schluckpneumonien hintanzuhalten. Einen ge- 
wissen Einfluss auf den Lokalprozess verspricht man sich von hydro- 
pathischen Einpaekungen des Thorax ; dieselben sollen theils ableitend 
wirken, sodann die Respirationsluft feuchter machen ; besser begründet 
ist die Einwirkung derselben, welche darin sich äussert, dass durch 
den Schreck, den Kältereiz im Moment des Auflegens tiefe Inspirationen 
ausgelöst werden, welche Atelektasenbildung verhüten können, expekto- 
rirend und im Ganzen anregend wirken; jedenfalls sind sie geeignet, 
das Fieber herabzumildern ; in dieser Absicht darf man sie ja nicht 
zu lange liegen lassen, bei höheren Temperaturen die Wasserumschläge 
auch nicht durch Gummi- oder Guttaperchastoff luftdicht abschliessen, 
da sonst eine Wärmestauung direkt erzeugt werden könnte; auf der 
anderen Seite bedarf ihre Anw'endung bei sehr jungen, zarten und 
anämischen Kindern einer gewissen Vorsicht, sollen sie nicht durch zu 
grosse Wärmeentziehung schädigend und schwächend wirken. Man 
wird sich im Allgemeinen einnud nach dem Alter und Kräftezustand 
des Kindes, sodajin nach der Höhe der Körpertemperatur richten ; der 
erste Umschlag kann gewöhnlieli schon bidd, nach 1/2 — 1 Stunde ge- 
wechselt werden; die späteren müssen bei Fieber über 39,5 1 — 2 stünd- 
lich gewechselt und kühler (12 — 14" R.) genommen werden; bei 
niedrigerer Temperatur erneuert man sie seltener, etwa 3 — 4 stündlich, 
und nimmt das Wasser etwas wärmer (14 — 15° R.). Man breitet zweck- 
mässig ein der Höhe des Kinderthorax entsprechend breites, mehrfaches 
LeineJituch, das nrüjidlich durchfeuchtet und danach wieder gut aus- 



Die Krankheiten der Athmungsorgane. 237 

gewunden ist, auf einem dasselbe nach olien nml unten um zwei Fingei'- 
breiten überragenden Stück Guttapercha oder Wachspapier, BiUrothbattist, 
resp. einem wollenen, dichtgewebten Tuch aus, legt das Kind, dessen 
Hemdchen und Jäckchen man über den Kopf in die Höhe geschlagen, 
so darauf, dass der Umsclila"' mit der Achselhöhle abschneidet, klappt 
ihn über der Brust zusammen und befestigt nun das Ganze mit Sicher- 
heitsnadeln oder einer breiten Flanellbinde. Wünscht man bei höherem 
Fieber, gutem Kräftezustand eine energischere Wärmeentziehung, so 
muss man den wasser- und luftdicht abschliessenden Stoff weglassen, 
auch wohl den ganzen Körper bis zum Halse einpacken; jedoch wird 
es von den meisten Kindern sehr unangenehm empfunden, wenn man 
die Arme mit in die Verpackung bringt; auch beengt man dadurcli 
leicht die Athmung in unerwünschter Weise. Mit sinkendem Fieber 
wird die Temperatur des Wasserumschlags, die man erst kühler nahm, 
höher gewählt; um die Resorption eines Lungenexsudats anzuregen, 
kann man später selbst heisse Umschläge anwenden. 

Daneben ist das Wichtigste eine richtige Ernährung, denn schliess- 
lich hängt vom Kräftezustand Alles ab ; die Nalirung soll, bei höherem 
Fieber wenigstens, eine ausschliesslich, mindestens überwiegend flüssige 
sein, und zwar: Milch, bei stärkerer Dyspepsie etwas verdünnt, Bouillon, 
Beaftea (bei höherem Fieber ohne Ei), Milch- und Schleimsuppen; 
als concentriertestes Nährmittel sowie zur Erhaltung und Anregung der 
Herzkraft kann man nöthigen Falles von vornherein etwas Wein geben: 
verdünnten süssen (Ungar, Malaga), Portwein oder Eothwein ganz nach 
dem Geschmack des Kindes, auch sehr stark verdünnten Cognao; man 
kann auch Eigelb zusammen mit Wein versuchen; als durststillende 
Getränke dienen Zucker-, Mineralwasser, Frucht-, Citronenlimonaden, 
Thee, Moselwein mit Wasser. 

Für genügende Stuhlentleerung ist durch Lavements oder milde 
pflanzliche Abführmittel Sorge zu tragen. 

Hohe Fiebertemperaturen bekämpfe man nicht mit Antipyreticis, 
sondern vermittelst der hydropathischen Umschläge, eventuell durch 
laue Bäder von 27° R., abgekühlt auf 26-25°R., Dauer 5—10 Mi- 
nuten ; ist eine Excitation, Anregung zu kräftiger Expektoration, tiefen 
Inspirationen nöthig, so nehme man im warmen Bade kalte Begiess- 
ungen auf Brust und Hinterkopf vor. 

Zustände von Schwäche, Kollaps bekämpfe man mit Alkohol, 
besonders Champagner, mit Kaffee und Thee, Aether, Kampher, eventuell 



238 Die Krankheiten der Athmungsorgane. 

zusammen mit Acid. benzoiciim, letztere Mittel besser subcutan, um den 
Magen nicht zu schädigen. 

Medizinen br;uicht man nicht viel zu thun; anfänglich vieUeicht 
Ipecacuanha im Infus oder bei Obstipation kombinirt mit Kalorael in 
Pulverform; bei Dyspepsie Acid. muriaticum. Bei mangeüiafter Sekretion 
könnte man mit Ammonium muriaticum , Emser Wasser , Stibium 
sulfuratum aurantiacum verflüssigend zu wirken versuchen; stockt die 
Exfiektoration, so greift man zu der kratzenden Senega im Infus oder 
Decoct, auch wohl in Verbindung mit Liquor Ammonii anisatus oder 
zu Acid. benzoicum mit Camphora trita. Ich pflege auf alle diese Dinge 
prinzipiell zu verzichten. Starken Reizhusten, besonders im ersten, 
hyperämischen Stadium, in dem es sich noch nicht um Expektoration 
eines Sekretes handelt, lindert man in vorzüglicher Weise durch Kodein 
(Knoll), das gleichzeitig sekretlösend zu wirken scheint; Morphium 
wird man nur in Fällen unstillbar heftigen, alle und jede Ruhe ver- 
hindernden und ganz trockenen, also imnützen Hustenreizes geben; bei 
starker Dyspnoe hat sich mir auch bei Kindern das Heroin in kleinsten 
Gaben bewährt. 

Die Rekonvalescenz ist sehr sorgfältig zu überwachen. Durch Ver- 
bringen in recht reine, milde Luft, wenn möglich ein südliches Klima, 
in einen Gebirgs- und Höhenkurort, an die See sucht man für recht 
ausgiebige Lungejiventilation, möglichst andauernden Luftgenuss Sorge 
zu tragen ; neue Erkältungen, Sekundärinfektionen sind zu vermeiden. 
Eine zögernde Resorption ist durch heisse Umscliläge, Jodpinselungen, 
Lungengymnastik, kalte Douchen, klimatische Kuren besonders im 
Hochgebirge anzuregen. 

Bronchitis chronica wird im Kindesalter nur selten beobachtet; 
sie schliesst sich am liäufigsten noch an Pertussis an und führt dabei 
öfters zu Emphysem ; ebenso ist sie eijie häufige Begleiterscheinung von 
Herzklappenfehlern, Emphysem, Bronchiekta.«en, sowie allen tuberkulösen 
Lungenprozessen. Ihre Prognose ist schiecht ; die Behandlung muss eine 
vorwiegend klimatische und j^neumatische sein; zeitweise erfordert sie 
Expektorantien, sekretionsbeschränkende Mittel als Terpentin, Terpinum 
hydratum, Narcotica etc. 

Bronchiektasen stellen eine noch seltenere Erkrankungsform dar-; 
sie entwickeln sich durch Atrophie der Bronchialwaiid bei chronischem 
Bronchialkatarrh, in Folge der exspiratorischen Erweiterung dm-ch den 
Husten bei Pertussis, sehr selten im Verlauf einer akuten Bronchitis 
und Bronchoiineumoiiie; ferner könni-n sie sich im Anschluss an inter- 



Die Krankheiten der Athmungsorgane. 239 

stitielle pneumonische Prozesse nach Diphtherie, Pk'uritis und Empyem 
herausbilden in Folge von Verzerrung, Abknickung, Verengerung des 
Bronchialbaumes an einzelnen Theilen durch Narbenzug des schrumpfen- 
den interstitiellen Gewebes. 

Prognose und Therapie sind wohl ebenso schlecht resp. undankbar 
wie beim Erwachsenen. 

Bronchitis fibrinosa S. Crouposa schliesst sich bei Kindern nur 
an Croup und Diphtherie des Larynx und der Trachea an und hat 
keine Bedeutung als selbstständiges Leiden. 

Bronchitis putrida kommt noch am ehesten bei Aspiration und 
Steckenbleiben von infizirenden Fremdkörpern innerhalb des Bronchial- 
baunies (Nahrung, Eiter aus Rachenabscessen etc.), hie und da bei der 
Phthise vor; sie führt in der Regel durch rasch entwickelte Pneumonie, 
durch Abscess oder Gangränbildung der Lunge zum tödtlichen Ende; 
embolischer Hirnabscess ist dabei nicht selten; charakteristische Symptome 
sind wie bei der Bronchiektasenbildung die Verdickung der Nagelend- 
glieder; Thrombosen der Art. Pulmonalis, Lungenblutung können weitere, 
ernste Symptome sein. 

Asthma bronchiale beobachtet man im Ganzen recht selten bei 
Kindern, am ehesten noch auf der Basis der Skrophulose; als Reflex- 
asthma kann es von einem Herd in der Nase und dem Nasenrachen- 
raum, dem Magen und Darm (Henoch'sehes Asthma dyspepticum), 
durch einen äusseren Reiz ausgelöst werden. Auch bei der kindlichen 
Hysterie werden scheiiibare asthmatische Anfälle beobachtet. Jede sehr 
akute und heftige und dabei ausgebreitete katarrhalisch - entzündliche 
Schleimhautschwellung innerhalb der Respirationsorgane vermag akutes 
Asthma zu erzeugen. Das Krankheitsbild ist dasselbe wie beim Er- 
wachsenen. Husten und Auswurf fehlen jedoch bei Kindern häufig ganz. 

Die Prognose ist nicht schlecht. Bei der Behandlung hätte 
man zunächst einen reflexeiTegenden Krankheitsherd ausfindig zu machen 
und, wenn möglich, auszuschalten. Stets ist auf ein allgemeines diäte- 
tisches Verfahren, auf rationelle Lebensweise, auf die Hygiene der 
Wohnung, des Aufenthaltsortes, auf recht reichliche Zufuhr reiner Luft, 
wenn nöthig, eine vernünftige Abhärtung, regelmässige und ausgiebige 
Körperbewegimg, Lungen- und Thoraxgymnastik das grösste Gewicht 
zu legen. Oefters ist Gebirgs- und Seeaufenthalt von grossem Nutzen. 

Symptomatisch versucht man, Jodkali lange Zeit hindurch nehmen 
zu lassen, im Anfall Chloralhydrat zusammen mit Jodkali, Kodein, Mor- 
phium, Räuchern V(in Salpeterpapier, Stramonium. 



240 Die Krankheiten der Athmungsorgane. 

Pneumoiiia fibrinosa ist nicht so selten, wie früher angenommen 
wm-de, doch lan^e nicht so häufig wie die Bronchopneumonie; ihre Ur- 
sache ist die Infektion mit dem Fränkerschen Pneumokokkus; Misch- 
infektionen scheinen öfters voi'zukonimen. 

Die Krankheit bietet im Kindesalter wenig Besonderheiten. Sie hat 
denselben cyklischen Verlauf wie beim Erwachsenen mit dem Unterschied, 
dass ein initialer Schüttelfrost nur ausnahmsweise beobachtet wird ; an seine 
Stelle tritt bei jüngeren und selbst älteren Kindern nicht selten ein 
eldamptischer Anfall, hie und da mit so schweren anderweitigen Hirn- 
symptomen, dass die Diagnose anfangs zwischen Meningitis und Pneu- 
monie schwanken, oder man an eine allgemeine schwere Lifektion 
(Scharlach) denken könnte ; Erbrechen ist noch häufiger ; stets treten 
alle äusseren und subjektiven Zeichen einer ernsten akuten Aifektion 
zu Tage. Das Fieber ist ein kontinuirliches, zeigt nui' geringe Morgen- 
remissionen; das Krankheitsende wird zumeist durch eine Krise (am 
5., 7., 9. Tage, selten später, auch Pseudokrisen), seltener durch Lyse 
eingeleitet. Der Lungenherd ist fast immer lobär, gewöhnlich einseitig, 
im Gegensatz zu den häufiger beiderseitigen und stets lobulären Herden 
der Bronchopneumonie. Die klinischen Erscheinungen sind die der 
Dyspnoe (beschleunigte, mühsame, oberflächliche, fliegende, ächzende 
und stöhnende, abgesetzte Athmung), meist kurzer, trockener Husten, 
Fieber (trockene Lippen, Durst, Eieberharn, Pulzfrequenz, öfters Herpes 
labialis, febrile Dyspepsie). Die Betheiligung der Pleura verräth sich 
durch lokalisirte Bruststiche oder allgemeine Schmerzäussernng. Die 
physikalischen Symptome sind die bekannten, doch ist die Diagnose 
öfters nicht leicht, da Herderscheinungen ganz fehlen, resp. lange ver- 
borgen bleiben können, Husten ausnahmsweise, Sputum fast immer ver- 
niisst wird. 

Die Abarten der Pneumonie als abortive, Wanderpneumonie, sog. 
gastrische und cerebrale Pneumonie kommen auch beim Kinde vor. 

Komplikation mit Pleuritis ist gewöhnlich, solche mit Bronchitis, 
Empyem seltener; Icterus, Meningitis, Otitis, Nephritis, Endocartitis und 
Pericarditis kommen nur ausnahmsweise dabei vor ; als Nachlvi-ankheiten 
beobachtet man Aphasie, Hemiplegie, chronische Pneumonie, Abscess, 
Lungengangrän, Tuberkulose. 

Recidive sind sehr selten. 

Die Prognose der genuinen Pneumonie ist durchweg gut. Aus- 
gang in Abscessbildung oder Gangrän, interstitielle Pneumonie, Induration 
und Scln-umpfung, Phthisis pulmonum ist ganz ungewöhnlich; sehr 



Die Krankheiten der Athmungsorgane. 241 

jugendliche, schwache, besonders rachitische, luetische, skrophulöse Kinder 
erliegen der Infektion freilich um so leichter, je länger das Fieber dauert, 
je weiter der Entzündungsprozess um sich greift, je rascher der Herz- 
muskel erlahmt, je schwerere Komplikationen hinzutreten. 

Die Behandlung darf bei dem cyklischen Verlauf der Entzündung, 
der im Ganzen guten Prognose, und da die Hauptgefahr von Seiten des 
Herzens droht, keinenfalls eine eingreifende sein ; Blutentziehungen sind 
geradezu kontraindizirt, ebenso sehr energische Wärmeentziehungen durch 
Eisblase, kalte Bäder; das Fieber ist nur durch hydropathische Ein- 
packungen des Thorax, auch des ganzen Körpers, durch sorgfältig über- 
wachte laue Bäder (27" R. auf 26" bis höchstens 24" abgekühlt, Dauer 
5 — 8 Minuten) zu bekämpfen. Von vorneherein ist ein roborirendes 
Verfahren am Platz : flüssige, leicht verdauliche, aber kräftigende Kost, 
und besonders Alkohol in jeder, doch stets stark verdünnter Form; 
von Medikamenten dürfte nächst einer Salzsäuremixtur höchstens ein 
Digitalisinfus in Frage kommen. 

(Im Uebrigen vergleiche Bronchopneumonie ; Komplikationen sind ent- 
sprechend zu berücksichtigen.) 

Pneumonia chronica kann ausnahmsweise aus einer fibrinösen, 
häufiger einer Broncho-Pneumonie entstehen, wenn die Lösung und Auf- 
saugung der Entzündungsprodukte ausbleibt; ihr Ausgang ist entweder 
der in Heilung, die unter roborirender Diät, aller nur möglichen Pflege, 
hydropathischen Umschlägen, Leberthran, Eisen- und Jodpräparaten, am 
ehesten aber durch einen langen oder wiederholten Kuraufenthalt im 
Gebirge, an der See, im Süden noch nach Jahren eintreten kanai; oder 
aber es kommt in dem Lungenherd durch Sekundärinfektion zur Ver- 
käsung, zur tödtlichen Lungenphthise ; eine dritte Möglichkeit giebt die 
Induration des befallenen Lungentheils in Folge interstitieller Wucher- 
ung und Schrumpfung mit nachfolgender Retraktion des entsprechenden 
Thoraxabschnittes. In einem Theil der Fälle ist damit der Prozess ab- 
geschlossen und ebenfalls eine Art Heilung herbeigefülirt; in anderen 
bilden sich innerhalb der geschrumpften Partie Broncliiektasen heraus. 

Emphysema pulmonum. Wähi-end akute, einfache Lungenblähung, 
das Volumen pulmonum auctum Traube's, bei grosser Dyspnoe (Croup, 
Bronchitis, Pneumonie), nach heftigen Hustenstössen, nach starker ex- 
spiratorischer Spannung (Keuchhusten) nicht selten ist, zählt die zu 
Atropliie und Verlust von Alveolarwänden führende Blähung, das echte 
Emphysem, im Ivin desalter zu den Seltenheiten. Physikalisch diag- 
nostizirbar wird die akute Lungenblähung nur bei hohen Graden ; bei 

Hauser, Grundriss der Kinderheilkunde. Zweite Auflage. 16 



242 Die Krankheiten der Atliniungsorgane. 

längerer Dauer der Blähung kommt es zu Fassform des Thorax, Tief- 
stand der unteren Lungengrenzen, Einengung der Herzdämpfung, Stau- 
ung (in den Thoraxvenen, Lebertumor). Daneben finden sich dann 
meist die Zeichen der chronischen Bronchitis und vor allem der Athem- 
noth, die dauernd besteht, akut sich zu Asthmaanfällen verschlimmern 
kann. Hochgradige Girkulationsstörungen sind sehr selten. Auf die 
Dauer leidet das Allgemeinbefinden , die Ernährung, die IvörperentA 
Wickelung ; Cyanose und Verbildiing der Nagelglieder ist häufig zu be- 
merken; Bronchiektasenbildung kaini die weitere Folge sein. 

Die Prognose des Volumen pulmonum auctum ist günstig, die des 
echten Emphysems schlecht. Die Behandlung hat zumeist die Beseitig- 
ung des ätiologischen Uebels anzustreben, Komplikationen durch Entzünd- 
ungen, Herzschwäche hintanzuhalten; sodann erweisen sich jineumatische 
Behandlung, methodische Athenigymnastik, Thoraxkompressionen bei 
der Exspiration, klimalisclie Kuren in mittleren Gebirgshöhen, an der 
See als Heilung befördernd, mindestens lindernd; wichtig ist ferner 
Abhärtung und Kräftigung. 

Gangraena pulmonum bietet weder ätiologisch noch klinisch im 
Kindesalter Eigenheiten; sie ist nicht allzuselten imd entsteht im An- 
schluss an septischen Zerfall eines fibrinösen Lungenentzündungsherdes, 
häufiger durch Embolie septischen Materials (Otitis, Hautgangrän, Noma, 
Pericarditis, allgemeine Sepsis), durch Aspiration von solchem (Dipli- 
therie, Pharynxabscess) oder von Nahrungsbestandtheilen und anderen 
Fremdkörpern , ferner bei Bronchitis putrida und Bronchopneumonie 
sehr marastischer , zu Thrombosen neigender, schwerkranker Kinder 
(Typhus, Ecthyma); das charakteristische Sputum wird nicht immer 
expektorirt, so dass die Diagnose Scliwierigkeiten machen kann. 

Phlhisis pulmonum. Wir begreifen unter diesem Namen nicht 
sowohl alle Lokali sirungen des Tuberkelbacillus, die in der Lunge be- 
obachtet werden, also nicht die miliare Tulierkuhise der Lunge, wie sie 
meist Theilerscheinung der allgemeinen Miliartuberkulose ist, nicht die 
kleinen Herde, welche wir so liäufig bei anderweitiger Organ- und all- 
gemeiner Tulaerkulose auch in den Lungen finden, sondern die aus- 
schliessliche oder überwiegende tuberkulöse Erkrankung der Lungen. 
Anatomisch handelt es sich da gewöhnlich um zwei Formen: Ent- 
weder die bacilläre Invasion erfolgt ziemlich akut unter dem Bilde der 
käsigen Pneumonie — und dies ist der seltenere Fall — oder die 
Affektion stellt sich als ein chi-onisches, schleichendes Lungenleiden ein, 



Die Krankheiten der Athmungsorgane. 243 

welches mit Verdichtung und Katarrh (Peribronchitis), später mit kaver- 
nöser Einschmelzung und Zerfall des Lungengewebes einhergeht. 

Die akute und subakute Pneumouia tuberculosa äussert 
sich anfänglich durch dieselben Erscheinungen, wie eine nicht käsige 
Bronchopneumonie; sie beginnt mit meist hohem Fieber, Dyspnoe, pleu- 
ritischen Schmerzen, Husten, den physikalischen Zeichen der Infiltration 
und Exsudation; Sitz des Herdes oder der multiplen Herde sind nicht 
immer die Lungenspitzen, häufig auch die Unterlappen ; das Fieber ist 
unregelmässig, von Remissionen unterbrochen, oft sehr hoch. Doch 
binnen Kurzem erregen gewisse andere Symptome Bedenken über die 
Natur der Lungenentzündung. Einmal hält das Fieber hartnäckig an ; 
es stellt sich ungewöhnlich oft, vielleicht mit einer gewissen Regel- 
mässigkeit Schweissausbruch ein, ohne dass man denselben stets auf 
einen raschen Temperaturabfall zurückführen könnte; in auffallendem 
Maasse und sehr frühzeitig leidet der Ernährungszustand; das Fett- 
polster schwindet rasch, die Muskulatur wird schlaff, nimmt ab, die 
Kräfte sinken zusehends, es stellt sicli eine bedrohliche Anämie, eine 
Dyspepsie und Anorexie ein, die alle Ernährungs- und Ki'äftigungs- 
versuche scheitern lässt. Unter diesen Erscheinungen kann schon 
binnen 2 — 3 Wochen der Tod erfolgen. In weniger akuten Fällen 
geht zwar das Fieber herunter; ja es scheint sich eine Lysis, eine all- 
mähliche Genesung anzubahnen; doch immer und immer wieder steigt 
die abendliche Temperatur, es treten hochfieberhafte Nachschübe auf, die 
befallenen Stellen in den Lungen zeigen keine Solution, sie vergrössern 
sich im Gegentheil, und so verzehren sich auf die Dauer langsam die 
Kräfte, wenn nicht eine Komplikation, der plötzliche Eintritt einer 
Meningitis tuberculosa ein rascheres Ende macht und die Situation mit 
einem Male klärt. 

Dieser eigenartige progressive und perniciöse Verlauf lässt den 
Ursprung, das Wesen der bronchopneumonischen Herde meist früh 
genug errathen : doch kann bei dem Fehlen von Sputum und von 
hereditärer Belastung, von anamnestischen Anhaltspunkten, ohne den 
Nachweis einer Infektionsmöglichkeit die Diagnose längere Zeit, ja bis 
zur Sektion zweifelhaft sein ; eine vorausgegangene Erkrankung an tuber- 
kulösen oder ski'ophulösen Affektionen, an Masern, Ijifluenza oder Keuch- 
husten, eine nachgewiesene Tuberkulose bei Eltern, Geschwistern, Pflegern 
sind für die Beurtheilung voji grösster Wichtigkeit; entscheidend wäre 
der Nachweis von Tuberkelbacillen im Stuhl. Andererseits kommen 
Fälle einfacher, sich lang liinziehender Bronchopneumonie vor, welche 

16* 



244 Die Krankheiten der Athmungsorgane. 

sehr leicht zu der irrthümlichen Annahme eines tuberkulösen Ursprungs 
verleiten. 

Ausnahmsweise werden Stillstände, Scheinheilungen beobachtet, 
denen über kurz oder lang eine recidivirende pneumonische Attacke, 
eine Meningitis tubereulosa folgt. 

Die chronische Phthise findet sich im Allgemeinen mehr 
bei etwas älteren Kindern ; bei jüngeren ist die akute Form resp. die 
allgemeine Tuberkulose gewöhnlicher. Die Phthise verläuft jenseits der 
zweiten Dentition derjenigen der Erwachsenen sehr ähnlich ; ganz all- 
mählich kommt es zu einer in ihren Anfängen meist unbemerkt ge- 
bliebenen Verdichtung einer oder beider Lungenspitzen, zu der sich die 
S3'mptome des Katarrhs, des zunehmenden Gewebszerfalls gesellen; 
Hand in Hand damit geht eine unaufhaltsame, wenn auch oft lang- 
same Abmagerung; auf die Dauer stellen sich Febris hectica, Nacht- 
sch weisse, allerhand dyspeptische Erscheinungen ein; unter Husten, 
Fieber, Appetitlosigkeit, Abzehrung erfolgt allmählich der Tod. 

Was die Phthise der Kinder von der der Erwachsenen unter- 
scheidet, ist einmal der im Ganzen weit raschere und fast ausnahmslos 
zum Tode führende Verlauf ; sichere Heilungen sind grosse Seltenheiten; 
ich habe eine solche nie gesehen. Sodann treten öfters und zwar seltener 
zur chronischen Phthise als zu der tuberkulösen Pneumonie Komplikationen 
in Gestalt tuberkulöser Meningitis, Peritonitis und Enteritis hinzu. Hämoptoe 
ist ungleich seltener; es fehlt meist jeder Auswurf, bei kleineren Kindern 
vermisst man sogar jeden Husten, überhaupt alle Lungenerscheinungen. 
Kavernenbildung kommt vor ; die tuberkulösen Herde finden sich be- 
sonders bei jugendlichen Kindern nicht mit der bekannten Vorliebe in 
den oberen Lungenpartien, sondern vertheilt durch beide Lungen und 
oft vorwiegend in den Unterlappen. Sehr auffällig ist, wie wenig 
lokale und besonders physikalisch nachweisbare Symptome gerade bei 
jüngeren Kindern so häufig eine ausgedehnte Lungentuberkulose macht; 
die Sektion bereitet in dieser Beziehung oft die merkwürdigsten Ueber- 
raschungen. 

Im Uebrigen cf. das Kapitel Tuberkulose. 

Aus allem ergiebt sich, dass die Prognose nur eine schlechte 
sein kann. 

Die Behandlung muss einmal den armen Kindern ihre Be- 
schwerden zu lindern, sodann die Kräfte zu i'rhalten, den Exitus mög- 
lichst hinauszuschieben suchen. Dahin gehrirt, dass man wenigstens 
älteren Kindern die Natur ihrer Krankheit verheimlicht ; es ist unglaub- 



Die Krankheiten der Athmimgsorgane. 245 

lieh, wie in dieser Beziehung seitens der jammernden, fassungslosen 
Eltern, aber auch von Seiten mancher Kollegen gefehlt wird, welche 
das Verständniss heranwachsender Kinder für den Begriff der „Schwind- 
sucht", ihre Todesfurcht oft unbegreiflich unterschätzen. Man wird 
durch hydropathische Umschläge, besonders Kreuzbinden, bei kräftigeren 
Kindern auch wohl partielle kalte oder kühle Abreibungen die Fieber- 
belästigungen, durch Acid. camphor., spirituöse, Mentholwaschungen und 
Pudern die Unannehmlichkeiten der Schweisse zu vermeiden trachten. 
Gegen den oft quälenden Hustenreiz, gegen Schmerzen erweist sich 
Codein, später Morphium als unschätzbare Wohlthat. 

Die Therapie gleicht im Uebrigen der aus der Klinik der Er- 
wachsenen bekannten. Zu einer Anstaltsbehandlung wird meist keine 
Veranlassung vorliegen, dagegen erfreuen sich auch im Kindesalter 
Hochgebirgskuren eines vorzüglichen Rufes (Arosa, Davos). 

Die Hauptsache bleibt ein möglichst ausgedehnter Genuss reiner 
Luft, eine Freiluftkur, sowie eine leicht verdauliche, sehr reichliche 
und kräftigende, besonders eiweiss- und, wenn vertragen, auch fett- 
reiche Kost, m der neben etwas Alkohol Milch oder Kefir eine Haupt- 
rolle spielen müssen. Unterstützend wirken besonders der Leberthran, 
das Lipanin, die Kraftchokolade, Malzpräparate, Hygiama, hie und da 
Eisen und Arsenik. 

Kreosot kann jüngeren Kindern nur in der flüssigen Form ge- 
geben werden ; ältere habe ich häufig Kapseln sehr gut nehmen ge- 
sehen; eine direkte Heilwirkung kann ihm wenigstens im Kindesalter 
nicht zuerkannt werden, doch vermag es den Appetit anzuregen, die 
Verdauung zu unterstützen und, in grossen Dosen gegeben, das All- 
gemeinbefinden entschieden zu heben; gut bewährt hat sich mir stets 
das Kreosotal, das in heisser Milch oder Leberthran meist gut genommen, 
fast immer gut vertragen wird, fast ausnahmslos den Appetit anregt 
und den Lungenprozess direkt oder indirekt günstig zu beeinflussen 
scheint. Ueber das Sirolin fehlen mir noch ausgedehnte Erfahrungen; 
es wird jedenfalls gern genommen und gut vertragen. 

Der Lungentuberkulose schliesst sich eng die Tuberkulose der 
Bronchialdrüsen an; dieselbe ist ein fast regelmässiger Befund bei 
der Sektion tuberkulöser und besonders lungen tuberkulöser Kinder; 
seltener findet man eine rein primäre und isolirte Tuberkulose der 
Bronchialdrüsen. Auch ohne dass diese tuberkulös infizirten, ge- 
schwollenen, verkästen Drüsen verkalken, kann ihre Erkrankung lange 
Zeit vollkommen latent bleiben, vielleicht auch in günstigen Fällen 



246 Die Krankheiten der Athmungsorgane. 

\ 
zur Ausheilung gelangen. Nicht allzu selten bildet sie aber die Quelle, 
von der aus durch einen Durchbruch in eine mit dem Drüsentumor 
verlöthete Arterie entweder ein Theil der Lunge oder der Gesammt- 
organismuB (akute Miliartuberkulose) infizirt, mit Tuberkelbacillen über- 
schwemmt wird. Beim Uebergi-eifen der Bronchialdrüsentuberkulose auf 
die Umgebung auf dem Wege der Lymphbahnen kommt es zur tuber- 
kulösen, periglandulären Pneumonie oder zur Peribronchitis 
tuberculosa; durchbrechen diese peribronchitischen Herde die Bron- 
chialwand, so muss es zur Entwickelung von Aspirationspneumonien, 
zu anfangs lobulärer, mit der Zeit durch vielfache Apposition und Ver- 
schmelzung kleinerer Herde zu lobulärer tuberkulöser Pneumonie 
kommen. Aus diesem Verlaufe erhellt ohne Weiteres die grosse Be- 
deutung der Bronchialdrüsentuberkulose. Ihre Erkennung ist meist 
sehr schwierig; über eine Wahrscheinlichkeitsdiagiiose wird man auch 
in den Fällen nicht hinauskommen, wo ein hereditär belastetes oder 
skropbulöses Kind neben den Erscheinungen der allgemeinen Ernähr- 
ungsstörung, einer der Diagnose zugänglichen Erkrankung äusserer 
Drüsen die Symptome einer Reizung (Husten, Katarrli) oder Verenger- 
ung der Trachea oder der grossen Bronchien darbietet. Die Behand- 
lung ist die der Tuberkulose im Allgemeinen. 

Pleuritis tritt wie beim Erwachsenen am häufigsten im Anschluäs 
an entzündliche Lungenprozesse auf, sodann im Verlaufe von Infektions- 
krankheiten (besonders Scarlatina, auch Masern, Rheumatismus arti- 
cularis), bei Nephritis, ausnahmsweise nach Traumen; auch kann sie 
durch Uebergreifen einer Entzündung der unmittelbaren Nachbarschaft 
oder selbst entfernterer Theile auf die Pleura entstehen, so bei Caries 
der Rippen, der Wirbel, bei Peritonitis, Perityphlitis, Leberabscess ; 
seltener stellt die Brustfellentzündung ein idiopathisches Leiden dar. 
Der bakteriologische Befund ist bei rein serösen Exsudaten gewöhnlich 
negativ; bei eitrigem .Sekret findet man am häufigsten Pneumokokken 
und Streptokokken, seltener Staphylokokken, Influenza-, Tuberkelbacillen, 
letztere meist nur ausnahmsweise. 

Die Pleuritis ist keine seltene Krankheit und erscheint in ihren 
verschiedenen Stadien resp. Formen als Pleuritis sicca und exsudativa 
(serosa, sero-fibrinosa und purulenta, haemorrhagica). Ihr Verlauf 
schwankt zwischen dem akuten und ganz clironischen. Einseitige Pleu- 
ritis ist häufiger als iloppelseitige. Die Krankheit zeigt im Kindesalter 
kaum Besonderheiten. Fieber ist wohl stets vorhanden, öfter gering- 
fügig, manchmal hoch; am beträchtlichsten ist es in der Regel beim 



Die Krankheiten der Athmungsorgane. 247 

Empyem, bei dem es re- und intermittireudeii Charakter aufweisen, 
doch auch völlig fehlen kann; hervorstechendes Symptom sind meist die 
Schmerzen; die Eespirationsstörung kennzeichnet sich objektiv durch 
Dyspnoe, Zurück- oder Liegenbleiben, Schonen der betroffenen Thorax- 
hälfte, Husten. Die physikalischen Symptome sind die bekannten. 
Das Allgemeinbefinden, Appetit und Verdauung leiden der Schwere 
der Affektion, der Höhe des Fiebers entsprechend, am meisten und 
raschesten bei Empyem. 

Der Ausgang ist entweder eine vollkommene oder relative Spontan- 
heilung, wobei es zur Resorption des Exsudates, pleuritischen Verwachs- 
ungen mit und ohne Schwartenbildung und Thoraxverkrümmung, bei 
Empyem zum Durchbruch nach der Lunge, oder nach aussen kommen 
kann; oder es tritt der Tod ganz plötzlich ein durch Herzlähmung, 
Embolie der Puhnonalarterie, oder langsam durch Dyspnoe und Er- 
schöpfung, durch komplizirende Perikarditis, beim Empyem durch die 
andauernde Eiterung, welche zu Amyloid führt, durch hohes und an- 
dauerndes Fieber. 

Die Prognose ist am günstigsten bei sekundärer, einfach seröser 
oder trockener akuter Pleiu^itis massiger Ausdehnung. Grosse Flüssig- 
keitsergüsse und besonders alle eiterigen verschlechtern die Vorhersage 
beträchtlich, wofern die Therapie nicht rechtzeitig eingreift. Als gefähr- 
lich gilt die Pleuritis scarlatinosa, wohl mehr wegen des Grundleidens; 
unheilbar ist die Pleuritis tuberculosa. 

Die Therapie versetzt den Kranken unter die bei der Pneumonie 
angeführten günstigen äusseren Verhältnisse. Zu Anfang kann sie 
sich mit diätetischen Verordnungen, gelinder Antipyrese durch hydro- 
pathische Umschläge begnügen. Die pleuritischen Schmerzen lindern 
am zuverlässigsten Eisumschläge oder auch heisse Kompressen (je nach 
dem persönlichen Empfinden des Kjanken), auch wohl ein geschickt, mit 
Heftpflasterstreifen angelegter Kompressionsverband, leichte Nai-cotica, 
bei schlimmen Graden eine ganz vorsichtige INIorphiuminjektion ; auch 
lagere man die Kinder im ersten, entzündlichen Stadium auf die er- 
krankte Seite, um die respiratorische Thoraxverschiebung einzuschränken ; 
doch wird diese Lage in schlinnnen Fällen nicht immer vertragen. 

Bei geringem Exsudat sucht man nach dem Abfall des Fiebers 
durch hydropathische oder heisse Einpackungen , dm'ch Anregung der 
Diiu'ese (Liqu. Kai. acetic, Calomel mit Digitalis, Digit. mit Coffein 
natrobenzoic, Solut. natr. salicyl.), auch wohl Jodtinktur-, Jodvasogen- 
pinselungen die Aufsaugung anziuegen. Sobald die frischen entzündlichen 



248 Die Krankheiten der Athmungsorgane. 

Erscheinungen, das Exsudat zurückgegangen sind, soll die befallene 
Thoraxhälfte wieder zur Athmung herangezogen werden, um die kom- 
primirte Lunge wieder auszudehnen, lufthaltig zu machen. Man ver- 
anlasst in diesem Bestreben die Rekonvalescenten mehr auf der gesunden 
Seite zu liegen, mit der kranken tief zu respiriren. Später ist selbst 
eine direkte Tlioraxmassage neben dieser Gymnastik wohl zu versuchen. 
Allzu lange Bettruhe ist schon aus diesem Grunde nicht rathsam. 

Zögert ein grösseres, seröses Exsudat über die 2. — 3. Woche mit 
der Resorption, oder nimmt die Exsudatbildung durch Verdrängung des 
Herzens, diueh starke Athembehinderung bedenklicheren Charakter an, 
so zögere man nicht mit der Entleerung. Man punktirt an der ab- 
hängigsten Stelle unter den bekannten Vorsichtsmassregeln vermittelst 
des Aspirationsapparats nach Potain. Nie vergesse man eine voraus- 
geschickte Probepunktion. 

Ein eiteriges (rein- oder serös-purulentes) Entzündungs- 
produkt, welches sich meist durch die Intensität der Dämpfung, die 
Schwere der Allgemeinerscheinungen, hohes Fieber zu verrathen pflegt, 
mit Sicherheit aber nur durch die Probepunktion erkannt wird, erfordert 
als Regel ein sofortiges operatives Vorgehen. In manchen Fällen kann 
bei Kindern ein Empyem durch einfache Punktion mit oder ohne nach- 
folgende Thoraxausspülung (Bor-, Salicyllösung) vollkommen zur Heilung 
gebracht werden ; auch das Bülau'schen Verfahren (Ausspülung und dauernde 
Drainage) kann hie und da indizirt sein, besonders dann, wenn ein 
grösserer operativer Eingriff in Narkose bei sehr geschwächten Kindern 
zur Zeit als zu gefähi-lich oder aber nicht als dringlich erachtet wird, 
so bei ausgedehnter Bronchitis, Phthise, Herzschwäche; hat man aber 
Ursache, energischer vorzugehen, so operirt man vermittelst doppelten 
Schnittes und Thoraxdrainage (Küster), oder lucision und Rippen- 
resektion an 5. — 7. Rippe, ein Verfahren, welches im Prinzip als das 
normale anzusehen ist. 

Dass in allen schweren und besonders länger dauernden Erkrank- 
ungen auf das diätische Regime, Kräftigung und Anregung, auf die 
Ueberwachung der Herzthätigkeit ein besonderes Gewicht zu legen ist, 
versteht sich von selbst. 

Bei der Nachbehandlung sucht eine lange fortgeführte Thorax- 
und Lungongyninastik, ein Gebirgs-, wenn nöthig Hoehgebirgsaufenthalt 
die fiuiktionelle Leistung der betroffenen Lunge wieder herzustellen, 
orthopädisches Turnen einer Thorax verbiegung vorzubeugen. 



Die Krankheiten des Cirkulationsapparates. 249 



Die Krankheiten des Cirkulationsapparates. 

Neben Dextrokardie, Medianlage, Ectopia cordis, Mangel des Herz- 
beutels fiuden sicli angeborene Herzanomalien, welche zum grösseren 
Theil auf Entwickelungshemmungen, zum kleineren auf im Mutterleibe 
verlaufene endokarditische Prozesse zurückzuführen sind. 

Man findet Defekte der Scheidewände des Herzens, meist kom- 
binirt mit anderen angeborenen Herzmissbildungen ; für sich allein 
bestehend, brauchen dieselben die Lebensfähigkeit selbst bis in ein 
mittleres Alter hinein keineswegs zu beeinträchtigen; sie machen nicht 
einmal immer krankhafte Erscheinungen, ausser etwa Herzklopfen; auf 
die Dauer pflegen sich solchen Defekten aber entzündliche Prozesse am 
Eande derselben, wie an den benachbarten Ostien und Klappen anzu- 
schliessen und meist früh den Tod herbeizuführen. Bei Defekt im 
Septum ventriculorum treibt der überwiegende linke Ventrikel 
systolisch Blut in den rechten Ventrikel, der dilatirt und hypertrophisch 
geworden, die Cirkulation lange Zeit in normalem Gang erhalten kann; 
sobald er vorübergehend oder dauernd (z. B. bei Erschwerung der Atli- 
mung) erlahmt, tritt anfalls- oder zeitweise die Kompensationsstörung 
mit Cyanose, stärkerer Dilatation des rechten Herzens, accentuirtem 
zweiten Pulmonalton ein. Physikaliscli findet man, doch nicht konstant, 
ein systolisches Geräusch über der Spitze oder an der Basis. 

Die Vorhöfe können entweder durcli ecliten Defekt des Septum 
atriorum oder Offenbleiben des Foramen ovale mit einander 
kommuniziren (ein kleiner, schief verlaufender, spaltförmiger Kanal 
persistirt ohne Erscheinungen zu machen bei einem hohen Prozentsatz 
der Kinder). Letztere Anomalie kann ganz ohne Symptome, geschweige 
Störungen für das ganze Leben bestellen. Auch bei echter Defekt- 
bildung können Folgen völlig ausbleiben, wohl deshalb, weil ein Ueber- 
wiegen des Blutdruckes in dem einen Vorhof zu Ungunsten des anderen 
kaum statthat; keinenfalls kommt es zu Cyanose oder zu Geräuschen, 
es sei denn, dass sich der Defektbildung endokarditische Komplika- 
tionen zugesellen. 

Die Persistenz des Ductus arteriosus Botalli, der normaler Weise 

in der Zeit vom ca. 7. bis 20. Tage durch Involution und Thrombo- 
sirung veröden soll, findet sich selten und dann meist kombinirt mit 
anderen Entwickelungsstörungen. Da durch ihn hindurch der höhere 
Aortendruck auf die Pulmonalarterie und den rechten Ventrikel wirkt, 



250 Die Krankheiten des Cirkulationsapparates. 

so entwickelt sich fast regelmässig eine Dilatation und Hypertrophie des 
rechten Ventrikels, besonders des Conus arteriosus, und eine Dilatation 
der Lungenarterie ; physikalisch konstatirt man Hypertrophie des Herzens, 
speziell des rechten, Voussure, besonders der oberen Herzgegend, epigastri- 
sche Pulsationen, meist ein systolisches, schwirrendes Geräusch im zweiten 
bis dritten linken Interkostalraum ; eine schmale links am Sternum bis 
zum ersten Interkostalraum reichende Dämpfung entspricht der Lage 
der erweiterten Lungenarterie; der zweite Pidmonalton ist rein und sehr 
laut, auch fühlbar. 

Die klinischen Symptome, als Dyspnoe, Cyanose, Erstickungsanfälle, 
Herzklopfen, kommen nicht gleich nach der Geburt, sondern erst all- 
mählich zur Beobachtung, fehlen wohl auch im Kindesalter gänzlich. 
Der tödtliche Ausgang ist meist nicht sowohl Folge der Kommunikation, 
als zufälliger Affektionen ; die Mehrzahl der Patienten erreicht ein höheres 
Alter; der spätere Eintritt der Cyanose unterscheidet diese Anomalie 
von der Stenose der Arteria pulmonalis. 

Stenose und Atresie der Arteria pulmonalis beanspruchen das 

grösste Interesse; ihre klinischen Erscheinungen sind, obwohl sich 
anatomisch eine Anzahl von Unterarten (Conusstenose, Stenose des Ostiums 
und Stenose des Stammes bei defekter oder verschlossener Kammer- 
scheidewand ; Kombination von Stenose mit vollständigem Defekt der 
beiden Septa oder eines derselben, mit Affektionen anderer Klappen, 
mit Persistenz des Trmicus arteriosus communis) differeuziren lassen, 
Ijeinahe typisch gleichmässig. Während geringe Stenosen durch Hyper- 
trophie des rechten Ventrikels längere Zeit kompensirt werden können, 
verrathen sich einigermasseu ausgesprochene Verengerungen des Lumens 
in der Regel gleich oder bald nach der Geburt durch Cyanose. Gehen 
die Kinder nicht sofort an Asphyxie zu Grunde, so bieten sie das ausser- 
ordentlich prägnante Bild des M o r b u s c o e r u 1 e u s : Haut und Schleim- 
häute sind blau, selbst tief- oder seh warzblau; mit der Zeit entwickeln 
sich beträchtliche kolbenförmige Anschwellungen der Finger- und Zehen- 
endglieder aus; in leichteren Fälleii tritt die Cyanose nur bei Körper- 
anstrengung, seelischer Aufregung und sofort bei jeder Behinderung der 
Respiration in die Erscheinung; die Kinder zeigen wenig Lebensenergie, 
träge und seltene Bewegungen, Schlafsucht; ihre Körperwärme sinkt 
leicht unter die Norm, jedenfalls werden Körperoberfläche und Extremi- 
täten ungewöhnlich rasch kühl. Anfallsweise treten bei den ausge- 
sprochenen Fällen Kopfschmerzen, Schwäche, Ohnmächten, Schwindel, 
Athemnoth, grosse Dyspnoe, eklamptische Krämpfe auf. Stets bleibt 



Die Krankheiten des Cirkulationsapparates. 251 

die Körperentwickelung im Ganzen zurück; entsprechend ist meist aucli 
das Geistesleben ein schwächeres, trägeres. Es zeigt sich also, dass es 
nicht die Mischung von arteriellem und venösen Blut (bei offenem 
Foramen ovale und Ductus arteriosus, bei Kammerscheidewanddefekt) 
ist, welche die Cj'anosis cardiaca verursacht, sondern lediglich die venöse 
Stauung. Da die Kompensation seitens des rechten' Ventrikels nur zeit- 
weise eine vollkommene zu sein pflegt, so treten in der Regel häufig 
Cirkulationsstörungen auf, bei denen unter Nachlassen der Herzkraft 
(Pulsus irregularis, parvus) jene oben erwähnten Anfälle sich einstellen. 
Nasenbluten, auch Blutspucken sind regelmässige Begleiterscheinungen 
des Leidens, Herzklopfen, Lufthunger, LTnfähigkeit zu Körperbewegung, 
Angst die gewöhnlichen Klagen der armen Kinder, die meist nur ein 
kümmerliches Scheinleben fuhren : binnen Kurzem, ausnahmsweise erst nach 
einer längeren Lebensdauer erfolgt der tödtliche Ausgang entweder plötz- 
lich oder nach längerem, zunehmendem Siechthum, sehr häufig in Folge 
einer komplizirenden Erkrankung, ^velche grössere Ansprüche an die 
Herzkraft überhaupt (Infektionskrankheiten) oder an den rechten Ventrikel 
(Lungenaffektionen) stellt, und zwar stets unter den Zeichen der Herz- 
insufficienz und Kompensationsstörung. Erreichen die Individuen ein 
höheres Alter, so können sich in den Lungen sekundäre Veränderungen 
entwickeln in Form von käsiger Pneumonie und Peribronchitis. 

Anatomisch findet sich der rechte Vorhof bei geschlossenem Septum 
ventriculare regelmässig stark dilatirt, das Foramen ovale weit offen ; 
die Tricuspidalis wird iusuff icient ; die Karmnerhöhle ist bei früher 
Entwickelung der Atresie klein, ihre Wände dagegen sind immer stark 
hypertrophisch, da die Herzmuskulatur weiter wächst und auch noch 
immer bei der Regurgitation des spärlichen Blutes in den rechten Vor- 
hof thätig ist; schliesslich kann das Lumen des rechten Ventrikels 
durch Thrombosirung schwinden. Bei später, gegen Ende des Fötal- 
lebens eintretender Atresie, sowie bei der Stenose bleibt die Höhle des 
rechten Ventrikels kleiner (bei gleichzeitiger Insufficienz der Lungen- 
arterienklappe dagegen dilatirt), seine Muskulatur wird hypertrophisch. 

Die physikalische Untersuchung stellt ziemlich konstant eine 
Dilatation (und Hypertrophie) des rechten Herzens, einen hebenden Herz- 
stoss fest; rechts (Vorhof) und besonders am Sternalende des 4. — 6. 
Rippenknorpels links (Ventrikel) fühlt man zuweilen Vibriren und ein 
systolisches oder kontinuirliches Schwirreji ; man hört ein systolisches 
Geräusch am lautesten über dem Conus der rechten Kammer und ilem 
Pulmonalostium, hie und da über dem ganzen Thorax ; der zweite Pul- 



252 Die Krankheiten des Cirl^ulationsapparates. 

monaltoii ist meist schwach, bei gleichzeitiger Insufficienz finden sich 

undeutlicher zweiter Ton oder diastolisches Geräusch. 

Merkwürdiger Weise können Geräusche auch vollkommen fehlen. Kora- 
plizirende Defekte des Kammerseptums , Offenbleiben des Ductus arteriosus 
sind nur sehi- schwer zu diagnostiziren, ebenso Atresie des Pulmonalostiums 
(systolisches Geräusch und reiner diastolischer Ton über dem Ostium art. 
pulmon. bei offenem Ductus arteriosus, durch den die beiden Lungenarterien- 
äste von der Aorta aus mit Blut versorgt werden, seil, bei insuffuzienter Tri- 
cuspidalis und offenem Foramen ovale). 

Die Prognose der Pulmonalstenose ist schlecht, da nur 1.5 "/o der 
Kinder ein höheres Alter als 20 Jahre erreichen, etwa die Hälfte unter 
10 Jahren, viele schon in den ersten Monaten sterben; Atresie der 
Pulmonalarterie hat meist raschen Tod zur Folge. Die Behandlung 
sucht eine Kompensationsstörung zu verhüten, indem sie für eine ganz 
ruhige Lebensführung, gute aber reizlose Ernährung, Vermeidung aller 
körperlichen und gemüthlichen Ansti'engungen und Aufregungen sorgt, 
besonders aber alle ßespirationserkrankungen und Infektionen zu ver- 
meiden sucht. Tritt eine Störung der Cirkulation ein, so trachten Bett- 
ruhe, Eisblase auf das Herz, Digitalis ev. mit Kalomel oder Coffein, 
natrobenzoicum , resp. Alkohol und Excitantien über die Gefahr der 
Herzinsufficienz hinauszuhelfen. Peribronchitis und Pneumonie sind ent- 
sprechend zu berücksichtigen. 

Angeborene Stenose und Atresie des Ostium atrio-ventriculare 
dextrum und angeborene Insufficienz der Tricuspidall<iappe. Die 

Stenosen sind seltener als die Atresieen, ebenso selten ist die angeborene 
Tricuspidalinsufficienz ; die klinischen Erscheinungen sind denen der an- 
geborenen Pulmonalarterienstenose sehr ähnlich, da es immer zu be- 
deutender venöser Stase xmd mangelhafter Blut Versorgung der Lungen- 
arterie kommt. Es fanden sich stets Cyanose seit oder bald nach der 
Geburt, Neigung zu Blutungen, Anfälle von Dyspnoe, Fröstebi, Stör- 
ung in der Entwickelung ; ferner sind eklamptische Anfälle, Hemiplegie 
beobachtet; Folgezu.stand war öfters Phthise. Die Lebensdauer ist nicht 
selten länger; in Bezug auf die Prognose wie auf die Behandlung ver- 
weisen wir auf das Kapitel Atresie und Stenose der Lungenarterie. 
Atresie ohne genügenden Defekt in der Kammerscheidewand mid bei 
verschlossenem Ductus arteriosus muss, da die Lungenarterie kein Blut 
bekommt, rasch durch venöse Stase tödten. — Bei Insufficienz der 
Tricuspidalis wird man Hypertrophie des rechten Ventrikels, systolisches 
Geräusch finden, bei Stenose muss der rechte, und bei offenem Foramen 
ovale der linke Vorhof bedeutend dilatirt, der linke kompensirende 
Ventrikel dilatirt und hypertrophirt sein (im Gegensatz zur Pulmonal- 



Die Krankheiten des Cirkulationsapparates. 253 

Stenose), die rechte Kammer dagegen klein, und man konstatirt physi- 
kaliscli Verbreiterung der Herzdämpfung nach links, systolisches Blasen 
über dem ganzen Herzen. 

Angeborene Stenose und Atresie des Ostium atrioventriculare 

sinistrum finden sich als Komplikation bei Stenose und Atresie des 
Aortenostiums sowie der Lungenarterie, endlich mit Defekt der Kammer- 
scheidewand zusammen. Da das Blut aus dem linken Vorhof durch 
das Foramen ovale in den rechten Vorhof, von dort in den rechten 
Ventrikel fliesst, um dm'ch die Lungenarterien, den Ductus arteriosus 
in die Aorta zu gelangen, so obliterirt meist der linke Ventrikel ganz; 
und es kommt zu schweren Stauungen im Lungenkreislauf, die sich 
durch gleich nach der Geburt auftretende Cyanose ausdrücken und ein 
längeres Leben in der Regel ausschliessen. 

Angeborene Stenose und Atresie des Aortenostiums ist selten und 

wenig gekannt. Wie bei der Lungenarterie unterscheidet man Verenger- 
ungen au der Mündung oder dem Stamm, mit geschlossener und mit 
defekter Kammerscheidewand, sowie kombinirte Anomalien ; bei ersteren 
ist die Höhle des linken Ventrikels mehr weniger verengt, ebenso das 
linke Atrium (wenigstens anfangs), während rechter Vorhof und rechter 
Ventrikel stark dilatirt und hypertrophisch werden, ebenso der Stamm 
der Lungenarterie. (Die Wände des linken Ventrikels wachsen weiter 
und erreichen oft beträchtliche Maasse, cf. Stenose der Lungenarterie). 
Der Druck im linken Ventrikel setzt sich durch den linken Vorhof 
und das Foramen ovale hindurch auf den rechten Vorhof fort. Das 
Blut wird mit ziuiehmender Stenose immer mehr dem rechten Ventrikel 
zufliessen (das linke Atrium dabei kleiner und schwächer werden), der 
es in die Lungenarterie befördert. Während des Fötallebens können 
so alle Störungen ausbleiben, obwohl bei vollkommener Aortenstenose 
schliesslich nur mehr ein mächtiges rechtes Herz mit einer Arterie (der 
Pulmonalis) besteht, dem das linke als Appendix aufsitzt. Nur in dem 
Falle, dass ein endokarditischer Prozess vor dem Aortenostium auf die 
Mündungen der Conorararterien übergreift, dieselben verstopft, muss der 
sofortige Tod des Fötus erfolgen. Ebenso muss bei raschem Aorten- 
verschluss die Anämie der Medulla oblongata wirken. Jedenfalls aber 
wird sich mit dem ersten Athemzug, bei dem eine Menge Blut mehr 
dem linken Vorhof zuströmt, das anfangs nur mühsam durch das kleine 
Foramen ovale nach rechts ausweichen kann, hierdurch, sowie durch 
die grössere Belastung des rechten Ventrikels sehr rasch eine bedeutende 
Stauung im Lungenkreislauf mit starker Cyanose ausbilden. Nur bei 



254 Die Krankheiten des Cirkulationsapparates. 

massiger Stenosirung der Aorta und weit offenem Foramen ovale können 
diese Folgen gemässigt werden, kann eine gewisse Kompensation ein- 
treten. — Bei Stenose mit offenem Septum ventriculare, die nicht wie 
jene auf Endokarditis, sondern auf Entwickelungshemmungen beruht, 
auf anomaler Theilung des Truncus arteriosus, bilden sich auf direkterem 
Wege ähnliche Cirkulationsverhältnisse heraus. 

Wie bei der Stenose des Ostium atrioventriculare sinistrum muss 
mit seltenen Ausnahmen (Lungenatelektase, grosse Anämie) gleich nach 
der Gebui't schwere Cj'anose und in weiterer Folge hämorrhagische 
und ödematöse Infiltration der Lunge und meist sehr bald schon der 
Tod an Erstickung eintreten. 

Physikalisch konstatirt man stets reine und laute Herztöne. Die 
Diagnose dürfte kaum eine Atresie von einer Transposition der grossen 
Arterienstämme zu unterscheiden vermögen. lieber die Indikationen 
der Behandlung s. Stenose der Lungenarterie. 

Eine besondere Abart stellt die Stenose und Atresie der Aorta 
an oder nahe der Einmündungssteile des Ductus arteriosus dar; sie 

kann durch Hypertrophie des linken "\'entrikels und Au-^bildung eines 
Kollateralkreislaufes vollkommen kompensirt werden, indem zwischen 
Arcus Aortae und Aorta descendens Aeste der A. subclavia und der 
Brust- und Bauchaorta vermitteln ; so können die Individuen selbst ein 
höheres Alter erreicht. Da aber mit der Zeit endokarditische Entzünd- 
ungen im linken Ventrikel, Dilatation der x'^.orta ascendens, später End- 
arteriitis und Atherom sich ausbilden, so erfolgt schliesslich der Tod, 
wenn nicht an zufälligen Kompliktionen (Lungenaffektionen), an Herz- 
insufficienz, Apoplexie, Embolie, Aneurysma; die Diagnose, die im 
Kindesalter noch kaum gestellt wurde, da es nicht zu dem klinischen 
Bilde der Aortenstenose kam, würde sich auf Hypertrophie des Herzens, 
spez. des linken, systolische und diastolische Geräusche über Herz, Aorta, 
Karotiden, Zeichen arterieller Hyperämie nach Hals und Kopf, Herz- 
klopfen, palpable Aa. transversae colli, subscapulares, thoraeicae longae, 
intercostales, mammariae, epigastricae, die pulsiren, geschlängelt, gespannt 
.sind, stützen. Die Behandlung hätte Schonung des linken Ventrikels, 
Beseitigung eintretender Herzinsufficienz anzustreben. 

Im Allgemeinen befällt die fötale Endokartitis überwiegend das 
rechte Herz insofern, als Entwickelungsfehler, denen sie sich anschliesst, 
an diesem häufiger sind, und auch während des Fötallebens das rechte 
Herz als arbeitendes Organ ausschliesslich in Anspruch genommen 
wird; als idiopathische Affektion tritt sie glcichmässii;' an allen Ostieu auf- 



Die Krankheiten des Cirkulationsapparates. 255 

Transposition der grossen Gefässstämme, speziell als die wichtigste: 

Ursprung der Aorta aus dem rechten, der Pulmonalarterie aus dem 
linken Ventrikel, findet sich allein für sich oder kombinirt mit Defekten 
der Septa, Stenose der Arteria pulmonalis und beruht auf Störungen 
in der Scheidung des Truncus arteriosus communis. Das hauptsäch- 
lichste klinische Symptom derselben ist angeborene CVanose höchsten 
Grades ; die bei Pulmonalstenose bekannten Anfälle von D_yspnoe bleiben 
meist aus; das Blut ist selar dunkel und dünnflüssig, und zwar alles 
dies nicht sowohl in Folge von venöser Stauung, deren Bedingungen 
ja überhaupt fehlen, sondern auf Grund einer rapiden Sauerstoffver- 
armung des Blutes im grossen Kreislauf, welches ohne die Lungen zu 
passiren, immer von Neuem nach der Peripherie getrieben, seinen ge- 
ringen Sauerstoff wieder einbüsst ; dagegen wird das Lungenvenenblut 
aus dem linken Vorhof immer wieder durch die Lunge getrieben, 
arterialisirt, d. h. der kleine Kreislauf gewinnt immer höheren Sauerstoff- 
gehalt; beide Kreisläufe gehen ganz unabhängig von einander neben 
einander her. Das Leben würde unter diesen Verhältnissen höchstens 
ganz kurze Zeit bestehen können , und wird auch in der That nur 
dadurch ermöglicht, dass im Kapillargebiet der Bronchial- und Lungen- 
arterien Anastomosen bestehen, die einen wenn auch noch so geringen 
Blut- und Gasaustausch gestatten. Da dieser natürlich nur sehr be- 
schränkt sein kann, andere unterstützende Faktoren (weit offenes Foramen 
ovale, reichere Ausbildung der bronchialen Kapillaren) kaum in Frage 
kommen, so vermag das Kind nur bei weitgehender Anpassung an die 
geringe Sauerstoffzufuhr (Minimum von Bewegungen, Somnolenz) zu 
existiren; im günstigsten Falle dauerte das Leben bis zu 3 Jahren. 

Die Herztöne sind normal, selten besteht ein systolisches Geräusch; 
(Ursache?); Hypertrophie des rechten Herzens ist konstant vorhanden. 

Neben der sehr seltenen und einer sicheren Diagnose sich ent- 
ziehenden angeborenen Hypoplasie des Herzens und der Aorta, die 
sich schon von frülier Jugend auf durch Körperschwäche, Zartheit, schlechte 
Entwickelung, rasche Ermüdung, Neigung zu Dyspnoe und Angst- 
■zuständen, kleineji, intermittirenden, frequenten Puls, Herzklopfen, bei 
Aortenenge durch Dilatation und Hj^pertrophie des Herzens kennzeichnet, 
beobachtet man Erscheinungen der Herzinsufficienz als Folge einer Ent- 
wickelungshemmung und zwar vorwiegend der Arterien besonders beim 
weiblichen Geschlecht zusammen mit mangelhaften Köifierbau, verzögerter 
Geschlechtsreife und zwar bei der Chlorose sowie bei der hämorrhagi- 
schen Diathese (s. d.), insbesondere der Hämophilie. 



256 Die Krankheiten des Cirkulationsapparates. 

Ausserdem soll es zur Zeit der Pubertätsentwickelung zu Cirku- 
lationsstörungen kommen können, die von Manchen unter der Bezeich- 
nung der „Waclistumsinsuf f icienz" des Herzens auf ein Missver- 
hältniss zwischen Wachsthum des Herzens und Wachsthum des übrigen 
Körpers spez. bei Eintritt der Geschlechtsreife bezogen werden. Dass 
die Aufstellung dieser besonderen Form von Herzinsufficienz berechtigt 
ist, scheint mir nicht genügend erwiesen. 

Myokarditis. Akute diffuse oder cirkuraskripte Myokarditis ist im 
Kindesalter keine sehr seltene Erkrankung. Die interstitielle, eitrige 
Form, bei der es zur Bildung miliarer oder grösserer Abscesse mit oder 
ohne Ruptur kommt, und die auf Mikrokokkenembolie zurückgeführt wird 
(Pyämie und Sepsis, Endokarditis) ist viel ungewöhnlicher, wie die akute 
parenchymatöse und die einfache interstitielle Myokarditis, die sich im 
Gefolge schwerer Infektionskrankheiten leider niu- zu häufig herausbildet, 
seltener auch sich bei Rheumatismus entwickeln. Der anatomische 
Prozess, um den es sich handelt, die trübe Schwellung, fettige Meta- 
morphose, Zerfall (und Resorption) von Hermuskulatur, die zellige Infil- 
tration des Zwischenmuskelgewebes wird von Manchen nicht als ein 
entzündlicher, sondern als ein degenerativer aufgefasst. Sein Lieblings- 
sitz ist das linke Herz und die Kammerscheidewand. 

Die akute eitrige Myokarditis tritt aus dem Bilde der Allgemein- 
infektion nicht mit besonderen Symptomen hervor. 

Die akute parenchymatöse und einfache interstitielle Myokarditis 
verräth sich durch zunehmend frequenteren, unregelmässigen, an Spannung 
und Füllung abnehmenden Puls, alle Zeichen der Herzschwäche, Asthma 
cardiale, Stenocardie, Kühle und Cyanose der Extremitäten, allgemeine 
Cyanose, rasche Kj-äfteabnahme. 

Die Prognose der akuten Myokarditis ist stets sehr ernst; die 
beste Ernährung, die Aufbietung von Excitantien und Herzmitteln aller 
Art (Alkohol, Kampher, Kaffee und Thee, Digitalis, Infus. Seealis cornuti, 
Strychnininjektionen) vermögen kaum jemals das versagende Herz über 
die kritische Zeit hinauszubringen, es so lange sufficient zu erhalten bis 
eine Wiederherstellung leistungsfähiger Muskulatur erfolgt sein könnte. 

Die chronische interstitielle Myokarditis, bei der es zur BUdung 
sog. Herzschwielen, seltener chronischer Herzaneurysmen kommt, ist 
weit ungewöhnlicher und nur in einzelnen Füllen beobachtet. Ihr Folge- 
zustand ist oft Dilatation (durch Schwächung der IMuskulatur) oder 
Hypertrophie, die als Kompensationszustand schwer erklärbar erscheint. 
Geräusche können theils in Folge von komplizirender endokarditisclier 



Die Krankheiten des Cirkulationsapparates. 257 

Erkrankung, theils dureli relative lusufficienz s'on Klappen hervor- 
gerufen auftreten. Die Erscheinungen der Myokarditis sind, wenn solche 
überhaupt diagnostizirt werden können, zunehmende Schwäche, Ab- 
niagening, Auftreten von Oedemen, Ascites etc., Arhj'thmie, Nachlassen 
des Pulses; der Ausgang in Tod erfolgt meist plötzlich durch Embolie 
(Thromben, die sich an der erkrankten Herzwand ansetzen) oder Herz- 
ruptur in Synkojje und unter apoplektischen Erscheinungen. Auch die 
chronische Myokarditis wird sich meist einer Behandlung unzugängig 
zeigen; Digitalis pflegt (im Gegensatz zu Klappenfehlern) zu versagen. 

Den syphilitischen Ursprung einer Myokarditis (einfache, nicht von 
der gewöhnlichen Form unterschiedene M. oder aber Gummabildung) 
dürfte man selten zu diagnostiziren im Stande sein ; von einer spezifi- 
schen Behandlung kann man sich kaum etwas versprechen. 

Die Endokarditis, sowohl die einfache rheumatische als die infektiöse 
imd septische, bietet im Kindesalter keine Besonderheiten. Gerade für 
das jugendliche Alter erweist sich der rheumatische Prozess in dieser 
Eichtun g besonders verhängnissvoll, indem er sehr häufig endokarditische 
Veränderungen mit sich bringt. 

Einen prognostisch sehr in's Gewicht fallenden Unterschied 
gegenüber dem Erwachsenen könnte man darin finden, dass die Endo- 
karditis unter günstigen Umständen beim Kinde leichter, ohne Folgen 
zu hinterlassen, ausheilen kann. 

Jedenfalls ist es geboten, bei jeder Art rheumatischer Affektion, 
bei Chorea (s. d.), sowie bei sämmtlichen Infektionskrankheiten (Pertussis, 
Morbilli, besonders aber Scarlatina und Variola, Typhus), dauernd das 
Herz zu überwachen und bei etwa eintretenden endokarditischen Sym- 
ptomen eine strenge und konsecjuente Behandlung einzuleiten, che 
zu bestehen hätte in : strikter Bettruhe, Eisblase resp. kalten Umschlägen, 
der Herzflasche, ganz blander Diät (Milch), ev. Strophantus, Digitalis 
(Vorsicht!) allein oder zusammen mit Coffein, natro-benzoicum oder 
Calomel. In der Nachbehandlung kämen Bäder (Nauheim) und ein 
noch lange Zeit innezuhaltendes, entsprechendes Regime in Betracht. 
Die maligne Form erfordert ein roborirendes, nöthigenfalls excitirendes 
Verfahren, Antiphlogose, Fieberbehandlung etc. 

Die aus endokarditischen Prozessen hervorgegangenen Herzklappen- 
fehler bieten ebenfalls im Kinderalter keine besonderen Eigenschaften 
oder Indikationen. 

Von den Herzneurosen kommt bei Kindern das sogenannte nervöse 
Herzklopfen nicht selten zur Beobachtung und zwar besonders bei schon 

Hauser, Grundrias der Kinderheilkunde, Zweite Auflage. 17 



258 Die KrapMieiten des Cirkulationsapparates. 

etwas älteren Kindern (vom 6. Jahre ab), am häufigsten gegen und 
um die Pubertät; es betrifft häufig reizbare, leidenschaftliche und 
schwächliche Individuen, bei denen die Erziehung die Selbstbehen-schung 
zu üben vernachlässigt hat ; ein sehr rasches Köq^erwachsthum, Anämie, 
erschöpfende Krankheiten, ererbte Nervosität oder Hysterie geben in der 
Regel die Disposition ab; mangelnde Hygiene und fehlende Bewegung 
im Freien wirken als schädliche Momente. Auch Erregungen aller Art, 
die dem Kindesalter fernbleiben müssten, beängstigende Erzählungen, 
aufregende Lektüre, unmässige Bedrohungen und Züchtigungen, Angst 
vor der Schule, Kaffee-, Thee- und Alkoholmissbrauch, vorzeitige Rauch- 
versuche, Onanie, übermässig häufige und lange kalte Bäder müssen als 
die näheren Veranlassungsmöglichkeiten genannt werden. Eine heftige 
psychische Alteration, wie starker Schreck, kann plötzlich einmaliges 
und vorübergehendes, aber auch dauerndes Herzklopfen zur Folge haben. 
Die Palpitatio cordis nervosa tritt meist anfallsweise auf und kann sich 
bis zu Angstzuständen, Beklemmung, Herzschmerz, selbst Dyspnoe und 
Orthopnoe steigern. Man findet objektiv am Cirkulationsapparat meist' 
nichts Abnormes, ausser sehr frequentem, hie und da etwas miregel- 
mässigem, hebendem, seltener schwachem Puls. Das Herzklopfen ist 
gewöhnlich unabhängig von körperlicher Bewegung und stellt sich oft 
ohne alle nachweisbare Veranlassung, seltener auf körperliche Anstrengung 
als auf gemüthliehe Erregung hin ein. 

Die Diagnose wird organische Herzveränderrmgen , Chlorose, 
Wachstumsinsuff icienz, Basedow'sche Krankheit u. dgl. auszuschliessen 
haben. Die Prognose ist günstig, wenn auch das Leiden hartnäckig 
sein kann. Die Behandlung muss möghchst eine ätiologische sein; 
symptomatisch versucht man die Herzflasche, Eisblase, Brompräparate, 
nur ganz ausnahmsweise Digitalis. 

Auch die Perikarditis des Kindesalter hat vor der des Erwachsenen 
kaum etwas vor. Die gewöhnliche diffuse Perikarditis ist selten eine 
iiliopathische, meist eine sekundäre Erkrankung im Gefolge von akutem 
Gelejikrheumatismus , viel seltener von Septikämie und Pyämie, von 
Tuberkulose; auch clu-onische Nephritis, ferner akute Exantheme, be- 
sonders Scharlach, sowie Blutfleckenkrankheit können Herzbeutelent- 
zünduiig nach sich ziehen ; per continuitatem kann sich ein Entzündungs- 
prozess von der Lunge (Pneumonie) oder dem Brustfell (Pleuritis) auf 
das Perikard fortsetzen; speziell linksseitiges Empyem, ferner Rippen- 
caries, Entzündungen aller Art in der Nachbarschaft (Mediastinum, 
Bronchialdrüsen, Wirbel, endlieh Peritonitis, Milzabscess, Perihepatitis 



Die Krankheiten des Cirkulationsapparates. 259 

und dero-1.) können das Perikard in Mitleidenscliaft ziehen. Myokarditis, 
Endokarditis liaben sehr gewöhnlich Perikarditis zur Folge. Primäre 
Perikarditis kann durch Kontusion der Herzgegend, Stichwunden etc. 
entstehen. In seltenen Fällen lässt sich eine deutliche Ursache über- 
haupt nicht nachweisen. Die physikalische Diagnostik basirt auf: 
Fieber, perikarditischen, selbst fühlbaren Reibegeräuschen, am deutlichsten 
über der Basis, später Vergrösserung der Herzdämpfung in dreieckiger 
Form, ev. Verschwinden des Spitzenstosses. Die subjektiven Symptome 
sind Herzklopfen, Athemnoth. Der Verlauf kann akut oder chronisch 
sein. Die Prognose ist im Allgemeinen nicht ungünstig, richtet sich 
nach der Grundkrankheit, dem Alter, der Konstitution des Patienten. 
Die Therapie ist anfangs eine antiphlogistische, strebt später Resorption 
des Exsudates, gegebenenfalls Entleerung desselben an. 

Verwachsungen des Herzbeutels mit dem Herzen (bis zur Obli- 
teration) als Folge akuter und besonders chronischer Perikarditis (sehr 
selten auch von tuberkulöser Perikarditis, die von einer Tuberkulose der 
Bronchial- oder Mediastinaldrüsen ausgegangen) kommen allein für sich 
oder zusammen mit Verwachsungen der Pleura pulmonalis mit der Pleura 
pericardiaka, jedoch sehr selten vor; das Herz zeigt sich bei aus- 
gedehnter Verwachsung in der Regel mitbetheiligt in Form von Myo- 
carditis, fettiger oder schwieliger Degeneration, Atropihie, auch Dilatation 
und sekundärer Hypertrophie, welche letztere beiden die Folge von 
mangelhafter Entleerung resp. erhöhter Widerstände sind. Die Affektion 
braucht gar keine Symptome zu machen ; in anderen Fällen treten Stör- 
ungen der Herzfunktion, Herzklopfen, Dyspnoe bei Anstrengung, Prä- 
kordialschmerz, Neigung zu Cyanose, zeitweise Unregelmässigkeit und 
Schwäche des Pulses, endlich alle Zeichen der Herzinsufficienz auf ; da 
diese Symptome sämmtlich nur auf eine Alteration des Herzmuskels 
weisen, so bedarf es zur Diagnose noch der mehr weniger charakeristi- 
schen physikalischen Erscheinungen, als welche Schsväche oder Fehlen 
des Spitzenstosses, besonders aber systolische Einziehung, diastolischer 
Halsvenenkollaps gelten können ; pathognomonisch ist keines von ihjien ; 
stets ist die Diagnose schwierig, meist zweifelhaft; häufig bleibt die 
Unterscheidung von Degeneration des Herzmuskels aus anderen Ur- 
sachen unmöglich. Die Prognose hängt davon ab, ob und wie weit 
der Herzmuskel mit ergriffen, an seiner Thätigkeit behindert ist, ob sich 
sekundäre Degeneration früher oder später ausbildet. Dieser Herzinsuffi- 
cienz muss die Behandlung vorzubeugen, ev. sie zu beheben suchen, 
da die Adhäsionen kaum zu lösen sein dürften. 

17* 



260 Die Krankheiten des Urogenitalapparates. 



Die Krankheiten des Urogenitalapparates. 

Von den Krankheiten der Nebennieren hat lediglich der Morbus 
Addisonii eine klinische Bedeutung, bei dem es unter käsiger oder 
fibröser Degeneration (Tuberkulose?) fast stets nur des einen Organs 
zu Ablagerung von Pigment in den Hautdecken, besonders in den 
Achselhöhlen, an den Genitalien, auf der Innenfläche der Oberschenkel, 
au Gesiclit und Händen, sowie zu allgemeinem Ki-äfteverfall kommt. 

Die Krankheit ist beim Kinde sehr selten. Ihre Anfangserschein- 
ungen sind die einer schweren Anämie, bei der später die diffuse und 
streifige Pigmentirung besonders absticht, zunehmende Schwäche und 
Abmagerung, auch Rücken- und Seitenschmerzen. Bald stellen sich 
Anorexie, Dyspepsie, hartnäckiges Erbrechen, auch Dm-chfälle ein, 
vorübergehend wohl auch Polj'urie; gleichzeitig damit macht sich das 
Melasma bemerklich; danach kommt es unter progressiver Muskel- 
schwäche und Abmagerung zu Kopfschmerz, Schwindel- und Ohnmachts- 
anfällen, Sopor und sehr gewöhnlieh auch zu Krämpfen, theils einzelner 
Muskeln, theils allgemeinen; der Ausgang ist binnen ','4 — 4 Jahren 
der Tod unter den Zeichen äusserster Erschöpfung, an Tuberkulose 
anderer Organe, Eklampsie. Die Behandlung kann lediglich durch 
roborirende Ernährung, Excitantien das Lelien zu verlängern trachten. 

Von angeborenen Abnormitäten der Nieren kommen Mangel 
eines oder beiiler Organe, Huf eisen niere, sowie verkehrte Lage zur Be- 
obachtung; Wanderniere kann angeboren und ausnahmsweise auch er- 
worben sein; Cystenniere vermag ein Geburtshinderniss abzugeben, 
führt meist Frühgeburt herbei und endet stets letal ; sie findet sich 
auch gleichzeitig mit Hydrocephalus und anderen Missbildungen. Auch 
Hydronephrose ist öfter kongenital als erworben. 

Von GescilWülsten treten primär besonders Sarkome in Niere und 
Nierenbecken auf, zuweilen schon in sehr jugendlichem Alter, sogar 
kongenital. Die Diagnose, die anfangs sehr schwierig sein kann, stützt 
sich auf die Beobachtung eines zunelimenden Tumors; der Urin braucht 
gar keine Besonderheiten zu bieten (Hämaturie); Cirkulations- und 
Ernälirungsstörungen melden sich erst später; der Ausgang in Tod er- 
folgt meist rasch. Seltener ist C!aicinom, das in der Regel Bluthai-nen 
verursaclit. Tulierkel sind klinisch ohne Bedeutung, obwohl bei Sek- 
tionen häufig angetroffen. 

Unter ilcn Parasiten iibi^rwiegt der an sich seltene EchinOCOCCUS, 



Die Krankheiten des Urogenitalapparates. 261 

(lein allein klinisches Interesse zukommt; er verursacht Tumor mit 
Fluktuation, hie und da Hydatidenschwirren und alterirt das Allge- 
meinbefinden nur bei grosser Ausdehnung, besonders aber bei trauma- 
tischer Vereiterung (Schüttelfröste und Fieber); berstet die Cyste, so 
kann unter den Symptomen der Nierenkolik, selbst akuter Hydro- 
nephrose anfallsweise eine Entleerung von Bhit und Eiter, Echino- 
kokkenhaken, Membranfetzen, Blasen stattliaben; Durchbruch in die 
Lungen macht Dyspnoe, Husten, Fieber, Auswurf. Die Behandlung 
kann nur eine chirurgische sein. 

Die überwiegend häufigste und wichtigste Nierenaffektion des Kin- 
desalters ist die 

Nephritis in ihren verschiedenen Formen. Die Krankheit gehört 
im Kindesalter zu den häufigen, so dass zu einer gründlichen Unter- 
suchung auch beim jüngsten Kinde stets eine Untersuchung des Urins 
gehört. 

Die akute diffuse Nephritis tritt zwar gelegentlich auch 
primär, unendlich viel häufiger aber, speziell im Kindesalter sekundär 
auf; primär nennen Avir sie, wenn sich ausser der nicht immer ganz 
fraglosen Erkältung, einem Nierentrauma (?) keine Ursachen ausfindig 
machen lassen. Unter den Erregern einer sekundären akuten Nephritis 
spielen die akuten Infektionskrankheiten die \yichtigste Rolle, von ihnen 
wieder, alle anderen überragend, der Scharlach; etwas seltener schliesst 
sich eine akute Nierenentzündung an Diphtherie, viel seltener an Morbilli, 
Typhus, Varicellen, Erysipelas, Pneumonie an; zu den Infektionskrank- 
heiten in diesem Sinne hat man auch alle Formen der Angina zu 
rechnen ; wenn man es sich zur Pfliclit macht, während und nach allen 
Anginen regelmässig den Urin genau zu untersuchen, wird man erstaunt 
sein, so manchesmal, besonders aber nach allen septischen, schweren Ent- 
zündungen Albuminurie zu finden. In der Anamnese so mancher Er- 
krankung an sogen, cyklischer Albuminurie spielen solche vernach- 
lässigt gebliebene Anginen wahrscheinlich die Rolle des ätiologischen 
Momentes. Nur ausnahmsweise ist die Nephritis Nachkrankheit oder 
Komplikation von Rubeolen, Gelenkrheumatismus, Parotitis, der Schutz- 
pockenimpfung, von ausgebreiteten nicht infektiösen Exanthemen als 
Ekzem, Impetigo, von Hautverbrennungen, bei Säuglingen auch von 
Magendarmaffektionen; ob Fieber an sich Nephritis erzeugen kann, 
bleibt fraglich. 

Auch bei chronischen Infektionskrankheiten, Syphilis, Tuberkulose, 
kann es zu akuter Nephritis kommen. Eine toxische Nierenentzünd- 



262 Die Krankheiten des ürogenitalapparates. 

ung beobachtet man in Folge von Vergiftung mit Mineralsäuren, 
Karbolsäure, Sublimat, Kanthariden, Kali cbloricum, Theer, Jodoform, 
Pyrogallussäure; der Alkohol dürfte für das Kind kaum in Frage 
kommen. 

Der Typus der anatomischen Veränderung bei akuter Ne- 
phritis ist bekanntlich die vergrösserte rothe oder bunte Niere, seltener 
die blasse; makroskopische Befunde können speziell bei der Nephritis 
nach Infektionskrankheiten und hier besonders bei Dij^htherie ganz 
fehlen. 

Die Krankheit beginnt meist mit Ällgemeinerscheinungen , oft 
zu Anfang ganz unscheinbarer Art. Es kann aber auch das Krank- 
heitsbild besonders bei sogenannter Erkältungsnephritis mit einem Schüttel- 
frost eröffnet werden; eine Temperatursteigerung fehlt in der Regel voll- 
kommen, kann, wenn nachgewiesen, keineswegs mit Bestimmtheit auf 
den Eintritt der Nephritis bezogen werden ; hohes Fieber erklärt sich aus 
ihr allein niemals, so dass der Temperatminessung kein diagnostischer 
Werth bezüglich der Nierenaffektion beigemessen werden darf. Wich- 
tiger sind Störungen des subjektiven Befindens als Kopfsehmerz, Uebel- 
keit, Appetitlosigkeit, Harndrang; objektiv stellt man meist bleiches Aus- 
sehen, besonders aber Oedeme des Gesichts fest; alle diese Erscheinungen 
können aber bei leichter Erkrankung fehlen (latente Nephritis), speziell 
vermisst man bei Säuglingen öfters lange Zeit oder dauernd trotz 
Kachexie und allgemeinem Oedem die Albuminurie. Spontane oder 
Druckempfindlichkeit der Nierengegend ist nicht konstant. 

Die Symptome, welche entscheidend auf den Krankheitssitz hin- 
deuten, erweisen sich bei der Beobachtung der Nierensekretion und der 
Untersuchung des Urins. Mehr weniger plötzlich nimmt fast aus- 
nahmslos die Harnmenge ab; der Harn erscheint dunkler, ti'übe, wolkig, 
auch wohl roth, bluthaltig ; seine Reaktion ist sauer, das spezifische 
Gewicht erhöht; chemisch finden sich meist reichliches Albumen, vermehrte 
Harnsäure und harnsaure Salze, mikroskopisch Blutkörperchen, Lynipli- 
zellen, Epithelien, Cylinder. 

Weniger regelmässig ist Hydrops; .am konstantesten tritt er bei 
Scharlachnephritis ein, sehr selten nach Diphtherie. Das Oedem erscheint 
speziell bei Bettlage zuerst und besonders an Augenlidern und Wangen, 
bald auch an Knöcheln, Beinen, Genitalien, Händen. Von den Wasser- 
ansammlungen in den Körperhöhlen ist Ascites am häufigsten, Hydro- 
thorax seltener, noch seltener Hydroperikard (am ehesten noch bei 
Scharlach); Auftreten, Ausdehnung und Dauer des Hydrops sind sehr 



Die Krankheiten des Urogenitalapparates. 263 

verschieden ; er kann das erste erkannte Symptom der Nephritis bilden, 
sogar ganz akute Larynxstenose durch Glottisödem verursachen oder 
aber später oder nur in ganz geringem Maasse sich einstellen oder end- 
lich dauernd fehlen. Die Wassersucht an sich bringt nur in beschränktem 
Sinne Gefahren mit sich, steht auch keineswegs immer im geraden Ver- 
hältniss zur Intensität der Nierenentzündung. 

Eine unendlich viel ernstere Folgeerscheinung der Nephritis ist die 
Urämie; sie kann mit leichteren Erscheinungen einsetzen als Kopf- 
schmerz, Uebelkeit, Erbrechen, Dyspnoe und Angst, Schlaflosigkeit 
oder Schlafsucht; dabei kann es bleiben, oder die Symptome können 
sich steigern zu eklamptischen Anfällen, Sopor, Coma, Amaurose, auch 
Delirien, unstdlbarem Erbrechen und Singultus, Diarrhöe und Kolik, 
Asthma; der Puls ist stets von charakteristischer Härte, voll und 
langsam. In seltenen Fällen kann der Ausbruch eines urämischen 
Anfalls das allererste Zeichen einer akuten, bis dahin unbemerkten Ne- 
phritis sein. 

Ebenso "wie beim Erwachsenen gesellen sich einer akuten Nephritis 
leicht Katarrh der Lungen, Pneumonie, Pleuritis zu. 

Der Kr ankheits verlauf gestaltet sich im Allgemeinen der Art, 
dass eine akute Nephritis leichten Grades unter ganz geringer oder 
fehlender Betheiligung des Allgemeinbefindens, etwas verminderter 
Diurese, geringem Eiweiss-, Epithel- und Cylindergehalt des Urins, 
höchstens vorübergehender Hämaturie, ohne oder mit ganz geringem 
Hj'drops in 1 — 3 Wochen in volle Heilung übergeht. 

Die schwerere Erkrankungsform kennzeichnet sich durch stärkeren 
Blut- und Eiweissgehalt, reichliche organische Sedimente, bedeutende 
Verminderung der Harnmenge, etwas stärkere Oedeme; die Patienten 
werden rasch anämisch, klagen über Kopfschmerz, Mattigkeit, leiden 
an Appetitlosigkeit und magern ab. Die Heilung braucht unter all- 
mählichem Abklingen aller Symptome 4 — 6 Wochen. 

Bei schwerer Nephritis sinkt die Harnmenge bis zur Anurie ; Al- 
bumen und Blut sind sehr reichlich; rasch bilden sich Oedeme und 
hydropische Ergüsse, gewöhnlich kommt es zur Urämie. Der Ausgang 
ist sehr oft der in Tod; erfolgt derselbe nicht gleich zu Beginn des 
Leidens durch Urämie, so fallen die Kranken doch frühzeitig und be- 
trächtlich ab; die Anämie erreicht die höchsten Grade, die Kräfte 
schwinden ; Ascites und Hydrothorax rufen zunehmende Dyspnoe her- 
vor, das Herz erlahmt, besonders rasch bei komplizirendem Hydro- 
pericard; entzündliche Affektionen der Respirationsorgane beschleunigen 



264 Die Krankheiten des Urogenitalapparates. 

den Eintritt von Lungenödem ; oft erfolgt der Tod in einem urämischen 
Anfall, im urämischen Coma, in Folge einer Gehirnblutung. Heilung 
tritt viel seltener ein; die wichtigste Erscheinung, mit der sie sich ein- 
leitet, ist eine zunehmende Diurese; dann schwinden allmählich Blut, 
Eiweiss, Cylinder und Epithelien aus dem Harn; Hydrops und Oedeme 
gehen rasch zurück, Appetit findet sich ein, der Kopfschmerz hört auf, 
die Ernährung hebt sich, die Kräfte nehmen zu ; nur die Blutarmuth 
pflegt noch für lange Zeit zurückzubleiben. 

Der endgültige Ausgang einer akuten Nephritis ist meistens der 
in volle Genesung binnen 2 — 8 Wochen; ausnahmsweise kann nach 
monatelangem und selbst jahrelangem Bestand noch Heilung erfolgen ; 
sehr selten geht eine akute Nephritis in die chronische Form über. 
Leider ereignet es sich ziemlich häufig, dass eine akute Nephritis aus 
dem Grunde nicht zur vollen Ausheilung kommt, in sogen, cyklisch e 
Albuminurie, ortbotische Albuminurie oder sogar Schrumpf- 
niere übergeht, dass der behandelnde Arzt das Kind als gesund aus 
der Behandlung entlässt, nachdem sich der LTrin bei wiederholter Unter- 
suchung albumenfrei gezeigt bat. Es ereignet sich dies besonders dann, 
wenn man sicli nach alter Unsitte nur den Morgenharn senden lässt; 
dieser pflegt nach der Nachtruhe öfters ganz normal zu sein, während 
nach dem Aufsein, nach den Mahlzeiten immer wieder, hie und da 
nur in einigen Urinportionen Albumen auftritt. Man mache es sich darum 
zur Regel, auch nach scheinbar eingetretener Genesung längere Zeit 
hindurch die Urinuntersuchung, besonders im Anschluss an grössere 
Körperanstrengungen, gewissenhaft und immer von Neuem zu wiederholen. 
Die Prognose ist demnach im Allgemeinen nicht ungünstig; sie 
richtet sich ganz nach der Schwere der Erscheinungen, der Schwere 
und Ausdehnung der Komplikationen und besonders nach der etwaigen 
primären Affektion, wie nach der Konstitution, dem Kräftezustand des 
Kindes, nicht zuletzt nach der rechtzeitigen Erkennung und richtigen 
Behandlung. Recidive konnnen nicht so selten vor. 

Die Behandlung der Krankheit ist im Allgemeinen dankbar. 
Prophylaktisch vermeide man die Nieren reizende Medikamente, beson- 
ders während Infektionskrankheiten, zu kalte Bäder; man lasse Rekon- 
valescenten, speziell solche von Scharlacli und Diphtherie nicht zu früh 
aufstehen. 

Die Hauptsache der Therapie ist das diätetische Regime; die 
Kranken nüissen nicht bloss auf der Höhe der Krankheit, sondern 
dmiernd, auch noch längere Zeit nacli dem Sehwinden aller Kranldaeits- 



Die Krankheiten des Urogenitalapparates. 265 

ersclieinungeii liegen und zwar möglichst ruhig liegen ; neben der Körper- 
ruhe ist die gleichinässige Körperwärme, die Vermeidung von Abkühl- 
ung und Erkältung und damit von Nierenhyperämie von grösster 
Bedeutung. Die Ernährung sei ganz reizlos, in einigermassen ausge- 
sprochenen Fällen eine ausschliessliche, bei leichten Graden eine wenig- 
stens überwiegende Milchdiät. Bei dyspeptischen Erscheinungen kann 
man die j\Iiich mit Wasser, Mineralwasser (s. u.), bei Diarrhöe mit 
schleimigen Dekokten, Kakao verdünnt geben; man kann auch abgerahmte 
JMileh, Buttermilch, Kefir reichen, falls reine Milch zu mächtig ist, zu 
stark verstopfend wirkt. Mit zunehmender Besserung füge man Albert- 
Kakes, Zwieback, Weissbrot zu, reiche Milchspeisen aller Art (Milch- 
sujipen, Milchreis, auch Thee mit Milch), Schleimsuppen, Kartoffelbrei; 
ein Ei kann man schon ziemlich frühzeitig zulegen ; vermehrte Fett- 
zufuhr ist meist direkt erwünscht (Butter, Sahne), Zucker und ganz 
leicht verdauliches Obst (Apfelsinen, Trauben) und Kompot bei ange- 
bahnter Heilung erlaubt. Erst später gehe man zu leichten Brühen 
(auch Fischsuppe), dann zu weissem Fleisch (Fisch, Geflügel, Kalb), 
zuletzt erst zu Wild, Bind-, Hammelfleisch über. Getränk muss von 
Anfang an ziemlich reichlich gegeben werden, theils zur Erhaltung der 
Kräfte, Stillung des gesteigerten Durstes, theils zur Anregung der 
Diurese, Durchspülung der Nieren ; neben Milch, abgekochtem Wasser 
empfehlen sich direkt diuretisch wirkende, leicht kohlensäurehaltige 
Mineralwässer: Selterser, Apollinaris, Biliner, Giesshübler, Fachinger, 
Yichy, Wildunger; bei der Indikation, anzm-egen, kann man ihnen 
Rothwein in kleinen Dosen beimischen. 

Empfohlen wurde auch eine Art von Schonungstherapie der er- 
krankten Nieren, die darin besteht, dass man möglichst wenig trinken 
lässt, ausschliesslich Breie (Mehl, Gries, Reis), Zwieback, Weissbrot, 
also eine Art von Trockenkost giebt. Ich kann nicht sagen, dass mir 
diese Behandlung bessere Erfolge gegeben hätte. Man verzichtet dabei 
auf die sicher gut begründete Ausspülung von Toxinen und Krank- 
heitsprodukten aus der Niere; der konzentrirte Urin dürfte die affizirten 
Nierenepithelien doch zweifellos mehr reizen, wie ein stark verdünnter 
Harn; auch ist diese Kur zweifellos eine ziemliche Qual für die Kinder. 

Sofern keine Kontraindikation besteht (starke Lungenaffektion, Blut- 
harnen, grosse Schwäche, Herzerkrankung), lasse man die Patienten täglich 
warm, resp. lau baden und massig nachschwitzen durch Einhüllung in 
wollene Decken, um die Nieren durch die Hautthätigkeit zu entlasten; 
auch Hautpflege und Anregung der Hautfunktion durch Abreibungen 



266 Die Krankheiten des Urogenitalapparates. 

mit Wolltüchern, später mit Menthol. 5,0 Spirit. Calam. 95,0, ein Thee- 
löffel auf eine Schi^issel Wasser wirken in der Eekonvalescenz günstig 
und werden angenehm empfunden. 

Was die sj'mptom a tische Behandlung anlangt, so kann es 
bei heftigeren lokalen Reizerscheinungen, bei Nierenschmerz, sowie bei 
stärkerer Blutung geboten erscheinen, Eiskompressen, die Eisblase auf 
die Lenden aufzulegen, selbst blutige Schröpfköpfe zu setzen ; bei Neig- 
ung zu Nierenblutung wird man von schweisstreibenden Massnahmen 
besser Abstand nehmen. 

Gegen Uebelkeit, Erbrechen, Singultus versucht man Eispillen, 
Eismilch, im Nothfall Kokain ; gegen Kopfschmerz erweist sich meist 
die Eisblase wnksam. 

Bei stärkeren Oedemen und Hydrops kann man, guten Ki-äfte- 
zustand, besonders ungestörte Leistungsfähigkeit des Herzens voraus- 
gesetzt, eine massige Diajshorese einleiten (s. u.), auch wohl eine Ab- 
leitung auf den Darm (s. Urämie) versuchen. 

Zeigt sich stärkere Hämaturie oder stockt gar die Harnsekretion 
ganz, so ist entschieden von einem energischen diuretischen Verfahren, 
das ohne Nierenreizung nicht zu erwirken ist, abzurathen. Wenn Milch- 
diät, Mineralwässer, Saturationen nicht genügend wirken, so trachte 
man, die Hautabscheidung anzuregen; jedoch vermeide man energische 
Schwitzprozeduren ; höchstens lasse man, besonders bei bestehendem 
Fieber, hydropathische Einpackungen machen, in denen man die Patien- 
ten eine bis melirere Stunden liegen lässt. Nur bei fehlender oder 
geringer Hämaturie, gut erhaltener Herzkraft gehe man zu heissen 
Bädern über; man fängt jedes Bad mit 28 — 29 ^^R. an und fügt dann 
heisses Wasser zu bis auf höchstens 32" R.; treten Kopfkongestionen 
im Bade auf, so bedeckt man den Kopf mit kalten Kompressen, einem 
nassen Schwamm; nach 5 — 15 Minuten Dauer, je nachdem das Bad ver- 
tragen wird, kommen die Kinder ins Bett zurück, um in wollene Decken 
und Federbetten bis auf Nase und Mund verpackt, 1/2 bis 1 Stunde 
zu schwitzen; man unterstützt das Transpiriren durch reichliche Ein- 
fuhr heissen Getränkes, Milch, Citronenlimonade , Thee von Species 
diaphoreticae. Pilokarpin ist ein wirksames, aber gefährliches (herz- 
lälnnendes) Mittel und wird deshalb besser nicht angewendet. 

Gleichzeitig können Laxantien gegeben werden; die diarrhöischen 
Entleemngen (Harnstoff im Stuhl) treten ebenfalls in gewissem Sinne 
für die Nierenfimktion ein. 



Die Krankheiten des Urogenitalapparates. 267 

Scheinen die hydropiscben Ergüsse nicht sowohl von mangelhafter 
Nierenthätigkeit, als vielmehr ganz oder zum Theil von einem Nach- 
lassen der Herzkraft herzurühren, so greift man zu Analepticis und 
Herzmitteln (Digitalis, Seeale). 

In Fällen von hochgradigem, direkt das Leben, die Funktion von 
Lungen, Herz, Verdauungsorganen bedrohendem H^'drops kann man 
gezwungen sein, durch einige wenige, aber tiefe und nicht zu kurze 
Incisionen an Fussrücken und Unterschenkeln dem Serum Abfluss zu 
verschaffen; ebenso schreitet man gegebenen Falls zur Punktion von 
Thorax, Abdomen etc. 

Bei Urämie lege man sofort eine Eisblase auf den Kopf und 
führe energisch ab vermittelst Infus. Sennae composit. c. Natr. sulfur. ; 
Blutentziehung durch Schröpfköpfe, Blutegel hinter den Ohren oder 
Aderlass wird man nur an sehr kräftigen Kindern, bei sehr gespanntem 
Puls, starker Cyanose anwenden. Bei heftigen Konvulsionen kommen 
Aether-, Chloroforminhalationen, bei Sopor und Coma laue Bäder mit 
kalter Begiessung in Frage. Gegen die urämischen Kopfschmerzen, 
Schlaflosigkeit ist Chloralhydrat (per rectum) meist vorzüglich wirksam; 
Morphiuminjektionen vermeide man möglichst. Auch Wärmeentziehung 
durch kalte Waschungen, angeblich auch die Kompression der Karo- 
tiden (15 — 20 Minuten lang) können die Konvulsionen rasch beseitigen. 
Nach beendetem Anfall sucht man durch energische Diaphorese die 
Niereu zu entlasten und Harnstoff durch die Haut auszuscheiden, durch 
Senna reichliche, wässerige Entleerungen herbeizuführen. Gegen urämische 
Diarrhöe (Enteritis und Diphtherie) giebt man Citronensäure, Salzsäure, 
Ol. ricini. 

Komplikationen von Seiten der Lungen, des Brustfells sind, wie 
bekannt, zu behandeln. Bei quälender Dyspnoe und Asthma wirkt 
allein Morphium. 

Gegen die rückbleibende Anämie, besonders in der ßekonvalescenz, 
giebt man Eisen, wohl auch kombinirt mit Arsenik. Ein längerer Aufent- 
halt in einem milden, trockenen, warmen Klima mit gleichmässiger Tem- 
peratur (im Winter also z. B. Süditalien, Aegypten oder südliche See- 
bäder, besonders Abbazzia, im Sommer Wald- und Gebirgsorte mittlerer 
Höhe) ist zur Nachkur sehr zu empfehlen; ebenso hat man noch lange 
Zeit jede diätetische Schädlichkeit, Erkältungen, Körperanstrengungen 
und, soweit möglich, Infektionskrankheiten zu verhüten. Wolle tragen 
zu lassen und für eine ausgiebige Hautpflege Sorge zu tragen. Von 
Zeit zu Zeit wiederholte Urinuntersuchung darf nie verabsäumt werden. 



268 Die Krankheiten des Urogenitalapparates. 

Subakute und chronische diffuse Nephritis, d. h. paren- 
ch3'niatöse und interstitielle Entzündung gemischt in Gestalt der grossen 
rothen oder bunten und der grossen weissen oder gelben Niere, ist viel 
seltener. Sie geht ausnahmsweise, am ehesten noch nach Scharlach, 
aus einer akuten Nephritis hervor, die nicht zur Abheilung kam ; viel 
häufiger entsteht sie aus nicht bekannten, jedenfalls nicht mit Bestimmtr 
lieit festgestellten Anfängen heraus, scheinbar ohne direkte Ursache. 
Sicheres über die Aetiologie wissen Avir nicht; wir nehmen mit mehr 
weniger Berechtigung chronische Infektionskrankheiten und Dyskrasien, 
wie Lues, Tuberkulose, Skrophulose, ferner chronische Affektionen der 
Verdauungsorgane, chronische Hauterkrankungen und Eiterungen, lang- 
wierige rheumatische oder endokarditische Prozesse als ursächliche Mo- 
mente an; öfters ist eine zweifellose Veranlassung überhaupt nicht auf- 
zufinden. 

Die Erscheinungen dieser Nepliritisform weisen häufig nicht mit 
Deutlichkeit auf die Nieren hin ; es fällt dann bei den erkrankten 
Kindern nur eine grosse Anämie auf; auch lässt ihr Ernährungszustand 
zu wünschen übrig, sie entwickeln sich nicht entsprechend, erbrechen 
hie und da, leiden an schlechtem, unregelmässigem Apj^etit, an häufigem 
Kopfschmerz, fühlen sich matt; nur eine genaue Untersuchung erweist 
als Ursache dieser vieldeutigen Klagen und Störungen die Nephritis. 
In anderen Fällen leiten Oedeme, hj-dropische Höhlenergüsse, Palpi- 
tationen und Hypertrophie des Herzens, gespannter Puls die Diagnose 
auf das Nierenleiden hin; im weiteren Verlauf kann es dann zu allen 
den schweren Symptomen kommen, wie sie von der akuten Nephritis 
und aus der Pathologie des Erwachsenen bekannt sind, zu chronischer 
Urämie mit Anfällen, zu bedeutender Herzhypertrophie, zu Entzünd- 
ungen der serösen Häute, Bronchitis, Pneumonie, Augenaffektion (Keti- 
nitis), chronischer Dyspepsie, schwerer Anämie. 

Der meist nicht sehr spärlich gelassene Urin von erhöhtem spezifi- 
schem Gewicht zeigt einen reichlichen Eiweissgehalt, wenig Cylinder und 
Epithelien. 

Akute Exacerbationen können eine frische Nierenentzündung vor- 
täuschen. 

Die Prognose der chronischen und subakuten Form kann natur- 
gemäss keine gute sein; sie wird getrübt durch die Häufigkeit und den 
Ernst der Komplikationen, durch die mangelhafte Tendenz des Prozesses 
zur Abheilung; auch ist es nicht au.sgcschlossen, dass die chronische 
Entzündung in sekundäi'cr Nierensclirumpfung endet. 



Die Krankheiten des Urogenitalapparates. 269 

Therapie: Dennoch braucht man nicht ganz zu resicniren ; bei 
einer mit äusserster Konsequenz Wochen- und monatelang streng durch- 
geführten Euhekur im Bett oder Ruhebett, mindestens Vermeidung aller 
stärkeren Muskelthätigkeit, besonders unter günstigen klimatischen Ver- 
hältnissen, bei einer ebenso gewissenhaft wie ausdauernd aufrecht er- 
haltenen Diät (vorwiegend Milchernähi-ung, viel Fett, weniger Eiweiss), 
Hautpflege, Bädern gelingt es, selbst in scheinbar verzweifelten Fällen 
noch Erfolge zu erzielen. Unterstützende Trinkkuren mit Marienbader, 
Karlsbader, Kissinger können von günstigstem Einfluss sein. 

Mit dem Namen cyklische, orthotische Albuminurie bezeichnet man 
eine nicht allzu seltene Erkrankung, bei der es nur zeitsweise, vorüber- 
gehend zur Ausscheidung von Albumen durch den Harn kommt; und 
zwar pflegt der nach der Nachtruhe oder beim Stillliegen im Bett ent- 
leerte Urin fast ausnahmsweise eiweissfrei zu sein, während nach dem 
Verlassen des Bettes, beim Aufsein (orthotische Albuminurie) und beson- 
ders nach jeder nennenswerthen körperlichen Arbeitsleistung, stets aber 
nach grösseren Körperanstrengungen sofort bald mehr, bald weniger 
Albumen im Urin erscheint. Ganz genau trifft diese Bezeichnung 
nicht immer zu, da man nach meiner vielfachen und zum Theil über 
viele Jahre täglich fortgesetzten Beobachtung zeitweise auch bei auf- 
rechter Körperhaltung das Eiweiss ganz ausbleiben kann, selbst längere 
Spaziergänge ohne Reaktion bleiben, andererseits auch bei strenger 
Bettruhe Albuminurie auftritt, sei es, dass Gemüthsbewegungen mitwirken, 
sei es, dass die Menses herannahen, stärkere Verstojjfung besteht oder 
unzweckmässige Speisen (dunkles Fleisch, Gewürz, Alkohol) genossen 
wurden ; des Oefteren lässt sich auch keinerlei Ursache auffinden. Der 
Urin ist bald mehr, bald weniger, meist nur schwach albumenhaltig, hell, 
klar, reichlich und bietet höchstens ganz vereinzelte hyaline Cylinder, sonst 
keine geformten Elemente. In den meisten Fällen schien mir die 
Albuminurie mit einem hohen Gehalt an Harnsäure und Extraktiv- 
stoffen parallel zu gehen. — Das hervorstehendste Symptom besteht 
also in zeitweiser, meist ausschliesslich bei Bewegung ausserhalb des 
Bettes eintretender Albuminurie. Die Kinder sind in der Regel 
anämisch, viele magern ab, sind nervös und leiden häufig an hart- 
näckigem Kopfschmerz; auch Enuresis ist mir in manchen Fällen 
vorgekommen; Oedeme habe ich nur bei hochgradiger Anämie be- 
obachtet. — Was das Wesen der Affektion anlangt, so sehen manche 
Autoren die Albuminurie nur als eine rein funktionelle an und ■wollen 
sie wegen des Fehlens von Nierencylindern , Epithelien, rothen und 



270 Die Krankheiten des Urogenitalapparates. 

weissen Blutzellen, sodann wegen der günstigen Prognose streng von der 
chronischen Neplaritis getrennt wissen. Ich halte die cyclische Albuminurie 
nach meiner Beobachtung einfach für eine milde, gewöhnlich zur Ausheil- 
ung neigende Form der subakuten Nephritis, mild nur in der Bezieh- 
ung, als schwerer^ Folgen für gewöhnlicli oder wenigstens lange Zeit 
ausbleiben; ich stütze meine Auffassung darauf, dass ich in allen von 
mir ziemlich zahlreich beobachteten und von autoritativer Seite als solche 
diagnostizirten Fällen von cyclischer Albuminurie in der Anamnese stets 
auf oft weit zurückliegende, gewöhnlich mangelhaft beobachtete und be- 
züglich der Nierenfunktion vernachlässigte Infektionskrankheiten stiess 
meist handelte es sich um Scharlach, oft um Anginen, besonders ge- 
häuften. Sodann vermochte ich, wenn ich recht grosse Mengen Urin 
verarbeitete, in dem Ceutrifugensediment regelmässig, wenn auch spärliche 
hyaline Cylinder, ausnahmsweise wohl auch granulirte aufzufinden; endlich 
ist das Allgemeinbefinden des Patienten stets in einer Weise ungünstig 
beeinflusst, wie wir dies genau ebenso bei chronischer Nephritis finden, 
und wie es von den zeitweisen und geringfügigen Eisweissverlusten allein 
unmöglich erklärt werden kann. Aus diesen Erwägungen und auf Grund 
mancher, sich über viele Jahre erstreckenden Beobaciitung halte ich die 
Prognose auch nicht für allemal günstig; die meisten Fälle heilen zwar 
unter konsequenter Behandlung völlig aus; ein Theil wird aber immer 
wieder rückfällig, andere sind sehr hartnäckig, und vereinzelte gehen 
zweifellos in chronische Schrumpfniere über. 

Aus diesen Gründen bin ich nicht für die von den meisten Autoren 
geduldete exspektative Beliandlung, vielmehr für eine sehr strenge und 
ausdauernde Therapie. Ich lasse die Kinder zunächst so lange absolut 
gleichmässige Bettruhe und ausschliessliche Milchdiät halten, bis 14 Tage 
lang nicht ein Mal Albumen nachzuweisen war; sodann lasse ich sie 
unter Erweiterung der Kost durch allerhand Milchspeisen, Zwieback, 
Weissbrot, Gries, Reis, Butter, leichteres Kompot und Gemüse allmählich 
und unter steter Kontrolle jeder entleerten Urinportion etwas aufstehen, 
anfangs noch auf der Chaiselongue liegen, auf einem Stuhl sitzen, dann 
schrittweise und täglich mehr Gehversuclie machen; zeigt sich wieder 
Albumen, so müssen sie wieder strenger Euhe halten und mit der 
Körperbewegung in kleinster Dose und mit steigenden Abstufungen 
von neuem beginnen. So trainire ich gewissermassen die Kinder und 
damit die Nieren, gewöhne sie langsam und steigend an mehr Körper- 
thätigkeit, schliesse Versuche mit Treppensteigen, Spazierfahrten, Spazier- 
gängen an, bis sie alles dies allmählich leisten, ohne mit Albuminurie 



Die Krankheiten des Urogenitalapparates. 271 

zu reagiren. Daneben geht eine sorgsame Hautpflege mit warmen 
Bädern ; ich lasse lange Zeit Wolle tragen, leichte Eisenpräparate, wenn 
gut vertragen, Leberthran geben. Auch schweisstreibende Verfahren 
wurden meist nützlich befunden, in einzelnen Fällen freilich vermehrten 
sie die Eiweissausseheidung ; speziell von Kuren mit Sandbädern in 
Köstritz habe ich öfters Gutes gesehen. Als durststillendes, diaphoreti- 
sches Getränk Hess ich Mineralwasser wie Fachinger, Biliner geben, 
überhaupt reichlich trinken, da mir eine Anregung der Diurese viel 
wirksamer sich erwies, w'ie der mehrmals verunglückte Versuch einer 
Trockenkost. Mit Rücksicht auf die mehrfach von mir konstatirte 
überreiche Menge von Harnsäure und Extraktivstoffen habe ich auch 
den Versuch gemacht, Blut und Urin durch Natr, bicarb. , reichliche 
Pflanzenkost alkalischer zu machen ; einen sicheren Nutzen vermochte 
ich davon allerdings nicht festzustellen. Auf diese Weise habe ich, 
allerdings meist erst nach Monaten, häufig erst nach Jahren, völlige 
Heilung erzielt, selbst bei Fällen, welche bis dahin der gewöhn- 
lichen Behandlung getrotzt hatten , ohne Ruhekur nicht albumenfrei 
wurden. Erst wenn volle Genesung eingetreten , liess ich allmählich 
auch zur Fleischkost übergehen, anfangs nur gekochtes weisses Fleisch, 
Flussfische, später erst dunkles und gebratenes Fleisch reichen. Ich 
erlebte es mehrfach, dass speziell nach diesen die Albuminurie vor- 
übergehend rückfällig wurde. Gewürze imd Alkohol sind noch lange 
Zeit völlig zu meiden. 

Chronische Nephritis inlerstitialis, Granularatrophie und genuine 
Schrumpfniere ist bei Kindern sehr selteir; in ihrer Aetiologie kommt 
im jugendlichen Alter öfters wohl Syphilis in Betracht. 

Die Schrumpfniere kann sich aus einer akuten oder chronischen 
Nephritis entwickeln (sekundäre Schrumpfniere) oder genuin sein. 

Ihr Symptomenkomplex ist ganz analog dem beim Erwachsenen; 
auch im Kindesalter bilden sehr reichlicher, heller, an geformten Elementen 
und Ei weiss armer Urin, Herzhypertrophie, Retinitis haemorrbagica, 
daneben Polym-ie und Pollakurie (auch Nachts) die typischen Erschein- 
ungen; selbst Hämorrhagia cerebri ist beobachtet; Hydrops fehlt, so 
lange der Herzmuskel leistungsfähig bleibt. Die subjektiven Beschwer- 
den sind: Herzklopfen, Schwindel, Kopfschmerz, besonders Hemikranie, 
Anorexie, Dyspepsie, Sehstörungen. 

Die Prognose ist schlecht, noch ungünstiger wie beim Erwachsenen; 
ein apoplektischer, gewöhnlicher ein urämischer Anfall bereitet oft ein 



272 Die Krankheiten des Urogenitalapparates. 

rasches Ende. Die Behandlung sucht Oedeme, Höhlenergüsse zu be- 
seitigen, mit Eisen, Diät etc. das Leben zu verlängern. 

Nierenamyloid wird bei langwierigen Eitei-ungen, besonders tuber- 
kulösen Abscessen und Knochencaries, auch bei durchgebrochenem Empyem, 
.sodann, aber viel seltener, bei Lungentuberkulose (Kavernen), Lupus, 
Peritonitis tuberculosa und Tuberculosis abdominalis beobachtet. Lues 
congenita und acquisita haben nur bei schwerer Alteration innerer Organe 
oder ausgedehnten Ulcerationen Nierenamyloid zur Folge; ausnahms- 
weise kann sicli Nierenamyloid auch bei Ehachitis finden. Die Sj'mptonie 
sind Anämie und Kachexie, ein Urin von normaler oder verringerter, 
meist aber und besonders zu Anfang vermehrter Menge, blasser Farbe, 
wechselndem Eiweissgehalt (auch Globulin), fehlendem oder geringem 
Sediment von hyalinen Cylindern und verfetteten Epithelien ; später tritt 
Hydrops auf; Diarrhöe ist häufig, Erbrechen seltener. Daneben finden 
sich gewöhnlich die Erscheinungen von Leber-, Darm- und IMüzaniyloid. 
Heilung kann nur mit Beseitigung des ursächlichen Moments erfolgen; 
häufiger ist der Tod durch Erschöpfung. Die Behandlung muss, wenn 
möglich, eine ätiologische sein, im Uebrigen roborirend (Diät, Eisen, 
Arsenik, Leberthran) vorgehen. 

Nephritis suppurativa, apostematosa in Folge von Embolie septi- 
schen Materials, von Pyelitis, Perl- und Paranephritis, nach Trauma ist 
sehr selten und bietet im Kindesalter keine Eigenheiten. 

Dasselbe gilt für die 

Pyelonephritis, die ausser durch Nierenstein, Entzündung in der 
Harnröhre (Vulvovaginitis gonorrhoica), in der Blase, den Harnleitern, 
in der Umgebung der Niere, in Folge von Infektionskrankheiten und 
auch ohne nachweisbare Ursache entstehen kann ; einen in Heilung aus- 
gehenden Fall habe ich im Anschluss an Influenza beobachtet. Ihre 
Symptome sind: grosse Unruhe, heftige Schmerzen, die ausgesprochen 
kohkartig auftreten können, hohes Fieber, sogar Schüttelfröste, mit 
Schweiss und niederen Temperaturen wechselnd, Tumor der Nierengegend, 
Eiweiss, Eiter, Schleim, Blut im Urin, Kräfteverfall, Anämie. 

Die Behandlung ist vorsichtig antifebril, in der Hauptsache sym- 
ptomatisch; mau giebt Milch und Faehinger Wasser, nur wenn durch 
den Kräftezustand geboten, Alkohol; lokal applizirt man kalte, später 
Breiumschläge; von Medikamejiten schien mir Ol. Santali und ganz 
besonders Urotropin wirksam; der Gedanke an einen chiiurgischen Ein- 
griff ist naheliegend. 



Die Krankheiten des Urogenitalapparates. 273 

Hydronephrose kommt erworben als Folge von stenosirenden Nieren- 
konkretiouen, Bauchtumoren, besonders retroperitonealen, von Erkrank- 
ung der Ureteren vor. Ihre Diagnose wird dureh eine ProbejDuuktion 
gesicherr, ihre Behandlung ist chirurgisch. 

Nephrolithiasis. Abgesehen von dem Harnsäureinfarkt bei Neu- 
geborenen und dem Niederschlag harnsaurer Salze bei schweren Digestions- 
krankheiten ist die Bildung harnsaurer Konkremente recht selten ; 
immerhin kommt sie besonders jenseits des 7. Jahres hie und da zur 
Beobachtung; ihre Erscheinungen, sofern solche anfallsweise zur Geltung 
kommen , sind die der Nierenkolik mit Harndrang , zeitweiser Harn- 
retention, auch Blut und Schleim im Urin, mit Dysurie, Abgang von 
Steinen oder Gries, von pul verförmigem Sediment und Sand; es kann 
im Verlauf der Affektion zu Pyelitis, Pyelonephrose kommen ; Prognose 
und Therapie sind dieselben wie beim Erwachsenen. 

Hämaturie nach Trauma der Blasengegend, Verletzung der Blasen- 
schleimhaut durch Instrumente, Steine, besonders Oxalatsteine, gering- 
fügige Blutung bei Cystitis, ferner bei Hämophilie, Morbus maculosus, 
hämorrhagischem Scharlach, Typhus, sehr selten bei Peritonitis purulenta, 
ist gekennzeichnet durch rothe bis braunschwarze Farbe des Urins, der 
einen Blutkuchen absetzt, durch Beimengung von Blutgerinnseln oder 
flüssigem Blut zum Urin, dureh den miki'oskopischen Befund von rothen 
Blutzellen. 

Die Hämatin'ie ist nach chirurgischen Regeln zu behandeln. 

Hämoglobinurie, wie sie bei Malaria inveterata, Morbus Winckelii, 
nach starken Erkältungen, im Scharlach, bei Syphilis, nach manchen 
Vergiftungen, sowie anfallsweise, auch in cyclischem Auftreten ohne 
nachweisljare Ursache vorkommt, wird aus dem spektroskopischen und 
chemischen Nachweis von gelöstem Hämoglobin in dem dunkelen, selbst 
schwarzen Harne erwiesen. 

Von Blasenkrankheiten 

kommen angeboren Harnblasenspalte (Ectopia vesicae), augeboren und 
erworben Vorfall und Inversion der Blase vor. 

Die Cystitis ist, wie überhaupt mehr weniger alle Blasenerkrank- 
ungen ziemlich selten; sekundärer Blasenkatarrh kann einmal in Folge 
von Canthariden-, Perubalsamintoxikation, sodann bei Blasenstein, Pyelitis, 
nach Katheterismus mit infizirenden Instrumenten, Lithotripsie und Litho- 
tomie, durch in die Blase eingeführte Fremdkörper, nach Urethritis (l)ei 

Haus er, Grundriss der Kinderheilkunde. Zweite Auflage. 18 



274 Die Krankheiten des Urogenitalapparates. 

Vulvovaginitis) auftreten; auch Erkältung ist als Krankheitsursache 
nicht imbedingt auszuschliessen. Primäre Blasenentzündung dürfte kaum 
öfter beobachtet werden. Häufiger wird die Blase infizirt im Verlaufe 
schwerer allgemeiner Infektionskrankheiten, so spez. bei Säuglingen im 
Verlaufe schwerer Verdauungskrankheiten, bei Pneumonien. Bei jungen 
und älteren Kindern weiblichen Geschlechtes kommen häufiger Fälle 
von Cystitis zur Beobachtung, in dejien man als Erreger Kolibakterien 
nachweisen kann; dieselben dürften wohl eher durch Ueberwandern in 
die Urethra, als durch intraabdominelle oder Blutinfektion in die Blase 
gelangen: Kolicystitis; hie und da findet man die mikroparasitären 
Elemente in solcher Menge im Urin, dass man von Bakteriurie sprechen 
kann. Symptome, Diagnose, Prognose und Behandlung sind bekannt; 
von Mitteln bewährt haben sich mir neben Ol. Santali das Salol und be- 
sonders das Urotropin. 

Blasensteine stellen die wichtigste Erkrankung der Blase dar; sie 
sind recht seltene Befunde, bilden sich aber selbst schon bei ganz 
jugendlichen Kindern, am häufigsten um das vierte Jahr. Sie verrathen 
sich durch Dysurie, Tenesmus, der zu Prolapsus ani führen kann, 
Blasenkatarrh, Haniblutungen ; gesichert wird ibre Diagnose durch die 
Untersuchung mit der Sonde. Die Prognose war zweifelhaft; durch die 
neueren Operationsniethoden gestaltet sie sich günstiger. 

Spasmus vesicae, Blasenkrampf, ist der Ausdruck einer Reizung 
der sensiblen Blasenschleimhautnerven und einer pathologisch starken 
oder pathologisch empfundenen Kontraktion der Blasenmuskulatur. Er 
stellt sich bei jedem ungewohnten Reiz ein, der die Blase trifft, sowie 
in Folge pathologisch gesteigerter Sensibilität selbst bei einfacher, 
stärkerer Harnansammlung; in diesen Fällen gilt er als idiopathisches 
Leiden. Der Blasenkrampf kann schon bei Neugeborenen durch den 
Eintritt der physiologischen Harnsekretion und -Ansammlung, sowie 
durch die herausgespülten Krystalle des Harnsäureinfarktes angeregt 
werden; man findet dann häufig in den Windeln, an der Harnröhren- 
mündung das charakteristische Sediment ; der reichlicher fliessende Harn 
verdünnt bald und spült diese Niederschläge aus und beendigt damit den 
Reizzustand. Bei etwas älteren Kindern wird der Blasenkrampf unter 
Anderem dann ausgelöst, wenn durch hohe Fiebertemperaturen, bei 
Respirations- und Digestionserkrankungen der Harn spärlicher, konzen- 
trirter wird, durch stärker sauere Reaktion chemisch irritirt; analog bei 
Harngries und Harnstein. Im späteren Kindesalter kann eine rasche 
Abkühlung (ein kaltes Flussbad), können Drastika ausnahmsweise Cysto- 



Die Krankheiten des Urogenitalapparates. 275 

Spasmus bewirken. Kein symptomatisch finden wir die Erschein- 
ungen des Blasenkrampfs bei Entzündungen in der Umgebung der 
Blase (Karies der Lumbaiwirbel, Psoasabscess, Coxitis, Peritonitis, auch 
Perityphlitis, ebenso bei Proktitis, Dysenterie, Analfissureu), ähnlich bei 
Entzündung und Katarrh der Urethra, Vagina, sowie bei akuten Exan- 
themen, speziell beim Scharlach, endlich als erstes Zeichen zu erwar- 
tender Nephritis. Die Symptome des Blasenkrampfs sind die einer 
Kolik überhaupt, und es kostet oft grosse Mühe, längere oder wieder- 
holte Beobachtung, um gerade die Blase als Sitz des Krampfes zu er- 
kennen ; neben starker Unruhe, lebhafter Schmerzäusserung, sich Winden, 
sich Krümmen, Stossen mit den Beinen, ringenden Bewegungen der 
Arme, allen Zeichen hochgradiger Aufregung, Röthung des Gesichts, 
auch Schweissausbruch müsste zeitweise Urinverhaltung, bezw. Auftreten 
aller obiger Zeichen während und kvu'z vor einer tropfenweise oder mit 
Unterbrechungen erfolgenden Urinentleerung, der Befund von harnsaureu 
Sedimenten in den Windeln etc. auf Blasenkrampf hinweisen. Selbst 
ältere Kinder wissen den Ursprung ihrer Schmerzen nicht immer genau 
anzugeben; sie verlegen ihn in die Harnröhre, besonders deren Mündung, 
in den Darm, Oberschenkel, Hoden oder den Unterleib überhaupt. Sich 
häufig wiederholende Anfälle von Blasenkrampf würden im Allgemeinen 
mehr für symptomatische Form sprechen. 

Die Prognose ist bei idiopathischem Leiden durchweg günstig, 
da der Verlauf meist rasch und gut ist, höchstens vereinzelte Rückfälle 
eintreten ; bei sekundärem Blasenkrampf richtet sie sich nach dem 
Grundleiden. 

Therapie: Einen idiopathischen Blasenkrampf sucht man, wie jeile 
Kolik, um augenblickliche Linderung zu verschaffen, durch feuchtwarme 
Umschläge von heissem Wasser, Kamillenthee, Heusamen, ThermoiDhor- 
kissen, durch protahirte laue Bäder, welche die Blasenentleerung am besten 
fördern, sodann durch Opium per Klysma oder Suppositorium zu mas- 
sigen oder beendigen ; bei krampfhafter Harnverhaltung muss man 
nöthigenfalls katheterisiren. Nach Beendigung des Anfalls wird man 
etwa anzimehmende Sedimente durch diuretische Getränke hinauszu- 
schwemmen suchen, durch laue Bäder eine leichtere Harnentleerung zu 
fördern trachten. — Aehnlich verfährt man bei einem Anfall von 
symptomatischem Blasenkrampf, dessen Wiederholung nur durch Be- 
seitigung des primären Leidens verhütet werden kann. 

Als eine sehr seltene, aber praktisch bedeutsame Affektion stellt 

sich der chronische Spasmus des Musculus sphincter vesioae dar; 

18* 



276 Die Krankheiten des üi'ogenitalapparates. 

derselbe ist ein rein funktionelles Leiden und nicht mit angeborener 
oder erworbener Striktur der Harnröhre zu verwechseln. Seine Er- 
scheinungen setzen sich aus den klinischen Symptomen einer durch 
Katheterisiren bestätigten Harnverhaltung, einer Distension der Blasen- 
waudungen und einer schweren Störung der Blasenentleerung (Stauungs- 
und Residualharn) zusammen. Dabei kann es bald mehr zu den Erschein- 
ungen der Harnverhaltung kommen, bald umgekehrt in Folge derselben 
Ursache zu dem Bilde einer Blasenlähmung; letztere, die fälschlicher 
Weise meist als „Blasenschwäche" gedeutet wird, erklärt sich daraus, dass 
von Zeit zu Zeit die übermässig gedehnten und gespannten Blasen- 
wände den Sphinkterkrampf überwinden und eine gewisse Menge des 
überschüssigen Urin? meist unwillkürlich austreiben ; mit Nachlassen 
des intravesikalen Druckes gewinnt dann wieder der Muse. Sphincter 
das Uebergewicht und stellt von Neuem den Blasenverschluss her. — 
Die Diagnose ist nur vermittelst Einführung von Sonden vmd Ka- 
thetern und den Nachweis von Residualharn zu stellen; Stein und 
Striktur wären auszuschliessen. — Die Behandlung erreicht durch 
systematisches Katheterisiren und Einführung von zunehmend stärkeren 
Bougies eine Beseitigung des Sphinkterkrampf es; regelmässige, 2 — .3 stünd- 
liche willkürliche Harnentleerung stärkt die Kraft der überdehnten 
Blasenmuskulatur. Dieses Verfahren pflegt binnen einigen Wochen die 
Beseitigung des qualvollen Zustandes zu erzielen. 

Die anderen möglichen Ursachen einer Harnverhaltung können sein: 
angeborene Missbildungen und Defekte (Atresia hymenalis), angeborene 
Verengerungen, die in jedem Theil der Harnwege vorkommen. Schleim- 
hautfalten der Harnwege, Vorfall der Blasenschleimhaut, Periproktitis 
und Pericystitis, die von den Nabelgefässen oder von der Nachbar- 
schaft (Coxitis), von Beckentumoren ausgehen, ferner Retentionscysten in 
der Schleimhaut der Urethra, angeborene Prostatahypertrophie, Fremd- 
körper und Neubildungen in den Harnorganen ; sodann finden wir eine 
Eetentio urinae nicht allzu selten bei Entzündungsprozessen der Niere, 
Blase, Urethra und Vorhaut (epitheliale Verklebung), bei eingeklemmten 
Blasen- oder Nierensteinen, Blutgerinnseln, endlich bei tiefem Sopor, bei 
Gehirn- und Rückenmarksaffektionen (Myelitis acuta) in Form der Is- 
churia paralytica und paradoxa. 

Auch als Folge einer Atonie und Parese der Blase soll Harn- 
retention vorkommen. 

Unendlich viel häufiger wie die Harnverhaltung ist die Inconti- 
nentia urinae und zwar in Gestalt der 



Die Krankheiten des Urogenitalapparates. 277 

Enuresis nocturna (et diurna), eines recht häufigen und lästigen 
Leidens; demselben liegen keine pathologisch-anatomischen Veränder- 
ungen zu Grunde , es handelt sich vielmehr nur um eine funktionelle 
Störung, deren Entstehung man sich verschieden gedeutet hat. Am ein- 
fachsten und wohl richtigsten erklärt man diese Harninkontinenz mit einer 
Störung des Gleichgewichts der einander entgegengesetzt wirkenden Blasen- 
muskeln, des Musculus detrusor und Musculus sphincter vesicae; der 
Schliessmuskel wird durch den mit ziuiehmender Füllung der Blase und 
speziell in dem Augenblick, wo bei einem stärkeren Füllungszustande 
etwas Urin in den Blasenhals einfliesst, reflektorisch zur Thätigkeit ange- 
regten Musculus detrusor überwunden, ohne dass der Harndrang im tiefen 
Schlaf dem Kinde zum Bewusstsein gekommen, oder die Thätigkeit des 
Sphinkter durch den Willen genügend lange aufrecht erhalten worden wäre. 
Dabei sollen die im Wachsthum tler Blase gegenüber zurückbleibende 
Prostata sowie der von Geburt an schwache Sphincter internus dem stark 
entwickelten Detrusor keinen genügenden Widerstand zu leisten vermögen. 
Der bei ausschliesslich oder überwiegend flüssiger Ernährung ständig 
und reichlich produzirte Urin stellt für den Detrusor einen sieb immer 
wiederholenden Anreiz zur Kontraktion dar, ebenso aber auch für den 
M. sphincter, so dass also die Erklärung, wonach der M. detrusor im 
Kindesalter an Kraft überwiege, nicht zutrifft. Hie und da darf vielleicht 
eine mangelhafte Innervation des Sphinkter gegenüber dem Detrusor 
angenommen werden, ausnahmsweise wohl auch einmal eine Hyperästhesie 
der Blase. 

Jede anderweitige Affektion der Blase, welche die Incontinentia 
urinae erzeugen könnte, muss natürlich ausgeschlossen werden (Nephritis, 
Cystitis, Pyelitis, Stein, Tumor der Blase, deren Vorläufersymptom die 
Enuresis sein kann). Das bei Epilepsia nocturna, auch bei Pavor nocturnus 
erfolgende Bettnässen ist natürlich ebenso wenig hierher zu rechnen. 

Die Enuresis tritt gewöhnlicli Nachts, selten auch des Tags auf, 
viel seltener bei Mädchen als bei Knaben, deren Blasenkapazität ge- 
ringer ist. Jenseits der Pubertät ist Enuresis selten, findet sich jedoch noch 
öfters bei Mädchen gerade in der Zeit vor Eintritt der Menstruation. 

Die Störung besteht darin, dass die sonst ganz gesimden Kimler 
im tiefen Schlaf, meist schon in den ersten Stunden desselben oder 
wiederholt in der Nacht unwillkürlich ihren Harn in das Bett entleeren ; 
zum Bewusstsein kommt ihnen dieser Vorgang nur dunkel und undeut- 
lich, meist gar nicht; manchmal träumen sie, das Nachtgeschirr unter 
sich gehabt zu haben. Dies wiederholt sich mit Unterbrechungen Tage, 



278 Die Krankheiten des ürogenitalapparates. 

Wochen und Monate hindurch; ist das Uebel eingerissen, so zeigt sich 
der Sphinkter wohl auch bei Tage , besonders in der Schule funktions- 
schwach, und die Kinder benetzen die Kleider. Jedenfalls ist der Ver- 
lauf meist chronisch, das Uebel hartnäckig, indem es, scheinbar geheilt, 
recidivirt. Wenn die Enm-esis nocturna auch im Allgemeinen mit zu- 
nehmenden Jahren, spätestens gegen die Zeit der Pubertät von selber 
schwindet, so ist sie doch meist zum Gegenstande einer Behandlung zu 
machen, da sie aus naheliegenden Gründen sehr unangenehm empfunden wird. 

Die Therapie kann mit inneren Arzneimittebi versuchsweise he- 
ginnen. Am nützlichs^ten erscheint noch, wenigstens für manche Fälle, 
die Belladonna in Form von Pillen, die 0,005 liis 0,01 Extrakt ent- 
halten, und mit denen man bis zur zehnfachen Dosis steigt (Abends 
1 Pille zu nehmen) und konsequent fortfährt. Eine Kombination der 
Belladonna mit dem Extrakt, nucis vomicae äa soll die Inkontinenz des 
Sphinkter noch besser beheben. Von Anderen ist der subkutanen 
Strychnin- oder Ergotin-Injektion in die Kreuzbeingegend der Vorzug 
gegeben. — Bei Hyperästhesie der Blase käme etwa Chloralhydrat in Frage. 
— Am zuverlässigsten schien mir noch immer, es mit der elektrischen 
Behandlung zu versuchen, und zwar einen starken faradischen Strom, 
welcher die Blase von vorn nach hinten resp. von oben nach unten durch- 
strömt, wenn man eine breite Unterl^rechungselektrode über der Symphyse, 
eine zweite Platte auf das Perineum setzt oder besser eine Mastdarm- 
elektrode bis zur Höhe des Sphincter vesicae einführt, dessen Kjäftigung 
man anstrebt. Unfehlbar ist der Erfolg freilich auch nicht. — Unter 
den mechanischen Behandlungsmethoden wird man die Kompression 
der Harnröhre dm-ch besondere Apparate, Schlingen und dergl. höchstens 
bei älteren Knaben anwenden dürften, die, wenn der Drang durch das 
Hinderniss verstärkt wird, erwachen. Hie und da wirkt eine besondere 
Lagerang der Art, dass man das Becken durch unter die Fusspfosteu 
des Bettes geschobene 10 — 20 cm hohe Klötzchen erhöht. 

Auch hydropathische Prozeduren, Sitzbäder und Douchen hat man 
gerühmt. Wesentlich ist es endlich, die Blasenmuskulatur gewissermassen 
zu schulen, den Sphincter vesicae zu kräftigen, indem man unter Tag 
die an Enuresis leidenden Kinder zu ganz systematischen, anfangs 
1 — 2 stündlichen, später 2 — 3 stündlichen Harnentleerungen anhält und 
auch Nachts zu diesem Zwecke wiederholt weckt. 

Symptomatisch reicht man Abends keine Getränke mehr. 

Durch körperliche Züchtigungen, Strafen überliaupt gegen die meist 
schuldlosen Kinder vorzugehen, ist sinnlos und darum grausam, 



Die Krankheiten des Urogenital apparates. 279 

Vulvovaginitis ist die einzige speziell den Kinderarzt interessirende 
Erkrankung der weiblichen Genitalien. Sie ist keineswegs selten und kommt 
besonders bei jüngeren Mädchen zur Beobachtung. Sie hat verschiedene 
entzündungserregende Ursachen, denen entsprechend die Vulvovaginitis 
als eine einfache katarrhalische oder eine i-ein eitrige und spezifische 
auftreten kann. Die leichteren Grade stellen sich nach mechanischer, 
traumatischer Reizung, geringfügiger Infektion der Vulva oder Vagina 
ein, so bei onanistischen Manipulationen, bei der im kindlichen Spiel 
versuchten Einführung von Fremdkörpern (selbst ein „Pantöffelchen" 
figurirt in einer der mir bekannt gewordenen Anamnesen); zu den Fremd- 
körpern hat man auch Oxyuren zu rechnen, die hie luid da einmal 
vom Anus in die Vagina überwandern sollen. — Scheinbar ohne nach- 
weisbare örtliclie Ursachen tritt katarrhalische Vulvovaginitis auch bei 
sehr anämischen, chlorotischen, skrophulösen Kindern auf. 

Viel häufiger beobachtet man die eitrige Entzündung und zwar 
konstatirt man bei der miki'oskopischen Untersuchung (Färbung mit 
Fuchsin) in den allermeisten Fällen als deren Ursache den Gonococcus. 
Die betrübende Thatsache, dass selbst schon ganz kleine Kinder, öfter 
etwas ältere, in erschreckend grosser Zahl gonorrhoisch infizirt werden, 
macht sich besonders in der Praxis pauperum immer wieder und mehr 
inid mehr geltend. Die Ansteckung erfolgt entweder — und dies ist 
der häufigere Modus — durch direkte Uebertragung des Vaginalsekretes 
der Mutter, einer bei der Familie in Schlafstelle wohnenden Person (ider 
indirekt beim Gebrauch gemeinschaftlicher Nachtgeschirre, Schwämme, 
Handtücher; seltener werden Gonokokken bei einem Stuprum (Alaer- 
glaube, dass der Coitus bei einer Virgo intacta die Gonorrhöe heile), 
oder vorzeitigen Coitus versuchen übertragen; in dieser Beziehung liefert 
das Land nicht viel weniger wie die Grossstadt die schlimmsten Illu- 
strationen. Auch förmliche Epidemieen gonorrhoischer Entzündung, ver- 
breitet durch ein Volksbad, in Pensionen, sind beschrieben. 

Die Erscheinungen der Entzündung sind Juckreiz, Brennen, 
Eöthung und Schwellung der Schleimhaut und Absonderung eines bloss 
serös -schleimigen oder schleimig-eiterigen oder rein eiterigen Sekrets; 
dasselbe bedeckt grosse und kleine Schamlippen, den Scheideneingang 
und quillt aus der Vagina, meist auch aus der Urethra heraus; die 
heftig entzündete Schleimhaut blutet leicht spontan und bei Berührung. 
Die Urethritis hat Dysurie und Harndrang zur Folge. Massiges Fieber 
begleitet die Entzündung in der Regel; Lymphdrüsenschwellungen werden 
gewöhnlich nicht beobachtet. Dagegen kann der entzündliche Prozess, 



280 Die Krankheiten des Nervensystems. 

speziell der gonorrhoische, hinauf nach dem Uterus, den Tuben wandern, 
selbst Peri- und Parametritis, Perioophoritis, Peritonitis erzeugen. 

Bei infektiöser Entzündung ist das Uebel stets sehr hartnäckig, pro- 
gnostisch, was volle Abheilung anlangt, nicht undedingt gutartig. 

Die Behandlung besteht bei leichten Fällen in fleissiger Reinig- 
ung mit schwach antisejjtischen Mitteln (essigsaui'e Thonerde) und Euhe- 
lage, bei Gonorrhoe in energischer, täglich dreimaliger Desinfektion durch 
Sublimatausspülungen und Einführung von Jodofornistäbchen oder Thallin- 
Protargol-Glycerinemulsionen, Tampons, die mit solcher Emulsion (1 — S" q) 
getränkt sind. Sind die akuten Entzündungssymptonie zurückgegangen, 
so geht man zu Adstringentien und Aetzmitteln über: Zine. sulfo-carboL, 
Resorcin-Tannin ; sehr wirksam, aber sehr schmerzhaft sollen Einspritz- 
ungen von starken Höllensteinlösungen 10 — 50 "/o (vorher Cocain) sein. 

Man verhüte die Uebertragung von Vaginalsekret in die Augen, 
in den After. 

Vulvovaginitis diplltherica kommt bei Diphtherie, Scharlach, auch 
bei Typlius vor (s. d.). 



Die Krankheiten des Nervensystems. 

Die Krankheiten des Gehirns. 

Pachymeningitis ist nicht häufig, auch meist keine selbständige Er- 
krankung; sie schliesst sich sehr selten nur als P. externa an Trauma, 
Fraktur, Fissuren der Kopfknochen, viel eher an Karies, besonders 
Eiterung im Mittelohr und Warzenfortsatz an oder entsteht durch das 
Eindringen eines äusseren Entzündungsprozesses (Erj'sipelas, Abscess) 
durch die knöcherne Schädelkapsel hindurch; schliesslich betheiiigt sich 
die Innenfläche der Dura an jeder Leptomeningitis: P. interna. Eine 
besondere Form stellt das Hämatom der Dura dar, welches seit 
Legandre nicht mehr beschrieben, in seinen Erscheinungen die grösste 
Aehnlichkeit mit dem Hydrocephalus chronicus hat, sowie die Pachy- 
meningitis haemorrhagica, beider es neben Entzündung zu blutigen 
Ergüssen auf der Innenseite der Dura kommt, und die Heubner mit 
Lues congenita in Zusammenhang gebraelit hat; auch im Gefolge der 
hämorrhagischen Diathese, der Leukämie und der perniciösen Anämie 
kann sich eine hämorrhagisclie Pachymeningitis entwickeln. Da kli- 
nische Erscheinungen ganz fV'hleii köinieu oder von denen des Grund- 



Die Krankheiten des Nervensystems. 281 

leidens verdeckt werden, so ist die Diagnose der Pachymeningitis meist 
80 schwer; bei der akuten Pachymeningitis gelten Kopfschmerz, Spannung 
der Fontanelle, weniger konstant Fieber, Eklampsie, Sopor, Koma, Kon- 
trakturen, bei chronischer Pachymeningitis Hydrocephalus externus, sel- 
tener Krämpfe als Symptome; Lähmungen treten erst im Verlauf des 
Koma auf; der Puls ist gewöhnlich verlangsamt und unregelmässig; Kon- 
vulsionen treten im ersten Beginne, wie auch im komatösen Zustande in 
Form halbseitiger oder allgemeiner Krämpfe auf. Der Ausgang ist der 
in Tod oder in psychischen Defekt, vorzeitige Schädelverknöcherung. 

Eine Heilung wäre mit Eiskapjje, Einreibung von Jodoform-^ 
grauer Quecksilbersalbe, Ableitung auf den Darm zu versuchen; bei Lues 
ist eine spezifische Behandlung indizirt; symjjtomatisch verordnet man 
nöthigenfalls Chloral. Bei einem hydrocephalischen Exsudat müsste die 
Punktion, bei Abscess ein chirurgischer Eingriff (Trepanation) in Frage 
kommen. 

Meningitis Simplex, Leptomeningitis, Entzündung der Pia und Ara- 
chnoidea, ist ziemlich selten, wenn auch gerade das Säuglingsalter für 
diese Krankheit disponirt erscheint. Sie tritt in verschiedener Form und 
Ausdehnung auf und beschränkt sich keineswegs, wie früher gelehrt, 
ausschliesslich auf die Hirnkonvexität, wenn sie diese auch bevorzugt; 
stets zieht sie auch die Hirnrinde in Mitleidenschaft: MeningoencejDha- 
litis. Während die Entzündung in der Regel, sicher in allen schweren 
Fällen eine eiterige ist, kommen doch auch häufig genug mildere, 
Avohl serös - fibrinöse Meningitiden vor, deren Diagnose, da sie meist 
günstig enden, freilich nicht zweifellos sichergestellt werden kann, deren 
Annahme jedoch die des Oefteren zu beobachtenden, länger dauernden, 
wenn auch nicht schweren Hirnsymptome als berechtigt erscheinen lassen. 
Ganz besonders kann man derartige Symptome im Anschluss an akute 
Otitis media piu'ulenta beobachten, bei denen heftiger Kopfschmerz, 
Schwindel, Benommenheit, Delirien, Erbrechen eintreten, der Nachweis 
einer Neuritis optica keinen Zweifel an einer Meningitis übrig lässt; 
alle diese meningitischen Symptome können nach rechtzeitiger Para- 
centese des Trommelfells, Entleerung des Eiters in rasche und voll- 
kommene Heilung übergehen. Die Ursachen einer idiopathischen Menin- 
gitis sind häufig nicht festzustellen (Bakterien?, septische Infektion von 
der Nase aus?); wahrscheinlich fallen die sporadischen Fälle primärer 
Meningitis simplex der epidemischen Cerebrospinalmeningitis zu; öfters 
ist die Meningitis metastatisch, sekundär im Gefolge von Infektionskrank- 
heiten (Pneumonia crouposa, akute Exantheme, besonders Scharlach, Typhus, 



282 Die Krankheiten des Nervensj^stems. 

Influenza, Rbeumatismiis, Endokarditis, Septikämie) und stellt dann wohl 
aiicli die Terminalaffektion dar, oder sie entsteht durch Uei^ero-reifen einer 
Entzündung in der Nachbarschaft, so bei Schädelfraktur, Erj'sipelas 
capitis, ganz besonders aber, wie schon erwähnt, im Verlaufe einer Otitis 
media pm'ulenta, seltener bei Hirnabscess, Tumor, Naseneiterang; auch 
bei schweren Digestionserkrankungen, im Verlaufe der Pertussis, be' 
hereditärer Lues ist sie beobachtet worden. 

Die Entzündung lokalisirt sich vorwiegend an der Konvexität des 
Gehirns und verläuft akut, meist sogar stürmisch; beides unterscheidet 
sie von der Basilarmeningitis; doch kommen einmal auch FäUe pro- 
trahirteren Verlaufs bei dieser Cerebrospinalmeningitis vor, sodann ein sehr 
stürmischer Beginn bei tuberkulöser Meningitis, so dass diagnostische 
Irrthümer nicht ausgeschlossen sind. Prodrome fehlen gewöhnlich; der 
Beginn ist durch Erbrechen, heftige und andauernde eklamptische Krämpfe 
gegeben, denen Delirien, Sopor, Einziehung des Leibes, hohes Fieber 
folgen; die allgemeinen oder auch halbseitigen Krämpfe wiederholen sich, 
es bilden sich rasch Kontrakturen und Lähmungen aus, Strabismus, 
Pupillendifferenz, Facialislähmung, Mono-, Hemiplegie, wohl auch Neuritis 
optica ; Nackenkontraktur fehlt — im Gegensatz zur epidemischen Form — 
häufig. In anderen Fällen eröffnen und beherrschen heftigster Kopf- 
schmerz, Delirien, Jaktation, allgemeine Hyperästhesie, Hyperästhesie der 
Haut und LTebererregbarkeit der Muskeln mit Steigerung der Reflexe, 
plötzliches gellendes Geschrei, Zähneknirschen, abwechselnd mit Som- 
nolenz, die Situation. Der Stuhl ist meist angehalten, es besteht Dysuria 
spastica mit Urinretention, seltener Incontinentia alvi. Oft erfolgt bald, 
schon nach 1 — 2 Tagen, meist erst später (nach 8 — 14 Tagen) der Tod 
unter Abnahme der Herzkraft, Cheyne-Stokes'scher Athmung im Koma; 
Genesung ist selten, indem das Fieber schwindet, die Konvulsionen aufhören, 
das Sensorium wiederkehrt, die Spasmen hezw. Lähmungen zurückgehen. 

Während die Hirnbasis bei dieser Meningitisform wenig, die Ventrikel 
meist gar nicht an der Entzündung theilnehmen, konunen sehr seltene 
Fälle eiteriger Ependymitis ven tricularis vor (Heubner), die in 
ihrem klinischen Verlaufe der tuberkulösen Meningitis ähneln können. 

Die Diagnose ist im Anfange oft sehr schwierig, besonders wenn 
sich die meningitischen Symptome einer bestehenden hochfieberhaften In- 
fektionskrankheit (Typhus, Pneumonie, Miliartuberkulose, Sepsis) zuge- 
sellen; als (las werth vollste diagnostische Hilfsmittel erweist sich häufig 
die Lumbalpunktion, welche eine chemische und bakteriologische Prüfung 
ermöglicht; der Verlauf entscheidet über diagnostische Bedenken in Be- 



Die Krankheiten des Nervensystems. 283 

zug auf Encephalitis, akuten Hydrocephalus, Embolie, Tumor, Hysterie. 
Stets fahnde man auf Otitis media. Die Prognose ist zweifelhaft, meist 
ungünstig. 

Die Behandlung besteht in lokaler Kälteanwendung, vorsichtiger 
Blutentziehung (Blutegel hinter den Ohren, bei kräftigen Kindern selbst 
Aderlass), in einer Ableitung auf den Darm durch Kalomel in grosser 
Dose, absoluter Ruhe; im weiteren Verlauf giebt man nach Bedarf Mor- 
phium, Kodein, Chloral, bei Sopor kalte Uebergiessungen im lauen Bad ; 
man macht Einreibungen mit Ungt. cinereum, mit Jodoforrasalbe; auch 
von wieder holten heissen Bädern will man — speziell bei protrahirtem 
Verlaufe — günstige Wirkungen gesehen haben. Bei Nachlass der 
akuten Symptome sucht man durch Jodkali die Resorption zu fördern. 
Die Ernährung, welche ganz reizlos (Milchj sein muss, ist im Koma nur 
per Klysma oder Schlundsonde zu ermöglichen. Gegebenen Falls kann 
die Paracentese des Trommelfells und Aufmeisselung des Processus 
mastoldeus therapeutische Wunder wirken. 

Die Meningitis cerebrospinalis epidemica zählt eigenthch als eine 

der jüngst als solche erkannten zu den Infektionskrankheiten ; jedoch über- 
wiegen bei ihr dermassen die Erscheinungen von Seiten des Cerebro- 
Spinalsystems, dass ihre Besprechung wohl besser an dieser Stelle erfolgt. 
Obwohl ihre Kontagiosität ziemlich gering erscheint, ist an derselben 
doch nicht zu zweifeln ; ihr Erreger scheint meist der von Weichselbaum 
entdeckte Meningocoecus intracellularis zu sein. Doch vermögen offenbar 
aucli andere Mikroorganismen, so besonders der Diplococcus pneumoniae 
dasselbe Krankheitsbild hervorzurufen. Der Meningocoecus intracellu- 
laris gelangt wahrscheinlich auf dem Wege durch die Nase und Pauken- 
höhle zur Einwanderung. Kinder scheinen für die Infektion mit dem- 
selben besonders disponirt, speziell schon im Säuglingsalter. Die Krankheit 
wird nicht nur in Epidemieform, sondern auch in einzelnen sporadischen 
Fällen beobachtet. Der ihr zu Grunde liegende anatomische Prozess 
spielt sich vorwiegend an der Konvexität, aber auch an der Basis des 
Gehirns sowie in dem Spinalkanal ab. 

Je nach dem Verlauf unterscheidet man eine Meningitis acutis- 
sima s. siderans, bei der die Kinder urplötzlich unter Schüttelfrost, 
Delirien oder einem eklamptischen Anfall, Bewusstseinsverlust ganz 
schwer erkranken, mit Nackenstarre, Ungleichheit der Pupillen, wieder- 
holten Konvulsionen den Sitz des Leidens deutlicher ven-athen und 
rasch, manchmal binnen Stunden im Koma, an Herz- und Hirnlähmung 
zu Grunde gehen. 



284 Die Krankheiten des Nervensystems. 

Eine mildere Form stellt die Meningitis subacuta dar. Es 
gehen ihr meist geringe und kurzdauernde, nicht recht zu deutende 
Prodrome voraus ; auch ihr Beginn ist dann in der Regel ziemlich heftig 
unter Kopfschmerz, Erbrechen, Schüttelfrost, Fieber. Aussehen und 
Allgemeinzustand lassen bald ein schweres ursächliches Leiden erkennen; 
es tritt miter mittelhohem Fieber, Herpesausbruch eine rasche und 
hochgradige Abmagerung, Anämie, Somnolenz ein. Deutliche Gehirn- 
erscheinungen lassen nicht lange auf sich warten ; die anfangs spontan 
schmerzhaften Nacken- und Rückenmuskeln kontrahiren sich, lautes 
plötzliches Geschrei oder dauerndes Wimmern lassen auf anfallsweise 
oder anhaltende Schmerzen wohl speziell im Kopfe schliessen; es stellen 
sich Erbrechen, Ungleichheit der Pupillen, Krämpfe im Gebiete des 
Facialis oder einzelner Augennerven, Neuritis optica, wohl auch allge- 
meine Konvulsionen ein ; auf das Beklopfen eines beliebigen Knochens 
tritt eine sog. hydroeephalische ßeflexkonvulsion ein ; die Haut zeigt in 
der Regel Herpeseruption sowie einen raschen Wechsel zwischen Röth- 
ung und tiefem Erblassen; der Stuhl ist anfangs meist obstipirt, später 
öfters diarrhöisch; auch Gelenkentzündungen sind eine häufigere Er- 
scheinung. Der Schlaf ist unruhig, durch Zähneknirschen (Kaumuskel- 
krämpfe) und Delirien unheimlich gestört. Auch im wachen Zustande 
sind die Kranken nicht ganz klar, dabei sehr verdriesslich, empfindhch 
gegen Licht und Geräusch (Hj^perästhesie). Allmählich weichen diese 
Reizerscheinungen denen einer centralen Lähmimg: die Kinder werden völlig 
somnolent, scheinen nicht mehr zu hören, zu sehen, reagiren nicht mehr 
auf Anrufen, auf Hautreize; man bemerkt Ptosis, Strabismus, wohl auch 
Lähmung einzelner Extremitäten ; unter zunehmend frequenterer, wohl auch 
unregelmässiger, stets schwächer werdender Herzaktion, um-egelmässiger 
Athmung, oft deutlichem Cheyne-Stokes'schem Pliänomen gehen die 
Kranken meist Ende der ersten, spätestens nach der zweiten Woche 
im Sopor zu Grunde, wobei sub finem hohe Temperatiu-steigerungen 
bemerkt werden können. 

In glücklicheren Fällen ist der Verlauf von Anbeginn an lang- 
samer und milder; oder es wechseln Tage mit ausgesprocheneren Gehirn- 
uud Allgemeinsymptomen mit Zeiten einer Schwankung zum Besseren; 
Krämpfe und Kontrakturen (Nackenstarre) können ebenso wie partielle 
Lähmungen (Aphasie, Henn'plegie) sich Avieder zurückbilden, so dass 
die Rekonvalescenz eintreten und wenigstens in der Hauptsache eine 
Heilung erfolgen kann. Freilich pflegt selten irgend ein Defekt einer 
Hirnfuiiktion, speziell der Sinnesorgane auszubleiben; ein Theil der 



Die Krankheiten des Nervensystems. 285 

Kinder bleibt taub , solche , die noch nicht sprechen konnten , werden 
auf diese Weise taubstumm; andere bleiben blind, haben in ihrer In- 
telligenz gelitten; seltener bleibt eine Paraplegie oder Paraparese für 
längere Zeit zurück; mindestens hinterbleibt eine dauernde Neigung zu 
Kopfschmerz, Ohi-ensausen, Strabismus; auch eine Gehstörung ist bei 
Kindern meist die Folge (unsicherer, schwankender Gang), wenn sie 
sich auch im Verlaufe von Monaten und Jahren zurückzubilden jjflegt. 

Auch Recidive können sich einstellen und die Hoffnung auf 
einen günstigen Ausgang zu Schanden machen. 

Man hat selbst eine protahirte, über Monate sich erstreckende, 
geradezu intermittirende Krankheitsform nicht selten beobachtet. 

Als abortive Meningitis cerebrospinalis bezeichnet man 
solche Fälle, in denen nur massige Allgemeinerscheinungen (Frösteln, 
unruhiger Schlaf, leichtes Fieber, Erbrechen, allgemeine Unruhe) be- 
stehen und geringe Cerebralsymptome (Kopfschmerz, Delirien, Nacken- 
steifigkeit, Pulsunregelmässigkeit) auf den Sitz der Erkrankung weisen. 
Ohne dass es zu schweren Gehirnsymptomen kommt, tritt binnen Tagen 
unter profusen Schweissen die volle Genesung ein, und nur eine etwa 
gleichzeitig herrschemle Epidemie lässt die Beziehung solcher Erkrank- 
ungen zur Meningitis cerebrospinalis epidemica errathen. 

Die Diagnose wird durch den Nachweis des infizierenden Älikro- 
organismus in der Lumbalpunktionsflüssigkeit gesichert; der Verlauf 
und die Anamnese, das gehäufte Vorkommen lassen in der Regel keine 
Verwechselung mit tuberkulöser Basilarmeningitis aufkommen , bei der 
auch Herpes nie vorkommt. 

Die Prognose ist durchweg recht schlecht; nicht nur, dass die 
Mortalität von 20 bis zu 80 "'/o schwankt, sondern es erfolgt nur ganz 
ausnahmsweise der Ausgang in ungestörte Heilung; bleibt eine Taulj- 
heit für länger w'ie 3 Monate zurück, so besteht sie dauernd. 

Die Behandlung vermochte diese Prognose bis jetzt nicht 
günstiger zu gestalten. Grössere Bluteutziehungen verbieten sich bei 
Kindern von selbst; dagegen kann man es wohl mit einigen Blutegebi 
hinter den Ohren versuchen. Das Auflegen von Eisblasen, Kühlschlangen 
auf Gehirn und Rückenmark vermögen den Entzündungsprozess nicht 
im Geringsten aufzuhalten, wenn sie auch wohl eine gewisse subjektive 
Linderung der Schmerzen bringen. Viel gelobt wurde der Erfolg heisser 
Bäder, zu denen man bei der Trostlosigkeit der Lage immerhin seine 
Zuflucht nehmen mag. Die Anwendung antiseptischer Mittel, Inunktion 



286 Die Krankheiten des Nervensystems. 

von -Quecksilbersalbe, Jodoform 8albe, Aufpiiif^eln von Jodoformkollodium, 
Jodkalium innerlieh hat wohl wenig Zweck ; einen Erfolg habe auch ich 
von ihnen noch nie gesehen. 

Die Ernährung stosst gewöhnlich bald auf grosse Schwierigkeiten 
und vermag die überaus rasche Abmagerung, den Kräfteverfall nicht auf- 
zuhalten; entweder wird die Nahrung regelmässig erbrochen beziehungs- 
weise auch von leidlich bewusstseinsklaren Kindern verweigert, oder aber 
ilire Einverleibung ist bei dem Unvermögen der soporösen Kinder, zu 
schlucken, nur vermittelst Schlundsonde möglich; und auch diese Er- 
nälnrungsform hat wegen der Möglichkeit, Fremdkörperpneumonieen zu 
erzeugen , ihre Bedenken ; Nährklystiere werden häufig sofort wieder 
herausfliessen gelassen. Es bliebe als letzte Auskunft ein Versusch 
mit subcutaner Einverleibung. 

Symptomatologisch wird man das Erbrechen und die Uebligkeit 
mit Eispillen, die oft rasenden Schmerzen mit Eisblase, Kodein, Mor- 
phium bekämpfen müssen. Protrahirte laue Bäder (25 — 27 " R.) scheinen 
öfters beruhigend und daher günstig zu wirken. Bei starken Delirien, 
anhaltender Schlaflosigkeit wird man ohne Chloralhydrat oder Trional 
per OS oder per klysma nicht auskommen. Gegen Lähmungs- und 
Kollapserscheinungen versucht man es immer wieder mit Stiinulantien, 
jedoch wohl ausnahmslos ohne Erfolg. 

Selbstverständlich ist im Krankenzimmer und seiner Umgebung für 
äusserste Euhe, Fernhaltung von Geräuschen, Erschütterangen, grellem 
Licht zu sorgen. Die Lufttemperatur sei der Höhe des Fiebers, i.he 
Bedeckung aucli dem Kräfte- und Ernährungszustände des Ki-anken 
angemessen. An reichliche Lufterneuemng , regelmässige Defäkation, 
grösste Reinlichkeit der zu Decubitus neigenden Kranken (Waschungen 
und Bäder) wird man dauernd zu denken haben. Endlich sind bei 
dem zweifellos infektiösen Charakter der Krankheit gewisse Isolhungs- 
massregeln , die Desinfektion des Nasen-, eines etwa vorhandenen Ohr- 
sekretes nicht zu vergessen. 

Hydrocephalus acutus, anatomisch Meningitis vcntriculonun, spez. 
Entzündung der Plexus chorioidei, zum Theil auch des Ependyms, ist meist 
keine selbstständige Krankheit; diese Entzündungsform entwickelt sich am 
häufigsten sekundär bei Entzündungen der Basis des Gehirns resp. der 
Pia basilaris, die deshalb fast immer betheiligt erscheint, so im Gefolge von 
Nephritis, akuter Miliartuberkulose und ganz besonders bei tuberkulöser 
Meningitis; auch als akute ExiK^crbation eines angeborenen, geringfügigen, 
selbst bis ihdiiji lateiil gebliebenen Hydroceplialus chronicus kann im 



Die Krankheiten des Nervensystems. 287 

Anschluss an ein Schädeltrauma, eine Insolation, in Folge akuter Ven- 
trikelessudation ein Hydrocephalus acutus auftreten. Der viel seltenere 
idiopathische Hydrocephalus acutus beginnt gewöhnlich sub- 
akut und verläuft unter geringem Fieber, langsam (Gegensatz zu 
Meningitis simplex). Ob es sich bei seiner Entstehung- um eine basale 
Meningitis mit Verlegung des Foramen Magendi oder um eine primäre 
Meningitis serosa vertriculorum (Quincke) handelt — als Folge von Trauma, 
akuten Infektionskrankheiten, Alkoholismus, geistiger üeberanstrengung — 
ist noch unentschieden. Die klinischen S3^mptome sind allgemeine (Ab- 
magerung, sohlechte Stimmung, Verdauungsstörungen, Fieber) und cere- 
brale : Zähneknirschen, Nackenstarre, Kopfschmerz, Erbrechen, Obsti- 
pation, Pulsverlangsamung und -Unregelmässigkeit, Strabismus, Pupillen- 
differenz, Tremor, Benommenheit, Konvulsionen, Lähmungen und 
Kontraktionen. Bei jüngeren Kindern giebt sich die Exsudation durch 
Spannung der Fontanellen, Klaffen der Nähte, Zunahme des Schädel- 
umfanges kund. Li anderen Fällen lassen Sj'mptome und Verlauf 
ganz das Bild eines Hirntumors vortäuschen (Neuritis optica, Stauungs- 
papille, Kopfschmerz, Erbrechen, Schwindel, Krampfanfälle, Hirnnerven- 
lähmung, Exophthalmus, Pulsverlangsamung, Schwäche der Extremi- 
täten); in solchen Fällen können nur eine Schädelzunahme, Remissionen 
und Intermissionen von jahrelanger Dauer die Differentialdiagnose stützen. 
Der Ausgang in Tod in einem eklamptischen Anfall oder im Sopor ist 
die Regel; Heilungen sind sehr selten, die Prognose wird auch dadurch 
noch sehr getrübt, dass Epilepsie, Demenz, chronischer Hydrocejshalus, 
Taubstummheit und dergl. als Folge bleiben. Die Unterscheidung von 
Meningitis purulenta und besonders von der Meningitis tuberculosa ist oft, 
die des sekundären Hydrocephalus acutus von Oedem der Pia und des 
Gehirns fast immer erst bei der Sektion möglicii. Die Therapie ist die der 
Meningitis simplex; gerühmt wird besonders die Quecksilberbehandlung 
auch in Fällen nicht sicher syphilitischen Ursprungs. 

Hydrocephalus chronicus ist entweder — und zwar seltener — ange- 
boren oder überwiegend häufiger in frühester Jugend (erstes Halbjahr) 
erworben. Die Ursachen des angeborenen Hydrocephalus chronicus sind 
völlig unbekannt; erwiesen ist nur hie und da eine Familiendisposition; 
Kachexie, Trunksucht und besonders Lues der Eltern dürften häufig 
eine ätiologische Rollen spielen. Der erworbene Hydrocephalus 
chronicus kann primär das Produkt leichter Entzündung in den 
Ventrikeln (Plexus, Ependym) sein : entzündlicher Hydrocepha- 
lus; doch lassen sich öfters keinerlei Ursachen nachweisen (mecha- 



288 Die Krankheiten des Nervensystems. 

nische Kongestion durch Husten, anämische Transsudation?). Als Ur- 
sache chronisch entzündhcher Prozesse hat man natürhch auch hier die 
Syphihs beschuldigt. Sekundär entsteht der chronische Wasserkopf 
in Fol.ne von Verschluss der Vena magna Galeni (durch den Druck 
eines Tumors), durch Kompression des Aquaeductus Sylvii mit und ohne 
entzündhche Verstopfung des Foramen Monroi, ausnahmsweise auch im 
Anschluss an eine akute Meningitis: Dehnungs- oder Stauungs- 
hydrocephalus. Endlich könnten Stauungen in den Venen des 
Gehirns die Folge von Herzfehler, komprimirenden Halstumoren sein. 
Je nach der Lokalisirung unterscheidet man einen äusseren Hydi-o- 
cephalus, den H. externus s. intrameningealis (Flüssigkeitsansamm- 
lung in den Maschen der Arachnoidea, im subduralen Kaum) und einen 
inneren, den H. internus s. ventricularis (Ansammlung vorwiegend 
in dem Seiten-, weniger in dem dritten und vierten Ventrikel). Der Hydro- 
cephalus externus ist meist nur Folgezustand anderweitiger Geliirn- 
affektionen und kommt als idiopathisches Leiden jedenfalls für gewöhn- 
lich nicht in Betracht. Folge ist in beiden Fällen eine Drucksteigerung, 
welcher die Schädelkapsel um so stärker nachgiebt, je jtmger das Kind 
ist, je mehr die Ventrikel Hauptsitz der Flüssigkeit sind. Die Fon- 
tanellen, alle Knochennähte erweitern sich, der Kopf bekommt eine 
charakteristische Gestalt dadurch, dass der Schädel an Umfang oft 
enorm vergrössert, gegen das kleine Gesicht unverhältnissmässig absticht; 
letzteres ist nicht nur im Verhältniss zum Schädel klein, sondern auch 
absolut zu klein, da es nicht entsprechend wächst; der Kiefer bleibt auf 
einer früheren Entwickelungsstufe stehen. Weitere Folgen des erhöhten 
intrakraniellen Druckes sind Abwärtsdrängung des Orbitaldachs, Heraus- 
treten und Senkung der Bulbi, derart, dass die Pupillen von dem unteren Lid 
zum Theil bedeckt und starr erscheinen, ferner Verdünnung der Hinterhaupt- 
schuppe und der Seitenwandbeine, Erweiterung aller Schädel-, weniger 
der Gesichtsnähte. Sind die Nähte bereits mehr verknöchert, die Fon- 
tanellen geschlossen, so können die äusseren Schädelveränderungen nicht 
mehr so prägnant sain; jedenfalls erfolgt die Zunahme des Kopfvoluniens 
dann nur langsam und in beschränktem Maasse, der Exophthalnms ist 
nur angedeutet. Die Druckwirkung auf die Hirnsubstanz als solche 
äussert sich beim Hydrocephalus externus in einer massigen Abflachung 
der Gyri und Anämie der Corticalis; bei Hydrocephalus internus ist 
die ganze Markmasse, Gyri wie Hirnganglien plattgedrückt, anämisch 
und verdünnt; Folge davon ist beim angeborenen Hydrocephalus chi'O- 
nicus oft eine Aplasi<> (nicht Degeneratioji) der Pyramidenfasern. Klinisch 



Die Eiankheiten des Nervensystems. 289 

kommt diese Beeinträchtigung des Gehirns merkwürdiger Weise hie und 
da kaum oder gar nicht zum Ausdruck; das Sensorium ist intakt, die 
Psyche entwickelt sich normal, ja hydrocephalische Kinder zeigen sogar 
hie und da eine ganz ungewöhnliche und frühzeitige Intelligenz; so 
sprach ein 4 jähriger Patient von mir mit kolossalem Hydrocephalus in- 
ternus, der über zwanzig mal punktirt werden musste, perfekt Deutsch 
und Französisch. Meist freilich bleiben sie geistig zurück, werden voll- 
kommen idiotisch oder zeigen doch wenigstens Ausfälle in ihrer Gehirn- 
funktion; sie lernen gar nicht oder erst spät sprechen, sprechen zum 
Mindesten unvollkommen ; sie beginnen verspätet und nur mangelhaft 
zu gehen, vermögen sich lange Zeit nicht aufrecht zu halten, zu sitzen; 
manchmal besteht ausgesprochene Hemiplegie. Cerebrale Defekte werden 
begreiflicher Weise um so eher und um so hochgradiger eintreten 
müssen, je höher einmal der intrakranielle Druck steigt (Hydrocephalus 
internus) und je weniger ihm der Schädel nachzugeben im Stande ist 
(frühe Verknöclierung). Häufig findet man bei Hydrocephalus chronicus 
motorische Reiz- und Lähmungserscheinungen, mono-, hemiplegische 
Krämpfe, spastische Parese oder Paralyse der Beine, besonders in den 
Unterextremitäten, Kontrakturen, an den Sinnesorganen Nystagmus, 
Erblindung, Hemianopsie (Retinitis, Atrophie der Papille durch Druck 
des dritten Ventrikels auf das Chiasma), Taubheit. Die Kinder ver- 
mögen ihren schweren Kopf nicht oder nur mit Mühe aufrecht zu 
tragen, sie müssen ihn gewissermassen balanziren ; sie leiden häufig an 
Enuresis. Oefters oder zeitweise klagen sie über Hirndruckerscheinungen 
als Kopfschmerz, Schwindel, sind deprimirt, schlaflos; interkurrent 
kommen komatöse, somnolente Zustände und Konvulsionen vor. Nicht 
selten kombinirt sich der Hydrocephalus mit Entwickelungshemmungen wie 
Spina bifida, Encephalocele, Zwergwuchs und dergl. Die Kinder bleiben 
in der Regel im Wachsthum zurück; ihre vegetativen Funktionen sind 
gewöhnlich ungestört; höchstens besteht etwas Obstipation; ihre Beweg- 
ungen sind häufig nicht vom Centralnervensystem aus ausgelöst und 
beherrscht, sondern erfolgen nm' reflektorisch. Schliesslich können auch 
die anfangs intakten Reflexorgane gelähmt werden, was zu beschleunigter 
Herzthätigkeit, Verschlucken und dergl. führen kann. 

Die Diagnose kann nur irren, wenn die Vergrösserung des 
Schädels ausbleibt; bei rachitischem Schädel fehlen schwerere Hirn- 
symptome, die Senkung der Bulbi ; die Kopfform ist viereckig, nicht 
rundlich, die Fontanelle nicht vorgetrieben; die Unterscheidung von 
Hydrocephalus internus und externus ergiebt sich aus oben Gesagtem. 

Haus er, Grundri3.g der Kinderheilkunde. Zweite Auflage. 19 



290 Die Krankheiten des Nervensystems. 

Die Prognose ist ziemlicli ungünstig; die Kinder können zwar 
ausnahmsweise ein höheres Alter erreichen; die längste Lebensdauer hat 
sogar 50 Jahre betragen ; gewöhnlich erliegen aber schon nach Monaten, 
längstens Jahren die Patienten einer interkiu-renten Krankheit, sie sterben 
in einem Anfall von Coma, von Eklampsie, oder es jjleiben psychische 
Defekte zurück. Stillstände und Besserungen, sogar Heilungen kommen 
vor; aber auch auf Nachschübe nach eingetretenem Stillstand muss man 
gefasst sein. Nur bei Hydroeephalus externus in Folge von Pachy- 
meningitis kann vollkommene Heilung eintreten. 

Die Therapie hat sich bis jetzt als ziemlich machtlos erwiesen. 
Ein naheliegendes aktives Vorgehen durch Punktion und Ablassen des 
drückenden Fluidums hat, von den Gefahren einer infektiösen Ent- 
zündung, eines Kollapses, eines eklamptischen Anfalls abgesehen, bis 
jetzt keine nachhaltigen Erfolge erzielt, ebensowenig die Lumbal- 
punktion. Alle Versuche, resorptionsanregend zu wirken (Jodkäli, 
Quecksilber), den entzündlichen Prozess zu hemmen (Einspritzung von 
Jod, Kompression des Schädels) sind gescheitert. Gewöhnlich wird man 
sich mit einer symptomatischen und exspektativen Behandlung be- 
gnügen, nur bei Eintritt von Druckerscheinmigen seine Zuflucht zu 
einer Punktion oder Incision nehmen; bei nachgewiesener Lues ist 
natürlich der Versuch einer spezifischen Behandlung gerechtfertigt. Bei 
Komplikation von Hydroeephalus mit angeborener Spina bifida hat die 
Lumbalpunktion zu unterbleiben, da man das beständige Aussickern 
von Cerebrospinalflüssigkeit aus der Punktionsöffnung nicht zu ver- 
hindern vermag. 

Die Meningitis basilaris (tuberculosa), Hydrocejibalus acutus ist 
wohl die praktisch wichtigste, die häufigste Hirnerkrankung des Kindes 
besonders in der Zeit vom zweiten bis zehnten Lebensjahre. Die Meningitis 
der Schädelbasis ist in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle auf eine 
tuberkulöse Infektion zurückzuführen, weshalb man unter Basilarmeningitis 
fast nm- die tuberkulöse begreift; und zwar jaflegt die Tuberkulose der Pia 
und Arachnoidea sehr selten die einzige, meist nur die in den klinischen 
Erscheinungen überwiegende Lokalisation der Tuberkel zu sein; fast 
immer finden sich primäre, ältere Tuberkuloseherde in dem erkrankten 
Organismus, von denen aus die Tuberkelbacillen sich mit Bildung miliarer 
Knötchen ausgesät haben, oder aber es besteht allgemeine Tuberkulose. 
Pathologisch-anatomisch und, dem genau entsprechend, klinisch 
finden wir bald mehr die Symptome der Tuberkulose der basüaren 
Meningen, bald die der Entzündung mehr ausgesprochen. 



Die Krankheiten des Nervensystems. 291 

Die Krankheit beginnt gewöhnlich mit anfänglich meist unschein- 
baren, ja leicht zu übersehenden, jedenfalls von dem Anfänger sehr 
leicht unterschätzten Symjitomen; dieselben sind, kurz gesagt, gc- 
wöhnliclr die einer Dyspepsia gastrica subacuta, weshalb man das erste 
Stadium wohl auch als das gastrische bezeichnet hat. Anamnestisch 
erfahren wir von prädisponirendon oder ursächlichen Krankheiten in 
der Kegel nicht viel ; bei genauerem Nachfragen stellen sich freilich 
meist Umstände heraus, welche das Eingediimgensein von Tuberkel- 
bacillen wohl vermuthen lassen, sei es, dass eines der Eltern, eine 
Pflegerin, eine Verwandte an Tuberkulose leiden, sei es, dass Keuch- 
husten, Masern, Influenza, eine Lungenentzündung, eine Bronchitis, 
wiederholte Darmkatarrhe vorausgingen, deren Bedeutung für das Zu- 
standekommen der tuberkulösen Infektion ja fraglos ist; seltener sind 
direkt tuberkulöse Prozesse vorhergegangen oder lassen sich gleichzeitig 
nachweisen. — Der klinische Verlauf ist meist der, dass das Kind 
seit Tagen oder Wochen, selbst Monaten ein leichtes Unwohlsein be- 
kundet; es ist bleicher wie früher, etwas abgemagert, der Appetit lässt 
nach, ist unregelmässig wechselnd, der Stuhl obstipirt; Erbrechen ist 
um diese Zeit seltener schon eingetreten. Im Verhältniss zu den ge- 
ringfügigen, objektiv nachweisbaren Störungen in Gestalt eines unregel- 
mässigen, schwachen Fiebers, einer etwas belegten Zunge, zeitweisem 
Kopfschmerz fällt das Ergriffensein des ganzen Organismus auf: das 
Kind ist unerklärlich matt, ja hinfällig, es ist in seinem Wesen 
verändert, vielleicht ganz gegen die Gewohnheit still, ernst, ja trübe 
gestimmt oder aber selir reizbar, ruhelos; stets fehlt die Lust zum Spielen; 
zu ungewohnten Stunden verlangt es zu schlafen ; es legt öfters das 
Köpfchen an die Schulter der Mutter, und ältere Kinder klagen wohl 
auch schon über den Kopf. Alle gegen die Dyspepsie gerichteten 
Massnahmen erweisen sich nutzlos; im Gegen theil treten oft plötz- 
lich heftigere Erscheinungen, speziell eruptives, ganz und gar nicht nach 
den Mahlzeiten sich richtendes Erbrechen ein, dem kein längeres Uebel- 
sein oder Würgen voranzugehen pflegt; die Obstipation erweist sich 
als hartnäckig. In diesem ersten Stadium konstatirt man als 
wichtigstes diagnostisches Merkmal eine allgemeine physische und körper- 
liche Hyperästhesie, sodann als medulläres Symptom eine Reizung des 
vasomotorischen Centrums in Gestalt von plötzlich überfliegender ßöthe 
und des respiratorischen Centrums in Form tiefen Aufseufzens. Der 
Puls ist in der Kegel der Körpertemperatur entsprechend und in dieser 
Zeit noch regelmässig. Doch nun, nach 7 — 10-, höchstens 14-tägiger 

19* 



293 Die Krankheiten des Nervensystems. 

Dauer, ausnahmsweise erst später, können dem aufmerksamen Beobachter 
Sj'mptome nicht entgehen, die auf den Sitz des Leidens deutlicher hinweisen, 
die unverkennbaren Zeichen einer meningitischen Reizung: zweites Sta- 
d i u m ; das Kind klagt, wenn älter, spontan über Kopfschmerz ; jüngere, 
die noch nicht sprechen können, lehnen das Köpfchen an, halten es nicht 
mehr gerade aufrecht, fassen auch wohl instinktiv nach demselben ; das Kind 
gähnt auffallend häufig, es inspirirt hie und da tief, scheinbar dys- 
pnoisch oder seufzt tief auf, es fälu't zum Erschrecken der Umgebung 
aus dem Schlaf jäh schreiend empor (Cri hydrocephalique), es knirscht 
auch wohl mit den Zähnen ; von anderen motorischen Reizsymptomen 
liemerkt man eine gewisse Starre der Muskulatur im Ganzen oder in 
einzelnen Theilen, erhöhte Kniereflexe, flüchtige Muskelzuckungen, auch 
wohl partielle Konvulsionen, tetanische Spasmen; so findet mau die 
Bauchmuskeln meist gespannt, den Leib flach, oft deutlich eingezogen; 
fast regelmässig besteht Opistotonus. Zweifellose Zeichen seitens der 
Gehirnnerven treten auf; mit das erste, diagnostisch wichtigste ist die 
bei vorhandenem Fieber besonders auffällige, jedenfalls zu dem Alter 
des Kindes nicht im Verhältniss stehende Verlangsamung des Pulses 
in Folge von Vagusreizung; der Puls ist gleiclizeitig deutlich unregel- 
mässig; seltener machen sich schon eine Pupillendifferenz bemerklich, 
auch wohl nystagmusartige Zuckungen, Strabismus; ophthalmoskopisch 
stellt man öfters Neuritis ojitica, Stauungspapille fest; ausnahmsweise 
entdeckt man Choroidaltuberkel. 

Abwechselnd oder gleichzeitig mit den geschilderten Symptomen 
meningitischer Reizung treten Lähmungserscheinungen auf: das Kind ist 
apathisch , selbst somnolent. Das Fieber in diesem zweiten Stadium 
ist gewöhnlich nur von mittlerer Höhe und unregelmässig. In den 
meisten Fällen bleiben von Anfang und Mitte der zweiten Krankheits- 
woche an auch schwerere Gehirnreizerscheinungen nicht aus: der soporöse 
Zustand weicht zeitweise Delirien mit grosser Muskelunruhe, Schreien, 
Gesiehterschneiden, Verwirrtheit; oder es bricht plötzlich ein eklamptiscber 
Anfall herein, es folgen sich eine Reihe solcher von manchmal grösster 
Heftigkeit unter entsetzlichem Schreien. Nach denselben zeigen sich 
meist ausgesprochene Lähmungen einzelner Gebirnnerven, besonders des 
Facialis, der Augennerven (Ptosis, Strabismus, Ungleichheit und träge 
Reaktion der Pupillen), seltener eine Mono-, eine Hemiplegie; oder endlich 
die Gehirnnervenlähmung tritt für sich allein auf ohne allgemeine Kon- 
vulsionen. Aphasie in Folge von entzündlichem Oedem oder kortikaler 
Encephalitis ist manchmal ein frühes Symptom. Das während der 



Die Krankheiten des Nervensystems. 293 

Krämpfe tiefbenominene Sensorium bleibt meist dauernd gestört; das 
Auge blickt ausdruckslos, ohne zu fixiren, in's Weite ; die Gesichtsfarbe 
wechselt unmotivirt von fleckiger oder diffuser Eöthung bis zur tiefen 
Blässe; die Haut besonders am Kopfe transpirirt; während sonst alle 
Störungen der Sensibilität fehlen, kann Hyperästhesie der Haut fort 
bestehen. Die Extremitäten werden rigide, vorhandene Lähmungserschein- 
ungen nehmen zu. Zeitweise erwacht das Kind aus seinem unruhigen 
Halbschlaf zu augenblicksweiser Klarheit; ja es kann scheinbar eine 
wunderbare Besserung eintreten, indem das Kind wieder Erinnerung und 
Interesse verräth, sich aufrichtet, isst und trinkt und spielt. 

Doch der unregelmässige, sich etwa von der Mitte der zweiten 
Woche ab allmählich beschleunigende und regelmässiger werdende Puls, 
die erfahrungsgemäss mit so viel Recht gefürchteten anderen Gehirn- 
erscheinungen können beim Arzt eine Täuschung nicht aufkommen lassen, 
und erneut ausbrechende Konvulsionen, Lähmungen rauben auch den 
Eltern die Hoffnung; allmählich nach weiteren 2 bis längstens 8 (also 
nach Kiankheitsbeginn ca. 14 Tagen) treten Lähmungserscheinungen aller 
Art immer mehr hervor: drittes Stadium. Die Pupillen sind erweitert 
oft ungleich weit, reaktionslos; das Kind verfällt sichtlich, das Coma nimmt 
überhand, alle Reizerscheinimgen werden durch die immer schwerer ein- 
setzende, allgemeine cerebrale Lähmung unterdrückt: die Sensibilität 
erlischt, die Mobilität der Glieder ebenfalls ; die Athmung wird unregel- 
mässig, aussetzend, endlich tritt durch Ermüdung, Lähmung des 
Respirationscentrums Cheyne - Stokes'sche Athmung ein; der Puls wird 
immer frequenter und schwächer (Vaguslähmung); das Kind vermag 
nicht mehr zu schlucken ; Stuhl und Urin gehen unwillkürlich ab ; die 
Fontanelle sinkt ein; die Seh weisse sind profus; die Pupillen sind ad 
maximum erweitert und starr; der Cornealreflex ist erloschen, die Kon- 
junktiven und die Cornea entzünden sich bei dem mangelnden Lidschlag. 
Unter rapider Abmagerung, in tiefem Sopor, unter lautem Stertor, 
raschem Abfall, zuweilen hohem agonalen Anstieg der Temperatur tritt 
endlich nach 2 — 3 Wochen der Tod ein. 

Abweichungen von diesem, dem klassischen Bilde der Meningitis 
tuberculosa sind nicht selten; es können zu Anfang eine Woche lang und 
länger typhöse Erscheinungen (selbst Roseola) bestehen ; Hirnsymptome, 
von der charakteristischen Ungleichheit, Unregelmässigkeit des Pulses 
abzusehen, können lange Zeit beinahe fehlen, und nur hartnäckiges, 
unstillbares Erbrechen bestehen. Seltener ist ein stürmischer, binnen 
wenigen Tagen zum Tode führender Verlauf; ein akuter Beginn wird 



294 Die Krankheiten des Nervensystems. 

iiocli am ehesten bei Säuglingen beobachtet. So kann sich das erste 
Stadium der basilaren Meningitis auf Va — 1 Tag zusammendrängen; 
andererseits beobachtet man eine Dau(;r von 8 — 14 Tagen. 

Es lassen sich Erbrechen, Obstipation, Kopfschmerz auf cereljrale 
Reizung, die Pulsverlangsamung wohl nicht allein auf Vagusreizung, 
sondern auf den bei Hydrocephalus acutus internus rasch wachsenden 
Hirndruck zurückführen; anderenfalls müssten gerade zufällig beide 
Vaguskerne von der Entzündung betroffen sein. Deshalb kann auch 
im Säuglingsalter, wo der weiche Schädel dem Drucke noch nachgiebt, 
die charakteristische Pulsverlangsamung vollkommen fehlen. Die 
Alteration der Respiration bezieht man auf Störung des Athemcentrunis; 
die Krämpfe und Lähmungen der Gehirnnerven entstehen durch direkte 
Reizung, Entzündung, Zerstörung der basalen Stämme, zum Theil wohl 
auch wie die allgemeinen Konvulsionen und Hemiplegien durch ent- 
zündlichen Hydrocephalus und Hirnanämie; die terminalen Zustände 
resultiren aus dem Erlöschen, dem Absterben der Centren. 

Die Diagnose ist bei einiger Erfahrung und genauer Beobachtung 
meist nur im allerersten Anfang zu verfelilen ; sie kann allerdings auch 
in komplizirten Fällen recht schwer werden ; so kann man z. B. heim 
Typhus Gehirnsymptome, selbst Strabismus, Ptosis beobachten, die sehr 
irre führen. Entscheidend wäre der Nachweis von Choroidaltuberkeln 
oder von Tuberkelbacillen in der durch Lumbaljiunktionen gewonnenen 
Cerebrospinalflüssigkeit, die überdies unter verstärktem Drucke abfliesst, 
vermehrt, klar und schwach eiweisshaltig zu sein pflegt (unter f/oo); 
andererseits würde ein stärkerer Albumengehalt mehr für einen rein 
entzündlichen Prozess sprechen. Man nimmt die Lumbalpunktion 
zwischen HI. und IV. Lendenwirbel, bei jüngeren Kindern in der 
Mitte der Processus spinosi, bei älteren Kindern etwas seitlich vor, 
indem man die Nadel etwa 6 cm tief einsticht, 40 — 60 ccm Flüssig- 
keit entleert. 

Die Prognose ist absolut infaust, wenn Tuberkulose der Basilar- 
meningitis zu Grunde liegt, zumal die Tulierkulose nicht auf die 
Meningen beschränkt, lediglieh terminale Ausilruelcsform einer Miliar- 
tuberkulose zu sein pflegt. 

Eine Therapie muss immer wieder versucht werden, schon um 
der Angehörigen willen; sehr mit Recht betont Heubner, dass in solchen 
traurigen Krankheiten eine gewisse Polypragmasie politischer und auch 
humaner ist, wie therapeutischer Nihilisnms; einigermassen indicirt 
wären antiplüogistische Massnalmicn : kalte Uebergiessungen im warmen 



Die Kranklieiten des Nervensystems. 295 

Bade, Eisblase, Blutegel hinters Ohr, Einreibungen von Ungt. Hydrargyri 
cinereum, Jodoformsalbe, Jodkali intern, als Laxans Calomel; eine regel- 
rechte Kaltwasserbehandlung ist kontraindizirt, da sie meist die Hirn- 
reizsymptome steigert. Vorübergehend kann eine Entlastung des Ge- 
hirns durch Entleerung einer gewissen Menge von Cerebrospinalflüssig- 
keit und damit ein Nachlassen der cerebralen Eeizungs- und 
Lähmungssymptome erzielt werden ; jedenfalls vermag man öfters durch 
solche, nöthigenfalls nach mehrtägiger Pause zu wiederholende Punktionen 
heftige Ki'ämpfe, unstillbares Erbrechen, unaufhörliches Geschrei sehr 
zu mildern und damit das Krankheitsbild wenigstens für die Ange- 
hörigen erträglicher zu gestalten. Daneben versuche man heftiges 
Erbrechen durch Magenausspülungen, Kopfschmerz und Konvulsionen 
durch Chloral, Morphium zu lindern. Die Ernährung sei mild, reizlos, 
vorwiegend flüssig; im letzten Stadium die Schlundsonde anzuwenden, 
erscheint mir übertrieben. 

In neuester Zeit hat man mehrfach eine direkte Beeinflussung des 
Krankheitsprozesses versucht, indem man der Entleerung der hydro- 
cejihalisch erweiterten Seitenventrikel die Injektion von 2 ccra einer 
sterilen 10 "/o Jodoformglycerin - Emulsion folgen Hess. Obwohl die 
Sektion nachweist, dass sich das Jodoform nicht nur in den Seitenven- 
trikeln, sondern auch in allen anderen Hirnventrikeln, an der Hirnbasis 
fein vertheilt vorfindet, war bisher auch dieser tlierapeutische Eingriff 
stets ganz erfolglos. 

Eine sich vorzugsweise an der Hirnbasis entwickelnde Meningitis 
basilaris simpleX ist ungleich seltener; sie verläuft unter denselben 
Symptomen, doch weniger schleppend , im Anfang wenigstens akuter 
und heftiger. Auftreten von Herpes labialis gilt dabei der tuberkulösen 
Form gegenüber als weiterer differential-diaguostischer Anlialtsjsunkt; 
auch soll die Pulsverlangsamung nicht so ausgesprochen sein. Anatomisch 
handelt es sich um fibrinöse Exsudation und Hydrocephalus. Die Be- 
handlung ist die der tuberkulösen Form. Die Ki-ankheit giebt eine 
etwas bessere Prognose; jedoch kann eine solche Meningitis auch den 
Ausgangspunkt für einen Hydrocephalus acquisitus cln-onicus abgeben. 

Embolie und Thrombose kommen .sehr .selten zur Beobachtung; 
ihre Ursachen sind Endokarditis (Rheumatismus, Scarlatina, Diphtherie, 
Sepsis) resp. Herzschwäche, Marasmus ; ihre Erscheinungen sind plötz- 
lich eintretende resp. ganz allmählich sich entwickelnde allgemeine 
Cerebral- und Herdsymptome ; bei der Thrombose bleiben die Zeichen 
des Insultes aus. Die Folgen spez. einer Embolie in Gestalt von 



296 Die Krankheiten des Nervensystems. 

motorisclien Lähmungen, Apoplexie können bestehen bleiben; ferner 
mög-liche Ausgänge sind Tod im Insult oder Hirnabscess. 

Die Behandlung ist eine symptomatische. 

Phlebitis der Sinus schüesst sich am häufigsten an Otitis media 
purulenta an; ihre Erscheinungen sind sehr schwere (hohes Fieber, 
tSchüttelfröste, Delirien oder Sopor und Koma). Die frühzeitige chirur- 
gische Behandlung erzielt hie und da einen gläjizenden Erfolg; dennoch 
ist die Prognose im Allgemeinen sehr schlecht. 

Hämorrhagia cerebri ist, von der traumatischen abgesehen, sehr 
selten, daHirngefässerkrankungen beim Kinde fast gar nicht vorkommen ; 
kleine Blutungen aus Kapillaren oder Venen können ausnahmsweise 
bei schweren Pertussisanfällen entstehen und siml nur, wenn sie neben 
allgemeineji cerebralen auch Herdsymptome machen, zu diagnostiziren ; 
seltener ist eine Hirnblutung Symptom einer hämorrhagischen Diathese, 
der peruiciösen Anämie, der Leukocythämie, oder Folge einer spezifischen 
Arteriitis; sekundär schliesst sie sich an Embolie vuid Thrombose von 
Hirngefässen, Encephalitis haemorrhagica an. 

Die Haemorrhagia cerebri uiiterscheidet sich im Kindesalter von der 
des Erwachsenen dadurch, dass die Symptome des apoplektischen In- 
sultes seltener in die Erscheinung treten ; die Unterscheidimg von Em- 
bolie, der sie sonst durchaus gleicht, ist dadurch gegeben, dass die 
Insulterscheinimgen, wo vorhanden, bei der letzteren plötzlicher ein- 
treten und rascher zurückgehen. Der Ausgang einer Hirnblutmig ist der 
Tod, spastische Paralyse (mit geringer Inaktivitätsatrophie) oder Heilung. 

Die Differentialdiagnose spez. gegenüber Tumor kann eine Zeit 
lang schwierig sein. 

Das Hydrocephaloid beruht anatomisch auf akuter Anämie, event. 
kombinirt mit venöser Hyperämie; es wird fast nur im Säuglings- 
alter und zwar im Anschluss an schwere, nur ausnabmsweise auch an 
leichtere Digestionsstörungen beobachtet; es geht anfangs mit Eeiz-, 
dann mit Lälimungserscheinungen seitens des Gehirns einher und zwar 
Krämpfen, Jaktation, Kontrakturen, Sopor. Bei seiner Entstehung 
spielen neben den Cirkulationsstörungen zweifellos Toxine, welche das 
Centralnervensystem vergiften, eine mindestens ebenso bedeutsame KoUe. 
Die Behandlung besteht in möglichst reichlicher Zufuhr von passen- 
den, leicht excitirenden Getränken, in bester Ernährung, womöglich 
durch eine Amme, wobei nicht nur die Hirnanämie beseitigt, sondern 
auch die Toxine aus dem Körper ausgespült werden. Als Getränk 
reiche man steriles Wasser, dünnen Thee mit etwas Cognac; man lagere 



Die Krankheiten des Nervensystems. 297 

(las Kind mit dem Kopfe tief, versuclie eveiit. Infusion und Autotrans- 
fusion; im Koma kämen Analeptica (Kampferäther) an die Reihe. 

Die Hyperaemia Cerebri (arteriosa und venosa) kommt seltener 
als Folge einer Insolation, von Körper- vmd Geistesanstrengung bei 
grosser Sommerhitze, häufiger als Ausdruck einer Infektion resp. In- 
toxikation (Alkohol) zur Beobachtung. Eine kolossale venöse Hyper- 
ämie kann bei Bronchitis capillaris, bei Kroup, nach eklamptischen 
Krämpfen zu Stande kommen. Ihre Behandkmg sei thunlichst ätio- 
logisch; symptomatisch sorgt man für Hochlagerung des Kopfes, Eis- 
kühlung, Ableitung auf den Darm. 

Encephalitis purulenta, Hirnabscess, entwickelt sich selten in Folge 
von Embolie septischen Materials bei Fyämie oder gar bei Oidium 
albikans schweren Grades, durch Infizirung eines hämorrhagischen Herdes, 
dagegen viel elier im Anschluss an Trauma, Phlebitis Sinus (Otitis), 
PanOphthalmitis, Nasenerkrankung, Karies, Meningitis, Vereiterung eines 
Gehirntumors (Tuberkel), sowie ohne den Nachweis eines direkten Zu- 
sammenhangs bei Infektionskrankheiten ; im Ganzen zählt sie zu den 
seltenen Affektionen. 

Ihre Erscheinungen sind mannigfach, anfangs vieldeutig: Fieber 
(kann fehlen), Schüttelfröste, besonders aber Kopfschmerz, Herdsym- 
ptome (Paresen, Aphasie), Somnolenz und Sopor, Koma; der Verlauf 
kann sehr stürmisch sein, binnen Tagen zum Tode führen, oder langsam, 
selbst chronisch (mit Remissionen, akuten Nachschüben). Die Diagnose 
ist meist schwierig. Die Prognose ist schlecht; nur ein glücklicher 
operativer Eingriff, spez. bei traumatischem Abscess, bei Otitis media 
kann trotz des Verlustes beträchtlicher Gehirntheile zu voller Heilung 
führen. Die übrige Behandlung ist eine symptomatische. 

Sehen wir von den Formen von Encephalitis ab, welche sich an 
die verschiedenen Arten der Meningitis, an Embolie, Sinusphlebitis an- 
schliessen, so bleiben einige Krankheitsbilder, in denen die Entzündung 
des Gehirns selber die primäre Affektion darstellt. Früher wenig ge- 
kannt und noch heute nicht genügend gewürdigt ist die 

Encephalitis acuta haemorrhagica. Sie beruht wahrscheinbch auf 

einer theils selbständigen, theils deuteropathischen Infektion (z. B. In- 
fluenza); auch als die encephalitische Abortivform der epidemischen 
CerebrospLnalmeningitis soll sie auftreten können. Sie befällt mit Vor- 
liebe Kinder und jungendliche Personen, spez. anämische Mädchen. 

Ohne längere Prodrome setzt die Krankheit mit Kopfsehmerz, 
Schwindel, Benommenheit, hie und da eklamptischen Konvulsionen ein 



298 Die Krankheiten des Nervensystems. 

und führt rasch zu Bewusstlosigkeit, Sopor, ähnlich einer Apoplexie; 
dabei besteht Fieber, oft Nackensteifi.srkeit, abnorm frequenter, selten 
verlangsamter Puls. Dieser Zustand geht gewöhnlich nach ein bis einigen 
Tagen, seltener nach längerer Dauer in den Tod über. Treten Eemissionen 
ein, oder geht die Krankheit unter Aufhellung des Sensoriums in Ge- 
nesung über, dann zeigen sich Lähmungen, die nur ausnahmsweise von 
Anfang an zu bemerken waren. Je nach dem 8itz des Erkrankungs- 
herdes — eines akut entzündlichen, vorwiegend hämorrhagischen Pro- 
zesses beschränkter, nicht selten symmetrischer Ausdehnung — findet 
man Mono-, Hemiplegie, Aphasie; auch Pons- und Cerebellarherde und 
Komplikation mit Sinusthrombose kommen vor. 

Es leuchtet ein, dass die Progose dieser Encephalitis ernst sein 
muss, da sie meist zum Tode führt, selten eine Heilung ohne Defekt 
zulässt. 

Die Behandlung besteht — analog der bei allen entzündlichen 
Hirn Prozessen — in Ruhe, Eisblase., event. Blutentziehung, Ableitung 
auf den Darm, reizloser Kost. 

Die Spastische Cerebrallähmung (cerebrale Kinderlähmung, Poho- 
encephalitis) kennzeichnet sicli gegenüber der Encephalitis pm-ulenta^ 
sowie einigen anderen, selteneren Formen von Encephalitis (der E. acuta 
der motorischen Centren und der Polioencephalitis superior acuta) nur 
durch ihre klinischen Erscheinungen und ihren Verlauf als eine selbst- 
ständige Krankheit; die pathologisch-anatomischen Veränderungen theilt 
sie mit jenen anderer Arten; man umfasst mit dem Namen der cere- 
bralen Kinderlähmung eine Reihe von seltener angeborenen, öfter er- 
worbenen, theils akut, theils subakut und chronisch einsetzenden Er- 
krankungen des Gehirns und zwar weitaus häufiger der Rinde wie 
centraler Theile , die weder eine einheitliche ätiologische Basis haben, 
noch einen übereinstimmenden, einheitlichen pathologisch-anatomi- 
schen Befund aufweisen. Der letztere stellt sich bald als ein Er- 
weichungsherd, bald in Form einer oder n^ehrerer Cysten, Narben und 
Indurationen oder Defekte dar (Porencephalie), welche das Endprodukt 
des abgelaufenen Entzündungsprozesses sind ; häufig finden sich gleich- 
zeitig entsprechende Veränderungen au den Meningen. Der entzünd- 
liche Prozess ist seltener beschränkten Unifanges ; öfter betrifft er eine 
ganze Hemisphäre oder euien grossen Theil einer solchen. Selten ist 
eine allgemeine Induration, eine lobäre Sklerose. Die Hirntheile, welche 
mit Vorliebe betroffen werden, sind meist hie und da ganz ausschliesslich, 
die Rinde der motorischen Zone; in anderen Fällen sitzt der Herd in 



Die Krankheiten des Nervensystems. 299 

den centralen Ganglien, nur ausnahmsweise in einem Grosshirnsclienkel. 
Der Vorgana;, um den es sich handelt, besteht entweder in einer Hämor- 
rhagie, einer Embolie oder Thrombose mit nachfolgender Erweichung, 
oder aber er stellt sich dar als echte Entzündung, als eine primäre, initiale 
Encephalitis, eine Meningo-Encephalitis. Das Endresultat ist allemale 
annähernd gleichmässig eine Vernichtung funktionsfähigen Gehirn- 
gewebes. In Anbetracht der verschiedenartigen ätiologischen Verhält- 
nisse, der gleichen funktionellen Störung spricht man deshalb, um be- 
züglich der Ursachen nichts zu präjudiziren, am besten nicht von En- 
cephalitis, sondern von einer cerebralen Hirnlähmung, nach ihrem gewöhn- 
lichen Ausgang von einer Hemiplegia spastica infantilis. 

Diese cerebrale Kinderlähmung tritt in verschiedenen For- 
men auf. 

Was die verschiedenen Formen verbindet, ist das allen mehr weniger 
gemeinsame klinische Bild. 

Die angeborene cerebrale Kinderlähmung, von Gowers 
als infantile Meningealh ämorrhagie bezeichnet, entsteht in 
Folge einer Geburts Verletzung. Auch ohne dass ein direktes Geburts- 
hindemiss (Beckenenge), ein operativer Eingriff vorausgegangen zu sein 
braucht, kommt es zu einer meningealen Blutung, die sich hie vmd da 
aus einer Läsion, in anderen Fällen aus dem längeren Bestehen einer 
stärkeren Staung, besonders bei schwerer Asphyxie erklärt. Es bildet 
sich ein Bluterguss und zwar bald au der Konvexität, bald an der 
Basis des Gehirns. Das Konvexitätsextravasat findet sich in der Kegel 
doppelseitig und am ausgedehntesten nahe der Mittellinie, über dem 
motorischen ßindengebiet. Der Bluterguss komprimirt nicht bloss, sondern 
zertrümmert, wo er stärker auftritt, die kortikalen Hirntheile. So erklärt 
es sich, dass, auch nachdem das Blut resorbirt worden ist, eine Atrophie 
und Induration der betroffenen Windungen zurückbleibt. Dieser Vor- 
gang begründet die klinischen Erscheinungen. Die Kinder, welche zum 
Theil asphyktisch geboren wurden, weisen, und zwar seltener direkt 
nach der Geburt, Krämpfe, Spasmen und Lähmungen auf, unter denen 
sie zu Grunde gehen können, oder diese Ei'scheinungen treten erst nach 
Tagen und Wochen auf, was für die Mehrzahl der Fälle zutrifft. Die 
Motilitätsstörung besteht nur in einer Schwäche, Inkoordination, be- 
ziehungsweise in Parese und Paralyse : kongenitale spastische 
Lähmung, oder es treten motorische Reizsymptome auf, Rigidität, 
allgemeine und lokalisirte Konvulsionen, choreatische und athetotische 
Bewegungen: kongenitale Chorea. — Seltener ist die angeborene 



300 Die Krankheiten des Nervensystems. 

Hirnlähmung Folge eines fötalen Prozesses, wobei in erster Linie ein 
den Uterus gravidus treffendes Trauma in Betracht kommt; unerwiesen 
ist der Einfluss psychischer Erregungen der Mutter; auch Syphilis der 
Eltern oder des Fötus soll einen ätiologischen Faktor abgeben können. 
— Die Lähmungs- wie die Krampferscheinungen finden sich nur an 
einer oder an mehreren oder gar allen Exrremitäten ; dem Sitz der Kon- 
vexitätsblutung entsprechend, kommt am häufigsten Lähmung aller vier 
Extremitäten, seltener nur Hemiplegia oder Paraplegia spastica congenita 
vor. Die Konvulsionen hören gewöhnlich bald wieder auf, können 
freilich auch erst später, nachträglich auftreten oder rückfällig werden ; 
dagegen pflegen die Lähmmigssymptome mit Spasmen und Spoiitan- 
bewegungen in den beiden er.sten Lebensjahren zuzunehmen. Hie und 
da wird die Lälimung erst im 4. — .5. Monate oder erst, wenn das Kind 
gehen lernen sollte, bemerkt, auch wohl zusammen mit Spasmus oder 
Chorea, welche gewollte mid versuchte Bewegungen sehr stören oder 
unmöglich machen. Auch die Kumpf- und Halsmuskulatur ist zuweilen 
von der Lähmung betroffen ; Nackenparese mid Bulbärsymptome wären 
aus einer Blutung in Pons mad Medulla zu erklären. Bei der 
Mehrzahl der Fälle gesellt sich dazu ein psychischer Defekt, geistige 
Schwäche, Sprachstörung, ausnahmsweise Sehdefekt. 

Die Diagnose der infantilen Meningealhämorrhagie stützt sich 
auf das Auftreten der Symptome einige Wochen oder Monate, seltener 
gleich nach der Geburt; vor allem aber sind die Erscheinungen stationär 
und nicht progressiv (Gegensatz zu Tumor; akuter Beginn bei akuter 
Cerebrallähmung). 

Die früher oft diagnostizirte spastische Spinallähmung bei 
Kindern ist, wenn keine Wirbelerkrankung vorliegt, fast immer centralen 
Ursprungsund wird besser als angeborene Gliederstarre bezeichnet. 

Die Prognose ist quoad vitam gut, quoad functioneni mn so 
besser, je geringer der geistige Defekt ist, weil mit der Entwiekehmg 
des Willens die Kinder zunehmend besser die die aktiven Bewegungen 
störenden Spasmen zu unterdrücken lernen; so lernen sie, wenn auch 
oft sehr spät, meistens docli gehen.' 

Die Behandlung suche durch Bewegungsübungen, besonders 
Gehversuche mit Hilfe von Maschinen, Gehstidil und dergleichen eine 
Ausbildung, funktionelle Erziehung der erhaltenen oder weniger affizirten 
cerebralen Elemente herbeizuführen, sobald dies die Entwiekehmg der 
Willenskraft gestattet. Der Gang behält oft für Lebenszeiten euren 
spastischen Charakter. 



Die Krankheiten des Nervensystems. 301 

Die Krämpfe reagiren leider auf Brom und Narkotica schlecht. 

Bei der akuten Form der im extrauterinen Leben er- 
worbenen spastischen Gehirnlähmuug setzen meist in vollem 
Wohlbefinden ohne Prodrome unter Fieber heftige Cerebralsymptome 
ein: Erbrechen, schwere Benommenheit des Sensoriums bis zu voll- 
kommener Bewusstlosigkeit, epileptiforme Krämpfe ; letztere sind im 
Gegensatz zur spinalen Kinderlähmung meist das vorherrschende und 
schwerste Symptom ; sie dauern oft Stunden, ja können Tage und Wochen 
mit Unterbrechungen anhalten und sind gewöhnlich einseitig. Erwachen 
die Kinder aus dem bewusstlosen Zustande bezw. der Eklampsie, so 
konstatirt man fast immer eine hemiplegische Lähmung, sehr selten eine 
doppelseitige (in Folge von bilateraler Läsion); meist zeigt sich eine 
Betheiligung von Gehirnnerven : der Facialis ist in seinem unteren Aste 
paralytisch; seltener ist ein N. hypoglossus gelähmt; auch Augenmuskel- 
lähmungen werden beobachtet, und in Folge davon Strabismus; in Fällen 
speziell von rechtsseitiger Hemiplegie findet sich auch wohl Aphasie. 

Im weiteren Verlauf schwindet das Fieber, die Hemiplegie bleibt 
aber zunächst bestehen ; dabei zeigt sich der Arm meist mehr ergriffen 
wie das Bein; die Lähmung beider kann allmählich sich bessern, indem 
die gesunde Hemisphäre kompensirend eintritt; eine unvollständige 
Hemiplegie kann selbst nahezu schwinden bis auf eine leichte Inko- 
ordination; fast immer bleibt die Lähmung aber wenigstens zu einem 
Theile dauernd bestehen. Stets zeigt sie das Charakteristische der Cere- 
brallähmung, also neben hemiplegischer Form Erhaltenbleiben der 
Reflexe bis zur Steigerung derselben, Spannung der gelähmten Muskeln, 
Spasmen, die sich bis zu Kontrakturen ausbilden können. Diese Kon- 
trakturen sind entweder stabil und dann meist von typischer Form : 
der Oberarm an den Rumpf gezogen, der Unterarm gebeugt, die Hand 
stark flektirt oder überstreckt, die Finger eingeschlagen oder bis zur 
Subluxation gestreckt, das Bein im Kniegelenk leicht flektirt, der Fuss 
in Spitzfussstellung; oder aber es treten nur zeitweise bei willkürliehen 
Bewegungen tonische Kj-ämpfe auf ; jedoch ist meist ein gewisser Spas- 
mus der Muskulatur konstant und steigert sich nur bei jedem Beweg- 
ungsimpulse. Fast regelmässig zeigt sich bei dieser Hemiplegie auch 
die Erscheinung der Mitbewegungen. Die elektrische Erregbarkeit ist 
normal; die gelähmten Glieder erleiden eine massige Liaktivitätsab- 
magerung, jedoch niemals in dem Grade wie bei der spinalen Lähmung; 
ebenso fehlen schwere CirkulatioQsstörungen; dagegen bleiben die Ex- 
tremitäten meist im Wachsthum zurück. Der Arm bleibt in der Mehr- 



302 Die Krankheiten des Nervensystems. 



■Li 



zahl der Fälle hochgradig gelähmt, während die Paralyse des Beines 
sich sehr zu bessern pflegt, ebenso die Facialislähmung ; Hinken 
oder Pes equinus, equino-varus sind freilich häufige Folgezustände. Im 
Laufe der Zeit können dauernde oder nur bei Bewe,gung einsetzende 
posthemiplegische Chorea resp. Hemichorea und noch häufiger Athetose, 
Kindenepilepsie sich ausbilden, d. h. Konvulsionen meist nur der ge- 
lähmten Seite nach dem bekannten Bilde der Jakson'schen Epilepsie 
mit und ohne Bewusstseinsverlust ; und zwar findet dies in fast 2/3 
aller Fälle statt. Sensibilitätsstörungen fehlen in der Eegel. Veränder- 
ungen am knöchernen Schädel sind inkonstant vertreten ; die dem Krank- 
heitssitz entsprechende Schädelhälfte erweist sich öfters etwas kleiner. 
Ernste Folgen des Krankheitsprozesses sind häufig von Seiten der Psyche 
zu verzeichnen. Die Störung der Sprache zwar pflegt sich in den meisten 
Fällen allmählich spontan zurückzubilden. Dagegen bleibt der Intellekt 
gewöhnlich bedenklich beeinträchtigt, ja es kann vollkommene Imbecillität 
der Ausgang sein. In einzelnen Fällen bilden sich die Lähmungen 
ganz zurück, aber es treten von Zeit zu Zeit wieder epileptiforme Krämpfe 
in der gelähmten Extremität auf; das Kind hat seinen Charakter ver- 
ändert, ist störrisch, eigenwillig und boshaft, moralisch irre geworden. 

Das gleiche traurige Endstadium wird bei der chronischen 
Cerebrallähmung mehr allmählich erreicht und entwickelt sich 
manchmal aus den unscheinbarsten Anfängen heraus. Den Beginn 
können Zuckungen einzelner Cerebralnerven machen (Strabismus, Nystag- 
mus, Facialkrämpfe und -Paresen), Störungen der Motilität der Extremi- 
täten in Form von Chorea oder Athetose (sog. choreatische Parese), 
Ataxie, Zittern; plötzlich kann ein eklamptischer Anfall hereinbrechen, 
das Bild einer Apoplexie auftreten, und beide hinterlassen eine Hemi- 
plegie. Solche Anfälle mit Intervallen leidlich normalen Befindens 
wiederholen sich, und schliesslich kann imter Alteration des Seh- und 
Hörvermögens , der Litelligenz überhaupt , unter Bulbärerscheinungen, 
Sehwindel und Ohnmächten die Krankheit in Epilepsie, völliger Idiotie 
enden; in einem Krampfanfall, unter Sopor oder an einer zufälligen 
Komplikation kann in noch jugendlichem Alter der erlösende Tod ein- 
treten. 

Seltener sind die Fälle doppelseitiger Hemiplegie, bei der alle vier 
Extremitäten von spastischer Lähmung befallen sind: Diplegia 
spastica infantilis; hierbei ist die Rumpf- und Rückenmuskulatm- 
häufig mitbetheiligt; die Kinder vermögen den Kopf nicht zu heben 
und tragen ; an den Beinen zeigen sich mehr Spasnuis luid Parese, an 



Die Krankheiten des Nervensystems. 303 

den oberen Extremitäten mehr Chorea nml Athetose. Diese Fälle 
flecken sich meist mit der infantilen Meningealhämorrhagie nnd werden 
manchmal erst erkannt, wenn das Kind laufen lernen soll, wobei es die 
Füsse in Spitzfnssstellung bringt, die Obersehenkeladduktuoren spastisch 
kontrahirt werden, spez. bei dem Versuche jDassiver Bewegung der Beine 
im Hüftgelenk. Bei dieser Form ist die Epilepsie viel seltener, wie 
bei der spastischen Hemiplegie. 

Die Prognose der akuten und chronischen Cerebrallähmnng ist 
demnach stets zweifelhaft bis schlecht. Nur wo die anatomischen Ge- 
websläsionen sehr geringfügig sind, ist eine volle Genesung möglich; 
meist erlangen die betroffenen Glieder nur eine beschi-änkte, durch Kon- 
traktur, Chorea gestörte Beweglichkeit wieder ; auch können noch nach 
langer Frist epileptische KJrämpfe einsetzen ; die Intelligenzbeeinträchtig- 
ung verräth sich durch verzögertes oder ganz ausbleibendes Sprech- 
vermögen, mangelnde oder mangelhafte Entwickelung geistiger Fähig- 
keiten. Doch können auch in dieser Beziehmig noch nach Jahren 
erfreuliche Besserungen eintreten ; eine vorhandene Aphasie bildet sich 
sogar fast regelmässig wieder zurück. Das Leben kann recht lange 
bestehen bleiben. 

Eine Verwechselung selbst auch nur der akuten Form mit einer 
spinalen Paralyse ist bei der Art der Lähmung (Hemiplegie, Spasmen, 
erhaltene, resp. gesteigerte Reflexe, Kombination mit Athetose, Chorea, 
Mitbetheiligung von Gehirnnerven, geringe Atrophie, normales elekt- 
risches Verhalten, Betheiligung des Sensoriums, der Psyche) kaum mög- 
lich; dagegen kaiui die LTnterscheidung von Tumor zeitweise schwierig 
sein, spez. bei langsam auftretender Hemiplegie. Die anfangs wie 
eine Chorea einsetzende diplegische Form giebt diu-ch ihr Auftreten 
bald nach der Geburt, ihre Hartnäckigkeit, im weiteren Verlauf 
durch deutliche spastische Schwäche der Beine ihren Ursprung zu 
erkennen ; eine monoplegische Armlähmung kömite nur zur Verwechsel- 
ung mit Geburtslähmung führen, unterscheidet sich aber durch ihren 
spastischen Charakter und das Fehlen der Muskeldegeneration. 

Die Aetiologie der cerebralen Kinderlähmung ist nicht 
genau bekannt; die Affektion befällt häufig gesunde Kinder ähnlich 
einer Infektionskrankheit, in Analogie zur Poliomyelitis acuta anterior als 
Encephalitis acuta der motorischen Hirnregionen, spez. von Kinde und 
Mark, weniger der Centralganglien. Beschuldigt werden noch Bluts- 
verwandtschaft der Eltern und wohl mit mehr Recht die Lues. Eine 
bedeutungsvolle Rolle spielen jedenfalls Infektionen, da man im An- 



304 Die Krankheiten des Nervensystems. 

schluss besonders an Scharlach, Masern, weniger Diphtherie, Keuch- 
husten, Pneumonie, Influenza, die Encephalitis sich öfters entwickeln 
sieht; als ihre Ursache hat man gerade hier Embolie im Gebiete der 
Arteria fossae Sylvii, Thrombose einer Vene mit Extravasation in der 
entsprechenden Gehirnpartie gefunden. Auch Schädeltraumen können 
derartige Veränderungen zur Folge haben, besonders wenn sie während 
einer Infektionskrankheit das Gehirn treffen. 

Die Therapie findet bei akutem Auftreten der Encephalitis in 
der Bekämpfung der entzündlichen Cerebralsymptome wohlbegründete 
Indikationen zur Bethätigung nach bekannten Prinzipien (Eisblase, Blut- 
entziehung, Ableitung); bei Verdacht auf Arenen- und 8inusthrombose sei 
das Verfahren excitirend und roborirend. Später will man durch Faradi- 
>siren und Massiren, passive Bewegungen die gelähmte Muskelthätigkeit 
anregen, einer Entwickelung stärkerer Cirkulations- und Ernährungs- 
störungen, von Kontrakturen und Spasmen in den betroffenen Gliedern 
vorbeugen, ein Zurückbleiben im Wachsthum verhüten. Bleibende Kon- 
trakturen und Lähmungen versteht die moderne orthopädische Chirurgie 
dm'ch Verbände, Maschinen, durch den Er.satz einzelner au.sgefallener 
Muskeln vermittelst Einschaltung erhaltener und entbehrlicher gesunder 
Muskeln oft vorzüglich zu beheben. 

Jod (Jodkali, Jodeisen) soll auf die Entzündungsprodukte resor- 
birend wirken. 

Nöthigenfalls bekämpfe man epileptiforme Anfälle mit Brom- 
präparaten, Chloralhydrat, Chloroform. 

Hirntumoren. Von den pathalogisch- anatomisch bekannten, zahl- 
reichen Arten von Tumoren des Gehirns kommen im Kindesalter ganz 
überwiegend häufig Solitärtuberkel, seltener Sarkome, Carcinome, Gliome, 
sehr selten nur Syphilome und Echinokokken zur Beoliachtung. Die 
Sarkome entwickeln sich aus der Gehirnmasse selber heraus oder wachsen 
vom Knochen, der Augenhöhle, der Dura in die Hirnsubstanz hinein. 

Das weitaus grösste Kontingent liefert die Tuberkulose, und zwar 
in dem Maasse, dass, obwohl klinisch die Natur eines Tumors sich 
wohl selten auch luir errathen lässt, man im Allgemeinen nicht fehl 
geht, wenn man in dubio inmier Tuberkel annimmt. Die Erscheiimngs- 
form ist die des Solitärtu berkels, also eines oder mehrfacher, 
erbsen- bis wallnuss-, ja selbst apfelgrosser, rundlicher oder unregel- 
mässig höckeriger Tumoren, die aus dem Zusammenfliessen mehrerer 
kleiner Tuberkel entstehen und dadurch wachsen, dass sie an ihrer 
Peripherie immer neue miliare Tuberkel aussenden, während das Centrum 



Die Krankheiten des Nervensystems. 305 

verkäst oder eitrig einschmilzt; seltener findet sich im Inneren ein 
festeres Gewebe. Tuberkel können schon angeboren sein, treten jeden- 
falls oft im frühesten Kindesalter auf. Heredität, skrophulöse oder 
ausgesprochen tuberkulöse Affektionen, aucli frühere, scheinbar ganz 
abgeheilte, weisen auf tuberkulösen Tumor hin. Wichtig ist, dass 
Gehiriituberkel selbst multipel auftretend, lange Zeit, seltener dauernd 
vollkommen latent verlaufen können. 

Die Sympitome, die ein Hirntumor macht, setzen sich bekannt- 
lich aus den Allgemein- und den Herdsymptomen zusammen. Die 
AUgemeinerscheinuugen pflegen den Anfang zu machen und rühren 
von dem Reiz des Wachsthums des Tumors als eines Fremdkörpers, 
von Cirkulationsstörungen, die er zur Folge liat, her; sie entwickeln 
sich meist ganz schleichend und langsam ; häufig ist eine Aenderung 
des psychischen Verhaltens des Kindes das erste, was beunruhigend 
auffällt; sie verlieren ihre frühere Munterkeit, ihre Spiellust; besonders 
wird auch bemerkt, dass sie zu ungewohnter Zeit schlafen, aus unruhigem 
Schlafe aufscln-ecken. 

Bald treten noch ausgesprochenere Zeichen von Hirndruck auf, 
deren typischstes die Stauungspapille ist; anfallsweise oder zunehmende 
Amblyop)ie bis zur Amaurose weisen auf eine Störung im Bereich des 
Optikus, Pupillendifferenz, schlechte Reaktion auf Lichteinfall auf eine 
solche des Okulomotorius hin. Die JMitbetheiligung der sensibelen Nerven- 
elemente kennzeichnet am deutlichsten und meist am frühesten der Kopf- 
schmerz, der bei jugendlichen Kindern immer ein sehr alai-mirendes 
Symptom ist; er kann beständig andauern oder intermittirend und 
remittirend auftreten, sieh auf den ganzen Kopf oder auch nur auf die 
Gegend des Tumors erstrecken; auch auf Perkussion kann letztere 
empfindlich erscheinen. Zu den sensibelen Allgemeinstörungen zählen 
auch der Schwindel und die Ataxie, die oft sehr ausgesprochen sind. 
Die motorischen Nerven betheiligen sich öfters durch Lähmungen oder 
Ki'ämpfe, halbseitige oder doppelseitige, oder solche in einzelnen Gliedern. 
Fieberbewegungen sind seltene, Pulsverlangsamung, Erbrechen, Obsti- 
pation fast regelmässige Krankheitszeichen. 

Li anderen Fällen kann ein epileptifornier Anfall, ein ajaoplekti- 
former Insult, eine tiefe Ohnmacht (die Folgen einer plötzliclien Blut- 
stauung oder einer Blutung innerlialb des Tumors), eine allmälilich 
entstehende, halbseitige Parese, oft mit Kontraktion, mit Tremor ver- 
bunden, kann Strabismus, Aphasie, ein ganz lokalisirter Krampf zu 
allererst das Cerebralleiden offenbaren. 

Haus er, Grundriss der Kinderheilkunde. Zweite Auflage. 20 



306 Die Krankheiten des Nervensystems. 

Meist aber geschieht es, dass erst, nachdem sich ganz allmälilicli 
von unscheinbaren Anfängen bis zu dem vollen Krankheitsbilde solche 
Allgemeinsymptome entwickelt haben , unter denen lokalisirter Kopf- 
schmerz und die Stauungspapille den grössten diagnostischen Werth 
besitzen, Benommenheit, Schlafsucht von grosser Bedeutung sind, be- 
stimmte sogenannte Herdsymptome mehr weniger deutlich auch auf den 
Sitz der Krankheit hinweisen. Welcher Art diese Herdsymptome sind, 
hängt natürlich ganz von der Art, der Ausdehnung und der Lokali- 
sation des Tumors ab ; er kann sehr markante Herdsymptome verursachen, 
aber auch solche vollkommen vermissen lassen, sei es nun, dass die 
AUgemeinsymptome das Krankheitsbild ganz beherrschen, Zeichen von 
Entzündung dasselbe verwischen, sei es, das,4 die Geschwulst nur ver- 
drängend, nicht zerstörend, Centren und Leitungsbahnen vernichtend 
wirkt, oder, was nicht selten ist, überhaupt gar keine örtlichen Wirk- 
ungen hervorruft. 

Ueber die Erscheinungen, welche ein Tumor bei bestimmtem Sitze 
macht, wäre kurz Folgendes zu bemerken: 

Tumoren der Schädeldecke, der Hirnrinde an der Kon- 
vexität verm'sachen meist heftige, örtliche, begrenzte Schmerzen, Jack- 
son'sche Rindenepiilepsie, Monokontrakturen, monoplegische Lähmungen, 
Aphasie, die sich schubweise, entsprechend der Lokalisation der Rinden- 
centren, folgen können. 

Tumoren des Kleinhirns sin d oft von Hinterhaujatschmerz, 
Schwindel und taumelndem Gang begleitet. Besonders hervorstechend 
und schwer sind die Koordinationsstörungen ; der Gang ist wie der eines 
Betrunkenen. Drückt der Tumor, wie häufig, wenn er im !Mittelwurm 
oder zwischen diesem und dem Tentorium Cerebelli gelegen ist, auf die 
Vena magna Galeni oder deren Hauptäste, so kommt es zu serösen 
Ergüssen in die Ventrikel, die das Bild eines Hydroeephalus clu-onicus 
hervorrufen, sowie zu anfallsweiser Erblindung, zu Stauungspapille und 
Sehnervenatrophie führen ; dazu konnnen imter Umständen Lähinimgen 
der hinteren Hirnnerven (V — XII). 

Auf einen Herd im Pons weisen in der Regel typische, wenn 
auch oft sehr mannigfache Symptome hin (grobe diagnostische Täusch- 
migen kommen vor). Liegt <ler Tumor rein halbseitig, stört er die 
Funktion der motorischen Bahnen nach abwärts, so ist die Folge eme 
Parese oder Paralyse der Rumpf- und Extremitätenmuskeln derselben 
Seite, sowie des Facialis der entgegengesetzten Seite, genau ebenso wie 
bei einem weiter oben im (irosshirn, speziell im Streifenhügel gelegenen 



Die Krankheiten des Nervensystems. 307 

Herd; dagegen ist für Poiis-Erkrankung ganz charakteristlscli die soge- 
nannte alternirende Läliniung, bei der die Extremitäten und eventuell 
auch die Zunge der gegenüberliegenden, dagegen der Facialis in allen 
seinen Aesten auf derselben Seite gelälimt sind. 

Bei dem häufigsten Sitz in der inneren Kapsel treten kontra- 
laterale Hemiplegie, auch Facialis- und Hypoglossuslähmung auf; der 
Facialis ist meist nur in seinen Mund- und Wangenästen betroffen; die 
Hypoglossuslähmung lässt die Zunge nach der erkrankten Seite ab- 
weichen. — Die halbseitig gelähmten Glieder pflegen nach längerer Dauer 
kontrakturirt zu werden, zeigen viel seltener choreatische oder athetotische 
Bewegungen; sensible Störungen (Hemianästhesie) sind selten nach- 
weisbar, die Hautreflexe der gelähmten Seite herabgesetzt oder erloschen, 
der Patellarreflex erhöht. 

Zu einer genauen Lokalisirung gelangt man deshalb selten, weil 
das gleichzeitige Bestehen mehrfacher Tumoren (speziell Tuberkel) ein- 
deutige Herdsymptome nicht aufkommen lässt, andererseits grosse 
Tumoren, die in wichtigen Theilen des Gehirns sitzend, eigentlich Herd- 
symptome machen müssten , solche manchmal völlig vermissen lassen ; 
entUich ist eine einigermassen sichere Lokalisirung nur dann angängig, 
wenn die Herdsymptome zweifellos sind, wenn sie nicht durch stärkere 
Allgemeinsymptome, durch den Eintritt entzündlicher Prozesse, wie sie 
im Gefolge von Tumoren und besonders Tuberkeln nicht allzu selten 
sind, verändert und überwuchert werden. 

Die Differential diagn ose hat Embolie, Encephalitis und 
Meningitis, Haemorrhagia cerebri auszuschliessen und ist manchmal recht 
schwierig. Tuberkel üben in der Regel keine Druck-, keine Allgemein- 
erscheinungen aus, sondern maclien nur Herdsymptome; eine Ausnahme 
entsteht bei komplizirendem Hydrocephalus ; das Hauptsymptom sind 
Krämpfe, weil der Tuberkel so oft nahe der Hirnoberfläche sitzt, und 
Lähmungen. 

Die Prognose ist natürlich fast immer ungünstig; die Therapie 
wird nur bei syphilitischen Tumoren Erfolge erzielen können. In dubio 
kann man bei jedem Tumor einen Versuch mit eiaier energischen 
Inunktionskm- machen und gleichzeitig Jodkali in grösseren Gaben 
reichen, das selbst gegen Tuberkel als wirksam empfohlen wurde; gegen 
Sarkom versuche man es mit Arsenik. Den Chirurgen wird man nur 
in den seltensten Fällen durch den genauen Nachweis des Sitzes eines 
zugänglichen Tumors zu einem Eingriff ermuthigen können. Bei der 
symptomatischen Behandlung wird man auch beim Kinde das Morphium 

20* 



308 Die Krankbeiten des Rückenmarks. 

auf die Dauer nicht entbeliren können, seltener allein mit Antipj'rin, 
Pyramidon, Eisblase, Galvanisiren auskejmmeu. Die quälenden Er- 
scheinungen des Hirndrucks könjien durch eine Trepanation des Schädels 
mit Abfluss des Lic[uor cerebrospinalis sehr erleichtert oder für lange 
Zeit beseitigt werden; weniger pflegt die Lumbalpunktion zu leisten^ 
die jedoch als der harmlosere Eingriff der Trejjanation vorauszugehen 
hätte und unbedingt vorzuziehen wäre, wenn man nicht nach ihr plötz- 
liche Todesfälle hätte eintreten sehen. 



Die Kraiildieiten des Rückenmarks. 

Meningitis Spinalis. Isolirte, primäre Paehymeningitis wird kaum 
beobachtet (Paehymeningitis liypertrophica). Auch die Leptomeningitis 
kommt gewöhnlich nur als Theilerscheinung der Meningitis cerebro- 
spinalis, als Menmgitis septica, tuberculosa, sowie bei Lues und als 
Folgezustand bei Trauma und Karies, Tumor der Wirbelsäule vor. Ihre 
schwierige Diagnose ist gegeben durch heftige Schmerzen in allen 
Gliedern, in der Wirbelsäule, aktive Rückenlage, Vermeidung von Be- 
wegungen des Rückens, tonische Spannung aller Rumpf- und Extrerai- 
tätenmuskeln , Störungen der Sensibilität in Form von Parästhesien, 
Hyperästhesie, durch Steigerung der Reflexe, Fieber; alle diese Sym- 
ptome treten gegenüber der meist gleichzeitig vorhandenen primären 
Erkrankung meist in den Hintergrund. Im weiteren Verlauf kommt 
es zu sensibeler imd motorischer Lähmung, hohem Fieber, Cheyne- 
Stokes'scher Athmung, Incontinentia alvi, Konvulsionen, Kollaps, Tod. 
Komplikationen sind Decubitus, Pneumonie. 

Der Verlauf ist meist akut, seltener subakut und selbst chronisch; 
dabei wechseln akute Exacerbationen mit Remissionen, sogar Inter- 
missionen. 

Der Ausgang ist gewöhnlieh der in Tod; vollkommene Heilung 
ist selten und kommt fast nur bei der epidemischen Cerebrospinalform 
vor; mindestens bleiben Parapai-esen, Blasensch wache zurück. 

Die Prognose richtet sich nach Ursprung, Sitz (MeduUa) mid 
Charakter der Entzündung; sie ist noch am besten bei traumatischer 
Meningitis. 

Die Behandlung besteht in Kälteapplikation auf die Wirbelsäule, 



Die Krankheiten des Rückenmarks. 309 

Ruhiglagerung-, eventuell auf Kühlmatratze, Verhütung von Decubitus; 
innerlich Kalomel, Chloral, Morphium. 

Die Myelitis entsteht seltener nach Infektionskrankheiten, öfters 
auf dem Boden der Syphilis, besonders aber als Kompressionsmyelitis 
bei Fraktur, Tumor und bei Karies der Wirbelsäule. Ihre Symptome 
treten entsprechend akut oder schleichend auf und sind: spontane und 
Druckschmerzhaftigkeit der erkrankten Wirbelpartie, Unfähigkeit zu auf- 
rechter Haltung mid besonders zur Beugung, zunehmende Parese und 
Paralyse der unterhalb belegenen Muskeln, Seiisibilitätsverlust in diesem 
Bezirk, Tremor, Zuckvmgen, Spasmus, später Kontraktur in den ge- 
lähmten Gliedern, Blasen- und Mastdarmlähmung, Steigerung der 
Reflexe, bei weiterem Fortschreiten epileptische Krämpfe, Decubitus. 
Komplikationen treten ein in Gestalt von Pneumonie, Senkungsabscess, 
Amyloid, Cystitis. Die Prognose ist zweifelhaft. Die Behandlung 
richtet sich gegen das Grundleiden und sucht Druck so^^'ie Ueber- 
greifen des Entzündungsprozesses auf das Rückenmark zu verhüten. 

Auch die spastische Spinalparalyse kommt im Kindesalter zur 
Beobachtung, gewöhnlich jedoch in einer Form, die von der beim Er- 
wachsenen bekannten ziemlich abweicht, als sog. kongenitale oder 
früherworbene spastische Paraparese (angeborene spastische 
Gliederstarre). Wie schon bei der cerebralen Kinderlähmung erwähnt, 
liegt ihre anatomische Grundlage gewöhnlich primär im Gehirn. Während 
bei der spastischen Cerebrallähmung das Rückenmark ganz frei sein 
und bleiben kann, vermag man andererseits in vielen Fällen eine 
Entartung der Pyramiden , welche als motorische Leitungsbahnen 
die direkte Fortsetzung der motorischen Centren nach der inneren 
Kapsel, ITirnschenkel , Brücke und Medulla oblongata darstellen, in 
Folge von Sklerose nachzuweisen. Aber auch wenn eine solche ab- 
steigende Degeneration nicht vorhanden ist, muss man sich die klinischen 
Erscheinungen der spinalen Lähmung damit erklären, dass entweder 
das Gehirn seinen Einfluss auf das Rückenmark verloren hat, oder 
dass die Rüekenmarksbahnen in dem Zustand unvollkommener Ent- 
wickelung verharren. Auch weisen sehr häufig gleichzeitige cerebrale 
Störungen auf den ursprünglichen Sitz im Gehirn, so Strabismus, 
Sprachstörungen, psychische Abnormitäten, Epilepsie und choreatisch- 
athetotische Krämpfe. Meist liegt auch ein ätiologisches Moment in 
Gestalt einer schweren oder Frühgeburt vor. 

An den Symptomen wird die Ki'ankheit trotz ihres kongenitalen 
Ursprungs in der Regel erst erkannt, wenn das Kind gehen lernen 



BIO Die Krankheiten des Rückenmarks. 

soll; seltener ist schon vorher eine auffallende Kontraktur der Adduk- 
toren der Oberscheiikel bemerkt worden. Die Kinder machen erst spät 
ihre ersten Gehversuche uml halten bei diesen die Beine in ganz 
charakteristischer Form steif, die Oberschenkel einwärts i'otirt und 
adducirt, so dass die Knie an einander scheuem, selbst sich kreuzen; 
die Füsse treten in starke Spitzfussstellung; bei der Fortbewegung wird 
das Bein im Ganzen gestreckt bewegt, wobei das Becken stark mitagirt; 
die Zehen und der Grosszehenballen schleifen über den Boden hin. 
Es besteht dauernde Anspannung, oft motorische Schwäche der Bein- 
muskeln; man konstatirt gesteigerte Kniephänomene, hie und da Fuss- 
klonus; Sensibilitäts- oder Sphinkterenstörung wird stets vermisst. In 
vielen Fällen sind auch die Arme mehr weniger an der spastischen 
Parese betheiligt, die Oberarme stark adducirt, der Unterarm gebeugt, 
die Hand flektirt oder extendirt, die Finger gebengt; auch hier ist die 
passive Bewegung durch die Kontraktur erschwert, sind die Sehnen- 
phänomene erhöht, aljer alle Erscheinungen schwächer ausgeprägt wie 
an den Beinen. 

Fehlen cerebrale Symptome (s. o.) vollkommen, so gleicht da.s 
klinische Bild in der That ganz dem der spastischen, rein spinalen 
Parese. 

Die Prognose ist meist nicht so ungünstig , um so besser, je 
mehr die Symptome rein spinale sind, cerebrale fehlen. Stärkere Pa- 
resen und Kontrakturen, Ijesonders bei Betheiligung der Oberextrenii- 
täten, bei der Kombination mit Athetose, Epilepsie und psychischer 
Beeinträchtigung verschlechtern die Aussichten wesentlich. 

Die Behandlung sucht durch protahirte warme Bäder, auch 
Fichtennadel-, Soolbäder die Spasmen zu mildern, durch Massage, lang- 
same und sanfte passive Bewegungen, vorsichtige Gymnastik ihnen 
entgegenzuwirken, die willkürliche Beweglichkeit zu bessern. Zu früh- 
zeitige und forcirte Gehversuche sind zu widerraten. Mit der Zeit 
lernen die meisten Kinder, die Herrschaft über die betroffenen Glieder 
immer mehr zu gewinnen und einem ziemlich normalen Gebrauch zu- 
zuführen. 

Von Medikamenten hat man sich nichts zu versprechen; sie 
kommen nur bei Krämpfen speziell epileptischen Charakters in Frage. 

Avif den ersten Blick ist <lie spastische Gliederstarre nicht immer 
leicht von der 

Friedreich'schen Krankheit, der hereditären Ataxie zu imter- 

scheidcn; dieselbe zeichnet sicli (buch grosse Seltenheit, familiäre Ver- 



Die Krankheiten des Rückenmarks. 311 

breitung aus, beginnt meist im 7. — 8. Jalu-e und gelit mit den sich, 
langsam ausdehnenden Erscheinungen der Ataxie besonders beim Stehen 
und Gehen einher; diese dehnt sich später auch auf die Oberextremi- 
täten, auf Rumpf und Hals aus, und ist meist von choreatischer 
Unruhe begleitet; Nystagmus und Sprachstörung, Schwiudelgefühl bei 
ungeschwächter Intelligenz weisen auf cerebrale Betheiligung. Die 
Prognose ist schlecht, da trotz längerer Lebensdauer der Tod an 
interkvu'renten Affektionen einzutreten pflegt. Verwechselmig kann 
vorkommen mit multipler Sklerose, die hie und da auch mal das 
Kindesalter betrifft, noch mehr mit Lues cerebrospinalis. Die Therapie 
muss sich mit allgemeiner Pflege begnügen. 

Poliomyelitis (infantile, essentielle Kinderlähmung) ist eine der 

häufigsten und folgenschwersten Nervenkrankheiten des Kindesalters. 
Sie befällt vorwiegend Kinder über 1 und vmter 4 Jahren und zwar 
etwas häufiger das mäjinliche Geschlecht. Ueber disponirende Momente 
wissen wir nichts Bestimmtes ; die Krankheit macht vielmehr in der 
Mehrzahl der Fälle den Eindruck einer akuten Lifektionskrankheit, 
obwohl von einer Uebertragung nichts bekannt ist, epidemische Aus- 
breitung nm- ganz vereinzelt beschrieben wurde; im Gegensatz zur 
cerebralen Kinderlähmung scheint ihre Ursache eine einheitliche zu sein. 
Die Krankheit befällt ihre Opfer meist in voller Gesundheit, auffallend 
oft gerade gut entwickelte, blühende Kinder; sie begiiuit überwiegend 
häufig ganz akut. Ohne deutliche, wenigstens ohne tyj)ische Prodrome 
erkranken die Kinder über Nacht mit hohem Fieber und Erschein- 
ungen, die öfters eine Betheiligung des Nervensystems erkennen lassen: 
Kopfschmerz, Aufregung, Unruhe, Delirien, Schlaflosigkeit oder Somno- 
lenz, Apathie, Sopor, daneben häufig Erbrechen, hie und da auch 
eklamptische Konvulsionen. Ohne dass die Untersuchung eine Orgau- 
erkrankung nachzuweisen vermöchte, gehen unter Fieber und den ge- 
nannten AUgemeinerscheiimngen , sowie Anorexie, Dyspepsie ein oder 
einige Tage dahin; seltener ist dieses Vorstadium so schwach ausge- 
bildet, dass es übersehen wird. Nachdem das unregelmässige Fieber 
nachgelassen, das Kind scheinbar von einer unbekannten Krankheit zu 
genesen beginnt, stellt sich heraus, dass ein oder mehrere Extremi- 
täten gelähmt sind. Die Lähmung ist und bleibt eine schlaffe ; sie ist 
mehr weniger voll.ständig und beweist neben den angegebenen Zeichen, 
ihren spinalen Ursprung dadurch, dass sie degenerativ, ausnahmsweise 
nur hemipleglsch, meist gekreuzt oder para-, auch monoplegisch ist oder 
o-ar alle vier Extremitäten betrifft; bevorzugt erscheinen im Allgemeinen 



312 Die Krankheiten des Rückenmarks. 

die Beine; die Reflexe sind erloschen; die Sensibilität ist selten gestört; 
die Sphinkterenfmiktion ist normal, die Psyche intakt; die Lähmungs- 
erscheinungen erreichen, was sehr charakteristisch ist, gleich bei ihrem 
Auftreten ihre grösste Ausdehnung. 

Damit hat der Krankheitsprozess in der Regel seinen Höhepunkt 
erreicht: nach kurzer Zeit findet sich in dem einen oder anderen be- 
troffenen Gliede wieder Motilität anfangs gelähmter Muskelgruppen; 
ja die Beweglichkeit der ganzen Extremität stellt sich wieder her. Die 
Lähnnmg hat also so gut wie nie progressiven Charakter, geht vielmehr 
fast immer theilweise spontan zurück. Dagegen stellen sieh an den 
gelähmt bleibenden Gliedern die Symptome einer schweren Ernährungs- 
störung ein, wie sie nur Folge der Verletzung, Zerstönuig des trophischen 
Centrums sein kann; die paralysirten Muskeln magern rapide, oft bimien 
Tagen, gewöhnlich Wochen ab; die Glieder werden kalt imd eyanotisch ; 
die faradische Erregbarkeit der Muskulatur und zwar .speziell immer 
nur einzelner Muskelgruppen nimmt in eben dem Maasse bis zum Ver- 
schwinden ab mit der auffallenden Erscheinung, dass mitten unter 
paralysirten Muskeln einzelne normal in Ernährungszustand und fai-a- 
discher Erregbarkeit bleiben. So finden sich häufig Deltoides mid Ober- 
armmuskulatur paralytisch, die des Vorderarms und der Hand unberührt; 
die Muskeln des Peroneusgebiets und der Muse, quadriceps femoris ge- 
lähmt, die anderen Muskeln der Unterextremität frei; die Strecker von 
Fuss und Zehen sind oft funktionsunfähig, dabei der Muse, tibialis anticus 
verschont; ebenso bleibt der Muse, sartorius meist fi'ei. Von zwei gelähmten 
Beinen kann sich das eine vollständig oder theilweise wieder erholen. Am 
häufigsten ist die Form der Peroneallähuiung, dann die Lähmung des 
Muse, quadriceps, dann die des Muse, deltoides, seltener die isolii'te 
Lähmung einzelner anderer Armmuskeln. Die faradisch nicht mehr 
erregbaren Muskeln zeigen bald Ejitartungsreaktion. Weitere, meist 
unausbleibliche Folgen sind Kontrakturen der gelähmten Glieder, theils 
durch mechanische Schwerewirkuiig, theils durch das Ueberwiegen nicht 
gelähmter Antagonisten und zwar hauptsächlich an der Unterextremität 
(Pes equino-vanis und -valgus, Pes calcaneus, Beugekoiitraktur der 
Kniegelenke); Skoliose, Lordose sind Folge eines Mitergriff enseins der 
Rückenmuskulatur oder aber der Verkiu'zung eines Beines ; als weitere 
Folgczuwtände zeigen sich Verbililungen an den Gclenkenden, Schlotter- 
gelenke, hie und da Zurückbleiben der gelähmten Glieder im gesammten 
Wachsthum. Die mit der Zeit an den gelähmten Gliedern sich inmier 
deutlicher entwickelnden C'irkulatiojisstörungen in Gestalt einer Abkühlung 



Die Krankheiten des Rückenmarks. 313 

und cyanotischen Verfärbung der Haut lassen auf eine Betheiligung der 
Vasomotoren (neben den Folgen der Inaktivität) schliessen. 

Mastdarm und Blase bleiben auch in der Folge ausnahmslos frei. 

Das Sensorium und die Psyche zeigen sich im weiteren Verlauf 
ebenso unbetheiligt wie die Gehirnnerven. Sehr selten lässt eine Lähm- 
ung im Gebiete des Facialis, Abducens, Oculomotorius, der Blase und 
des Mastdarms auf eine Kombination von spmalen mit encephalitischen 
Herden schliessen. 

Viel seltener entwickelt sich die spinale Lähmung mehr subakut 
unter geringerem Fieber, massigem Ergriffensein des Körpers, aus- 
nahmsweise nur ausgesprochen chronisch. 

Die klinischen Erscheinimgen entsprechen genau den patho- 
logisch - a n a t o m i s c h e n V e r ä n d e ru n g e n , midtiplen, disseminirten 
Herden in den grauen Vorderhörnern des Eückenmarkes, besonders an 
der Cervikal- und Lumbalanschwellung, die ihre Entstehung entweder 
Unterbrechungen des Blutkreislaufes oder einer echten Entzündung ver- 
danken und in Degeneration der ISTervenelemente enden (Schwund der 
multipolaren Ganglienzellen und Nervenfasern, Anhäufung von Körn- 
chenzellen), und denen sich Atrophie der Vorderseiten stränge, der vor- 
deren Wurzeln, der peripheren Nerven bis in die Muskelverzweigungen, 
endlich Schwund und theilweise Verfettung der Muskelzellen anschliessen. 

Die Diagnose kann kaum je fehlgehen; Cositis und luetische 
Pseudoparalyse sind auszuschliessen (Schmerzlähmung, normale Muskel- 
und Sehnenerregbarkeit); mehr Schwierigkeiten erwachsen bei der auch 
im Kindesalter vorkommenden multiplen Neuritis, traumatischer Häma- 
tomyelie, Myelitis. 

Die Prognose ist nur auf der Höhe der Krankheit, d. h. nur 
in dem Smne günstig, als erfahrungsgemäss die Lähmungen meist theil- 
weise zurückgehen. Dagegen pflegen die zurückbleibenden Paralysen um 
so hartnäckiger, meist irreparabel zu sein. Nur einer frühzeitigen Behand- 
lung gelingt es vielleicht, die Vorhersage etn-as zu verbessern. Dabei giebt 
die elektrische Untersuchung einen wichtigen Hinweis ; alle Muskeln, in 
denen nach 2 — 3 Wochen die faradische Erregbarkeit nicht ganz er- 
loschen ist, werden voraussichtlich wieder leistungsfähig werden ; Muskeln 
mit kompleter Entartungsreaktion bleiben mindestens in der Haupt- 
sache gelähmt. Leider scheint die abgelaufene Erkrankung eine Prä- 
disposition für spätere atrophische Lähnnmgszustände, forschreitende, 
auch professionelle Muskelatrophie zu hinterlassen. 

Die Behandlung ist im ersten Stadium symptomatisch: Eis- 



314 Die Krankheiten des Rückenmarks. 

blase auf den Kopf, laue Bäder ffuchen die cerebralen Eeizerschein- 
imgen zu mildern, abs^olute Ruhe, auch Verhinderung von Husten, 
Pressen, Eisblasen, Kühlrohren auf das Rückgrat, l)lutige Bchröpfköpfe, 
Kalomel die Entzündung im Rückenmark zu bekämpfen und abzuleiten ; 
daneben giebt man Fieberdiilt, bei epileptiformen Kj-ämpfen Narcotica; 
massige Schwitzprozeduren, besonders hydropathische Vollpackungen, wohl 
auch mit Beihilfe von etwas Salicyl, Aspirin scheinen nützlich werden 
zu können. Sobald die Lähmungen in die Erscheinung getreten sind, 
kann man durch vorsichtige Applikation der galvanischen Anode auf 
die Rückenmarksherde resorbirend, umstimmend einzuwirken suchen; 
sodann trachtet man durch galvanische Kathodonbehandlung , Gym- 
nastik der nicht gelähmten und Massage der gelähmten Muskeln der 
Atrophie derselben, sowie Cirkulationsstöriuigen vorzubeugen, eine 
bessere Ernährung anzuregen. In späteren Stadien kann maiL daneben 
auch die noch reagirenden Muskeln durch faradische Ströme energisch 
reizen. Regelmässige und vor allem konsequent ausdauernde ortho- 
pädische Uebungen suchen die Entstehung von Konti-aktiu-en zu ver- 
hüten. Roborirende Diät, Sool-, Fichtennadelbäder sind altempfohlene 
Unterstützungsmittel. 

Was eine einjährige, konsequente, speziell elektrische, Massage- 
und gj'mnastische Behandlung nicht besserte, ist meist verloren. 

Ausgebildete paralytische Kontrakturen fallen dem orthopädischen 
Chirurgen zu, der durch Tenotomieen, Transplantation von Muskeln 
noch Vieles zu bessern vermag; Hervorragendes leisten auf diesem Ge- 
biet auch geschickte Bandagisten (Hessing, Paaschen). 

Die Eklampsie ist der Krampf itUT e^oyJ]v des Kindesalters. Er 
Unterscheidet sich in seinen Erscheinungen in keiner Weise von einem 
echten epileptischeji Anfall; hier wie dort sehen wir, wohl auch nach 
einer Art von Aura, unter Verlust des Bewusstseins (weite reaktions- 
lose Pupillen, Erlöschen der Sensibilität, psychische Taubheit, keine 
Erinnerung) die Körpermuskulatur in ihrer Gesammtheit oder einzebie 
Extremitäten oder nur gewisse Muskelgruppen von tonischen und 
klonischen Zuckungen befallen. Dabei kommt es in der Regel rasch 
zu Störungen der Cirkulation; nacli einem anfänglichen oder voraus- 
gegangenen Erblassen des Gesichts stellt sich rasch eine tiefrothe bis 
cyanotisch-blaue Färbung desselben ein. Die Athmung wird unregel- 
mässig, krampfhaft zuckend, stöhnejid, aussetzend. Nachdem der An- 
fall seinen Höhepunkt über.schritten, hören die Kontrakturen allmählich 
inif; vereinzelt folgt noch eine Zuckung; die Stauung lässt nach, die 



Die Krankheiten des Rückenmarks. 315 

Athmung wird ruhiger, regelmässig, die gespannte Muskulatur weich, 
schlaff; es tritt unter Schweissausbruch völlige Ruhe, selbst tiefer, 
soporöser Schlaf ein; erwacht das Kind, so hat es keine Ahnung von 
dem, was mit ihm vorgegangen, zeigt sich wohl auch erstaunt über die 
Umgelnuig, die Situation; fast immer ist es müde, sogar erschöpft und 
verfällt bald wieder in Schlaf. Während des Anfalles können Urin 
und Stuhl unwillkürlich abgehen. 

Von den einzelnen Krampferscheinungen wären noch namhaft zu 
machen: starrer Blick, Schielen, Rollen der Bulbi, Zuckungen im 
Facialisgebiet, Krämpfe der Kaumuskulatur (Trismus, auch Kaubeweg- 
mig. Knirschen mit den Zähnen), Zungenbewegungen, wobei Schaum 
vor die Lippen tritt, Verletzungen der Mundschleimhaut und Zunge 
erfolgen können, Opisthotonus oder klonische Ki'ämpfe in Nacken-, 
Rücken- und Schultemiuskeln; Konvulsionen der Extremitäten oder 
tetanische Starre derselben, wobei die Hände meist geballt, die Daumen 
eingeschlagen sind. 

Neben diesem schweren Anfall sieht man ein anderes Mal nur 
halbseitige, auch monoplegische Krämpfe, oder der Anfall besteht nur 
in einem gellen Aufschreien und ganz flüchtigen Kon\ailsionen, oder 
er beginnt mit Zuckungen im Gesicht und greift successive auf Arme, 
Rumpf, Beine über; bei ganz leichten Anfällen kann das Bewusstsein 
erhalten bleiben. 

Die Dauer des Anfalls kann wenige Sekunden bis Minuten, ja 
mit Remissionen, vorübergehenden Intermissionen Stunden und selbst 
Tage betragen. 

Gewöhnlich bleibt es nicht bei einem isolirten Anfall, sondern es 
folgen einander mehrere von verschiedener Stärke und Dauer. 

Der Veranlassungen zu dem Ausbruche eines oder gehäufter 
eklamptischer Anfälle giebt es viele. Wenn der Krampf Ausdruck 
einer centralen Neurose ist, so reden wir nicht mehr von Eklampsie, 
sondern von echter Epilepsie, die oft genug im frühen Kindesalter 
unter dem Bilde einer Eklampsie beginnt. Ein Status eclampticus 
analog dem Status epilepticus scheint beim Kinde nicht vorzukommen, 
daher ist er stets auf Epilepsie zu beziehen. Ebensowenig gehören die 
Krämpfe, welche Folge einer materiellen Gehirn erkranknng (Tumor, 
Meningitis, Encephalitis), eines Schädeltraumas sind, zu der Eklampsie 
im engeren Sinn. Der sogen, eklamptische Krampf ist stets Symptom ; 
seine Voraussetzung sind Veränderungen im Centrabiervensj'stem, die 
nicht in anatomischen Läsionen, sondern in vorübergehenden Cirku- 



316 Die Kranklieiten des Rückenmarks. 

lations- und Ernäiirungsstörimgen, in toxischen Reizungen, reflektorischer 
Erregung bestehen. Unter den Cirkulationsstörungen ist die Anaemia 
cerebri zu nennen , die jedoch in praxi die geringste Rolle spielen 
dürfte, am ehesten noch nach starken Blutverlusten, nach schwä- 
chenden Krankheiten durch Inanition auftritt. Ebenso -wirkt umge- 
kehrt Stauung, venöse Hyperämie bei Erschwerung der Respiration 
(Spasmus glottidis, Tussis convulsiva, Ki-oup und dergl.). Ob aktive 
Hirnhyperämie allein für sich im Stande ist, Eklampsie zu erzeugen, 
ist fraglieh; die Gelegenheiten, bei denen sie diese Wirkung haben 
sollte (Fieber), lassen vielmehr die bessere Deutung zu, dass der krampf- 
auslösende Effekt auf Toxine zurückzuführen sei. Unter die das Ge- 
hirn direkt treffenden und die motorischen Rindeucentren erregenden 
Stoffe fallen alle die toxischen Substanzen, die wir als Stoffwechsel- 
produkte der septischen und spezifischen Mikroorganismen kennen ge- 
lernt haben oder bei den bakteriologisch noch nicht genauer gekannten 
Infektionskrankheiten annehmen müssen; ferner Toxalbumine und Pto- 
maine, die bei abnormen chemischen und mikroparasitären Umsetzungen 
im Verdauimgskanal entstehen und resorbirt werden können. So er- 
klären wir uns den eklamptischen Anfall, mit dem sich manche In- 
fektionskrankheiten, speziell Scharlach, auch Angina tonsillaris, Dys- 
pepsieen einleiten, der im Verlaufe aller hochfieberhaften Affektionen 
auftreten kann. Diesen Giften ähnlich wirken auch der Alkohol, Opiate, 
Belladonna und dergl. in toxischer Dose, endlich die bei Urämie im Blute 
kreisenden Körper, Aceton etc. Schliesslich kann auf rein reflektorischem 
Wege Eklampsie ausgelöst werden durch heftige Reize, welche Gehirn 
und periphere Nerven treffen; so nimmt man an, dass die heftigen 
Schmerzen bei einer Darmkolik, bei der Zahnung, starke Ueberladung 
des Magens, Verbrennungen, der Reiz von Würmern, Nieren-, Blasen- 
steinen, Einklemmungen von Eingeweiden, endlich Schreck, heftige 
psychische Erregung einen Kranipfanfall zur Foltie haben können. In 
Summa sind es also toxische, reflektorisch wirkende, traumatische und 
psychische Momente, welche Eklampsie auszulösen vermögen. 

Neben den angeführten ätiologischen Faktoren ist aber noch die 
Prädisposition des kin dlichen Organismus zu Krämpfen über- 
haupt v(ni grösster Bedeutung; nicht bloss ist die Erregbarkeit der 
peripheren Nerven höher, sondern tlie Entwickelung der Hemmungs- 
centren ist speziell in der ersten Lebensperiode so weit zurück, dass 
schon ein Reiz schwächerer Art zur Entfaltung eines kram pf erregen den 
Einflusses gelangen kann. Nur dieser Umstand macht es verständlich, 



Die Kranklieiten des Rückenmarks. 317 

warum Avir bei den verschiedensten Erkrankungen des Kindes Eklampsie 
auftreten sehen, die mit zunehmendem Alter, schon mit dem 3. bis 
4. Jahre immer seltener wird ; jenseits der Pubertät scheint diese Dis- 
position vollkommen geschwunden. 

Abgesehen von dieser, sämmtlichen Kindern der jüngsten und 
jüngeren Altersstufen zukommenden spezifischen Neigung zu eklampli- 
schen Krämpfen, ist es die in diesen Lebensperioden so verbreitete 
Rachitis, welche jene verhängnissvolle Disposition noch verstärkt (s. d.), 
ohne dass wir den Vorgang uns zu erklären vei'möchten. 

So einfach die Diagnose der Eklampsie an sieh ist, so schwierig 
wird es oft, eine echte funktionelle Krampfform von den symj)tomati- 
schen Krämpfen zu sondern, sodann die im speziellem Falle zu Grunde 
liegende Ursache des Anfalls herauszufinden. Die Unterscheidung von 
der Epilepsie ergiebt sich im weiteren Verlauf; auch fehlt beim epi- 
leptischen Anfall gewöhnlich das Erbrechen. Bei organischer Gehirn- 
affektion lokalisiren sieh häufig die Krämpfe in auffallender Weise 
(z. B. halbseitig); auch pflegen anderweitige cerebrale Allgemein- und 
Herdsymptome nicht auf sich warten zu lassen ; stets wird man auch 
an. Urämie denken müssen. 

Die Prognose der Eklampsie ist einmal abhängig von der Ge- 
legenheitsursache, der Basis, welche dieselbe in der Konstitution, in 
Allgemeinerkrankungen des Kindes hat, sodann von der Häufigkeit und 
der Schwere der Anfälle. Da in einem Anfall sofort durch Asphyxie, 
Herzlähmung der Tod erfolgen oder durch hochgradige Stauung in aller- 
dings seltenen Fällen eine Blutung innerhalb der Schädelkapsel und 
ein rasches Lungenödem die Folge sein kann, so ist die Vorhersage 
stets vorsichtig zu stellen. Alle Komplikationen, besonders mit Herz- 
fehler, Herzschwäche, Krankheiten der Athmungsorgane sind verhäng- 
nissvoll. Ebenso wird die Prognose durch das Bestehen hochgradiger 
Rachitis sehr getrübt. 

Die Behandlung scheidet sich in die des augenblicklichen An- 
falls und die der gegebenen LTrsachen desselben. 

Der einzelne Anfall giebt nur bei längerer Dauer oder wiederholtem 
Auftreten, das Verhaltungsmassregeln für Eltern und Pfleger erheischt, 
Anlass zu therapeutischen Eingriffen. Im grossen Ganzen wird man 
zunächst nichts thun, als das in Krämpfen liegende Kind auf ein Bett 
lagern und vor Verletzungen während der Zuckungen schützen ; daneben 
wird man sein Augenmerk auf die Respiration richten, darauf achten, 
dass nicht durch Rückwärtslagern der Zunge, durch Aspiration von 



318 Die Krankheiten des Rückenmarks. 

Speisen, bei deren Aufnahme das Kind vielleicht von dem KramjDfe 
überrascht wurde, Asphyxie eintritt. Sehr hochgradigen Blutandrang 
zum Gehirn kann man durch Eiskompressen, Eisblase, endlich Kom- 
pression der Karotiden zu massigen trachten. 

Dauert der eklamptisehe Anfall sehr lange oder nimmt er gefahr- 
drohende Gestalt an, so greift man zu der am raschesten wirkenden 
Chloroform- oder Aethernarkose ; Morphiuminjektionen muss man mög- 
lichst vermeiden; Chloralhydrat , eventuell mit Bromsalzen kombinirt, 
da,s während des Anfalls nicht per os genommen werden kann, wäre 
im Klysma zu versuchen; bei der bestehenden Bewusstlosigkeit muss 
freilich durch Verschliessen der Analöffnung einer miwillkürliehen Ent- 
leerung der Lösung vorgebeugt werden. Hält ein Anfall lange an, 
und stehen Rückfälle zu befürchten, so wii'd man stets zu dem Chloral- 
hydrat in Verbindung mit Brom greifen. 

Nach Beendigung des Anfalls hat, soweit dies möglich, eine ätio- 
logische Behandlung Platz zu greifen. Man würde also bei Magen- 
überladung, Dyspepsie, Kolik ein Brechnnttel verordnen, eine Magen- 
ausspülmig vornehmen, Oleum Eicini, Kalomel geben, hydropathische 
Kompressen auf das Abdomen, Klystiere machen. Bei hohem Fieber 
erweist die Wärmeentziehung (Eisblase, laues Bad, Einpackungen), wie 
weit die hohe Temperatur als solche an der Erzeugung der Eklampsie 
betheiligt ist. 

Bei Rachitis ist eine entsprechende Allgemeinbehandlung einzu- 
leiten, die Erregbarkeit der motorischen Centren durch längeren Ge- 
brauch von Brompräparaten mit Chloral zusammen abzustimipfen imd 
Rückfällen vorzubeugen. 

In jedem Fall von Eklampsie ist ein im Ganzen beruhigendes 
Verfahren, Vermeidung von Alkohol, Thee, Kaffee, Aufregungen etc. 
am Platz. 

Die Epilepsie beansprucht insofern das Interesse des Kinderarztes, 
als sie einmal, wenn auch selten, angeboren vorkommt, sodann oft 
schon in fi-üher Kindheit ihre ersten Anfänge jiimmt und einer Behand- 
lung ebenso bedürftig wie zugänglich ist. Ihre Aetiologie ist die 
bekannte ; die grösste Rolle spielt die Heredität, Epilepsie resp. psycho- 
pathische Konstitution, daneben Alkoholismus und Syphilis der Eltern, 
viel seltener liegen Schädel- und Nervenverletzungen vor. Ausgangspunkt 
sind wohl die motorischen Rindencentren. Der pathologisch-anatomische 
Befu}id ist bekanntlich sehr mannigfaltig. Freud will jeile kindliche 
Epilepsie auf organische Veränderungen der Hirnrinde zurückfülu'en, wie 



Die Krankheiten des Rückenmarks. B19 

sie im Anschluss au akute lufektiouskraukheiteu auftreten und denen einer 
cerebralen Kinderlähmung sehr verwandt sind, auch ohne dass es gleich- 
zeitig oder später zu Lähmungserscheinungen zu kommen braucht. Den 
Anfällen geht auch bei Kindern häufig eine tyjjische Aura voraus; 
auch reine psychische Aura ist mir schon vorgekommen. Der Anfall 
selbst erfolgt genau wie beim Erwachsenen ; im ersten Entstehen zeigen 
sich die Krämpfe manchmal in ganz milder, in- und extensiv beschränkter 
Form (petit mal), um mit der Zeit erst ihren echten, furchtbaren Cha- 
rakter anzunehmen. 

Diagnostisch hat man Eklampsie auszuschliessen (s. d.); sodann 
muss unterschieden werden, ob es sich um idiopathische oder sympto- 
matische Epilepsie (bei Tumor, Encephalitis) handelt; Hysterie wird 
sich nicht immer sofort ausschliessen lassen, speziell nicht bei leichten, 
ganz rasch vorübergehenden Anfällen epileptiformer Krämpfe und Fehlen 
typischer, anderweitiger hysterischer Symptome. 

Die Prognose ist zweifelhaft bis schlecht, da volle und dauernde 
Heilungen sehr selten, Recidive scheinbar geheilter Erkrankungen die 
Kegel sind. Bei schweren Fällen leidet stets die Intelligenz, auch die 
körperliche Entwickelung. Der Ausgang in Idiotie, epileptisches Irre- 
sein, Marasmus, Tod durch Tuberkulose, Encephalorrhagie ist gewöhnlich. 

Die Behandlung sei die bewährte Bromtherapie; sie giebt in 
manchen Fällen bei konsequenter Anwendung grosser Dosen (am besten 
Bromwasser) gute Erfolge; daneben sorge man für entsprechendes Regime, 
ruhiges Leben ohne jede körperliche und geistige Anstrengung, Ab- 
halten von gemüthlichen Erregungen, ganz reizlose und alkoholfreie 
Kost; bei Häufung der Anfälle bleibt nur die LTeberweisung in eine 
Anstalt übrig. Selten wird man in einem Residuum von Schädeltrauma, 
Verletzung peripherer Nerven, Neuritis u. dergl. einen präciseren An- 
haltspunkt für eine kausale Therapie finden. 

Die Tetanie (idiopathische Kontral<turen Henoch's) ist eine der 
häufigeren Krampfformen des Kindesalters, die Maugels einer nach- 
gewiesenen und auch unwahrscheinlichen anatomischen Grundlage zu 
den Neurosen zu zählen ist. Bekanntlich stellt das jugendliche und 
besonders das frühe Kindesalter das Hauptkontingent aller Tetanief alle; 
das Leiden befällt überwiegend häufig Individuen der unteren Stände 
und öfters Knaben als Mädchen. 

Die Aetiologie der Tetanie ist nicht ganz klargestellt, jedenfalls 
nicht einheitlich. Eine neuropathische Familienbelastung lässt sich nur 
ausnahmsweise auffinden. Sicher ist, dass Tetanie während und nach 



320 Die Kraiikheiten des Rückenmarks. 

Infektionskrankheiten, besonders beim Typhus, seltener bei Cholera, 
Gelenkrheumatismus, Masern und Pneumonie, sowie auch bei Nephritis 
auftreten kann; sodann schienen mir in erster Linie Verdauungsstörungen, 
speziell subakute Darmdyspepsieen gerade bei Kindern einen ätiologi- 
schen Faktor abzugeben, ob auch Erkältungen ist mein- wie fraglich. 
Da förmliche Epidemieen von Tetanie beobachtet werden, namentlich 
in der kalten Jahreszeit, freilicli weniger bei uns zu Lande, als in 
Oesterreich und in südlichen Gegenden, so muss man wohl auch an 
derzeit unbekannte epidemische Einflüsse denken. Feststehend und für 
die Genese aller kindlichen Krampfformen von grossem Interesse ist 
die Thatsache, dass rachitische Veränderungen bei den befallenen Kindern 
nur ausnahmsweise vermisst werden, sehr oft Stimmritzen- und allgemeine 
eklamptische Krämpfe sich mit den tetanischen kompliziren, ihnen folgen 
oder vorausgegangen sind. Zeichen von Anämie, Dystrophie finden wir 
neben denen der Rachitis bei tetanischen Kindern häufig. Ob Ein- 
geweidewürmer, die Dentition, Nierenkolik und dergl. eine Reflex aus- 
lösende Wirkung üben, ist für den einzebien Fall noch zu erweisen. 

Klinisch charakterisirt ist die Tetanie durch eine typische 
Form von Muskelspasmen, die, auf bestimmte Muskelgruppen meist der 
Hände und Füsse beschränkt, ausnahmslos symmetrisch auftreten. 

Ohne nachweisbare Prodrome, nach höchstens allgemeinen Schmerz- 
äusserungen setzt fast immer plötzlich und zwar bei ganz freiem Sen- 
sorium ein tetanischer Krampf an den Extremitäten, gewöhnlich erst 
den Händen, dann auch den Füssen ein; es kommt dabei zu ganz 
eigenartigen Kontrakturen und zwar in der Gestalt, dass die Finger 
und Hände in der Hauptsache i)i Folge von Spasmus der Interossei 
eine Schreibhaltung, die Füsse die Stellung des Pes equino-varus 
annehmen. Dabei pflegt das Hand- und Fussgelenk leicht flektirt zu 
sein, ebenso das Ellbogengelenk ; die Zehen sind ebenfalls gebeugt, das 
Kniegelenk gestrekt, der Oberschenkel und meist auch der Oberarm 
leicht adduzirt. Die Schultermuskulatur bleibt gewöhnlich frei; in 
schiveren Fällen betheiligen sich auch Rumpf und Kopf. Der Beginn 
ist, wie gesagt, fast immer anfallsweise; der Krampf ist bei kleinen 
Kindern in der Regel länger, viele Stunden, bis zu Tagen, ausnahmsweise 
Wochen andauernd, öfters auch nur intermittirend ; letzteres ist häufiger bei 
älteren Kindern der Fall. Bei intermittirender Tetanie sind die Anfälle 
wechselnd von kürzerer oder längerer Dauer, um binnen Tagen, Wochen, 
spätestens einigen Monaten ganz und spurlos zu schwinden. Die an- 
haltende Fiirin der Tetanie dauert selten so lange, höchstens wenige 



Die Krankheiten des Rückenmarks. 321 

Wochen. Dass der Krampf öfters mit Schmerzen verbunden ist, lägst 
sich aus dem hie und da unablässigen Schreien der Kinder folgern. 
Chkulationsstörungen in den kontrakturirten Theilen als Cyanose, 
Kühle, Oedeme verstehen sich bei etwas längerer Dauer von selbst. 
Als häufiges, manchmal hervorstechendstes Symptom bestehen Anfälle 
von Spasmus glottidis; ungleich seltener sind allgemeine eklamptische 
Krämpfe. Das Allgemeinbefinden wird durch die Tetanie als solche 
•wohl nicht sehr gestört. In den krampffreien Pausen relativen Wohl- 
befindens lässt sicli öfters gesteigerte Erregbarkeit von Nerven und 
Muskeln nachweisen; bei Schlag auf Muskel und Nerven, besonders 
ausgesprochen am Facialis, erfolgt eine deutliche Zuckung: Chvostek'- 
sches Phänomen ; Kompression einer Arterie, Druck auf einen Nerven 
kann nach wenigen Minuten einen Sj)asmusanfall der entsprechenden 
Muskeln auslösen: Trousseau'sches Zeichen; am deutlichsten stellt sich 
dasselbe dar, wenn man mit einem dicken, weichen Gummischlauch den 
Oberarm umschnürt; es gelingt dadurch häufig, auch bei fehlender 
Kontraktur, bei sog. latenter Tetanie die charakteristische Hand- 
stellung hervorzurufen. Ebenso ist die elektrische Erregbarkeit für 
beide Ströme, spez. den galvanischen, gesteigert, die Zuckung dabei ver- 
ändert. Während die Zeichen gesteigerter Muskel- und Nervenerregbar- 
keit fehlen können, auch die spontanen Kontrakturen hie und da aus- 
bleiben, besteht nach meinen Untersuchungen das Erb'sche Symptom, die 
Erhöhung der galvanischen Nervenerregbarkeit, dauernd in allen Fällen 
von Tetanie und beansprucht deshalb besonderen diagnostischen Werth. 

Die Tetanie dauert meist lange und neigt zu Rückfällen. 

Trotzdem ist ihre Prognose im Allgemeinen nicht schlecht. 
Die Behandlung richtet sich gegen bestehende Anämie, Dystrophie, 
gegen dyspeptische Erkrankungen und vor allem gegen die fast immer 
vorhandene Rachitis. Gegen den Anfall erweist sich, wie beim Er- 
wachsenen, Bromkali in grossen Dosen, sodann Chloralhydrat, im Noth- 
fall Morphium wirksam; Phosphor scheint hie und da einen fast spe- 
zifischen Einfluss auf die Krämpfe zu üben. 

Die Chorea minor, der Veitstanz, ist die häufigste Neurose des 
späteren Kindesalters; als Neurose ist dieselbe zu betrachten, da ein- 
heitliche und typische anatomische Veränderungen vermisst werden, wie 
denn auch bei der folgenfreien Abheilung der allermeisten Fälle, der 
Labilität der Symptome materielle Gewebsalterationen nicht wahr- 
scheinlich sein können. 

Das Krankheitsbild ist in der Hauptsache gegeben durch die 

Hauser. Grundriss der Kinderheilkunde. Zweite Auflage. 21 



I 
322 Die Krankheiten des Rückenmarks. 

als C'horeatiscli bekannten, unwillkürlichen und ungeordneten Bewegungen 
der dem Willen unterworfenen Muskulatur: motorische Unruhe. Nach- 
dem nur selten Abgeschlageuheit, krankhaft gereizte oder deprimirte 
Stimmung auf eine entstehende Krankheit hingewiesen , treten meist 
ziemlich plötzlich diese Muskelzuckuiigen auf. Dieselben unterscheiden 
sieh von den koordinirten Muskelaktionen sehr deutlieh, schon durch 
ihre Zwecklosigkeit, durch steten Wechsel in der Form und in der 
Richtung der Bewegung, und besonders auch noch dadurch, dass sie 
die gewollten Muskelbewegungen unregelmässig und fehlerhaft machen, 
ihre ruhige Ausführung verhindern, indem ihnen plötzlich und stoss- 
weise ein Uebermaas von Kraft, eine von der gewollten abweichende 
Richtung gegeben wird; dennoch werden diese choreatischen Bewegungen 
leider in ihrem Entstehen recht häufig selbst von Lehrern als Ausfluss 
einer Ungezogenheit angesehen und womöglich bestraft. Beobachtet man 
das erkrankte Kind, so findet man besonders bei etwas älteren Patienten, 
dass sie die abnormen Zuckungen im Anfang und eine Zeit lang zu 
beherrschen vermögen. Bald aber sieht man den Patienten halb- oder 
beiderseitig, plötzlich und ruckweise schleudernde, zappebide oder 
zuckende Bewegungen mit seinen Extremitäten machen, die mimische 
Gesichtsmuskulatur unwillkürlich bald da, bald dort arbeiten, vom 
Zwinkern mit den Augenlidern, Zucken eines Mundwinkels bis zum 
ausgebildeten Grimassenschneiden. Aufgefordert, sich ganz ruhig zu 
verhalten, vermag dies das Kind nur kurze Zeit; ja häufig sieht man 
bei angestrengterem Bemühen, die Bewegungen zu unterdrücken, die- 
selben im Gegentheil an Stärke und Umfang zunehmen. Ebenso pflegt 
jede seelische Erregung stärkerer Art die C'horeazuckungen zu ver- 
schlimmern. Sehr deutbch tritt auch die Störung der iMuskeliimervation 
zu Tage, wenn man feinere koordinirte Aktionen auszuführen befiehlt; 
beim Stossen mit der Spitze des ausgestreckten Zeigefingers nach einem 
bestimmten Punkte sehiesst der Finger meist weit am Ziel vorbei und 
beschreibt statt einer geraden Linie Zickzack- oder Wellenbewegungen 
in der Luft; das Ergreifen einer Nadel, das Aufheben derselben vom 
Boden, das Zuknöpfen eines kleinen Knopfes ist meist ganz unmöglich, 
mindestens durch starke, nicht gewollte Ruck- und Bogenbewegungen 
gestört; ebenso vermögen die Kinder mit den Essgeräthen den Mund 
schlecht zu finden, verschütten aus Löffel und Glas die Getränke, 
lassen sie aus dem Munde wieder ausfliessen, lassen Messer und Gabel 
fallen, ja schleudern erfasste Gegenstände oft plötzlich und heftig auf 
den Boden. Besonders deutlich iiflcgt sich die Störung gewollter 



Die Krankheiten des Rückeumarks. 323 

feinerer Bewegungen durch die choreatischen Zuckungen in der Hand- 
schrift zu verrathen. Auch die Sprache erscheint beeinfkisst, indem die 
Lautbikhuig durch Lippen- und fibrilKire Zungenzuckungen, durch un- 
geregelte Aktion der Kehlkopf-, der Interkostalmuskeln, des Zwerchfells 
gestört wird. 

In ausgesprochenem Gegensatz dazu hören alle Bewegungen im 
tiefen Schlafe fast ausnahmslos vollkommen auf. Nur i]i seltenen Fälleji 
kann die choreatische Unruhe umgekehrt bei Tage, im Wachen fast 
geschwunden sein, um Nachts im Schlafen gerade stärker hervorzutreten 
(Chorea nocturna). 

Die choreatischen Zuckungen können von ganz verschiedener 
Stärke sein; hie und da treten sie nur bei gewissen komplizirten Be- 
wegungen und in schwachem Maasse auf, so dass sie der oberflächlichen 
Beobachtung entgehen ; in den schlimmsten Fällen kommt beinahe die 
ganze willkürliche Muskidatur, kommen selbst die Augenmuskeln kaum 
eine Minute zur Ruhe ; der Körper , die Extremitäten werden fort- 
während geschleudert, erschüttert, dermassen, dass das Stehen und Gehen 
unmöglich, der Patient selbst im Bett umher-, ja aus demselben heraus- 
geworfen wird. Diese Zuckungen können dann Tag und Nacht, tage- 
bis wochenlang in derselben Heftigkeit andauern, das Kind aufs 
Aeusserste erschöpfen. 

Oefters treten die choreatischen Bewegungen ganz streng oder 
wenigstens vorwiegend halbseitig auf, ohne die ominöse Bedeutung 
der Halbseitigkeit zu haben, wie sie für andere Krampf formen be- 
kannt ist. 

Im Allgemeinen wechsein Heftigkeit und Ausdehiunig der Zuck- 
ungen am selben Tage imd in verschiedenen Krankheitsperioden. 

Daneben fällt meist eine gewisse Veränderung der Psyche auf. Auch 
die Affektäusserungen sind gesteigert, übertrieben. Fast stets ist das 
Kind ungemein reizbar und vorherrschend deprimirt ; jedenfalls kommen 
jähe Stimmungswechsel vor, und besonders die Thränen pflegen locker 
zu sitzen. Zu geistiger Anstrengung, z. B. Schulbesuch, sind die 
Kinder meist ganz unfähig. Eclite Psychosen, Delirien sind dagegen 
sehr selten. 

Die Chorea minor komplizirt sich gern mit Hysterie, weit 
.seltener mit Epjilepisie. 

Recht .selten sind die Fälle partieller Chorea, wo sich die 
Zuckungen auf die Sprach-, Augen-, Lippen-, Zungen- oder Kehlkopf- 

21* 



324 Die Krankheiten des Rückenmarks. 

muskulatur beschränken, schwere iStöruiigen verursachen und selir hart- 
näckig- sein können. 

Der Verlauf ist stets langwierig; nach einem 4 — öwöchentlichen 
Entwickelungsstadium erreicht die Chorea iliren Höhepunkt, um ge- 
w<>hnlich in einigen Wochen bis zwei Monaten langsam abzuklingen. 
Recidive sind sehr häufig, ja fast die Eegel. 

Die Chorea minor befällt vorwiegend die Jahre vom 6. Ijis 15., 
seltener das 4. — 6., sehr selten noch jüngere Kinder; die Mädchen 
liefern einen bedeutend höheren Prozentsatz zu der Erkrankung. 

Die Aetiologie ist weder einheitlieh noch völlig klargestellt. 
Direkte Erblichkeit ist selten; häufiger besteht eine ererbte allgemeine, 
sogenaiuite nervöse Disposition. Auf anämischer Basis entwickelt sich 
Chorea mit Vorliebe. Zweifellos können ein heftiger Schreck, grosse Angst 
sofort Chorea erzeugen, besonders bei zarten, reizbaren Individuen, sodann 
spez. bei etwas älteren Kindern, Mädchen im Pubertätsalter aUe heftigen 
seelischen Erregungen überhaupt; auch eine Nachahmung soll, wie kleine 
Hausepidemien in Pensionaten, Schulen zu beweisen scheinen, eine be- 
günstigende Rolle .spielen können; schon zweifelhafter ist die Annahme, 
dass geistige Ueberanstrengung, Masturbation, jjeriphere, reflektorisch 
wirkende Reize (Würmer) Chorea zur Folge haben, oder dass dieselbe 
lediglich durch Imitation ansteckend wirken sollte, was sicher nur bei Hj'ste- 
rischen zutrifft. Als sicher wissen wir, dass die Chorea sicli gerne Infektions- 
krankheiten anschliesst. Am wichtigsten erscheint der zweifellos bestehende 
Zusammenhang der Chorea mit dem Rheumatismus. In einem nicht ganz 
kleinen Prozentsatz der Fälle finden wir in der Anamnese angegeben, dass 
mehr weniger lang vorher rheumatische Erkrankungen der Gelenke oder 
Muskeln bestanden; auch nach Pm-pura rheumatica habe ich heftige 
Chorea in einem Falle beobachtet ; selbst leichte und rascb vorübergehende 
Rheumatoiderkrantungen scheinen zu Chorea Anlass geben zu können; 
seltener folgen rheumatische Affektionen der Chorea. Die Verwandt- 
schaft beider Krankheiten zeigt sicli auch darin, dass ihnen das Auf- 
treten von Veränderungen an den Herzklappen, Endokarditis gemeinsam 
ist, deren Ursache wir freilich nicht sowohl in dem Nervenleiden, als 
vielmehr dem Rheumatismus suchen müssen. Wie das rheumatische 
Virus zur Entstehung der Chorea beiträgt, wissen wir nicht; embolische 
Vorgänge lassen sich jedenfalls nur selten nachweisen. Dagegen ist 
es nöthig, stets auf einen möglieben Zusammenhang beider Leiden zu 
fahnden und das Herz auf endokarditisclie Erkrankung zu beobachten. 

Die Diagnose ist leicht; mit den l)ei Cerebralaffektionen z. B. 



Die Krankheiten des Rückenmarks. 325 

Tuberkulose, Hemiplegie vorkommendeu clioreatischeu Krämpfen, mit 
den seltenen Fällen von angeborener Chorea (choreatisch-athetotische 
Form der cerebralen Kinderlähmung) und von chronischer progressiver 
Chorea hat die Chorea minor nichts gemein; von dem meist in der Kind- 
heit beginnenden Tic general unterscheidet sich der Veitstanz durch das 
Fehlen der langen Ruhepausen; auch sind beim Tic general die stereotyp 
sich wiederholenden Bewegungen von einem mehr systematischen Charakter 
und werden durch Arbeit gemildert. 

Die Prognose ist im Allgemeinen günstig, freihch durch die 
Komplikation mit Rheumatismus und besonders Endokarditis getrübt. 
Bei heftigen und sehr lange anhaltenden Zuckungen können die Kinder 
körperlich , auch geistig sehr herunterkommen ; jedoch ist ein tödtlicher 
Ausgang nur in den schwersten Fällen beobachtet. Endlich drohen 
Recidive. 

Die Therapie ist in der Hauptsache eine diätetische. Bei der 
deutlichen Abhängigkeit der choreatischen Bewegungen von psychischen 
Erregungen befreie man Schulkinder vor allem von jedem Unterricht; 
auch jede anderweitige geistige Anstrengung, Arbeit überhaupt ist ganz 
zu untersagen. Man halte auch in der Familie alle Erregungen gemüth- 
licher Art von den Kindern fern ebenso wie körperliche Uebermüdung 
und sorge für eine recht geduldige, gleiehmässige Behandlung, fast monotone 
Lebensweise, eine recht ruhige, ver.ständige Umgebung. Neben reichlicher 
Körperrube (9 — 12stündigem Nachtschlaf und Mittagsruhe) sorge man 
für regelmässige, genügende Bewegung im Freien. Die Ernährung sei 
ganz reizlos, leicht verdaulich, aber reichlich und kräftigend. In schlim- 
meren FäUen führt nur eine wochenlang dauernde Bettruhe zur Besserung. 
Bei starken Zuckungen schütze man die Kinder vor Verletziuigen im 
Bett durch Polstern der Seitenwände. 

Die Erregbarkeit der nervösen Centralorgane herabzusetzen, ver- 
sucht man vermittelst lauer, langdauernder Bäder, .3 — 4 mal wöchent- 
lich, ev. Priessnitz'scher Einpaekungen. Unter den Kaltwasserprozeduren 
wählt man kühle Berieselungen des Rückgrats. 

Von Medikamenten hat sich nur der Arsenik bewährt in der Form 
des Liqu. arsenicalis Fowleri mit Aqu. Menthae piperitae, resp. Aqua 
amygdalarum amararum, nöthigenfalls Tinct. Thebaica oder Tinct. ferri 
pomata zusammen, in der bekannten an- und absteigenden Dosirung. 

Zu Chloralhydrat ist man nur in schwei-en Fällen zu greifen ge- 
zwungen ; bei hartnäckiger Schlaflosigkeit scheue man sich aber nicht vor 
der Anwendung von Hypnoticis. 



326 Die Krankheiten des Rückenmarks. 

Strychuin und Brom sind nicht zu empfehlen; dagegen wird Eisen 
meist am Phitze sein. 

Die von Henoch als Chorea e 1 e c t r i c a beschriebene Form der 
Chorea kennzeichnet sich durch l)litzartig' kurze Zuckungen einzelner 
Muskelbündel, besonders in der Nacken-, Schulter- und Rückenmusku- 
latur; zum Theil kann man derartige, an die durch den faradischen 
Strom erzeugten Zuckungen erinnernde Bewegungen bei der gewöhn- 
lichen Chorea minor beobachten; in anderen Fällen scheint das Leiden 
mit dem Myoklonus identisch zu sein. 

Spasmus glottidis, Laryngismus Stridulus ist eine der gewöhnlichsten 
Krampfformen bei Kindern. Der Stimmritzenkrampf wird vorwiegend in 
dem Alter von einigen Monaten bis zu 1 — 2 Jahren und vielleicht öfter bei 
Knaben beobachtet. Was seine Aetio log ie anlangt, so beweist er aufs 
Neue und ganz besonders die Disposition, welche die Rachitis für alle 
Krampfformen überhaupt abgiebt; gerade beim Spasmus glottidis fuiden 
wir fast ausnahmslos rachitische Erscheinungen. AVenn wir auch Isei kern- 
gesunden Säuglingen, seltener Ijei älteren Kindern in Folge überstarken 
und anhaltenden Schreiens, heftiger, leidenschaftlicher Erregung, auch 
bei akuter Laryngitis z. B. im Beginn der Morbillen Anfälle ganz wie 
beim Stimmritzenkrampf, echten Spasmus glottidis auftreten sehen, so 
wird dadurch die Bedeutung der Rachitis als disponirenden Faktors nicht 
vermindert. Auf der Basis der Rachitis können dann allerhand Reize, 
als Dentition, Verstopfung oder Diarrhoe, kalte, den Kehlkopf treffende 
Luft, Larynxkatarrhe als Gelegenheitsmomeiite reflektorisch reizend wirken 
und den Krampf zum Ausbruch bringen. Sehr häufig stellt sich der 
Spasmus glottidis als die ei-ste, augenfälligste, aber fast niemals einzige 
Erscheinung einer Tetanie dar, und zwar der latenten, nicht mit Kon- 
trakturen einhergehenden Form, deren Diagnose durch den Nachweis der 
anderen Symptome (Trousseau, Erb, Chvostek) gesichert wird. — Auch 
bei centralen Alterationen, Idiotie, kann der Stimnn-itzenkrampf ein stän- 
diges Symptom sein, so endlich auch auf Epilepsie hinweisen. 

Der Stimmritzenkrampf ist in seinen letzten Ursachen auf eine 
Reizung der motorischen Rinde (Toxine?) oder aber der eentripetalen 
Vagusfasern dm-ch Druck seitens der V. jugularis interna im Foramen 
jugulare zurückgeführt worden ; häufiger dürfte diese Vagusreizung inner- 
halb des Larynx und auch des Magens und Darms erfolgen, und 
diese Erregung den Reflexkrampf, in schworen Fällen gleichzeitig auch 
allgemeine, wohl als Erstickungserscheinung aufzufassende Konvul- 
sionen auslösen. Auch aus centralen Ursachen nuiss der Glottiskrampf 



Die Krankheiten des Rückenmarks. 327 

entstehen können (cf. o.). Es handelt sich anatomisch nicht bloss um 
Ki-ampf der die Stimmritze verengenden Musculi arytaenoidei , sondern 
meist gleichzeitig um einen solchen des Zwerchfells und der Brustmuskeln. 

So schwierig- und unklar die Deutung der Entstehung, so typisch 
und eindeutig sind die Erscheinungen des Spasmus glottidis. 

Man sieht öfters ganz ijlötzlich ohne Vorläufererscheinungen die 
Athmung stille stehen; das Kind bleibt, wie das Volk sagt, weg; es 
macht, anfänglich vergeblich, lebhafte Anstrengungen zu inspiriren, zu 
schreien, bis endlich unter hell giemendem oder pfeifendem inspiratorischem 
Geräusch die Luft eindringt, und damit der Anfall beendet ist. Bei 
längerer Dauer des Anfalls kommt es zu dem Bilde hoher Athemnoth: 
das Gesicht zeigt einen ängstlichen, ja von Todesangst erfüllten Aus- 
druck; der Mund ist krampfhaft geöffnet, die Gesichts-, Halsmuskulatur 
verräth angestrengte, zuckende Bemühungen zu insp)iriren; Haut und 
Schleimhäute verfärben sich roth, dann cyanotisch; der Kopf wird ge- 
waltsam nach hinten geworfen, der ganze Körper geräth in Erregung, 
die Extremitäten zucken, Finger und Zehen zeigen Kontrakturen ; der 
Puls wird langsam, er setzt aus, ja es tritt Bewusstlosigkeit, in noch 
schwerereu x\nfällen ein allgemeiner eklamptischer Anfall ein ; ja das 
Kind kann momentan den Eindruck eines erstickten, todten Körpers 
machen, es reagirt nicht mehr auf Hautreize, die Reflexe sind erloschen; 
schlaff, bleich, puls- und athemlos liegt es da; schliesslich auf der Höhe 
der Gefahr nach vielen Sekunden, selbst 1 — 2 Minuten, erfolgt wieder 
unter pfeifendem Giemen oder geräuschlos, absatzweise eine langgezogene 
Inspiration, eine zweite und dritte; die Todtenblässe resp. Cyanose weicht, 
das ßewusstsein kehrt wieder, das Kind liegt ruhig athmend, aber 
blass, ganz erschöpft, oft schweissgebadet da. Zwischen dem Bilde dieses 
schwersten und dem eines ganz leichten Stimmritzenkrampfes liegt eine 
ganze Reihe von Abstufungen. 

Der Stimraritzenkraropf pflegt bei jeder respiratorischen Anstrengmig, 
bei stärkerer seelischer Erregung, Schreck, Aerger, Wuth einzusetzen, 
lässt sich z. B. durch Druck auf Larynx und Trachea jederzeit künst- 
lich erzeugen, kann aber auch in der Ruhe, im Schlaf, beim Erwachen 
erfolgen ; dass kalte, rauhe Luft und Verdauungsstörungen begünstigend 
auf seine Entstehung wirken, wurde erwähnt. 

Die Erkennung des Spasmus glottidis ist nicht zu verfehlen. 

Die Prognose ist stets vorsichtig zu stellen; ganz plötzlich kann 
vielleicht nach vielen vorausgegangenen leichten Anfällen in einem schweren 
der Tod dm-ch Erstickung erfolgen, oder ein schwerer eklamptischer Anfall 



328 Die Kraukheiten des Rückenmarks. 

vollendet das Werk ; in andern Fällen ermüden und erschöpfen die sich 
zahllos häufenden Anfälle das Kind aufs Aeusserste, und dasselbe stirbt 
im Kollaps. Pertussis gilt als eine besonders üble Komplikation, mehr 
weniger jede Erkrankung der Respirationsorgane; ebenso ist die öftere 
Kombination mit Tetanie und besonders mit Eklampsie bedenklich. 

Die Behandlung des einzelnen Anfalls besteht darin, dass man 
die Eltern anweist, bei schwerer Dyspnoe durch Hineingreifen mit dem 
Zeigefinger in den Mund des Kindes sich zu überzeugen, dass die 
Zunge nicht, wie dies vorkommen kann, aspirirt und aufwärtsgerollt wie 
ein Fremdkörper den Luftzutritt verhindert; in diesem Falle ist der 
Zungengrund mit dem hakenförmig gekrümmten Finger nach vorne zu 
ziehen; sonst sucht man durch Anspritzen des Gesichts, Uebergiessen 
mit kalten Wasser die Inspiration anzuregen ; bei lang andauernder 
Apnoe ist künstliche Athmung, faradische Keiziuig des Phrenicus, im 
Nothfall die Tracheotomie zu machen. 

Als Reflexreiz wirkende Erkältungen und Digestionsstörungen sind 
thunlichst zu vermeiden ; bei Spasmus glottidis tetanischen PTrsprungs 
erwies sich mir die Behandlung der so häufigen ätiologischen Darm- 
dyspepsie durch Laxantien und entsprechende Diät meist rasch wirksam. 
Gegen die Erregbarkeit der Nerven giebt man mit anfänglich wenigstens 
meist gutem Erfolg Chloralhydrat mit Bromkali, wenn nöthig ohne 
Bedenken Morphium; auch Tinct. Moschi (3 — 5 Tropfen in Wasser) 
wäre zu versuchen. Der bei Rachitis vielgerühmte Phosphor scheint 
gegen die Krampferscheinungen derselben öfters von guter Wirkung. 

Sehr wichtig ist die Inangriffnahme einer disponirenden Rachitis; 
bei leichten Fällen von Spasmus glottidis kommt man mit der anti- 
rachitischen Behandlung ganz allein aus. 

Spasmus nutans, Salaamkrämpfe, nennt man eine eigen thümliche 
und harmlose ICrampferscheinung, die im frühen Kindesalter, am häufig- 
sten etwa zwischen dem 5. und 15. Monat, nicht so selten beobachtet und 
durch fast ständige, nur für ganz kurze Zeit, sowie im Schlaf pausirende 
nickende und gleichzeitig mehr weniger rotirende oder schüttelnde Beweg- 
ungen des Kopfes gegeben wird. Es handelt sich offenbar um klonische 
Krämpfe in den vom Nervus accessorius Willisii beherrschten Muskeln, 
den Mm. sternocleidomastoidei oder Mm. cucuUares. Die Krämpfe treten 
fast immer nur halbseitig auf, schädigen das Allgemeinbefinden, die Er- 
nährung der Kinder meist gar nicht. Interessanter AVeise vergesellschaften 
sie sich häufig mit Nystagmus, der manchmal deutlicher hervortritt, wenn 
man den Kopf fixirt, und dessen Auftreten auf den Zusannnenhang 



Die Krankheiten des Rückenmarks. 329 

der Wurzeln von Accessoriiis und Oculomotorius liindeutet. Seltener 
treten neben Spasmus nutans auch Facialis- oder allgemeine Krämpfe 
auf; hie und da kombinirt er sich mit pagodenartigen Nick- und Beuge- 
bewegungen des ganzen Oberkörpers. 

Zurückgeführt wird der Spasmus nutans wie alle Kramjifformeii beim 
Kinde einmal auf die geringere Entwickelung der Hemmungscentren. 
Als Gelegenheitsursache spielt sodann der Reiz der durchbrechenden Zähne 
zweifellos eine bedeutsame Rolle, da man häufig nach erfolgtem Zahn- 
durchbi'uch den ISfickkrampf schwinden sieht; in anderen Fällen lässt 
sich eine Ursache mit Sicherheit nicht nachweisen (Wurmreiz?); stets 
hat man auf Cerebralaffektionen (Idiotie) und Rachitis zu untersuchen. 
Die Prognose ist durchaus gut, eine Behandlung kaum am 
Platz; man beruhige die Mutter und warte das spontane Aufhören ab. 
Von diesem idiopathischen Spasmus nutans wohl zu unterscheiden 
sind Nickkrämpfe von Kopf und Oberkörper, wie sie gleichzeitig mit 
epileptischen Krämpfen, Störung der Intelligenz bei Idiotie, schweren 
centralen Erkrankungen vorkommen. 

Pavor nOCturnuS ist eine ziemlich häufige und die Angehörigen 
meist eigenthümlich berührende und erschreckende Affektion. Das nächt- 
liche Aufschrecken besteht darin, dass die Kinder gesund und munter 
des Abends ins Bett gelegt, nach beliebig langer Zeit, meist aber 
schon in den ersten Stuiiden, aus ruhigem Schlaf plötzlich unter Zeichen 
grosser Erregung und Angst, oft mit lautena Geschrei emporfahren, alle 
Geberden der Furcht, der Verfolgungsangst machen, sich instinktiv 
an die Mutter anklammern, den Kopf an ihrer Schulter oder auch 
tief in den Kissen bergen; sie zeigen sich dabei offenbar über ihre Um- 
gebung erst gar nicht oder nur mangelhaft orientirt, sehen angsterfüllt, 
wie geistesabwesend in die Ferne oder schauen scheu umher, vermögen 
anfangs nur unverständliche und wirre Worte von sich zu geben, aus 
denen man meist die Bestätigung des Eindrucks entnehmen kann, den 
das Ganze macht, nämlich dass die Kinder sich noch in dem Banne 
eines beängstigenden Traumes befinden, der sie geweckt hat und sich 
für ganz kurze Zeit noch in Gehörs- und Gesichtshallucinationen furcht- 
erregender Art fortsetzen kann. Ferner spricht dafür, dass das Be- 
wusstsein in diesen Zufällen augenblicklich getrübt ist, die Erfahnmg, 
dass die Kinder sich des ganzen Anfalls, wohl auch des Erscheinens des 
Arztes am nächsten Morgen meist gar nicht entsinnen. Mühsam lassen 
sie sich im Anfall allmählich beruhigen, erkennen die Situation und pflegen 
daim auch meist wieder einzuschlafen. Oefters aber wiederholen sich 



330 Die Krankheiten des Rückenmarks. 

in derselben Stunde oder der gleichen Nacht noch ein- oder mehrmals 
solche Anfälle; ebenso können sie mehrere oder viele Nächte hinter- 
einander auftreten. 

Wir erklären uns den Zustand mit der Annahme, dass die Kinder 
unruhig, beängstigend geträumt haben, nach Art- des bekannten Alp- 
drückens. Zur Entstehung solcher Träume mögen psychische Erreg- 
ungen und Ueberreizungen des kindlichen Gehirns durch Erlebnisse, 
Bedrohungen seitens Menschen oder Thieren, die sie einmal bei Tage 
erfahren, vor Schlafengehen noch erzählte Märehen und Schauergeschichten, 
ferner heisse, erregende und alkoholische Getränke, welche eine Hirn- 
kongestion zur Folge haben, Fieberzustände bedeutsam beitragen; in 
anderen Fällen lassen sich die Anfälle auf eine mechanische Behinder- 
ung des Athmens im Schlaf zurückführen, so z. B. durch adenoide 
Vegetationen, hypertrophische Tonsillen, durch akute Coryza, vielleicht 
auch auf kardialgische und enteralgische Beschwerden bei Verdauungs- 
störungen. Zu denken hat man auch stets an Epilepsia nocturna. 

Ererbte nervöse Disposition ist hie und da nachweisbar. 

Dass ein Anfall im Schlafe bei Tage eintritt, ist sehr selten. 

Die Prognose ist absolut gut, wenn sich auch in seltenen Aus- 
nahmen die Anfälle monatelang wiederholen können. 

Die Behandlung soll etwaige kausale Momente, soweit als mög- 
lich, beseitigen ; man lasse die Kinder unter Tag ordentlich köqserhch 
müde werden, gebe die Aljendniahlzeit nicht zu spät und nicht zu reich- 
lich und bette die Patienten kühl; im Nothfall verordnet man Brom 
oder Chloralhydrat. 

Unter den Neurosen spielt auch im Kindesalter der 

Kopfschmerz i.'ine grosse Rolle; er tritt in zwei Formen auf. Ein- 
mal als typische 

Hemikranie; dieselbe betrifft meist neuropathiseh belastete Kinder; 
oft genug ist sie direkt von Eltern oder Blutsverwandten vererbt; jeden- 
falls ist die Erblichkeit der wichtigste ätiologische Faktor; neben ihm 
pflegen geistige Ueberanstrengung, Anämie, reflektorisch wirkende Schäd- 
lichkeiten (adenoide Vegetationen, Nasenpolypen und dergl.) nur die 
begünstigenden Momente abzugeben. 

Gekennzeichnet ist die Migräne auch im Kindesalter durch typische, 
in längeren oder kürzeren Perioden auftretende Anfälle von öfters 
den ganzen Kopf, seltener nur eine Kopfhälfte einnehmenden heftigen 
Schmerzen, denen eine Art von Aura (Schwindel, Benommenlieit, nervöses 
Gähnen, Schläfrigkeit) vorausgehen kann, und die meist unter Erbrechen 



Die Krankheiten des Rückenmarks. 331 

nach 12 — 24 stündiger Dauer in einem tiefen Schlafe endigen. Der 
Schmerz ist manchesmal so heftig, dass die Kinder laut schreien, an- 
haltend mmmern und stöhnen. Grelles Licht, haute Geräusche werden 
im Anfall sehr unangenehm empfunden. Reiz- resp. Lähmungserschein- 
ungen von Seiten des Sympathicus (blasse Gesichtsfarbe, kühle Haut, 
erweiterte Pupillen, vermehrte Speichelsekretion, resp. Röthung von Ge- 
sicht und Konjunktiven, Hitze und Schweisse der Haut, verengte Pupillen) 
lassen sich auch beim Kinde gewöhnlich nachweisen; ebenso konstatii-t 
man hie und da Pulsverlangsamung und -Unregelmässigkeit. Auch die 
anderen Formen der Migräne, Augenmigräne, Abortivformen, hemi- 
kranische Aequivalente (Schwindel) können manchmal unterschieden 
werden. Die Entstehung der Migräne erklärt, man wohl am besten aus 
einem Gefässkrampf in den Hirnhäuten. 

Die Diagnose wird nicht leicht irren, wenn schon auch bei Cere- 
bralaffektionen, spez. Tumor, der Kopfschmerz besonders im Anfang 
unter dem Bilde einer Heniiki-anie auftreten kann; Heredität, Periodi- 
cität der Anfälle, Euphorie während der Intervalle stützen die Diagnose. 

Die Prognose des Leidens ist nicht günstig, schon weil man des 
herditären Moments nicht Herr ist; Heilungen treten nur ein, wenn 
eine rationelle Therapie in ganz konsequenter Weise durchgeführt wer- 
den kann. 

Die Behandlung sucht vor allem etwa vorhandene ursächliche 
Schädlichkeiten zu beseitigen, die ganze Lebensweise, die körperliche 
und geistige Erziehung des Kindes in gesundheitsgemässe Bahnen zu 
leiten. Solehe Kinder haben auch in späteren Jahren und jenseits der 
Pupertät alle Alkoholika und Nervenreizmittel, besonders Kaffee, Takak, 
zu vermeiden; man verhütet Kongestionen zum Kopf, sei es durch über- 
triebene Körperanstrengung, sei es durch gemüthliohe Erregungen, über- 
mässige geistige Inanspruchnahme; auch vermeide man es, den unbe- 
deckten Kopf den Einwirkungen heisser Sonnenstrahlen oder scharfer, 
eisiger Winde auszusetzen. Bei den meist anämischen und schlecht 
ernährten Kindern leistet eine Diätkur, der längere und regelmässig 
wiederholte Gebrauch von Eisen, Arsenik, Leberthran oft Ausgezeich- 
netes. Unter der Voraussetzung genügenden Kräftezustandes mache man 
bei verweichlichten Kindern einen Versuch mit milden Kaltwasserproze- 
duren, systematischer Abhärtung. Die besten und nachhaltigsten Er- 
folo-e erzielt man, wenn man das Kind einen vielwöchentlichen Aufent- 
thalt im Gebirge oder an der Nordsee nehmen lässt. Stets hat man bei 
einigermasseji heftig oder häufig auftretenden Migränanfällen den Schul- 



332 Die Krankheiten des Rückenmarks. 

Unterricht aussetzen lassen; bei sclnverer, erblicher Migräne wird man 
den ganzen Lebensgang, die Wahl der Berufsart, iles Wohnortes mit 
Rücksicht auf dieses Leiden beeinflussen müssen. 

Im Anfall selbst lege man die Kinder sofort in einem ganz ruhigen, 
verdunkelten Zimmer zu Bette; bei der gewöhnlich stark ausgesprochenen 
Anorexie, der Brechneigung verzichte man auf alle Nahrung, reiche nur 
löffelweise etwas erfrischendes Getränk. Es kommen aber auch Fälle 
vor, wo Heisshunger besteht, und eine reichliche Mahlzeit besonders bei 
anämischen, überhungerten Kindern einen Migräneanfall coupiren kann. 

Sodann versuche man, was dem Patienten nach seinem subjektiven 
Gefühl und nach früherer Erfahrung besser tliut, kalte event. Eiskom- 
pressen auf den Kopf oder Wärme, Umhüllung mit seidenen, wollenen 
Tüchern, leichten Federdecken, Heisswasserkompressen ; auch ein heisses 
Fussbad, event. mit Senfmehl, ein Senfteig in den Nacken thun manch- 
mal gut. 

Von Medikamenten hat sich besonders das Antip)Tin, allein für 
sich, oder kombinirt mit Koffein als sogenanntes Migränin am meisten 
bewährt; auch Natron salicylicum in schwarzem Kaffee, Phenacetin, 
Pyramidon, Bromkali werden gerühmt ; von Antifebrin, Nitroglycerin 
ninnnt man beim Kinde wohl besser Abstand. 

Die Cephalaea, der einfache Kopfschmerz, ist gewöhnlich ein 
Symptom; so tritt er auf im Gefolge von allen Gehirnaffektionen, von 
einfachen Cirkulationsstörungen, besonders Anämie, liis zu Meningitis und 
Tumor, von toxischen Reizungen des Gehirns spez. durch Alkohol, Opium, 
Chloroform , von Autoin toxationen bei Urämie , Acetonämie , gastro- 
intestinalen Affektionen; ferner wird Kopfschmerz hervorgerufen durch 
Ueberanstrengung des Gehirns, in Folge mangelnden Schlafes, besonders 
bei gleichzeitiger, angestrengter geistiger Thätigkeit; in anderen Fällen 
entwickelt Cephalaea sich auf der Basis migenügender Körperernährung, 
schlechter Anämie, Hysterie als Folge einer Blutbeschaffenheit; so bei 
Chlorose, bei geringerer Leistungsfähigkeit, gesteigerter Reizbai'keit des 
Gehirns; der Ausdruck aller solcher Störungen pflegt ein periodischer oder 
hal)itueller Kopfschmerz zu sein. Auch von den dem Schädel benach- 
barten Höhlen und Organen aus (Nase, Rachen, Stirnhöhle, Paukenhöhle) 
kann Kopfschmerz angeregt werden ; endlich von Refraktionsanomalien, 
besonders Hypermetropie. 

Eine der bekanntesten Formen von Kopfschmerz, die man beim 
Kinde findet, ist der sogenamite Schulkopfschmerz, bei dessen 
Entstehung einmal anämische Zustände, schlechte Ernährung, Anämie, 



Die Krankheiten des Rückenmarks. 333 

sodann und vor allem geistige Ueberanstrengung, Cirkulationsstörungen 
(venöse Stase, wie sie die Kleidung und Haltung der Kinder beim Arbeiten 
im Gefolge hat), die Einwirkung der Hitze und endlich als letztes, aber 
sicher nicht geringstes Moment die Autointoxikation durch verdorbene, 
unzureichende Schulluft zusammenwirken. Dass dieser Kopfschmerz seinen 
Namen mit Recht trägt, lehrt die Thatsache, dass er an Sonn- vmd 
Feiertagen, spez. aber in der Ferienzeit ganz von selbst schwindet. 

Die Behandlung der Cephalaea soll möglichst eine ätiologische 
sein ; symptomatisch wird man mit Ruhe, kalten Komp)ressen beziehungs- 
weise Wärmezufuhr, dem Gebrauch von analejitischen Nahrungsmitteln 
(Bouillon, Milchkaffee) in der Regel auskommen, nur ausnahmsweise 
zu Antip^'rin und dergl. greifen müssen. 

Die Hysterie kommt im Kindesalter keineswegs selten zur Be- 
obachtung; zum Unterschied von derjenigen der Erwachsenen befällt 
sie auffallend häufig auch Kinder männlichen Geschlechts. Ihr wichtigstes 
ätiologisches Moment ist die Heredität; untersucht man daraufhin, 
so konstatirt man fast ausnahmslos bei den Eltern oder wenigstens in 
der Familie hysterische Symptome. Eine Disposition giebt für das 
weibliche Geschlecht die Pubertätszeit ab ; sodann kann man wohl noch 
die Onanie, mit mehr Recht meistens eine fehlerhafte, energielose Er- 
ziehung, schlechtes Beispiel beschuldigen. 

Die Erscheinungsformen der kindliehen Hysterie sind sehr 
mannigfach. Im Gebiete der Sensibilität findet man recht häufig ört- 
liche Störungen in Gestalt von mehr weniger bestimmt lokalisirten 
Schmerzen, für die sich natürhch keinerlei pathologisch-anatomische Ur- 
sachen auffinden lassen; so kommen Gelenkneurosen, Hyperästhesie der 
Haut und oberflächlichen Theile vor; Ovarie habe ich nie beobachtet; 
dagegen ist Globus häufig; er tritt spontan und wohl auch auf Druck 
in das Epigastrium, auf die Vorderhalsgegend auf; die Kinder bezeich- 
nen ihn oft mit dem Unvermögen, schlucken zu können (Oesophagismus). 
Der bekannte Clavus whd als genau lokalisirte, ganz beschränkte 
Schmerzhaftigkeit einer Stelle des Schädels, z. B. der Stirn häufig 
geklagt. Druck auf die Spinae dorsales wird sehr oft als empfindlich 
bezeichnet. 

Endlich entsinne ich mich eines Falles typiscli-hysterischen Blasen- 
krampfes mit Polydipsie, Poly- und PoUakmie. 

Auf der anderen Seite ist Anästhesie leichteren Grades der Haut 
und tieferen Theile sehr gewöhnlich; vollkommene Anästhesie und 



334 Die Krankheiten des Rückenmarks. 

Analgesie oder Anästhesie mit Hyperalgesie ist mir noch nicht vor- 
gekommen. 

In der motorischen Sphäre sijid die Abnormitäten sehr zahlreich. 
Ganz gewöhnlich findet sich eine gesteigerte Reflexerregbarkeit (Sehnen-, 
Haut-, Kremaster-, Bauchmuskelreflex). Ki'ämpfe treten theils partiell 
auf, theils in Anfällen allgemein; die isartiellen Krämpfe gehen ganz 
ohne Störung der Psyche einher ; sie sind theils klonisch und dann oft 
symmetrisch, und beschränken sich ebenso wie die tonischen meist auf 
ein kleineres Muskelgebiet; letztere imponiren in Form von Kontrakturen 
als Gelenkkontrakturen, TortikoUis, Augenmuskelkrampjf. Spastische Zu- 
stände verbinden sich häufig mit Schmerzen. 

Ganz eigenthümliche, weder klonische noch tonische krampfartige 
Bewegungen kommen ferner zur Beobachtung; so z. B. ausgiebige, mit 
Grimassenschneiden verbundene Kaubewegungen, windende Bewegungen, 
unter denen die Finger der Reihe nach in den Mund gesteckt werden, 
heftiges Aufschlagen der Fingerknöchel und Fäuste auf Tisehkanten, 
der Füsse auf den Boden und dergl. mehr. 

Neben Krämpfen kommen Lähnaungen vor; dieselben entstehen 
seltener unvermittelt, als auf eine heftige Gemüthserreguug hin plötzlich 
(Sehrecklähmung), auch wohl im Anschluss an ein Trauma, an eine Er- 
krankung, z. B. Influenza, oder andere Krankheiten, welche das Kind eine 
Zeitlang an das Bett fesselten; sie entstehen dann wohl in der Weise, dass 
die Patienten erst durch Schmerzen, dann durch Schwächegefühl schein- 
bar an dem Gebrauch der Glieder behindert, sich gewissermassen die 
Paralyse selbst suggeriren ; ein ganz auffallender und charakteristischer 
Widerspruch stellt sich dabei oft in der Weise heraus, dass das Kind 
zwar im Bett die Glieder, z. B. die beiden Beine nach allen Richtungen 
anstandslos und auch mit Kraft zu bewegen vermag, selbst mit den 
Beinen auf dem Boden umherrutscht, wie ich einmal sah, turngewandt 
rasch über das Bettgestell hinüber in's Bett klettert, sobald es aber, 
auf die Beine gestellt, stehen und gehen soll, zusammenknickt. Gleich- 
zeitig kann dann Anästhesie, Spasmus und Kontraktur, sowie Tremor 
bestehen ; die Lähmung kann an Ausdehnung ganz verschieden, hemi-, 
para-, nionoplegisch sein; am häufigsten ist die erste Form. Als sehr 
selten ist ein beim Aufstellen einsetzender , statischer Reflexschüttel- 
krampf dei' Beine beschrieben. Die Lähmimgen sind selten lang- 
anhaltend, versclnvijiden allmählich spontan, auf therapeutische Eingriffe 
oft plötzlich; freilich recidiviren sie hie und da. 

Eigenthümliche Störungen der Sprache uml Lautbildung kommen 



Die Krankheiten des Rückenmarks. 335 

vor. Entweder es tritt plötzlich hysterische Stimtnbandlähmung (Aphonie), 
seltener Zungenlähmung (Mutismus) ein, oder ein verschiedenartiges 
Stammeln, Fehlen von Worten und Buchstaben, lallendes, lispelndes 
flüsterndes, geradezu affektirtes Sprechen. — H3'sterische Taubheit ist 
etwas zweifelhafter Natur; Sehstörungen zeigen sich als Einschränkung 
des Gesichtsfeldes (sehr schwer nachweisbar), schlechtes Sehen. 

Sehr häufig ist krampfhafte Tonbildung als Lach-, Wein-, Schrei-, 
Schluchzkrämpfe, eine manchmal ganz undefinirbare Lautgebvuig, die durch 
Kjampf der Athem- und Stimmmuskulatur erzeugt wird. Es kann dabei 
zu pseudoasthmatischen Anfällen, Palpitatio cordis kommen. 

Vasomotorische und sekretorische Störungen habe ich bei Kindern 
nie beobachtet, doch ist Blutbrechen, Bluthusten beschrieben. 

Die Psyche erweist sich wohl ausnahmslos verändert. Die Kinder 
sind launisch, aufgeregt, abwechselnd ausgelassen und hypochondrisch; 
es kommen Zustände von Schlafsucht, Somnambulismus vor, Ohnmachts- 
anwandlungen, Pavor nocturnus, sogar Hallucinationen, Katalepsie mit 
imd ohne Krampferscheinungen. 

Das Allgemeinbefinden ist auch häufig kein normales; man findet 
gewöhnlich gleichzeitig Anämie, schlechte körperliche Entwickelung, zarte 
Konstitution. 

Die auffallendsten und diagnostisch manchmal nicht gleich richtig 
anzusprechenden Erscheinungen sind die hysterischen Anfälle. Dieselben 
treten (manchmal nach einer Art von Aura, von Globus, Nem-algie, 
Singultus) meist ganz ähnlich den eklamptischen oder epileptischen An- 
fällen in Krampfform auf; doch ist das Bewusstsein stets erhalten, die 
Pupillen reagiren prompt, und die Art der Krämpfe, ihr steter Wechsel, 
ein gewisses Moment von Willkürlichkeit in denselben, das Ausbleiben 
von ernsteren Verletzungen während derselben unterscheiden sie von jenen; 
man beobachtet manchmal ganz komplizirte Bewegungen, so z. B. sich 
Wälzen, in die Höheschnellen, Laufen, Klettern (Clownismus); die 
Patienten scheinen manchmal ordentlich eine Pantomime aufzuführen; 
sehr- selten dürften wohl die Ares de cercle, die Attitudes passionelles 
sein ; dagegen habe ich wohl starken Opisthotonus, der Art, dass der 
Körper nur auf Fersen und Hinterkopf ruhte, gesehen. 

Charakteristisch für Hysterie ist der Wechsel der Ausdrucksform 
bei den verschiedenen Anfällen desselben Individuums; doch können 
dieselben auch sich stereotyp gleich bleiben. 

Die Prognose ist quoad vitam gut, was die völlige Heilung an- 
langt, zweifelhaft. Die meist vorliegende ererbte neuropathische Dis- 



336 Die Krankheiten des Rückenmarks. 

Position ist nicht zu beseitigen, und wenn ein Symptom der Hysterie 
geschwunden, so recidivirt es leicht oder wird von einem anderen ab- 
gelöst. 

Die Behandlung muss in erster Linie eine diätetische und er- 
zieherische sein. Bei nur einigermassen ausgesprochenen Fällen erreicht 
man nur durch Herausnehmen des Patienten aus der Häuslichkeit, der 
gewohnten Umgebung und Lebensweise einen guten Erfolg ; die Ueber- 
führung in eine Anstalt genügt ganz allein meist schon vollkommen, 
um die hysterischen Symptome wenigstens für eine gewisse Zeit auf- 
hören zu lassen. Das Heilverfahren besteht im Uebrigen im grossen 
Ganzen in der Dmchführung einer möglichst naturgemässen und ver- 
nünftigen Lebensweise ; der Tag muss Stunde für Stunde mit leichter, 
aber Körper und Geist voll beschäftigender Thätigkeit abwechselnd mit 
den nöthigen Erholungspausen ausgefüllt sein ; eine reizlose kräftigende 
Ernährung ist wolil immer am Platz. Durch ruhige, aber, wenn nöthig, 
energische Erziehung, dauernde üeberwachung und Anleitung sucht man 
die Willenskraft der Kinder zu stärken, jede Launenhaftigkeit, Leiden- 
schaftlichkeit zu unterdrücken, eine gleichmässig heitere Stimmung, 
Freude am Leben und an der Arbeit zu erwecken. 

Schonende, dem Kräftezustand angemessene Kaltwasserprozeduren 
sind sehr nutzbringend, unter Umständen auch Sool-, Stahl- und elekt- 
rische Bäder. Auch kann eine Mastkur am Platze sein. 

Von unterstützenden Medikamenten kämen Eisen, Arsenik, Chinm, 
Malz und Leberthran in Frage. Valeriana hat mir bei Kindern keinen 
Nutzen gebracht. 

Zur Nachkur empfiehlt sich ein langer Land-, See- oder Gebirgs- 
aufenthalt. 

Die hysterischen Anfälle verschwinden bei Isolimng in einer An- 
stalt meist ganz von selbst. Den einzelnen Anfall kann man durch 
eine ganz kalte Uebergiessung, den Strahl eines Syphons, energische 
Faradisation, auch wohl blosses Anschreien und Verbot sofort coupiren. 
Weiteren Anfällen kann man dann noch durch Suggestion in der an- 
fallsfreien Zeit vorbeugen. Hysterische An- und Hyperästhesie weichen 
dem faradischen Pinsel oder aufgelegten Magneten, Kontrakturen und 
Lähmungen der Suggestion neben Faradisation und systematischer An- 
weisung und Uebung. Mit Anwendung der Hypnose sei man min- 
destens sehr vorsichtig; meist kann sie wohl entbehrt werden. 

Morbus Basedowii, jener Komplex von Herzpalpitationen, Struma, 
Exophthalmus, meist mit Tremor, seltenem Lidschlag verbunden, der 



Die Krankheiten der Haut. 337 

bisher als eine Neiu'ose angesprochen wurde, findet sicli bei Kindern 
selir selten, wurde aber schon im frühesten Alter (2^/2 Jahre) beobachtet; 
neben der voll entwickelten Krankheit kommen, und zwar speziell bei 
chlorotischen jungen Mädchen, Erscheinungen zur Beobachtung, die man 
als Formes frustes ansprechen kann, und die prognostisch viel günstiger 
sind, da sie einer kombinirten diätetischen und Eisenbehandlung meist 
weichen ; ihre Diagnose gründet sich auf das Vorhandensein von min- 
destens zwei der klassischen Kardinalsymptome. Tachykardie allein für 
sich kann auch sonst vorkommen, so bei Hysterie; ebenso Struma und 
Exophthalmus; endlich findet man bei Struma liie und da nervöse 
Symptome. Tremor wird bei Kindern fast nie beobachtet. Die Krankheit 
betrifft meist anämische Individuen und verläuft chronisch; Heilung ist 
bei ausgesprochenem Morbus Basedowii selten ; dennoch ist die Prognose 
quoad vitam günstiger wie beim Erwachsenen. Eine Besserung soll 
durch konsequente Galvanishung des Halssympathikus erzielt werden 
können. Stets werden Eisen und Chinin unterstützend günstig wirken ; 
geistige und körperliche Ruhe, Land- und Seeaufenthalt, eine milde 
Hydrotherapie können das ihrige thun, um das Allgemeinbefinden und 
die Blutarmuth zu heben; operative Eingriffe (Unterbindung der Artei'ien 
oder Exstirpation des Struma) sind beim Kinde noch nicht versucht. 



Die Krankheiten der Hant. 

Erythem, einfache Dermatitis, entsteht bei der Zartheit, Leicht^^er- 
letzlichkeit der Kinderhaut sehr leicht und oft, und zwar in Folge aller 
Reize, welche die Haut treffen, am häufigsten bei Säuglingen; so durch 
die dauernde Durchfeuchtung, den chemischen Reiz von Urin und Fäces ; 
aus diesem Grunde finden wir am After, auf den Nates, an den Geni- 
talien, auf der Hinterfläche der Ober- und selbst Unterschenkel, an den 
Fersen die Erscheinungen der Hautentzündung bei den häufigen Ent- 
leerungen gährenden, zersetzten Darminhalts im Gefolge der Dyspepsieen 
und Darmkatarrhe, der Cholera nostras, besonders chi-onischen Verlaufs. 
Von da kann sich die Dermatitis weiter hinauf über die ganze Rücken- 
fläche ausbreiten, selbst Abdominal- und Brusthaut befallen. 

Bei sehr fetten Kindern entwickelt sich auch in Achselhöhle, In- 
guinalbeugen, Halsfalten, wo grössere Hautflächen dauernd in inniger 

Hau3;er, Grundriss der Kinderheilkunde, Zweite Auflage. 22 



338 Die Krankheiten der Haut. 

Berührung stehen und leicht eine Stagnation von Schweiss und Talg 
Statt hat, eine erythematöse Entzündung, um so mehr, je schwieriger 
oder mangelhafter die Reinigung solcher Gegenden ist. 

Am Nabel und seiner Umgebung kann durch längere Sekretion 
bei ungenügender Pflege der Wunde, bei Granulombildung sich ein 
Erythem herausbilden. 

An der Vorderfläche des Skrotums, uml von da sich ausbreitend, 
entsteht Erythem durch Harnträufeln, wie es öfter Folge von Phi- 
mose ist. 

Bei Koryza bildet sich Erythem der Oberlippe, des Naseneingangs, 
bei Speichelfluss (Dentition, Stomatitis), bei habituellem Speien Erythem 
der Mund\Yinkel, des Kinns, der Vorderseite des Halses. 

Die klinischen Erscheinungen sind: Röthung, Schwellung, 
seröse Sekretion, Abschilferung, oberflächlicher Verlust der Epidermis 
(Wundsein) mit stärkerer Exsudation, Neigung zu Blutung, Juckreiz, 
Brennen, Sclimerz, dadurch Unruhe, gestörter Schlaf, vieles Schreien, 
selbst leichtes Fieber, Ernäln-ungsstörung. 

Die beste Behandlung Ijesteht in der Beseitigung der Ursache; 
daneben wendet man in dem ersten, hauptsächlich durch Cirkulations- 
störung, Hyperämie gekennzeichnetem Stadium mit Vortheil häufig ent- 
zündungslindernde Umschläge von Bleiwasser, essigsaurer Thonerde, bei 
schlimmeren Graden Thymol-, Höllensteinlösung 1 "oo, an. Daneben be- 
währt sich meist die Behandlung mit austrocknenden Pudern. Man bevor- 
zuge anorganische Mittel, besonders Talkum, in verschiedener Stärke 
gemischt mit Zincum oxydatum, Bismuthum subnitricum, Dermatol; 
gleichzeitig antiseptisch wirken Tannoform, Borsyl. — Acidum salicylicum 
wirkt zu stark ätzend, wenigstens für Säuglinge. Salben erweisen sich 
im ersten Stadium im Allgemeinen weniger nützlich, wenn sie auch den 
Vortheil haben, die betroffenen Theile vor neuer Berührung und Durch- 
nässung zu schützen. Dagegen sind sie etwas später wohl indizirt; man 
bevorzuge nur ganz indifferente Fette wie Lanolin (Byrolin), Alapmin, 
höchstens Zink- und Bleisalben (Hebrasalbe). Wasser und Seife ver- 
meidet man anfangs am besten ganz ; die nöthige Peinigung lässt sich 
durch zartes Abwischen mit Vaselin, Schweineschmalz oder Oel auf Watte 
vollkommen genügend erreichen. Alle die Hautausdünstung und Aus- 
trocknung hindernden Bedeckungen , wie besonders Gummiunterlagen, 
Windelhosen lasse man ganz weg; in schlimmen Fällen von Intertrigo 
und ausgedehnter Dermatitis lässt man die Kinder zweckmässig viel 
unbedeckt, und statt auf Windeln auf trockener Kleie liegen. Auf ein- 



Die Krankheiten der Haut. 339 

ander liegende, an einander scheuernde Hautflächen trennt man durch 
Pasten (Zink-) und Charpiezwischenlage. 

Seife vermeide man jedenfalls, an die entzündete Haut zu bringen, 
während in leichten Fällen einfache Wasserbäder weiter gegeben werden 
können. Von den vielangewendeten Kleien-, Kalium permanicum-Bädern 
habe ich nie rechten Erfolg gesehen. 

Seborrhoea wird verursacht durch die Ansammlung von erstarrtem 
Sekret der Talgdrüsen, deren während des Uterinlebens gesteigerte Thätig- 
keit öfters noch nach der Geburt länger andauert; diesem Sebum mischen 
sich Epidermisschuppen bei, das Ganze nimmt durch Verunreinigung statt 
der ursprünglichen gelblichen Farbe öfters eine etwas dunklere an; findet 
eine Zersetzung, ein Ranzigwerden des Talges statt, so reizen die gebildeten 
Fettsäuren die darunter liegende Haut; so kann Ekzem der behaarten Haut 
entstehen, Pustelbildung, Eitersekretion, um so leichter, als sich aus der 
Luft infizirende Mikroorganismen niederschlagen. — Die Sekretborken 
sind durch Fett oder Oel zu erweichen, allmählich durch regelmässige 
SeifenAvaschungen und mechanisch durch vorsichtiges Ablösen zu entfernen. 

Das Ekzem in seinen verschiedenen Formen ist neben dem Erythem 
die häufigste Erkrankung der Haut des Kindes. Es entwickelt sich 
entweder aus einer einfachen Dermatitis heraus, oder es tritt von vorne- 
herein als der Ausdruck einer stärkeren Entzündung auf. 

Seine Entstehung ist zu einem Theil auf alle die mannigfachen 
Arten von Hautreizen zurückzuführen (deuteropathisches Ekzem), wie sie 
physiologische und pathologische Sekrete darstellen (cf. Erythem), wie 
sie in Folge der Einwirkung von Fetten, Salben (Ungt. einer. \ von 
Pflastern, Wasser- und Breiumschlägen, von juckenden, zum Ki-atzen 
reizenden Haut- und Haarparasiten (Pediculi capitis, vestimenti), Medi- 
kamenten (Theer, Jodoform, grüne Seife), von Hitze (Ecz. caloricum) 
mehr- weniger artifiziell erzeugt w'erden. 

Häufig bilden sich hartnäckige Ekzeine, ohne dass wir die Ur- 
sache in einem äusseren Reiz entdecken können (Fettsucht ?) ; es scheint 
da öfters eine individuelle oder Familiendisposition vorzuliegen. 

Bekannt ist, dass die Skrophulose einen Boden abgiebt, auf dem 
sich ekzematöse Hautausschläge mit Vorliebe entwickeln. 

Endlich kann sich irradiirt Ekzem an Impfpusteln, an Hautver- 
letzungen, Geschwürsbildung anschliessen. 

Die Formen resp. Stadien des Ekzems sind die bekannten : erythe- 
matöses, papulöses, vesikulöses (E. madidans, rubrum), pustulöses, im- 
petiginöses, squamöses Ekzem. Mischformen sind dabei häufig. 

22* 



340 Die Krankheiten der Haut. 

Während das Ekzem ganz akut auftreten und unter geeigneter 
Behandlung rasch abheilen kann, ist es in vielen anderen Fällen 
äusserst hartnäckig, von ausgesprochen chronischem. Verlauf und trotzt 
allen therapeutischen Bestrebungen. 

Bei der Behandlung ist das Wesentlichste die thunlichste Be- 
seitigung etwaiger ätiologischer Faktoren. Sodann kämen eine Reihe 
von Massnahmen in Betracht, für deren Anwendung sich nur ganz im 
Allgemeinen einige leitende Grundsätze aufstellen lassen, bei denen 
man sich aber ja vor Schematismus zu hüten hat; meist wird man 
tastend, von dem einen zum andern Mittel übergehen, herauszufinden 
trachten, welches in ilem vorliegenden Falle und Stadium am besten 
vertragen wird, gut zu wirken scheint; versagt ein Mittel, so muss man 
sein Heil mit einem andern versuchen, ohne jedoch planlos fortwährend 
mit den Medikamenten zu wechseln. 

Das akute erythematöse, nässende Ekzem behandelt man am besten 
trocken mit Puder; bei lebhafter Entzündung unterstützen kühlende 
Umschläge die Rückbildung der Haut sehr (s. Er^'them) ; Fette werden 
oft gar nicht vertragen, regen im Gegentheil Bläschen- und Pustel- 
bildung an ; lässt die Entzündung nach , so kommen milde Salben 
in Frage (cf. Erj-them); im Uebergangsstadium bewähren sich häufig 
am besten Pasten, spez. die Zinkpaste (ohne Salic3d); bei sehr hart- 
näckiger Sekretion aus excoriirten Flächen wirken oft Bepinselungen 
mit 3 — 5 "/o Sol. Argenti nitrici sehr gut, denen dann eine Bedeckung 
mit Zinkpaste oder Zinkleimverbänden zu folgen hätte. 

Trockene Ekzeme verlangen jedenfalls die Auftragung von er- 
weichenden und deckenden Fetten, wobei man sich aber erinnere, 
dass alle differenten Mittel von der Kinderhaut in der Regel nicht 
vertragen werden. Salben wie Pasten wendet man am besten auf weiche 
Mullstreifeii dick gestrichen und mit Binden angedrückt an. Ueber- 
haupt empfiehlt es sich bei allen Hautausschlägen sehr, die betroffenen 
Flächen dauernd und fest bedeckt zu halten, um alle ^''erunreinig■ungen, 
sowie eine durch das meist leidenschaftliche und sonst nicht einzuschrän- 
kende Kratzen der Kinder erfolgende Reizung und Infektion zu ver- 
hüten. Bei Erneuerung dieser Salbenverbände werden Krusten, Borken 
und Salbenreste mit Vaselin und Watte zart entfernt. Gute Erfolge 
habe ich besonders bei erythematösem Ekzem auch von Zinkleimver- 
bänden gesehen. Weniger empfehlen sich Pflaster und Pflastermulle, 
weil sie die Haut zu dicht abschliessen, Sekrete schlecht abfliessen 
lassen. 



Die Krankheiten der Haut. 341 

Bei vesikulösem, pustulösem Ekzem kommt es darauf an, einmal 
alle die oft dicken, angesammelten Borken und Krusten schonend zu 
entfernen, Sekretverhaltungen unter denselben, die zu einer Arrodirung 
der Haut, Geschwürsbildung führen, zu verhindern; es geschieht dies 
am zweckmässigsten durch mild antiseptische Umschläge mit Thymol, 
Sublimat in sehr starker Verdünnung, essigsaurer Thonerde; gleichzeitig 
antiseptisch und die erkrankte Haut leicht ätzend wirkt eine schwache 
Höllensteinlösung zu Umschlägen (1 "/oo) oder Pinselungen (3 — 5"/o); 
diese besonders von Henoch empfohlene Argentum nitricum-Behandlung 
hat sich vorzüglich bewährt. Sind alle Pusteln entleert, die Borken ent- 
fernt, so folgt eine Bedeckung mit Zinkpaste, Zinkleim, weisser Präcipitat- 
salbe, Bismuth-, Resorcinpasten. Hat die Sekretion, die Borkenbildung 
abgenommen, so können die Krusten da, ^s'0 sie ganz trocken sind, keine 
Sekretverhaltung bewirken (probeweis drücken) und deshalb eine Art von 
Schutzdecke für die eben verheilte oder neugebildete Epidermis bilden, 
zunächst sitzen bleiben. 

Bei stärkerer Eiterung, Verdacht auf infektiösen Charakter be- 
währte sich mir auch Thiolum liquidum in Lösung (10°/o) und Salben- 
form und ganz besonders die Zinnobersalbe (Ungt. sulfuratum rubrum); 
auch Naphtalansalben und Pasten erwiesen sich oft sehr brauchbar. 

Bei schuppendem Ekzem kann man auf die hie und da wieder 
nässenden Stellen Argentum nitricum-Lösung pinseln ; an den trockenen 
Partien versucht man eine schwache Theersalbe (Picis liquidae, Zinci 
oxydati ää 5 — lO^/o); bei ganz chronischem Ekzem lässt man reinen 
Theer oder ein Theergemiseh (Ol. Eusci, Ol. Fagi, Pix liquid, ää) in 
öliger Emulsion (Olivenöl) auf die erkrankten Stellen pinseln, einige 
Minuten bis Stunden einwirken und dann mit gefetteter Watte oder 
auch im Seifenbade abwaschen. Im Gesicht vermeide man den Theer. 

Ein Hauptgewicht lege man stets darauf, dass die Kinder nicht, 
dem Juckreiz folgend, den Ausschlag durch Kratzen reizen, infiziren; 
am sichersten gelangt man zum Ziel, wenn man die kranke Haut vor 
Hitze- und Kälteeinwirkung, Staub und Schmutz und vor Allem vor 
dem Kratzen durch Verbände schätzt. 

Von inneren Mitteln kaun man bei sehr l-iartnäckigem Ekzem oft 
guten Erfolg von einem längeren Arsenikgebrauche sehen. 

Bei Adipositas ist eine Diätändemng, wohl auch vegetarische Kost 
zu versuchen: bei Skrophulose muss man vorwiegend das Allgemein- 
leiden behandeln. 

Miliaria (Sudamina alba und rubra) stellen nichts anderes als eine 



342 Die Krankheiten der Haut. 

Retentioii und Eiitzüiiduiig in den Schweissdrüsenausführungsgängen 
dar; sie vermögen öfters in das (jrste Stadium eines Ekzems überzu- 
führen und sind im Kindesalter sehr häufige Befunde, namentlich bei 
unvernünftig warm gehaltenen Säuglingen, bei mangelhafter Hautpflege 
und ganz besonders l)ei den zu Schweissen so sehr neigeiiden rachitischen 
Kindern. 

Da bei starker unil ausgebreiteter JMiliaria rubra in der That ein 
dem Scharlachexanthem äirnliches Bild entstellen kann, hat man hie 
und da die Eltern über dieses Aussehen zu beruliigen (Euphorie, Fehlen 
von Fieber und Angina). 

Bei kühlen Waschungen mit abgekochtem Wasser, dem man etwas 
Mentholspiritus (5 °/o), Toilettenessig oder essigsaure Thonerde (1 — 3°/o) 
zusetzt, bei regelmässiger Hautpflege durch Bäder, leichter Bedeckung, 
unter austrocknendem Puder heilt der Ausschlag meist rasch wieder ab, 
öfters unter leichler Desquamation. 

^Miliaria crystallina, welche aus hellen, klaren, über grössere Körper- 
flächen zerstreuten, runden und ovalen Bläs(dieix besteht, ist lediglich 
Folge von Schweissretention und lieilt spontan unter derselljen Be- 
handlung-. 

Impetigo, d. li. grössere, eitergefüllte Blasen ohne Eandinfiltration 
-- im Gegensatz zur Ekthyma — tritt als Impetigo contagiosa 
mit Vorliebe bei Kindern auf, befällt fast ausschliesslich das Gesicht; 
die Krankheit bildet ganz oberflächlich sitzende, zu Krusten eintrock- 
nende und binnen Tagen abheilende Blasen ; sie ist sehr- übertragbar 
und heilt bei indifferenter Behandlung mit Zinkpaste. Die zweite Form, 
Impetigo h e r p e t i f r m i s beginnt mit ki'eisf örmig sitzenden Eiter- 
pusteln ; dieselben breiten sich peripher aus, heilen central ab, sind mit 
Schüttelfrösten und hohem Fieber verbunden und stellen eine ernste 
Erki-ankung dar ; ihr Sitz ist die Gegend der Genitalien und die Innen- 
fläche der Oberschenkel, von wo sich die Pusteln über die Haut des 
ganzen Körpers und die Schleimhäute ausbreiten können. 

Ekthyma ist charakterisirt durch die Bildung grösserer, isolirt oder 
in Gruppen vertheilt stehender Pusteln mit leiclit infiltrirtem Wall ; 
bei längerem Bestände waiideln sich dieselben in mehr weniger tiefe 
Geschwüre um, die sich noch etwas ^'ergrössern können; sie kommen 
idiopathisch voi' ))esonders liei kachektisclien , atrophischen Kindern, 
können aber iiuch inmitten and(U'er Hautausschläge, besonders bei Ekzem, 
in Folge ytm Infektion durch Kratzen , Unreinlichkeit bei Scabies, 

Pedieulis <'litstelH'ii. 



Die Krankheiten der Haut. 343 

Man behandelt diesen Entzündungsprozess durch tägliche Reinigung 
(Seifenbäder) und Desinfektion der Haut (Sublimat-, Forinalin (1 "/o), 
Thiolumschläge, Pudern mit Jodoform, Dermatol; gerade hier bewährt 
sich wieder besonders das Ungt. sulfuratum rubrum. 

Dermatitis bullosa, Pemphigus. Neben dem unter der Bezeichnung 
Pemphigus akutus contagiosus neonatorum bereits aufgeführten Blasen- 
ausschlag, finden wir bei Kindern noch eine zweite Form von akuter 
Blasenbildung, die Febris bullosa, bei der unter Fieberbewegungen über- 
all auf dem Körper vertheilt juckende, ujiter Bädern und Pudern meist 
rasch abheilende Blasen aufschiessen. Die chronische Form, der Pem- 
phigus chi'onicus ist prognostisch bedenklicher; man sielit ihn zwar als 
P. benignus , ohne das Allgemeinbefinden zu alteriren , ohne dass die 
Blasen sich über weite Flächen ausgebreitet haben, abheilen, doch führt 
er als P. malignus zum Tode, indem immer neue sich folgende Blasen- 
nachschübe immer weitere Hautflächen exkoriiren, oder indem sich der 
Blasengrund diphtheritisch belegt oder starke, zu Blutung neigende 
Granulationswucherungen bildet. 

Herpes tritt als H. labialis bei vielen fieberhaften Krankheiten, 
besonders Pneumonie, Catarrhus gastricus auf ; als neuritische Dermatose 
in der Form des H. zoster (halbseitig) ist er auch im Kindesalter 
ziemlich häufig; seine Behandlung ist bekannt. — H. tonsurans befällt 
den Kopf (vesiculosus) und auch den Stamm (maculosus, squamosus 
und Eczema marginatum) und erfordert Chrysarobin, Ungt. Wilkinson, 
/S-Naphthol. 

Urtikaria entsteht unter denselben Verhältnissen wie bei Er- 
wachsenen; sie ist bei Kindern ein recht häufiges, oft ein hartnäckiges, 
chronisches Uebel, dessen Beseitigung nur gelingt, wenn man ihre Ur- 
sachen auffinden und entfernen kann. 

Wofern sich nicht eine deutliche Ursache für die Quaddelbildung 
in Gestalt von Insektenstichen, von Seiten eines Magen - Darmreizes, 
Tou bestinnnten Ingestis auffinden lässt, hat man stets mit der Mög- 
lichkeit zu rechnen, dass, namentlich wo eine Urtikaria sich durch un- 
gewöhnlich lange Dauer und Hartnäckigkeit auszeichnet, die Erkrankung 
das Vorläufer- oder erste Stadium des Prurigo darstellt, und dass des- 
halb die Prognose etwas vorsichtig zu stellen ist. 

Die Behandlung der einfachen Urtikaria besteht in dem Ver- 
bote warmer Bäder, des Tragens von Wolle, heisser Bedeckungen über- 
liaupt und in einer Abhärtung der Haut durch Kaltwasserprozeduren. 
Wo Störungen der Verdauung, Autointoxikation eine ätiologische Rolle 



344 Die Kiankheiten der Haut. 

spielen, kämen Laxantien (Sal Caroliniense) und ein Milchwechsel in 
Betracht. In hartnäckigen Fällen versuche man Atropin, Jodkali, 
Arsenik, eine Luftveränderung. 

Eine besondere und bei iln-er grossen Verbreitung sehr wichtige 
Abart der Urtikaria ist der 

Liehen urtikatus S. Strophulus; er ist eharakterisirt durch das 
Auftreten von etsva linsengrossen, hellrothen, starkjuckenden Roseolen 
oder Urtikaria ähnlichen Quaddeln, aus deren Mitte sich sehr bald ein 
Knötchen mit bläschenartiger Kuppe entsvickelt: Urtikaria papulosa. 
Während dessen Umgebujig rasch abblasst, bleibt die Papel bestehen; 
der Lihalt des vielfächerigen Bläschejis trocknet ein; durch KJratzen 
bildet sich häufig an. der Spitze das Knötchens ein kleiner, dunklerer 
Schorf; es schiessen immer neue Quaddeln auf; von den alten hinter- 
bleibt noch lange Zeit ein körnig sich anfühlendes, abgeblasstes, schliess- 
lich weissliches Knötchen in der Haut. 

Solehe Quaddeln mit centralen Knötclien treten meist am Abend 
im Bett, weniger bei Tage mehrfach in akuter Eruption auf; sie stehen 
einzeln oder in Clruppen zusammen ; bei ihrem Entstehen und in der 
ersten Zeit ihres Bestandes verursaclien sie einen heftigen Juckr'eiz, der 
die Nachtruhe sehr zu stören pflegt und ekzematöse und pustulöse Kom- 
plikationen zur Folge hat; ferner kann es danach zu Drüsensehwellungen 
und zwar besonders in den Leisten kommen. 

Mit Vorliebe befallen werden der Rumpf, speziell die Nates, dami 
auch die LTnterextremitäten, deren Beiigeseiten bevijrzugt sind; auch 
an den Fusssohlen schiessen die Efflorescenzen auf, am Gesicht niu- 
selten, nie am behaarten Kopf. 

Es lassen sich meist periodische Attacken erkennen, in denen der 
Liehen strophulus erscheint; nur in schweren Fällen entstehen in un- 
unterbrochener Reihenfolge immer neue Knötchen. Stets findet man 
an demselben Individuum die verschiedenen Entwickelungsstadien neben 
einander, ihrer längeren Dauer entsprechend natürlich vorwiegend die 
älteren , abgeblassten Papeln. Zwischendrein sieht man wohl auch 
scharf begrenzte, echte Urtikariaquaddeln ohne cejitrales Knötchen. 

Die Affektion dauert Wochen bis Monate; dass sie mit Vorliebe 
in der heissen Jahreszeit auftrete, konnte ich nicht finden. 

Befallen sind in der Regel junge und wohlgenährte Kinder im 
Alter von 3 bis 1 2 Monaten ; im zweiten Jahre ist das Leiden schon 
etwas seltener, jenseits des zweiten konnnt es wenig zur Beobachtung. 

Das Allgemeinbefinden ist nur durch den lebhaften Juckreiz, den 



Die Krankheiten der Haut. 345 

unruhigen Schlaf beeinträchtigt; Fieber besteht nie; dass diese Angio- 
neurose mit der Zahnung im Zusammenhang stehe (was das Volk mit 
dem Namen Zahnpocken andeutet), kann icli nicht ganz von der Hand 
weisen. 

Die Prognose ist gewöhnlich günstig, da das Leiden durchaus 
gutartig ist und mit der Zeit von selbst aufhört; jedoch denke man auch 
hier an die Möglichkeit eines späteren Prurigo. 

Die Behandlung kann nur symptomatisch sein. Stets wird man 
gut thun, warme Bäder zur Zeit der akuten Eruption aussetzen zu lassen, 
da sie, wie die Wärme überhaupt, die Exanthembildung zu begünstigen 
scheinen. Man ersetzt sie durch kalte Waschungen, die auch den Juck- 
reiz lindern. Noch besser wirken Waschungen und Umschläge, mit 
Karbolwasser, besonders vor dem Zubettgehen; man kleide und bedecke 
die Kinder kühl und versuche noch als die Sensibilität herabsetzend 
Antipyrin , Laktophenin des Abends. In hartnäckigen Fällen hat 
mir meist eine energische Theerbehandlung gute Dienste gethan. Auch 
ist nicht zu leugnen , dass manchmal Volksmittel wie „blutreinigende" 
Thees (Stiefmütterchen, Walnussblätter) hie und da raschen Erfolg zu 
haben scheinen. In der Annahme, dass toxisch wirkende Stoffe vom 
Dannkanal mit im Spiele sind , habe ich auch mit Vortheil Abführ- 
mittel gegeben und die Milch gewechselt oder diese für einige Zeit ganz 
ausgesetzt. 

Prurigo verdient die Berücksichtigung des Kinderarztes aus dem 
Grunde, dass die .Juckblattern stets schon in frühester Kindheit, Ende 
des ersten , Anfang des zweiten Jahres in Gestalt einer hartnäckigen 
Urtikariaeruption beginnen, denen dann später die Bildung von kleinen, 
unter der Epidermis gelegenen , heftig juckenden Knötchen an den 
Streckseiten der Unter-, später auch Oberextremitäten folgt; Prurigo 
kombinirt sich oft mit Urtikaria, erregt Kratzekzem und Lymphdrüsen- 
schwellungen. Auch in schwereren Fällen hat man mit Schmierseifen- 
bädern, Naphtholsalben, Antipyi-in bei konsequenter Anwendung Heil- 
erfolge. 

Psoriasis ist insofern eine Kinderkrankheit, als sie direkt vererb- 
bar (resp. übertragbar?) ist; die Behandlung mit Chrysarobin, Naphthol, 
Ungt. Wilkinson äusserlich, Arsenik und Jodkali innerlich hat die 
Prognose wesentlich verbessert. 

Akne, Ervthema nodosuni und Eiythema exsudativum multiforme, 
Sykosis, Ichthyosis, Lupus, Skabies, Fa\iis, Pityriasis versicolor bieten 
beim Kinde keine spezifischen Eigenheiten oder Abweichungen von i.lem 



346 Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 

bekannten Krankheitsbild oder -verlauf. Ein recht häufiges Leiden 
stellt im Killdesalter die 

Furunkulosis, anatomisch FoUikulitis ahscedens, dar, die unter Bild- 
ung entweder nur weniger, weit zerstreuter, oder häufiger ausserordent- 
lich zahlreicher, kleinerer und etwas grösserer Zellgewebsabscesse in 
Furunkelforni verläuft; sie findet sich vorwiegend bei heruntergekom- 
menen, elenden Kindern, deren Hauternährung zudem noch durch 
mangelhafte Hautpflege gelitten hat, öfter aber auch bei sonst ganz 
gesunden und wohl gedeihenden Kindern ; die Patienten stehen in der 
Eegel noch im Säuglingsalter. Die Ursache der Krankheit muss man 
wohl in einer Infektion der Haut und des Unterhautzellgewebes durch 
eiterbildende Staphylokokken (pj^ogenes aureus), nur ganz ausnahms- 
weise Streptokokken suchen, die wahrscheinlich mit Vorliebe in Talg- 
und Schweissdrüsen eindringen ; es kommt dabei hinzu, dass oberfläch- 
liche Verletzungen der Epidermis in Gestalt von Miliaria, Sudamina, 
Ekzem die Eingangswege eröffnen; daher findet man die Furunkulose 
besonders auf dem Hinterkopf, im Nacken iler stark schwitzenden 
rachitischen und tuberkulösen Kinder. Mit Lues hereditaria und Skro- 
phulose hat die Krankheit direkt nichts zu thun. 

Die Abscesse liegen theils ganz oberflächlich, theils tiefer; bald 
sind die entzündlichen Erscheinungen mehr weniger lebhaft, bald findet 
man fast reaktionslose Abscesse, die an die sogenannten kalten Zell- 
gewebsabscesse erinnern können. 

Die Behandlung besteht einmal in allgemeiner Pflege , bester 
Ernälrrung, Kräftigung, sodann in Reinigung, Desinfizirung der Haut, 
der Hautabscesse in Seifen- (Schmierseifen)-, Sublimatbädern, durch Um- 
schläge mit essigsaurer Thonerde, Formalin, sowie in Spaltuiig und Ver- 
band jedes einzelnen Abscesses, von denen man, um grössere Blutverluste 
zu vermeiden, nicht mehr wie etwa sechs auf ein Mal vornehmen darf. 



Akute allgeiueiiie Infektionskrankheiten. 

Allgemeines: Die akuten Infektionskrankheiten entstehen durch 
das Eindringen eines spezifischen Virus, dessen Natur bislang erst für 
die Minderzahl dieser Ivi-ankheiten genauer bekannt ist. Die Disposition 
für akute Infektioiiskninkheiten ist individurll und iiuch für die einzelnen 



Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 347 

Krankheiten verschieden. Angeborene Immunität für alle diese Krank- 
heitsformen kommt vor; Ueberstehen einer solchen Infektionski-ankheit 
schafft häufig erworbene Immunität, wenigstens für eine gewisse Zeit; 
die angeblich durch die Muttermilch zu erwerbende Immunität des Säug- 
lings scheint mir nach meineli Beobachtungen keineswegs erwiesen, wenn 
diese Lehre auch auf Grund von Thierversuchen Manches für sich hat. 

Morbilli treten weniger sporadisch, als fast ausschliesslich in grösseren 
Epidemieen und Endemieen auf, und zwar folgen sich diese gewöhnlich 
in Zwischenräumen von einigen Jahren, nachdem in den jüngsten und 
jüngeren Altersstufen gewissermassen wieder neues, noch nicht durch- 
seuchtes Material herangewachsen ist. Die Disposition des Kindesalters 
für Masern, ausgenommen vielleicht die allererste Säuglingsperiode, ist 
so ausgesprochen, die Ansteckungskraft so stark, dass der Kraidiheit 
kaum ein Kind zu entgehen pflegt. Die Ansteckungsfälligkeit scheint 
am Stärksten im Prodromalstadium , geringer in der Abschuppungs- 
periode. Das Kontagium ist noch unbekannt, sicher selir flüchtig. 
Wiederholte Erkrankung an Morbilli gehört zu den Seltenheiten. Ueber- 
tragen werden die Masern in der Regel nur von Person zu Person, so 
gut wie gar nicht, wie der Scharlach, durch dritte Personen und 
Gegenstände. 

Die Masern haben eine ganz konstante Inkubationszeit von 
10, nur ausnahmsweise 12 — 14 Tagen, und typische Prodrome. Die 
im Inkubationsstadium wolil meist vorhandenen Störungen des Allgemein- 
befindens sind unerheblich und, wenn nicht gerade eine Masernepidemie 
herrscht, schwer zu deuten (Anorexie, unruhiger Schlaf, leichte dyspep- 
tische und katarrhalische Erscheinungen, unregelmässiges, leichtes Fieber). 
Die Vorläufersymptome, welche in den meisten Fällen wenigstens 
einer aufmerksamen Beobaclitung nicht entgehen, bestehen in den Er- 
scheiiumgen eines Katarrhs der Konjiuiktiven, der oberen Luftwege: 
Schnupfen, Nasenbluten, Husten ; daneben finden sich die Zeichen von 
Dyspepsie und Störung des Allgemeinbefindens, wie sie dem meist akut 
einsetzenden und ziemlich hohen Fieber entsprechen. Herrschen nicht 
bereits die Masern, oder liegt der Verdacht auf diese mangels einer In- 
fektion.sgelegenheit ferne, so wird man in diesem Stadium gewöhnlich 
über die Diagnose „Grippe", „Schnupfenfieber" nicht hinauskommen; 
ja man könnte, da die Temperatur am 2., 3. Tage hie und da bis zur 
Norm abfällt, die Affektion für beendet halten. In etwa der Hälfte 
der Fälle entdeckt man schon um diese Zeit auf der Schleimhaut der 
Wangen, auch Lippen kleine, wie Kalkspritzer aussehende, unregelmässig 



348 Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 

geformte Flecke von blauweisser Farbe : K o p 1 i k ' s c h e Flocke, die 
den Werth eines pathognomischen Frühsymptomes beanspruchen dürfen. 
Unter Umständen macht frühzeitig schon das Auftreten eines ganz 
charakteristischen Schleimhautenanthems, einer Angina morljillosa, auf das 
Kommende aufmerksam ; oft schon am zweiten Tage des Prodromal- 
stadiums bemerkt man am harten und weichen Gaumen eine diffuse, 
leichte ßöthung, aus der sich mehr weniger deutlich unregelmässige, 
runiUiche, kleine, punktförmige bis linsengro«se, dunkelrothe Flecke ab- 
heben. 

Am 3., 4. Tage, viel seltener noch später, beginnt der Ausbruch 
des Hautausschlages; ein rascher Anstieg der Körpertemperatur zu be- 
trächtlicher Höhe (an und über 40" C.) eröffnet dieses Stadium eruptionis. 
Das Exanthem beginnt beinahe ausnahmslos im Gesicht, um von dort., 
wie man namentlich bei Säuglingen erkennen kann, den behaarten 
Kopf und danach rasch, binnen 24 —36 Stunden absteigend, den 
ganzen Körper zu bedecken. Es zeigt ilie Merkmale der Roseola und 
daneben die der Hautquaddel, da es sich nicht bloss um eijie Hyperämie, 
sondern auch um Exsudation in der Haut handelt, der Ausschlag für 
den Finger noch deutlicher als für Jas Auge über das Niveau der 
gesunden Haut prominirt; weitere Merkmale des Masernexanthems sind 
hell- bis dunkelrothe Farbe , unregebnässig rundliche , auch zackige, 
sternförmige Gestalt ; die Flecke scheinen in den Haarbälgen zu be- 
ginnen und vergrössern sich ra^ch peripherisch. Im Gegensatz zum 
Scharlach, bei dem, besonders aus einiger Entfernung gesehen, die 
gesannnte Haut gleichmässig roth erschc-int, bei dem das Exanthem 
erst bei naher Betrachtuug sich in kleinste, punktförmige, wie gespritzt 
aussehende Fleckcheji auflöst, lassen die Papeln der Masern sehr deut- 
lich ganz normale, höclistens leicht hyperämische Hautpartien ZAvisehen 
sich; zwar können die Masernflecke auch an einzelnen Stellen zu 
grösseren Flatschen, zu Streifen, bogenförmigen Figuren verschmelzen; 
immer wird man al^er zwischendrein Hauti^telh^n von gesundem Aus- 
sehen finden, die durch iln'e Blässe abstechen, und auf <lenen jede 
Erhöhung fehlt. Dabei erscheint speziell das Gesicht im Ganzen stark 
gedunsen, wozu aUerdijigs die in Folge der Konjunktivitis ödeniatös 
infiltrirten Augenlider, die in Folge der Koryza gescbw( diene Nase 
beitragen. Die katarrhali.scheu Symptome. Konjimktivitis, Koryza, 
Catarrhus laryngo-trachealis sind gleiclizeitig noch stärker hervorgetreten. 
Das hohe Fieber, das Abends die 40'' tibersteigt, Morgens nicht unter 
39" hinabfällt, maclit die meisten Kinder apalhiseh, somnolent; seltener 



Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 349 

sind sie sehr unruhig, erregt; die Zunge wird dick belegt; es besteht 
meist völlige Appetitlosigkeit; dafür ist das Durstgefühl meist lebhaft 
gesteigert; hie und da bekunden die Kinder aber weder Hunger noch 
Durst und liegen ganz theilnahmslos und benommen da. Der Harn 
ist dunkel, lässt Urate und Phosphate ausfallen und zeigt oft Diazo- 
reaktion, nur ganz ausnahmsweise Eiweiss oder Propepton. Der Schlaf 
ist unruhig; die Kinder leiden unter Plautjucken, Augenschmerz und 
Hustenreiz. So vergehen 1 — '2 Tage; jetzt, nachdem das Exanthem 
sich über den gesanuuten Körper ausgebreitet hat xuid noch in voller 
Blüthe steht, fällt das Fieber kritisch ab (Gegejisatz zu Scharlach), und 
nun erfolgt ziemlich rasch unter Abblassen des Ausschlages, Zurück- 
gehen der katarrhalischen Erscheinungen die Genesung; die Zunge reinigt 
sich; bald meldet sich wieder der Apipetit; das subjektive Befinden 
bessert sich, Laune, Spiellust kehren wiei.ler, die Diurese nimmt zu, der 
Harn wird heller, klar. Am Ende der ersten Krankheitswoche, vom 
Ausbruch der Prodrome gerechnet pflegen von dem Exanthem gewöhn- 
lich nur mehr gelbliche und bräunliche Flecke sichtbar zu sein, und 
gleichzeitig beginnt im Gesicht und am Hals eine geringe Desqua- 
mation, welche in der Folge am ganzen Körper sich einstellt, und die, 
weil sie kleinste Schuppen bildet, als kleienförmig bezeichnet wird; die 
Abstossung der/ Haut in grossen Fetzen, speziell an den Fingern und 
Zehen, wie beim Scharlach, wird nie beobachtet. Die Abschup)pung 
pflegt in weiteren .5 — 7 Tagen beendet, Konjimktivitis und Katarrh 
vollends geschwunden zu sein , so dass in normalen Fällen Ende der 
zweiten Woche nichts mehr an die Krankheit erinnert. 

Abweichungen von diesem Bilde der gewöhnlichen und mittel- 
schweren Masern kommen vor; so giebt es sehr leichte Erkrankungen, 
in denen das Prodromalstadium fast unbemerkhch, das Stadium 
exanthematicum unter ganz massigem Fieber, leichtem Katarrh, geringer 
Beeinträchtigung des Allgemeinbefindens verläuft. In anderen Fällen 
erreicht das Fieber dauernd sehr hohe Grade und hält auch über die 
normale Zeit an (4 — 5 Tage), oder es fällt wohl langsam, lytisch ab. 
— Das Exanthem ist manclimal nur schwach ausgebildet, fast nur an- 
gedeutet, erscheint auch ausnahmsweise gegen die Regel zuerst auf der 
Brust, dem Rücken, lässt einzelne Theile frei. Hie und da bilden sich 
inmitten vieler Papeln kleinste Bläschen mit serösem Inhalt; Blasen- 
bildung (Morbilli buUosi) nach Art eines Pemphigus ist sehr selten. Der 
Ausschlag kann auch sehr hartnäckig andauern bis zu 2 luid 3 Wochen, 
besonders dann, wenn die Exsudation eine mehr hämorrhagische ge- 



350 Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 

Wesen ist, ohne dass ilies etwas zu bedeuten hätte. — Störungen 
stärkerer Art seitens der Digestionsorgane werden öfters beobachtet; so 
Erbrechen im Beginn, noch häufiger Diarrhoe. — Am häufigsten 
nehmen die katarrhalischen ,Symj)tome einen heftigeren Charakter an; 
so kann e^ zu sehr starker Konjunktivalsekretion mit Verklebung der 
Augenlider, erheblicher Lidsehwellung, Thräiienfluss, lebhafter Lichtscheu 
kommen; der Katarrh iler oberen Luftwege kann hinabsteigen, eine 
katarrhalische Bronchitis anfachen; dabei kommt es dann leicht und 
schon frühzeitig zur Bildung von atelektatischeii und bronchopneu- 
monischen Herden. 

Die N a c h k r a n k h e i t e n und K o m p 1 i k a t i o n e n der Masern 
sind etwas weniger häufig, jedenfalls nie so tückisch, unerwartet herein- 
brechend, wie beim Scharlach, haben jedoch stets eine grosse Bedeutung. 
Als leichteste Nachkrankheit wäre eine heftigere, eitrige Rhinitis mit 
Nasenobstruktion, Bildung von Rhagaden, sodann ein länger andauernder 
Kehlkopfkatarrh, sowie der Uebergang der akuten Blepharo-Konjunktivitis 
in eine chronische Form zu nennen. — Ernster gestaltet sich die Sache, 
wenn sich eine Otitis media einstellt; doch heilt sie unter zweckentsprechen- 
der Behandlung gewöhnlich aus, ohne die weitergehenden Zerstörungen 
anzurichten, welche die skarlatinöse und die diphtherische Erkrankung 
charakterisiren. Stärkere Stomatitis ist selten, ebenso Angina tonsillaris; 
häufiger giebt eine längere Zeit anhaltende und stärkere Diarrhoe, die 
selbst zu dysenterischen Enleerungen führen kann, Anlass zum Ein- 
schreiten. — Die häufigsten und wichtigste)] Störungen pflegen von den 
Respirationsorganen auszugelien ; während ein Pseudokroup im Prodromal- 
oder Initialstadium nichts auf sich hat, Laryngitis mit Heiserkeit, Hals- 
schmerz gewöhnlich gut abläuft, stellt der pseudomend.iranöse oder auch 
echt diphterische Kroup nach Masern eine zwar .leltenere, aber ernste 
Komplikation dar. Die meisten Gefahren drohen von einer Bronchitis 
descendens, da sie die Neigung zeigt, sich mit Bronchopneumonie zu 
vergesellschaften. Das.s an solchen, besonders peripheren Lungenent- 
zündungsherden die Pleura gerne Theil nimmt, ist bekannt; Pleuritis 
sicca ist gewöhnlich, Pleuritis serosa seltener; Empyem bildet eine grosse 
Ausnahme, ebenso Pyopneumothorax, Emphysem. Eine Bronchopneu- 
monie yerräth sich äusserlich manchmal- scliou durch livide Färbung 
des Exanthems. Eklampsie als Initialsymptom oder bei hohem Fieber 
kommt vor; ausnahmsweise hat nurn tetanische und kataleptische Kon- 
trakturen, blitzartige Muskclzuckimgen (Polyneuritis?), Meningitis, Mye- 
litis cesehen. 



Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 351 

Ob alle diese Komplikationen auf tiefergehende Ein-^virkungen des 
in manchen Epidemien offenbar offensiveren Masernvirus oder auf 
sekundäre Infektionen zurückzuführen sei, steht noch dahin ; in Lungen- 
herden, im Mittelohrsekret etc. findet man meist Strepto-, Staphylo-, 
Pneumokokken . 

Der typische Krankheits- und besonders Fieberverlauf bietet die 
beste diagnostische Handhabe zur rechtzeitigen Erkennung aller Kom- 
plikationen ; sobald die bereits zur Norm abgefallene Temperatur sieh 
von Neuem erhebt, oder aber das Fieber über die vollendete Eruption 
hinaus andauert, muss dies stets zu einer wiederholten Untersuchung 
speziell der lAingen und der Oln-en auffoixlern ; gerade im Abheil- 
ungsstadium stellt sich eine Bronchopneumonie mit Vorliebe ein. 

Auch andere Infektionskrankheiteji können sich mit den Masern 
kompliziren, so besonders der Keuchhusten, der den Verlauf der Masern 
viel ernster gestaltet, seltejier die Diphtherie, welche die Prognose ganz 
infaust macht. Die Komplikation mit Varicellen und Pemphigus acutus 
ist ganz ungewöhnlich. 

Als echte Nachkraiikheit erscheint neben chronischer Blepharo-Kon- 
junktivitis, Otitis media hauptsächlich wiederum die Bronchopneumonie, 
welche in der Regel als Komplikatiiin akut begann und, chronisch 
werdend, Wochen und Monate anhalten, in käsige Pneumonie übergehen 
kann. Ekzeme, Hautabseesse schliessen sich den Masern öfters an ; 
nicht allzu selten ist in ihrem Gefolge die Gangrän (Noma, Lungen- 
brand); Nephritis uml Endokarditis, Peri- und Myokarditis sind recht 
selten, ebenso Purpura und hämorrhagische Diathese. 

Masernreeidive wurden nur ganz ausnahmsweise beobachtet. 

Die Prognose der Masern ist sehr verschieden, je nachdem die 
Krankheit ältere (über 2 Jahre), kräftige, gesunde, gut gepflegte Kinder 
befällt oder sehr jugendliche, anderweitig erkrankte Kinder der unbe- 
mittelten, schlecht wohnenden und lebenden Volksklassen. Bei sorg- 
samer Behandlung wird ein Kind der ersten Kategorie, wenn es in 
gutem Ernährungszustand an die Krankheit herantrat, keine komplizirende 
Erkrankung, besonders von Seiten der Lungen hatte oder bekam, gewöhn- 
lich ungefährdet erscheinen. Ganz anders gestalten sich die Dinge, wenn 
die Masern einen jungen Säugling, ein von Hause aus schwächliches, 
zartes Kind befallen, ebenso wenn der Patient schlecht ernährt, ein wenig- 
widerstandsfähiges Herz oder gar erkrankte Lungen, einen Herzfehler 
hat; die ungünstigste Basis geben Rachitis, Atrophie, Skrophulose und 
Tuberkulose für die Masern ab; hieran leidende Kinder werden — 



352 Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 

besonders in der Hospitalpraxis — in der Regel von einer Masern- 
pneumonie llin^\'eggerafft.. Dass eine länger bestehende postmorbillöse 
Lungenijifiltration der tuberkulösen Sekundärinfektion, der Lungen oder 
Meningen einen günstigen Boden bereitet, wurde erwähnt; dasselbe gilt 
für die Skrophulose. 

Die Behandlung ist eine symptoniatisehe. Das Hauptgewieht 
wird man auf einen thunlichst grossen, luftigen Krankenraum legen; 
die Verdunkelung desselben sei massig, da anderen Falls die Kinder 
zu sehr des Lichts entwöhnt und übermässig empfindlieh werden. 
Warum man nach alter Regel die Masernkranken warm halten soll, 
ist auf Grund unserer neuen Anschauungen nicht recht einzusehen; 
keinesfalls packe man die fiebernden und in der Rekonyalescenz zu 
Schweissen neigenden Kinder in Federbetten; auch kann man getrost 
unter den bekannten Vorsichtsmassregeln die Wäsche wechseln, Gesicht 
und Hände täglich warm waschen lassen. Lüften lasse man nm- durch 
das Nebenzimmer. Die Kost sei während des Fiebers flüssig; zur Er- 
frischung gebe man massig kalte Limonaden und Kompot; später geht 
man zu einer leichtverdaulichen, aber kräftigenden Nahrung über ; durst- 
und hustenreizlindernde Getränke sind besonders anfangs am Platz. 

Gegen die Blepharo-Konjunktivitis wendet man neben leichter 
Verdunkelung des Krankenzimmers kühlende Kompressen (Borsäure- 
lösung) an; hält die Entzündung zu lange an, droht sie chronisch zu 
werden, so geht man zu Umschlägen mit Zincum sulfuricum-, Argentum 
nitricum-Lösungen (1 "/oo), zu Instillationen (Vi "/o bis 1 »/o) über. Den 
oft und besonders zu Beginn heftigen Hustenreiz bekämpft man mit 
Kodein oder Syrupus Moi-phini, auch mit warmen oder hydropathischen 
Umschlägen um den Hals. Bei bedrohlich hohem Fieber scheue man 
sich weder vor kalten Einpackungen, noch vor kühlen Waschungen. 
Um einer Ausbreitung des Katarrhs, der Entstehung von Lungen- 
atelektase und Pneumonie entgegenzuarbeiten, wechsele man besonders 
bei benommenen Kindern öfters die Körperlage, nehme oder setze sie 
regelmässig auf; das Wichtigste ist jedoch, durch feuchtes Aufwischen 
des. Fussbodens, vorsichtiges Lüften, für eine recht reine, staubfreie, 
feuchtwarme Luft Sorge zu tragen. Bei zu starker Diarrhoe hat man 
Stopfdiät, Wisnuith, Rothwein etc. zu verordnen ; ein Mittelohrexsudat 
wäre rechtzeitig zu entleeren. 

Mit Beginn der Desquamation lasse man erst täglich, später einen 
um den andern Tag warm baden; das Bett dürfen Masernrekonvales- 
centen erst vom 6.-8. Tage nach Auftreten des Exanthems, das 



Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 353 

Zimmer im Sommer in der zweiteji Woche, in rauhen Jahreszeiten nur 
mit grosser Vorsicht und erst viel später verhissen. 

Eine Isolirunp: der gesunden Geschwister ist nur dann nöthig oder 
zu versuchen, wenn es sich um sehr junge oder sonst gefährdete In- 
dividuen handelt, und hat nm- Sinn, wenn sie bereits beim Eintritt der 
ersten Prodromalerscheinung erfolgt. ' 

Rubeola stellt eine nicht eben häufige und dabei wohl die leichteste 
aUer akuten exanthematischen Krankheiten dar. Ihrer Erscheinuno- 

o 

nach haben die Rötheln die grösste Aehnliclikeit mit einer ausser- 
ordentlich milden Form von Masern. Die Krankheit beansprucht eine 
zweifellose Selbstständigkeit, wie mehrfach un<l gut beobachtete grosse 
Epidemien beweisen. Das Virus ist gar nicht bekannt; die Inkubations- 
dauer konnte ich wiederholt und genau auf 3 Wochen bestimmen. 
Ohne Prodrome tritt unter leichtem Fieber, bei massigen Allgemein- 
erscheinungen (Unruhe, schlechterer Appetit, etwas Dyspepsie, Durst, 
Kopfschmerz, Müdigkeit) ein charakteristisches Exanthem und gleich- 
zeitig eine leichte katarrhalische Affektion der Augenbindehaut, der 
Nasen-, Rachen-, Kehlkopf- und Trachealschleimhaut auf. Das Exan- 
them erinnert am meisten an einen kleinfleckigen, wenig erhabenen 
Masernausschlag von blasserer Färbung; zum Unterschied von diesem 
konfliürt es nicht zu grösseren Papeln und Quaddeln, vielmehr stehen 
die kleinen erj-thematösen Flecke meist isolirt und fliessen nur stellen- 
weise zu kleinen Gruppen, Streifen, Bogenlinien zusammen; gleich dem 
Masernausschlag befällt das Exanthem zuerst und am stärksten Gesicht 
und Hals, dann absteigend binnen etwa 12 Stunden den übrigen 
Körper; auch im Rachen, auf dem harten Gaumen ist es deutlich zu 
sehen; nach weiteren 12 Stunden beginnt es im Gesicht bereits ab- 
zublassen. Die gleichzeitig auftretenden Erscheinungen der Conjunc- 
tivitis, Rhinitis etc. sind geringfügig. Als weiteres, mehr weniger 
typisches Symptom lassen sich in der Regel multiple, kleine Lymph- 
drüsenschwellungen am Nacken, Hals und besonders hinter den Ohren 
nachweisen. Binnen 3 — 4 Tagen sehwinden mit dem Exanthem alle 
Erscheinungen; eine schwache Desquamation kann sich anschliessen. 
Komplikationen und Nachkrankheiten (Bronchitis, Bronchopneumonie?) 
sind kaum erwähnenswerth. Behandlung: Bettruhe für einige Tage, 
eingesckränkte Diät; Halsumschlag, Augenumschläge; Acid. muriaticum. 
Skarlatina ist neben Diphtherie die mit Recht am meisten ge- 
fürchtete Kinderkrankheit. Der ihr zu Grunde liegende Krankheits- 
erreger ist noch nicht bekannt, dürfte aber zu den Streptokokken ge- 

Hauser, Grundriss der Kinderheilkunde. Zweite Auflage. 23 



354 Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 

hören. Der Scli;ir]acli ist ungemein ansteckend, jedoch die Empfäng- 
lichkeit für die Infektion lange nicht so verbreitet, wie etwa die für 
Masern, Varicellen. Uebertra,^n wird der Scharlach nicht bloss direkt, 
sondern sehr leicht auch dm'ch dritte Personen, Gegenstände, Wäsche, 
Briefe, Bücher, Nahrungsmittel, die mit einem Kranken in Berührung 
gekommen sind; die Krankheit ist in jedem Stadium ansteckend, speziell 
auch schon vor Ausbruch des Exanthems. Das Kontagium bewahrt 
seine Wirksamkeit sehr hartnäckig. Der Scharlach scheint immer mehr 
zuzunehmen, leider in den letzten Decennien auch einen progressiv 
schlimmeren Charakter zu gewinnen. Eine Abhängigkeit des Scharlachs 
von der Jahreszeit, dem Klima ist nicht nachweisbar, ebensowenig die 
grössere Disposition eines Geschlechtes. Am häufigsten befallen werden 
die Kinder vom 1. — 10. Jahre, etwas seltener jenseits des zehnten, viel 
seltener vor Ende des ersten Lebensjahres. 

Wenn wir bei der Schilderung von einem mittelschweren Scharlach- 
falle, ohne besojidere Komplikationen und Nachkrankheiten , ohne die 
häufigen Abweichungen von dem sogenannten typischen Verlaufe aus- 
gehen, so wäre der Krankheitsgang etwa folgender: nach der wahr- 
scheinlich meist nur 2 bis 4 bis höchstens 7 Tage betragenden In- 
kubation erfolgt der Krankheitsausbruch in der Regel ziemlich plötzlich, 
Ueblichkeit oder Erbrechen, ganz akutes allgemeines Krankheitsgefühl, 
Erblassen, Müdigkeit, Schlafsucht, Frösteln, seltener Schüttelfi-ost, auch 
wohl eine Olmmacht, ein eklamptischer Anfall künden meist deutlich 
den Beginn emer ernsten, einer infektiösen Krankheit an. Das 
Thermometer ergiebt sehr früh schon eine beträchtliche Temperatur- 
steigerung, die sich bald auch durch Hitze der Haut, Röthe des Ge- 
sichts, glänzende Augen, Kopfschmerz, Benommenheit oder Delirien, 
Durst, Anorexie, Puls- und Eespirationsbeschleunigung verräth. Aeltere, 
verständige Kinder geben schon jetzt neben Kopfschmerz als erstes sub- 
jectives Krankheitssymptom Halsschmerzen, Schluckbeschwerden an; 
jedenfalls konstatirt die Untersuchung in allen Fällen schon gleich zu 
Beginn eine lebhafte Angina, die sich für das Auge des Geübten als der 
Ausbruch des Scharlachenanthems auf Gaumensegeln, hartem Gaumen, 
ßachenwand darstellt : man sieht eine starke parenchymatöse Entzündung, 
eine weniger gleichmässige, als feingepunktete Röthung (Enanthem). Die 
Tonsillen sind geschwollen, lebhaft geröthet; die SubmaxiUardrüsen 
werden fühlbar, druckempfindlich ; die Zunge zeigt sieh schon frühzeitig 
grau belegt, trocken. Nach 12, längstens 24 Stunden, nur ausnalunsweise 
einmal später, tritt das charakteristische Scharlachexanthem auch auf 



Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 355 

der äusseren Haut in die Erscheinung:. Dasselbe stellt sich als eine 
erythematöse Entzündung, Schwellung, leichte Infiltration der Haut 
dar, welche eine lebhaft-, oft krebsrothe Farbe amiimmt; bei näherer 
Besichtigung stellt sich heraus, dass diese „Scharlach"-rarbe haupt- 
sächlich dadurch hervorgerufen wird, dass die Haut ndt Tausenden 
feinster, tiefrother Pünktchen, Tüpfelchen bedeckt ist, so dass man ganz 
richtig die Bezeichnmig „gespritzt" angewendet hat. Die dunkelrothen 
Punkte entsprechen gewöhnlich den Haarbälgen und treten wohl auch 
als leichte Erhabenheiten fühlbar hervor. Diese Röthung ist von 
wechselnder Intensität, sie nimmt bei hoher Fiebertemperatur, auf ge- 
drückten Hautstellen zu, zeitweise erscheint sie blasser; gewöhnlich 
wird sie besser auf eine gewisse Entfernung wahrgenommen. Das 
Exanthem beginnt meist auf dem Halse und der Brust und greift 
dann mehr weniger rasch auf den Eumpf, die Ober- und Unterextremi- 
täten über; am wenigsten befallen ist das Gesicht; am deutlichsten 
noch prägen sich die Flecken auf den Theilen hinter und vor den 
Ohren aus; Stirn und Wangen sind kaum oder nur wenig betroffen, 
gewöhnlich nur diffus geröthet; in ganz auffallendem Gegensatz dazu 
hebt sich die Umgebung des Mundes, die Nase, das Kinn von dieser 
Eöthung ab, indem sie bleich erscheinen. Das Exanthem braucht von 
seinem ersten Auftreten bis zu seiner völligen Ausbreitung über den 
ganzen Körper verschieden lange Zeit, in der Regel nur einen bis 
zwei Tage. Während seiner Ausbreitung besteht dauerndes, hohes 
Fieber, das des Abends sich um die 40° hält, nur geringe Morgen- 
remissionen aufweist; es hält an, so lange das Exanthem besteht, und 
sinkt unter Abblassen des Ausschlages mit langsam abfallender Kurve 
bis gegen Ende der ersten Krankheitswoche (4 — 6 — 8 Tage) zur Norm. 
Dem Fieber parallel gehen im Allgemeinen die Erscheinungen seitens 
des Herzens, der Athmung, des Urins, wie sie jede febrile Erkrankung 
mit sich bringt; nur der Puls ist gewöhnlich unverhältnissmässig be- 
schleunigt. Die Psyche ist bei hohen Temperaturen meist etwas be- 
nommen; in anderen Fällen zeigt sich eine starke febrile Erregung ; Delirien, 
selbst Tobsucht ist nicht so selten. Geklagt wird, abgesehen von den 
Hals- und Kopfschmerzen, über Hitze, Prickeln und Jucken in der 
Haut, Durst, wohl auch schmerzhaften Harndrang. Neben den Stör- 
ungen der Digestion, Anorexie, hie und da Uebelkeit, seltener Ver- 
stopfung oder Diarrhoe, wie sie bei jeder Infektionskrankheit beobachtet 
werden, lässt sich eine für den Scharlach charakteristische Veränderung 
an der Zunge verfolgen. Die anfangs dick belegte Zunge lässt schon 

23* 



356 Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 

nach 1 — 2 Tagen aus ihrem grauweissen Belage stark geschwellte imd 
geröthete Papulae filiformes auftauchen; die Ränder, die Spitze der Zunge 
reinigen sich, es stösst sich der ganze Zungenbelag ab, und es erscheint 
nach dem dritten Tage die charakteristische Himbeer- oder Katzenzunge. 
Die Angina geht Hand in Hand mit dem Fieber, dem Hautexanthem 
allmählich zurück, so dass die typische Eöthung Ende der Woche mit 
den übrigen Krankheitssymptomen geschwunden zu sein pflegt; ebenso 
blasst die rothe Zunge langsam ab ; die Lymphdrüsenschwellung bildet 
sich zurück; der Fieberharn macht einer reichlicheren Entleerung 
helleren, klaren Urins Platz; es stellt sich subjektives "Wohlbefinden, 
Appetit ein. 

Mit Beginn der zweiten Krankheitswoche tritt eine charakteristische 
Desquamation auf. An dem Halse, Nacken, an der Innenfläche der 
Oberschenkel, den Nates, in den Kniekehlen beginnend und am deut- 
lichsten stösst sich die Haut in trockenen kleinen Schuppen und in 
grösseren Blättchen ab; nach kurzer Zeit pflegt sieh auch am übrigen 
Körper, an Fingern und Zehen, den Handtellern und Fusssohlen die 
Haut abzulösen und zwar hier meist in grossen Lamellen, die sich die 
Rekonvalescenten mit Vorliebe abzupfen. Li 5 — 14 Tagen ist auch 
dieser Prozess bei ungestörtem Allgemeinbefinden beendet, und damit 
bei glücklichem Verlauf die ganze Krankheit abgeschlossen. 

Von diesem, sozusagen normalen Verlauf kommen mancherlei A b- 
weichungen vor. Maligner Scharlach pflegt gleich mit den schwersten 
Erscheinungen einer septischen AUgemeininfektiou einzusetzen: Schüttel- 
frost, heftiges Erbrechen, schwere Kon\Tilsionen, hj'perpjTetische Tempe- 
raturen, Sopor, Kollaps, Cyanose, eiskalte Extremitäten, kaum fühl- 
barer, jagender Puls; ihnen kann schon binnen 24 Stunden der Tod 
folgen. In weniger rapid verlaufenden Fällen bleibt das Fieber auf 
beträchtlicher, jeder Therapie spottender Höhe ; das Exanthem ist livide, 
cyanotisch oder liämon-hagisch; unter Delirien, im Sopor, Krämpfen, 
unaufhaltsamer Herzschwäche erfolgt binnen Tagen auch hier meist 
der Tod. 

Im Gegensatz dazu stösst man öfters auf ausserordentlich leichte 
Fälle. So kann das Exanthem nnr sehr flüchtiger Natur sein, es kann 
statt allgemein ausgebreitet zu sein, nur stellenweise auftreten, z. B. die 
Extremitäten freilassen, wohl auch in Form an einander gereihter 
Flecken (Skarlatina variegata) erscheinen. Kleinste, punktförmige 
Ekchymosen, die dann das Exanthem überdauern, können sich aus 
der einfachen Hyperämie hci'ausbilden. 



Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 357 

In besonders milden Fällen besteht das Exanthem manchmal nur 
ganz kurze Zeit, nur Stunden; auch das Fieber kann beinahe ganz 
fehlen, so dass es dem Arzt schwer fällt, die Diagnose den Eltern 
gegenüber aufrecht zu erhalten, unaufmerksamen Eltern die Erkrankung 
ganz entgeht. Dabei ist nicht ausgeschlossen, dass in der Folge viel- 
leicht ein anderes Kind derselben Familie mit starkem Exanthem, 
hohem Fieber sehr schwer erkrankt. Auch kann nach raschem und 
hohem Anstieg das Fieber ebenso rasch wieder abfallen, diesen Sprung 
in der Kurve vielleicht an den folgenden Tagen wiederholen. Aus- 
nahmsweise erhebt sich die Temperatur nicht akut, sondern iai lang- 
samem, sich über 2 und 3 Tage erstreckendem Anstieg auf das Fasti- 
gium; endlich wird ganz regelloser Fieberverlauf beobachtet. Im 
Allgemeinen kann man aber sagen, dass ebenso wie neuer Temperatur- 
anstieg nach dem Fieberabfall bei Masern, so ein länger andauerndes 
oder sich wieder von Neuem erhebendes Fieber auf eine Abnormität 
im Verlauf, eine Komplikation des Scharlachs hinweist. 

Neben Ekchymosen kommt die Bildung kleinster Bläschen (Skarlatina 
miliaris), kleinerer Hämorrhagien, Pusteln, Papeln vor; ob das Exanthem 
ganz fehlen kann (Sk. sine exanthemate) ist fraglich ; oft wird es, beson- 
ders bei flüchtigem Auftreten, übersehen; ja es kann ein tödtlicher Aus- 
gang erfolgen, bevor es überhaupt zum Ausbruch des Exanthems kam. 
Alle anderen Erscheinungen rechnet man besser nicht mehr zu den 
Symptomen, sondern zu den Komplikationen des Scharlachs. Da 
wäre in erster Linie die Steigerung der einfachen Scharlachangina zur 
Scharlaehnekrose (Henoch), der Pharyngitis diphtheroidea zu erwähnen, 
deren Beginn gewöhnlich auf das Ende der ersten Krankheitswoche 
fällt; es bilden sich bei ihr auf der entzündeten Schleimhaut der Ton- 
sillen, dem Velum, der Uvula, der hinteren Rachenwand, grauweisse 
oder graugelbe, schmierige Beläge, die diphtherischen Membranen täu- 
schend ähnlich sehen und anatomisch ähnlich sein können, bei denen 
es sich aber nicht um eine Infektion mit Löffler'schen Diphtherie- 
baciUen, sondern mit Staphylo- und Streptokokken (vielleicht spezifischer 
Art) handelt; der Prozess geht meist mit höherem Fieber, gesteigerten 
Schluckschmerzen und starker Schluckbehinderung einher; er greift 
höchst selten auf Epiglottis und Larynx über, hinterlässt keine Muskel- 
lähmungen. Dagegen ist ein gangränöser Zerfall nicht so ungewöhnlich; 
ferner kann es zu parenchymatöser Eiterung im Gewebe der Mandeln, 
des Eachens kommen. Auch ist es in solchen Fällen ziemlich häufig, 
dass ein solcher Prozess und besonders, wenn er sich durch Gangrän 



358 Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 

als hervorragend infektiös erweist, Veranlassung zu beträchtlichen ent- 
zündlichen Schwellungen des benachbarten Zellgewebes und der Drüsen 
gibt, zu einer bösartigen Form von Lymphadenitis und Phlegmone sub- 
maxillaris. Es kommt dabei manchmal zu kolossalen Drüsenpacketen 
am Halse, selbst zu dem Bilde der hochgefährlichen Cynanche Ludovici, 
in der Folge zu ausgedehnten Eiterungen, Verjauchungen, allgemeiner 
Sepsis. Wandern die Entzündungserreger vom Rachen, Nasenrachenraum 
in die Tube, das Mittelohr, so regen sie dort eine Otitis media purulenta 
an, die sich meist als sehr verderblich erweist, indem sie die Gehör- 
knöchelchen zerstört, auch wohl zu Caries des Felsenbeins, des Pro- 
cessus mastoideus führt, mindestens langdauernde Ohreiterungen mit 
starker Beeinträchtigung oder Verlust des Gehörs mit sich bringt. 

Auf ein nicht bloss örtlich fortschreitendes, sondern im Blut cirku- 
lirendes, wohl spezifisches Virus müssen alle folgenden komplizLrenden 
Affektionen zurückgeführt werden, deren unschuldigste der sogenannte 
Scharlachrheumatismus zu sein pflegt. Er verräth sich durch eine dem 
Gelenkdieumatismus ganz gleiche, meist nur massige, spontane, sowie 
Druck- und Bewegungsschmerzhaftigkeit der kleineren und mittleren 
Gelenke ; dieselbe stellt sich in der Regel gegen Ende der ersten Woche 
ein und 'geht mit geringer Gelenksschwellung und Gelenkentzündung 
einher. Ganz anderer Natur sind die viel selteneren Vereiterungen 
einzelner oder vielfacher Gelenke, die stets auf eine Art von Sepsis 
oder Pyämie hinweisen, vielleicht embolischen Ursprungs, meist auf In- 
fektion mit dem Staphjdokokkus pj'Ogenes zurückzuführen und zu den 
prognostisch ernstesten Scharlachkomplikationen zu rechnen sind. 

Auch an den Respirationsorganen lokalisiren sich nicht selten 
komplizirende Entzündungen, als deren häufigste Pleuritis exsudativa, 
fast stets sogar pm'ulenta, selbst duplex zu nennen ist. Etwas unge- 
wöhnlicher sind Bronchitis unil Bronchopneumonie; ganz ausnahms- 
weise wurden akutes Glottisödeui und Kroup beobachtet. 

Auch das Perikardium und noch häufiger das Endokard betheibgen 
sich an solchen skarlatinösen Entzündungen, am häufigsten bei gleich- 
zeitiger Gelenliaffektion und Nephritis. Peri- und Endokarditis stellen 
sehr bedrohliehe Erkrankimgen dar, die durch Herzlähmung resp. Embolie, 
pyämische Metastasen rasch zu tödten vermögen. 

Purpura als Nachkrankheit ist selten ; ebenso Hautgangrän. 

Am geringsten zeigt sich in der Regel der Digestionsapparat be- 
theiligt ; Obstipation, auch heftigere Diarrhöen sind zwar nicht selten, 
auch Hepatitis mit Icterus kommt vnr; doch pflegen selten schwere 



Akute allgemeine Infektionskranklieiten. 359 

Störungen beobachtet z-u werden. Oefters treten auch auf der Mund- 
schleimhaut pseudodiphtherische Beläge (Stomatitis skaidatinosa) auf, die 
exulceriren und selbst schwere Blutungen hervorrufen können. Die- 
selben Plaques finden sich dann wohl auch auf Vulva und äusserer 
Haut. 

Am Centralnervensystem werden embolische Encephalitis, Meningitis 
beobachtet, imd es kann zu Geistesstörungen, ferner zu Chorea, Tetanie, 
Aphasie, Ataxie im Gefolge des Scharlachs konnnen. Am Auge sah 
man centrale (Hirnödem) Amaurose entstehen, doch nur in Begleitung 
der Nephritis, als urämisches Symptom. 

Seltenere Komplikationen resp. Nachkrankheiten sind tiefe, gan- 
gränöse Ulcerationen der Mundschleimhaut, der Zunge, des Rachens nach 
Art der Nonia, Furunkulose und Gangrän der Haut, selbst ganzer Ex- 
tremitäten, Keratomalacie und Panophthalmitis, Orchitis, Urethritis. 

Ei)ie als sogen, skarlatinöses Nachfieber von Neuem einsetzende 
Temperaturerhöhung lässt sich öfters auf eine anfangs manchmal schwer 
nachweisbare Organerkrankuiig zurückführen (Lymphadenitis , Otitis). 

Wohl die häufigste, und jedenfalls praktisch wichtigste Komplikation 
oder besser Nachkrankheit des Scharlachs ist die Nephritis. Eine 
massige, wohl fälschlicli febril genannte Albuminurie stellen wir oft 
schon in den ersten Tagen des Scharlachs fest; dieselbe wird auf einen 
desquamativen Katarrh bezogen und schwindet meist mit dem Fieber 
und dem Nachlassen der übrigen Sjmiptome. Die echte Scharlachnephritis 
tritt gewöhnlich erst Ende der zweiten, Anfang der dritten Woche in 
die Erscheinung ; ihre Anfänge sind bald ziemlich gelinde, so dass das 
Leiden sogar längere Zeit übersehen werden kanir; in anderen Fällen 
eröffnen von vorneherein schwere Symptome (Urämie) eine gefährliche 
Scene. Die Veränderungen des Urins (Harndrang, Abnahme der Harn- 
menge bis zur Anurie, spärlicher, trüber Urin von hochgestellter Farbe, 
mit Albumen, Cylindern und mehr weniger reichlichem Sediment- und 
Blutgehalt), die Erscheinungen seitens der Verdauungsorgane (Anorexie, 
Dyspepsie, Erbrechen), des Gehirns (Apathie, Schlafsucht, Sopor, Kopf- 
schmerz, Delirien, Amaurose und Aphasie), die Zeichen der Anämie und 
Hydrämie (Oedeme) sind die bekannten. 

Die Scharlachnephritis ist ausgezeichnet durch ihre Neigung, sich 
mit Bronchitis, Lungenödem, Pneumonie zu kompliziren, regelmässig 
starke Oedeme und hych-opische Ergüsse zu machen, leicht zu Urämie 
zu führen ; sie kann binnen Wochen in Heilung enden, aber auch 
Monate und Jahre dauern, das heisst in die chronische Form übergehen. 



360 Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 

Wie der Scharlach nur ausnahmsweise nach längerer Zeit zum 
zweiten, zu wiederholten Malen dasselbe Individuum befallen kann, so 
ist als sehr seltenes Vorkonimniss ein Scharlachrückfall schon nach 
Wochen (in der vierten) beobachtet. 

Endlich kann sich Scharlach mit anderen Infektionskrantheiten 
kombiniren, so mit echter Diphtlierie, Typhus, Morbilli, Varicellen. 

Die Diagnose macht nur selten grössere Schwierigkeiten (echte 
Diphtherie mit septischen Exanthem, Arzneiexanthem). 

Stets ist der Scharlach als eine hochernste Kinderkrankheit auf- 
zufassen, da auch bei scheinbar gutartiger Infektion die schwersten 
Komplikationen und Nachkranklieiten auftreten können, und die Krank- 
heit mit eiiicm Male ganz ihren Cliarakter zu verändern im Stande ist, 
einen ganz unberechenbaren Verlauf nehmen kann. Die Prognose 
richtet sich zum geringeren Theil nach dem Alter, dem Kräftezustand 
des Kindes, in der Hauptsache nach der Schwere der Infektion, der 
Dauer, der Höhe des Fiebers, nach Grad und Ausdehnung der Kom- 
plikationen. Die Mortalität kann ziffernmässig belegt werden ; die 
Statistik lässt aber natürlich für den Ablauf des einzelnen Falles gar 
keine Rückschlüsse zu. 

Die Behandlung ist, da wir kein spezifisches Mittel gegen den 
unbekannten Krankheitskeim kennen oder anerkennen, eine sympto- 
matische. Es kommt alles auf Erhaltung der Widerstandsfähigkeit, 
besonders der Herzkraft an. So müssen alle eingreifenden, schwächen- 
den Massnahmen vermieden werden; dahin rechnet die Fieberbehand- 
lung mit Antipyreticis, mit kalten Bädern. 

Man verbringe den streng isolirten Kranken in ein grosses, luftiges, 
heUes, staubfreies Zimmer, dessen Temperatur 1 4 — 1 5 " R. nicht überschreiten 
darf; dauernde Ventilirung ist von grosser Bedeutung, ebeiiso ein glattes, 
stets reines Lager, Hautpflege, peinliche Reinlichkeit. Um Hypostasen, 
Druck zu vermeiden, sorge man für regelmässigen Lagewechsel, Auf- 
richten beim Trinken. 

Die Ernährung sei dem Fieber entsprechend eine ausschliesslich 
flüssige, vorwiegend Milchkost; daneben versucht man Schleim-, brüh- 
suppen, und vor allem giebt man neben durststillenden Getränken bei 
allen auf schwerere Infektion deutenden Fällen von vorneherein reich- 
lich Alkohol: also Gitronenlimonade oder kohlensaures Wasser mit 
etwas Cognac, Wein mit Wasser, löffelweise Portwein u. dergl. Stellt 
sich Diarrhöe ein, so bevorzugt niiui schleimige Suppen, Breie, Heidel- 



Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 361 

beer-Rothwein, Kakao. Auf regelmässige, fleissige Reinigung von Mund 
und Zunge, Benetzen der Lippen ist zu achten. 

Gegen hohes Fieber gehe man mit kalten Waschungen und lauen 
Bädern (27 — 25") vor; besonders erstere werden bei dem Hitzegefühl, 
dem Juckreiz in der Haut angenehm empfunden, auch letztere meist 
gerne genommen. Ferner wirken kühle Zimmerluft, die Eisblase auf 
den meist schmerzenden Kopf, Eisblase oder Eiskompressen auf das 
in der Regel heftig arbeitende Herz, um den Hals, ebenso die kühle 
Nahrung, die kalten Getränke Temperatur herabsetzend. Hydropathische 
Einpackungen müssen wenigstens anfangs bei den hohen und höchsten 
Temperaturen öfter gewechselt werden, als es sich mit der Rücksicht 
auf die nöthige Ruhe und Schonung des Kranken verträgt. 

Gegen die einzebien Symptome und Komplikationen wird man 
ebenfalls nur in beschränktem Masse vorzugehen vermögen. 

Gegen Gehirnerscheinungen verordne man Eisblase, eventuell 
Chloral. Die Angina, resp. den pseudodiphtlierischen Prozess im 
Pharynx behandele man mit antiseptischen Gurgelungen ; jüngeren Kin- 
dern giebt man Chlorwasser - Lösung innerlich; am besten schmerz- 
lindernd wirken Eispillen, welche die Kinder an Ort und Stelle zer- 
gehen lassen. Aeusserlich applizire man ebenfalls Kälte: Eiskompressen, 
die Eiskravatte, um so eher und energischer, je mehr sich die Lj'mph- 
drüsen, das submaxillare Zellgewebe an der Entzündung betheiligen. 
Damit wird man in leichteren Fällen auskommen. Zeigt der entzünd- 
liche Prozess im Rachen einen schlimmeren Charakter, greift er auf 
die Nase, den Mund über, tritt Gangrän ein, so muss man sich wohl 
auch zu einer energischeren örtlichen Desinfektion entsehliessen , die 
Theile mit Sublimatlösmig, Sol. Ferri sesquichlorati 50 "/o, Solut. alco- 
holica acidi carbolici 5 °/o betupfen; man kann parenchymatöse Injek- 
tionen von 3 "/o Karbollösung machen , ebenso vorsichtige Nasenein- 
giessungen und Pulvereinblasungen (Airol, Natrium sozojodolicum). 
Abscesse, Phlegmonen sind chirurgisch anzugreifen. 

Treten rheumatische Schmerzen und Schwellungen auf, so bewickele 
man die betroffenen Gelenke mit Watte und Wolle und stelle sie ruhig. 

Weisen Fieberanstieg, Ohrschmerz, Schwellung unter und hinter 
dem Ohr, der Spiegelbefund auf ein grösseres Paukenhöhlenexsudat 
hin, so ist die Paracentese indizirt, um weitergehenden Zerstörungen im 
Mittelohr, Facialislähmung, Ostitis des Warzenfortsatzes, Meningitis, 
Sinusthrombose, Encephalitis, wenn möglich, vorzubeugen. Darauf folgt 
die bekannte Lokalbehandlung. 



362 Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 

Die entzündlichen Erkrankungen der Lunge und Pleura sind ent- 
sprechend zu berücksichtigen. 

Regelmässige Ueberwachung erfordert auch <Ias Herz, der Puls. 
Gegen septische Herzschwäche, Kollaps vermögen meist alle Mittel 
(Alkohol, Kaffee, Kampfer, Aether, Strychnin) nichts. 

Stellen sich Diarrhöen ein, welche ein zulässiges Maass über- 
schreiten, so regle man entsprechend die Diät, gebe Kalomel, Wismuth 
imd dergleichen. Bei Obstipation lasse man Klystiere machen. 

Ob eine von Anfang an eingeleitete reine Milchdiät, regelmässige 
laue Bäder, später in der Rekonvalescenz Speckeinreibungen und "warme 
Bäder eine Nephritis postscarlatinosa in der That hintanzuhalten ver- 
mögen, bleibt fraglich. Dagegen ist es gerade mit Rücksicht auf die 
Möglichkeit einer Nieren äff ektion absolut nöthig, noch lange die Kinder 
in gleichmässiger Bettndie und -wärme zu belassen, jede Erkältung, 
stärkere Muskelthätigkeit zu vermeiden. Die Nierenentzündung behandele 
man mit Milch, diuretiscliem "Wasser, Bädern mit Nachschwitzen; über 
das Weitere cf. Nepliritis. 

Nacli Abfall des Fiebers, Schwinden der Krankheitserscheinungen 
lasse man die Kinder noch strenge Bettruhe halten und täglich warm 
baden; die Kost erweitert man allmälilich durch Zusatz von Weissbrot, 
Ei, leichten Fleisclispeisen, Pureekartoffeln, etwas Kompot, selbst leichten 
Gemüsen ; das Hauptgewicht lege man aber noch während der ganzen 
Rekonvalescenz auf Zuführung von recht viel bester, reiner Milch; 
auch erlaube man diuretischo Mineralwässer nach Belieben. Die Des- 
quamation kann man durch Fetteinreibungen unterstützen. Von An- 
beginn an, spätestens vom Ende der ersten Krankheitswoche an beob- 
achte man täglich den Urin, untersuche regelmässig auf Albumen, um 
nicht von einer Nephritis überrascht zu werden. 

Aufstehen lasse man die Rekonvalescenten im Sommer nicht vor 
Mitte der dritten, im Winter erst nach der dritten Woche, entsprechend 
das Zimmer erst in der vierten resp. nach der sechsten bis achten 
Woche verlassen. Eisenpräparate, Leberthran, Lipanin, ein Erholungs- 
aufenthalt in südlichem Klima, in mittlerer Waldeshöhe können sich 
für die definitive Genesung sehr werthvoll erweisen. 

Wohl die leichteste der akuten exanthcmatisehen Krankheiten ist 
die Varicella. Die AViml- oder Wasserpocken shid recht eigentlich eine 
Kinderki'ankheit, da sie bei Erwachsenen fast nie beobachtet werden. 
Die Varicella hat, obwohl ihr Naiiie anzudeuten scheint, sie stelle eine 
milde Abart, die leichteste Form der Variola dar, mit den echten Pocken 



Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 363 

absolut nichts gemein (Impfung, Erkrankung an Variola schützt nicht 
vor Varicella etc.). 

Die Windpocken treten meist in Form kleiner Epidemien auf; 
jedenfalls sind sie hochgradig infektiös. Die Erkrankung gestaltet sich 
derart, dass nach 13 — litägiger Inkubation, nach unbemerkten oder 
felilenden Prodromen unter massigem Fieber, geringen Allgemeinerschein- 
ungen (Unruhe, Juckreiz, leichte Dyspepsie, gestörter Schlaf, Kopf- 
schmerz) unregelmässig vertheilt über die Haut des ganzen Körpers 
kleine rothe Flecke, Koseolen (nicht Papeln oder höchstens ganz dünne) 
auftreten, aus deren Mitte sich sehr rasch rundliche, stecknadelkopf- 
bis linsengrosse Bläschen entwickeln. Der Bläscheninhalt ist anfangs 
wasserklares, dann sich leicht trübendes Serum; ein Theil der Bläschen 
zeigt eine kleine Delle. Das Exanthem schiesst nicht gleichzeitig an 
allen Stellen auf, sondern erscheint meist in deutlichen Schüben, die 
sich nach Stunden oder Tagen folgen. Unterdessen machen die älteren, 
länger bestehenden Efflorescenzen schon einen Rückbildungsprozess 
durch, der in einer Eintrocknung der Bläschen besteht; auch können 
durch mechanische Verletzung einzelne Bläschen platzen, ihren Inhalt 
entleeren und zusammenfallen. So kommt es, dass man in der Regel 
bei dem betroffenen Kinde das Exanthem in allen seinen Stadien zu- 
gleich zu sehen bekommt. Lieblingssitze der Efflorescenzen sind der 
Rumpf, das Gesicht, der behaarte Koi^f; sjiärlicher stellen sie sich auf 
der Haut der Extremitäten ein; in ausgesprochenen Fällen findet man 
sie auch auf der Schleimhaut des Mundes, des Rachens, selbst auf 
Conjunctiva und Vulva. Die Eruption erstreckt sich über ein bis 
höchstens einige Tage ; zur Eintrockiumg bedarf es ebenfalls mehrerer 
Tage, so dass die ganze Krankheitsdauer bis zu einer Woche beträgt. 
Die Abheilung erfolgt nur ganz ausnahmsweise unter geringer Narben- 
bildung. Als Komplikationen wären anzusehen: die Entwickelung eines 
etwas grösseren Ulcus aus einer Schleimhautvesikel im Munde, Pustelbildung, 
Ausartung der Blasen in kleine Abscesse. Erythematöse und furunku- 
löse Entzündung durch Kratzinfektion der Bläschen ist nicht selten. 
Nachkrankheiten sind nicht bekannt mit Ausnahme von Nephritis, die 
sich, wie an jede Infektionskrankheit, so auch in seltenen Fällen nach 
3 — 20 Tagen an Varicella anschliessem kann (Henoch). 

Die Prognose ist demnach im Allgemeinen entschieden gut 
zu stellen. 

Die Behandlung besteht bei Fieber und für kleinere - Kinder 
wenigstens in den ersten Tagen in Bettruhe, leichter Kost. Den Juck- 



364 Akute allgemeine Infektioiiskrankheiten. 

reiz, das Hitzegefühl in der Haut lindern zweckmässig tägliche laue 
Bäder, nach denen man das Abtrocknen durch zartes Abtupfen, nicht 
durch Abreiben bewirkt; die Eintrocknung der Bläschen befördert man 
durch Pudern, die Abstossung der gebildeten Krusten und Borken durch 
Einfetten mit Vaseline etc. und folgende Bäder. Stets wird man wegen 
der Gefahr einer Sekundärinfektion Kratzen zu verhüten suchen und 
auf die Entstehung einer Nephritis achten. Isolirung ist nicht nöthig. 

Die wenigsten Besonderheiten weist im Kindesalter der Typhus 
abdominalis auf; Aetiologie und Pathologie sind genau dieselben, wie 
beim Erwachsenen, nur dass die Symptome im ersten Kindesalter lange 
nicht so charakteristisch auftreten, wie später, jenseits des 6. Jahres, 
sowie dass die typischen anatomischen Veränderungen weniger aus- 
gesprochen sind, selbst fast ganz fehlen können. Was sein Vorkommen 
anlangt, so ist der Kindertypbus nicht so selten, wie früher angenommen 
wurde, wenn er auch im Säugiingsalter nur ausnahmsweise, bis zu fünf 
Jahren noch ziemlieh selten beobachtet wird, Der Beginn und Verlauf 
der Krankheit ist im Allgemeinen ähnlich dem aus der Klinik der Er- 
wachsenen bekannten ; der Anfang ist öfter subakut, schleichend, seltener 
akut, selbst stürmisch. Diarrhöe mit mehr weniger charakteristischen 
Stühlen ist häufiger wie Verstopfung; die entscheidenden ^Merkmale 
bilden auch hier die Fieberkurve, Roseola, Milztumor, Gurren und 
Druckempfindlichkeit des Ileocoecums, dyspeptische Erscheinungen, 
Typhuszunge, Katarrh oder hypostatische Pneumonie; weniger t^-pisch 
sind Cerebralsymptome (Schlafsucht, seltener Erregung, Delirien), Ab- 
magerung, Diazoreaktion, Dikrotie des Pulses. Der Typhus geht meist mit 
einer Verminderung der Leukocyten einher, deren Zahl sich erst in der 
Rekonvalescenz wieder zur Norm erhebt. Ebenso weisen Verminderung 
der Erythrocythen und des Hämoglobin gehalts auf eine schwere Alte- 
ration des Blutes hin. In zweifelhaften Fällen besitzen wir, da die 
Kultur der Typhusbacillen aus den Exkreten zu lange Zeit braucht, 
um grossen diagnostischen Werth zu besitzeii, in der Vidarschen Reaktion 
ein sicheres Erkennungsmerkmal. 

Was dem Typhus des Kindes eigen ist, wäre einmal ein gewöhn- 
lich milderer, gutartigerer Verlauf, eine kürzere Fieberperiode, so dass 
die bekannte Kurve, die Typhusstadien gewissermassen zusammengedrängt 
erscheinen; so beträgt die ganze Krankheitsdauer statt 3 — 4 oft nur 
2 Wochen ; meist fällt die Temperatur sogar schon Ende der zweiten 
Woche lytisch zur Norm herab; in anderen, wenigtn- zahlreiclien Fällen 
dauert die Krankheit liis zu drei Wochen, ausnahmsweise auch länger. 



Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 365 

Doch pflegt das Fieber dieselben hohen Grade zu erreichen, die Kurve 
denselben charakteristischen Anstieg, das Fastigium und den Abfall zu 
geben. Es ginge aber zu weit, den Kindertyphus deshalb nun als eine 
verhältnissmässig ungefährliche Affektioii zu betrachten; denn es fehlt 
nicht an Fällen sehr schweren und tödtlichen Verlaufs. Darmblutungen 
treten, entsprechend den seltener vorkommenden und jedenfalls weniger 
zahlreichen, seichteren luid kleineren Geschwüren, recht selten auf; ebenso 
ist die Darmperforation eine grosse Ausnahme; der beim Erwachsenen 
so sehr gefürchtete Decubitus kommt beim Kinde kaum in Fra^e. 

O 

Wenn auch die Nervensymptome während der Krankheit selber 
weniger schwer und mannigfach zu sein pflegen, wie beim Erwachsenen, 
ja häufig ganz fehlen, so kommen bei Kindern andererseits gewisse 
Cerebralstörungen öfter vor, und zwas bezieht sich dies insbesondere 
auf die Aphasie, die hie und da sich im Stadium intermittens oder 
in der Eekonvalescenz einstellt und 8 — 14 Tage anzudauern pflegt. 
Ferner kommen Tobsuchtsanfälle, sowie auch sogenannte nervöse Formen 
(Baginsky) des Typhus vor, die eine Verwechselung mit Meningitis 
tuberculosa möglich machen können. 

Zu Recidiven neigen Kinder entschieden mehr wie Erwachsene; 
ich zählte deren in einem Falle 3. Lungengangrän, Empyem, Otitis 
media ist nicht so selten nach Typhus beobachtet worden; Peri- und 
Endokarditis, Parotitis, Noma, Larynxulcerationen, Hämatom des Rectus 
abdominis, Synovitis sind dagegen ganz imgewöhnlich. 

Miliartuberkulose kann sehr wohl eine Zeit lang Typhus vor- 
täuschen. 

Von Nachkrankheiten wären Psychosen, Chorea, Aphasie zu 
erwähnen; auch Hydrops (ohne Albumininie), Ascites wurde beobachtet; 
schwere Anämie und Abmagerung ist nichts Ungewöhnliches; Apathie, 
Inanitionsdelirien sind seltene Vorkommnisse. Im Allgemeinen pflegen 
sich aber die Patienten überraschend schnell von ihr Krankheit zu erholen ; 
die enorme Entkräftung, langsame und mühselige Rekonvalescenz, wie 
sie Erwachsene meist durchmachen müssen, wird bei Kindern in der 
Regel vermisst. Häufig konstatirt man ein lebhaftes Längenwachsthum 
während und nach der Krankheit. 

Die Behandlung ist eine diätetische und symptomatische; die 
Bekämpfung des Fiebers darf beim Kinde erfahrungsgemäss nicht, oder 
höchstens bei heranwachsenden, sehr kräftigen Individuen in der Kalt- 
wasserbehandlung bestehen, muss sich vielmehr mit hydropathischen 
Umschlägen und Einpackugen oder lauen Bädern begnügen, die auch 



366 Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 

vollkommen ausreichend die vorzügliche, Herz, Respiration und Appetit 
anregende Wirkung der kalten Bäder erreichen; selbstverständlich ist 
die Sorge für Reinlichkeit und für Desinfektion der Dejektionen und 
Wäsche. Für medicinelle Antipyretica kann ich mich nicht erwärmen. 
Die Nahrung ist eine streng flüssige: Milch, am besten verdünnt, Bouillon, 
Schleim-, Mehlsuppen ; als Nahrungsmittel, wie als Roborans und Analep- 
ticum, in der nöthigen Verdünnung zugleich Durst stillend wirkt der 
Wein, der Alkohol überhaupt; bei der Neigung zu Diarrhoe wird man 
gewöhnlich alten, stark verdünnten Roth wein bevorzugen. Die Sorge 
für kühle Temperatur des Krankenzimmers (14*^ — 13" R.), ausgiebige 
Ventilation, gutes, glattes, nicht zu weiches Lager, sodann Mundpflege, 
tägliche Waschung von Gesicht und Händen, peinliche Säuberung der 
mit den Exkrementen in Berührung kommenden Theile ist ja nicht zu 
vernachlässigen. 

Symptomatisch bekämpft man profuse Diarrhöen mit sclrleimigen 
Dekokten, Wismuth, ganz kleinen Dosen Opium; Cerebralsymjitome 
mit der Eisblase, Chloralhydrat. 

Von Medizinen wird man nur die Salzsäure konsequent während 
der ganzen Krankheit reichen lassen, vielleicht in einem Chinadekokt. 

Den Lungen liomplikationen als Katarrh, Atelektase und Pneumonie, 
beugen reichliche Zufuhr recht reiner, kühler Luft, regelmässiger Lage- 
wechsel, Aufrichten zum Trinken, Anregung tiefer Inspirationen dm'ch 
die kalten Einpackungen, wenji nöthig kalte Begiessungen im lauen 
Bade vor. 

Isolirung des Rulie bedürftigen Kranken, Desinfektion der Wäsche, 
später des Krankenraumes versteht sich von selbst. 

Ungemein vorsichtig verfahre man in der Rekonvalescenz und bei 
der Ueberleitung zur gewöhnlichen Kost. 

Diphtherie. Die Aetiologie der Diphtherie ist seit den ausge- 
zeichneten Untersuchungen Löfflers, deren Richtigkeit von allen Seiten 
bestätigt und ergänzt wurde, so klar gestellt, wie die weniger anderer 
unter den akuten Infektionskrankheiten. 

Der Krankheitserreger, der (Klebs-)Löffler'sche Diphtlieriebacillus, ist 
eiji gewöhnlich leicht gekrümmtes Stäbchen, am Ende meist etwas kolbig 
aufgetrieben, ebenso lang, doppelt so breit wie der Tuberkelbacillus. 

Der Diphtheriebacillus wird in keinem Falle von echter Diphtherie 
vermisst, wenn er sich auch häufig in den ersten Tagen der Erkrankung 
noch iiicht nachweisen lässt und nicht in allen Theilen der Pseudo- 
membranen; er kommt nur bei der echten Diplitherie vor (die nicht so 



Akute allgemeine Infektionskranklieiten. 367 

sehr seltenen Befunde im Munde Gesunder beweisen nichts dagegen) 
und zeigt typische Züchtungsmöglichkeit. Der Löffler'sche Bacillus 
verursacht, sobald er sich an einer Stelle des Körjjers, gewöhnlich im 
Rachen, festgesetzt hat, zunächst meist rein lokale S^'mptome ; er erzeugt 
nach seinem Eindringen, bei seinem Wachsthnm, seiner weiteren Aus- 
breitung die charakteristischen diphtherischen Pseudomembranen. Er 
findet sich so lange, als Beläge vorhanden sind, und auch noch einige 
Tage bis Wochen nach dem Verschwinden derselben in Mund- und 
Racheuhöhle. Während in nicht zu seltenen Fällen seine Thätigkeit 
eine örtlich beschränkte bleibt, Erscheinungen einer Allgemeininfektion, 
Fieber etc., vollkommen fehlen können, treten bei der Mehrzahl der 
Erkrankungen verschieden rasch, manchmal erst nach Wochen, öfters 
gleich nach der Infektion Zeichen ein, welche auf ein Ergriffensein des 
ganzen Körpers, des Blutes, des Centralnervensystems schliessen lassen. 
Da die Bacillen gewöhnlich ^) nicht in Blut und Lymphe eindringen, 
nicht in den Körper verschleppt werden, sich vielmehr nur ganz aus- 
nahmsweise innerhalb der Blutbahn, in inneren Organen, in Exsudaten 
finden, i.st mit Sicherheit anzimehmen, dass es Stoffwechselprodukte des 
Diplitheriebacillus sein müssen, welche resorbirt, toxisch wirken. In 
der That ist dieses Gift isolirt und als ein Toxalbumin noch nicht 
ganz sicherer Zusammensetzung nachgewiesen worden; es wirkt entweder 
sofort, indem es Fieber, Dyspepsie, Konvulsionen oder Sopor, Kollaps, 
Nieren- und Nebennierenerkrankung, Pleuraentzüjadung, Herzmuskel- 
deffeneration erzeua-t, oder es macht wunderbarerweise erst nach Wochen, 
ja Monaten unter Abmagerung des infizirten Individuums Lähmungs- 
erscheinungen und kann selbst dann noch zum Tode führen. 

Neben dem Löffler'schen Bacillus werden bei Diphtheriekranken 
in der Regel noch andere Mikroorganismen gefunden, welche eine be- 
deutsame, wenn auch, stets nur sekundäre Rolle spielen können; die 
vorkommenden Parasiten sind hauptsächlich Streptokokken und Staphylo- 
kokken, auch Pneumokokken; sie dringen in die durch den nekroti- 
sirenden diphtherischen Prozess eröffnete Rachenschleimhaut, die Ton- 
sillen ein, vermehren sich und erzeugen von der Diphtherie unabhängige 
Krankheitserscheinungen, welche das Bild der Diphtherie auf das 
Ernsteste kompliziren können. Im Gegensatz zum Diphtheriebaeillus 
finden sie sich aber nicht bloss örtlich, sondern auch im Blute, in den 



') Die hie und da in inneren Organen gefundenen Bacillen scheinen rasch 
zu Grunde zu gehen und deshalb bedeutungslos zu sein. 



368 Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 

innereil Organen (Herz, Milz, Lungen) und vermögen diphtherieähnliche 
Prozesse, septikämische Erkrankungen, Eiterung herbeizuführen. Diph- 
theriebiicillus und Strepto- und Staphylokokken stören sich in ihrer 
Entwickeluiig gegenseitig nicht, entfalten vielmehr bei ihrem Zusammen- 
wirken erfahrungsgemäss ganz besonders bösartige Eigenschaften. Solche 
Misehinfektionen sind in nahezu der Hälfte der tödtlich verlaufenen 
Fälle nachgewiesen. 

Aufgenommen "wird der Diphtheriebacillus vorwiegend dm-ch direkte 
Uebertragung im menschliehen Verkehr, ausnahmsweise durch Nahmngs- 
mittel (Milch); das Contagium haftet oft hartnäckig an allerhand Gegen- 
ständen, in bestimmten Wohnungen, Häusern, da der Diphtheriebacillus 
sich als sehr widerstandsfähig erweist. Die Diphtherie ist ausserordent- 
lich ansteckend; sie befällt vorwiegend die ersten zehn Lebensjahre, 
ist nur im ersten Lebensjahr, beim Säugling sehr selten, findet sich 
aber bis zm- Pubertät und länger ziemlich häufig; einmaliges Ueber- 
stehen schützt nicht vor wiederholter Erkrankung, scheint vielmehr so- 
gar eine gewisse erhöhte Disposition, wenn auch vielleicht nur für 
leichtere Erkrankungen zu hinterlassen. In grossen Städten pflegt die 
Diphtherie endemisch zu sein und zeitweise, ebenso wie auf dem Lande, 
epidemisch um sich zu greifen. — Ihr anatomisches Lokalprodukt ist 
fibrinöse (exsudative) und echt diphtherische (nekrotisirende) Entzündung, 
— Betroffen werden überwiegend häufig der Rachen, danach Nase, 
Mund, Kehlkopf, Bronchien ; ausnahmsweise siedelt sich die Erkrankung 
primär auch in dem Konjunktivalsack, dem Lar3'nx, den Genitalien, auf 
Wunden an. Ihre Inkubation soll 2 — 7 Tage betragen (an mir selbst 
stellte ich bei direkter Infektion durch aspirirte Membranen mit zweifel- 
loser Sicherheit zweimal eine nur 24 stündige Inkubationsdauer fest). 

Der Kr ankh ei tsverlauf gestaltet sich je nach der Schwere der 
Infektion (Virulenz des Bacillus), nach dem Alter, dem Kräftezustand, 
der Widerstandskraft des betroffenen Kindes, nach der Dauer der 
Krankheit, nach Art und Entwickelung von Komplikationen, endlieh 
nicht zum kleinsten Theil auch nach der eingeschlagenen Therapie, der 
Pflege, die dem Kranken gewidmet wird, sehr verschieden. Die Vii^u- 
lenz des Diphtheriebacillus kann in bedeutendem Umfange schwanken; 
auch kann man ein konstantes Verhältniss zwischen Virulenz und 
klinischem Verlauf der Erkrankung nicht immer nachweisen. Mit 
Schwinden der Kjankheitserscheinungen geht eine Abnahme der Viru- 
lenz keineswegs Hand in Hand. 

Halten wir uns an das klinische Krankheitsbild, so sehen wir in 



Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 369 

leichten Fällen ein bis dahin gesundes und genügend kräftiges Kind 
subakut unter allgemeinen Unwohlseinserscheinungen erkranken. Der 
Appetit ist schlecht oder wechselnd, die Zunge etwas belegt; die Laune 
ist krankhaft gereizt oder deprimirt; das Kind ist müde, unlustig und 
unfähig zur Arbeit und zum Spiel ; es schläft unruhig und mehr wie 
sonst; es besteht leichtes Fieber. Auf den Rachen als Sitz der Affek- 
tion deutet gewöhnlich im Anfang nichts hin; selbst ältere und verständige 
Kinder klagen nicht über den Hals ; oft machen erst sub- und retro- 
maxillare Lymphdrüsenschwellungen die Umgebung auf die Natur des 
Uebels aufmerksam ; dann pflegen auch gewöhnlich Schluckbeschwerden 
bemerkt zu werden. Bei der Untersuchung des Rachens — und diese 
darf bei keinem Kinde, es kann vorliegen, was wolle, versäumt werden 
— findet man neben den Zeichen einer massigen Angina etweder nur 
auf einer oder auf beiden Mandeln oder bereits auch auf der Schleimhaut 
des Rachens, der Uvula, der Gaumenbögen diphtherische Beläge. Die- 
selben sind theils fleck-, punktförmig, so dass sie ungemein an die 
Pfröjife einer Tonsillitis follicularis zu erinnern vermögen, oder aber 
membranartig, unregelmässig begrenzt; ihre Farbe wechselt von einem 
ziemlicli reinen Weiss oder Silbergrau (bei dünner Schicht) bis zu Gelb- 
weiss, Schmutzigweiss, selbst Bräunlich. Die Beläge sitzen der Schleim- 
haut bald ziemlich locker auf (Pseudomembranen), bald haften sie fester, 
infilti-iren förmlich die Unterlage, so dass sie einmal leicht abgehoben, 
ein andermal oder an einer anderen Stelle selbst mit Gewalt nicht ent- 
fernt werden können, wenigstens nicht, ohne dass es zu einer Blutung, 
einem Substanzverlust kommt. 

Behält die Erkrankung ihren gutartigen Charakter, so breiten sich 
diese diphtherischen Beläge nur wenig oder gar nicht aus, können auch 
wohl ganz auf die Tonsillenoberfläche beschränkt bleiben (sog. Mandel- 
diphtherie) ; Zeichen einer nennenswerthen AUgemeininfektion bleilaen 
nach wie vor aus, und die Beläge stossen sich albnählich ab; die Drü- 
sengeschwulst geht zurück, Appetit, normale Stinnnung kehren wieder; 
ebenso unscheinbar, wie die Krankheit gekonnnen, geht sie binnen einer 
Woche in volle Genesung über. Ausnahmsweise kann die Affektion, 
ohne ihre Erscheinungen wesentlich zu ändern, mit grosser Hartnäckig- 
keit viele Tage, selbst Wochen anhalten; nicht zu selten verändert sie 
aber auch ihr anfangs gutartiges Wesen und geht in eine schwere, 
selbst tödtliche Diphtherieform über. Auch ganz leichten Erkrankungen 
können Nachkrankheiten, spez. Lähmungen folgen. Als leicht bezeichnen 
wir die Erkrankung nur so lange, wie die diphtherische Affektion lokali- 
Hauser. Grundriss der Kinderheilkunde, Zweite Auflage. 24 



■ 370 Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 

siit bleibt, keine oder nur geringfügige Erscheinungen einer allgemeinen 
Intoxikation darbietet. 

Die mittel schwere Diphtherie ist vor allem dadurch gekenn- 
zeichnet, dass neben den lokalen Erscheinungen die Symptome der 
diphtherischen Allgemeininfektion auftreten. Sie beginnt in der Eegel 
akut mit hohem Fieber, selbst Schüttelfrost und ausgesprochenem Krank- 
heitsgefühl; die Patienten klagen über Kopfschmerz, meist auch Hals- 
schmerz, sind schlaf süchtig, müde, apathisch, seltener eri'egt, machen 
Alles in Allem einen ernstlich kranken Eindruck. Auch die örtlichen 
Erscheinungen sind gewöhnlich viel ausgesprochener: die Beläge bedecken 
mehr weniger beide Mandeln, breiten sich jedenfalls sehr rasch über den 
ganzen Rachen aus ; die Lymphdrüsen, manchmal auch das ganze Zell- 
gewebe unter den Kiefern winkeln, den Hals hinab sind geschwollen, 
infiltrirt resp. ödeniatös ; frühzeitig verräth schon ein eigenartiger, seröser 
oder serös-schleimiger, röthlich-gelber Ausfluss aus der Nase, der bald 
Rhagaden am Naseneingang, an der Oberlijipe zur Folge hat, dass die 
Entzündung nach dem Nasenrachenraum , der Nase übergegriffen hat. 
Durch Nasenobstruktion, Mandelschwellung, Sekretansammlung wird die 
Athmung behindert; sie erfolgt bei offenem Munde, manchmal unter 
einem gewissen Stertor. 

Die Allgemeinsyptome dauern an oder verstärken sich. Das Fieber 
ist wechselnd, meist von mittlerer Höhe, unregelmässig remittirend. Die 
Athmung ist der Körpertemperatur entsprecliend, der Puls oft unverhältniss- 
mässig stark beschleunigt (120 und mehr); die Pulsspannung lässt bald 
nach. Ganz auffällig leidet in der Regel der Appetit; nicht einmal Durst 
wird bei dem Fieber geäussert; häufig besteht eine geradezu unüberwindliche 
Anorexie, direkter Widerwille gegen Nahrung, der sich aus der Schluck- 
behinderung allein nicht annähernd erklärt. Das AVesen des Kindes 
ist ganz verändert; gewöhnlich besteht Apathie, manchmal förnüiche 
Somnolenz. Die Harnsekretion ist dabei natürlich vermindert; es er- 
scheinen Blut, Albumen, Sedimente von Epithelieii, weissen Blutzellen, 
hyalinen Cylindern im Urin ; der Stuhl ist in der Eegel etwas ange- 
halten, kann aber auch diairhoisch werden. Rasch leidet gewöhnlich 
der Ernährungs- u]id Kräftezustand ; die Kinder verfallen sichtlich 
unter unseren Augen, magern ab, werden schwer anämisch, selbst 
hydrämisch. Nimmt nun die Kranklieit einen glücklichen Verlauf, so 
lassen unter Temperaturabfall, unter Abstossung der tliphfherischen 
Beläge, Schwinden des Nasenausflusses, Zurückgehen der Drüsenschwell- 
ungeii auch die Zeichen des allgemeinen Ergriffenseins langsam nach; 



Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 371 

die Stimmung des Kekonvalescenten wird besser, Spiellaune und Lebens- 
lust kehren zurück, es stellt sich Appetit, Heisshunger ein, und es er- 
folgt ziemlich rasch die Genesung, vorausgesetzt, dass keine Kompli- 
kationen sieh aiischliessen, keine Nachkrankheiten folgen. Diese Fälle 
haben im Allgemeinen eine Dauer von 10 — 14 Tagen, auch länger. 

In schweren Fällen ist der Ausgajig ein anderer; nachdem der 
Zustand unter massig rascher Ausbreitung der Lokalaffcktion, bei mittel- 
schwerer Eetheiligung des Allgemeinbefindens 3 — 5, auch 8 Tage be- 
standen, vielleicht, durch eine gewisse Rückbildung Hoffnung auf Heilung 
gemacht, tritt, oft ziemlich plötzlich, eine wesentliche Verschlechterung ein. 
Dieselbe kann eiimial von dem örtlichen Verhalten der Diphtherie aus- 
gehen ; man sieht entweder langsam, aber unaufhaltsam die Beläge sich 
den Rachen hinab, auf Epiglottis und Larynx ausdehnen; oder aber 
es stellen sich, ohne dass eine Kontinuität zu erkennen wäre, ja hie 
und da, obwohl die Rachenbeläge bereits in voller Abstossung sich 
l)ogriffen zeigten, ganz verschwunden sind, manchmal selbst bei ganz 
geringfügigen Mandel- oder Rachenbelägen die unverkennbaren Sym- 
ptome einer Larynxdiphtherie, eines diphtherischen Kroups ein; die Stimme 
wird rauh, belegt, heiser, aphonisch; es meldet sicli ein trockener, 
dann ein bellender Husten, und auch die Zeichen der Larynxstenose 
lassen dann nicht mehr lange auf sich warten: es treten Suffokations- 
anfälle ein, die zur Vornahme der Tracheotomie zwingen. Aber auch 
dann lässt die Tendenz des Prozesses, den Bronchialbaum liinabzusteigen, 
nicht nach ; unter den Qualen einer Stenose der mittleren und kleinen 
Bi'onchien tritt fast ausnahmslos nach Tagen der Tod ein. Seltener 
macht die Membranbildung nicht zu weit unterlialb des Kehlkopfs 
Halt, die Wuth der Krankheit scheint sich erschöpft zu haben; auf dem 
ganzen, von der Krankheit begangenen Wege stossen sich die mendira- 
nösen Produkte unter sehleimig-eitriger Sekretion, minimaler Blutung ab, 
und es erfolgt, wenn auch langsam, die endgültige Heilung. In anderen 
Fällen treten Blutungen aus Mund und Nase auf, die selbst tödtlich werden 
können. Bei einer zweiten CTruppe von Kranken geht das Verderben nicht 
von dem Lokalprozess, sondern von der Vergiftung des Blutes, des ganzen 
Organismus aus. Das Fieber lässt nicht nach, es erreicht hohe und 
höchste Grade: unter absoluter Nahrungsverweigerung, Apathie, Somno- 
lenz, Galopprhythmus, immer frequenterem, abnehmendem Puls gehen die 
Kinder an Herzschwäche mehr oder weniger rasch, manchmal synkopal zu 
Grunde. Der Eintritt von allerhand Komplikationen, Nephritis, Otitis, 
Pneumonie, Endokarditis kann das Eiule noch beschleunigen. 

24* 



372 Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 

Und doch sind dies noch nicht die schlimmsten Fälle. Die 
schwerste Erkrankung, die septische Diphtherie, liefert ein noch 
grausigeres, trostloseres Krankeitsbild. Manchmal auf Grund einer 
mittelschweren Diphtherie, öfter von vorneherein treten an der ßachen- 
affektion gangränöse Erscheinungen auf; die Beläge sind nicht weiss- 
lich, sondern stellen eine grünliche oder bräunliche oder blutig imbi- 
birte, schwärzliche Masse dar, der ein intensiver Geruch, oft ein geradezu 
asshafter Gestank entströmt; die Drüsenschwellung nimmt beträchtliche 
Ausdehnung an; auch das Nasensekret zeigt jaucliigen Cliarakter; der 
Hals, die Parotisgegend, die Umgebung der Nase und diese selbst, ja 
das ganze Gesicht erscheinen ödematös geschwollen. Die Patienten 
bieten das typisclie Bild der Sepsis: sie liegen schwer anämisch, ver- 
fallen, stumpf, im Sopor da, sind zu keiner Eeaktion, geschweige denn 
zur Nahrungsaufnahme zu bewegen; seltener zeigen sie Jaktation und 
Delirien. Die Herzkraft lässt unheimlich rasch nach; die Extremitäten 
werden kühl, die Lippen und Nägel blau, die Athmung dyspnoisch, der 
Puls immer kleiner, schwächer und frequenter; es wird nur spärlich ein 
stark eiweisshaltiger Urin abgesondert. Es können Hämorrhagien auftreten, 
blutige, stinkende Diarrhoe, Endokarditis, Pneumonie sich einstellen und 
den unabwendbaren Tod beschleunigen. 

Wie schon gesagt, können die leichteren Formen in schwerere 
übergehen, kann eine anseheinend in ihren klinischen Symptomen gut- 
artige Diphtherie rasch tödtlich werden, so dass diese Eintheilung als 
keine scharfe, allgemeingültige anzusehen ist. 

Der Komplikationen hat die Diphtherie ziendich viele. Auf 
der Haut lieobachtet man liie und da Herpes, ausnahmsweise auch echte 
diphtherische Erkrankung und zwar dann nur an vordem bereits ander- 
weitig erkrankten St(dlen (Ekzem, Intertrigo, Wunden); erj'thematöse und 
andere Exantheme sind selten; öfter schon findet man diphtherische 
Vulvovaginitis; ziemlich häufig ist Stomatitis diphtherica. Stets ist der 
Digestionsapparat auch im Ganzen betheiligt; dass regelmässig der Appetit 
auffallend darnieder liegt, wurde sclion betont; hie und da kommt es zu 
Erbrechen; der Stuhl ist öfter obstipirt wie diarrhoisch ; am Munde, dem 
Naseneingang findet man diplitherisch belegte Rhagaden, an der Zunge, der 
Mundschleimhaut pseudomembranöse Einlagerungen ; in seltenen Fällen 
werden sogar Oesophagus und Magenschleimhaut von dem diphtherischen 
ProzepiS ergriffen, Eine Leberanschwellung (Hepatitis';' Stauung?) ist nicht 
gerade häufig; der Milztumor ist der bei allen Infektionskrankheiten 
bekannte. Bei schwerer Diphllierie ist Albuminurie und Nephritis ziem- 



Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 373 

lieh gewöhnlich, Dass die Herzkraft rasch leidet, wurde ebenfalls er- 
wähnt; myokarditische, seltener endokarditische Veränderungen sind eine 
wohl gekannte Folge schwerer diphtherischer Infektion (cf. Nachkrajik- 
heiten). Neben der Nase und dem Kehlkopf, die per continuitatem 
ergriffen werden, betheiligen sich bei etwas längerer Dauer und schwerer 
Infektion auch Lungen und Pleuren ziemlich oft mit Bronchitis capil- 
laris, Bronchopneumonien und Pleuritis. Gelenkaffektionen (S,ynovitis 
simplex und purulenta) sind ungewöhnlich. Am Nervensystem konsta- 
tiren wir depressive, seltener excitative Gehirnsymptome, Prostration; 
Konvulsionen bilden seltene Ausnahmen. Die Lymphdrüsenentzünd- 
ungen wurden erwähnt. Otitis media entsteht durch Eindringen der 
Entzündung in Tube und Paukenhöhle und richtet meist grosse Zer- 
störungen in dieser an. Conjunctivitis diphtherica durch direkte Ueber- 
tragung von Sekret ins Auge oder Ueberwandern der Bacillen aus der 
Nase in den Thränennasenkanal kommt nicht selten zu Stande und 
gefährdet den Bestand der Augen auf das Schwerste. 

Die Nachkrankheiten der Diphtherie sind lange nicht so 
zahlreich, wie etwa die des Scharlach, aber von grösster Bedeutung. Die 
Nephritis postdiphtherica (N. desquamativa, Glomerulonephritis, seltener 
hämorrhagische Nephritis) ist, so häufig Albuminurie im Beginn und 
auf der Höhe der Krankheit gefunden wird, recht selten, Urämie eine 
avis rarissima. Etwas häufiger ist die ganz ominöse diphtherische 
Herzparalyse; dieselbe kann schon während der Blüthe des örtlichen 
Prozesses auftreten, wie überhaupt zu jeder Zeit während und nach der 
Diphtherie; gewöhnlich bildet sie sich aber erst nach Beendigung der 
Krankheit, manchmal erst spät (noch nach zwei Monaten), in voller Rekon- 
valescenz heraus. Ihre pathologisch -anatomische Grundlage ist nicht 
immer akute Herzmuskeldegeneration (Myocarditis interstitialis, noch öfter 
parenchymatosa, fettige Metamorjihose); hie und da findet man das Herz 
makro- und mikroskopisch ziemlieh intakt, so dass man die Herzer- 
scheinungen auf eine toxische Affektion der Herzganglien und des 
Vagus (Neuritis vagi) zurückführen muss. Klinisch kommt sie theils 
ganz akut, ja rapid, synkopal, theils langsamer zum Ausdruck; im 
ersten Fall kann man scheinbar genesende, ja schon wieder gesunde 
Kinder plötzlich zurückfallen, im Kollaps sterben sehen; in anderen 
Fällen Jiimmt langsam, aber unaufhaltsam die Herzkraft ab; der Puls 
wird leicht imregelmässig, frequenter, dabei schwächer, ganz arhythmisch, 
aussetzend, er schwindet vollkonmien; es stellt sich C'yanose, Dyspnoe, 
Erbrechen, Apathie, Kühle der Extremitäten, der Nase und Ohren ein! 



374 Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 

die Herztöne sind dumpf, matt, erfolgen im Galopprhj-thmus; das Herz 
zeigt sich akut düatirt; im Sopor tritt der Tod an Herzlähmung ein. 
Seltener erlahmt das Herz zur Zeit des Auftretens diphtherischer Ent- 
zündung der peripheren Nerven (s. u.) in weniger gefährlicher Weise und 
erholt sich allmählich -wieder. Gewöhnlich ist die Prognose ganz infaust 
zu stellen. Alle Excitantien, Herzmittel erweisen sich machtlos. 

Ungleich gutartiger sind die toxischen Lähmungen, welche sich 
an verschiedenen Muskeln und Muskelgruppen als Nachkrankheit ent- 
wickeln, die diphtherischen Paralysen. Sie kommen ausnahms- 
weise schon frühzeitig, in der Regel erst in der dritten bis vierten 
Woche nach Abheilung des örtlichen Prozesses zur Beobachtung. Die 
häufigste und in der Eegel zuerst auftretende Form ist die der 
halb- oder doppelseitigen Gaumensegellähmung, mit den bekannten 
Symptomen (näselnde Sprache, Verschlucken, Austreten von flüssiger 
Nahmng aus der Nase, Schiefstand oder schlaffes Hängenbleiben des 
weichen Gaumens, der Uvula bei der Intonation). Etwas seltener ist 
Augen-, speziell Okulomotoriuslähmung, gleichzeitig damit oder allein 
für sich Akkomodations- (Giliarnerven)lähmung (speziell beim Lesen be- 
merklich), ausnahmsweise auch Amblyopie. Ferner kann sich eine Stimni- 
bandparalyse, eine Schwäche bis zu vollkommener Lähmung der Extremi- 
täten- und Rückenmuskeln einstellen. Bedenklicherer Art ist eine 
Zwerchfellslähmung, Lähmung der Athemmuskulatur überhaupt. Die 
sensibelen Nerven zeigen sich nur ausnahmsweise ergriffen (Par-, Anä- 
sthesie). Ataxie mit und ohne Parese ist eine häufige Folge. — Vagus- 
lähmung (Erbrechen, Kolik, Herzsymptome, Dyspnoe, Eespirationsstör- 
ung) ist ungewöhnlich. Stets findet man, wie nach Angabe mancher 
Autoren während der Krankheit selber, so aucli zur Zeit diphtherischer 
Paralysen und noch lange nachher den Patellarreflex erloschen. Ent- 
sprechenil ist die faradische und galvanische Erregbarkeit herabgesetzt 
oder fehlt ganz; es tritt Atrophie ein; Entartungsreaktion ist selten. 
Was den Lähmungen anatomisch zu Grunde liegt, ist meistens Poly- 
neuritis, Hyperämie und kapillare BhUungen in ilen Nervenscheiden, 
weniger auch im Rückenmark. 

Die Diagnose der Dijihthcrie kann mit Sicherheit wenigstens 
im Anfang ]uir durcli eine bakteriologische Untersuchung festgestellt 
werden. Dabei genügt die mikroskopische Untersuchung eines dem 
Rachen entnommenen Membranpartikels nicht; zwar färben sich mit 
Methylenblau die echten Bacillen sofort sehr gut; doch vermag volle 
Gewissheit erst das relativ einfache Kultur verfahren zu geben, da der 



Akuto allgemeine Infektionskraiiklieiten. 375 

Diphtheriebacillus nicht, wie z. B. der Tuberkelbacillus, ein spezifisches 

Verhalten gegen den Anilinfarbstoff zeigt. 

Man wäscht das mit einer aseptischen Pinzette gewonnene Theildien des 
diphtherischen Belages einige Minuten in 2''/o Borsäurelösnng, um die im Rachen 
stets vorhandenen andersartigen Mikroorganismen in iln-er Eiitwickelung zu stören, 
und streicht dasselbe in mehreren breiten Reagenzröiiren oder auf Platten mii; 
Löffler'schem Blutserum oder auch Agar-Pleischpepton aus. Im Brutofen bei 
37° C. wachsen binnen 24 Stunden Kulturen aus; in den erstgeimpften Nähr- 
böden finden sich manchmal nur die gewöhnlichen Speichelbakterien und Strepto- 
kokken: daneben oder erst in den letztinfizirten Nährböden wachsen die cha- 
rakteristischen Kulturen des Diphtheriebacillus gewöhnlich ziemlich rein. 

Finden sich die typischen Kulturen des Löffler'schen Bacillus 
nicht, so handelt es sich um eine Kokkeninfektion, die täuschend das 
Bild der Diphtherie bieten, auch sehr ernste Krankheitserscheinungen 
(hohes Fieber, Drüsenabscesse, Otitis, Empyen etc.) machen kann, doch 
in der Regel ohne schwere Bedrohung des Lebens abläuft. Mit dem 
zweifellosen Nachweis, dass die Rachenbeläge den echten Diphtherie- 
bacillus enthalten, ist die Diagnose noch nicht ersehöjift; es ist von 
Wichtigkeit festzustellen, ob sich neben dem spezifischen Krankheits- 
erreger noch andere Mikroorganismen, speziell Staphylo- und Strepto- 
kokken in stärkerer Entwickelung betheiligen; von ihrem Verhalten 
kann der Ki'ankheitsverlauf ausserordentlich beeinflusst, die Prognose 
durch den Nachweis einer solchen Mischinfektion noch mehr getrübt 
werden. Ferner hätte es grossen Werth, zu Anfang und dann wieder 
von Zeit zu Zeit den Grad der Virulenz des Diphtheriebacillus, die 
bekanntlich sehr wechseln kann (Pseudodiphtheriebacillus ?), in dem 
speziellen Falle festzustellen. Zu betonen ist hier freilich, dass die 
bakteriologische Untersuchung nur dann den diagnostischen und damit 
prognostischen Werth hat, den sie beanspruchen kann, wenn sie von 
einem schulgerecht Geübten vorgenommen wird. 

In der Praxis ist nun aber aus inneren und äusseren Gründen 
eine exakte bakteriologische Untersuchung jedes verdächtigen Falles von 
Rachenaffektion nicht wohl durchzuführen, es sei denn, dass gut ein- 
gerichtete bakteriologische Laboratorien dieselbe übernehmen, wozu die 
Grossstadt ja reichlich Gelegenheit bietet. Glücldicherweise lässt sich 
die Diagnose der Diphtherie aber auch rein klinisch mit annähernder 
Sicherheit stellen; im allerersten Anfang freilich kann sie zweifelhaft, 
ja unmöghch sein; es empfiehlt sich deshalb, wenn die gutartige Natur 
der Mandelbeläge nicht absolut fest zu stehen scheint, sich die definitive 
Diagnose auf die nochmalige Besichtigung nach 12 oder 24 Stunden 
vorzubehalten, sich aber bezüglich Isolirung und Therapie genau so zu 
verhalten, als ob es sich um eine echte Diphtherie handele. 



376 Akute allgemeine Infektionskrankheiten, 

Eine jedenfalls sehr benierkenswerthe Thatsaehe ist es, dass das 
Bild der Diphtherie sehr wechselvoll sein kann; nicht allein kann die 
Rachenaffektion bei einer Kokkeninfektion der Mandeln (der Pseudo- 
diphtlierie, Diphthero'id der Franzosen) den Belägen der echten Diph- 
therie sehr ähnlich, ja gleich sein (Membranbildung, Beginn auf der 
Rachenwand), sondern ich habe mich mehrfach überzeugt, dass eine 
echte Löffler'sche Infektion in ihrem Beginn genau wie eine Tonsillitis 
follicularis aussehen kann ; in anderen Fällen entdeckt man bei wieder- 
holter und gründlicher Untersuchimg im Rachen keine Spur von Be- 
lägen, während Nase oder Larynx Sitz der spezifisclien Infektion ge- 
worden sind. 

In der Regel jjflegt sich aber die echte Diphtherie sehr bald schon 
zweifellos kenntlich zu machen, indem ihre Beläge von den Mandeln 
auf Rachenwand, Uvula übergreifen ; der praktisch Erfahrene wird selten 
länger wie 24 Stunden in seiner Diagnose scliwanken und sich bei 
aller und jeder Belagbildung im Rachen sehr vorsichtig äussern und 
verhalten. 

Ist die echte Dijshtherie konstatirt, so wird man ilie Prognose 
nie anders als zweifelhaft, je nach Alter, Konstitution des Kindes mehr 
oder weniger ad malum vergens stellen ; auch der Charakter der etwa 
gerade herrschenden Epidemie ist mit in Rechnung zu ziehen. 

Wesentlich verbessert hat sich die Prognose durch die Ein- 
führung des Heilserumverfahrens, wobei allerdings sehr viel davon 
abhängt, dass dasselbe frühzeitig eingeleitet und richtig durchgeführt 
wird. Zunächst mag man sich auch bezüglich der Prognose an das 
klinische Bild des vorliegenden Falles (lokalisirte Diphtherie, Diph- 
therie mit Allgemeinsymptomen, septische Diphtherie) halten. Jedoch 
kann man nie von vorneherein eine definitive Vorhersage machen, 
wird vielmehr gut thun, sich stets nur von einem Tag für den anderen 
zu äussern ; die Krankheit vermag die allerunliebsamsten Ueberrasch- 
ungen zu machen, kann binnen 24 Stunden und noch rascher völlig 
ihren Charakter ändern; starke Albuminurie, Lungenkomplikationen 
absteigender Kroup, Zeichen von allgemeiner Intoxikation und besonders 
von Nachlassen der Herzkraft machen die Prognose ganz schlecht. 

Die Behandlung der Dijihtherie hätte sich auf Grund theo- 
retischer Erwägungen nach drei Richtungen zu liethätig(Mi. 

Einmal müsste sie versuchen, die eigentliche krankmachende Ur- 
sache, den Diphtheriebaoillus, da wo er sich angesiedelt, zu vernichten, 
selbstverständlich ohne dabei den Organismus zu schädigen; mindestens 



Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 377 

hätte sie den Krankheitserreger in seiner Weiterentwickelunf;' su stören 
und damit die Bildung und Resorption immer neuen Toxins zu verhindern. 
Eine örtliche Beliandlung erschiene aus dem Grunde gerechtfertigt, dass 
der Diphtheriebacillus zunächst und vorwiegend nur an Ort und Stelle, 
wo er in die Schleimhaut eingedrungen, seine verderbliche Wirksamkeit 
entfaltet und sich vermehrt. 

Sodann müsste die Behandlung das bereits gebildete und in Blut, 
Lymphe, die Organe eingedrungene Gift zu paralysiren suchen. 

Gleichzeitig würde eine Desinfektion, eine antiseptische Einwirkung auf 
die durch den nekrotisirenden Entzündungsprozess gesetzten XJlcerationen 
und damit eine Verhinderung sekundärer Infektionen, eine Verhütung 
der Verschleppung von eiterbildenden, septische Organerkrankungen 
hervorrufenden Strepto- und Staphylokokken etc. anzustreben sein. 

Endlieh wäre der Organismus des Kranken durch eine geeignete 
Allgemeinbehandlung, ausreichende Ernähning, durch die Versetzung in 
möglichst günstige Verhältnisse nach Kräften zu unterstützen, in seinem 
Kampfe gegen die Vergiftung zu stärken; auch hätte man die Klagen- und 
Beschwerden des Patienten zu lindern, gegen das eine oder das andere 
hervorstechende Symptom vorzugehen. 

Auch nur einigermassen zuverlässige Mittel, die eingedrungenen 
Krankheitserreger an dem primären Infektionsherd abzu- 
tödten, ohne dabei sonstigen Schaden anzurichten, giebt uns leider 
auch die moderne Wissenschaft nicht an die Hand. 

Zwar unterliegt der Diphtheriebacillus einer energischeren Einwirk- 
ung aller antiseptischen Medikamente mit Sicherheit, von denen am 
wirksamsten sich auch ihm gegenüber die Karbolsäure und die Queck- 
silbersalze und besonders das Sublimat erwiesen haben. Bei der grossen 
Giftigkeit dieser Mittel ist ihre Anwendung aber wesentlich einge- 
schränkt. Auch stösst ihre Applikation an den von dem Diphtherie- 
bacillus befallenen Stellen auf nicht geringe Schwierigkeiten. Man hat 
bei derselben jedenfalls auf alle und jede Massnahmen zu verzichten, 
welche eine wenn auch noch so geringfügige Verletzung der Schleim- 
haut oder der äusseren Bedeckungen herbeiführen könnten, da anderen- 
falls damit den auch nach einer scheinbar gründlichen örtlichen Des- 
infektioji noch genügend zahlreich und entwickelungsfähig verbliebenen 
Bacillen nur frische Lymphwege und Blutgefässe eröffnet werden, auf 
denen sie von Neuem und tiefer einzudringen vermögen. 

Dies ist auch der Grund, warum wir heutzutage jede rein mecha- 
nische Entfernung der Diphtheriebeläge durch Abkratzen u. dergl., die 



378 Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 

früher viel geübt wurde und eine sinnlose Quälerei war, durchaus 
verwerfen. Aus der.'ielben Ueberlegung kann man sich von einer 
Verschorfung der betroffenen Theile mit dem Glühbrenner, einer tief- 
greifenden Verätzung mit Chlorzink, konzentrirter Sublimatlösung, Milch- 
säure ujid dergleichen keinen Erfolg versprechen, wenn ein solcher 
auch von Vielen gesehen sein will; in der Regel belegen sich die ver- 
kohlten Theile oder nach Abstossung des Schorfes die Aetzwunden so- 
fort wieder von Neuem mit Pseudomembranen, in denen man vollviru- 
lente Diphtheriebacillen nachweisen kann. 

Alle che früher viel empfohlenen, örtlich desinfizirenden Mittel, 
deren Zahl Legion ist, auch nur namentlich anzuführen, hat keinen 
Zweck ; sie haben sich sämmtlich als werthlos erwiesen, und ihre oft 
enthusiastische Anpreisung ist theils auf Mangel an Kritik, theils auf 
ihre Anwendung bei Tonsillitis follicularis, Kokkeninfektion oder ganz 
milder Diphtheritis zurückzuführen ; ihre Empfehlung entstammt zumeist 
einer Zeit, da die Diagnose sich noch nicht auf die bakteriologische Kon- 
trole stützen konnte. 

Bei der Prüfung verschiedenster Antiseptica auf ihre Wirksamkeit 
gegenüber Kulturen von Diphtheriebacillen erschienen Löffler als die 
sichersten Mittel vor Allem die Karbolsäure, allein oder in Verbindung 
mit Terpentin und Alkohol und das Quecksilber, besonders das Subli- 
mat; seine Verordnungsformel ist: Acid. carbol. 3,0 — 5,0, Ol. Terebinth. 
rect. 40,0, Alcoh. absol. 60,0 M. D. S. mit Wattebausch auf die be- 
troffenen Stellen leicht anzudrücken und einzureiben ; sodann : Sol. aquos. 
Hydrarg. bichlor. corr, oder Hydrarg. cyan. 1 "joa. Bei nicht zu häu- 
figer Anwendung, wenn besonders bei einer durch die Ausdehnung der 
Beläge bedingten Applikation des Mittels auf grössere resorbirende 
Flächen die nöthige Vorsicht waltet, wird sich eine Intoxikation leicht ver- 
hüten lassen ; natürlich hat man regelmässig auf Karbolreaktion des 
Urins (Liqu. Ferr. sesquichlor.), auf toxische Albuminurie, Erscheinungen 
von Darmkatarrh und Stomatitis zu untersuchen. 

Bereits vor vielen Jahren angewendet und immer wieder empfohlen 
ist der Liqu. Ferri sesquichlorati ; dersellie erwies sich der Karbol- 
säure und den Quecksilbersalzen als gleichwerthig, da er die Löffler- 
schen Bacillen noch in einer Verdünnung von 1 : 5 sofort tödtet; über- 
legen ist er jenen Antisepticis durch seine absolute Ungiftigkeit und 
die Eigenschaft, beim Betupfen etwa entstandene Wunden und Blut- 
ungen sofort unschädlich zu machen. Ich halie nach vieljährigen Ver- 
suchen den Liqu. Ferri sescjuiclilorati als ein wirksames, als das in 



Akute allgemeine Tiifcktionski-ankheitcn. 379 

seiner Applikation am wenigsten unangenehme und als ein ganz unschäd- 
liches Mittel erkannt, so dass mir seine Anwendung in geeigneten Fällen 
auch in der Zeit der Serumbehandlung noch wohl gerechtfertigt erscheint. 

Andere empfehlen wieder das Chinolin, das mit dem Liqu. Ferri 
sesquichlorati den Vorzug theilt, die gesunde Schleimhaut so gut wie gar 
nicht zu aft'iciren und ungiftig zusein, ferner die Essigsäure (5 — lO^'/o), 
die Salzsäure (10°/o). Ueber den Erfolg von Jodoforminsufflationen 
(auch Zucker?), die den Vortheil eines sehr schonenden Verfahrens 
haben, liegen zuverlässige Beobachtungen nicht vor. 

Was die Art und Weise der Anwendung der örtlichen Mittel an- 
betrifft, so ziehe ich dem Betupfen und Andrücken mit Wattebäuschen 
das Bepinseln als das schonendere und dabei nicht w^eniger wirksame 
Mittel vor; da durch den reflektorischen Würgeakt Tonsillen und 
Rachenwände fest an den feuchten Pinsel angedrückt zu werden pflegen, 
so scheint es mir vollkommen ausreichend zu wirken. Um den Kindern 
jede unnöthige Belästigung zu ersparen und das Erbrechen sowohl von 
Sjaeisen, als der Pinselflüssigkeit zu vermeiden, unterlasse man alles 
Umherwischen, halte vielmehr den Pinsel ruhig angedrückt an die er- 
krankten Stellen, wiederhole lieber, wenn sie niclit sämmtlich gleich- 
zeitig erreicht wenlen können, die Pinselung gleich noch 1 — 2 mal. 
Immer überzeuge man sich, dass auch nicht das kleinste Theilchen des 
Krankheitsherdes, besonders nicht tief unten nach der Epiglottis zu 
und in den Nischen der Tonsillen, hinter denselben, ev. auch im Munde 
sitzende Beläge von der Flüssigkeit unerreicht blieben ; am deutlichsten 
lässt sich dies bei dem Liqu. Ferri sesquichlorati durch die eintretende 
Schwarz- oder Braunfärbung der Membranen eYkenneii. Man vermeide 
peinlich jede Verletzung der Rachenschleimhaut und Tonsillen; nur 
wenn es die äusseren Verhältnisse gebieten, überlasse man die Lokal- 
behandlung technisch geschickter Assistenz, einer Pflegerin ; das einzig 
Richtige ist es, das Pinseln keinenfalls von den Angehörigen vornehmen 
zu lassen, da Alles auf seine gute und schonende Ausführung ankommt. 
Nur bei sehr widerspänstigen Kindern, bei unmässiger Unruhe und 
Aufgeregtheit wird man gut thun, von einer örtlichen Rachenbehand- 
lung Abstand zu nehmen. Wie oft die Pinselungen vorzunehmen 
sind, hängt von dem Grade und der Ausdehnung des Lokalprozesses 
ab; im Anfang wird man besonders energisch vorgehen müssen, 
d. h. etwa 2 — 4-, sjjäter 8-stündlich pinseln; da Fieber und Allgemein- 
erscheinungen gar kein sicheres Kriterium dafür abgeben, ob noch viru- 
lente Bacillen vorhanden sind, ob nicht nach beginnender Abstossung 



380 Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 

oder Stehenbleiben der Belüge plötzlich ein erneutes Waohsthum der 
Mikroorganismen, neue Produktion von Toxinen stattfindet, darf man 
mit der örtlichen Behandlung nicht eher aufhören, als bis alle Mem- 
branen völlig geschwunden, die Ulcerationen verheilt sind. 

Die Vorsicht erfordert es, um dem Arzte eine Infektion zu ersparen, 
einer Verschleppung des Infektionsstoffes vorzubeugen, dass Arzt wie 
Pfleger nur in besonderen Leinwand- oder Gummischürzen, besser -An- 
zügen das Krankenzimmer betreten, sich bei der Pinselung einer Schutz- 
brille bedienen und sich vor dem Weggang sorgfältig desinfiziren (auch 
Haare und Bart). 

Was die Kesultate der Pinselungen anlangt, so sind solche nur 
dann zu erwarten, wenn der örtliche Prozess möglichst frühzeitig in 
Angriff genommen wurde, bevor er eine grosse Ausbreitung erlangt, 
septische Allgemeinerscheinuugen verursacht hat, jedenfalls nur dann, 
wenn er durch das Mittel noch überall mit Sicherheit erreichbar ist, 
Haben sich die Beläge erst über den ganzen Pharj'nx, in alle Nischen 
und Taschen der Tonsillen, in die Nase, tief hinab neben den Zungen- 
grund, auf die Epiglottis, in den Kehlkopf verbreitet, so nimmt man 
besser von jeder örtlichen Beeinflussung Abstand, desgleichen wenn 
bereits eine deletäre Wirkung der Toxine auf Herz und Centralnerven- 
sj'stem erkennbar ist. 

Weniger intensiv wie die Pinselung oder Einreibung dieser Mittel 
wirkt ihre Verwendung in Gurgelwässern und in Form der Inhalation. 
Sie dienen in erster Linie der Reinigung, nur in beschränkterem Maasse 
der Desinfektion von Mund- und Rachenhöhle, da sie ja nur ober- 
flächlich und nur kurze Zeit einwirken. Die Karbolsäure und Queck- 
silberpräparate sind, letztere nur in starker Verdünnung, stets erst dann 
erlaubt, wenn man sich durch ein Probegurgeln mit Wasser überzeugt 
hat, dass das Kind dabei nicht nennenswerthe Mengen verschluckt. 
Auf Vergiftungssymptome ist dabei besonders sorgfältig zu achten. 
Nicht angewendet werden können aUe Gargarismen bei Kindern unter 
4 — 6 Jahren, die nicht zu gurgeln verstehen. Man verwendet 2— S'^'o 
Karbollösungcn (Ac. carbol. ;-?,0, Alcohol. absol. 30,0, Aciu. dest. 70,0), 
das Quecksilber am besten nur in Gestalt des weniger gefährlichen 
Hydrargyrum cyanatum 0,1 : 1000,0 bis 0,1 : 500,0. — Aqua calcis und 
Sol. Kali chlorici, Acidi boiici haben nur als Reinigungsmittel einen 
gewissen AVerth ; antibakteriellen Eintlusä dürften sie kaum geltend machen. 
Die Gurgelun^en wären anfang.s halbstündlich, bei Abnahme der Beläge 
noch ein- bis zweistündlich vorzimehmen und selbst dann noch fortzu- 



Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 381 

setzen, wenn alle sichtbaren diphtherischen Herde aus Mund und Rachen 
verschwunden sind, da nachgewiesener Maassen sich die Löfflerschen 
Bacillen noch viele Tage, ja Wochen vorfinden. Bei Kindern, die nicht 
gurgeln, versuche man keine Nasen- und Rachenhöhlenausspi'itzungen ; 
dieselben sind wenig wirksam, regen die Kinder sehr auf und haben 
die Gefahr einer Verschleppung von Krankheitsprodukten in das Mittel- 
ohr im Gefolge. 

Alle die angeführten Maassnahmen genügen zugleich der dritten 
Indikation, einer gleichzeitigen oder sekundären Infektion mit Staphylo- und 
Streptokokken entgegenzuarbeiten ; vergleichende Versuche bei der reinen 
Kokkeninfektion der sog. Scharlachdiphtherie haben die Karbolsäure als 
das wirksamste Antiseptikum erwiesen. Gegen die septische Infektion 
des Blutes, die metastatischen, pyämischen Erkrankungen der Organe 
im Verlaufe einer solchen Sekundär- oder Mischinfektion sind innere 
Mittel ebenso ohnmächtig, wie gegen die Vergiftung mit Diphtherie- 
toxin. 

Von der Verabreichung innerer Mittel kann man sich nichts 
versprechen, da sie gegen die Toxine ebenso wirkungslos sind, als sie gegen- 
über den nur örtlich und nur in den oberflächlichen Schleimhautsehichten, 
in den Membranen sich aufhaltenden Diphtheriebacillen miangebracht er- 
scheinen. Obwohl sich noch keines der unzähligen Mittel auch nur an- 
nähernd bewährt hat, wurden sie immer wieder von Neuem empfohlen; so 
das Kali chloricum, welches in den Speichel übergehend, dauernd örtlich 
einwirken soll; in kleinen Dosen ist es ganz unwirksam, in grossen gefähr- 
lich. Etwas besser begründet ist durch die Löffler'schen Untersuchungen 
das Hydrargyrum cyanatum (0,02 : 200,0, stündlich, halb-, selbst viertel- 
stündlich 1 Tlieelöffel, je nach dem Alter); seiner Empfehlung als eines 
Specificums hat es sich nicht würdig erwiesen, zumal es toxisch wirken kann. 
Ueberhaupt Verstössen die genannten Mittel gegen die erste Forderung 
der Diphtheriebehandlung, alles zu vermeiden, was irgend den Organis- 
mus schwächen, schädigen könnte. Von <lem Terpentin innerlich habe 
ich nie etwas gesehen ; es ist sehr widerlich zu nehmen und schon 
wegen der Gefahr einer Nierenreizung zu verwerfen. 

Bevor mit der Einführung der Serumbehandlung die neue und 
glücklichere Aera der Diphtherietherapie begann, A\aren die bis jetzt 
genannten, örtlichen Massnahmen so ziemlich das Einzige, jedenfalls 
Wesentlichste, was wir gegenüber der furchtbaren Krankheit unter- 
nehmen konnten. Sie zeitigten auch zweifellos in allen leichteren, auf 
die örtliche Infektion beschränkten Erkrankungen meist günstige Erfolge. 



3S2 Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 

Aber auch nach der Eiiit'ührun^' dei- Serumtherapie möchte ich ratlien, 
nicht ganz auf die örtliche Mitwirkunn' dieser Mittel zu verzichten. 

Bekanntlich lieeinflusst das Diphtherieheilserum in keiner Weise 
den Krankheitserref;'er als solchen ; es ist kein Abtödtungsmittel für 
den Diphtheriebacillus, lüsst ihn vielmehr ganz ungestört an Ort und 
Stelle weiter sich entwickeln. Für gewöhnlich ist eine örtliche Ver- 
nichtung des Diphtheriebacillus jiacli allcji den tausendfältig mit dem 
Heilserum gemachten Erfahrungen ja auch gar nicht nöthig, jedenfalls 
nicht dringlich. Die Krankheit erschöpft mit der Zeit ihre Kraft. 

Aber andererseits erzeugt doch zweifellos der Diphtheriebacillus 
von der Stelle seiner Ansiedelung aus, wo er einen geeigneten Ruhe- 
boden fand, fortwährend neues Toxin, das in das Blut aufgenommen, 
zu seiner Paralysirung Antitoxine verlangt. Und da dürfte es doch 
meist schwer fallen, die Grenze kennen zu lernen, bis zu welcher die 
Schutzkörper ausreichen, ihre entgiftende "Wirkung zu üben, es mit 
Sicherheit auszuschliessen, dass nicht ein Pujikt erreicht wird, wo das 
Toxin das Antitoxin überragt an Menge und Wirksamkeit und trotz 
Impfung wieder seine gefährliche Wirkung entfaltet. 

Sodann darf man auch bei anscheinend reiner Diphtherie nie ver- 
gessen, dass die Ansiedelung des Löffler'schen Bacillus der Sekundär- 
infektion die Thüre öffnet, dass es sich gewöhnlich um jNIischinfektionen 
handelt. Und schon um diesen zu begegnen, halte ich es desshalb 
selbst im Zeitalter der Serumbehandlung nicht für richtig, auch diesen 
ersten Punkt, an dem die Behandlung einsetzeji kann, ganz zu vernach- 
lässigen. 

EndlicJi wird durch eine Vernichtung der in der ]\[und- und Rachen- 
höhle frei sich aufhaltenden Infektionsträger zweifellos der Weiterver- 
breitung der Krankheit vorgebeugt. 

Bei Kindern unter 4 Jahren, die meist gar nicht gurgeln können, 
auch bei etwas älteren Kindern, welche dies wenigstens noch nicht gründ- 
lich verstehen, ist die iimerliche Darreichung einer örtlich antiseptisch 
wirkenden Arznei angebracht. Ich verschreibe meist Chlorwasser (cf. 
Angina). Wofern es sich um einigerraassen verständige, ruhige Kinder 
handelt, kann man auch heutzutage noch sehr wohl an eine vorsichtige, 
schonende Pinselung, 1 — 3 mal täglich vorgenommen, denken. 

Aeltere Kinder lässt man — selbstverständlich unter sorgsamer 
Kontrolle auf Intoxikationserscheinungen — gurgeln. Da Kinder Queck- 
silberpräparate meist viel besser vertragen wie Erwachsene, verwende 
ich mit Vorliebe Sol. Plydargyri bichlorati corrosivi oder die des milderen 



Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 383 

Hydrargyri cyanati 1 : 5000,0; speziell gegen die sekundären Infektions- 
erreger wirksam und dabei verhältnissmässig ungefährlich ist die l^'o 
Karbolsäurelösung. 

Der Punkt, in dem unsere Diphtheriebehandlung gründlich und denk- 
barst erfolgreich umgestaltet ist, betrifft die Abstumpfung oder Abtödt- 
ung des von dem Diphtheriebacillus gebildeten, resorbirten 
und den ganzen Organismus vergiftenden Diphtherietoxins. 
Sie datirt von der glücklichen Entdeckung des Diphtherieheil- 
serums und basirt auf der Erkenntniss Behrings, dass in dem Blute 
von mit Diphtherietoxin vergifteten Thiereii, Gegengifte gebildet werden, 
welche einem an Diphtherie erkrankten Menschen eingeimpft, denselben 
heilen, indem sie theils das Diphtherietoxin direkt paralysiren, Iheils 
den Köper selber zur Bildung solcher Schutzkörper anregen. 

Das Diphtherieheilserum wird in Staats- (das Behring'sche nur dort) 
und Privatanstalten aus Pferden gewonnen, welche mit steigenden 
Dosen von Diphtherietoxin geimpft, in ihrem Blut immer grössere 
Mengen von Schutzstoffen ansammeln, welche theils in flüssiger, theils 
in fester Form aus dem Blutserum im Grossen hergestellt werden. 

Die Werthbemessung der in einem solchen Serum enthaltenen 
Menge von Antitoxin erfolgt an der Hand einer willkürlich gewählten 
Skala, nach welcher als Normalserum ein solches Serum angenommen 
wird, von dem eine gewisse Menge, nämlich 0,1 com genügt, um 0,0ß ccm 
eines bestimmten sog. Normalgiftes (an einem Meerschweinchen von 300 g 
ge])vü.it) unschädlich zu machen. Diese Menge von 0,1 ccm Normal- 
serum gilt als Antitoxineinheit. Die im Handel vorkommenden Sorten 
von flüssigem Diphtherieheilserum enthalten meist die 250 fache entgif- 
tende Wirkung des Normalserums. Die Flasche I enthält 600, che 
Flasche H 1000, die Flasche III 1500 Antitoxineinheiten (A. E.). 

Welche Dose man nun im speziellen Krankheitsfalle anwendet, 
hat sich lediglieh aus der Erfahrung ergeben. Im Allgemeinen wird 
man bei jüngeren Kindern, bei anscheinend (nach den klinischen Sym- 
ptomen beurtheilt) leichterer Erkrankung, sowie im ersten Beginn der 
Diphtherie kleinere Dosen (No. I), bei älteren Kindern, besonders aber 
bei schon länger dauernder Erkrankung (nach dem 2., 3. Tag) und 
schwerer Diphtlierieform die stärkere und stärkste Dose anwenden. 

Der Erfolg der Heilserumimpfung giebt sich in der Regel schon 
bald, nach 2— 3 mal 24 Stunden, und zwar nicht nur in der günstigen 
Beeinflussung des Allgemeinbefindens, sondern auch in dem Aussehen 
des örtlichen Prozesses kund. 



384 Akute allgemeine Infektionskrankheiten. 

Als einen der einleuchtendsten Beweise für die Wirksamkeit des 
Heilserums möchte ich es ansehen, dass nicht nur nach seiner Anw